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WallensteinEin dramatisches Gedicht. Die erste Anregung zu diesem durch und durch deutschen und in seiner Art einzigen Erzeugniß unserer poetischen Literatur reicht bis in das Jahr 1786 hinauf, wo Sch. sich in Dresden mit dem Studium der Quellen zu seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges beschäftigte. Es waren Khevenhiller’s Annalen der Regierung Kaiser Ferdinand’s II. und das Theatrum europaeum . Die nächste Frucht dieses Studiums war eine unausgeführt gebliebene Idee. Er wollte Gustav Adolph zum Helden eines epischen Gedichts wählen, in welchem die ganze Geschichte der Menschheit sich wiederspiegeln sollte. Bald aber wuchs sein Interesse an dem Gegenstande dergestalt, daß er zugleich Stoff für eine dramatische Arbeit darin zu finden glaubte. Indessen schob er diesen Gedanken vorläufig noch hinaus, da er sich der Mängel seiner Jugenddramen wohl bewußt und höchstens mit seinem Don Carlos zufrieden war. Um dem Mittelpunkte des poetischen Lebens näher zu sein, siedelte Sch. i. J. 1787 nach Weimar über, wo er sich jedoch vorzugsweise mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, besonders mit dem Studium der alten Klassiker, Homer, Virgil, Sophokles, Euripides, wozu ihm der Weg, den seine Jugendbildung genommen, keine Gelegenheit gegeben hatte. Außer diesen Studien wurde er seit dem Jahre 1785 auch durch sein neugewonnenes Amt von poetischen Arbeiten abgezogen, es war die Professur der Philosophie an der Universität Jena, die ihn zugleich nöthigte, seinen Wohnsitz abermals zu wechseln. Bald aber bekam er wieder Zuversicht zu der Gunst der Musen und Muth, irgend einen poetischen Plan auszuführen. Er zog deshalb seine Freunde zu Rathe, zunächst Dalberg, der indessen ausweichend antwortete und ihm rieth, sich selber zu fragen, wie er der Menschheit am nützlichsten werden könne, gleichwohl aber ihn auf das Drama verwies. Auch Wieland stimmte dieser Meinung bei, und Joh. Müller äußerte um dieselbe Zeit, wenn irgend einer, so sei Sch. berufen, Deutschlands Shakespeare zu werden. Da sollte eine lebensgefährliche Brustkrankheit Veranlassung geben, ihn mit dem Schauplatz seiner nächsten poetischen Arbeit bekannt zu machen. Eine Reise nach Karlsbad, die er i. J. 1791 unternahm, gewährte ihm einen Blick in das böhmische Land; zu Eger sah er Wallensteins Bildniß und das Haus, in welchem derselbe ermordet worden war; und in Karlsbad selbst trat er in näheren Verkehr mit mehreren bedeutenden östreichischen Officieren. Er ließ also nichts außer Acht, was die Arbeit fördern konnte, die er damals unter den Händen hatte. Diese aber war keine andere als die Geschichte des dreißigjährigen Krieges in Göschen’s historischen Kalender für Damen, welche ihn von der zweiten Hälfte des Jahres 1790 bis zum September 1792 fast ausschließlich in Anspruch nahm. War Sch. durch seinen Don Carlos angeregt worden, seine i. J. 1788 erschienene Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande zu schreiben; so brachte jetzt umgekehrt die Bearbeitung der Geschichte des dreißigjährigen Krieges seinen längst gefaßten Plan zur Reife, Wallenstein zum Helden eines Trauerspiels zu machen. Wie lebhaft ihn dieser Gedanke beschäftigte, leuchtet aus der historischen Arbeit selbst heraus, die besonders in dem vierten Buche (S. 354-415) weit mehr mit dem Griffel des Dramatikers als mit dem des Historikers geschrieben ist. Was Sch. an seinem neuen Stoffe besonders zusagte, war die Aussicht, daß er hier keine subjective Idee hineinzutragen brauchte; der objective Gehalt des Unternehmens seines Helden hatte an sich schon etwas Tragisches. Die furchtbare Freiheit, die in seine Hand gelegt war, die Kühnheit, mit welcher er sie mißbrauchte, die ehrwürdigen Institutionen, die der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Plane entgegenstanden, und endlich der erschütternde Ausgang seines verbrecherischen Unternehmens – das alles waren Momente, die einen Geist wie Schiller’s zur Darstellung mächtig reizen mußten. G. Schwab, welcher Sch.’s Briefwechsel aus dieser Zeit sehr ausführlich mittheilt, so daß man eine klare Anschauung von dem Verfahren erhält, mit dem unser Dichter bei seinem künstlerischen Schaffen zu Werke zu gehen pflegte, berichtet, daß die erste Anlage zum Wallenstein bereits 1793 von ihm mit nach Schwaben genommen, und ein Anfang der Tragödie im Frühjahr 1794 mit nach Jena zurückgebracht wurde. Aber einerseits war es seine lebhafte Beschäftigung mit der Kantischen Philosophie, andererseits verschiedene wissenschaftliche und ästhetische Arbeiten, die seine ganze Kraft in Anspruch nahmen. Und wenn der Stoff seit jener Zeit auch nie ganz in seiner Seele ruhte, so rückte bei der großen Mühe, mit welcher das Detail für sein Trauerspiel zusammenzubringen war, die Gestaltung des Planes doch nur langsam vorwärts. Außerdem aber hatte sich sein Interesse bereits einem neuen Gegenstande, den Maltesern (s. d.), zugewendet, so daß er i. J. 1795 noch vollständig zweifelhaft war, ob er diese oder den Wallenstein vornehmen sollte. Erst das Jahr 1796, seit welchem Sch. zu Goethe in ein innigeres Verhältniß trat, sollte die Entscheidung bringen. Am 18. März schreibt er ihm: „Ich habe an meinen Wallenstein gedacht, sonst aber nichts gearbeitet. Die Zurüstungen zu einem so verwickelten Ganzen, wie ein Drama, setzen das Gemüth doch in eine gar sonderbare Bewegung. Schon die allererste Operation, eine gewisse Methode für das Geschäft zu suchen, um nicht zwecklos herumzutappen, ist keine Kleinigkeit. Jetzt bin ich erst an dem Knochengebäude, und ich finde, daß von diesem, wie in der menschlichen Structur, auch in der dramatischen Alles abhängt. Ich möchte wissen, wie Sie in solchen Fällen zu Werke gegangen sind. Bei mir ist die Empfindung anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemüthsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.“ Noch einmal zwangen ihn wiederholte körperliche Leiden, so wie die Herausgabe der Horen (s. d.) und des Musenalmanachs (vergl. Xenien) für das nächste Jahr, den entworfenen Plan zurückzulegen; als die lästigen Redactionsgeschäfte aber beendet waren, kam ihm eine neue Ermunterung durch Goethe. „Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien, so schrieb ihm dieser, müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur zu Beschämung aller Gegner in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln.“ Sch., den jetzt nach neuer Thätigkeit dürstete, machte sich nun mit vollem Ernste seine dramatischen Pflichten klar, studirte einige Stücke von Sophokles und Shakespeare und schloß sich immer inniger an Goethe an. Als er aber im November daran ging, das bereits gesammelte Material durch das Studium neuer Quellen zu ergänzen und zu berichtigen, fand er den Stoff durchaus widerspenstig und klagte seinem Freunde Körner, daß sein Stück formlos und endlos vor ihm daliege. „Je mehr ich meine Ideen über die Form des Werks rectificire, so schreibt er, desto ungeheurer erscheint mit die Masse, die zu beherrschen ist, und wahrlich, ohne einen gewissen kühnen Glauben an mich selbst würde ich schwerlich fortfahren können.“ Außerdem klagt er darüber daß es ihm schwer werde, einen so fremden Gegenstand, als ihm die lebendige und besonders die politische Welt sei, zu ergreifen. Dennoch konnte er schon am 18. November schreiben: „Es will mir ganz gut gelingen, meinen Stoff außer mir zu halten und nur den Gegenstand zu geben. Beinahe möchte ich sagen, das Sujet interessirt mich gar nicht, und ich habe nie eine solche Kälte für meinen Gegenstand mit einer solchen Wärme für die Arbeit in mir vereinigt.“ So konnte er denn, umsomehr als die Zeit der wissenschaftlichen Selbstverständigung für ihn vorüber war, mit dem December die Arbeit an der großen Tragödie beginnen, indem er einzelne Scenen der Exposition (d. h. der Piccolomini) ausführte, nach Humboldt’s Rath und „eigener reifer Ueberlegung“ jedoch in Prosa, die ihm vorläufig dem Stoff am meisten zuzusagen schien. Das Jahr 1797 war in seinen ersten Monaten dem Fortgange der Arbeit wenig günstig; wiederholte Krankheitsfälle und sein lebendiges Interesse für die Balladendichtung nahmen ihn vorwiegend in Anspruch. Indessen verlor er seinen Wallenstein darüber keinesweges aus den Augen; denn bereits am 4. April hat er ein „detaillirtes Scenarium“ entworfen, um sich die Uebersicht der verschiedenen Momente und des Zusammenhangs gleichsam mechanisch vor Augen zu stellen. Außerdem macht er verschiedene kabbalistische und astrologische Studien, bei denen, wie Palleske berichtet, Körner helfen mußte, der ihm Auszüge aus einigen Scharteken der Dresdener Bibliothek besorgte. Und wenn er aus solchen Quellen auch kein ernstliches Interesse für die „astrologische Fratze“ gewinnen konnte, so war er dennoch nicht ohne Hoffnung, auch diesem Stoffe eine gewisse dichterische Würde zu geben. Auf Goethe’s Veranlassung studirte er nun auch zum ersten Male die Poetik des Aristoteles, den er als „einen wahren Höllenrichter für Alle bezeichnet, die entweder an der äußeren Form sklavisch hängen, oder die über alle Form sich hinwegsetzen.“ – Mit dem Monat Mai bezog Sch. sein Gartenhaus bei Jena, wo er die erste Bearbeitung des Lagers vornahm, das dem Stücke als Prolog voraufgeschickt werden sollte. Doch bald wurde seine Thätigkeit durch die Sorge für die Horen und den Musenalmanach des nächsten Jahres unterbrochen. Erst am 2. October war er hiermit fertig und konnte sich nun seinem Drama wieder zuwenden, das er jedoch unvollendet in die Stadt nehmen mußte. Da das Lager in Versen abgefaßt war, so durfte natürlich das Stück selbst der metrischen Form nicht entbehren; deshalb arbeitete er im November die fertigen Scenen in Jamben um, was ihm rasch von der Hand ging. Aber freilich dehnte sich die Arbeit dadurch so in die Breite, daß er erste Act allein den Umfang von drei Acten der Goethe’schen Iphigenie bekam. Jetzt wurde es ihm klar, daß es unmöglich sei, die ganze masse des gewaltigen Stoffes in den engen Rahmen einer einzigen Tragödie einzuschließen, und auch Goethe rieth ihm am 2. December, lieber einen Cyclus von Stücken aufzustellen. So konnte Sch. das Jahr 1798 mit den besten Hoffnungen beginnen, denn nicht nur sein Gesundheitszustand hatte sich bedeutend gebessert, sondern es gingen auch schon Anfragen nach dem neuen Stück von verschiedenen Theatern ein, so daß er mit Berlin, Hamburg und Frankfurt in Unterhandlung treten konnte. Ja Iffland, der Director der Berliner Bühne, war sogar zu jedem beliebigen Honorar bereit, wenn Sch. ihm das Manuscript vor dem Beginn des Druckes überlassen wollte. Inzwischen waren die freundlichen Frühlingstage herbeigekommen, in denen der Dichter wiederum seinen Garten aufsuchte. Für diesen hatte er sich die Liebesscenen zwischen Max und Thekla zurückgelegt; die heitere, lyrische Stimmung der freundlichen Natur sollte seiner Dichtung zu Gute kommen. In solcher Stimmung konnte er über seine Arbeit an Körner schreiben: „Du wirst von dem Feuer und der Innigkeit meiner besten Jahre nichts darin vermissen und keine Rohheit aus jener Epoche mehr darin finden.“ Bereits im August konnte er Goethe die zwei letzten Acte der Piccolomini vorlesen, und in dem folgenden Monat rückte die Arbeit bis zu Ende des zweiten Actes des Todes vor. Nunmehr entschloß er sich zu der schon vor einem Jahre in Aussicht genommenen Theilung seiner Arbeit. Die Piccolomini, welche damals noch zwei Acte von Wallensteins Tod enthielten, sollten jetzt bloß den Knoten knüpfen, und enden, wo derselbe geschürzt ist, das dritte Stück sollte die tragischen Folgen geben, und das Lager als Lustspiel voraufgehen. Inzwischen war der Architect Thouret, nachmals Professor an der Kunstschule zu Stuttgart, nach Weimar berufen worden, um bei der Förderung des dortigen Schloßbaues thätig zu sein und gleichzeitig für eine bessere Einrichtung des alten Theaters zu sorgen. Bei dieser Gelegenheit kam auch Sch. auf acht Tage nach Weimar herüber und wurde hier von Goethe und Meyer vereint aufgefordert, sein neues Trauerspiel für die Wiedereröffnung der restaurirten Bühne zurechtzumachen. Das war nun freilich in so kurzer Zeit nicht möglich; aber er erklärte sich bereit, das Lager, welches eigentlich als Vorspiel für das Ganze hatte dienen sollen, zu vollenden. Damit es aber als ein selbständiges Ganzes dem Publicum vorgeführt werden könne, so war eine Umarbeitung und eine beträchtliche Erweiterung nöthig. An diese machte sich Sch. alsbald und brachte bei dieser Veranlassung auch die höchst ergötzliche Scene mit dem Kapuziner hinein. Da man der ewigen Wiederholung der Iffland’schen Stücke bereits ziemlich überdrüssig war, so hoffte er, sein Lager würde als etwas Neues nicht nur Effect machen, sondern „als ein lebhaftes Gemälde eines historischen Moments und einer gewissen soldatischen Existenz auch ganz gut auf sich selber stehen können.“ Am 4. October ging es an Goethe ab, der sich nicht nur außerordentlcih daran erfreute, sondern für die erste Aufführung auch ein einleitendes Soldatenlied einlegte, das von Sch. um einige Verse vermehrt wurde. Eben so wurde der bei der Wiedereröffnung des Theaters gesprochene Prolog um diese Zeit von unserm Dichter verfaßt. Am 11. October kam Sch. nach Weimar herüber, um der Generalprobe beizuwohnen, für deren Vorbereitung sich Goethe außerordentlich thätig gezeigt hatte. Das neue Local, die lebendige Verkörperung der von ihm geschaffenen Gestalten, die neue Bahn, die er mit seinem Stück betrat, das Alles versetzte ihn in eine gehobene Stimmung, so daß er in seinem Prolog der dramatischen Kunst dreist eine neue Aera versprechen konnte. Am 18. October fand die Aufführung des Lagers unter großem Beifall statt; und für die Fortsetzung seiner Arbeit in hohem Grade ermuthigt, kehrte Sch. nach Jena zurück, wo die Vollendung der Piccolomini für die Bühne sein nächster Gedanke war. Die ersten Novembertage widmete er der Vollendung der Liebesscenen, obwohl er nicht ganz ohne Sorge war, daß das rein menschliche Interesse, das dieselben hervorrufen sollten, an der bereits feststehenden Handlung etwas verrücken möchte. Besonders aber machte ihm das astrologische Motiv viel zu schaffen, und er hätte es beinahe wieder verworfen, wenn nicht Goethe’s Zustimmung rettend dazwischen getreten wäre. Hocherfreut schrieb er ihm daher am 11. December: „Es ist eine rechte Gottesgabe um einen weisen und sorgfältigen Freund, das habe ich bei dieser Gelegenheit aufs neue erfahren. Ihre Bemerkungen sind vollkommen richtig und Ihre Gründe überzeugend. Ich weiß nicht, welcher böse Genius über mir gewaltet, daß ich das astrologische Motiv im Wallenstein nie recht anfassen wollte, da doch eigentlich meine Natur die Sachen lieber von der ernsthaften als leichten Seite nimmt.“ So gingen denn die Piccolomini in den schlimmsten Wintertagen ihrer Vollendung entgegen, wo Sch. noch dazu leidend war und gewöhnlich nur eine um die andere Nacht schlafen konnte; aber seine mächtige Willenskraft erhielt ihn aufrecht. Ursprünglich wollte er das Stück nicht eher aus Händen geben, als bis auch Wallensteins Tod vollendet wäre; indessen drängten sich die Nachfragen von mehreren Bühnen Deutschlands, und besonders ließ Iffland nicht nach, der seinen Verlust auf 4000 Thaler anschlug, wenn er das Stück, auf welches er mit Zuversicht gerechnet, nicht zu dem versprochenen Termine erhielte. Nun war Eile nöthig; und in der That gelang es Sch. mit Hülfe mehrerer Copisten, die Arbeit am 24. December zu beendigen und sogleich an Iffland abzuschicken. „So ist aber auch schwerlich“, schrieb er sogleich an Goethe, „ein heiliger Abend auf dreißig Meilen in der Runde vollbracht worden, so gehetzt nämlich und so qualvoll über der Angst nicht fertig zu werden.“ Daß nun auch der vertraute Freund als Director der Weimarer Bühne nicht hinter Iffland zurückstehen wollte, war natürlich, und so bekam denn auch er am letzten December die Piccolomini nach Weimar gesendet, aber zu Gunsten der Aufführung „ganz erschrecklich gestrichen“; Sch. hatte wohl an 400 Verse herausgeworfen. Mit dem Anfange des Jahres 1799 sollte unser Dichter nun die Freude haben, sein neues Stück über die Bretter gehen zu sehen. Es wurde der 30. Januar, der Geburtstag der Herzogin von Weimar, gewählt. Goethe hatte alle nöthige Sorgfalt auf die Auswahl der Costüme verwendet, Meyer mit echt künstlerischem Sinn für die Anfertigung passender Decorationen gesorgt. Nun kam auch Sch. nach Weimar herüber, um in Gemeinschaft mit Goethe die letzten Proben zu leiten; aber es kostete ihnen viel Mühe, die Schauspieler an das Sprechen der Verse zu gewöhnen, was seit längerer Zeit von dem Theater vollständig verbannt war. Endlich war der festliche Tag erschienen, und eine wohlgelungene Vorstellung, die Frucht einer siebenjährigen Thätigkeit, belohnte den Dichter für seine ernste und mühevolle Arbeit. Vierzehn Tage später, um dieselben Zeit, wo die Piccolomini zum ersten Mal in Berlin in Scene gingen, kehrte Sch. nach Jena zurück, um nun auch das dritte Stück zu vollenden. Zum Glück befand er sich jetzt wieder wohler, so daß die Arbeit rasch vorwärts schritt. Bereits am 7. März konnte er Goethe schreiben: „Das dritte Stück wird durchbrechen, wie ich hoffe. Ich habe es glücklicher Weise arrangiren können, daß es auch fünf Acte hat, und den Anstalten zu Wallensteins Ermordung ist eine größere Breite sowohl als theatralische Bedeutung gegeben.“ Am 17. März war die ganze gewaltige Arbeit vollendet und ging mit den Begleitworten an Goethe ab: „Wenn Sie davon urtheilen, daß es nun wirklich eine Tragödie ist, daß die Hauptforderungen der Empfindung erfüllt, die Hauptfragen des Verstandes und der Neugierde befriedigt, die Schicksale aufgelöst und die Einheit der Hauptempfindung erhalten sei, so will ich höchlich zufrieden sein.“ Die Antwort hierauf theitle ihm Goethe mündlich mit, als er ihn einige Tage später besuchte, um ihn für mehrere Wochen mit nach Weimar zu nehmen. Das bereits über die vier ersten Acte gefällte Urtheil: „Wenn man die Piccolomini beschaut und Antheil nimmt, so wird man hier unwiderstehlich fortgerissen“ – konnte natürlich auch auf das ganze Stück ausgedehnt werden. Die erste Aufführung desselben fand in Weimar am 10. April, in Berlin am 17. Mai statt. Sch. konnte seinem Freunde Körner schreiben: „Der Wallenstein hat eine außerordentliche Wirkung gemacht und auch die Unempfindlichsten mit fortgerissen. Es war darüber nur eine Stimme, und in den nächsten acht Tagen ward von nichts Anderem gesprochen.“ Und in der That verbreitete sich von diesem Stücke in kurzer Zeit ein höherer Geist über ganz Deutschland. Die lebendige Anschauung des kriegerischen Lebens riß die Jugend unwillkürlich fort, und die Liebe zum Vaterlande erwachte in einer vorher nicht geahnten Weise. Im Jahre 1800 erschien der ganze Wallenstein bei Cotta gedruckt; 3500 Exemplare waren in zwei Monaten vergriffen, und i. J. 1801 wurde eine zweite, 1802 eine dritte Auflage nöthig. Wie Sch. die Bearbeitung der Geschichte des dreißigjährigen Krieges der Abfassung seines Drama’s hat vorausgehen lassen, so ist auch für ein klares Verständniß dieses Kunstwerks die Bekanntschaft mit der historischen Grundlage desselben unentbehrlich. Wir lassen daher, gestützt auf G. Helbig und Fr. Förster , eine kurze Skizze von Wallensteins Leben nachstehend folgen. Der Held unseres Drama’s stammt aus einer alten böhmischen Familie, die ihren Namen von dem Bergschlosse Waldstein in der Herrschaft Großskall im böhmischen Kreise Bunzlau entlehnte. Aus diesem Namen entstand bei den Böhmen Walsteina, bei den Deutschen Wallenstein. Albrecht Wenzel Eusebius Wallenstein, der dritte Sohn Wilhelms von Waldstein und seiner Gemahlin Margarethe von Smirricky, wurde am 15. September 1583 zu Hermanic [spr. nitz] an der oberen Elbe geboren. Da er seine Eltern, die Protestanten und wenig bemittelt waren, frühzeitig verlor, so ließ ihn Johann von Ricam, ein katholischer Oheim, von Jesuiten zu Olmütz erziehen, wo ihn sein Lehrer Puchta mit dem 16. Jahre in den Schooß der allein selig machenden Kirche aufnahm. Später studirte er in Padua und Bologna. Was seinen Aufenthalt bei dem Markgrafen von Burgau (L. 7) , so wie sein Studentenleben in Altdorf betrifft, so haben sich die auf diese Orte bezüglichen Erzählungen als mythisch ausgeschmückte Berichte erwiesen. Sein Sturz aus dem Fenster des Schlosses Amras bei Insbruck, von dem noch jetzt jedem Besucher desselben erzählt wird, ist eine reine Sage; und das Stückchen, das er als Student zu Altdorf gespielt haben soll, ist von einem anderen Waldstein auf ihn übertragen worden. Dagegen ist es sicher, daß er sich durch Reisen in Frankreich, den Niederlanden, England und Deutschland weiter auszubilden suchte, und als Lieblingsbeschäftigung die damals in hohem Ansehen stehende Astrologie (s. d.) trieb. Unter Kaiser Rudolf II. trat er in den Soldatenstand, kämpfte i. J. 1606 mit Auszeichnung gegen die Türken und wurde zum Hauptmann der Infanterie ernannt. Bald darauf vermählte er sich mit Lucretia Nickeß von Landeck, einer Wittwe, die ihm an Jahren weit voraus war, aber ein bedeutendes Vermögen besaß. Da dieselben indessen schon i. J. 1614 starb, ihm außerdem aber noch vierzehn Güter eines Oheims in Böhmen durch Erbschaft zufielen, so erlangte er hierdurch die Mittel, sich Kaiser Ferdinands II. Gunst zu erwerben. Derselbe hatte bereits (1617) zwei Jahre vor seiner Thronbesteigung als Erzherzog von Steiermark einen Feldzug gegen die Venetianer zu führen. Hierbei leistete ihm Wallenstein (Dr. Kr. 136) nicht nur durch seinen Reichthum, sondern auch als Oberster bedeutende Dienste; außerdem aber ergriff er, als die Böhmen unter dem Grafen Thurn einen Aufstand erhoben, die kaiserliche Partei, brachte die Kassen von Olmütz nach Wien und schlug 1620 den siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gabor in Schlesien. Ehrgeizig, wie er war, gelang es ihm 1622 den Grafentitel zu erwerben, worauf er die Herrschaft Friedland durch Ankauf von 60 confiscirten Herrschaften und Gütern bis zu 60 Quadratmeilen erweiterte. In Folge dessen wurde er 1623 zum Fürsten von Friedland und somit zur Würde eines Reichsfürsten erhoben. Hierauf vermähtle er sich zum zweiten Male, und zwar mit Isabella Katharina, der liebenswürdigen und bescheidenen Tochter eines Grafen von Harrach, der bei dem Kaiser in hohem Ansehen stand. Für die bedeutenden Dienste, die er dem letzteren in Böhmen und Mähren geleistet, ward ihm 1627 der Herzogstitel zu Theil, und alsbald machte er auch von seinem Rechte Gebrauch, Münzen mit seinem Bildniß (L. 11) prägen zu lassen. Inzwischen hatte der seit 1618 ausgebrochene Krieg eine erweiterte Ausdehnung gewonnen, indem sich Christian IV. von Dänemark in denselben mischte. Der evangelischen Union stand zwar die von dem Kurfürsten Maximilian von Baiern gebildete katholische Liga gegenüber; aber es war dem Kaiser ein drückendes Gefühl, von dieser Unterstützung abhängig zu sein. Er nahm daher Wallensteins Anerbieten, ihm ein Heer von 40,000 Mann zu stellen, mit großer Bereitwilligkeit an, ernannte ihn zum Generalissimus und Feldmarschall und hatte bald die Freude, zu sehen, wie Mansfeld (s. d. u. L. 5) aus Deutschland vertrieben, die Dänen verjagt und die Streitkräfte der Protestanten vernichtet wurden. Die von Wallenstein geleisteten Vorschüsse waren dem Kaiser natürlich sehr willkommen, und wenn das neu gebildete Heer auch bald auf 100,000 Mann anwuchs, so war es doch gut organisirt, wurde in trefflicher Ordnung erhalten und kostete dem Kaiser (P. II, 7) keinen Heller, da es auf Kosten der Länder lebte, die es eben besetzt hielt. So war Wallenstein in einem Zeitraum von drei Jahren der allmächtige Gebieter des evangelischen Norddeutschlands geworden. Im Jahre 1627 zog er nach Schlesien, kaufte von dem Kaiser das Herzogthum Sagan für 125,000 Gulden und ging hierauf nach Mecklenburg, dessen Herzöge Adolph Friedrich und Johann Albrecht als vermeintliche Bundesgenossen des Königs von Dänemark ihres Landes für verlustig erklärt worden waren. Da der Kaiser ihm wegen nicht gezahlter Kriegskosten auch Mecklenburg als Unterpfand überließ, so nannte er sich jetzt Herzog von Mecklenburg, Friedland und Sagan und begab sich nun nach Pommern, wo sich ihm Alles unterwarf, mit Ausnahme der Stadt Stralsund, die keine kaiserliche Besatzung einnehmen wollte. Obwohl er die Stadt (L. 8) fast ein ganzes Vierteljahr, vom Mai bis zum August 1628, belagerte, so mußte er doch unverrichteter Sache wieder abziehen. War hierdurch der Glaube an die Unbezwingbarkeit des mächtigen Gewalthabers bei dem Volke erschüttert, so athmeten nunmehr auch die Fürsten auf, bei denen der Glanz, welchen Wallenstein in seiner Umgebung zur Schau trug, längst Neid erregt hatte. Die gewaltsamen Erpressungen (L. 6, V. 134-136), welche er sich