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SpracheDie folgenden Seiten sollen in der Kürze, wie sie der beengte Raum noch gestattet, den Laien mit den Hauptgesichtspunkten bekannt machen, unter welchen die Sprache eines Dichters zu betrachten ist, wenn man sich von derselben, von ihrem Bau, von ihrer Art, von ihrem Werthe eine Vorstellung machen will. Dem einfachen Leser, der an den Werken des Dichters sich zu erholen, zu erfreuen und auch zu erheben wünscht, scheint zuerst nichts natürlicher, als daß die Sprache dem Dichter eben nur so vom Munde fließt, nach dem Worte, daß dieser übergeht von dem, wovon das Herz voll ist. Gern giebt er zu, daß Stoff und Plan zu erfinden und zu entwickeln Arbeit des Geistes kosten könne, aber die Sprache? und nun gar die der Prosa? In der Poesie thue ja auch die Begeisterung das Beste, und sind die Verse gar reimlos, wo sei da die Schwierigkeit? Solche Vorstellungen wird aber vielleicht die Mittheilung erschüttern, daß Bürger seiner Leonore, von der man meinen sollte, sie habe sich etwa in den Schauern einer schlaflos quälerischen Nacht ans Licht gerungen, monatlange Sorgfalt im Ausarbeiten der Einzelnheiten gewidmet hat, wie die Berliner Sage Aehnliches auch von Heine und dem scheinbar in einem schönen Augenblicke hingehauchten: „Du bist wie eine Blume“ erzählt. Dabei nährt ferner der Laie, und hier und da auch ein Lehrer, eine ausgesprochene Abneigung, welche auch ihre ästhetische Berechtigung hat gegen das „Zerpflücken“ der Schönheit eines dichterischen Ganzen. Doch wird nun einmal auf Erden nichts ohne Mühe und Schmerz geboren, und die Kunst ist weit entfernt, davon frei zu sein, wenn es auch eine Forderung des Kritikers wie des einfachen Betrachters ist, daß man dem Werke diese Spuren der Sterblichkeit nicht ansehen dürfe. Die Sprache eines Dichters ist die Sprache einer bestimmten Nation zu einer bestimmten Zeit. Wird der Ausdruck des Dichters als mustergültig angesehen, bezeichnet er einen Fortschritt in der Entwicklung durch Reichthum, Glanz, Kraft, aber auch durch Genauigkeit und Gedrungenheit in der Wiedergabe einer reichen Gedankenwelt, so wird es anziehend sein, zu untersuchen, wie die Sprache dieses Dichters sich zu der seiner Vorgänger verhält; den Fortschritt zu messen und zu beobachten, wie sie vom Alten sich losringt um ihren Höhepunkt zu suchen; andrerseits werden wir uns nach den Nachfolgern und Nachahmern des Genius umsehen und werden aus dem großen Ganzen die besondere Strömung des letzteren herauszuerkennen streben. So ist also die Sprache des Einzelnen ein Glied der allgemeinen Entwicklung und hat auch selbst wieder eine solche, die an einem bedeutenden Individuum in hohem Grade interessiren kann. Innerhalb seines Volkes gehört der Dichter aber auch einem besonderen Stamme an, der, ganz abgesehen von eigentlichen Dialekten, doch auch eine Menge Eigenthümlichkeiten in einzelnen Wörtern oder in Wendungen besitzt, welche aus der gesprochenen Sprache leicht auch in die des Buches übergehen, besonders im Drama, zumal wenn dasselbe in Prosa ein Bild des wirklichen Lebens der Menschen verschiedener Classen bieten soll. Eine vollkommen in sich abgeschlossene Büchersprache giebt es nicht oder nur bei Behandlung technischer Gegenstände. Jeder besitzt nur einen Theil seiner Sprache, viele nur einen sehr geringen. Man würde anziehende Resultate finden, könnte man z. B. mit Zahlen angeben, wie groß die Anzahl der Wörter ist, die ein Mann aus dem Volke mit vollem Bewußtsein zu handhaben weiß. dies wird dem Laien klar machen, daß es von Interesse sein kann, eine Uebersicht über den Wortschatz eines Dichters zu haben, und er braucht das vorliegende