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Der Spaziergang (Gedicht)Zur Elegie Der Spaziergang. Dieses Gedicht aus dem Jahre 1795 ist gleich dem „eleusischen Fest“ ein culturhistorisches und unter den poetischen Erzeugnissen unserer Literatur ein Werk ersten Ranges, an dem Schiller selbst große Freude hatte. Den in der Anmerkung angegebenen früheren Titel: „Elegie“ hatte der Dichter vermuthlich zunächst wegen des Versmaßes gewählt, da das elegische Metrum der Alten das Distichon war, ein mit dem Hexameter wechselnder Pentameter. Schiller war damals mit seiner Abhandlung über naïve und sentimentalische Dichtung beschäftigt, wobei ihm der Gegensatz zwischen Natur und Cultur mit großer Lebendigkeit vor die Seele treten mußte. Diesen Gegensatz bringt er uns in dem vorliegenden Gedichte zur Anschauung, wobei ihm ein Spaziergang von Stuttgart nach Hohenheim vorschwebte, der ihm ein Bild zurückgelassen, das sich nach seinem eigenen Urtheile seiner Seele tief eingeprägt hatte. – Der Grundgedanke des Ganzen stimmt mit dem in dem Eleusischen Feste im Wesentlichen überein; nur versetzt uns jenes Gedicht mehr in die antike Welt, während bei dem „Spaziergang“ die Einkleidung ungeachtet einiger mythologischen Anspielungen ein mehr modernes Gepräge zeigt. Dort entwirft uns der Dichter ein Bild von der Art und Weise, wie der rohe Naturmensch durch die Kunst auf den Weg der Civilisation geführt wird; hier zeigt er uns das stets wechselnde, aber innerlich fortschreitende Streben der Menschen im Gegensatz zu der sich unveränderlich gleich bleibenden Natur. Der Gedankengang ist folgender: In einem reizenden Naturgemälde (V. 1-18), das sich durch seine objectiv gehaltene Darstellung auszeichnet, wird uns eine Reihe lebensvoller Bilder vorgeführt, die den Wanderer ergötzen und erquickenden Frieden in seine Seele gießen. Hierauf (V. 19-36) ersteigt er den in V. 1. angedeuteten Berg, wo ihn ein frischer Lufthauch empfängt. Die Waldesstile, welche ihn hier umgiebt, lädt ihn zu Reflexionen ein, bis ihm von einem an der Berglehne entlang führenden Steige eine neue Aussicht sich eröffnet. Er erblickt (V. 37-58) den Anfang der ersten Cultur, eine Stufe, auf welcher der Mensch noch an das „enge Gesetz“ der Natur gebunden erscheint, worauf ihm plötzlich (V. 59-68), vermuthlich bei einer Wendung der Berglehne, ein ganz neues Bild entgegentritt, ein Bild der fortgeschrittenen Cultur. Hier hat der Mensch der Natur das Gepräge seines ordnenden Verstandes aufgedrückt, und die strenge Sonderung der Gewächse kündigt ihn als ihren „Herrscher“ an. Eine höher entwickelte Stufe dieser Herrschaft zeigt sich (V. 69-100) in dem Leben der Stadt, deren Aufbau zu einem Vergleich mit der Schilderung in dem „eleusischen Feste“ einlädt. Gerechtigkeitspflege und kriegerischer Muth bilden hier die festen Stützen friedlicher Thätigkeit, die es indessen nicht versäumt, auch der im Kampfe Gefallenen zu gedenken. V. 97 u. 98 enthalten die Uebersetzung des Epigrammes, welches der Dichter Simónides für die bei Thermopylä unter Leónidas gegen Xerxes gefallen 300 Spartaner gedichtet hatte. – Unter so gesicherten Verhältnissen (V. 101-128) nehmen Gewerbe und Handel einen erhöhten Aufschwung; gegen die Erzeugnisse des heimischen Fleißes werden die Producte des Auslandes eingetauscht, und wie die letzteren das Leben bequemer gestalten, so trägt die Entstehung der Künste dazu bei, dasselbe zu verschönern. Aber der tiefer sinnende Geist des Menschen (V. 129-140) arbeitet weiter; es entwickeln sich die Wissenschaften, zunächst die Mathematik und die in naher Beziehung zu ihr stehenden Naturwissenschaften, unter denen auf Chemie und Physik, besonders auf Akustik und Optik hingedeutet wird. Das Heer der Erscheinungen wird einem bestimmten Gesetz unterworfen, es bietet sich dem umehrschweifenden Blick ein „ruhender Pol“ dar, sobald dem Menschen in der Mannigfaltigkeit der Naturkräfte die Einheit derselben zum Bewußtsein gekommen ist. Durch die gleichzeitig auftretende Erfindung der Schriftzeichen fällt die unsichere Tradition in sich zusammen; der Aberglaube schwindet und mit ihm die Furcht. Aber mit der Befreiung (V. 141 bis 172) von unwürdigen Fesseln überspringt der menschliche Geist nur allzuleicht die Schranken der Vernunft und der Sitte, und die mißverstandene Freiheit wird zur Zügellosigkeit, die Wahrheit zur Lüge. So schwindet der gesetzliche Sinn mitten unter dem Scheine der Gesetzlichkeit, bis das Staatsgebäude untergraben ist und der Mangel alles sittlichen Halts in offene Revolution ausbricht. Der Abgrund, an welchen die Verirrung den Menschen geführt, stellt sich dem Dichter (V. 173-200) symbolisch in der schaurigen Naturscene dar, zu welcher er sich auf seinem Spaziergange verirrt hat. Seine Betrachtungen haben ihn den richtigen Weg verfehlen lassen und ihn in eine Gegend geführt, wo ihn allerdings wieder die Natur empfängt, aber in ganz anderer Weise als bei dem Beginn seiner Wanderung. Die Scene, welche ihn umgiebt, stimmt unheimlich zusammen mit den grausigen Bildern, die seine Seele erfüllten. Hier in der Einsamkeit erwacht er aus seinen Träumen, die ihn aus früher Vergangenheit bis an die Grenze der damaligen Gegenwart geführt haben. Aber er ist in der Natur, die auch da, wo sie in den ersten und rohen Anfängen ihrer Thätigkeit auftritt, doch immer die nämliche ist. An ihrem Busen erfrischt er sich wieder; aus ihrer reinen Quelle allein kann ein neues Leben erwachen, die goldene Zeit einer fernen Vergangenheit dem Menschengeschlechte zurückkehren. |
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