in katholischen wie in protestantischen Ländern erlaubt, waren die Veranlassung, daß i. J. 1630 auf dem Reichstage zu Regensburg (P. II, 7, V. 155 – Dr. Kr. 156) von allen Reichsfürsten beschwerden gegen ihn erhoben wurden, welche ihn bewogen, seine Entlassung zu nehmen. Der Kaiser, der sich auf einen Kampf mit den katholischen Fürsten, besonders mit Maximilian von Baiern, nicht gern einlassen mochte, sah sich genöthigt, einzuwilligen; und Wallenstein, obwohl mächtig genug, um selbst dem Kaiser sammt den Reichsfürsten Trotz (P. II, V. 165 u. 66) zu bieten, war doch viel zu vorsichtig, als daß er von seiner Gewalt einen übereitlen Gebrauch gemacht hätte. Ruhig der Zukunft vertrauend, zog er sich nach Gitschin (s. d.) zurück, wo er mit fürstlicher Pracht (P. III, 4, V. 141-157), gleichzeitig aber in nützlicher Thätigkeit lebte, die besonders auf die bessere Verwaltung seiner Güter gerichtet war. Von Zeit von Zeit pflegte er auch nach Prag zu gehen, wo er einen prächtigen Palast besaß. Lange jedoch sollte ihm diese friedliche Beschäftigung nicht vergönnt sein. Zu Anfang des Juli 1630 war Gustav Adolph in Pommern gelandet, theils durch politische Rücksichten getrieben, theils aber auch, um seinen Glaubensgenossen Hülfe zu bringen. Als umsichtiger Feldherr drang er rasch nach Sachsen vor und verstand es, die unter Tillys Oberbefehl stehenden Heere des Kaisers und der Liga bis zu Ende des Jahres zu beschäftigen. Nachdem er hierauf den Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg zu einem Bündniß gezwungen, und durch Wiedereinsetzung der Herzöge von Mecklenburg für die Beleidigung Rache genommen, welche ihm Wallenstein für die Belagerung Stralsunds zugefügt hatte, wandte er sich gegen Tilly (s. d.), schlug denselben bei Leipzig und Breitenfeld und drang durch das fränkische Gebiet bis an den Rhein vor, wo er die Winterquartiere bezog. Im nächsten Frühjahr trieb er Tilly über die Donau zurück, und als dieser zu Ingolstadt seinen Wunden erlegen war, drang er über den Lech in Baiern ein, so daß der Kaiser nunmehr in seinen Erblanden bedroht wurde. Inzwischen waren auch die mit dem Schwedenkönig verbundenen Sachsen in Böhmen eingedrungen und bis nach Prag vorgerückt. Bei dieser Gelegenheit hatte Wallenstein eine zweideutige Rolle gespielt. Schon im Sommer 1631 hatte er durch den Grafen von Thurn und einen Czechen Sesyma [spr. Széßima] Raschin (bei Sch. P. V, 2 Sesin) Unterhaltungen mit Gustav Adolph gepflogen und den Sachsen das Vordringen in Böhmen erleichtert; aber da man auf beiden Seiten kein rechtes Vertrauen (vergl. T. I, 5, V. 34) hatte, so war kein weiteres Resultat erreicht worden. Wallenstein konnte daher auf die neuen Bitten des Kaisers, ihm abermals ein Heer zu werben, ohne weiteres eingehen. Freilich gab er sich anfangs den Schein, als sei ihm an einer Wiederherstellung des früheren Verhältnisses nicht viel gelegen. Und obwohl man Max von Waldstein , einen Vetter des Herzogs, der unter seinen Verwandten besonders viel bei ihm galt, zum Ueberbringer der ersten Anträge gewählt hatte, so erklärte er sich doch nur bereit, nach Znaïm zu gehen, und dort die näheren Vorschläge des Kaisers zu erwarten. Hier (vergl. P. I, 2) war es, wo er mit dem Fürsten von Eggenberg (P. II, 2), den er unter den Räthen des Kaisers besonders achtete, die Unterhandlungen begann und endlich den dringenden Bitten des Wiener Hofes nachgab. In drei Monaten brachte er hierauf ein Heer von 30,000 Mann zusammen und übernahm nun den Oberbefehl unter Bedingungen (vergl. Dr. Kr. 304 u. L. 11, V. 185), bei welchen das Verhältniß zwischen dem Herrscher und dem Unterthanen sich vollständig umkehrte, so daß ein anderer als ein gewaltsamer Ausgang kaum zu denken war. Dennoch erhob sich am Hofe keine Stimme, welche diese Bedingungen übertrieben gefunden hätte. In kurzer Zeit hatte Wallenstein sein Heer bis auf 40,000 Mann vermehrt. Jetzt (April 1632) brach er von Znaïm nach Prag auf, nahm die Stadt mit Gewalt und verdrängte die Sachsen aus Böhmen (vergl. P. II, 7), so daß Gustav Adolph sich veranlaßt sah, aus Baiern zurückzugehen und einen großen Theil seiner Heeresabtheilungen, besonders die von Bernhard von Weimar (s. d.) und Banner befehligten Truppen, bei Nürnberg zusammenzuziehen. Ganz in der Nähe, auf der sogenannten Alten Veste (T. III, 15, V. 91) nahm auch Wallenstein eine gesicherte Stellung ein, aus der ihn Gustav Adolph vergebens (vergl. Nürnberg) zu vertreiben suchte. Als es ihm nach diesem verzweifelten Versuch eben so wenig gelang, ihn nach der Donau zu locken, Wallenstein vielmehr nach Sachsen ging, um daselbst Winterquartiere zu nehmen, so griff er ihn am 6. November bei Lützen an, sollte aber hier zugleich seine Heldenlaufbahn beschließen. Obwohl Bernhard von Weimar die Schlacht zu Gunsten der Schweden entschieden hatte, so schrieben sich die Kaiserlichen (vergl. P. II, 7, V. 56) dennoch den Sieg zu. Aber freilich fiel es Wallenstein nicht ein, denselben zu verfolgen; er ging vielmehr nach Böhmen in die Winterquartiere, um sein Heer daselbst zu ergänzen. Im Frühjahr 1633 begab er sich nach Schlesien, das theils von Sachsen, theils von Brandenburgern und Schweden besetzt war. Aber auch diese trieb er nicht heraus, was mit leichter Mühe hätte geschehen können. Er ließ sich im Gegentheil auf geheime Unterhandlungen ein und erregte dadurch Mißtrauen nicht nur am kaiserlichen Hofe, sondern auch bei den Sachsen und den Schweden, die er vermutlich miteinander hatte entzweien wollen. Ein kaiserlicher Gesandter, welcher bei ihm erschien, um auf eine energischere Kriegführung zu dringen, wurde rücksichtslos behandelt und schließlich abgewiesen, so daß nun nichts weiter übrig blieb, als gegen den trotzigen und übermächtigen Feldherrn im Geheimen vorzugehen; auch gelang es bald, Gallas, Piccolomini und andere höhere Officiere für die Sache des Kaisers zu gewinnen. So ging der ganze Sommer vorüber, ohne daß Wallenstein etwas Entscheidendes unternommen hätte; erst im October wandte er sich gegen Sachsen, kehrte aber plötzlich um und schlug die unter dem Grafen Thurn vereinigten Brandenburger und Schweden (Dr. Kr. 388) bei Steinau „am Oderstrom“ (P. II, 7, V. 80 u. 104), vielleicht nur, um die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zu widerlegen. Unterdessen hatten die Schweden unter Bernhard von Weimar in Franken, am Rhein und an der Donau so bedeutende Fortschritte gemacht, daß selbst Regensburg in ihre Hände fiel. Jetzt drang der Kaiser darauf, daß Wallenstein dem Kurfürsten von Baiern Hülfe bringen solle. Allerdings schickte er nun einige Recognoscirungsmannschaften (vergl. Dr. Kr. 377) nach Baiern hinein, die bis an die schwedischen Vorposten vordrangen, das war aber auch alles. Er selbst ging mit dem Gros seiner Armee nach Pilsen und schrieb an den Kaiser, es sei jetzt weiter nichts zu machen, und die Winterquartiere müßten in Böhmen genommen werden. diese abermalige Belastung seiner Erblande machte den Kaiser im höchsten Grade mißgestimmt; er schickte deshalb im December den Hofkriegsrath Questenberg nach Pilsen, um mit Wallenstein wegen Verlegung der Truppen zu unterhandeln. Dieser aber versammelte seine Generale und Regiments-Commandeure und ließ von denselben eine Erklärung aufsetzen, daß man die Truppen im Winter unmöglich gegen den Feind führen könne, wenn man nicht eine Meuterei unter den Soldaten (vergl. L. 11, V. 367 u. T. I, 3, V. 73) herbeiführen wolle. Außerdem befahl er dem Obersten de Suy (Picc. II, 7, V. 186), der zufolge einer kaiserlichen Ordre bis Passau vorgerückt war, bei Todesstrafe, sogleich wieder umzukehren. Jetzt (Dr. Kr. 391) forderte der Kurfürst Maximilian von Baiern den Kaiser auf, Wallenstein seines Commando’s zu entsetzen, wobei ihn auch die spanische Regierung unterstütze, die den Herzog geradezu als einen Verräther (T. III, 15, V. 36) bezeichnete. Ungeachtet dieser Forderungen machte der Kaiser im Januar 1634 noch einen Versuch. Er schickte den Grafen von Trautmannsdorf und den Pater Quiroga (Picc. IV, 5, V. 92) zu Wallenstein, um ihn zu anderen Entschließungen zu bewegen. Man wollte dem Heere den König von Ungarn (vergl. Kind) beigeben, und außerdem sollte er 8000 Reiter zu dem Cardinal-Infanten Ferdinand von Spanien stoßen lasen, der eben im Begriff war, sich als Statthalter der Niederlande (L. 11, V. 29) auf seinen Posten zu begeben. Zumuthungen dieser Art liefen dem Contracte, welchen Wallenstein mit dem Kaiser geschlossen, direct entgegen; er wies sie daher mit Entschiedenheit zurück und erklärte, unter solchen Umständen das Commando lieber niederlegen zu wollen. Mit dieser letzten Erklärung war es ihm freilich keinesweges Ernst; im Gegentheil rüstete er sich (Dr. Kr. 392) zu einer verrätherischen Gegenwehr, während der Kaiser im Geheimen die nöthigen Anstalten traf, um das Heer zum Gehorsam gegen seine eigene Person zurückzuführen. Wallenstein’s nächster Schritt bestand darin, daß er seine bedeutendsten Generale und Obersten nach Pilsen berief, und ihnen durch seine Vertrauten, den Feldmarschall Illo (Dr. Kr. 397) und den Grafen Terzky eröffnen ließ, er sie gesonnen, das Commando niederzulegen, da der Hof seiner überdrüssig sei. Als die Officiere sich hierüber in hohem Grade unzufrieden zeigten, erklärten sich Illo und Terzky bereit, noch einmal mit dem Herzog zu reden, indessen möchten die Obersten eine schriftliche Erklärung aufsetzen, daß sie an ihm festhalten wollten. Dies geschah, wie ältere Quellen erzählen, mit Hinzufügung der Klausel, daß nichts gegen den Kaiser und gegen die katholische Religion unternommen werde. In dem zu Warmbrunn befindlichen Originale des „Pilsener Schlusses“, wie man diese Ergebenheitsadresse nannte, ist die Klausel nicht vorhanden; auch steht fest, daß mehrere Officiere, die wegen der Unterschrift der Adresse zur Rechenschaft gezogen wurden, sich keinesweges darauf beriefen, daß man sie mit einer unvollständigen Abschrift getäuscht habe. Als Wallenstein hörte, wozu seine Obersten bereit seien, erklärte er, er wolle bleiben. Hierauf gaben Illo und Terzky ein Gastmahl, bei dem es ziemlich toll herging, und wo die Schrift, in der des Kaisers in keiner Weise erwähnt war, unterzeichnet wurde. Inzwischen hatten italienische und spanische Officiere über die bedenklichen Vorgänge nach Hofe berichtet, und besonders hatte Piccolomini, in welchen der Herzog ein unbedingtes Vertrauen setzte, dem Kaiser genauere Mittheilungen über den Pilsener Schluß, wie über die durch den Grafen Kinsky mit Frankreich gepflogenen geheimen Unterhandlungen gemacht. Jetzt war der Kaiser genöthigt, einen entscheidenden Schritt zu thun. Dem bereits gewonnenen Grafen Gallas wurde ein vom 24. Januar unterzeichnetes Patent eingehändigt, in welchem Wallenstein als Rebell bezeichnet und für vogelfrei erklärt, das Heer aber an Gallas gewiesen ward. Von diesem Patent sollte erst im Nothfall Gebrauch gemacht werden, vor allem aber sollte es Wallenstein verborgen bleiben, mit dem der Kaiser noch drei Wochen lang in gewohnter Weise correspondirte, wobei er ihn sogar mit dem Titel „Herzog von Mecklenburg“ bezeichnete. Außer dem genannten Patent erhielten Gallas und Piccolomini noch den geheimen Auftrag, sich Wallensteins lebend oder todt zu bemächtigen. Am 20. Februar beschied Wallenstein, nachdem er seine Unterhandlungen mit Schweden und Frankreich dem Abschlusse näher gebracht, seine Generale und Obersten nochmals nach Pilsen, stellte ihnen einen Revers aus, daß es ihm nie in den Sinn gekommen, das Geringste gegen den Kaiser oder gegen die katholische Religion zu unternehmen, und sandte erst den Oberst Mohrwald, und eine Tag später den Oberst Brenner nach Wien, durch welche er sich bereit erklärte, das Commando niederzulegen und, falls man es verlangte, sich selber zu stellen. Diese Boten aber wurden von Piccolomini und Diodati aufgehalten, und Gallas beeilte sich, von seiner Vollmacht Gebrauch zu machen. Er verließ (Dr. Kr. 403) Pilsen, um, wie er vorgab, Aldringer, den Befehlshaber der baierschen Abtheilung von Wallenstein’s Heer, herbeizuholen. Im südlichen Böhmen kamen beide zusammen; statt aber zurückzukehren, verabredeten sie mit einander, was zu thun sei, um dem Kaiser seine dortigen Garnisonen zu erhalten. Auf einen nach Wien gesandten Bericht traf man von dort aus die nöthigen Anstalten, um Wallenstein in Pilsen zu isoliren, und durch ein vom 18. Februar ausgestelltes Patent wurden die Soldaten an das neue Commando verwiesen und für den Kaiser in Pflicht genommen. Wallenstein, fest auf sein Heer und die Gestirne bauend, zugleich aber voll Hoffnung auf eine nahe Verbindung mit den Sachsen, hatte keine Ahnung von dem, was in Wien gegen ihn geschmiedet war. Als er aber hörte, daß sich Piccolomini heimlich aus Pilsen entfernt hätte, fürchtete er Verrath von Seiten der Generale und wollte deshalb alle ihm zur Disposition stehenden Truppen in Prag vereinigen. Ueber diese Absicht sollte Bernhard von Weimar durch den sächsischen Feldmarschall Franz Albert von Lauenburg aufgeklärt werden, der auf Wallenstein’s Plan eingegangen war. Da kam die Nachricht, daß Prag verloren und die abgefallenen Generale Piccolomini, Gallas und Maradas gegen ihn im Anzuge seien. Jetzt verließ der Herzog Pilsen und traf am 24. Februar mit fünf Schwadronen Terzkyscher Reiter und 200 Dragonern, die unter Buttler’s Befehl standen, in Eger ein, gefolgt von Terzky, Kinsky, Illo, seiner Gemahlin, der Gräfin Terzka und dem Astrologen Seni, der sein steter Begleiter war. Erst jetzt, als Wallenstein sein Leben bedroht sah, entschloß er sich, dem Herzog Bernhard von Weimar die Hand zu bieten. Aber sein böser Genius folgte ihm auf den Fersen. Buttler, der um des Kaisers Absichten wußte, auf Wallenstein aber wegen früher erfahrener Zurücksetzung erbittert war, beschloß seine Plane zu vereiteln. Gordon, der Commandant von Eger, hatte Wallenstein’s Ordre erhalten und fügte sich derselben, weil er der Meinung war, der Herzog rücke mit großer Macht heran; als ihm Buttler jedoch die kaiserliche Achtserklärung mitgetheilt hatte, wurde ihm bange, und er ging um so leichter auf dessen Vorschlag ein, als Illo und Terzky in seiner und des Oberstwachtmeisters Leslie (Dr. Kr. 407) Gegenwart ohne Rückhalt von der baldigen Ankunft der Schweden gesprochen hatten. Am Abend des 25. Februar gab Gordon den Generalen ein Festmahl auf dem Schloß der Citadelle, das jetzt verfallen ist, übrigens von dem Hause, wo Wallenstein seien Wohnung genommen, nicht (T. V, 4) gesehen werden konnte. Gegen acht Uhr, als eben der Nachtisch aufgetragen werden sollte, drangen der Oberstwachtmeister Geraldin und der Hauptmann Deveroux mit sechs Dragonern in den Saal, stürzten die Tische um und riefen: „Holla! wer ist gut kaiserlich?“ Die Verschworenen sprangen auf, zogen sich an die Saalwand zurück und wurden nach verzweifelter Gegenwehr niedergemetzelt; es waren Kinsky, Illo, Terzky und der Rittmeister Neumann. Terzky (nicht Illo, vergl. T. V, 6) tödtete und verwundete mehrere Dragoner, ehe er zusammensank. Während Gordon auf der Citadelle blieb (vergl. T. V, 4), ging Leßlie mit zwei Compagnien Buttlerischer Dragoner nach der Stadt, um die Zugänge zu dem Marktplatz zu besetzen. Bald darauf erschien auch Buttler mit Geraldin und Deveroux; sie begaben sich in das Haus des Bürgermeisters Pachhälbel am Markte, wo Wallenstein sich zeitig zur Ruhe begeben hatte. Während Buttler und Geraldin die Thüren besetzt hielten, drang Deveroux mit sechs Dragonern in des Herzogs Schlafgemach, der, von dem Lärm geweckt, aufgesprungen war, um die Wache zu rufen. Mit den Worten: „Bist Du der Schelm, der Seiner Kaiserlichen Majestät die Krone vom Haupte reißen will? Du mußt jetzt sterben!“ stieß ihm Deveroux die Partisane in die Brust, und lautlos stürzte der Mann zusammen, dessen gewaltige Erscheinung von fast ganz Europa angestaunt worden war. Er hatte ein Alter von 51 Jahren erreicht. Buttler und Gordon, welche eigenmächtig gehandelt hatten, suchten sich in einem Bericht an den Kaiser zu rechtfertigen und hatten sich einer gnädigen Aufnahme ihrer Handlungsweise zu erfreuen. Inzwischen war Pilsen von den Kaiserlichen besetzt worden, und Piccolomini und Gallas kamen nach Eger. Ferdinand zog alle Güter des Herzogs, als eines Geächteten, ein und verschenkte sie an die bei der Ermordung Wallensteins und seiner Generale betheiligten Personen; nur Neuschloß verblieb der Wittwe des Herzogs und seiner Tochter Elisabeth, der nachmaligen Gräfin Kaunitz. Piccolomini erhielt die Herrschaft Nachod, auch wurde ihm später eine Standeserhöhung zu Theil. Des Herzogs sterbliche Ueberreste wurden in einer von ihm zu Walditz bei Gitschin erbauten Karthause beigesetzt, doch ward ihm auch hier nicht einmal Ruhe gegönnt. Im Jahre 1639, wo Banner in diese Gegend kam, ließ er Wallenstein’s Gruft öffnen und war barbarisch genug, das Haupt und den rechten Arm zu rauben und nach Schweden zu schicken. Erst nach mehr als hundert Jahren wurden die verstümmelten Ueberreste von einem Verwandten nach Münchengrätz übergeführt und in der dortigen Sanct Annen-Capelle beigesetzt. Ob Wallenstein schuldig oder unschuldig gewesen, ob seine Unterhandlungen mit den Sachsen und den Schweden nur zum Schein geführt wurden, oder ob sie wirklich ein verrätherisches Bündniß gegen seinen Herren zum Zweck gehabt, darüber sind die Ansichten zwei Jahrhunderte lang (vergl. Prol. V. 102 u. 103) getheilt gewesen. Erst der neueren Geschichtsforschung war es aufbehalten, mit voller Gewissenhaftigkeit zu verfahren und dem frevelhaft Gemordeten gegenüber die Stimme der Gerechtigkeit erschallen zu lassen. Einen eifrigen Vertheidiger hat Wallenstein an Friedrich Förster gefunden, der seine Unschuld behauptet und zu beweisen versucht hat. Eben so sagt Richter : „In ihrer ganzen Ausdehnung hat er seine Vollmachten gebraucht, aber mißbraucht hat er sie nie. Was er gethan, und was ihm seine Feinde zur Anklage machten, dazu hatte ihm sein Kaiser das Recht gegeben.“ Auf Grund dieser Rechtfertigungen hat Graf Christian von Waldstein-Wartenberg, Wallenstein’s rechtmäßiger Erbe, wegen der eingezogenen Güter Klage gegen den kaiserlichen Fiscus erhoben, aber, wie sich erwarten ließ, ohne Erfolg. In Schiller’s Geschichte des dreißigjährigen Krieges erscheint Wallenstein zufolge der unzulänglichen Quellen, welche unserm Dichter zu Gebote standen, gleich von Anfang an als ein widerspenstiger Unterthan (vergl. Dr. Kr. 293) seines Kaisers, als ein Charakter, der nicht nur von Ehrfurcht erfüllt, sondern seit dem Regensburger Fürstentage auch von Rachegedanken beseelt war, die ihn erst zu heimlichen, dann aber zu offenem Verrath an seinem Herrn fortrissen. Die spätere geschichtliche Forschung hat dargetahn, daß Wallenstein von dieser Schuld freizusprechen ist, denn selbst seine Unterhandlungen mit den Sachsen und den Schweden wurden mit Zustimmung des Kaisers geführt; dagegen lassen die durch seinen ränkevollen Schwager Graf Kinsky mit dem französischen Gesandten Feuquières (vergl. Dr. Kr. 385) gepflogenen Unterhandlungen allerdings vermuthen, daß er in den letzten Monaten seines Lebens auf einen Abfall vom Kaiser hingearbeitet habe. Sei dem nun, wie ihm wolle, so hat Sch. in seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges doch weder den Charakter noch die Unternehmungen des Herzogs in ein entschieden falsches Licht gestellt, und der Gedanke, daß er einen wirklichen Verräther vor sich habe, mußte ihm wenigstens für die Tragödie durchaus willkommen sein. Als Sch. im Herbst des Jahres 1796 mit der dramatischen Gestaltung seines Stoffes den Anfang gemacht, schrieb er an Körner: „Die Basis, worauf Wallenstein sein Unternehmen gründet, ist die Armee: für mich eine unendliche Fläche, die ich nicht vor’s Auge und nur mit unsäglicher Kunst vor die Phantasie bringen kann; ich kann also das Object, worauf er ruht, nicht zeigen, und eben so wenig das, wodurch er fällt: das ist ebenfalls die Stimmung der Armee, der Hof, der Kaiser.“ Und allerdings bot die Weitläufigkeit des Schauplatzes mit seinen zahlreichen Parteien, seinen höchst verwickelten Verhältnissen und den weitverzweigten Fäden, aus denen der Knoten des Stückes zu schürzen war, dem Anschein nach unüberwindliche Schwierigkeiten dar. Dennoch konnte Sch. schon nach einem Jahre (5. Januar 1798) an Goethe schreiben: „Ich finde augenscheinlich, daß ich über mich hinausgegangen bin, welches die Frucht unseres Umgangs ist … Ich werde es mir gesagt sein lassen, keine andere als historische Stoffe zu wählen; frei erfundene würden meine Klippe sein. Es ist eine ganz andere Operation, das Realistische zu idealisiren, als das Ideale zu realisiren. Es steht in meinem Vermögen, eine gegebene, bestimmte und beschränkte Materie zu beleben, zu erwärmen und gleichsam aufquellen zu machen, während die objective Bestimmtheit eines solchen Stoffes meine Phantasie zügelt und meiner Willkür widersteht.“ Diese Worte des Dichters sagen uns deutlich, in welchem Verhältniß sein Drama zur Geschichte steht. Wenngleich der historische Boden ihm alle nothwendigen Elemente lieferte, aus denen er eine lebensvolle Handlung hervorgehen lassen konnte, so war es als Dichter doch weder im Stande noch gewillt, die geschichtliche Treue nach allen Richtungen hin zu wahren. Es kann daher nicht auffallen, wenn er sein Material mit großer Freiheit behandelt, Dies und Jenes bringt, was der Historiker anders darstellt, manches Thatsächliche von einer Person auf die andere überträgt; dagegen finden wir, daß der ganze Geist jener Zeit mit Ernst und Treue festgehalten ist, und bedeutsame Momente der Geschichte, über welche wir Aeußerungen aus dem Munde der handelnden Personen vernehmen, mit einem hohen Grade von Anschaulichkeit uns vor die Seele treten. Die Haupthandlung aber läßt der Dichter sich aus dem Innern seines Helden entwickeln, den ihm die Geschichte als einen stolzen, ehrgeizigen, von Gedanken der Rache erfüllten Mann gezeigt, entschlossen, sich gegen seinen Kaiser wie gegen die bestehende Ordnung aufzulehnen. Die Beziehungen seines Helden zu der Welt, die derselben in’s Dasein rief, gestaltete und mit seinem Sturz zu Grunde richtete, sie bilden den geschichtlichen Inhalt des Stückes. Man hat Sch.’s Wallenstein seiner Dreitheilung wegen bisweilen als Trilogie bezeichnet; doch ist auch von verschiedenen Seiten her darauf hingewiesen worden, daß wir es hier mit einer Trilogie im antiken Sinne keinesweges zu thun haben. Wenn Aeschylos, der Schöpfer der tragischen Kunst, in seiner „Orestias“ drei Stücke, den „Agamemnon“, die „Coëphóren“ und die „Eumeníden“ mit einander verbindet, so giebt er uns drei selbständige Stücke, die sich auf einander beziehen, von denen aber jedes seine besondere Katastrophe und einen befriedigenden Abschluß hat. Eine Reihe von Stücken zu schaffen, welche dieser Forderung entsprächen, lag aber nicht in Schiller’s Absicht; er wurde nur durch die Masse des Stoffes zu einer Zerlegung in drei Stücke gezwungen. Auf diese Weise ist denn ein „dramatisches Gedicht“ von ungewöhnlicher Ausdehnung entstanden, welches, indem es aus einer wichtigen Epoche der Geschichte ein Hauptmoment herausgreift, uns gleichzeitig ein ganzes Zeitalter in charakteristischen Zügen zur Anschauung bringt, ohne jedoch der inneren Einheit zu entbehren, die man von einem dramatischen Kunstwerk verlangt. Was sich in der Geschichte von Ende November 1633 bis Ende Februar 1634 zugetragen, das hat der Dichter hier auf einen Zeitraum von vier Tagen zusammengedrängt. Jos. Bayer nimmt als die Zeit, in welcher „das Lager“ spielt, einen Tag vor dem Gastmahle in Pilsen an, also den 12. Januar 1634; die „Piccolomini“ spielen am Tage dieses Gastmahls selbst bis zum nächsten Morgen nach demselben; und „Wallenstein’s Tod“ von da an bis zu seiner Ermordung in Eger, am 25. Februar 1634. Ungeachtet die drei Stücke in enger Verbindung mit einander stehen, so hat doch jedes seinen eigenthümlichen Charakter. In dem Lager, welches uns in die niedere Gesellschaft der gemeinen Soldaten versetzt, herrscht ein derber und kräftiger Humor, so daß es, wenn auch nicht seinem Wesen, so doch seiner Form nach auf den Titel eines Lustspiels Anspruch machen kann. Die Piccolomini führen uns in eine edlere Gesellschaft, deren ernstes und besonnenes Handeln auf die Erreichung höherer, selbst idealer Zwecke gerichtet ist. Wallenstein’s Tod endlich ist das wahrhaft tragische Stück, dessen Aufgabe es ist, unsere Seele mit Furcht und Mitleid zu erfüllen. Hoffmeister charakterisirt sie kurz und treffend so: „Das erste Stück hüpft leicht geschürzt dahin; das zweite dehnt sich ruhig und langsam in eine breite Fläche aus; das dritte hat einen reißenden, jähen Sturz in engem Bette.“ Ob dessen ungeachtet die ganze Dichtung einen einheitlichen Charakter hat, das hat Sch. selbst Sorge gemacht. Die Fragen (s. o. S. 439), welche er deshalb am 17. März 1799 an Goethe richtete, hat Tomaschek auf zwei Hauptpunkte zurückgeführt: „1) Ist die Dichtung wirklich eine Tragödie? 2) Kann in ihr eine durchgängige Einheit nachgewiesen werden?“ Unserer Ansicht nach ist es ihm gelungen, diese Fragen bejahend zu lösen. Gehen wir nun zu einer näheren Betrachtung der einzelnen Stücke über, und beginnen wir unter Benutzung von Helbig’s Anmerkungen mit dem Prolog.Der Plan zu demselben wurde vermuthlich von Schiller und Goethe gemeinschaftlich entworfen, die Dichtung selbst jedoch, wie aus dem Briefwechsel beider erhellt, von Schiller allein, und zwar zu Goethe’s besonderer Zufriedenheit verfaßt. Durch die fünffüßigen ungereimten Jamben wollte er das Publicum jedenfalls unbemerkt in die Sprache einführen, auf die es fortan von der Bühne her vorzugsweise zu rechnen habe. – Von der festlichen Stimmung ausgehend, welche die Räume des neu eröffneten Theaters (Str. 1) in der Seele der Zuschauer hervorrufen mußten, betrachtet er die Bühne (2) zunächst als eine Bildungsstätte für die Schauspieler und erinnert dieselben an Iffland, „den edlen Meister“, der im April und Mai des Jahres 1798 einige Gastrollen in Weimar gegeben, bei denen Sch. selbst freilich nicht hatte anwesend sein können, über deren Erfolg jedoch ihm durch Goethe nähere Mittheilung gemacht worden war. Die „lang gehegte Hoffnung“ bezieht sich auf Schröder, den man als Gast aus Hamburg erwartete, um in der Rolle des Wallenstein aufzutreten, eine Hoffnung, die aber leider nicht in Erfüllung ging. Doch nicht die großen Vorbilder allein sind ihm für die Schauspieler von Bedeutung, sondern auch die Zuschauer sind ihm werth, da sie durch ihr Urtheil außerordentlich viel zur Hebung der Kunst beitragen können. Die Schauspielkunst (3) bedarf der Ermunterung mehr als alle anderen Künste, deshalb rechtfertigt der Dichter das Ringen nach Beifall und sucht den vergänglichen Ruhm zu einem dauernden zu erheben, indem er dem zu einem geflügelten Worte gewordenen Ausspruch: „dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“ die Sentenz gegenüberstellt:
Aber nicht nur für die Schauspieler, auch für die Zuschauer (4) soll die Bühne eine Bildungsstätte sein; deshalb fühlt sich der Dichter berufen, sein Publicum in eine höhere Sphäre zu versetzen, ihm statt der Dramen aus dem „Bürgerleben“, wie Ifflands und Kotzebues Stücke sie ihm vielfach darboten, jetzt ein Heldendrama entgegenzubringen. Dies erscheint um so wichtiger (5), als auch die Lebensbühne der damaligen Zeit ein Schauplatz war, auf dem um große Güter gerungen wurde, indem der gewaltige Kampf gegen die französische Uebermacht in den Gemüthern sich vorbereitete. Nunmehr zu dem Gegenstande seiner Darstellung übergehend, weist er (6) auf den westphälischen Frieden hin, der dem deutschen Reiche Ruhe auf den übrigen Ländern Europas feste Schranken gab, die aber in jenen Tagen wieder zerfielen. Denn der Friede von Campo Formio (1797), in welchem Oestreich die Niederlande und die italienischen Provinzen abtrat, um dafür Venedig mit Istrien und Dalmatien einzutauschen, bereitete die Auflösung des deutschen Reiches vor; und auf dem Rastatter Congroß (1798) wurden bereits Unterhandlungen wegen Abtretung des linken Rheinufers eingeleitet. Aber deshalb will er nicht an der Gegenwart verzagen, sondern deutet prophetisch auf eine hoffnungsreiche Zukunft hin. Vorläufig aber (7) will er seine Zuschauer mitten in die Zeit des dreißigjährigen Krieges versetzen, wo die furchtbarsten Greuel geschahen und eine allgemeine Verwilderung Platz gegriffen hatte. Besonders weist er (8) auf den Helden seines Stückes hin, dessen Charakter sich zu Sch.’s Zeit mannigfacher Parteistandpunkte halber noch nicht in scharfen Zügen zeichnen ließ, und den er absichtlich idealisirt und in verklärtem Lichte vorführen will, weil die Kunst es mit dem Menschen als solchem zu thun habe. Zunächst bleibt der Held (9) freilich noch im Hintergrunde; nur die Macht, auf welche er sich stützt, soll dem Zuschauer vorgeführt werden, das erste Stück (10) in der Reihe von Gemälden, in welche der Dichter seinen Gegenstand zu zerlegen genöthigt war, ein Verfahren, für welches er die Nachsicht des Publicums in Anspruch nimmt. Schließlich (11) entschuldigt er sich auch bei den an die Prosa gewöhnten Zuhörern wegen der Reimverse, wie sie in den alten deutschen Dramen eines Hans Sachs und Jakob Ayrer im 16. Jahrhundert üblich waren. Durch die Wahl dieser Form setzte Sch. den sogenannten Knittelvers, dieses echt nationale Metrum (vier Hebungen mit willkürlich eingelegten Senkungen) nicht nur in seine alten Ehren wieder ein, sondern er rückte die Dichtung als Zeitbild auch in die Ferne und machte hierdurch eine ruhigere Betheiligung an derselben möglich. Nach diesen Vorerinnerungen konnte der Vorhang aufgehen und Wallensteins Lagerden erwartungsvollen Blicken der Zuschauer sich zeigen. Wie das ganze Stück, so ruht auch das Lager auf geschichtlicher Grundlage, so daß man sich durch alle Scenen desselben (vergl. Dr. Kr. 319) von echt historischem Geiste angeweht fühlt; es ist Wallensteins Soldatenreich, zusammengehalten durch den gewaltigen Zauber seiner Persönlichkeit, das hier dem heiligen römisch-deutschen Reiche gegenübersteht. es ist nicht zu verkennen, daß Sch.’s Aufenthalt in der Karlsschule gewiß wesentlich zu den kräftigen Zügen und zu der frischen Keckheit beigetragen hat, mit der das Ganze hingeworfen ist, das Wallensteins Macht zu unmittelbarer Anschauung bringen und die Zuversicht zu seinem kühnen Unternehmen erklärlich machen sollte. Als Beweis für die frische Keckheit ist zunächst auf die vortreffliche Nachahmung der Volkssprache hinzuweisen. Nicht nur ältere Ausdrücke, wie „der Schick“ (für Benehmen), „baß“ (für tüchtig), sondern auch die Abwandelung der weiblichen Hauptwörter in der Einheit, wie: „in der Sonnen, auf der Erden, vor der engen Stuben, auf der Leipziger Messen, aus seiner Kassen, von der wahren Lehren“ versetzen uns sogleich um ein paar Jahrhunderte rückwärts. Eben so sind niedere Ausdrücke, wie „juchzen (f. jauchzen), just (f. gerade), flott (f. munter), dick (f. zahlreich), flecken (f. vorwärtsgehen), muffig“ (f. versteckt od. tückisch), desgleichen mundartliche Ausdrücke, wie „schier (sd. f. fast), kraus (niederd. f. unordentlich, bunt), Sabel (s. Säbel), thät (f. that), Fratzen (s. Albernheiten), stät (f. beständig) nix“ (f. nichts) und verschiedene niedere Redensarten, wie: „es ist nicht geheuer, ist er bei Troste, es ist nicht ganz ohne, laß er das unterwegen, sie sind ihm am Hofe so nicht grün, werden uns viel um den Kaiser scheren, bleiben wir von (st. fern von) dem Soldatenhaufen, das (das sächliche Fürwort auf eine Person bezogen) denkt wie ein Seifensieder“ – in hohem Grade geneigt, uns mit voller Lebendigkeit in die ungenirte Gesellschaft zu versetzen, die sich vor unsern Augen bewegt. Fügen wir nun noch einige Beispiele des für den Sinn im Allgemeinen überflüssigen Dativus ethicus hinzu, der nur die Theilnahme des Angeredeten in Anspruch nehmen will, wie: „sind euch gar trotzige Kameraden“, „sind dir gar lockere, leichte Gesellen“, wobei zugleich die Auslassung des Subjects charakteristisch ist; erinnern wir ferner an die bei einem Genitiv des Besitzes völlig überflüssigen Possessivpronomina, wie: „auf der Fortuna ihrem Schiff“, „des Teufels sein Angesicht“, und schließlich an manche fremde Ausdrücke, wie „Permiß,, Schenie, Schef“, deren einige man in späteren Ausgaben mit Unrecht in corrrecter Orthographie aufgeführt hat: so hat der Dichter gewiß nichts unterlassen, was auf scharfe Beobachtung der Volkssprache schließen läßt. Wenn schon in der Unbefangenheit der Volkssprache für jeden Beobachter, den Gebildeten, wie den Ungebildeten, etwas echt Komisches liegt, so muß sich dies natürlich auch in dem Volksgeiste zeigen, der ja eben in der Sprache nur zum Ausdruck gelangt. Kuno Fischer , welcher diese Seite des Talents unseres Dichters zu einem Gegenstande besonderer Untersuchungen gemacht, hat nachgewiesen, wie bei Sch. die komische Wirkung überall aus dem naiven Pathos hervorgeht, und versteht hierunter die natürliche Steigerung des Selbstgefühls, die sich in dem Soldatenstande auf ungesuchte Weise so leicht bemerklich macht, vor allem im Kriege. Wenn Sch. so bescheiden ist, von seinem Lager zu behaupten, das ganze Verdienst dieser Dichtung könne bloß Lebhaftigkeit sein, so liegt darin zugleich eine tiefe Wahrheit. Es ist eben die lebhafte Erfassung seines Gegenstandes, bei dem er, unter Fernhaltung jeder besonderen Tendenz, nur die Sache im Auge hat und seinen Humor in ungezwungener Weise walten läßt. Hierdurch ist das Ganze so vortrefflich, so echt poetisch gerathen, daß es jedem unbefangenen Beurtheiler als ein entschieden genialer Wurf erscheinen muß. Sehen wir nun zu, wie der Dichter den einzelnen Figuren ihren bestimmten Umriß und die lebendige Farbe gegeben hat, wobei es ihm, wie Hoffmeister trefflich nachgewiesen, besonders darauf ankam, sie nicht nur als Repräsentanten ihrer Nationen, sondern auch als vorläufige Abbilder ihrer später zu erwartenden Heerführer hinzustellen. Der einfältige Kroat, der sich von dem Scharfschützen prellen läßt und für seinen Kapuziner entschlossen in die Schranken tritt, ist der Stellvertreter des gemeinen Haufens, der weiter nicht denkt, sondern sich „eben nur schlachten“ läßt, gleichzeitig aber auch das treue Abbild seines Generals, des rohen und leichtfertigen Isolani. Der erste Jäger, der lange Peter aus Itzehoe, der wer weiß wie oft den Dienst gewechselt, repräsentirt die Abenteurer und Glücksritter, die sich in großer Masse besonders in dem Holkschen Corps fanden. Obwohl dem Schreibepulte entlaufen, legt er doch einen gewissen Werth auf Lesen und Schreien: sonst aber ist ihm das zügellose Leben sein eigentlicher Lebensgenuß, und die lockende Aussicht auf Beute hinreichende Veranlassung, mit Geringschätzung auf den Bürger herabzublicken. Ihm zu Seite steht der Dragoner aus dem Buttlerschen Regiment, ein unzuverlässiger Charakter, der eben auch nur des Glückes Stern folgt. Ein ganz anderes Gepräge dagegen zeigt der ehrliche Deutsche, der Arkebusier von dem Regiment Tiefenbach, der die Pflicht um seines Eides willen thut, dem der Sinn für Familienleben nicht abhanden gekommen ist, der in dem betrügerischen Bauern immer noch den Menschen sieht und ihn als solchen geschont wissen will, eine Gesinnung, die der großen Masse des Heeres freilich als philiströs, als eines Seifensieders würdig erscheint. diese Gesinnung vertritt neben Anderen auch der Trompeter, ein Freund des Schmucken und Stattlichen, der sich vielleicht auf seinen rothen Haarbusch etwas zu Gute thut, den Werth und die Bedeutung anderer Stände gering anschlägt, und keine andere Ehre kennt, als dem Wallenstein unbedingt ergeben zu sein, wie die Terzkyschen Regimenter überhaupt. Vor allen anderen aber ragt der Wachtmeister hervor, der gravitätische Pedant aus dem Regimente Friedland, der seinen Feldherrn so gut copiren kann, weil er ihn öfter sieht als Andere. Dies giebt ihm auch das Recht, so geheimnißvoll zu thun und den Eingeweihten zu spielen, der Manches verrathen könnte, wenn es sich nur mit der Würde seiner Stellung vertrüge. Daß einem Manne wie er, der den Dienst aus dem Grunde versteht, nichts willkommener sein kann als ein Rekrut, das liegt auf der Hand. Einem solchen Bürgerssohn gegenüber kann er sich seinem Stande, wie seiner Charge gemäß mit vornehmer Herablassung in seinen Reden bewegen; deshalb läßt er ihn auch den ganzen Abstand zwischen einem „alten gedienten Soldaten“ und einem Neuling fühlen, und versteht es, selbst seinem Stocke eine höhere Bedeutung unterzulegen. Neben ihm ist der erste Kürassier gleichfalls ein Soldat, wie er sein soll, der allerdings auch sein Glück in der ganzen Welt versucht hat, aber das Soldatenleben um des Standes willen liebt. Als echter Pappenheimer weiß er den Vorzug dessen sein Corps von dem Feldherrn gewürdigt wird, wohl zu schätzen und hält etwas auf Soldatenehre. Es liegt eine gewisse Noblesse in seinem Benehmen, die an das Heroische streift und auf einen Führer wie Max schließen läßt, dessen Charakter uns volle Achtung abnöthigt. Aber das Bild des Lagers würde unvollständig sein, wenn es uns nicht auch die Kehrseite des munteren Soldatenlebens vorführte. Diese wird zunächst durch den Bauer dargestellt, den der Krieg nicht nur zu Grunde gerichtet, sondern an dem er auch seine entsittlichende Wirkung ausgeübt hat. Die Soldaten heimlich betrügen, um mit List das Verlorene wieder zu gewinnen, das ist jetzt sein trauriges Geschäft geworden, und gewiß würde sich an ihm das Sprüchwort bewähren: „die kleinen Diebe hängt man, und die großen läßt man laufen“, wenn nicht der noble Kürassier als sein rettender Engel erschiene. – Schiller’s Geschichte des dreißigjährigen Krieges spricht (S. 319) auch von funfzehntausend Weibern, welche das Wallensteinsche Lager zählte, da die Gewohnheit jener Zeiten dem Soldaten erlaubte, seine Familie mit in das Feld zu führen. Als eine würdige Repräsentantin dieses eigenthümlichen Trosses erscheint die Marketenderin, die Gustel aus Blasewitz, die der „rauhe Kriegesbesen“ weit in der Welt herumgeführt hat. Ein Muster von weiblicher Zurückhaltung wird man natürlich in ihr nicht suchen; muß sie doch, die von den Soldaten lebt, ihrer ganzen Gesinnung nach mit ihnen übereinstimmen. Wir bewundern aber das vortreffliche Gedächtniß dieser wichtigen Person, die, wenn auch mit einiger Uebertreibung, die halbe Armee in ihrem Buche zu stehen hat, was wir ihr um so lieber glauben, als in den sämmtlichen fünf Scenen, in denen sie erscheint, nur ein einziger, und zwar ein Tiefenbacher, sie nach der Zeche fragt. Der köstliche Humor, mit dem diese Figur behandelt ist, verpflichtet uns, daran zu erinnern, daß Sch. während seines Aufenthalts in Loschwitz bei Dresden öfter nach dem Dorfe Blasewitz am entgegengesetzten Ufer der Elbe fuhr, wo eine niedliche Gastwirthstochter ihn lebhaft interessirte. Diese „Gustel aus Blasewitz“, welche er hier in seiner Marketenderin verewigt hat, vermählte sich später mit dem Senator Renner in Dresden und ist dort vor wenigen Jahren in hohem Alter als Wittwe gestorben. Wir schließen die Reihe der Personen mit dem an den Pater in den Räubern erinnernden Kapuziner, den der Dichter, wie bereits erwähnt, auch zuletzt in sein Stück hineingebracht hat; denn neben dem Soldatenschulmeister, der (Sc. 5) freilich wenig zu sagen hat, mußte natürlich auch der um so bedeutungsvollere geistliche Stand vertreten sein. Damit Sch. sich zu dieser Figur in die rechte Stimmung versetzen möchte, lieh ihm Goethe eine Schrift von dem freilich erst dreißig Jahre nach Wallensteins Tode berühmt gewordenen Abraham a Sancta Clara, betitelt: „Reimb dich, oder ich Liß dich“, in welcher ein Tractat: „Auff! auff ihr Christen! das ist: Eine bewegliche Anfrischung der Christlichen Waffen wider den türkischen Blut-Egel“ dem Dichter die gewünschte Anregung gab. Sch. schreibt selbst darüber: „Dieser Pater Abraham ist ein prächtiges Original, vor dem man Respect bekommen muß, und es ist eine interessante und keinesweges leichte Aufgabe, es ihm in der Tollheit und in der Geschmeidigkeit nach oder gar zuvor zu thun.“ Bei der Kürze der Zeit, welche dem Dichter für die Zeichnung dieses Charakters zugemessen war, wird es daher nicht Wunder nehmen, daß einige Stellen von ihm wörtlich benutzt worden sind, von einer Nachbildung des Originals kann indessen keine Rede sein. Schillers Kapuziner ist ein Repräsentant des Zelotismus der Bettelorden jener Zeit und spielt, wie Jos. Bayer fein bemerkt, in dem Lager dieselbe Rolle in offener und derber Weise, die Pater Lamormain (s. d.) fein und versteckt, und darum ganz richtig im Hintergrunde bleibend, am Hofe spielt. Durch die allen Eiferern überhaupt anhaftende Keckheit, die mit seinem Stande seltsam contrastirt, wird er natürlich auch humoristisch; aber streng genommen ist er (nach K. Fischers trefflicher Charakteristik) eigentlich nur erbittert und dabei zur Uebertreibung geneigt; er kann nur dreinschlagen und die Leute schlecht machen, so daß kein gutes Haar an ihnen bleibt, und versteht es, mit gewissen Schlagwörtern vor Allem auf die Gesammtheit zu schimpfen. Dadurch natürlich gelingt es ihm, den Einzelnen für sich zu gewinnen, der in dem Gefühl, keinesweges so abscheulich zu sein wie die Geschilderten, am liebsten an seine Nebenmenschen denkt, sich selbst aber am wenigsten getroffen fühlt. Außerdem versteht es dieser Kapuziner, seine Zuhörer durch allerlei lustige Wortspiele zu amüsiren, und imponirt ihnen nicht nur durch eine gewichtige Anzahl lateinischer Brocken, die er ihnen (vergl. Lateinisches) auf möglichst freie Weise übersetzt, damit sie auch genau auf die Soldaten passen, sondern gleichzeitig durch eine Menge guter und böser Beispiele aus der Bibel, hinter denen er sich mit seinen Schimpfreden sicher verschanzen kann. Als sich seine Erbitterung jedoch gegen den von der Geistlichkeit verketzerten, von den Soldaten aber hochverehrten Feldherrn richtet, da machen diese ihm handgreiflich klar, daß sie sich so etwas nicht gefallen lassen wollen. Nur die einfältigen Kroaten, auf die seine Rede sichtbar eingewirkt, nehmen sich seiner an. Das genügt ihm aber vorläufig; denn hat er nur erst den Soldatenpöbel für sich gewonnen, so werden die anderen schon nachfolgen, sobald der Feldherr mit seiner verbrecherischen That hervortritt. Worin besteht nun die Handlung des Lagers? Denn ohne eine solche würde ihm der dramatische Charakter fehlen. Wir finden die Truppen (Sc. 1) in den böhmischen Winterquartieren, die sie zuerst nach der Schlacht bei Lützen bis zum Frühjahr 1633, und jetzt zum zweiten Male (vom November 1633 bis zum Februar 1634) bezogen haben, nachdem das Land schon vorher (nach der Schlacht bei Leipzig 1631) von den Sachsen unter Arnim (V. 32) heimgesucht worden war. Wie es dem armen Lande ergangen, was die Einwohner von dem Stolz, dem Uebermuth und der Grobheit der Soldaten zu leiden haben, erfahren wir von dem Bauer; von den Soldaten dagegen hören wir (Sc. 2), daß die Herzogin, Wallensteins Gemahlin, mit ihrer Tochter in Pilsen eintreffen soll. Diese Veranlassung macht den Sonntag, an dem die Handlung vorgeht, zu einem doppelt festlichen Tage, so daß von der doppelten Löhnung wohl nicht viel übrig bleiben wird, umsomehr, als es darauf abgesehen ist, die neuangekommenen Truppen zu gewinnen. Die Soldaten merken wohl, daß etwas Besonderes vorgeht, und aus ihren spitzigen Reden gegen die Regierung in Wien, wie aus dem Mißtrauen, mit welchem sie den Kriegsrath Questenberg (V. 23 „die alte Perrücke“) betrachten, können wir auf ihre Anhänglichkeit an Wallenstein schließen. Sie lassen es sich daher im Lager ruhig wohl sein, beschäftigen sich einstweilen (Sc. 3) mit Stibitzen, Tauschen, Handeln und Betrügen, und lassen sich die Nachricht, daß (Sc. 4) dem Kurfürsten von Baiern Regensburg genommen worden sei, eben so wenig nahe gehen wir ihr Feldherr. Inzwischen sind (Sc. 5) die neuen Truppen und mit ihnen die Marketenderin angekommen, die uns einen kurzen Ueberblick über den bisherigen Verlauf des Krieges und seine weite Ausdehnung giebt, während wir (Sc. 6) von den Holkischen Jägern erfahren, in welcher wilden Weise derselbe geführt worden ist, und wie die Truppen über die Gewalt ihres Feldherrn denken, dem sie mit abergläubischer Verehrung ergeben sind. Daß des Friedländers Macht immer noch im Wachsen begriffen ist, veranschaulicht uns der Dichter (Sc. 7) durch die Einführung des Recruten, den der philiströse Bürger vergeblich von dem allgemeinen Kriegesschwindel zurückzuhalten sucht, während der erfahrene Wachtmeister ihm mit stolzem Selbstbewußtsein seine Soldatenphilosophie vorträgt. Aber nicht alle denken wie Wallenstein und sein Heer. Der Kapuziner (Sc. 8), der es meisterhaft versteht, seine beschränkten und abergläubischen Vorstellungen mit einer Fluth von biblischen Reminiscenzen aufzuputzen, erscheint und hält den Soldaten eine Strafpredigt. Von der Sonntagsentheiligung ausgehend, schildert er die Noth der Zeit und erinnert an die Strafgerichte Gottes, welche in Folge des greulichen Sündenlebens hereinbrechen werden; aber er mischt sich auch in die Politik und vertritt die Partei seines Kaisers; er verlangt, daß das Heer Böhmen verlasse, dem Kurfürsten von Baiern zu Hülfe eile und sich gegen die ketzerischen Schweden wende. Und wenn die meisten Lagergenossen hierauf auch wenig hören und ruhig weiter zechen, die geschichtlich richtige Thatsache: „drum kann er den Hahn nicht hören krähn“ hat einzelne Soldaten (Sc. 9) doch stutzig gemacht. Mit des Wachtmeisters sinniger Entschuldigung, daß sein Feldherr gar zu tiefe Sachen denke, bildet der bei seinen falschen Würfeln ertappte Bauer zunächst nur einen seltsamen Contrast. Aber nachdem er dem (Sc. 10) zu erwartenden Hängen glücklich entronnen, und zwar durch den Spruch eines Pappenheimers, dessen Regiment seine eigenen Justiz ausüben darf, da bricht (Sc. 11) die Unzufriedenheit unter den Truppen hervor. Die Zumuthung, acht der besten Regimenter vom Heere zu trennen, um den spanischen Infanten aus Mailand nach den Niederlanden zu begleiten, beleidigt ihr Selbstgefühl. Der Wachtmeister spricht das aus, was in Aller Herzen lebt, öffnet den Gedankenlosen die Augen und prophezeit dem Heere, was es von Wien her zu erwarten hat. Jetzt regt sich die Neigung zum Widerstande. Die Soldaten kennen die Bedingungen, unter denen Wallenstein das Commando übernommen hat; sie fühlen sich daher berechtigt, nicht dem Kaiser, sondern nur ihrem Feldherrn zu gehorchen; sie wollen nicht, daß seine Regimenter von einander getrennt werden. Aber es soll keine Meuterei statt finden; sie fassen den Beschluß, ihren Willen ordnungsgemäß kund zu geben, und der junge Piccolomini, der Wallensteins volles Vertrauen genießt und zugleich bei Hofe in Ansehen steht, soll ihr Sprecher sein. Hierauf erhält das Ganze mit dem Reiterliede einen beruhigenden Abschluß. Als Sch.’s Lager auf den deutschen Bühnen erschien, war man daran gewöhnt, nichts anderes als Commerzienräthe, Pfarrer, Secretaire, Fähnriche und als komische Gestalt etwa einen Schulmeister über die Bretter gehen zu sehen. Jetzt plötzlich sollten diese die Welt bedeuten, und in einer Zeit, wo die politischen Ereignisse alle Gemüther lebhaft in Anspruch nahmen, wehte den Zuschauern unerwartet der Geist der Weltgeschichte von der Schaubühne entgegen. Kein Wunder also, daß die Wirkung eine gewaltige war. Die Kritiker freilich gingen, wie Hinrichs (III, 34) berichtet, in ihren Urtheilen auseinander. Wieland fand das Stück seltsamer Weise höchst unmoralisch; Jean Paul vermochte seinen Verdruß über die Vorstellung nicht zurückzuhalten; und Herder, dem vielleicht der barocke Kapuziner ein Dorn im Auge war, wurde gar vor Aerger krank. Im Allgemeinen aber wollte man dem auf das Ideale gerichteten Schiller so etwas kräftig, originell und plastisch Gehaltenes gar nicht zutrauen; mindestens sollte die Kapuzinerpredigt von Goethe herrühren, der doch nur zwei Verse