Buch nur zu durchblättern, um zu sehen, wie viele provinziale und sonst eigenthümliche Ausdrücke sich besonders in den dichterischen Erstlingsarbeiten Schillers finden. Man hat beobachtet, daß Sch. in der Fülle der Wörter hinter Goethe zurücksteht, dem ein reicheres und vielseitigeres Leben auch in dieser Beziehung genützt hat. Keine Sprache hat ferner so absolut feststehende Formen der Declination und Conjugation, oder Gesetze für den Gebrauch der Präpositionen oder der Rection, daß es nicht von Interesse sein sollte, zu sehen, was in dieser Beziehung der Instinct dem Dichter zugeführt hat. Und dies berührt schon eine höhere Stufe der Betrachtung. Wir bezeichnen als poetisch außer einer Reihe von seltneren, klangvolleren oder alterthümlichen Wörtern, gewisse Formen, ja manche Constructionen, z. B. die von Verben mit dem Genitiv oder Dativ, welche sonst den Accusativ bei sich haben. „Wer ruft mit?“ ist ein auffallendes Beispiel dazu (bei Sch. u. G.) und hier wird es bei Jüngeren entschieden der Erklärung bedürfen; dem Laien wird es nützen, darüber einmal ein gewisses Bewußtsein in sich zu erwecken, der Lehrer wird nicht umhin können, einige Stellen der Art aufzusammeln, um die Einsicht des Schülers durch Vergleichung zu schärfen. So wird sich denn nun Niemand mehr wundern, wenn Jakob Grimm in seiner schon früher von uns angeführten Rede auf Sch. ein wirkliches Wörterbuch der Sprache dieses Dichters für wünschenswerth erklärte, wie die Gelehrten solche von den Alten in großer Anzahl hergestellt haben . Dieser Wunsch ist erfüllt in der vorzüglichen kritischen Ausgabe der Werke Sch.’s, welche jetzt aus den Händen bedeutender Gelehrter in Cotta’s Verlag erscheint, in der jedem Bande ein genaues Verzeichniß aller Wörter und Wendungen angehängt ist. Was die prosaische Sprache Sch.’s betrifft, so zeichnet sich dieselbe durch ungemeine Klarheit und Gediegenheit aus. Man athmet auf, wenn man von dem Jargon so vieler heutiger Tagesblätter, von der romantisch-realistischen Buntscheckigkeit des Styles unserer Zeit zur Durchsichtigkeit eines Sch. u. G., oder Lessing und Kant zurückkehrt, oder den gesunden Waldesduft der reinen und reichen Sprache unseres Berthold Auerbach einathmet. daß auf Sch.’s Klarheit auch eine ausgebreitete französische Lectüre gewirkt hat, beweisen ziemlich zahlreiche, nicht bloß in den Uebersetzungen vorkommende Gallicismen und leider auch eine bedeutende Reihe unnützer Fremdwörter, die zunächst aus dem Französischen aufgenommen worden sind. Wie sehr wir auch noch in neuester Zeit in Gefahr sind, unsere Sprache zu verderben, wird man gern aus einem Aufsatz des Prof. Brandstäter in dem sehr leicht zugänglichen Archiv für Neuere Sprachen (XLIII, 129) erfahren. Umfaßt man so den Wortvorrath eines Schriftstellers und was er etwa an abweichenden Formen und Constructionen bietet, so bleibt noch übrig, sich von dem ihm eigenthümlichen Style eine Vorstellung zu machen. Dem Charakter des Menschen, seiner größeren oder geringeren Lebendigkeit, seiner Erregbarkeit oder seiner Nüchternheit, entspricht auch sein sprachlicher Ausdruck. Wenn er denselben auch schreibt und viel schreibt, so nimmt er mit der Zeit auch eine ganze Reihe von Lieblingsformen an, die man Manier zu nennen pflegt. Dieser Styl des Menschen durchkreuzt sich wieder mit dem Styl, welcher den verschiedenen Dichtungsgattungen an und für sich angemessen ist, so daß man z. B. besonders von einem Style des Epos wird reden können, der in den Liedern der verschiedensten Nationen oft die größte Uebereinstimmung zeigt. Schwieriger möchte es sein, die Stylformen des Drama’s nachzuweisen. Wen es vor allen Dingen auf realistische Lebenswahrheit