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Die Räuberein Schauspiel. Dies Erstlingswerk von Schiller’s dramatischer Muse verdanken wir seinem Aufenthalte in der Karlsacademie. Denn außer der Neigung zu poetischen Productionen, die sich frühzeitig bei ihm regte, gab auch die Anstalt selbst Veranlassung, den Sinn für theatralische Darstellungen zu wecken, indem die Eleven bei festlichen Gelegenheiten Stücke, wie Molière’s „Avare“, Mercier’s „Déserteur“, Goethe’s „Clavigo“ und dgl., aufführen mußten, wobei der junge Sch. selbst sich lebhaft zu betheiligen pflegte. Es war daher natürlich, daß er sich auch als Dichter auf diesem Felde versuchte und diesen und jenen Plan entwarf, der aber entweder wieder verworfen, oder dessen begonnene Ausführung später vernichtet wurde. Mächtiger fühlte er sich angeregt, als ihn sein Freund Wilhelm von Hoven auf eine Erzählung in Balthasar Haug’s schwäbischem Magazin (Jahrgang 1775) aufmerksam machte, in welchem bereits mehrere seiner Erstlingsgedichte veröffentlicht worden waren. Diese Erzählung, betitelt: „Zur Geschichte des menschlichen Herzens“ sollte von Schubart herrühren. Palleske giebt uns (I, S. 85) den Hauptinhalt derselben an, L. Eckardt theilt sie uns in einem Nachtrag zu seiner Erläuterung der Räuber (Jena, K. Hochhausen, 1856) vollständig mit. Der Verfasser leitet sie mit den Worten ein: „Hier ist ein Geschichtchen, das sich mitten unter uns zugetragen hat, und ich gebe es einem Genie Preis, eine Comödie oder einen Roman daraus zu machen, wann er nur nicht aus Zaghaftigkeit die Scene in Spanien oder Griechenland, sondern auf teutschem Boden eröffnet.“ Dieses Genie fand sich, es war unser Schiller. Dieser selbst freilich sagt, die Geschichte des „ehrwürdigen“ Räubers Roque in Cervantes’ „Don Quixote“ (Thl. 2, Cap. 60) in Verbindung mit einem Ausspruche Rousseau’s, der es an Plutarch rühmt, daß er erhabene Verbrecher zum Vorwurf seiner Schilderungen wählte, habe ihn auf das Sujet geführt. Hoffmeister erwähnt als eine „beiläufige, entferntere Anregung“ die Geschichte eines Räubers Friedrich Schwan, der damals in Würtemberg eine schreckenerregende Rolle spielte, und dessen Schicksale Sch. später in seinem „Verbrecher aus verlorener Ehre“ (s. d.) darstellte. Möglich, daß alle diese Umstände zusammen gewirkt; aber so viel steht fest, daß Sch., der sich neben seinen wissenschaftlichen Studien auch mit poetischen Arbeiten beschäftigte, im Jahre 1776 einen Plan zu einem Stücke „der verlorene Sohn“ entwarf und daß die oben erwähnte Erzählung, in welcher ein Vater durch seinen von ihm verstoßenen Sohn gerettet wird, viele Momente enthält, die mit seinem später „die Räuber“ betitelten Stücke auffallend übereinstimmen. Die innere Veranlassung zu unserm Drama lag in des Dichters Lebensverhältnissen, in dem Charakter der Anstalt, durch deren Einrichtung der Herzog Karl den jungen Geistern eine scharf bestimmte Richtung geben wollte, gegen die sich ihr natürlicher Freiheitssinn sträubte . Schiller selbst fühlte sich in der Akademie wie ein Gefangener, und es war natürlich, daß seine nach Freiheit schmachtende Seele ihrem Unwillen über die ihm angelegten unwürdigen Fesseln in seinem Drama einen leidenschaftlichen Ausdruck gab. Scharfenstein sagt: „die Räuber schrieb er zuverlässig weniger um des literarischen Ruhmes willen, als um ein starkes, freies, gegen die Conventionen ankämpfendes Gefühl zu bekennen“; und er hatte Recht, denn Sch. selbst äußerte gegen ihn: „Wir wollen ein Buch machen, das aber durch den Schinder absolut verbrannt werden muß.