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UebersetzungenWenn die Aesthetik mit Recht die Poesie an die Spitze aller Künste stellt, so hat sie doch, nach dem wunderbaren Gesetz der Compensation oder der Ausgleichung und des Ersatzes – über dessen Walten im Menschenleben der Franzose Azaïs ein so geist- und trostvolles Buch geschrieben hat – einen tief eingreifenden Mangel und zwar, nach einem andern Gesetze, gerade am Kerne ihrer eigentlichen Macht. Denn während alle andern Künste eine ohne Weiteres von der Menschheit verstandene Sprache sprechen, wird die der Poesie nur von einem Volke verstanden. Dadurch daß sie den innersten schöpferischen Kräften der Menschen entstammt, daß sie den Gehalt des Herzens und Geistes am tiefsten wiedergiebt, erscheint sie auch, und zwar in wachsendem Verhältniß nach, außen hin schwerer verständlich. Das geistig Allgemeine freilich, da es ja nach der wunderbaren Veranstaltung des Schöpfers doch einmal nur im Individuellen zum Leben kommt, leidet darunter keinen Schaden, aber je volksthümlicher ein Gedicht ist, je mehr es in Sprache und Gedanken den Geist der Nation wiedergiebt und dieselbe dadurch entzückt, desto weniger wird es andere Völker ergreifen. Daher kann man fragen: in wie weit ist überhaupt eine Uebersetzung möglich und in wie weit ist sie werthvoll? Nach dem italienischen Sprüchworte „traduttori – traditori“ („Uebersetzer – Verräther“) müßte man am Uebersetzen verzweifeln, wenigstens wird damit auf die außerordentliche Schwierigkeit der Sache hingewiesen. Diese Schwierigkeiten scheinen besonders darin zu liegen, daß Widersprechendes vom Uebersetzer verlangt wird. Er soll das Allgemeine, welches mit dem Individuellen der Sprache so eng verknüpft ist, wenigstens was die Innigkeit, Stärke und überhaupt die Art des Eindruckes angeht, vollständig erhalten, aber in einer ganz andern individuellen Form, die wo möglich auch noch an das Original erinnern soll. Wir freuen uns, hier einmal wieder auf eine 1858 Leipzig, bei Gumprecht erschienene höchst geistvolle Schrift Tycho Mommsen’s aufmerksam machen zu können: „Die Kunst des deutschen Uebersetzens aus neueren Sprachen“, die diese Fragen in außerordentlich anregender Weise behandelt. Füglich könnten wir in dieser Sache Sch. selbst zu Rathe ziehen, da er ja auch als Uebers. aus dem Griechischen, Lateinischen, Französischen, Italienischen aufgetreten ist und die Frage stellen, ob er wünschen würde übersetzt zu werden, wie er Andere übersetzt hat? Aus unseren Bemerkungen zu den einschlagenden Stücken wird der Leser sich erinnern, daß Sch. seine Originale stets sehr frei behandelt hat. Das Griechische und Lateinische hat er in das Gewand moderner Verse gekleidet, den französischen Alexandriner in deutsche Jamben umgesetzt, Poesie prosaisch wiedergegeben und hier und da auch Umdichtungen vorgenommen. Als höchst lehrreiches Gegenstück dazu kann die Art dienen, wie der Franzose Lebrun Sch.’s Maria Stuart auf dem Prokrustesbett der französischen klassischen Tragödie verstümmelt hat (s. im Théâtre Schütz). Daß Sch. früh auch im Auslande und vor Allem in Frankreich bekannt wurde, beweist das Diplom, welches ihn zum Ehrenbürger der französischen Republik machte, mit der leichtsinnigen Orthographie seines Namens als „Gille“. Unter den Franzosen, die sich um Sch. verdient gemacht haben, ist besonders Frau von Staël mit ihrem Buche de l’Allemagne zu nennen, dann der bedeutende Geschichtschreiber Barante, der auch ein Leben Sch.’s verfaßt hat, endlich Regnier (s. Schillerlex. II, 37 Anm.). In Italien hat Sch. an Maffei einen ausgezeichneten Uebersetzer gefunden, in England an Bulwer, der, ein Freund und Kenner des „Volkes von Denkern“, dem er seinen Maltravers gewidmet, Sch.’s Gedichte übersetzte, während Carlyle sein Leben beschrieb. Ueber Sch.’s Beziehungen zur französischen und englischen Literatur giebt der ausgezeichnete Aufsatz von C. Sachs in Herrig’s Archiv XVI, p. 83 ausführliche Mittheilungen. Besonders ist Sch.’s Glocke wiederholt Gegenstand der Uebersetzung und Nachbildung gewesen, eine solche von Deschamps ist leicht erreichbar in Herrig’s France littéraire. Merkwürdig ist, daß auch die Kunst der modernen Latinisten sich an Sch. versucht hat. Seine sämmtlichen lyrischen Gedichte hat Feuerlein Stuttg. 1831 übersetzt, die Glocke existirt nach unserer Kenntniß vier Mal lateinisch, wahrscheinlich aber öfter; auch Philologen wie Moritz Haupt haben dergleichen Versuche nicht verschmäht. Ob Sch. auch in das Griechische übersetzt ist, wissen wir nicht, möchte der Br. v. M. einmal eine so meisterhafte Uebertragung zu Theil werden, wie die der Iphigenie Goethe’s durch Th. Kock. |
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