ankommt, müßte man eigentlich vom Dichter verlangen, daß er jeder seiner Personen den ihr natürlich zugehörigen Styl gebe, so daß er dann eigentlich mit einem persönlichen Style gar nicht hervortreten dürfte. Ueber die lyrische Poesie haben wir uns ausführlicher ausgesprochen. Die dichterische Sprache im Allgemeinen hat aber auch eine ganze Reihe von Hülfsmitteln, zu denen zuerst die schon oben erwähnten als poetisch bezeichneten Wörter und Wendungen gehören. Dazu kommt aber das ganze ungeheure Gebiet der sogenannten übertragenen Ausdrücke oder Metaphern, auf deren Reichthum, Neuheit, Kühnheit bei der Beurtheilung der Sprache eines Dichters vielleicht der Hauptaccent zu legen ist. Ferner die Umschreibung und endlich die eigentlichen sogenannten Redefiguren, welche der einfache, erregte Mensch erfand und anwendet ohne es zu wissen, während der Redner und der Dichter sie mit einem gewissen Bewußtsein verwenden . Endlich gehören dahin die Bilder, welche zwar mehr vom Epiker und Lyriker, doch aber auch vom Dramatiker benutzt werden. Der unermüdliche Fleiß der Freunde des Alterthums hat dieselben aus dem Homer und andern Dichtern sorgfältig gesammelt, bei Sch. ist es noch nicht für nöthig gehalten worden (s. Homer). Vielleicht dürfen wir uns einer Eintheilung bedienen, die wir der Kunst der Malerei entlehnen und als die beiden Hauptstyle des Drama’s, den idealistischen und den realistischen bezeichnen. die Wirklichkeit in ihrer vollen Energie darzustellen, in ihrer Schönheit und ihrem reichsten Leben, aber auch mit ihren Schrecken, ihrer Bitterkeit, ihren scharfen Gegensätzen und wunderbaren Combinationen, in denen so oft dämonisch Gedanke und Absicht aufzuleuchten scheinen – das ist die Sache des Realismus. Seine Jünger, welche größtentheils die höchste Ausbildung der Technik zeigen und hierin bleibende Verdienste haben, richten sich eben nicht ausschließlich auf die Darstellung des Schönen und scheuen das Häßliche nicht, sondern suchen vor Allem die Lebenswahrheit und das Wirkungsvolle. Der Idealismus erstrebt die Verklärung des Wirklichen durch das Schöne, welches in seinen reinsten Formen darzustellen seine Aufgabe ist. Eine Welt hoher Gefühle, besonders die höchsten, religiös-idealen, in irdische Formen zu kleiden, das bloß äußerliche Wirkliche, von der Idee nicht durchleuchtete, auszulöschen ist sein Ziel. In der Malerei wäre Raphaël sein Meister. Wollten wir diese Eintheilung auf unsern Dichter anwenden, so müßten wir freilich dem Realisten noch den Reichthum seiner Farbengebung entziehen und Sch. zusprechen. Aber davon abgesehen ist er Idealist. Nur daß man von dem dramatischen dichter nicht, wie vom Maler, sagen kann, er gehe ausschließlich auf die Darstellung des rein Schönen aus. Bei ihm handelt es sich um Thaten, die auf einer ganzen tief verschlungenen Welt von Gedanken und Ideen beruhen – er stellt die wirkende und nach Verwirklichung ringende Idee dar, aber in Gestalten, die von ihr so ganz durchdrungen sind, daß sie häufig selbst Ideale werden. Die Darstellung des rein Schönen im Drama findet ihre Rechnung in der Sprache. In ihr zeigt sich, daß Sch. Idealist war; sie will vor allem und wesentlich schön sein und bleibt es, in welchem Munde sie auf des Dichters Bühne auch erscheine. Allen Schmuck, den die Sprache verträgt, hat sie bei Sch. Man hat es ihm zum schweren Vorwurf gemacht, daß er der Versuchung nicht widerstand, einen schönen Gedanken auf den glänzenden Wellen seiner Beredsamkeit dahinströmen zu lassen, wenn auch mitunter die Handlung zu schnellerem Fortgange trieb. Man hat ihn angeklagt, er lasse alle seine Personen, Könige und Bauern, dieselbe reich geschmückte Sprache