in die Dichtung eingeschoben hatte, um zu motiviren, wie der Bauer zu den falschen Würfeln gekommen sei. L. Tieck dagegen lobte den echt militairischen Geist und nannte das Stück trefflich und unerreichbar; auch Frau v. Staël war entzückt über den kriegerischen Eindruck; und eine Vorstellung, die man in Berlin vor den Offizieren gab, welche sich eben zum Kriege rüsteten, versetzte Alles in die muthigste Erregung. Eben so lobt Hoffmeister die Naturwahrheit, das Ungesuchte, die Vertrautheit mit der Zeit, die auf Wallenstein und die übrigen Feldherren hinzielenden Andeutungen (vergl. Sc. 6, V. 134 u. 148), die lebensvolle Anschauung und die Steigerung von dem Gemeinen und Unbedeutenden zur höchsten Auffassung des Kriegerlebens. Und Jos. Bayer sagt mit vollem Rechte: „Es weht der echte historische Geist des dreißigjährigen Krieges wohl mit noch stärkerem Hauche durch dieses Vorspiel als durch die beiden größeren Stücke. Es liegt darin eine lebensvolle Kraft der geschichtlichen Illustration, die dieses Expositionsstück zu einem unvergleichlichen Juwel der deutschen Literatur macht.“ Die dem Lager unmittelbar folgenden beiden Stücke Die Piccolomini und Wallenstein’s Todgehören ihrer Entstehung nach so eng mit einander zusammen, daß sie in die Handlung wesentlich eingreifenden Personen (es sind ihrer zwölf) durch beide Dramen hindurchgehen. Es erscheint daher zweckmäßig, die Charakteristik dieser Hauptpersonen einer besonderen Betrachtung der einzelnen Stücke vorangehen zu lassen. Wir beginnen mit Questenberg und Octavio Piccolomini, den beiden Sachwaltern des kaiserlichen Hofes. Der Kammerherr und Kriegsrath Questenberg, den Sch. abweichend von der Geschichte, schon zu Znaïm (s. o. S. 445) mit Wallenstein unterhandeln läßt, wurde nach dem Lager (s. o. S. 447) zu Pilsen gesandt, um hierselbst das Interesse seines Kaisers zu vertreten; er ist also eine geschichtliche Persönlichkeit. Der Dichter zeichnet in ihm einen nüchternen, kalten und besonnenen Charakter, der sich als gewandter Diplomat zu benehmen weiß, den beiden Piccolomini (P. I, 4) schmeichelt, Wallenstein und seiner Heerführung (P. I, 2 u. II, 7) hohes Lob spendet, aber auch geschickt auszuweichen versteht, wo es nöthig ist. Nur dem Octavio gegenüber spricht er sich offen aus und zeigt, wie schwer ihn die Besorgniß drückt, Wallenstein als den allmächtigen Gebieter an der Spitze einer so furchtbaren Macht zu erblicken. Von größerer Bedeutung ist Octavio Piccolomini, dessen Sch. (Dr. Kr. S. 341, 394, 403, 405, 485) erwähnt. Im Jahre 1599 geboren, aus einem der ältesten und berühmtesten Geschlechter Italiens stammend, war er bereits in jugendlichem Alter in Kriegsdienste getreten. Nachdem er zu Mailand unter den spanischen Truppen gedient, kam er als Rittmeister mit einem Regimente nach Deutschland, das der Großherzog von Toscana dem Kaiser Ferdinand II. gegen die Böhmen als Hülfscorps sendete. Von nun an spielte er eine hervorragende Rolle unter den Feldherren des dreißigjährigen Krieges. In der Schlacht bei Lützen soll er das Regiment befehligt haben, durch dessen heftiges Vordringen Gustav Adolph ein Opfer seines Heldenmuthes wurde. Als ihn Wallenstein i. J. 1634 nach den Salzburger Pässen schickte, um die aus Italien zu erwartenden Hülfsvölker zurückzuhalten, ging er von hier heimlicher Weise nach Wien und setzte den Kaiser von den verdächtigen Planen seines obersten Feldherrn in Kenntniß, worauf er nebst Gallas und Altringer den Befehl erhielt, den Herzog von Friedland lebendig oder todt zu fangen. Der geschichtliche Octavio war bei Wallenstein’s Ermordung erst 35 Jahr alt; der Dichter, welcher ihm einen erwachsenen Sohn giebt, denkt ihn sich als einen Mann in den Funfzigern. Er ist die Person, in deren Händen die Fäden der gegen Wallenstein gespielten Intrigue zusammenlaufen, doch so, daß der Held des Stückes gleich zu Anfang desselben von seinen Schlingen umstellt erscheint. Ein Freund der alten Ordnungen des Staates, wie der in der menschlichen Gesellschaft bestehenden Einrichtungen, weshalb ihn auch Questenberg unter den Feldherren (P. I, 2) als „den erfahrenen Rath „hervorhebt, ist er bemüht gewesen, Wallenstein’s Abfall zu verhindern, hat ihm bei den Eröffnungen, die derselbe ihm (Dr. Kr. 394) gemacht, seine Bedenken geäußert und ihn (P. V, 1, V. 173) im Ernst von dem gefährlichen Schritte abgemahnt. Da dies aber nicht geholfen, so sinnt er nun heimlich darauf, dem Kaiser das Heer zu erhalten. Ein Feind von wilden Zechgelagen (P. IV, 6), zieht er sich von den zu allerlei Ausschreitungen geneigten Officieren zurück und wendet sich denen zu, die von besonnenerem Charakter sind. Buttler hat er bereits (P. I, 3, V. 10) ausgeforscht, und Altringer und Gallas sind (P. I, 3 u. V, 2) schon gewonnen. Jetzt handelt es sich darum, auch die anderen Generale herüberzuziehen; das kann aber nur durch List geschehen. Obwohl er fühlt, daß Questenberg ihm vom Hofe (P. I, 3) ein gefährliches Amt überbracht, daß er sich hüten muß, Verdacht zu erregen, weiß er sich doch durch alle Klippen hindurchzuwinden. Die Pflicht gegen seinen Kaiser und die kluge Rücksicht für seine eigene Person werden die Richtschnur für sein Betragen. Während er (P. I, 2) nicht nur einem Buttler, sondern auch einem Isolani zu schmeicheln versteht, hat er gleichzeitig den obersten Feldherrn mit Horchern umstellt, die ihm alle Schritte desselben hinterbringen müssen. Sich selbst dagegen versteht er wohl zu sichern, indem er seinen Verkehr mit den Unterhändlern (P. V, 2) durch die Kapuziner vermittelt. Was er in dieser Beziehung thut, glaubt er wohl verantworten zu können; er stützt sich auf seinen Kaiser, dessen Politik sein Gewissen beruhigt; und so benutzt er das Manifest, welches Wallenstein in die Acht erklärt und das Heer von dem Gehorsam gegen seinen Feldherrn losspricht, um dem Kaiser neue Freunde zu gewinnen. Daß dabei auch wirkliche Hinterlist gegen den Herzog mit unterläuft, indem er Buttler (T. II, 6, V. 93) den Brief zu lesen giebt, welcher sich so unvortheilhaft über ihn geäußert, macht ihm um so weniger Bedenken, als dies Verfahren gleichzeitig den Schein der Offenheit gegen den hinterrücks verleumdeten Buttler an sich trägt. Er glaubt sich daher vollständig berechtigt, seine krummen Wege (P. I, 4, V. 80-85) als Wege der Ordnung zu schildern, um sich so seinem Sohne gegenüber rechtfertigen zu können. Wenn Hoffmeister bei Octavio die Uebereinstimmung des Charakters mit sich selbst vermißt, und meint, Sch. habe sich bemüht, das Gehässige in seinem Verhältnisse zu Wallenstein zu mildern, so ist dem gegenüber daran zu erinnern, daß Octavio, wie er (P. I, 3, V. 75) selbst sagt, dem Wallenstein nur sein wahres Herz verbirgt, ohne ihm jedoch ein falsches zu heucheln; besonders aber ist auf die ganze Scene (P. V, 1) zu verweisen, die bei der Beurtheilung von Octavio’s Charakter nicht außer Acht gelassen werden darf. Schließlich rechtfertigt Sch. sich selber treffend mit den Worten: „Es lag weder in meiner Absicht, noch in den Worten meines Textes, daß ich Octavio Piccolomini als einen so gar schlimmen Mann, als einen Buben darstellen sollte. In meinem Stück ist er das nie; er ist sogar ein ziemlich rechtlicher Mann nach dem Weltbegriff, und die Schändlichkeit, die er begeht, sehen wir auf jedem Welttheater von Personen wiederholt, die, so wie er, von Recht und Pflicht strenge Begriffe haben. Er wählt zwar ein schlechtes Mittel, aber er verfolgt einen guten Zweck. Er will den Staat retten, er will seinem Kaiser dienen, den er nächst Gott als den höchsten Gegenstand seiner Pflichten betrachtet. Er verräth einen Freund, der ihm vertraut, aber dieser Freund ist ein Verräther seines Kaisers, und in seinen Augen zugleich ein Unsinniger.“ Mit Rücksicht auf den Schluß des Stückes fügen wir noch die historische Thatsache hinzu, daß Octavio nach Wallenstein’s Tode einen Theil der Güter des Ermordeten erhielt, und daß er ferner wegen anderweitiger wichtiger Dienste, die er dem Kaiser später leistete, nach dem Westphälischen Frieden in den Reichsfürstenstand (vergl. T. V, 12) erhoben wurde. Er starb zu Wien 1656. Indem wir nun zu dem Helden unseres Drama’s übergehen, schicken wir folgende beherzigenswerthe Worte voran, die wir in der bereits (S. 452) erwähnten Schrift von Richter (S. 33) finden: „Wir dürfen Wallenstein nicht losgerissen von seiner Zeit betrachten; die blutigen Härten an ihm haften eben an ihr. Er war Feldherr in einem alles erschütternden, alle Leidenschaften entfesselnden, von Mord und Elend durchzogenen Kriege; allein von diesem dunklen Grunde hebt sich gerade seine Heldengestalt in einer jetzt erst deutlich erkannten, wohlthuenden Begrenzung ab. Des echten Heerführers Genius trug ihm die Leuchte vor. Er war oft streng gegen seine Untergebenen im Feld, furchtbar streng; nach der Schlacht von Lützen hat er ein grausames Blutgericht über die feldflüchtigen Officiere gehalten; aber die Begeisterung des Heeres für ihn konnte ihren Grund nicht in der Furcht haben, sondern nur in dem gerechten, mild ernsten Wesen, das der Herzog daheim, der Feldherr draußen durch all sein Thun blicken ließ. Für alle Bedürfnisse seines Heeres war er bis auf’s Einzelste besorgt; seine eigene Casse gab oft die Mittel dazu her; die Mannszucht seiner aus allen möglichen zusammengeworbenen Bestandtheilen gemischten Armee findet sich in keiner aus jener Zeit wieder. Bei der Erhebung der Contributionen, die mit großer Willkür nach Millionen von den unglücklichen Unterthanen, gleichviel ob freund- oder feindlich, erpreßt wurden, erscheint unter allen Generalen des dreißigjährigen Krieges, den protestantischen sowohl als den katholischen, der Herzog allein als der einzig gewissenhafte. Zu wiederholten Malen wies er Anträge, wodurch er sich hätte bereichern können, zurück und blieb mit strengem Ehrgefühl auf seinen guten Ruf bedacht. Er hat wohl manchen schrecklichen Befehl gegeben, allein ein Magdeburg hat nie auf seiner Seele gebrannt.“ So kannte Sch. den geschichtlichen Wallenstein nicht, konnte er ihn nicht kennen. Als Kaiser Ferdinand’s II. Befürchtungen durch das Blutbad von Eger beseitigt waren, kam es ihm darauf an, wie dies in solchen Fällen gewöhnlich geschieht, seine Hände in Unschuld zu waschen. Durch 3000 Seelenmessen, welche er für die Gemordeten lesen ließ, um ihre Seelen aus dem Fegefeuer zu erretten, suchte er sich vor Gott zu rechtfertigen; die Rechtfertigung vor der Welt erfolgte durch eine „auf sonderbaren Befehl des Kaisers herausgegebene“ Schrift: „Alberti Friedlandi perduellionis Chaos, ingrati animi Abyssus“ , nach Richter’s Ausspruch ein Chaos von Lügen, Erdichtungen, falschen Aussagen gedungener Zeugen, unter denen die eines Sesyma Raschin obenan standen. Diese Schrift war die trübe Quelle, aus welcher die Schriftsteller zwei Jahrhunderte lang geschöpft, und leider stand auch unserm Dichter keine reinere Quelle zu Gebote. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn das Bild, welches er (Dr. Kr. 163-165 u. 413-415) von seinem Helden entwirft, denselben als finster, kalt, grausam, hochmüthig, verschlossen und vor Allem von Ehrgeiz und Rachsucht erfüllt, erscheinen läßt; wenn er sein Unternehmen in keiner Weise zu rechtfertigen wagt und den Untergang dessen, der seinen Freunden wie seinen Feinden gleich verdächtig erschien, als selbstverschuldet betrachtete. Wenngleich nun Sch. an W. v. Humboldt schreibt: „Vordem habe ich, wie im Posa und Carlos die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht; hier im Wallenstein will ich es probiren und durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität entschädigen“ – so mußte ihm doch bald klar werden, daß ein Charakter, wie er ihn aus seinen geschichtlichen Studien kennen gelernt, zum tragischen Helden wenig geeignet sei. Es kam ihm also darauf an, das Rauhe und Barbarische in seinem Auftreten zu mildern, und edlere Züge, wie Familiensinn, Freundschaft, Wohlwollen und Vaterlandsliebe in wohlthuender Weise hervorzuheben, mit einem Worte seinen Helden doch zu idealisiren (vergl. S. 453), um ihn dem menschlichen Herzen (Prol. V. 105) näher zu bringen. Was aber seine Schuld betrifft, so suchte er ihn in einer Art von Verblendung darzustellen, die ihn mit unbedingter Zuversicht zu sich selbst, wie zu seiner Macht und zu seinem Glück erfüllte, während er in seiner Umgebung eine Verkettung von Ereignissen herbeizuführen bemüht war, welche als Folgen seines Vergehens ihn umstrickten und somit seinen Untergang herbeiführten. So konnte die Tragödie allerdings „den Menschen in des Lebens Drang“ zeigen und „die größere Hälfte seiner Schuld den unglücklichen Gestirnen zuwälzen“. Fassen wir nun den Charakter dieses idealisirten Wallenstein näher in’s Auge. Wichtige Züge aus seiner Jugend theilt uns Gordon (T. IV, 2, V. 104-133) mit; was das Heer von ihm hält, sagt uns (L. 6, V. 126 etc.) der Jäger; was die Welt von ihm urtheilt, erfahren wir (P. I, 2, V. 5-10) von Questenberg; und wie die ihm ergebenen Generale über ihn denken, schildert uns (P. I, 4, V. 26-79) des jungen Piccolomini beredter Mund. So suchte Sch. die hervorragendsten Züge aus dem Leben des geschichtlichen Helden seiner Dichtung einzuverleiben, um den Leser für ihn als Menschen zu interessiren und gleichzeitig seine Handlungsweise psychologisch zu begründen. Außerdem aber schiebt er der letzteren edle Motive unter, indem er ihn als Reichsfürsten höhere Zwecke verfolgen läßt. In dieser letzten Eigenschaft hat Wallenstein nicht nur (P. II, 5, V. 28-49 und V. 167-169) das Beste des deutschen Reiches im Auge, dem er gern (P. V, 1, V. 71 u. T. III, 15, V. 120) den Frieden schenken möchte; sondern selbst die Ruhe Europa’s liegt ihm (P. I, 4, V. 185) am Herzen. Auf diese Weise eilte der Dichter dem Urtheil seiner Zeit voraus, mit richtigem Blicke ahnend, daß der Held seines Drama’s auch als geschichtliche Person der Nachwelt in milderem Lichte erscheinen würde. Wenn O. V. Richter in der oben (S. 452) citirten Schrift sagt: „Was Wallenstein in seiner friedlichen Zurückgezogenheit so segnend und beglückend kennen gelernt hatte, wollte er seinem ganzen deutschen Vaterlande geben; die Fremden, welche nur noch mehr die Drachensaat der Uneinigkeit säeten, wollte er in ihre Grenzen zurücktreiben, den Frieden von ihnen erringen und, wenn es sein müßte, von den deutschen Fürsten erzwingen, um der unseligen Zerspaltung Deutschlands ein Ende zu machen“ – so sehen wir in diesen Worten ein Bild des Helden, wie es unserm Dichter vorgeschwebt, der uns zugleich in Wallenstein’s vertraulichen Gesprächen und Monologen tiefe Blicke in sein Inneres und in die geheimnißvolle Werkstatt seiner Plane thun läßt. Wenn die Geschichte den tief ernsten und verschlossenen Wallenstein doch in seinem Familienleben als den treuesten Gatten, den zärtlichsten Vater und den gütigsten Herren darstellt, so hat der Dichter es nicht vergessen, auch dieser Seite seines Wesens einen Ausdruck zu geben. Er kennt (T. III, 4, V. 35) das Bedürfniß, im Kreise der Seinen von den Sorgen der Geschäfte auszuruhen, verlangt (P. II, 2), daß seiner Gemahlin selbst am Kaiserhofe mit Achtung begegnet werde, und freut sich seiner Tochter, die er gern glücklich sehen, und der er deshalb ein glänzendes Geschick bereiten möchte. Und als er Max, seinen Liebling, verloren hat, da klagt er (T. V, 3), daß die Blume aus seinem Leben hinweg sei, daß er den verloren, der seinem Dasein einen poetischen Reiz verliehen. So erblicken wir mitten in den Zeiten der Rohheit die sittlich edle Natur, die auch die spätere Geschichtsforschung dem großen Feldherrn nicht hat absprechen können. Da der dreißigjährige Krieg seiner ersten Veranlassung nach um des Glaubens willen geführt wurde, so erscheint es wichtig, auch über Wallenstein’s religiöse Anschauung in’s Klare zu kommen. Die Geschichte berichtet, daß er um des Glaubens willen Niemand haßte, ja daß ihm die damals so wichtige Verschiedenheit des Bekenntnisses nicht nur gleichgültig war, sondern daß er seine tolerante Gesinnung auch offen an den tag legte, indem er (vergl. T. IV, 3) zu Glogau eine protestantische Kirche bauen ließ und einen Protestanten zu seinem Kanzler machte. Eben so zeigte er eine entschiedene Vorliebe für seine tapferen protestantischen generale Arnim, Julius von Sachsen, den Herzog von Lüneburg, Schafgotsch, Sparr und andere; und der italienische Graf Gualdo Priorato berichtet: Er bemühte sich sehr oft, die Herzen derjenigen zu versöhnen, welche sich wegen abweichender Ansichten in Glaubenssachen haßten; Krieg führen, um einen fremden Glauben aufzudringen, war ihm nicht gegeben. Dieser Gesinnung entsprach auch der nach Gustav Adoph’s Fall dem Kaiser (Dr. Kr. 362) ertheilte, aber freilich vergebliche Rath, „eine uneingeschränkte Amnestie zu verkündigen und den protestantischen Ständen mit günstigen Bedingungen entgegenzukommen.“ Auch diese Seite seines Charakters findet in der Dichtung ihren Ausdruck in der humanen Behandlung des Grafen Thurn (P. II, 7, V. 106-118), wie in den Gesprächen mit Wrangel (T. I, 5) und dem Bürgermeister (T. IV, 3). War Wallenstein nun auch freisinnig genug, um sich gegen die so scharf ausgeprägten confessionellen Verschiedenheiten seiner Zeit indifferent zu verhalten, so hatte doch das Gefühl seiner Abhängigkeit von einer höheren Macht ihm eine feierlich ernste Richtung gegeben, die sich vor Allem in seinem Glauben an die Sterne offenbarte. Als nach dem Regensburger Fürstentage die kaiserlichen Gesandten zu ihm nach Memmingen kamen, um ihn nur Niederlegung seines Feldherrnamtes zu bewegen, nahm er, wie Hinrichs (III, S. 63) berichtet, eine lateinische Schrift von dem Tisch, die des Kaisers, des Kurfürsten von Baiern und seine eigene Nativität enthielt, als sie ihnen vor und sagte: „Ihr Herren, aus den astris könnt Ihr selbst sehen, daß ich Eure Commission gewußt, und daß des Kurfürsten von Baiern Spiritus des Kaisers seine dominirt; daher kann ich dem Kaiser keine Schuld geben; wehe thut es mir nur, daß sich Ihro Majestät meiner so wenig angenommen; ich will aber Gehorsam leisten.“ Mit Beziehung hierauf läßt der Dichter (T. III, 3, V. 39-46) Wallenstein’s Gemahlin sagen, daß sich seit dem Unglückstag zu Regensburg sein Herz den dunklen Künsten zugewandt habe. Wallenstein folgte hierin zunächst der Sitte seiner Zeit, in welcher die Astrologen von Fürsten und vornehmen Herren hochgeehrt waren; und so sehen wir in dem Itlaiener Seni (vergl. Dr. Kr. 163 u. 331), dem unentbehrlichen Begleiter Wallenstein’s, das ganze Wesen jenes mystischen Elements in höchst anschaulicher und wirksamer Weise verkörpert. Schon im Lager (Sc. 6, V. 195) wird auf diese seltsame Figur hingedeutet, die, wenn sie auch in die Handlung nirgend wirksam eingreift, doch viel Fesselndes hat, und bei der es dem Dichter entschieden gelungen ist, dem astrologischen Motiv die von ihm erstrebte „poetische Dignität“ zu geben. Seni steht unter der Herrschaft erträumter Mächte, eines Aberglaubens, in dem allerdings manches Sinnige liegt, der indessen vor dem Lichte der Wissenschaft in Nichts zerronnen ist. Zugleich ist er von religiösen Anschauungen erfüllt, denen ein unbefangenes Gemüth seine Zustimmung nicht versagen kann, aber seine eigenmächtigen, beschränkten Deutungen gewisser Erscheinungen machen einen wunderlichen Eindruck. „Nichts in der Welt ist unbedeutend“, mit diesen Worten führt er sich (P. II, 1) ein; deshalb giebt es für ihn heilige und böse Zahlen, auf welche seine Umgebung achten soll; und selbst die Linien in Thekla’s Hand (P. III, 4) werden ein Gegenstand seiner Untersuchung und veranlassen ihn zu prophetischen Deutungen. Von einer Kunst eingenommen, ist ihm jeder freie Blick versagt, überall sehen wir ihn von unheimlichen Mächten umgarnt, er ist die Personification des finsteren Geistes, der nach Thekla’s Ausspruch durch Wallenstein’s Haus geht. Wie Seni dem Herzog innig ergeben ist, so erscheint dieser von dem Glauben an die Sterne fest umstrickt. Goethe hatte Sch. darauf aufmerksam gemacht, daß der astrologische Wahn sein Aberglaube sei, der sich aus dem dunkeln Gefühle eines ungeheuren Weltganzen herleiten lasse und wohl im Stande sei, eine mächtige Einwirkung auf die menschliche Natur, selbst auf ihr sittliches Verhalten auszuüben. Sch. mußte ihm beistimmen (vergl. ob. S. 437) und konnte dies um so leichter, als hochstrebende Naturen fast immer an einen Stern glauben, der ihnen leuchtet, von einer Mission träumen, die sie zu erfüllen haben. Auf diese Weise erhielt die Verarbeitung des astrologischen Motivs in die Charakterzeichnung seines Helden das Gepräge einer tieferen psychologischen Wahrheit. Bekanntlich hat Kepler, der eine Zeit lang in Wallenstein’s Diensten stand, diesem das Horoskop gestellt, wonach für unsern Helden neben Jupiter auch Saturn im Hause des Lebens gestanden. Wallenstein fand in dem Astronomen nicht, was er suchte, und gab ihm, vermuthlich um seiner los zu werden, eine Professur an der Universität Rostock. Bei Sch. ist Jupiter des Herzogs Stern, der ihm bei der Geburt aufgegangen, und eben so ist Venus ein ihm günstiger Planet, während Mars und Saturn (T. I, 1) als unheilvolle und schadenbringende Gestirne erscheinen. Wie Wallenstein selbst ganz in astrologischen Anschauungen lebt, so wirkt er auch auf einen Theil seiner Umgebung; nicht nur dem Max erscheint er (T. II, 2) wie der feste Stern des Pols, sondern auch seine Truppen folgen (T. II, 3) seinen Sternen, die er in der Bedrängniß (T. I, 7, V. 79) als hülfreiche Mächte anruft. Seinen Liebling Max vergleicht er (P. II, 4) mit der Venus, dem glücklichen Gestirn des Morgens, das der aufsteigenden Sonne vorangeht; und wenn er auch (T. V, 3, V. 43) von dem im Kampfe Gefallenen sagt: „Er gehört nicht mehr den trüglich wankenden Planeten“ – so soll dies für ihn doch nichts anderes heißen, als: er ist nicht mehr von den uns täuschenden Constellationen abhängig. Den sich auflösenden Nebenmonden, einer Erscheinung, welche die Physik als eine Wirkung der in der Atmosphäre schwebenden feinen Eisnadeln betrachtet und theils aus der Reflexion, theils aus der Beugung der Lichtstrahlen an der Oberfläche dieser Nadeln zu erklären sucht, legt er (T. IV, 3, V. 32) nach der abergläubischen Gewohnheit seiner Zeit eine politische Bedeutung bei. Die Astrologie muß ihm auch helfen, über die Zuverlässigkeit seiner Generale zur Gewißheit zu kommen, auch ihnen hat er das Horoskop gestellt. Er traut daher dem Illo, dem der Jupiter bei der Geburt hinabstieg (P. II, 6, V. 95-126), keine höhere Einsicht zu, obwohl er dessen praktischer Richtung seine Anerkennung nicht versagen kann; dagegen vertraut er dem Octavio, der (P. II, 6, V. 18) mit ihm unter gleichen Sternen geboren ist (T. II, 3, V. 48-50), mit unbedingter Zuversicht. Ja so gewaltig ist die Macht seines Glaubens, daß, als er an dem schändlichen Verrath nicht mehr zweifeln kann, er (T. III, 9) in die völlig widersinnig klingenden Worte ausbricht:
Wenn Gustav Adolph, wie wir bei Hinrichs (III, 74) lesen, einst sagte: „Der Kaiser hat drei Generale, einen Pfaffen, das ist Tilly; einen Narren, das ist Wallenstein; und einen braven Soldaten, das ist Pappenheim“ – so bezieht sich das dem Wallenstein beigelegte Prädicat vielleicht wenige rauf seine astrologischen Phantasieen, denen ja selbst ein Melanchthon nicht abhold war, als auf seinen Aber- und Wunderglauben, der sich an das Wirken und Walten der sogenannten Elementargeister anschloß, wie sie uns aus Goethe’s Faust (Bd. 11, S. 52) bekannt sind. Welche Macht die Salamander, Undinen, Sylphen und Gnomen (od. Kobolde) selbst in den Augen strebsamer Denker auf den Menschen auszuüben vermochten, das ist uns dort zu lebendiger Anschauung gebracht. Auch Sch.’s Wallenstein ist diesem Glauben zugethan. Von Max, dem Idealisten, kann er (T. II, 2, V. 111) sagen, „er wohnt im leichten Feuer mit dem Salamander“ (s. d.), welcher unter den Elementargeistern eben seines vermeintlichen Aufenthalts wegen als einer der reinsten betrachtet wurde. Wallenstein selbst dagegen ist Realist; er strebt nach Macht und Reichthum, Gütern, die er nur „den falschen Möchten“ (V. 121), den von Saturn beherrschten bösen Geistern (vergl. T. I, V. 25-32) unter der Erde abgewinnen kann. Im Zusammenhange mit diesem Wahn steht sein Glaube an die Träume. Nach seiner eigenen Mittheilung (T. II, 3, V. 79) hat er das Schicksal herausgefordert, ihm ein Zeichen zu geben, wer ihm der Treueste sei, und in einem Traume ist ihm (V. 51) ein Pfand zu Theil geworden, daß er sich auf Octavio unbedingt verlassen könne. Wenn er bei dieser Gelegenheit (T. II, 3, V. 100) sagt: „Es giebt keinen Zufall“, so ist dies nur auf bedeutsame Ereignisse zu beziehen, wie die wunderbare Erfüllung des Traumes; denn anderwärts spricht er von Zufall, wie (T. I, 3, V. 39): „Es ist ein böser Zufall“, nämlich daß der Sesin gefangen ist; desgl. V. 83: „Ich bin es nicht gewohnt, daß mich der Zufall blind waltend, finster herrschend mit sich führe“; und (T. II, 3, V. 115): „Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.“ Sein Vertrauen zu den Sternen, sein Glaube an das Walten und Wirken der Elementargeister und seine Zuversicht zu den Träumen, sie zusammen bilden an „Weltgeist“ (T. II, 3, V. 55), eine eigene mystische Philosophie, die ihm ein Leitstern auf seinem Lebenswege ist. Die innere Welt, der „Mikroskosmus“ (ebendas. V. 112) ist ihm das Weben des Weltgeistes (bei Goethe, Faust S. 22 „Geist der Erde“) in der Seele Octavio’s, so daß derselbe nicht nach seiner Willkür oder dem Willen eines Andern handeln kann, sondern diesem Geiste folgen muß. Dagegen ist ihm der „Lügengeist“ (T. III, 4, V. 19 – Goethe, Faust S. 75) der ihm feindliche böse Dämon, d. h. bald die „falschen Mächte, die unterm Tage schlimm geartet hausen“, bald die Maléfici am Himmel, die feindlichen Planeten Mars und Saturn, die ihn zu berücken und schließlich zu verderben suchen. Vergl. Helbig, S. 346. Wie wird sich ein so angelegter Charakter, bei dem Verstand und Aberglaube, Vorsicht und Uebermuth, Ehrgeiz und Eigennutz, Bedachtsein auf seinen guten Ruf und Neigung zu kühnem Frevel in stetem Conflict mit einander sind, sich nun verhalten, wenn es darauf ankommt, unter verwickelten Verhältnissen zu handeln? Sch. sagt (G. Schwab, S. 631) von dem historischen Wallenstein: „In seinem Betragen war er schwankend und unentschlossen, in seinen Planen phantastisch und excentrisch, und in der letzten Handlung seines Lebens, der Verschwörung gegen den Kaiser, schwach und unbestimmt, ja sogar ungeschickt.“ Hierin ist uns ein Wink für die Beurtheilung des dramatischen Helden gegeben, wie ihn der Dichter gezeichnet. Von stolzem Selbstbewußtsein erfüllt, traut sich der unter der Herrschaft erträumter Mächte stehende, also eigentlich innerlich unfreie Mann die Kraft zu, sich in jedem Moment frei entschließen zu können. Abhängigkeitsgefühl und Selbstvertrauen, das sind also die beiden schlechthin unvereinbaren Gegensätze, die in diesem merkwürdigen Charakter sich mischen. Kein Wunder also, daß der, der dauern mit sich selber spielt, auch (P. II, 5, V. 66) seinem eigenen Schwager, dem Terzky, sagen kann, daß er sein Spiel mit ihm getrieben, seine Generale möglicherweise alle zum Besten haben könne. Und thut er das nicht? Obwohl er ihnen (T. II, 3, V. 38) sagen kann, er „lasse jedem seinen Sinn und Neigung“, so hat er doch von ihnen (P. II, 6, V. 26) eidlich und schriftlich Parole verlangt, sich seinem Dienste unbedingt zu widmen; und als er hört, Max habe die Unterschrift verweigert, stimmt er (T. I, 3, V. 72) dessen Aeußerungen ruhig bei: „Es braucht das nicht, er hat ganz Recht.“ Wallenstein fühlt also, daß er zu seinen Generalen in eine zweideutige Stellung gerathen ist, daß er in der verlangten Unterzeichnung der Eidesformel ein Mittel gewählt hat, das sich nicht rechtfertigen läßt; und wenn er sich in schwierigen Momenten (T. III, 6 u. 7) auch augenscheinlich bemüht, seine ganze Fassung zu bewahren, so verliert er doch innerlich alle Haltung und mit ihr das Vertrauen seiner Officiere. Ja selbst sein Liebling Max muß an ihm verzweifeln, wenn er (T. III, 18) hört, wie er von seiner Macht Gebrauch machen, für den Verrath des Vaters Rache an ihm nehmen will, und doch gleich darauf in den bewegtesten Ausdrücken von seiner Liebe zu ihm reden kann. So schwankend, wie Wallenstein in seinem Benehmen, so „phantastisch und excentrisch“ ist er auch in seinen Planen. Obwohl er dem Kaiser (T. I, 7, V. 106) das Gute, das er von ihm erfahren, nicht vergessen kann, so macht es ihm doch Freude, ihn seine Macht fühlen zu lassen, ihn abhängig von sich zu wissen. Nur ein Feldherr ersten Ranges kann sich so wie er (P. II, 7) dem Questenberg gegenüber vertheidigen, ihm zu verstehen geben, daß der Krieg vom grünen Tische aus sich ganz anders ansehe als im Feldlager; kann mit einer so unerschütterlichen Standhaftigkeit die Eingriffe zurückweisen, welche der Kaiser sich in die Kriegführung erlaubt; nur ein seinem Gebieter geistig ebenbürtiger Machthaber kann dem Kriegsrath offen erklären, daß er das in Wien gesponnene Gewebe wohl durchschaue, daß ihm aber des Reiches Wohlfahrt mehr am Herzen liege, als der persönliche Vortheil seines Kaisers. Es ist eine wahrhaft dämonische Freude an der in seine Hände gegebenen Gewalt, mit der er dem Questenberg zu imponiren versteht, ihm zeigt, daß er sehr wohl dem Kaiser schaden könnte, wenn er wollte. Und will er das nicht? Nicht nur die Sucht nach Ruhm, auch das Verlangen nach Größe hat sein Herz ergriffen. Er weiß, daß das böhmische Volk dem Kaiserhause wenig zugethan ist; was es heißt, ein Land zu regieren, das hat er bei der Verwaltung seiner umfangreichen Güter erfahren; sollte er nicht das Geschick haben, ganz Böhmen zu regieren, nicht berechtigt sein, nach dessen Königskrone zu streben? Und was der Kaiser aus freiem Antriebe ihm nimmermehr wird geben wollen, wird er das nicht von ihm erzwingen können? Die Versuchung ist groß und geeignet, ihn mit seinem besseren Selbst in Conflict zu bringen. Obwohl er weiß, daß er sich strengem Tadel aussetzt, kann er doch nicht widerstehen. Eine Verbindung mit den Schweden wäre ein geeignetes Mittel, das ersehnte Ziel zu erreichen, und er ist unvorsichtig genug, diesen Plan dem Octavio mitzutheilen. Anfangs ist es nur der Gedanke an die böse That, sein böser Wille ist seine eigentliche Schuld. Aber er geht weiter. Um sich nach allen Seiten sicher zu stellen, giebt er selbst nichts Schriftliches von sich; aber seine Generale müssen ihm eine schriftliche Erklärung aufsetzen, mit der er dem mißtrauischen Wrangel imponiren kann. Denn diesem gegenüber, das sieht er selbst voraus, kann die schlaue Bemerkung (T. I, 5, V. 25): „ich war stets im Herzen auch gut schwedisch“, keine sichere Bürgschaft sein; weiß er doch, daß er im Herzen so denkt, wie er später (T. III, 15, V. 144) den Pappenheimer Kürassieren sagen wird: „Was geht der Schwed’ mich an? Ich haß’ ihn, wie den Pfuhl der Hölle.“ Die Unterhandlung kommt daher vorläufig auch nicht zum völligen Abschluß, denn wie Wallenstein in Sch.’s geschichtlicher Darstellung ein wahrer Fabius Cunctator ist, der, nachdem er Alles zum Abfall vorbereitet, doch so lange zögert, bis Gallas ihn vollständig mit den von Wien aus gesponnenen Netzen umstellt hat, so will auch der dramatische Held den letzten Schritt noch einmal wohl bedenken. Obgleich nach seiner eigenen Charakterschilderung (T. I, 7, V. 80-94) kein Wortheld, sondern zum Handeln geboren, bleibt er doch im Schwanken und will sich nicht eher zu dem verhängnißvollen Schritt entschließen, als bis die Sterne ihn dazu auffordern, so daß die Gräfin Terzky (T. I, 7, V. 95-174) ihre ganze Beredsamkeit aufwenden muß, um ihn zur Entscheidung zu drängen. Es liegt, wie Tieck es besonders an Fleck’s Darstellung (vergl. Hinrichs III, S. 99) rühmend hervorgehoben hat, etwas wahrhaft Gespenstisches in diesem sonderbaren Charakter, der, ernst und finster grübelnd, wie von einer unsichtbaren Macht gehalten und getragen, zu seiner Umgebung fast nur in Räthseln spricht und wie in einem großartigen Wahnsinn die tragische Situation durchschreitet, in welche seine wunderlichen Widersprüche ihn verstrickt haben. Sehen wir uns nun die Generale an, welche den Helden in seinem Lager umgeben und mehr oder weniger wirksam in die Handlung eingreifen. Wir beginnen mit dem (Dr. Kr. 334) als Kroatengeneral bezeichneten Isolani. Obwohl offen und harmlos, ist er doch eigentlich ein leichtsinniger Charakter, der nicht nur dem Wein in hohem Grade ergeben ist, sondern auch seine Freude daran hat, wenn es übermüthig zugeht. Die Marketenderin bezeichnet ihn als einen bösen Zahler, und er selbst bekennt offen, daß sein Feldherr ihm schon öfter aufgeholfen, ihn aber (P. I, 1, V. 62) nächstens unter Vormundschaft stellen werde. In dem Munde eines so lockeren Gesellen sind denn auch die derben Flüche wohl angebracht, die den Kroaten gegenüber ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen werden. Wenn Questenberg ihn als den Repräsentanten der Schnelligkeit bezeichnet, so ist das ganz richtig, denn er freut sich jedesmal, wenn’s losgehen soll, und läßt sich zu Allem gebrauchen, wo er etwas abbekommen kann. Wie seine raubgierigen und beutelustigen Schaaren bemerkt er sogleich, daß Questenberg einen mit Gold gestickten Amtsrock und eine goldene Kette trägt und läßt sich dafür den Hieb auf die langen Finger seiner Kroaten auch ruhig gefallen. Da er zuerst zur Unterschrift der Eidesformel antreibt, so ist er dem Herzog sicherlich zugethan, aber wohl nur um seiner Macht und seines Reichthums willen. Einen tieferen Grund hat seine Anhänglichkeit nicht, denn er prahlt mit seiner Treue und fällt daher auch leicht von ihm ab, als Octavio Ernst gebraucht. Dem Isolani zur Seite, in gewissem Sinne aber auch ihm gegenüber steht Tiefenbach, den der Dichter nur mit wenigen, aber um so charaktervolleren Strichen gezeichnet hat. Essen und Trinken spielen eine wichtige Rolle in dem Dasein dieses corpulenten Herren. „Das war ein königliches Mahl“, das sind seine ersten Worte, nachdem er sich bei Terzky von der Tafel erhoben hat; und daß er hier redlich seine Schuldigkeit gethan, haben wir bereits von einem Bedienten erfahren, der bei der siebzigsten Flasche, die er holen muß, vorzugsweise auf ihn hindeutet. Vielleicht ist dem Dichter Luther’s Wort: „die Deutschen haben den Saufteufel“ bekannt gewesen und bei dieser Gelegenheit eingefallen. Kaum aufgestanden, muß sich Tiefenbach sogleich wieder setzen, vermuthlich fühlt er bereits, daß das Podagra bei ihm im Anzuge ist, das er, naïv genug, nicht der Völlerei, sondern den erduldeten Kriegsstrapatzen zuschreibt. Seien Bildungsstufe erkennen wir aus seiner Unterschrift; er hat sich mit einem Kreuz begnügt, das ihm nach Isolani’s Bemerkung von Jud’ und Christ honorirt wird; er ist also gleichfalls kein guter Wirth. Aber so leichtsinnig wie Isolani ist er doch nicht. Als Illo, unvorsichtig genug, der Klausel erwähnt, da regt sich sein deutsches Gewissen; er macht darauf aufmerksam, daß man’s vor Tische anders las, und später (T. II, 5) erfahren wir von Isolan, daß alle Deutschen sprechen, man müsse dem Hofe gehorchen. Auch sagt uns Octavio (T. II, 4) von Tiefenbach, sein Regiment sei treu; wir dürfen also voraussetzen, daß er ihn für des Kaisers Dienst gewonnen habe. Diesen beiden, dem Wallenstein abtrünnig werdenden Generalen gegenüber erblicken wir zwei andere, die ihm treu bleiben, es sind Illo und Terzky. Feldmarschall Illo, in dem Personenverzeichniß zu den „Piccolomini“ als Wallenstein’s Vertrauter bezeichnet und in dem Stück sein beständiger Begleiter, ist wie Isolani eine offene und gerade Natur, so daß er selbst dem Questenberg rückhaltslos die Wahrheit sagt. Er fragt wenig nach dem Kaiser und macht sich überhaupt nicht viele Bedenken. Uebermüthig, und geneigt, für erfahrene Kränkung Rache zu nehmen, wirkt er auf die übrigen Feldherren ein, übernimmt es, sie zu täuschen und sucht sie für den Herzog zu gewinnen. Bei seinem offenen Blick und seiner praktischen Richtung kann er dem Glauben an die Sterne keinen Geschmack abgewinnen; um so sicherer dagegen baut er auf Wallenstein’s Plane uns sucht ihm die Gelegenheit zum Handeln zu bereiten. Von Hause aus mißtrauisch gegen die beiden Piccolomini, hat er Octavio scharf überwacht und weiß, daß derselbe mit Questenberg verhandelt. Bei seinem weiten Gewissen (vergl. T. I, 7, V. 9) nimmt er keinen Anstand, den Vorschlag mit der verhängnißvollen Klausel zu machen; da er aber, wie Isolani, dem Wein ergeben ist, so plaudert er (P. IV, 7, V. 39-42) aus, was sorgfältig zu verschwiegen wäre, und ist somit nahe daran, den Plan zu verderben, den er selber entworfen. Schließlich sucht er Wallenstein in die Nothwendigkeit zu versetzen, zum Aeußersten zu schreiten, und fällt somit als ein Opfer seines übereilten Handelns. Dem Herzog noch näher steht Terzky, in der böhmischen Namensform Terschka, wie er auch (L. 1, V. 37) von dem Bauer, oder Terzka, wie er (L. 11, V. 356) von dem Wachtmeister genannt wird. Er war Erbjägermeister von Böhmen, protestantischer Religion und ein alter Freund und Liebling Wallenstein’s. Durch seine Vermählung mit Maximiliane, Gräfin von Harrach, der Schwester von dessen zweiter Gemahlin, trat er zu seinem Feldherrn in nahe verwandtschaftliche Beziehung. In dem Drama commandirt Terzky Carabiniere (s. d.) und vier andere Regimenter, ist des Herzogs Unterhändler mit den Schweden und den Sachsen, bringt ihm schnell die wichtigsten Nachrichten und sucht ihn, eben so wie Illo, zum Handeln anzutreiben. Von höheren Interessen ist er aber nicht geleitet, er hat nur (P. II, 5, V. 33-35) Wallenstein’s Ruhm und Vortheil im Auge; indessen ist er nicht so unvorsichtig wie Illo, er glaubt an Sinn für Pflicht und Treue in der Armee und ist deshalb auch (P. III, 1, V. 18) bedenklich wegen der Klausel. Später aber läßt er sich doch mit fortreißen und ist (P. IV, 2) gerade derjenige, der den Betrug mit der Eidesformel spielt. Die Zeichnung seines Charakters ist mit Rücksicht auf seine ihn geistig überragende Gemahlin absichtlich schwächer gehalten als die des Marschall Illo, dessen Schicksal er schließlich theilt, und zwar übereinstimmend mit der Geschichte, wo Terzky äußert, er wolle nicht bloß Leib und Leben für Wallenstein lassen, sondern auch mit ihm zur Hölle fahren. Neben den bis jetzt genannten Heerführern ist ferner Oberst Buttler hervorzuheben, welcher die für seinen Feldherrn im eigentlichen Sinne des Worts verhängnißvolle Rolle spielt. Als gemeiner Reitersbursch aus Irland gekommen, hat er seine Pflichten vierzig Jahre lang treu erfüllt und ist durch den Krieg allmälig emporgestiegen, bis er von dem Herzog, dem er sich (P. I, 1, V. 43) zu Dank verpflichtet weiß, zum Generalmajor vorgeschlagen worden ist. Da Questenberg selbst ihn (P. I, 2) als den Repräsentanten der Stärke bezeichnet, so darf er hoffen, die Bestätigung von Wien her werde nicht ausbleiben, umsomehr als er ja auch eine dankbare Gesinnung bekundet, indem er (P. I, 2, V. 129-176) seinem Feldherrn wie dem Heere hohes Lob spendet. Aber seine Anhänglichkeit an Wallenstein gründet sich darauf, daß er etwas unter ihm geworden ist, daß er sich Macht und Reichthum erworben hat; jetzt möchte er auch Ehre und Ansehen erwerben und strebt deshalb nach dem Grafentitel. Es ist die Frage, ob man einer so derben und wenig geschmeidigen Natur, als welche er sich überall kund giebt, eine solche Auszeichnung wird zu Theil werden lassen können. Schon P. I, 3, V. 9 ist von Empfindlichkeit und gereiztem Stolz die Rede, was sich bei einem so geraden und ehrenfesten Charakter, der sich (P. IV, 4, V. 15-35) seiner Verdienste wohl bewußt ist, leicht erklären läßt. Die gehoffte Standeserhöhung bleibt aus, und das ist für den Ehrgeizigen Grund genug, an dem Kaiser Rache zu nehmen; nur wünscht er, daß die übrigen Generale, auf deren Plane er bereitwillig eingeht, ihn nicht für einen Menschen von niedriger Gesinnung halten möchten, der ohne schwer wiegende Gründe den Pfad der Ehre verlassen könne. Er stellt also das, was er sich in Wallenstein’s Dienste erspart, mit Bereitwilligkeit zu dessen Verfügung und will ihm unter jeder Bedingung ergeben bleiben. Leider aber ist der Herzog gegen Buttler nicht offen gewesen; er hat den Grafentitel zwar für ihn beantragt, die Verleihung aber heimlich hintertrieben. Dieser Streich, den Wallenstein in der Geschichte dem Illo spielt, und der dort ohne weitere Folgen bleibt, ist ein Umstand, den der Dichter mit psychologischem Scharfsinn und ökonomischem Geschick für sein Drama benutzt. Er läßt nämlich den Herzog auf Buttlers Rachsucht speculiren, den die zu erwartende Ehrenkränkung noch inniger an ihn fesseln soll. Nun aber hört Buttler von Octavio, was hinter seinem Rücken geschehen ist; er sieht sich in seiner Laufbahn gehemmt, und jetzt betrachtet er Wallenstein als seinen Feind. Ehrfurcht war es, die ihn an den Feldherrn fesselte; derselbe hat seine Ehre verletzt, er fühlt sich also verpflichtet, sie zu rächen und wird deshalb zum Verräther, ja zum Mörder. Zwar fehlt es nicht an ernsten Mahnungen, die ihn wohl von seinem heimtückischen Vorhaben zurückhalten könnten; Wallensteins ergreifende Klagen über Octavio’s Verrath (T. III, 10, V. 5-16) müßten ihm in die innerste Seele dringen; aber das bessere Gefühl wird niedergekämpft, das Verlangen nach Rache bleibt Sieger. Obwohl sonst ein klar denkender Kopf, der stets dem Wahlspruch gefolgt ist: ein Jeder ist seines Glückes Schmid, der (T. IV, 8, V. 78) selber sagt: „den Menschen macht sein Wille groß und klein“ – kann er doch sein Vorhaben vor seinem Gewissen mit fatalistischen Scheingründen entschuldigen und sein Rachegefühl (T. IV, 8, V. 24 etc.) als ein Verhängniß ansehen, das er wider seinen Willen vollstreckt; es ist, als ob ein böser Dämon ihn triebe, mit Hast eine That zu vollziehen, die sein Herz bei ruhiger Ueberlegung nothwendig verdammen muß. Einen ergreifenden Gegensatz zu diesem gefährlichen Charakter bildet die liebliche Gestalt des Max Piccolomini, der, wie wir schon angedeutet, keine geschichtliche Person, sondern ein Gebilde der Phantasie unseres Dichters ist. Sch. denkt ihn sich (P. I, 1, V. 23-30) als eine auf der Grenze zwischen dem Jünglings- und dem Mannesalter stehende vollkräftige Gestalt, von kriegerischem Geiste beseelt, als einen Liebling Wallensteins, der ihn bereits bis zum Obersten befördert hat, als einen Officier, der auch bei den übrigen Heerführern in so hohem Ansehen steht, daß er selbst im Kriegsrath neben den erfahreneren Generalen (P. II, 7) seine Stimme erheben darf. Bei einem Charakter, den unser vor Allem auf das Ideale gerichteter Dichter sich selbst geschaffen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn er von dem schönen Vorrechte der Jugend, in Idealen zu leben, den ausgedehntesten Gebrauch macht. Sein Max ist die edle, reine Seele mitten in der falschen Welt, das offene, arglose Herz, dessen er für sein Drama um der künstlerischen Wirkung willen nicht entbehren konnte. Von idealen Anschauungen und Bestrebungen (P. I, 4, V. 68-79) erfüllt, ist dem jugendlichen Helden auch sein Feldherr ein Ideal, dessen Glauben an die Sterne er (P. III, 4, V. 101) mit frommer Ehrfurcht betrachtet, für dessen Talent als Heerführer er in hoher Begeisterung erglüht, dem er mit voller Seele ergeben ist. Von der Reinheit seiner eigenen Absichten innerlich durchdrungen, vertraut Max seinem Herzen, das ihm das Rechte sagt, das er liebt wie sein Gewissen (vergl. das Epigramm „Der Aufpasser“), und das er (T. II, 2, V. 71) „das glückliche Gefühl“ nennt, mit dem er frei und unbefangen jedwedem schönen Trieb gehorchen kann. Darum haßt er alle krummen Wege und erscheint überall als der eifrige Vertreter des sittlichen Princips. Aber der Dichter theilt ihm noch eine andere Rolle zu. Während die Geschichte uns berichtet, daß Wallensteins Gemahlin mit ihrer zehnjährigen Tochter Maria Elisabeth sich zur Zeit der unglücklichen Katastrophe in Oestreich befand, läßt der Herzog in unserm Drama die Gattin und die eben zur Jungfrau herangereifte Tochter Thekla (d. h. die Vortreffliche, die Wackere) zu sich nach Pilsen kommen. Seinem Liebling Max ertheilt er den ehrenvollen Auftrag, diejenigen, die seinem Herzen am nächsten stehen, zu ihm zu geleiten; und die Reise, welche die Personen aneinander fesselt, führt auch alsbald die Herzen zusammen. In der Seele des jugendlichen Max entwickeln sich die Keime der ersten Liebe. Er verräth dies nicht nur seinem Vater, den die ungewöhnlich weiche Stimmung des Sohnes (P. I, 4, V. 117-120) in Erstaunen setzt, sondern er fühlt sich auch selbst (P. III, 3, V. 22-36) völlig umgewandelt und sehnt sich aus der kriegerischen Welt heraus, um sich dem ungetrübten Glück des Friedens hingeben zu können. Mit allen Fasern seines Innern bereits an Wallenstein gefesselt, möchte er in echt jugendlicher Weise ihm nun auch Alles verdanken, möchte als schönsten Lohn für seine zehnjährigen treuen Dienste die Geliebte seiner Seele aus der Hand des Vaters empfangen. Aber die wunderbare Empfindung, die zum ersten Mal sein Herz ergriffen, hat den sonst so feurigen jungen Mann völlig verändert. Die Neuheit des Verhältnisses macht ihn im Kreise seiner stürmisch erregten Kameraden (P. IV, 6 u. 7) ruhig und besonnen, seiner Geliebten gegenüber (P. III, 5) zaghaft und schüchtern, raubt ihm plötzlich sogar (P. III, 4, V. 24) das Vertrauen zu seinem Feldherrn, dessen Worte (T. II, 2, V. 109) „Ja wer durch’s Leben gehet ohne Wunsch, sich jeden Zweck versagen kann“ ihm, der ja jetzt einen Zweck hat, tief in die Seele dringen müssen. Ist es ihm doch schon längst (P. III, 4, V. 13-27) so gewesen, als gehe Wallenstein mit dem Gedanken um, seine Tochter einem Könige (vergl. T. III, V. 86) zu vermählen. Aber was noch schlimmer ist, des Herzogs anderweitige ehrgeizige Plane stehen seinem Liebesglück im Wege und drohen, das schöne Band zu zerreißen, das sich so schnell und doch so innig geknüpft. Max denkt würdig von seinem Feldherrn, der kann ihm (P. V, 1, V. 285) keine schlechte Handlung zutrauen, und deshalb (V. 199-204) auch seinen eigenen Vater nicht begreifen; ja er wäre im Stande, eher mit diesem zu brechen, als seinen Feldherrn listig zu hintergehen. Die krummen Wege der Staatskunst widerstreben seinem offenen und geraden Wesen; er muß Licht haben, um klar sehen zu können, und deshalb begiebt er sich zu Wallenstein. Das Gespräch (T. II, 2) mit seinem Feldherrn bildet ein wichtiges Stadium in der Entwickelung seines Charakters. „Mein General, du machst mich heute mündig“, das sind die bedeutungsvollen Worte, mit denen er den Entschluß faßt, fortan nicht mehr vertrauensvoll zu gehorchen, sondern selbständig und nach eigener Wahl zu handeln. Und doch wird es ihm schwer, sich an den fürchterlichen Gedanken zu gewöhnen, sein Feldherr lade ein Verbrechen auf sich; um jeden Preis möchte er das frühere Verhältniß wiederhergestellt sehen, und in der rührendsten Weise bittet er ihn (V. 137-144), doch wenigstens seine Unschuld zu retten. Aber es ist zu spät. Jetzt gilt es, einen fürchterlichen Kampf zu kämpfen; die widerstreitendsten Mächte ringen an seiner Seele: die Pflicht der Treue gegen seinen Kaiser, das Gefühl der Dankbarkeit für seinen Feldherrn, die Ehrfurcht, die er seinem Vater schuldet, und vor Allem die Empfindung der Liebe, von der er nicht mehr lassen kann. Mit bitterem Schmerz muß er sich von seinem Glauben, dem schönen Vertrauen zu der Menschheit, trennen; seine Liebe ist das einzig Wahre und Lautere, das ihm bleibt. Was soll er aber thun? gehandelt muß einmal werden. Das, was sein Herz verdammt, vermag er nicht mehr zu hindern; und heimliche Flucht würde ihn mit einem unauslöschlichen Schimpf beladen. Jetzt ist es wiederum sein Herz, das ihm das Rechte sagt; Thekla, die reine Seele, die einzige, die ihn nicht verläßt, sie soll sein Loos entscheiden. Aber eben die Reinheit ihrer Seele, die über allen Eigennutz erhaben ist, verweist ihn an seine Pflicht und nöthigt ihn somit, den schweren Abschied zu nehmen von Allem, was ihm lieb und theuer war. Und nachdem er die ernste Soldatenpflicht erfüllt, und leider dem gefährlichen Buttler es auf die Seele gebunden hat, das Leben seines Feldherrn treu zu bewachen, eilt er an der Spitze seiner getreuen Schaaren davon, um als Held den Heldentod zu suchen und – zu finden. Eben so wie Max ist auch Thekla eine ideale Gestalt, die der Dichter, über die Sphäre der Wirklichkeit hinausschreitend, mit der vollen Hoheit seines poetischen Talents gezeichnet hat. Zwischen stillen Klostermauern erzogen, die sie so eben verlassen, lernt die mit dem ganzen Zauber jugendlicher Frische ausgestattete Jungfrau den in dem Gewühl des Kriegslagers aufgewachsenen Heldenjüngling kennen. Gerade die Gegensätze der bisher durchmessenen Laufbahnen, sie bilden den wunderbaren Magnet, der beide aneinander fesselt, jeden in dem andern das finden läßt, was ihm selbst noch fehlt. Der Funke, „der in die Seele schlägt und trifft und zündet“ (Br. v. M. 5, 444), er hat auch Thekla’s Herz getroffen, und mit ihrer Liebe ist ihr ein neues Leben aufgegangen. Hierzu kommt die völlig neue Welt, die ihr entgegen tritt, die rauschend schmetternde Musik, der Glanz der kriegerischen Schaaren; dürfen wir uns wundern, wenn unter solchen Einflüssen ein tief und lebhaft fühlendes Gemüth sich rasch entwickelt und schnell zur Reife gelangt? Die Worte (P. III, 4): „Spart euch die Mühe, Tante! das hört er besser von mir selbst“ sie zeigen uns, daß die natürliche Schüchternheit sich schnell in unbedingte Zuversicht verwandelt hat, daß sie fühlt, ihr Herz habe das Rechte getroffen. Wer möchte es unter solchen Umständen tadeln, daß der Dichter sie manches bedeutungsvolle Wort sprechen läßt: „Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man den sichern Schatz im Herzen trägt“, warum sollte sie das nicht sagen, die bei der Erinnerung an die Wunder, welche sie in dem astrologischen Thurm geschaut (P. III, 4, V. 129) erklären kann:
Wie sie sich einer höheren Leitung unbedingt vertraut, so vertraut sie auch der Stimme, die in ihrem Innern erklingt, „der Zug des Herzens ist ihr des Schicksals Stimme.“ Aber sie steht nicht allein zu Max in Beziehung; sie erblickt auch andere Personen um sich her, bei denen sie den harmonischen Zusammenklang der Gemüther gar bald vermißt. Wie die Liebe den Heldenjüngling weich gestimmt und schüchtern gemacht, so ist sie, die ja überhaupt mehr ihrem Vater als der Mutter gleicht, durch die Liebe sicher und stark geworden. So warm sie auch empfindet, so verständig ist sie doch in ihrem Urtheil, und merkt gar bald, daß es der Gräfin Terzky nicht darum zu thun ist, ihr Glück zu begründen, sondern daß sie gewisse Nebenabsichten verfolgt. Von Jugend auf mit der Vorstellung genährt, sie sei bestimmt, sich ihrem Vater leidend zu opfern, hat das Schicksal sie plötzlich mit Max zusammengeführt und zeigt ihr eine andere freundlichere Aussicht; indessen wie die Sachen liegen, kann sie auf eine ruhige und friedliche Entwickelung der Verhältnisse, die den Wünschen ihres Herzens entspricht, schwerlich rechnen. Sie verlangt daher Gewißheit von der Gräfin Terzky; als sie aber ahnt, was ihr bevorsteht, daß sie dem nahenden Unheil nicht wird entfliehen können, da giebt die Liebe ihr den Muth, den Kampf mit dem Schicksal aufzunehmen. Leider aber bemerkt sie nur zu bald, sie wird den feindlichen Gewalten zum Opfer fallen.