“ Es mochte ihm dabei das Schicksal von Rousseau’s Emil vorschweben, den die Sorbonne 1762 von Henkers Hand hatte verbrennen lassen. Von dem Jahre 1777 an arbeitete Sch. an seinen Räubern täglich einige Stunden, aber mit mancherlei Unterbrechungen und unter steter Angst, entdeckt zu werden. In Zeiten, wo ihm sein Stück besonders am Herzen lag, nahm er deshalb zur List seine Zuflucht, stellte sich krank und arbeitete nun bei der Nachtlampe, umgeben von medicinischen Werken, mit denen er die losen Blätter schnell verdecken konnte, wenn ihn ein unerwarteter Besuch überraschte. Waren dann einige Scenen als Ausbeute solches Opfers gewonnen worden, dann pflegte er sie den wenigen Freunden, die um sein Geheimniß wußten, in pathetischer Weise vorzutragen, wobei er denn gelegentlich von dem strengen Aufseher Nieß ertappt wurde, der freilich nur die Fluchtworte vernahm, welche Franz (V, 1) dem Pastor Moser gegenüber ausstößt, ohne zu ahnen, um was es sich eigentlich handelte. Das originelle Wort „ein confiscirter (s. d.) Kerl“, dem wir in Sch.’s Jugenddramen einige Male begegnen, war dann der Ausdruck spöttischer Abwehr, der freilich immer erst erscholl, wenn die Thür sich wieder geschlossen hatte. Mit dem Ende des Jahres 1777 scheint Sch. die Arbeit übrigens ganz bei Seite gelegt und sie erst 1780 wieder vorgenommen zu haben, denn aus einem seiner Briefe an Körner geht hervor, daß er „während seines akademischen Lebens plötzlich eine Pause in seiner Poeterei gemacht und zwei Jahre lang sich ausschließlich der Medicin gewidmet habe, worauf sein erstes Product die Räuber“ gewesen seien. Als er dieselben im Jahre 1780 nach vielfachen Abänderungen vollendet, verließ er die Akademie und gab ihnen nunmehr die letzte Feile, wobei Petersen, sein „poetischer Gewissensrath“, das Stück beurtheilen und dieser und jener Andere seiner Freunde der Vorlesung einzelner Scenen beiwohnen mußte. Der jugendliche Dichter wollte hierdurch erforschen, welchen Eindruck seine Arbeit machte, hörte auch den etwa ausgesprochenen Tadel ruhig mit an, nahm indessen niemals weitere Rücksicht auf denselben. Natürlich konnte auf diese Weise kein Werk aus einem Gusse entstehen. Einzelne Scenen und Monologe hatte er isolirt gearbeitet, noch ehe der Plan des Ganzen völlig durchdacht war; Vieles wurde geändert, Anderes eingefügt, noch Anderes wieder ausgeschieden, bis unter Furcht und Angst die ganze kolossale Arbeit vollendet war, der man die krampfhafte Anstrengung anmerkt, unter welcher sie der jugendliche dichterische Genius zur Welt geboren; der man es abfühlt, daß Sch., wie Petersen berichtet, „seine Gedanken unter Stampfen, Brausen und Schnauben“ zu Papier zu bringen pflegte. Des Dichters nächster Wunsch war nun, sein Werk gedruckt zu sehen, weshalb er sich, da er in Stuttgart keinen Verleger hatte finden können, an seinen Freund Petersen nach Manheim wandte. Vermehrung seiner Subsistenzmittel, das Verlangen das Urtheil des Publicums über seine Arbeit zu vernehmen, und die Absicht, um seiner späteren Stellung willen mit den poetischen Productionen vollständig aufzuräumen – das waren die Gründe, die ihn zur Herausgabe seines Stückes drängten. Aber auch in Manheim war kein Verleger aufzutreiben; es blieb Sch. also weiter nichts übrig, als sein Drama auf eigene Kosten drucken zu lassen. Und da auch der Drucker kein rechtes Vertrauen zu der Sache hatte, sondern erst baares Geld sehen wollte, woran es dem Dichter vollständig gebrach, so mußte er einen Bürgen für 150 Gulden stellen. Nun begann der Druck in einer Auflage von 800 Exemplaren. Sie erschien anonym unter dem Titel. „Die Räuber. Ein Schauspiel. Frankfurt und Leipzig. 