reden, die stets weniger aus Herz und Mund der Bühnengestalten als aus denen des Dichters käme. Vieles davon ist richtig; dennoch sind diese Vorwürfe einseitig und blind übertrieben. Weil das Publicum es liebt, sogenannten „schönen Stellen“ im Dichter nachzujagen und weil Sch. – Gott sei Dank – viele derselben bietet, hat die Kritik nicht selten so gethan, als besitze unser Dichter nichts Anderes. Wir sind nicht dieser Ansicht. Erstens muß die Individualität des Dichters genommen werden, wie sie ist. Die allseitige Vollkommenheit ist noch nicht gefunden worden; sie wird dasein, wenn einmal ein Mensch, der keiner individuell ausgebildeten Nation mehr angehört, in der zukünftigen Sprache der reinen Menschheit sprechen wird. Ferner haben wir schon früher darauf hingewiesen, daß Sch. durchaus diese oberflächlichen Vorwürfe eines gleichförmigen, über Alles erstickend ausgegossenen Idealismus zurückweisen darf. Wenn wir von den Räubern ganz absehen wollen, so wird der Mohr im Fiesco und der alte Musikus in K. u. L. – und besonders dieser letztere – allen Ansprüchen der Realisten genügen. Alles Spätere hat Sch. in Versen geschrieben, die an und für sich schon, auch vom Realisten einen Schmuck verlangen, der ihren Inhalt über die Grenzlinien des Wirklichen stets hinausführt; aber auch seine übersetzten Lustspiele würden darauf hinweisen, daß ihm der Sinn für die heitere und selbst lustige Wirklichkeit nicht fehlte. Das „Lager“ aber sollte, nach unserer Ansicht, jeden Zweifel zum Schweigen bringen über Sch.’s Befähigung zu realistischer Darstellung im besten Sinne des Wortes. Im Wallenstein selbst begegnen wir noch Buttler, dem schwedischen Hauptmann, dem alten Kellermeister, welche wir Shakespeare’s Gestalten zu vergleichen nicht anstehen. Sch., ebensosehr fast Philosoph, jedenfalls Denker als Dichter, strebte allerdings überwiegend nach der Darstellung der Idee und des Idealen, aber er ist reicher gewesen auch an Formen des Ausdruckes und der Bildnerkunst als eine selbst arme Kritik ihn lassen möchte. Zu dem, was nach unsern obigen Ausführungen die Sprache eines Dichters charakterisirt und in das Verständniß derselben einführt, ist auch sein Studium anderer Dichter zu rechnen. Man hat in neuerer Zeit nachgewiesen, daß Sch.’s Sprache im Anfange seiner literarischen Laufbahn Anklänge z. B. selbst an Leisewitz zeigt, an Klopstock (in Verbindung damit an die Bibel), an Shakespeare; in späterer Zeit durchrang er sich mehr und mehr mit dem Stadium des Sophokles und Aeschylus und wir meinen, daß sein dichterischer Ausdruck in der Br. v. M. mit diesem Letzteren wohl die größte Verwandtschaft darbieten möchte. Selbstverständlich ließe sich ein Buch über Sch.’s Sprache schreiben; ist der Laie oder die gebildete Leserin begierig danach, so werden sie nicht lange darauf zu warten brauchen, wir hoffen denselben gezeigt zu haben, wie viel nöthig ist, um sich ein Verständniß des inneren Baues und sozusagen ihres Gewebes zu verschaffen. Dennoch mag der Laie sich damit trösten, daß er in letzter Instanz der Richter bleibt. Bei unserer Betrachtung dramatischer Kunstwerke vergessen wir zu oft, daß dieselben wesentlich für die Bühne geschaffen sind. Es ist gar nicht nöthig, an die besonderen „Parterre’s von Kennern“ zu erinnern, die sich in Madrid – wo ein Schuhmacher den Taktstock führte – und in Paris gebildet hatten, auch mag Molière seine alte Magd nicht über Alles, was er schrieb, um ihre Meinung gefragt haben – das Publicum, verschieden zusammengesetzt wie es ist, läßt den Augenblick der Bühnendarstellung auf sich wirken und beurtheilt danach Sprache und Inhalt. Erfüllt die Sprache diesen Augenblick mit verzehnfachtem inneren