Das sind die ahnungsvollen Worte, mit denen sie der nahenden Gefahr entgegen geht. Und als sie nun selbst (T. III, 21) das entscheidende Wort zu sprechen hat, da siegt bei ihr, wie bei Max, das sittliche Gefühl, sie verzichtet auf ihre schönsten Hoffnungen und ergiebt sich in das Schicksal, das feindlich zwischen sie und ihre Liebe tritt. Aber was die Liebe auf immer vereint, das soll der Tod nicht von einander trennen. Die Welt, die sie umgiebt, steht in schneidendem Widerspruch mit dem, was ihr Herz erfüllt; dunkele Ahnungen bevorstehender Schrecken durchziehen ihre Seele; es ist als ob Geister sie riefen, dem Vorangegangenen zu folgen; und so thut sie endlich den verhängnißvollen Schritt, den der Dichter in seinem Drama in wohlthuendes Dunkel gehüllt hat, um ihn später in lyrischen Klängen (vergl. Ged. Thekla, eine Geisterstimme) vor den Richterstuhl unserer Empfindung zu stellen, hoffend, daß die Liebe gerecht genug sein werde, sich auch mit solchem Ausgange zu versöhnen. Die Liebe zwischen Max und Thekla, welche der Dichter erst nachträglich der Haupt- und Staatsaction hinzugefügt hat, ist von mehreren Seiten als ein ruhig für sich bestehendes Ganzes, als eine zu der eigentlichen Handlung im Gegensatz stehende Episode bezeichnet und sogar in allem Ernste getadelt worden. Sch. selbst war in Betreff dieses Punktes nicht ohne Sorgen; er fand die Liebe, wie sie hier erscheint, nicht theatralisch und war deshalb geneigt, um sich die poetische Freiheit zu wahren, jeden Gedanken an eine Aufführung des Stückes aufzugeben. Indessen durfte das Drama, sollte es allgemein fesseln, eines Elements, das ein rein menschliches Interesse gewährte, nicht entbehren; er suchte daher der lyrischen Stimmung seines Innern einen dramatischen Ausdruck zu geben. Und wenn es auch den Scenen zwischen Max und Thekla allerdings an rednerischem Prunke nicht fehlt, so möchten wir sie doch keinesweges mit G. Schwab bloß als ein „idealisch-romantisches Liebesgeflüster“ bezeichnen, das die Haupthandlung stört, sondern finden sie besonders durch die planvollen Bestrebungen der Gräfin Terzky so glücklich in die Haupthandlung verwebt, daß der tragische Verlauf der letzteren dadurch wesentlich gesteigert wird. Schon die Worte: „doch keinen Spott“, welche Max (P. III, 3, V. 44) an die Gräfin richtet, hätten den Dichter vor einer geringschätzigen Beurtheilung dieser Seite seines Werkes sicher stellen sollen. Ihm ist die Liebe dieser beiden edlen Naturen etwas so Heiliges, daß er ohne alles Bedenken Liebe und Andacht (P. III, 3, V. 50-59; vergl. a. P. III, 4, V. 116-125) völlig in einander aufgehen läßt; und schwerlich hat je ein Dichter ein Liebesgeständniß mit so ungemeiner Zartheit behandelt, wie es hier (P. III, 3, V. 77-98) geschieht. Durch die Lauterkeit der Gesinnung, mit welcher sich die gegenseitige Neigung in den beiden jugendlichen Seelen entfaltet; durch den sittlichen Adel des Herzens, mit welchem sie als Repräsentanten der Treue und des Vertrauens gewissermaßen die Säulen der gesellschaftlichen Ordnung uns vor das Auge führen – bilden sie einen ergreifenden und höchst wirksamen Gegensatz zu den Charakteren ihrer Väter, zu dem traurigen Gewebe von List und Argwohn, das der Verwirklichung ihrer Herzenswünsche hindernd in den Weg tritt. Es handelt sich hier in der That um etwas ganz Anderes, als um die so häufig vorkommende Benutzung eines Bühnenkunstgriffes, dem die Liebe zwischen den Kindern zweier feindlichen Häuser ein willkommenes Mittel ist, um bei den Zuschauern eine rasch verfliegenden Rührung hervorzurufen. Die Väter der beiden Liebenden treten hier nicht als Feinde auf; sondern ein feindliches Schicksal ist es, das über beiden waltet, von dem das unschuldige jugendliche Paar mit ergriffen wird, welches im Sturm der Conflicte an seiner ganzen Umgebung verzweifelt und lieber untergeht, als dem hohen Ideale entsagt, welches es in seinem Leben, wie in seiner Liebe zu verkörpern strebt. In der nächsten Verbindung mit Thekla steht ihre Mutter, Isabella Katharina, geborene v. Harrach, von Sch. Mit dem (P. II, 2, V. 14) rhythmisch leichter einzuführenden Namen Elisabeth bezeichnet. Wie Wallensteins Biographen die noch Unvermählte als „ein Fräulein von reinem und bescheidenem Sinn“ bezeichnen, so hat auch der Dichter es für angemessen gehalten, ihren Charakter mehr anzudeuten, als scharf und bestimmt zu zeichnen. Sie legt zwar Werth darauf, daß sie Graf Harrachs edle Tochter und Wallensteins fürstliche Gemahlin ist, aber sie fühlt sich nicht glücklich in ihrer Ehe; ihre weiche, leicht erregbare Seele stimmt zu wenig harmonisch mit dem kalten und schroffen Wesen ihres Gatten, als daß sie nicht in steter Angst leben, fortwährend von bösen Ahnungen heimgesucht sein sollte. Dennoch scheint sie selbst in Beziehung auf die Vermählung ihrer Tochter ihrem Gemahl gegenüber durchaus gefügig. „Ihr Wille, wissen Sie, war stets der meine“, diese Worte deuten hinlänglich an, daß sie keine handelnde, sondern eben nur eine duldende Person sein soll. Daher beschränkt sie sich auch darauf, ihre Tochter zu trösten und zu beruhigen, ihren Gemahl zu warnen und zur Nachgiebigkeit zu ermahnen, und in dem entscheidenden Momente dem Max zu sagen: „Gehen Sie, wohin die Pflicht Sie ruft.“ Obwohl bemüht gewesen, den Herzog zu entschuldigen und seine Differenzen mit dem Hofe auszugleichen, fühlt sie doch bald genug, daß der stolze Bau seiner hochstrebenden Plane endlich zusammenstürzen müsse, und erliegt schließlich dem unerbittlichen Schicksale, das sie, die Schuldlose, an einen Mann gekettet, dessen ehrgeiziges Streben das Glück und den Frieden seiner Familie völlig unbeachtet läßt. Schließlich haben wir unsere Aufmerksamkeit noch auf die Schwester der Herzogin, die Gräfin Terzky, zu richten, welche neben dem Helden des Stückes die hervorragendste Rolle spielt. Der Geschichte zufolge soll nicht Terzky’s Gemahlin, sondern dessen Schwester, welche an den Grafen Kinsky vermählt war, Wallensteins Vertraute gewesen sein und um seine Plane gewußt haben. Sch. theilt diese Rolle der nächsten Verwandten des Herzogs, seiner Schwägerin, zu, die ihn aber in dem Stück zu wiederholten Malen (P. III, 4, V. 39 etc.) mit dem für die Poesie wohlklingenderen Namen „Bruder“ bezeichnet. Geistig begabt, von entschiedenem Charakter und zum Handeln geboren, hat sie schon bei der Wahl Friedrichs V. (s. d.) ihre Hand im Spiele gehabt, und ist auch jetzt mit allem Ernst darauf bedacht, für den Herzog zu intriguiren. Die Reise, welche sie mit dessen Gemahlin und Thekla unter des jungen Piccolomini Schutz nach Pilsen gemacht, hat ihr völlig freien Spielraum gegönnt. Von dem Gedanken ausgehend, Max sei absichtlich von ihrem Schwager zum Beschützer seiner Familie ausgewählt worden, weil derselbe ihm ein willkommener Schwiegersohn sein würde, und weil er ihn durch solche Bande unauflöslich an sich fesseln möchte, hat sie die aufkeimende Zuneigung zwischen den jungen Leuten begünstigt. In echt weiblicher Weise hat sie nicht nur ihre Freude an allerlei kleinen Neckereien der beiden Liebenden, sondern sie sucht sie auch in Abhängigkeit von sich zu erhalten. Wie sie es klüglich einzurichten versteht, daß sie einander sehen und sprechen können, so sollen sie in ihr auch diejenige erblicken, durch deren Vermittelung die ersehnte Verbindung herbeigeführt werden kann. Ob es ihr hiermit wirklich Ernst ist, bleibt völlig zweifelhaft; ihre Hauptabsicht ist die Befriedigung ihres Ehrgeizes, sie möchte den Herzog gern recht groß und geehrt sehen, möchte wo möglich einen König zum nächsten Verwandten haben. Diesem Zweck soll auch das Liebesverhältniß dienen. Thekla soll dem Max weniger in aufrichtiger Liebe zugethan sein, als vielmehr ein Liebesspiel mit ihm treiben, seine Neigung für die Zwecke des Vaters ausbeuten, ihn zu unbedingter Hingebung an denselben zu bestimmen suchen. Max dagegen soll sich erinnern, daß es ihm zukommt, die Braut, um die er wirbt, sich durch ritterlichen Kampf im Dienste seines Feldherrn zu erringen. Auf diese Weise soll die Liebe ihr ein Mittel werden, um wirksam in die Staatsaction einzugreifen. Doch so schnell, wie sie ihren Plan entworfen, will derselbe sich nicht verwirklichen. Der Herzog zögert, die längst vorbereiteten Schritte zu thun; es scheint also nöthig, ihn zum Handeln zu drängen. An einer fertigen Zunge, die dem besten Advocaten alle Ehre machen würde, fehlt es ihr eben so wenig, wie an Muth und Energie des Willens; sie wendet daher (T. I, 7) ihre ganze Ueberredungskunst auf, und obwohl sie die astrologischen Träumereien eigentlich (V. 97) als Aberglauben betrachtet, weiß sie doch listig genug Wallensteins Glauben an die Sterne (V. 186 etc.) zu benutzen, um ihn zu einem entschlossenen Schritte anzustacheln und führt somit die Entscheidung herbei. Eben so weiß sie Max anzuspornen, das gut zu machen, was sein Vater verbrochen hat, und trägt hierdurch wesentlich dazu bei, ihn zu seinem verzweifelten Entschlusse zu drängen. Doch als die Nachricht von seinem Tode eintrifft, da beschleichen Furcht und Bangigkeit ihre Seele, böse Ahnungen verfolgen, beängstigende Träume erschrecken sie. Das ist die Strafe für ihr unweibliches Intriguiren. Als sie aber die Grabgedanken, mit denen sie sich getragen, verwirklicht sieht; als ihr Mann im verzweifelten Kampfe gefallen, und der Herzog selbst meuchlings erstochen ist; als mit Thekla’s Flucht alle ihre Ideale von zukünftiger Größe zertrümmert sind: da gewinnt sie ihre Seelengröße wieder und entschließt sich, für die Idee, der sie gelebt, nun auch zu sterben. Es ist eine harte Buße, die sie sich auferlegt, aber sie erscheint nothwendig, um uns mit ihren Schwächen zu versöhnen. Nachdem wir uns mit den in das Drama eingreifenden Personen bekannt gemacht haben, ist es nunmehr unsere Aufgabe, den Gang der Handlungzu verfolgen. Wenn sich Sch. in seinem Fiesco für berechtigt hielt, einer kühnen Idee zu Gefallen die historische Genauigkeit (vergl. Bd. I, S. 268) ohne Scheu zum Opfer zu bringen; wenn er sich in seinem Don Carlos damit begnügte, seinem hohen Ideale von politischer Freiheit eine Reihe geschichtlicher Züge ohne wesentliche Entstellung der Wahrheit zur Grundlage zu geben: so war sein Wallenstein das erste Stück, in dem er sich die Aufgabe stellte, den Geist der Geschichte jener denkwürdigen Zeit in möglichster Treue zu veranschaulichen. Aber das umfangreiche Material einer so ereignißreichen Vergangenheit war nur mit äußerster Anstrengung zu bewältigen. „Die Handlung greift, wie Jos. Bayer (S. 188) richtig bemerkt, mit weit verzweigten Wurzeln in den Boden des bereits Geschehenen ein, und diese Wurzeln bloßzulegen, das ist das schwere Stück Arbeit, das den Dichter so lange aufhält.“ Außerdem hatte Sch. in seinem Aristoteles gelesen: „denn auch das Bekannte ist nur Wenigen bekannt“; er mußte sich also verpflichtet fühlen, die nothwendigen historischen Rückblicke an verschiedenen Stellen einzuflechten, wodurch die Handlung selbst natürlich nur langsam fortschritt. Dennoch konnte er bereits am 2. October 1797 an Goethe schreiben: „Zugleich gelang es mir, die Handlung gleich von Anfang an in eine solche Präcipitation und Neigung zu bringen, daß sie in stetiger und beschleunigter Bewegung zu ihrem Ende eilt. Da der Hauptcharakter eigentlich retardirend ist, so thun die Umstände alles zur Krise, und das wird, wie ich denke, den tragischen Eindruck sehr erhöhen.“ Aber die Umarbeitung in Jamben nöthigte ihn, wie wir wissen, zu breiterer Entfaltung und zur Zerlegung seines Stoffes in zwei Stücke. In Folge dessen erscheint bis zum Ende des vierten Actes der Piccolomini Alles als reine Exposition, die den Zuschauer mit dem bekannt macht, was ihm zu wissen nöthig ist. Erst der fünfte Act bringt in dem Gespräche Octavio’s mit Max die Collision oder Verwickelung. In „Wallensteins Tod“ dagegen erblicken wir das Ziel aller dieser Vorbereitungen. Mit dem Eintreffen der Nachricht, daß Sesin gefangen ist, und mit dem gleich darauf folgenden Gespräche Wallensteins mit Wrangel beginnt die tragische Katastrophe; in den beiden folgenden Acten wird dann eine Mine nach der andern gesprengt, bis mit dem vierten Acte die Krisis eintritt, die im fünften den Ausgang herbeiführt. Betrachten wir nun zunächst Die Piccolomini.Zeigt uns das Lager die unter den Soldaten herrschende Stimmung, und in welchem Ansehen ihr Feldherr bei ihnen steht, so erblicken wir in den mit höherer kriegerischer Würde ausgestatteten Piccolomini die Art seines Wirkens unter seinen Generalen. Zugleich bilden sie den Theil des Gedichtes, in welchem die eigentliche Handlung beginnt. Sie stellen als Theil des Ganzen die Verkettung der Umstände dar, durch welche Wallenstein zu seinem verrätherischen Schritte gedrängt wird, und als Drama für sich entwickeln sie die Verhältnisse der Familie Piccolomini zu dem Wallensteinschen Hause; sie zeigen, wie Octavio den bedenklichen Knoten schürzt, während Max, durch die zartesten Bande an des Herzogs Familie gefesselt, in Gefahr geräth, gewaltsam davon losgerissen zu werden. Der erste Aufzug führt uns nach dem Rathhause zu Pilsen. Mehrere Generale Wallensteins sind hier zusammengetroffen, unter denen aber Gallas und Altringer sogleich vermißt werden. Auch Max Piccolomini wird angekündigt, der des Herzogs Gemahlin und Tochter aus Kärnthen hergeleitet. Kaum haben die Heerführer sich begrüßt, so giebt sich auch schon eine Verstimmung unter ihnen kund. Voll Anhänglichkeit an ihren Feldherrn, der treulich für sie sorgt, können sie sich mit dem, was von Wien her geschieht, nicht einverstanden erklären; besonders sind sie unzufrieden mit Questenbergs Forderungen und hoffen, Wallenstein werde nicht nachgeben. In der ausgesprochenen Besorgniß, er könne das Commando niederlegen, erblicken wir die erste Andeutung einer zu erwartenden Katastrophe. Bald erscheint auch, durch Octavio eingeführt, Questenberg selbst. Obwohl er dem Geist der Ordnung in dem Wallensteinschen Heere alle Anerkennung zu Theil werden läßt, und andererseits auch Octavio es nicht versäumt, ihm die gebührende Ehre zu erweisen, so fallen doch von Seiten der Generale bald allerlei spitzige Reden; man läßt ihn merken, wie ungern er gesehen wird, giebt seine Unzufriedenheit mit den Maßregeln der Regierung zu erkennen, und muß als Antwort hierauf hören, daß der Kaiser mit der Absicht umgehe, dem Heere eine andere Leitung zu geben. Dies veranlaßt Buttler, auf die Nothwendigkeit hinzuweisen, daß Wallenstein dem von ihm ins Dasein gerufenen Heere verbleibe, da das Vertrauen, welches die Truppen an ihn fesselt, sich nicht ohne weiteres auf einen Anderen übertragen lasse. Nachdem Octavio auszugleichen und im Hinblick auf spätere Absichten Buttlers kecke Rede zu entschuldigen versucht, bleibt er mit Questenberg allein zurück, um sich mit ihm offen über den Geist des Heeres auszusprechen. Questenberg fürchtet Wallensteins gefährliche Macht, Octavio macht ihn auf den nahen Ausbruch der Empörung aufmerksam, beruhigt ihn indeß, da Altringer und Gallas die so eben vernommenen Gesinnungen nicht theilen, er selber aber den Herzog, der ihm unbedingt vertraut (vergl. P. I, 3, V. 84-97 u. T. II, 3, V. 82-99), sorgfältig überwachen läßt. Inzwischen ist Max eingetroffen und kommt, um seinen Vater zu begrüßen. Questenberg benutzt diese Gelegenheit, um ihn für die Plane des Kaisers zu gewinnen, erfährt aber bald, wie innig derselbe seinem Feldherrn zugethan ist. Der Vater hat gleichzeitig noch einen tieferen Blick in sein Herz gethan; es steigt die Ahnung bei ihm auf, daß die Liebe ihn jetzt an Wallenstein fessele, was er dem Questenberg freilich nur andeuten kann, dem seine Verwünschung der Reise des Sohnes ein Räthsel ist. Die Lösung dieses Räthsels ist es, der wir zunächst mit Spannung entgegensehen. In dem zweiten Aufzuge befinden wir uns in einem Saale bei dem Herzog, auf dessen Erscheinen wir durch die Dienerschaft vorbereitet werden, deren derb-realistische Lebensanschauung mit den sinnig-phantastischen Vorstellungen Seni’s einen wirksamen Gegensatz bildet. Es ist ein kurzer Eingang, worauf Wallenstein mit seiner Gemahlin eintritt, welche ihm über den kalten und förmlichen Empfang Bericht erstattet, den sie am Wiener Hofe erfahren. Hieraus wird ihm klar, daß er die kaiserliche Gunst verscherzt, daß ihm eine abermalige Schmach, wie die zu Regensburg, bevorstehe. Noch zweifelhaft, ob er dem verhängnißvollen Schlage zuvorkommen, oder seiner zur Nachgiebigkeit rathenden Gattin folgen soll, tritt deren Schwester mit Thekla ein, der lieblichen Tochter, in der er einst seinen Ruhm und seine Größe verherrlicht sehen möchte. Bald erscheint auch Max, diesmal nicht als der seinem Feldherrn untergebene Officier, sondern als ein Freund, der ihm, dem Familienvater, eine Freude bereitet hat. Es ist daher billig, daß Wallenstein des Jünglings Aufmerksamkeit von dem Hofe ab auf seine eigene Person lenkt. Hiermit würde Max gewiß völlig zufrieden sein, wenn er nur nicht durch ein reiches Geschenk für den geleisteten Dienst sich äußerlich abgefunden sähe, sondern mit Zuversicht auf die Erfüllung schönerer Wünsche hoffen dürfte. Aber der mit Briefen beschäftigte Wallenstein hat für seine Erwiederungen kein Ohr, und Graf Terzky mahnt ihn nur an ein Versprechen, das er als Officier gegeben. Hiermit wird die Berathung der Familienangelegenheiten unterbrochen, um zu wichtigeren Geschäften überzugehen. Terzky, des Herzogs Unterhändler mit den Schweden und Sachsen, bleibt mit ihm allein. Da Wallenstein die Ueberzeugung gewonnen hat, man wolle sich seiner entledigen, so muß jetzt gehandelt werden; nichtsdestoweniger zögert er. Kein Wunder also, daß Terzky, dessen Bemühungen hierdurch als fruchtlos erscheinen, seinen Unwillen zu erkennen giebt. Nun erscheint auch Illo und berichtet, daß die Stimmung in dem Heere günstig, die Generale größtentheils auf des Kaisers Forderungen erbittert seien, die übrigen aber sich nach Octavio richten wollen. Dies wird für Terzky Veranlassung, vor Octavio zu warnen, doch Wallenstein vertraut ihm unbedingt. Da die Generale einstimmig der Meinung sind, er dürfe das Commando nicht niederlegen, und da sie ihn hierzu bewegen wollen, so fordert jetzt auch er eine schriftliche Zusicherung ihrer unbedingten Ergebenheit. Illo verspricht, die Schrift zu schaffen, verlangt aber, daß dann auch etwas geschehe, während Wallenstein warten will, bis die Sterne ihn zum Handeln auffordern. – Den Schluß des Actes bildet die Audienzscene, in welcher der Herzog die klug vorbereitete Abdankungskomödie spielt, indem er Questenberg den kaiserlichen Auftrag in Gegenwart seiner Generale mittheilen läßt. Nachdem derselbe in längeren einleitenden und zugleich anerkennenden Worten (vergl. Dr. Kr. 306) sich über die Kriegführung Wallensteins seit dessen Wiedereinsetzung ausgesprochen, geht er zu dem eigentlichen Grunde seiner Sendung über. Er klagt Wallenstein an, daß er dem durch Bernhard von Weimar bedrängten Kurfürsten von Baiern keine Hülfe gesendet, daß Regensburg durch seine Schuld gefallen sei. Wallenstein entschuldigt dies damit, daß er das Bündniß zwischen den Sachsen und den Schweden habe lösen wollen; seinen Einzug in Böhmen aber rechtfertigt er damit, daß das Heer der Erholung bedurfte, daß er es nicht wieder, wie vor seiner ersten Absetzung auf Kosten der anderen Fürsten habe erhalten wollen, daß ihm die Wohlfahrt des Reiches mehr am Herzen liege als der persönliche Vortheil des Kaisers. Nunmehr tritt Questenberg mit seinen Forderungen hervor. Regensburg soll befreit werden, zu welchem Zweck der Kaiser sich bereits eigenmächtige Eingriffe in die Kriegführung erlaubt hat; außerdem sollen acht Regimenter den spanischen Infanten nach den Niederlanden begleiten. Aber ehe Wallenstein sein Ansehen so gefährden, seine Macht so schwächen läßt, will er lieber abdanken, wenn nur seine Generale und Obersten darunter keinen Schaden leiden. Das natürlich macht diese stutzig; sie wollen berathen, was zu thun sei. Aber Wallenstein hat schon bei sich beschlossen und dem Illo seinen Willen kund gethan; wir sind daher begierig zu erfahren, wie die entstandene Collision sich weiter entwickeln werde. Am Anfange des dritten Aufzuges finden wir Illo und Terzky im Gespräch, dessen Gegenstand die von dem Feldherrn verlangte Ergebenheitsversicherung ist. Illo macht den Vorschlag, den Betrug mit der Klausel zu spielen, an dessen Gelingen Terzky freilich zweifelt; aber da durchaus gehandelt werden muß, so läßt er jenem freie Hand und deutet darauf hin, daß auch seine Gemahlin schon für ihre Plane thätig sei. Geheimnißvoll beginnt denn auch nach Illo’s Abtreten das Gespräch zwischen den beiden Ehegatten, doch merken wir bald, daß von Max und Thekla die Rede ist. Beide aneinander, und somit auch Max an den Herzog zu fesseln, diese Sorge übernimmt die Gräfin, während ihrem Manne alles daran liegt, daß derselbe die Eidesformel unterschreibe und daß „der Alte“ (Octavio) keinen Verdacht schöpfe. Terzky geht hierauf zu seinen Gästen, die Gräfin dagegen empfängt den bereits unruhig wartenden Max. Die Ausdrücke „Base, Tante“, mit denen Thekla sie auf der Reise angeredet, sind ihm so lieb geworden, daß er auch jetzt den Ton der vertraulichen Umgangssprache fortsetzt; auf solches Vertrauen aber kommt es ihr gar nicht an, sie freut sich nur, ihn mit seiner Liebe in ihren Banden zu haben und besteht darauf, daß er ihr in Allem Folge leiste. Auf diese Weise glaubt sie ihn lenken und für die wichtige Staatsaction benutzen zu können. Nachdem sie ihn so vorbereitet, läßt sie Thekla eintreten. Diese jedoch findet Max auffallend ernst gestimmt und hat auch selbst keine besondere Veranlassung heiter zu sein; denn sie hat die Bekanntschaft des Astrologen Seni gemacht, der sie sogleich für seine Kunst in Beschlag genommen, ihr aber nichts besonders Erfreuliches zu sagen gewußt hat. Auf diese Weise sieht die Gräfin ihre Absichten gekreuzt und wird bald noch Schlimmeres zu erwarten haben, denn aus dem Gespräche zwischen Max und Thekla geht hervor, daß dieselben kein rechtes Zutrauen zu ihr haben, sondern ihr stilles Glück lieber vor Allen geheim halten wollen, bis eine Zeit kommt, die ihrem Hoffen günstiger ist. Nachdem die Gräfin Max zur Tafel geholt, macht Thekla den schwermüthigen Empfindungen ihres Herzens in einem Liede (vergl. „Des Mädchens Klage“) Luft, das eine Vorahnung ihres Schicksals ausspricht, worauf die Tante zurückkehrt, um ihr ernste Vorwürfe über ihre unbefangene liebende Hingebung zu machen. Hierauf tritt sie mit ihren Planen offen hervor, indem sie ihre Nichte darauf hinweist, ihr Schicksal sei, im Interesse ihres Vaters zu handeln, ihm sich leidend zu opfern. Für diese aber ist der Zug des Herzens des Schicksals Stimme; ihr Entschluß ist gefaßt, sie will an Festigkeit sich eines Vaters wie Wallenstein würdig zeigen und beweisen, daß die Gewalt der Liebe größer sie als jede Macht der Erde. So sehen wir den ersten Versuch der Gräfin, Thekla für ihre Plane zu gewinnen, von dieser zurückgewiesen; es fragt sich nun, ob es Terzky gelingen werde, Max zur Unterschrift der Eidesformel zu bewegen. Der Monolog Thekla’s, mit welchem der Act schließt, enthält Betrachtungen, wie sie die Dramatiker des Alterthums dem Chor in den Mund zu legen pflegten. Wir erblicken hierin die Einwirkung W. v. Humboldts auf den noch in der Entwicklung begriffenen Dichter, der, eben erst zur Poesie zurückgekehrt, noch nicht bis zu der Anschauung durchgedrungen war, daß jedes Kunstwerk die Gesetze der Schönheit in sich selbst zu suchen habe und keiner anderen Forderung unterworfen sei. Mit dem vierten Aufzuge folgen wir Max nach dem Speisesaal in Terzky’s Wohnung, wo ihm Isolani in einer so munteren und aufgeräumten Stimmung entgegen kommt, als ob die verrätherischen Plane schon völlig siegreich durchgeführt wären. Nach kurzen Begrüßungsworten präsentirt er ihm sogleich die Eidesformel, es ist (nach Helbig S. 217) der Wortlaut der Formel des Pilsener Schlusses vom 12. Januar neuen Stils, aber abgekürzt und etwas weniger unbeholfen, jedoch im Canzleistil ausgedrückt. Statt „Fürst von Friedland“ steht im Original „Herr Albrecht, Herzog von Mecklenburg, Friedland, Sagan und Groß-Glogau.