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Der Verbrecher aus verlorener Ehre

(Bd. 10). Den Stoff zu dieser Erzählung verdankte Sch. nächst der Jugenderinnerung an eine weitverbreitete schwäbische Volkssage vermuthlich seinem Lehrer Abel, dessen Vater der Richter des Helden der „wahren Geschichte“ gewesen sein soll, eines zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in Würtemberg allgemein gefürchteten Räuberhauptmanns. Abel war im November 1783 in Manheim als Durchreisender mit Sch. zusammen gekommen, wo er dem jungen Dichter die Thatsachen mittheilte, dieser nachmals selbst in seiner Sammlung kleiner psychologischer Schriften als eine auf Actenstücke gegründete Darstellung erscheinen ließ. Sch. hat seine Erzählung, wie die vorausgeschickte Einleitung vermuthen läßt, wahrscheinlich erst in Leipzig oder Dresden aus der Erinnerung niedergeschrieben. Sie erschien 1786 in dem zweiten Hefte der Rheinischen Thalia unter dem Titel: „Verbrecher aus Infamie, eine wahre Geschichte“ – und paßte recht eigentlich in diese Zeitschrift, die ihrer Ankündigung zufolge „jedem Gegenstande offen stehen sollte, der dem Menschen im Allgemeinen interessant ist und unmittelbar mit seiner Glückseligkeit zusammenhängt. Alles, was fähig ist, den sittlichen Sinn zu verfeinern, was im Gebiete des Schönen liegt, Alles, was Herz und Geschmack veredeln, Leidenschaften reinigen und allgemeine Volksbildung bewirken kann“, sollte in ihren Spalten Aufnahme finden.

In der Einleitung geht Sch. von den beiden Grundgedanken aus, daß große Verbrechen von großer Kraft zeugen, und daß die in jedem Menschen schlummernden Begierden in den mannigfachsten Formen zur Erscheinung kommen. Da es nun aber nicht möglich ist, die Menschen nach ihren Trieben und Neigungen zu classificiren, so sollte die Geschichte mehr Rücksicht auf die Triebfedern der Handlungen ihrer Helden nehmen, so daß der Leser aus den Gesinnungen und Entschlüssen derselben die Thaten und ihre Folgen sich entwickeln sähe. Auf diese Weise würde die im Leben unangefochtene Tugend mit weniger Stolz auf die gefallene herabblicken; man würde dem Verbrechen eine schonendere Beurtheilung angedeihen lassen.

Von diesem Stnadpuncte aus ist ihm die psychologische Entwickelung des inneren Lebens seines Helden die Hauptsache; die mitgetheilten Thatsachen treten gewissermaßen als nothwenidge Lebensäußerungen innerer Vorgänge auf, wie auch dem ehemaligen Regimentsmedicus die Krankheitserscheinungen seiner Patienten als Ausdrucksformen bestimmter innerer Störungen erscheinen mußten. Der Gang der Darstellung ist kurz folgender: Wolf, ein junger Mensch, in seiner Erziehung vernachlässigt, von der Natur stiefmütterlich behandelt, sucht zu ertrotzen, was ihm ein neidisches Geschick versagt. Um ein Mädchen durch Geschenke für sich zu gewinnen, wird er Wilddieb, findet aber bald in dem Jägerburschen Robert nicht nur seinen Nebenbuhler, sondern auch den der strafenden Gerechtigkeit unentbehrlichen Ankläger. Seine Strafe besteht in dem Verlust seines kleinen Vermögens, worauf ihn Mangel, Eifersucht und Rachgefühl abermals auf die Bahn des Verbrechens treiben. Wiederum entdeckt und eingezogen, ist jetzt das Zuchthaus sein Loos. Nach abgebüßter Strafe sieht er sich von dem Gegenstande seiner Neigung verschmäht, von den ehrlichen Leuten zurückgestoßen. Ohne Mittel zum Lebensunterhalt und ohne Arbeit wird er zum dritten Mal Wilddieb. Jetzt trifft ihn eine dreijährige Festungsstrafe, die ihn in die Gesellschaft von Dieben und Mördern bringt. Einerseits innerlich verdorben, andererseits mit der unbändigsten Sehnsucht nach Freiheit und Rache im Herzen, kehrt er als ein Feind des Menschengeschlechts in seine Vaterstadt zurück, wo er von Allen verachtet und gemieden wird. Auch das Mädchen, dessen Besitz ihm einst so wünschenswerth erschien, ist gesunken und gehört bereits dem Auswurf ihres Geschlechts an. Jetzt ergreift ihn Verzweiflung. Einmal der Schande unwiderruflich verfallen, sinnt er nunmehr auf Böses, um sein Schicksal wirklich zu verdienen; sündigte er früher aus Leichtsinn, so jetzt aus Bosheit und zum Vergnügen. Er wird wiederum Wilddieb, aber nicht nur, um seinen Lebensunterhalt zu fristen, sondern um seinem Landesherrn zu schaden. Da treibt ihm der Zufall seinen Nebenbuhler Robert in die Schußlinie, und nach kurzem Schwanken machen ihn Erbitterung und Rachgefühl zum Mörder. Von Gewissensbissen schwer gefoltert, flieht er den Schauplatz seines Verbrechens und trifft mit einem Banditen zusammen, der ihn in ein Räubernest führt. Hier wird er mit Jubel aufgenommen, zum Haupt der Bande erwählt und bald der Schrecken der ganzen Umgegend. Aber binnen Kurzem sieht er sich getäuscht; statt des versprochenen lustigen Lebens ist Noth und Mangel sein Loos; nicht lange, so wird auch ein Preis auf seinen Kopf gesetzt, und Furcht vor Verrath beängstigt seine Seele. Gleichzeitig von wüthender Selbstverachtung gepeinigt, faßt er den kühnen Entschluß, sich zu bessern. Er schreibt an seinen Landesherrn, möchte wieder gut machen, was er verbrochen, und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden, erhält aber keine Antwort. Jetzt möchte er wenigstens einen ehrenvollen Tod sterben. Der siebenjährige Krieg ist ausgebrochen; wie, wenn er sich für den Dienst des Königs von Preußen anwerben ließe? Er entwischt also seiner Band und begiebt sich nach dem nächsten Städtchen; aber in demselben Momente, wo sein Plan nahe daran ist zu gelingen, verräth ihn sein böses Gewissen, er wird verhört und giebt sich als den allgemein gefürchteten Sonnenwirth zu erkennen.

Wir erblicken in dieser Anlage einen Nachhall aus dem Schicksal des Räubers Moor; wie dieser wird Wolf das Opfer einer mangelhaften Einrichtung in der menschlichen Gesellschaft, die einem unglücklichen Verirrten ihre Theilnahme entzieht, ihn aus ihrer Mitte verstößt und ihn dadurch zu ihrem Feinde macht. In der Ausführung aber erkennen wir die geschickte Hand des Tragikers, der auch in seiner höchst spannenden Erzählung uns mit Mitleid und Furcht erfüllt, und mit dem objectiven Gehalt seiner Darstellung den Leser unwillkürlich nöthigt, in seine eigene Brust zu greifen, wo die Keime zum Guten wie zum Bösen einen gleich ergiebigen Boden finden.

 
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