Leben, mit ächter Erhebung des Geistes und Herzens, so kümmern alle eigentlich gelehrten Fragen den Zuhörer nicht mehr. Diese Probe besteht aber Sch.’s Sprache vielleicht besser als die Goethe’s, und nach unserer Ansicht könnte nur das Mark und die Reinheit der Sprache Lessing’s in Emilia Galotti mit ihr um den Preis im Drama streiten. Wir werden nun im Folgenden noch auf eine Reihe von Einzelnheiten hinweisen, die den Laien doch vielleicht anregen, seinen Blick auch einmal auf dieser Seite der Dichterwerke des Lieblings der Nation ruhen zu lassen. Wir wollen daher, hauptsächlich mit Hülfe der Beispiele, welche die Br. v. M. bietet, auf einige Eigenthümlichkeiten der poetischen Sprache Sch.’s aufmerksam machen, welche vielleicht anregen werden, an andern Stücken Aehnliches zu beobachten. Dem Laien werden die Fingerzeige genügen, um seine Aufmerksamkeit zu schärfen, Lehrer werden sich der Anforderung nicht entziehen können, eigene Zusammenstellungen zu machen. Diese letzteren wissen hinlänglich, daß das tiefere und feinere Verständniß des Schönen erlernt werden muß, wie jedes Verständniß, und daß es mit dem bloßen instinctmäßigen Sprachgefühle nicht gethan ist. Ein wichtiger Bestandtheil aller poetischen Sprache ist das Beiwort, griechisch „Epítheton“, mit einem lateinischen Zusatze auch Epitheton órnans d. i. schmückendes Beiwort genannt. Schon früher ist von uns auf die Wichtigkeit der Kenntniß wenigstens des deutschen Homer (s. das. u. Voß) für das Verständniß der Dichtersprache Sch.’s hingewiesen worden. Und wer läse nicht auch Hermann und Dorothea mit doppeltem Genusse, nachdem er im Homer das Grundgewebe der Sprache des bezaubernden Gedichtes kennen gelernt hat? Jedem Leser des alten blinden Sängers (daß er blind sein mußte, erklärt uns hochpoetisch das wenig gekannte Gedicht Stolberg’s „An das Meer“ in Viehoff’s Handbuch der deutschen Nationalliteratur, S. 118) fallen auf den ersten Blick die zahllosen, farbenreichen und stets so treffenden Beiwörter auf, in denen der des Augenlichtes Beraubte die Wirklichkeit sich widerspiegeln läßt. Unser Artikel über Homer zeigt, daß Sch. nicht nur viele Beiwörter dem Homer entnommen hat, sondern auch daß seine eigenen im Geiste desselben geschaffen sind. Allerdings paßt das Beiwort mehr für die behagliche Breite des Epos; Sch. aber in seinen Dramen – die wie Wallenstein oft zugleich gewaltige Epen sind – läßt sich diesen Schmuck der Rede nicht entgehen. Für den jüngeren, lernenden Leser könnte es eine hübsche Aufgabe werden, dieselben einmal zusammenzustellen. Die Br. v. M. bietet schlangenhaarigtes Scheusal (Sch. schreibt mit Vorliebe diese Endung -icht und -igt, die uns nicht immer wohllautend erscheint, so in der Br. v. M. auch: röthlicht – sonnigt – graulicht) – unverletzliche Schwelle – himmelumwandelnde Sonne – unzerbrechliche Kraft (Tell: „seine ew’gen Rechte“ – unzerbrechlich, wie die Sterne selbst) – den bittern Pfeil des raschen Wortes (des Todes bittre Pfeile Ged.) – Des Feuers rothe Säule – die blaue Göttin (der bläulichte Gott Ged.) – das grüne, krystallene Feld – der allsehende Aether – des Atlas himmeltragende Säulen – schwarze Verbrechen (wie bei den französischen Tragikern noir und bei Virgil ater) – die völkerwimmelnde Stadt – hundertstimmig – die hochwohnenden Götter – der ehr’ne Himmel (die eherne Welt – das eiserne Geschick – schwere eherne Hände Ged.) – die eherne Umarmung – die rollende Zeit – die felsigte Brust – die heilige Natur (die heilige Erde – die fromme Natur Ged.) – der allgerechte Lenker unserer Tage. Auch bildet der Dichter Adjektiva von ungewöhnlicher Form: entwohnt – unfeindlich – unzugangbar – unregiersam – unbeglückend – unmitleidig. Sehr eigenthümlich und zugleich häufig ist die Verwendung gewisser Participien: wundernd („und wundernd fühlt er sein verwandelt Herz“) – mitfreuend – beneidend – wissend – krönend – vertilgend – lastend – ergreifend – grauend. Wir machen ferner darauf aufmerksam, wie häufig Sch. in den ersten Stücken und auch noch im D. C. das übertreibende und dem jugendlich gewaltsamen Pathos entsprechende Wort furchtbar gebraucht, wie wir denn auch auf die häufigen Zusammensetzungen mit Riesen und Welt hingewiesen haben. Vielleicht verschmäht der Leser nicht zu beachten, wie außerordentlich oft Sch. das Beiwort golden verwendet. In der Br. v. M. hat er es bei: Binde – Reif – der Liebe Frucht – Stunden – Traum – Scepter (als neutrum s. Scepter) – Victoria – Sporen. Die Gedichte bieten zahlreiche Beispiele: Kinder – Blicke – goldgewebte Träume – Ruhe – der Schönheit goldner Gürtel; s. in der Cotta’schen Oktavausgabe I, p. 25, 42, 45, 48, 50, 59, 60, 84, 85, 183, 185, 187, 188, 189, 195, 201, 204, 205, 216, 217, 218, 219, 222, 225, 237, 246, 255 u. a. m. Sch. stellt gern zu einem Substantivum geistiger Bedeutung im Genitiv ein entsprechendes Wort als Bild oder Symbol im Nominativ, wie z. B. des Streites Scheusal – der Worte Köcher – der Pfeil des Wortes (der Stachel meines Wortes im Tell – des Todes bittre Pfeile – der sanfte Bogen der Nothwendigkeit s. Homer) – auf erhabenem Fußgestell des Ruhmes – der Schleier der Zucht (der Grazie (Ged.) – der Gürtel der Anmuth (des Reizes, der Schönheit Ged.) – der heilige Anker der Hoffnung – die Seraphsflügel des Gesanges – der Liebe heiliger Götterstrahl – des Zwistes, der Eifersucht Flammen – Tell: der Freiheit Edelstein – der Liebe Seile – die Stricke des Verrathes (in der Br. v. M. die Netze des Spähers) – die echte Perle deines Werthes. In den Gedichten: der Unschuld Schwanenkleid (der Unschuld Lilien) – des Nachruhms Sonnentempel – des Lebens Faden – das ewige Feuer schöner Gefühle. An den Ausdruck in den Ged. (Oktavausg. I, p. 13, 59, 296) „zu der Wahrheit lichtem Sonnenhügel“ (und „der Hügel“) könnte sich die Frage knüpfen, ob Sch. Dante gekannt hat, wenn man sich des Anfangs des ersten Gesanges der Hölle erinnert. Einen literarischen Ursprung scheint dieser Ausdruck zu haben, wie auch des Nachruhms Sonnentempel an die in Frankreich im 18ten Jahrh. so beliebten Temples aller Art z. B. du Goût u. a. m. erinnert (s. Tempel). Energischer finden sich die beiden Wörter nebeneinandergestellt in: „der lohe Aetherstrahl Genie – kühne Seglerin, Phantasie“ – oder der Dichter hat die sich ergänzenden Begriffe in einer Zusammensetzung verbunden, in der Br. v. M.: „Freudensittige – Schlangenhaß – Zornesflammen“. Ein ungemein reiches (für Homer und die Griechen jetzt sehr gründlich erforschtes) Gebiet eröffnet die Personification bei Sch. Eine solche entsteht eigentlich schon, wenn irgend einem in der Wirklichkeit leblosen Wesen oder einem Abstractum eine Thätigkeit lebendiger Wesen, besonders eine menschliche, zugeschrieben wird („das Auge weint“, „das Mitleid weint“, „das lachende Grün der Wiesen“, „die Welle plaudert“, „der Wind flüstert“) und liegt schon vielen der oben angeführten Ausdrücke zu Grunde z. B. „die Thräne des Mitleids“, obgleich sich das allerdings auch rein attributiv verstehen läßt, oder „der Zahn der Zeit“, „Wände haben Ohren“. Solche Personificationen führt der Dichter aber oft sehr weit aus, so daß sie an Allegorie streifen. Zu bequemer Uebersicht wollen wir einige Abtheilungen bilden. Eine Personification entsteht z. B. dadurch, daß dem Abstractum Attribute des Lebenden z. B. Gewänder – Glieder – Wohnung verliehen werden: den blut’gen