“ Schnell kommt auch Terzky hinzu, damit Max nicht sogleich, sondern erst nach aufgehobener Tafel unterschreibe, denn Rittmeister Neumann, der Helfershelfer Illo’s und Terzky’s , der beiden Leiter der Intrigue, hat dem letzteren erst die von der bedeutungsvollen Klausel befreite Abschrift einzuhändigen, worauf das dem Max vorgelegte Blatt sogleich verbrannt wird. So weit ist Alles besorgt; nur die beiden Piccolomini, um deren willen der Betrug eigentlich nothwendig geworden, will Illo scharf bewacht wissen. Dagegen läßt Buttler, der zu ihnen herantritt, das Beste hoffen; er glaubt seine Zeit zu verstehen, denkt an Fürsten wie Friedrich V. von der Pfalz, Christian von Braunschweig, Eberhard von Würtemberg und andere, die landesflüchtig werden mußten, während Männer wie Bernhard von Weimar und Axel Oxenstierna durch das Kriegsglück emporzukommen im Begriff sind. Daß gerade die Tapferen und Tüchtigen sich jetzt etwas erringen können, das sagt ihm zu, und somit glaubt auch er sich zu einem Schritte berechtigt, den sein Herz sonst verdammen würde. Während sich die Verschworenen so in Sicherheit wiegen und bei Tafel rüstig für ihre Plane weiter wirken, zeigt uns der Dichter auf dem Vordergrunde der Bühne, wie der Boden unter ihren Füßen unterhöhlt wird. Dem tollen Treiben der Generale gegenüber, die nur vorwärts in die Zukunft schauen, bilden die besonnenen Betrachtungen des alten Kellermeisters, der, in der Geschichte seines Landes wohl bewandert, seinen Blick vorwiegend in die Vergangenheit (vergl. Dr. Kr. 93) richtet, einen eben so auffallenden als zugleich wirksamen Contrast. Die Darstellungen auf dem großen Kelch mit dem böhmischen Wappen, welche der Kellermeister als Protestant so sinnreich zu deuten versteht, erinnern uns mit voller Lebendigkeit an die kirchlichen Wirren, welche den unheilvollen Krieg herbeigeführt haben, während die schmausenden und zechenden Officiere an nichts Anderes als eine politische Umgestaltung Deutschlands denken, deren Schöpfer ihr Feldherr sein soll. So weit geht ihre Unvorsichtigkeit, daß sie dem Herzog Bernhard von Weimar, dem Feinde des Kaiserhauses, ein Lebehoch ausbringen; aber sie haben keine Ahnung davon, daß die Bedienten hinter ihren Stühlen lauschen und dem Pater Quiroga alles treulich berichten werden, damit man in Wien genau erfahre, wie es in Pilsen eigentlich aussieht. Endlich wird das Bankett aufgehoben und das Blatt von Terzky zur Unterschrift präsentirt. Octavio, um jeden Verdacht von sich fern zu halten, unterschreibt zuerst, worauf er sich Buttler nähert, den er später (T. II, 6) für seine Plane gewinnen will, dann aber seinen Sohn auszuforschen sucht, dessen verschlossenes Wesen ihm Bedenken einflößt. Inzwischen haben alle Theilnehmer des Festes unterschrieben, nur Max fehlt noch. Jetzt tritt Illo heran. Glücklich, daß Alles so gut gelungen, muß er sich mit Octavio aussöhnen; aber die Freundschaft, die der Wein gestiftet, die muß er sogleich wieder zerstören. Im Rausche schwatzt er nicht nur aus, was die andern Generale von Octavio halten, sondern er ist auch unbesonnen genug, dem zögernden Max gegenüber der Klausel zu erwähnen, so daß dieser aufmerksam wird und seine Unterschrift verweigert. Ist somit die Handlung auch nur um so viel weiter gerückt, daß wir den auf Max gerichteten Anschlag scheitern sehen, so liefert uns doch der ganze Act eine reiche Fülle höchst anziehender Momente und ist zugleich ein Meisterstück von dramatischer Lebendigkeit. Einen tief eingreifenden Gegensatz zu dem lebensvollen Bilde, welches an unsern Augen vorübergegangen, bildet schließlich der ganze fünfte Aufzug. Derselbe führt uns nach Piccolomini’s Wohnung, wo wir in weit vorgerückter nächtlicher Stunde einer Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn beiwohnen sollen. Die Unterzeichnung der Eidesformel ist der nächste Gegenstand ihres Gespräches. Max, bisher völlig arglos, hört jetzt, mit welchen schändlichen Planen man umgeht; aber er soll noch mehr erfahren. Vater und Sohn haben jeder vor dem andern ein Geheimniß gehabt; jetzt handelt es sich um gegenseitige offene Erklärung. Octavio sieht die Gefahr, die dem unbefangenen Herzen seines Sohnes droht, das Netz, mit dem man ihn zu fangen gedenkt; es gilt also, ihm die Augen zu öffnen, ihm zu zeigen, was der von ihm so hoch verehrte Herzog eigentlich im Schilde führt. Unter dem Vorgeben, dem Reiche den Frieden zu schenken (V. 71), unterhandelt er mit den Sachsen und bietet ihnen Verträge an, die aber (durch Arnim’s Zögerung) nicht zu Stande kommen wollen; gegen den Willen des Kaisers beabsichtigt er, alle Parteien zufriedenzustellen, und hat durch Kinsky sogar Unterhandlungen mit Frankreich angeknüpft, welches die Hand dazu bieten soll, ihm die böhmische Krone zu verschaffen; und um den Kaiser zu zwingen, daß diese Plane verwirklicht werden, soll im Heere Meuterei und Empörung angestiftet, sollen auch beiden Piccolomini gewonnen werden, sich an diesen verrätherischen Schritten zu betheiligen. Aber Max ist nicht im Stande, dem Herzog so etwas zuzutrauen. Selbst Octavio’s Versicherung, er habe es aus Wallenstein’s eigenem Munde, daß er zu den Schweden übergehen wolle (es sind die durch Franz Albert von Lauenburg am 20. Febr. angeknüpften Unterhandlungen gemeint), ja er habe die vertraulichen Briefe selber gesehen, die dem Herzog die Hülfe des Feindes versprechen, können Max nicht überzeugen. Jetzt muß Octavio mit seinem ganzen Geheimniß hervortreten, dem redlich denkenden Sohne seine falsche Handlungsweise offenbaren und dieselbe vor ihm zu rechtfertigen suchen; aber seine spitzfindigen Trugschlüsse (V. 185 bis 198) tragen nur noch mehr dazu bei, den geraden und offenen Charakter des jungen Piccolomini in seinem Vertrauen zu dem Feldherrn zu bestärken. Hiermit drängt sich das Gespräch zur Entscheidung. Max erfährt jetzt, daß Wallenstein abgesetzt und in die Acht erklärt (vergl. S. 449), dem Octavio aber das Commando für dne Fall übertragen sei, daß der Herzog den ersten verrätherischen Schritt wirklich thue. Max bleibt fest überzeugt, dies werde nie geschehen; da bringt ein Cornet die Nachricht, daß Wallenstein’s Unterhändler, der Sesin (vergl. S. 444) gefangen genommen und sammt den bei ihm vorgefundenen Depeschen nach Wien geschickt sei. Alles geht also nach Octavio’s Wunsch, die Stunde der Entscheidung ist nahe. Max jedoch ist fest entschlossen, und sollte er auch den Vater darüber verlieren, sollte er auch das ganze Werk der geheimen Staatskunst mit einem Schlage sprengen; er will dahin wirken, daß ehrlich und offen gehandelt werde. Er beschließt daher, zu Wallenstein zu gehen, um ihn zu einem geraden Schritte zu veranlassen (vergl. T. II, 2), fürchtet jedoch, es werde bereits zu spät sein und verkündet am Schluß gleich dem Chor in der antiken Tragödie, prophetisch die Katastrophe, die in dem folgenden Stücke zu erwarten ist. – Die Piccolomini sind demnach kein selbständiges, sondern ein Expositionsstück für Wallenstein’s Toddie eigentliche Tragödie, welche nicht nur die Vollendung, sondern in der That die Haupthandlung bringt. Der erste Aufzug führt uns zunächst in das Zimmer, welches wir bereits aus Thekla’s Beschreibung (P. III, 4, V. 77-101) kennen. Wallenstein hat mit Seni die Nacht durchwacht, um die Planeten zu beobachten, und ist zu einem Resultat gelangt, mit dem er zufrieden sein kann. Die eben aufgehende Venus und Jupiter, seine beiden Segenssterne, haben den bekanntlich in röthlichem Lichte (V. 18) strahlenden Mars in die Mitte genommen, eine Constellation, die er V. 9 als „glückseligen Aspect“, V. 33 als „Glücksgestalt“ bezeichnet. Seni stimmt dem um so lieber bei, als sich auch der dem Herzog feindliche Saturn im fallenden Hause (vergl. Astrologie Bd. I, S. 43) befindet. Nunmehr fühlt sich Wallenstein zum Handeln angeregt. Mythologische Anschauungen (vergl. Götter u. Kronos) mit seinem Glauben an die Elementargeister (vergl. ob. S. 479) verschmelzend, macht er sich klar, daß eine neue Ordnung der Dinge (vergl. P. IV, 4, V. 57-72) jetzt beginnen, das längst schon Vorbereitete sich erfüllen muß. Da erscheint Terzky und theilt ihm mit, daß der Sesin (vergl. P. V, 2) gefangen und nach Wien abgeführt worden ist. Jetzt tritt auch Illo auf, um, mit Terzky vereint, den Herzog zum Handeln anzuspornen. Ein Aufschub erscheint ihnen um so weniger rathsam, als Wrangel, der schwedische Oberst, bereits erschienen ist, um die eingeleiteten Verhandlungen zum Abschluß zu bringen. Die Stunde der Entscheidung ist also da. Aber ehe Wallenstein den verhängnißvollen Schritt thut, geht er in einem Monologe mit sich selbst zu Rathe, der uns einen tiefen Blick in sein Inneres gestattet; wir belauschen die Gedanken, die sich unter einander verklagen und entschuldigen; wir sehen, wie gefährlich es ist, mit der Sünde zu liebäugeln. Wallenstein fühlt, daß er zu hoch hinaus gewollt, daß er sich in gefährliche Netze verstrickt, und daß nur ein Gewaltact ihn aus der Schlinge befreien kann; er zieht die ganze Größe und Gefährlichkeit seines Unternehmens in Erwägung; aber Wrangel ist bereits gerufen, er muß ihn also empfangen. Die Unterredung Wallenstein’s mit einem Oberst Wrangel (s. d.) ist nicht historisch; in der Geschichte ist bei Gelegenheit der Belagerung von Strálsund (Dr. Kr. 149) nur von einem schwedischen Commandanten die Rede, dem ein dänischer Platz machte; auch ist der hier auftretende Oberst weniger ein persönlicher Charakter, als der Repräsentant des die schwedische Heeresleitung beseelenden Geistes, denn er hat nach seinem eigenen Ausdruck (V. 44) „hier bloß ein Amt und keine Meinung.“ Wallenstein empfängt ihn mehr abweisend als entgegenkommend; es ist, als sträube sich sein Inneres, den verrätherischen Schritt zu thun. Aber Wrangel, das Muster eines vorsichtigen Unterhändlers, kommt ihm mit schmeichelhaften Aeußerungen zuvor; und wie die Verhältnisse liegen, steht einer gegenseitigen Annäherung durchaus nichts im Wege. Der eigenthümliche Charakter des kaiserlichen Heeres, die Volksstimmung in den böhmischen Landen, die Absicht der Schweden, in Deutschland festen Fuß zu fassen, das Alles ist den Planen günstig, über welche man schon im Jahre 1633 mit einander verhandelte, ohne jedoch einig werden zu können. Jetzt aber gebietet die Noth; und als (V. 35) „jeder erst seine Sicherheit hat“, als besonders Wallenstein die Schrift gezeigt, die für die Zuverlässigkeit der Truppen bürgt, da tritt Wrangel mit seiner Vollmacht hervor, nur soll der Herzog mit dem Kaiser förmlich brechen. Von dieser Scene an, die zu den vollendetsten des ganzen Stücks gehört, bei der jedes Wort, jede Andeutung uns die ganze Situation jener Zeit mit vollster Lebendigkeit vor die Seele führt, steuert alles auf die Katastrophe los. Wrangel hat mit Abbruch der Verhandlungen gedroht, wenn ihnen nicht schleunig die That folge, Illo und Terzky drängen zum ungesäumten Handeln; aber Wallenstein bebt vor dem unnatürlichen Schritte zurück, er möchte sich nicht, wie jener Karl v. Bourbon (s. d.), dem allgemeinen Abscheu preisgeben. Auch die Gründe Illo’s und Terzky’s, welche ihn darauf hinweisen, daß Karl V., der Ahnherr des kaiserlichen Hauses, doch damals auch nicht so gewissenhaft gehandelt, sind noch nicht im Stande, ihn zum Entschluß zu treiben. Dieses Werk ist einem verschmitzten Weibe vorbehalten, der Gräfin Terzky, die nunmehr auftritt. Wallenstein selber scheint sie zu fürchten, denn er weist sie zurück, aber sie läßt sich nicht bedeuten. Da sie hört, daß er auch jetzt noch zögert, so appellirt sie an seinen Muth und besitzt zugleich Geistesgegenwart genug, um Max Piccolomini, der sich eben melden läßt, zurückzuweisen. Sein Erscheinen wäre in diesem Augenblicke höchst gefährlich; er, dessen Absicht uns (aus P. V, 3) bekannt ist, würde den Feldherrn nur an dem zu ergreifenden Schritte hindern; und was seine Werbung um Thekla’s Hand betrifft, so hat die für die Gräfin nicht die geringste Eile. Auf Wallenstein einzuwirken, den wichtigen Augenblick zu benutzen, das ist jetzt ihr einziges Streben. Darum setzt sie alle Hebel in Bewegung, mahnt den Feldherrn in Gegenwart seiner ersten Generale an sein Ehrgefühl und bedient sich selbst der Ironie, sollte sie ihn auch auf das empfindlichste reizen. Wallenstein, in der höchsten Aufregung, kämpft einen furchtbaren Kampf, weiß er doch recht gut, daß er den Welthändeln gegenüber kein müßiger Zuschauer sein kann. Jetzt gilt es, ihn anzustacheln. Sie erinnert ihn an die erlittenen Kränkungen, schmeichelt seiner Kraft, seinen Talenten, sucht seinem Verrath den Stempel des natürlichen Rechts aufzudrücken und wirft schließlich die günstigen Aspecte des Himmels mit in die Wage. Das endlich wirkt; er faßt den gefährlichen Entschluß und läßt den Oberst Wrangel rufen. „Es ist sein böser Geist und meiner“ mit diesen Worten bezeichnet er das Schicksal, welches dem Kaiser bevorsteht, zugleich aber, daß er auch für sich in Sorgen ist. Und als die Gräfin, glücklich über das Gelingen ihres kühnen Schrittes, mit frohlockender Miene Abschied nimmt, da warnt er sie, gleich dem Chor in der antiken Tragödie, dem Geschick zu trauen, während der Zuschauer durch die gereimten bedeutungsschweren Schlußstrophen gleichfalls zu ernstem Sinnen veranlaßt wird. Vor dem Beginn des zweiten Aufzuges (d. h. zwischen den beiden ersten Acten) hat Wallenstein das Bündniß mit Wrangel abgeschlossen. Jetzt meldet ihm Altringer (im Texte „er“), er läge krank zu Linz, doch ist ihm bereits die Kunde zugekommen, daß er sich bei Gallas versteckt halte. Diese beiden abtrünnigen Generale müssen also festgenommen werden, und mit diesem Geschäft wird Octavio betraut. Es ist eine kurze, aber ängstlich spannende Scene, in der der Feldherr dem Verräther sein Vorhaben so leicht macht, ihm zu seinem eigenen Verderben die Hand bietet, ohne ihm auch nur Zeit zu lassen, die etwaigen Regungen seines Gewissens zu offenbaren. Nun erscheint Max, dessen Unterschrift der Herzog bereits vermißt hat. Er kommt, um sich Licht zu verschaffen, hofft irgend ein beruhigendes Wort zu vernehmen, und hört zu seinem Schmerz, daß Wallenstein sich in einem Streit der Pflichten befinde, aus dem er mit reinem Gewissen nicht hervorgehen könne; erfährt, daß er sich mit den Schweden verbinden wolle, und daß es nun auch an ihm sei, Partei zu ergreifen, sich für oder gegen seinen Feldherrn zu entscheiden. Max, auf’s tiefste ergriffen , möchte ihn auf den Weg des Rechts zurückziehen, will sich ihm zu Liebe an Widersetzlichkeit, selbst an Empörung betheiligen, wenn es sein muß, nur nicht am Verrath, den er allein in der Verbindung mit den Schweden sieht. Aber die Widersetzlichkeit ist mit den noch treu gebliebenen Truppen nicht durchzuführen; auch gesteht ihm Wallenstein, daß er sich mit den finstern Mächten eingelassen, den Lügengeistern, vor denen Max von seinem sittlichen Standpunkte aus ihn warnen muß. Um dem Herzog die Rückkehr zu seiner Pflicht zu erleichtern, will er selbst nach Wien gehen, den Kaiser umzustimmen, oder wenn das nicht mehr möglich ist, ihn in die Stille friedlicher Zurückgezogenheit begleiten; aber es ist zu spät, Wallenstein’s Boten sind schon (T. I, 7, V. 102) nach Prag und Eger abgesandt, wo den Schweden die Thore geöffnet werden sollen. So muß Max mit schmerzzerrissener Seele von ihm scheiden. – Mit ernstem Sinnen bleibt Wallenstein zurück. Der Frage des eintretenden Terzky nach dem jungen Piccolomini ausweichend, verlangt er nach Wrangel, den er in Folge des eben gehabten Auftrittes noch einmal sprechen möchte; aber der Schwede ist fort, das Verderben geht also seinen Gang. Nun tritt auch Illo ein und lenkt das Gespräch sogleich auf Octavio, dessen ganzes Benehmen ihm Verdacht eingeflößt; Wallenstein jedoch, der auf die Sternkunst baut, der (P. II, 6, V. 17) sein Horoskop gestellt und dem Weltgeist (s. o. S. 480) vertraut, ist von jedem Argwohn frei. Aus der innersten Ueberzeugung seiner Seele heraus schildert er ihnen den Vorfall am Tage vor der Lützner Schlacht (vergl. P. I, 3, V. 84-97) und beharrt unerschütterlich auf seiner Meinung. Aber wie schwankend der Boden ist, auf dem er steht, zeigt uns die zweite Hälfte des Actes, die uns in Piccolomini’s Wohnung führt. Der Generallieutenant hat seine Maßregeln getroffen; ein Commando ist beordert, das die zu gewinnenden Heerführer im Falle eines Widerstandes festzunehmen hat; die größte Vorsicht ist jetzt nöthig. Nunmehr vollzieht sich ein Theil der geheimen Machinationen vor unsern Augen. Bei Isolani genügt die kaiserliche Ordre, um ihn ohne besondere Umstände zu seiner Pflicht zurückzuführen. Weniger zugänglich dagegen erscheint Buttler, der schon die Tages zuvor (P. IV, 6, V. 26-38) versuchte Annäherung nur kalt erwiedert hat; bei ihm bleibt selbst das kaiserliche Manifest ohne Wirkung. Aber sein gekränkter Ehrgeiz wird jetzt ein Mittel, ihn zur Partei des Kasiers herüberzuziehen. Wallenstein hat sich in seinem schlauen Manöver (s. o. S. 488 u. T. III, 4, V. 22) verrechnet; der Hof gewährt jetzt aus freien Stücken, was Buttler gewünscht, und so macht dieser schnell die verhängnißvolle Schwenkung, bei der er, ohne den Weg der Ehre und des Rechts zu verlassen, seinem Rachegefühl Luft machen kann. Was er vorhat, ahnt selbst Octavio noch nicht, den es drängt, mit Gallas und Altringer zusammenzutreffen, damit des Kaisers Acht vollzogen werde. Nur mit seinem Sohne hat er noch ein ernstes Wort zu reden. Er selbst reist ab und hofft, Max werde ihm bald nachkommen; dieser aber kann die krummen Wege des Vaters nicht betreten, und ob er sich einem Terzky, einem Illo anschließen soll, die, wie er wähnt, den schlechten Streich mit der weggelassenen Klausel (vergl. P. V, 1, V. 139) ohne des Herzogs Willen gespielt, das weiß er selbst noch nicht. Aber von Thekla muß er wenigstens Abschied nehmen; er widersetzt sich also dem Befehle seines Vaters, ihn zu begleiten und bleibt zurück. Nur so viel deutet er ihm an, er werde tapfer fechtend fallen, oder die ihm anvertrauten Truppen aus Pilsen führen. Und somit scheiden beide, um sich nicht wiederzusehen. Wenn Sch. In der Selbstrecension seiner „Räuber“ sagt, daß das Stück in der Mitte erlahme, so sehen wir ihn hier in dem dritten Aufzuge die außerordentlichsten Anstrengungen machen, um uns in einer Reihe von dreiundzwanzig Auftritten auf den Gipfelpunkt seines Riesenwerkes zu führen. Es ist der dritte Tag der Gesammthandlung, wie wir aus Thekla’s Worten (V. 8) „heut und gestern“ entnehmen. Nachdem die Neubrunn fortgeschickt worden, tritt die Gräfin Terzky mit ihren Planen deutlich hervor. Thekla soll Max an ihren Vater zu fesseln suchen, sie soll ihn dazu vermögen, seine Liebe höher zu schätzen als Pflicht und Ehre, er soll sich um seiner Geliebten willen an Wallenstein’s verrätherischen Schritten betheiligen. Jetzt sieht Thekla klar, in welcher Gefahr ihre Liebe schwebt, und welch unheilbarer Schmerz zugleich ihrer Mutter bevorsteht, die von dem Vorgefallenen noch keine Ahnung hat. Wir sind gespannt, wie sie sich in den nächsten Augenblicken verhalten wird, denn es treten Wallenstein und Illo ein, beide in der Erwartung, daß die vorbereitete Verschwörung nun zum Ausbruch kommen werde. Zu diesem Zweck sollen jetzt auch die Truppen hintergangen, es soll ein falsches Spiel mit ihnen getrieben werden. Von Buttler, den der Herzog bisher mit Mißtrauen beobachtet, erfährt er, derselbe habe sich für ihn erklärt; nun schickt er auch nach Isolan, um ihm für den entscheidenden Moment die nöthigen Verhaltungsbefehle zu ertheilen. So erscheint Alles geordnet; in der nächsten Stunde kann die Nachricht eintreffen, daß Prag in des Herzogs Händen, sein Abfall von dem Kaiser eine abgeschlossene Thatsache ist. Zuvor aber will er noch einige Augenblicke im Kreise seiner Familie zubringen, denn auch seine Gemahlin muß erfahren, was hier Außerordentliches vorgeht. Zunächst sind es Familienangelegenheiten, die zur Sprache kommen, aber sie sollen dem Feldherrn eine neue Sorge bereiten. Die Gräfin theilt ihm mit, daß Thekla den jungen Piccolomini liebt, und sie, wie ihre Schwester treten als dessen Fürsprecherinnen auf. Wallenstein aber hat ganz andere Absichten; wie sollte er, dem eine Königskrone aus nächster Nähe winkt, nicht auch für die Tochter sich nach einem gekrönten Haupte umsehen! Die Warnungen seiner Gemahlin verhallen in diesem Augenblicke wirkungslos; im Gegentheil, sie muß erfahren, daß es mit der Freundschaft des Kaiserhauses vorbei ist. Nunmehr bricht auch die Katastrophe herein; Terzky meldet, daß Isolan mit seinen Kroaten davon gezogen, und Illo berichtet, daß auch fünf andere Generale ihn verlassen haben. Jetzt gilt es, einen raschen Entschluß zu fassen; die Tiefenbacher sollen durch Terzky’s Grenadiere abgelöst werden, Buttler wird gerufen, die Frauen werden fortgeschickt. Das ist aber noch nicht Alles. Unruhige Auftritte unter den Truppen lassen das Schlimmste befürchten, die Tiefenbacher verweigern sogar den Gehorsam, und nun wird Octavio’s Verrath offenbar. Jetzt wäre dem Feldherrn ein zuverlässiger Freund von Nöthen; da erscheint Buttler, mit dessen gefährlichen Absichten wir bereits vertraut sind. Von Wallenstein auf’s herzlichste empfangen, mit Worten angeredet, die ihm tief in die Seele dringen müssen, steht er kalt und eisern da, und statt ihm ein Wort des Trostes entgegen zu bringen, berichtet er von neuem Unheil. Prag ist verloren, der Bote Kinsky’s von den bestochenen Wachen aufgefangen; die Regimenter in verschiedenen böhmischen Städten sind abgefallen, der Herzog und die ihm ergebenen Generale in die Acht erklärt. Der unheilbare Bruch ist also geschehen; jetzt muß der Feldherr für sein Leben kämpfen. Wie werden die Seinen diesen Schlag ertragen? Die Gräfin stürzt in voller Angst herein; theils weiß, theils ahnt sie, was geschehen; die Herzogin und Thekla folgen ihr, und nun erfahren auch sie die Schreckensnachricht, unter deren Druck die Herzogin ohnmächtig zusammensinkt. Im Gegensatz zu den zwölf ersten Scenen, in denen eine Stütze nach der andern bricht, erscheint nun Wallenstein allein, aber nicht mehr als der Zögernde, sondern gewaffnet und zu entschlossenem Handeln bereit. Die Lage der Verhältnisse scharf in’s Auge fassend, erinnert er sich seiner Vergangenheit. Sollte er nicht noch einmal von vorn anfangen, die kleine Zahl, die ihm treu geblieben, nicht der Krystallisationspunkt werden können, um welchen eine neue Macht sich schaart? Da meldet sich eine Deputation der Pappenheimer Kürassiere, die noch in Zweifel sind, welche Partei sie zu ergreifen haben. Wallenstein hat sie von jeher bevorzugt, sie werden sich also leicht gewinnen lassen. Er macht den gefährlichen Versuch. Statt sie auf die Pflicht des Gehorsams hinzuweisen, appelirt er an ihr persönliches Urtheil und bemüht sich, seine Handlungsweise vor ihnen zu rechtfertigen. Sie wollen ihn stützen, und darum sollen sie ihm glauben, daß er es mit den Schweden nur zum Schein halte. Da tritt Buttler ein und bringt die Nachricht, daß Terzk’s Regimenter die kaiserlichen Adler abreißen und die Friedländischen Zeichen aufpflanzen. Jetzt ist es mit der Unterhandlung vorbei; ihrem Eide treu zu sein ist den ehrlichen Soldaten die einzige Pflicht; sie machen also Kehrt und marschiren zu ihrem Regimente zurück. Um die Noth des Augenblicks zu vergrößern, stürzen nun auch die Frauen herein. Sie haben erfahren, was geschehen ist und sollen jetzt schnell nach Eger geführt werden. Doch zuvor ist noch eine andere Gefahr zu bestehen. Die Pappenheimer rücken an und verlangen ihren Führer, der noch im Schlosse verborgen sein soll. Und allerdings ist es so, denn Max erscheint, aber nicht um die bestürzten Gemüther mit einem Hoffnungsstrahl zu erfreuen, sondern um von Thekla Abschied zu nehmen, vor ihrem Herzen sich gerechtfertigt zu sehen. Da bemerkt er Wallenstein, dessen Angesicht er nicht hat wiedersehen wollen. Sein Verbrechen und die Schuld Octavio’s (V. 96 – vergl. Laokoon) haben den beiden unschuldigen Liebenden das grausame Schicksal bereitet, das sie auf immer von einander trennt. Noch einmal macht der Herzog den Versuch, Max an sich zu fesseln; aber in demselben Augenblick tritt Neumann ein und meldet, daß die Pappenheimer ihren Führer mit Gewalt befreien wollen. Und als ob Alles in diesem fürchterlichen Augenblick hinge, bringt nun auch Terzky Botschaft von Erfolgen, welche die ergebenen Regimenter errungen. Ein einziger Befehl Wallenstein’s, und die Empörer lassen sich überwältigen; jetzt fragt es sich, ob Max sich an ihre Spitze stellen und gegen seinen Feldherrn kämpfen will. Das ist nicht seine Absicht; er will nur seinem Eide treu bleiben und die ihm anvertrauten Truppen zu des Kaisers Heer zurückführen. Aber die leidenschaftliche Erregung seiner Schaaren ist inzwischen so gewachsen, daß Wallenstein sich selbst genöthigt sieht, dem Tumulte Schweigen zu gebieten. Unterdessen giebt Max, unschlüssig, was er thun soll, den inneren Kämpfen seiner Seele wie einem Monologe (Sc. 21, V. 3-15) einen beredten Ausdruck; die Gräfin macht noch einen letzten Versuch, ihn zu gewinnen; er aber wendet sich an Thekla, sie soll sein Loos entscheiden. Wie zu erwarten, verweist sie ihn an seine Pflicht; wie könnte sie verlangen, daß er sich der Schuld ihres Vaters theilhaftig machte, von der selbst die gemeine Soldaten sich mit Abscheu wegwenden. In diesem Augenblick kehrt Wallenstein zurück; sein persönliches Erscheinen bei den Truppen ist erfolglos geblieben; er beschließt nunmehr, Pilsen zu verlassen und nach Eger zu gehen. Max dagegen, dessen Reiter truppweise hereintreten, um ihren Führer abzuholen, richtet noch Worte inniger Wehmuth an Wallenstein und Worte ernster Mahnung an Buttler, worauf er mit dem verzweifelten Entschlusse die Scene verläßt, sich und die Seinigen dem Tode zu weihen. Mit dem vierten Aufzuge beginnt (vergl. T. III, 23, V. 2 „heut“ und V. 7 „morgen“) der vierte Tag der Handlung, so daß der Dichter annimmt, der Marsch von Pilsen nach Eger (der am 23. u. 24. Febr. gemacht wurde) sei in einem Tage zurückgelegt worden. Wir befinden uns in dem Hause des Bürgermeisters zu Eger und erblicken zunächst Buttler, der in einem Monologe Wallenstein’s Schicksal prophezeiht, sein eigenes Vorhaben dagegen zu beschönigen sucht. Hierauf erscheint Gordon, der Commandant von Eger, von Geburt ein Schotte, daher (T. III, 23, V. 5) als Buttler’s Freund und Landsmann bezeichnet. Der Dichter theilt ihm zugleich die Rolle eines Jugendfreundes des Herzogs zu, dem er im Herzen treu geblieben, obwohl er eine von dem Heere isolirte Stellung eingenommen. Ohne über die Vorgänge in Pilsen unterrichtet zu sein, hat er nur einen kaiserlichen Brief empfangen, der ihm befiehlt, sich Buttler’s Anordnungen zu fügen, von dem er nunmehr das Nähere über Wallenstein’s Verrath erfährt. Da die Schweden im Anmarsch sind, so muß des Herzogs Vereinigung mit denselben gehindert, er selber also gefangen genommen und, wenn es nicht anders geht, die kaiserliche Acht vollstreckt werden. Indem Gordon zögert, die Hand hierzu zu bieten, erscheint Wallenstein mit dem Bürgermeister, erkundigt sich bei diesem nach den Verhältnissen der Stadt, bei jenem nach den militairischen Angelegenheiten, und befiehlt Buttler, die den Schweden entgegenstehenden Posten zurückzuziehen. Diese Maßregel ist um so bedeutungsvoller, als Terzky berichtet, ein schwedisches Corps habe über kaiserliche Truppen gesiegt, eine Nachricht über die Illo noch ausführlichere Mittheilungen macht, welche dahin lauten, daß Max mit seiner gesammten Reiterei im Kampfe gefallen sei. Wallenstein will fort, um den Boten, der die Nachricht gebracht, selber zu hören; in demselben Augenblick aber stürzt die Neubrunn Hülfe rufend in’s Zimmer, er eilt also zunächst zu seiner Tochter. Buttler und Gordon bleiben jetzt allein zurück. Die eingegangene Nachricht hat die Gefahr gesteigert; die siegreichen Schweden können den Herzog leicht befreien, er ist also nicht länger zu bewachen. Buttler erklärt daher, daß er ihn ermorden will. Es entspinnt sich ein heftiger Wortwechsel zwischen beiden; dem Haß und der Leidenschaft gegenüber vertritt Gordon den Standpunkt des Rechts und der Milde; da er sich aber nicht getraut, für die Folgen einzustehen, so muß er Buttler gewähren lassen. Zu allem Unheil kommen nun auch Terzky und Illo zurück. Jener verkündet mit triumphirender Miene, daß am nächsten Morgen die Schweden einziehen werden, und dieser deutet an, welche erfreuliche Wendung der Dinge nun für den Herzog eintreten wird. Der König Ferdinand von Ungarn ist in der Kriegführung noch völlig unerfahren, und der sorglose Gallas (vergl. Dr. Kr. 469) versteht es nur, ein Heer zu ruiniren. Beide Generale sind also von den besten Hoffnungen beseelt, und in fast übermüthiger Weise ertheilt Illo dem Gordon die weiteren Verhaltungsbefehle. Buttler und Gordon bleiben jetzt nochmals allein; der letztere macht einen wiederholten Versuch, Buttler von seinem entsetzlichen Vorhaben zurückzuhalten, in der rühendsten Weise hebt er alle guten Eigenschaften des Herzogs hervor, aber vergeblich. Der Sieg der Schweden hat entschieden, das unglückselige Verhängniß naht. Die sechs letzten Auftritte führen uns in Wallenstein’s Familie. Thekla hat den unglücklichen Ausgang des jungen Piccolomini erfahren; ihr Herz drängt sie, die näheren Umstände zu wissen, sie muß jetzt den schwedischen Courier allein sprechen. Sein Erscheinen ist uns nicht nur um Thekla’s willen von Bedeutung, sondern gleichzeitig erfahren wir durch ihn, wie sich die Lage der Dinge inzwischen weiter entwickelt hat, es wird uns der Sieg der Schweden zu lebendiger Anschauung gebracht. Aber neben der letzten Hoffnung, die dem Helden des Drama’s winkt, sehen wir ihn gleichzeitig von einem schweren Verluste bedroht. Thekla’s Forschen nach der Stätte, wo Max seinen letzten Ruheplatz gefunden, die Eröffnungen, welche sie der Neubrunn macht, endlich der Monolog, der uns an das Gedicht „Thekla, eine Geisterstimme“ mahnt – sie erfüllen unsere Seele mit düsteren Ahnungen. Und als nun auch Rosenberg auf ihr Verlangen bereitwillig eingeht, da sehen wir, das Schicksal der unglücklichen Tochter Friedland’s ist entschieden, der kurze und schnelle Abschied von ihrer Mutter, es ist ein Abschied auf ewig. Der fünfte Aufzug, welcher uns die Entscheidung zu bringen hat, führt uns zunächst in das Zimmer Buttler’s, der dem Major Geraldin die Ermordung Illo’s und Terzky’s überträgt. Neben seinem Rachegefühl treiben ihn auch die Umstände zu rascher That, denn die Bürgerschaft von Eger ist bereits entschlossen, Wallenstein’s Partei zu ergreifen, und die Schweden sind in jedem Augenblick zu erwarten. Jetzt treten die Hauptleute Deveroux und Macdonald ein, zwei Gestalten, deren leichter Humor uns an die Soldaten erinnert, die wir in dem Lager kennen gelernt haben. Buttler hat sie ausgesucht, die kaiserliche Ordre an dem Fürsten zu vollstrecken, aber noch beben sie vor der Frevelthat zurück, Deveroux mehr aus eigener Ueberlegung, Macdonald dagegen als sein bloßes Echo. Es ist eine meisterhaft angelegte und höchst wirkungsvoll durchgeführte Scene, deren komische Färbung das Grauenhafte des Vorganges in wohlthuender Weise mildert. Nach einigem Widerstreben von Seiten der einfältigen Söhne der Fortuna gelingt es Buttler, sie zu verführen, theils indem er ihren Neid erweckt, theils indem er (V. 101-106) zu sophistischen Künsten seine Zuflucht nimmt; und in einer spitzfindigen Wendung setzen auch sie sich über ihre Schandthat hinweg, sie wollen den Feldherrn vor dem Schwert des Henkers bewahren und ihm den „ehrlichen Tod“ eines Soldaten bereiten. Nachdem diese unheimlichen Vorbereitungen getroffen sind, erblicken wir Wallenstein zum letzten Mal. Er entläßt den schwedischen Hauptmann, den wir von Thekla haben scheiden sehen, mit der Nachricht an seinen Herrn, die Festung solle sich ihm am nächsten Morgen aufthun. Aber der Sieg der Schweden gewährt ihm nicht die gehoffte Freude. Die für die Jahreszeit freilich nicht unerhörte, aber doch immerhin ungewöhnliche Erscheinung eines schwarzen Gewitterhimmels stimmt unheimlich zusammen mit der Nacht in seiner Seele. Der Schmerz um den Verlust des jugendlichen Freundes, das Bewußtsein, die einzige geliebte Tochter innerlich geknickt zu sehen, bange Besorgniß um die nächste Zukunft – das Alles versetzt ihn in eine gedrückte Stimmung. Er sucht sich Ruhe zu erzwingen, aber es gelingt ihm nicht. Erst als die Gräfin Terzky, von banger Furcht gequält, verkündet, daß unheildrohende Träume sie das Schlimmste befürchten lassen, da ermannt er sich und gewinnt seine sichere Fassung, mit der er auch von dem eben eintretenden Gordon die Festungsschlüssel in Empfang nimmt. Völlig ruhig und sorglos läßt er sich von dem Kammerdiener ein Waffenstück nach dem andern abnehmen, bis er vollständig wehrlos vor uns steht. Nichts ist im Stande, ihn zu warnen. Das Zerspringen der goldenen Kette ist ihm jetzt kein böses Omen mehr; die prophetische Aeußerung, welche der angsterfüllte Gordon (V. 39-41) wagt, wird eben so wenig verstanden, wie seine Warnungen (V. 60-65) beachtet werden; mit dem Opfer seines Lieblings (vergl. Ring des Polykrates Str. 9 u. 10) glaubt er die eifersüchtige Gottheit versöhnt zu haben. Jetzt thut auch noch die Sternkunst ihre Schuldigkeit. Seni eilt herbei und warnt vor falschen Freunden, er sieht in einer bedenklichen Constellation das Leben seines Herrn bedroht; aber Seni ist leider ein zu guter Katholik, als daß seine Deutungen in diesem Augenblick eine Wirkung haben sollten. Endlich macht Gordon einen letzten Versuch, den Herzog zu retten; wie, wenn er sich zu völliger Umkehr entschlösse, noch in dieser Stunde einen entscheidenden Schritt thäte! Aber Wallenstein hat längst entschieden; der Würfel ist einmal gefallen. Mit vollster Seelenruhe spricht er die den Zuschauer so mächtig erschütternden Worte, in denen er ahnungslos sein nahes Schicksal prophezeiht. Kaum hat er sein Schlafgemach betreten, so hören wir Buttler hinter der Scene den Mördern ein unheimliches Halt gebieten. Noch einmal tritt im Gordon mit dringenden Bitten in den Weg; Illo und Terzky sind bereits ermordet, mit dieser Blutthat könnte der Gerechtigkeit Genüge geschehen sein; aber nein, auch das Rachegefühl fordert seinen Tribut. Da erschallt ein Trompetenstoß, Deveroux und Macdonald glauben die schwedischen Hörern zu vernehmen, die That leidet jetzt keinen Aufschub mehr. Gordon muß als Commandant auf seinen Posten, und die Mörder dringen ungehindert in des Herzogs Schlafgemach. Es ist um ihn geschehen. Was die Nacht mit ihrem schwarzen Schleier verhüllt, das wird nun in einigen kurzen Schlußscenen an das Licht gebracht. Der Tod des Einen setzt das ganze Haus in Bewegung. Die Gräfin Terzky, schon in Unruhe um ihren Gemahl und um den Herzog, sucht jetzt auch nach Thekla, welche spurlos verschwunden ist. Da stürzt Gordon herein, um zu melden, daß nicht die Schweden, sondern die Kaiserlichen eingedrungen sind; aber die wenigen Minuten, die Buttler ihm verweigert, sind verstrichen, Octavio’s Rettungsbotschaft kommt zu spät, Seni hat den Fürsten bereits in seinem Blute liegen sehen. Der Bürgermeister, Pagen, Bediente, Kammerfrauen, alles läuft zusammen; da tritt der Urheber der fürchterlichen Scene, Octavio selbst herein. Was hier geschehen, das freilich hat er nicht gewollt; der eilfertige Buttler jedoch, von jeher an pünktlichen Gehorsam gewöhnt, ist wegen der Folgen seiner That ganz außer Sorgen und wird sich seine Anerkennung in Wien holen. Die einzige, die dem neuen Oberfeldherrn aus dem verödeten Hause noch gegenübertritt, ist die Gräfin Terzky; aber auch ihre Stunden sind gezählt, sie hat ihm nur noch die letzten Wünsche der Ermordeten vorzutragen. So steht er schließlich allein, um den Dank für seine heimlichen, dem Kaiserhause geleisteten Dienste in Empfang zu nehmen; es ist ein Brief mit der Aufschrift: „Dem Fürsten Piccolomini.“ Nachdem wir in Vorstehendem die Verkettung der Umstände zur Anschauung gebracht, durch welche der Dichter den tragischen Ausgang seines Helden herbeiführt, und nachdem wir somit einen Einblick in die treffliche Oeconomie des Stückes gewonnen haben, bleibt uns nur noch übrig, einer Idee zu erwähnen, welche wie ein leitender Faden das ganze Drama durchzieht; es ist die Schicksalsidee. Wenn Sch. In seinen Jugenddramen sich darauf beschränkte, den Menschen im Kampfe mit den herkömmlichen Formen der Gesellschaft darzustellen, so kam es ihm, nachdem er die Epoche der wissenschaftlichen Selbstverständigung durchlaufen, nunmehr darauf an, auf dem Gebiete der dramatischen Kunst etwas Vollendetes hervorzubringen. Er beschäftigte sich deshalb eifrig mit dem Studium der antiken Tragödie, welche bekanntlich den Menschen im Kampfe mit dem Schicksal darstellt. Dem aufmerksamen Beobachter menschlicher Verhältnisse konnte auch im Alterthum die Wahrnehmung nicht entgehen, daß die freie Kraft des Menschen allen Berechnungen seines Verstandes, wie aller Strebkraft seines Willens zum Trotz bei dem Ringen nach einem vorgesteckten Ziele nicht selten Schiffbruch leidet. Auf diese Weise entstand die Vorstellung von einem Fatum, das wir in unserer Sprache mit dem Ausdruck Verhängniß oder Schicksal zu bezeichnen pflegen; es war die mit religiösem Sinne aufgefaßte Naturnothwendigkeit. Nach R. Binders eben so klarer, als dem Geiste unseres Dichters entsprechender Auffassungsweise wirkte wohl Zweierlei zusammen, um den Begriff des antiken Schicksals zu bilden. Zunächst trat die menschliche Vernunft als solche dem Polytheismus entgegen, indem sie einen Gott als den höchsten voranstellte und die Vielheit der Götterwillen durch das Fatum zu ergänzen und zu berichtigen suchte; außerdem aber mußte die Erinnerung an die orientalische substantielle Einheit des höchsten Wesens, welcher man den „dem unbekannten Gotte“ (vergl. Ap.-Gesch. 17, 23) errichteten Altar verdankte, nothwendiger Weise mitwirken. „So schwebt im Alterthum über Göttern, wie über Menschen, als umfassende Macht und Einheit die zwingende Nothwendigkeit, ein dunkeles göttliches Wesen, Beiden drohend, weil es ein unerkanntes Jenseits, ein Gegenstand erhabener Ahnung ist.“ Das antike Schicksal ist daher nach Schellings treffender Erklärung „eine dunkle, unbekannte Gestalt, die zu dem Stückwerk der Freiheit das Vollendete oder Objective hinzubringt, jene Macht, welche durch unser freies Handeln ohne unser Wissen und selbst wider unsern Willen nicht vorgesteckte Zwecke realisirt.“ Diesem Schicksal trotzen zu wollen, kam den Griechen (wie Binder S. 68 näher ausführt) nicht in den Sinn; im Gegentheil: heilige Ehrfurcht gegen dasselbe wurde nicht nur allgemein gehegt, sondern auch gelehrt, und Verleugnung dieser Ehrfurcht galt als ein Zeichen der höchsten Ruchlosigkeit. Von einem Kampfe gegen das Schicksal als solches ist in der antiken Tragödie also eigentlich nie die Rede, sondern mit aller Scheu vor demselben kämpft der Mensch nur gegen die von ihm gesendeten eigentlichen Schickungen, die er die Unvermeidlichkeit der letzteren erkannt hat. In solchem Kampfe durch schließliche Ergebung in das Unabänderliche seine höhere Würde zu bewahren, oder, wenn man eine Schuld auf sich geladen, dieselbe sterbend zu büßen und zu sühnen, das war die Aufgabe, welche die Tragödien des klassischen Alterthums sich stellten; in diesem Sinne war eine jede derselben Schicksalstragödie. Schiller hatte in seinen früheren Dramen die Vorstellung des Schicksals vollständig ausgeschlossen. In seiner Abhandlung über die tragische Kunst (Bd. 11) vom Jahre 1792 spricht er sich sogar gegen die Wiedereinführung desselben in das Drama aus, weil eine blinde Unterwürfigkeit unter das Schicksal immer demüthigend und kränkend für freie, sich selbst bestimmende Wesen sei. Indessen ist schon in seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges mehrfach vom Schicksal die Rede. So heißt es S. 140 von dem Grafen Mansfeld: „Immer von dem Schicksal verfolgt, und immer größer als sein Schicksal“ etc. und S. 289 von Wallenstein: „das Schicksal selbst hatte sich zu seinem Rächer aufgestellt.“ Eben so finden wir in mehreren Balladen, die während der Bearbeitung des Wallenstein gedichtet wurden, wie im „Taucher“ und dem „Ring des Polykrates“ den Menschen im Conflikte mit dem Schicksal nach antiker Anschauung, worin der Einfluß W. v. Humboldt’s, so wie des Dichters Beschäftigung mit den griechischen Tragikern nicht zu verkennen ist. Auch sehen wir ihn seinem Briefwechsel zufolge während der dramatischen Gestaltung des Wallenstein wiederholt mit der Idee des Schicksals „als eines poetischen Behelfs“ oder „eines symbolischen Mittels“ beschäftigt, was Goethe mit Rücksicht auf den astrologischen Aberglauben vollständig billigte. Auf diese Weise trat zu dem objectiven Zeit- und Charaktergemälde die Schicksalsfärbung als etwas Subjectives hinzu und durchzog bald das ganze Stück, indessen keinesweges zu völliger Zufriedenheit des Dichters; denn in einem Briefe an Goethe vom 28. November 1796 heißt es: „Das eigentliche Schicksal thut noch zu wenig, und der eigene Fehler des Helden noch zu viel zu seinem Unglück. Mich tröstet aber hier einigermaßen das Beispiel des Macbeth, wo das Schicksal ebenfalls weit weniger Schuld hat als der Mensch, daß er zu Grunde geht.“ Der tiefere Grund hiervon lag aber jedenfalls in der Vorstellung, welche der Dichter von dem Schönen hatte. Das Verdienst, hierauf aufmerksam gemacht zu haben, gebührt Tomascheck, welcher in dem oben citirten Vortrage (S. 20) daran erinnert, daß unser Dichter den Hauptcharakter des Schönen in der zwanglosen Natürlichkeit der Bewegung fand. Hätte er Wallensteins That als nackten Verrath hingestellt, so hätte sie auf die freie Bewegung der Handlung und die Entwickelung der Katastrophe eine Art Zwang ausgeübt; bei seiner poetischen Darstellung dagegen erscheinen Verwickelung und Lösung wie von selbst herbeigeführt, wie aus der Natur der Verhältnisse hervorgegangen, was seinem Princip der Schönheit entspricht. Daß der Dichter die äußeren Verhältnisse an Wallensteins Handlungsweise in gewissem Sinne Theil nehmen läßt und „die größere Hälfte seiner Schuld den unglückseligen Gestirnen zuwälzt,“ ist für die Kritik, soweit sie sich auf die Schicksalsidee bezieht, der hauptsächlichste Angriffspunkt gewesen. Professor Süvern, welcher Schillers Wallenstein an dem Maßstabe der griechischen Tragödie, besonders des Sophokles mißt, behauptet, daß in dieser Verherrlichung der menschlichen Freiheit, nicht in der des Schicksals, der höchste Gipfel zu suchen sei, Wallenstein dagegen durch ein blindes Verhängniß zu seiner That getrieben und ins Verderben gestürzt werde. „Des Schicksals eiserne Gewalt (so heißt es S. 155) fürchterlich den Mann umstrickend, der sie zuerst gereizt, auf die zurückfallend, die ihr dienten, und zermalmend alles, was sich ihnen näherte, ist das Thema des Wallenstein.“ Der Vorwurf, welcher in jener Behauptung, wie in dieser Bezeichnung der Idee des Werkes stillschweigend ausgedrückt ist, findet sich in den Ansichten verschiedener Kritiker wieder, während Vilmar in seiner Geschichte der deutschen Nationalliteratur (4. Aufl. S. 255) gerade der entgegengesetzten Meinung ist. Noch Andere, wie Hoffmeister, welcher die Idee des Schicksals aus dem christlichen Drama überhaupt entfernt wissen will, sprechen sogar von der Schuld und dem Schicksal als zwei einander widerstreitenden Principien. Aber eben so wenig wie das Schicksal in der antiken Tragödie als ein tyrannisch-willkürliches anzusehen ist, eben so wenig ist das Charakteristische des christlichen Drama’s allein in der Freiheit des Handelns seines Helden zu suchen. Wir würden, wie Binder (S. 111) auseinandersetzt, auf diese Weise nur einen moralischen Zusammenhang der Begebenheiten erhalten, wo das Verbrechen zwar den verdienten Lohn bekommt, ein höheres tragisches Moment indessen nicht zu erkennen wäre. Es ist allerdings richtig, daß Wallenstein, die Gräfin, Thekla und besonders auch Buttler (vergl. P. III, 8, V. 69 u. 71; T. I, 7, V. 211; T. II, 3, V. 67; T. III, 15, V. 160; T. IV, 1, V. 1; T. IV, 6, V. 26 u. 47; T. IV, 8, V. 17 u. 43; T. IV, 12, V. 23; T. V, 3, V. 38 u. 103; T. V, 4, V. 54 u. 77) viel von der Gewalt des Schicksals sprechen, und daß es dem Dichter augenscheinlich Mühe gekostet hat, die menschliche Freiheit und das Schicksal in rechtes Gleichgewicht zu bringen. Indessen leuchtet doch aus allen diesen Stellen nichts anderes als das Bedürfniß des menschlichen Herzens hervor, das Walten einer höheren Macht anzuerkennen; auf die eigentliche Verwickelung und Lösung der Handlung haben sie keinen Einfluß. Nur der Charakter und die eigene Handlungsweise des Helden führen seine bedenkliche Lage herbei; die in Aussicht stehende Absetzung legt ihm den Verrath nahe, und so thut er die Schritte, die zur Ausführung desselben nöthig sind. Dies sind die Verhältnisse, mit denen Wallensteins Schuld unauflöslich verbunden ist, aber von einem blind waltenden Verhängniß ist durchaus nicht die Rede; man kann daher auch nicht behaupten, daß die Tragödie am Schluß, weit davon entfernt, „die Hauptforderungen der Empfindung zu erfüllen, vielmehr einen herben und trostlosen Eindruck zurücklasse.“ Eben so wenig kann man, wie Hoffmeister es thut, von einer Getheiltheit der Principien sprechen. Gerlinger, den wir in der „Braut von Messina“ an verschiedenen Stellen citirt haben, sagt: „das blinde Schicksal in der Br. V. M. ist um so befremdender, als Sch. Beweise von dem richtigen Standpunkt seiner Ansicht über die Behandlung der Schicksalsidee durch seinen Wallenstein gegeben hat.“ Und allerdings entspringt hier das Schicksal des Helden aus seiner eigenen Brust; mit der Freiheit, die ihn reizt, beginnt seine Thätigkeit, wie der Streit in seinem Innern. Wäre er in dem Geleise geblieben, das die Pflicht dem Menschen vorzeichnet, so hätte er in Frieden wandeln können; nun aber tritt er in der Ueberfülle seiner Kraft aus der Bahn des Rechten heraus und fällt somit den tückischen Mächten anheim. Auch weiß Wallenstein sehr wohl, was er thut, denn mitten in dem wilden Kriegerleben treten ihm Pflichttreue und Achtung vor dem Diensteide gegenüber; Wrangel spricht von Treubruch und Felonie; Max warnt ihn, sich mit dem Namen eines Verräthers zu brandmarken; er selbst weiß es, daß die Welt ihn streng tadeln wird, und ist auch weit davon entfernt, seine That zu beschönigen, aber vom Ehrgeiz gestachelt, von einer unglücklichen Verkettung der Umstände gedrängt, thut er den gefährlichen Schritt. Auch ahnt er sehr wohl, was ihm bevorsteht, er weiß (T. I, 7, V. 207-213):
aber die Verhältnisse haben nun einmal die beklagenswerthe Gestaltung angenommen; deshalb fährt er fort:
Und da der „Knäuel (T. III, 15, V. 158), der sich endlos selbst vermehrend wächst“, sich nicht entwirren läßt, so spricht eine Stimme in seinem Innern:
Das heißt aber nicht ein willenloses Werkzeug eines blinden Verhängnisses, sondern ein Mann, der die Kraft und den Muth in sich fühlt, mitten unter den Trümmern gelockerter Staatsverhältnisse eine neue Ordnung der Dinge heraufzuführen, dem die Worte der Gräfin wie aus dem Herzen gesprochen sind:
Aber es sollte eben nicht glücken, sondern eine geheimnißvolle Macht, die weiter blickte, mit einem Worte, der Geist der sittlichen Weltordnung sollte den Sieg davon tragen, er war das Schicksal, welches hier Recht behielt, während der Held des Drama’s der rächenden Nemesis anheim fiel. Außerdem aber kam es dem Dichter nicht allein darauf an, unser Herz zum Mitleiden zu bewegen, sondern er wollte unsere Seele auf einen höheren Standpunkt erheben, wie wir ihn jedesmal einnehmen, wenn wir eine energische und kräftige Natur unter der Ungunst der Verhältnisse zusammenbrechen sehen. Das war ihm „das große gigantische Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt.“ Auf diese Weise ist die Schicksalsidee, eben so wenig wie die Liebesscenen zwischen Max und Thekla, im Stande, uns das wahrhaft objective Lebensbild zu verkümmern, welches uns der Dichter in seinem Drama entwirft; und selbst diejenigen Kritiker, welche sich verpflichtet fühlten, diesen beiden Momenten des Werkes als einer subjectiven Zuthat ihre anerkennende Zustimmung zu versagen, stimmen doch mit in die Bewunderung ein, welche dem gewaltigen Stücke von allen Seiten gezollt wird. Goethe sagt in seinen Gesprächen mit Eckermann: „Man soll nie Jemand fragen, wenn man etwas schreiben will. Hätte mich Sch. vor seinem Wallenstein gefragt, ob er ihn schreiben solle, ich hätte ihm sicherlich abgerathen, denn ich hätte nie denken können, daß aus solchem Gegenstande ein überall so vortreffliches Theaterstück wäre zu machen gewesen.“ Und allerdings standen dem Gelingen der Arbeit zwei gewichtige Umstände hindernd im Wege. Als Sch. sich der dramatischen Poesie wieder zuwandte, waren die Zustände um ihn her so verrottet, daß ihm weder das öffentliche, noch das Privatleben irgend welche brauchbaren Bühnencharaktere darbot; und die Welt, die sich inzwischen in seinem Innern gestaltet, war eine Frucht seiner langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie und der Geschichte. Aber gerade die beiden letzteren Momente sind es, die dem Werke in den Weg traten und nach Goethe’s Ausspruch „den reinen poetischen Succeß“ hinderten. Durch die Bearbeitung der Geschichte des dreißigjährigen Krieges war der Dichter Herr eines gewaltigen Stoffes geworden, der sich bei ihm nothwendiger Weise dramatisch gestalten mußte, während die philosophischen Ideen, die seine Seele durchzogen, danach rangen, ein poetisches Gepräge anzunehmen. Also Fülle des geschichtlichen Materials einerseits und Reichthum von Ideen andererseits, das sind die beiden Gewalten, mit denen der Dichter hier den Kampf aufnahm, aus dem er allen Regeln der Kunst zum Trotz schließlich als Sieger hervorging. In Beziehung auf den letzteren Punkt sagt Süvern (S. IV) mit vollem Rechte: „Ich weiß nur zu gut, auf welchem groben Mißverständnisse unsere Kunstlehren und Poetiken beruhen. Das Einzige, was man thun kann, ist, ein schon vorhandenes, durch eigene Schöpfungskraft erzeugtes Kunstwerk genetisch erklären. So hat jedes Gedicht seine eigene Poetik wie seine eigene Erklärung, und jede Dichtungsart eine allgemeine Theorie ihrer Entstehung, die sich nie in Regeln und Formeln verwandeln läßt, ohne alle Entfremdung vom Geiste der Poesie.“ Diese Worte, obwohl zu Anfang dieses Jahrhunderts geschrieben, erscheinen uns auch jetzt noch beherzigenswerth und finden auch auf unser Drama ihre volle Anwendung. Was dieser oder jener Theoretiker dagegen auch vorbringen mag, Sch.’s Wallenstein ist, wie Goethe gegen Eckermann äußert, so groß, daß zum zweitenmal nichts Aehnliches vorhanden ist; und Tomascheck nennt ihn mit Recht „ein echt deutsches Werk, nicht allein dem vaterländischen Stoffe nach, sondern auch wegen des Reichthums und der Tiefe der Gedanken, wegen seiner sittlichen Bedeutung und der Idee der Treue, von welcher es erfüllt ist.“ Mag es also immerhin sein, daß der Dichter die subjective Seite seines Wesens hier noch nicht vollständig gebändigt hat; daß seine Ideen ihn fortreißen und als bedeutungsvolle Sentenzen in dem Munde von Personen erscheinen, denen man solche Gedanken nicht zutrauen sollte: diese Ideen stehen doch in lebendigem Zusammenhange mit dem Geiste, welcher das ganze Stück durchweht; sie sind das Product einer organischen Entwickelung, bei der wir die schöpferische Kraft des dichterischen Genius aus dem weltgeschichtlichen Inhalte mächtig hervorbrechen sehen. Daß die Wirkung eines solchen Werkes eine gewaltige sein mußte, versteht sich von selbst. Tieck sagt: „Wallensteins mächtiger Geist trat unter die Tugendgespenster des Tages. Der Deutsche vernahm wieder, was seine herrliche Sprache vermöge, welchen mächtigen Klang, welche Gesinnungen, welche Gestalten ein echter Dichter wieder hervorzurufen habe. Dieses tiefsinnige, reiche Werk ist als ein Denkmal für alle Zeiten hingestellt, auf welches Deutschland stolz sein darf, und ein Nationalgefühl, einheimische Gesinnung und großer Sinn strahlt uns aus diesem reinen Spiegel entgegen, damit wir wissen, was wir sind und was wir waren.“ Aber wir haben auch daraus gelernt, was wir wieder werden sollten, denn (um mit Hoffmeister zu reden) „ein edler kriegerischer Geist ergoß sich, von diesem herrlichen Werke ausgehend, durch die deutsche Jugend, und in dem rein menschlich gehaltenen Bilde des heimathlichen Lebens lernte der Deutsche endlich die längst verschwundene Liebe zum Vaterlande wieder ahnen.“ Und so wird Sch.’s Wallenstein, je öfter wir ihn lesen, und je tiefer wir in ihn eindringen, uns immer neue Schönheiten enthüllen, uns immer neue Schätze spenden, so daß wir mit Goethe’s Worten sprechen können: „Es ist mit diesem Stücke wie mit einem ausgelegenen Weine; je älter er wird, desto mehr Geschmack findet man an ihm.“ |
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