Mantel der Schuld – von des Brudermords Händen entseelt – mit scheelen Augen giftiger Mißgunst im W. T. – von dem Ohr des Argwohns aufgefangen – das Auge des Gesetzes – mit weiten Schritten das Schreckengespenst der That – mich faßt die Welt in ihren Riesenarm – mit dunkler kalter Schreckenshand – die Stimme der Verführung in W. T. – der Tod in seinem unvergänglichen Palaste – des Todes traurige Thore – das Haus des Todes – oder durch die Bezeichnung, daß z. B. „Thaten“ Kinder des Argwohns und der Rache sind, wie die mir räthselhafte Bastardtochter der Gerechtigkeit Oktavausg. von 1860 I, p. 26. Auch das metaphorische Verbum personificirt, wenn auch nicht so stark: mich umschlingt ein kaltes Grausen – übergießt mich ein Grausen – mich naget die Reue – von des Argwohns Pein genagt – der Neid vergiftete mein Leben – Verrath und Argwohn lauscht in allen Ecken. Etwas matt klingt es, wenn das Verbum nicht metaphorisch ist oder die Metapher zu sehr abgeschwächt oder dieselbe wie im Hauptworte ist: „entzweite auch der jammervolle Zwist“, Sch. müßte denn hier die Alliteration gesucht haben. An plastische allegorische Darstellungen erinnern schon in der Br. v. M.: „geflügelt ist das Glück – des Glückes Kugel (ebendaselbst die Welle)“. In demselben Stücke finden sich viele sehr ausführliche allegorische Personificationen z. B. des Friedens („Schön ist der Friede! Ein lieblicher Knabe – liegt er gelagert am ruhigen Bach“), des Hasses, des Mitleids, des Krieges („der Krieg, auf Augenblicke nur gebändigt – und knirschend in das eherne Gebiß“), des Unglücks, der geschehenen That, des Mordes, des Glückes und viele andere. Zu eigentlichen Bildern bilden kurze Vergleiche den Uebergang, so: „und wird’ ihn hassen wie der Hölle Pforten – lichtweiß gleichwie des Sonnengottes Pferde – ein Kind wie Liebesgötter schön – wie des Feuers verschlossener Gott“. Der ausgeführten Bilder finden sich etwa acht in der Br. v. M. Auch sie gehören eigentlich mehr dem Epos an. Ueber poetische Umschreibungen, besonders bei Zeitbestimmungen, s. Umschreibung. Man beachte, wie der Dichter durch solche Zusätze der Scene und dem Gedanken gern die Färbung und die Stimmung giebt: „mit der nächsten Morgensonne Strahl – schon neigt die Sonne sich – eh dieses Tages Sonne sinkt – kein Tag entstieg dem Meer“. Nachdem der Dichter gesagt hat: „nicht zweimal hat der Mond die Lichtgestalt erneut“, gebraucht er dann auch mit leicht erklärter Vorliebe das mehr malerische Wort „Monden“ statt des einfach technischen „Monat“: „fünf Monde sind’s – seit wenig Monden – schon seit den letzten Monden – drei Monde aber deckt“ u. s. w. Auch in den Gedichten finden wir: „bis dreimal sich der Mond erneut“, „und so flohen dreißig Sonnen“. Poetischer endlich als die einfache Zahl erschien es dem Dichter zu sagen: „auf dreimal dreißig Stufen“. Auch zu grammatischen, phraseologischen, kurz sprachlichen Bemerkungen aller Art würde die hier zum Beispiel gewählte Br. v. M. wie jedes andere Stück reichliche Veranlassung geben. Wie wenig Schriften sind aber vorhanden, in denen man derartiges zusammengestellt fände, und doch wie wichtig sind alle diese Dinge für die Einführung der Jugend in eine tiefere Kenntniß und eine reineren und freieren Gebrauch der Muttersprache, die doch ein Hauptziel alles Unterrichtes bleiben muß – wie unser Werk sich besonders auch an diejenigen wendet, welchen das hohe Amt dieses Unterrichtes anvertraut ist. Dennoch brechen wir hier ab; unsere Aufgabe ist überwiegend die Erklärung des Sachlichen. Das Sprachliche würde ein eigenes Werk verlangen und verdienen, am besten auch in lexikalischer Form. |
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