1781.“ Da Sch.’s Auslagen indeß doch größer waren, als er erwartet, so bot er sein Werk noch vor Beendigung des Druckes dem Buchhändler Schwan in Manheim an, dem er als Probe die sieben ersten Aushängebogen schickte. Schwan sandte sie mit einigen Anmerkungen zurück und gab ihm besonders Rathschläge, Dies und Jenes zu mildern. So wuchsen denn die Ballen von Druckbogen allmälig an, die in des Dichters einfachem Zimmer mit einem hölzernen Tisch und zwei Bänken, leeren Tellern und Flaschen, einem Haufen Kartoffeln und der an der Wand hängenden spärlichen Garderobe einen seltsamen Contrast bildeten. Es war im Sommer 1781; anfangs gingen die Exemplare nur langsam ab, aber nach und nach fingen sie an zu wirken, und bald war ganz Stuttgart in Aufregung, besonders die Jugend vollständig Feuer und Flamme. Auch an Wieland hatte Sch. seine Räuber geschickt, von dem er die schmeichelhafte Antwort erhielt, er hätte mit den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen, eine Bemerkung, die von des Dichters Freunden mit lebhaftem Enthusiasmus aufgenommen wurde. Die Sorge für das Weitere übernahm jetzt das Theater. Schwan war nämlich mit den empfangenen Druckbogen zu Freiherrn von Dalberg, dem Intendanten des Manheimer Theaters, gegangen, der sich alsbald an Sch. wandte und eine Umarbeitung des Stückes für die Bühne verlangte. Diese Arbeit wurde bis zum October vollendet, und so entstand neben der bereits gedruckten Literaturausgabe ein Bühnenmanuscirpt, das die Manheimer Theaterverwaltung in Verlag nahm, und nach welchem noch jetzt die Räuber auf allen größeren Theatern Deutschlands gegeben werden. In der Cotta’schen Ausgabe von Sch.’s Werken vom Jahre 1860 sind diese beiden Bearbeitungen, über welche sich Joachim Meyer in einer Vorerinnerung des weiteren ausläßt, hintereinander abgedruckt. Für die Literaturausgabe hatte Sch. eine Vorrede drucken lassen, die er bei der Theaterbearbeitugn durch eine gemäßigtere ersetzte. In der ersten, welche Viehoff in seiner Nachlese zu Sch.’s Werken (Bd. 4, S. 861) mittheilt, spricht er von der Bedeutung der Bühne, wie von dem Beifall des Publicums mit einer gewissen Geringschätzung, was für die Theaterausgabe natürlich wenig angemessen erschien; in der zweiten dagegen, welche allein Eingang in die Gesammtausgabe seiner Werke gefunden hat, legt er den Hauptaccent auf die moralische Bedeutung des Stückes, dessen Absichten er den von Schwan und Anderen geäußerten Bedenken gegenüber zu rechtfertigen versucht. Wir haben somit zwei in mehreren Punkten von einander abweichende Ausgaben zu unterscheiden, die bereits erwähnte, in allen Gesammtausgaben von Sch.’s Werken stehende Literaturausgabe und die 1782 bei Schwan erschienene Theaterbearbeitung, welche das Stück als Trauerspiel bezeichnet, und in der sich Sch. als Verfasser nennt. Was die letztere betrifft, so hatte Dalberg, dem ein eigentliches Verständniß für die Idee des Stückes abging, natürlich nur die Bühne im Auge. Er fragte sich, ob in der Zeit, wo das Stück spielte, die Bildung einer solchen Räuberbande möglich gewesen sei, und da er dies glaubte verneinen zu müssen, so wurde trotz Sch.’s Einspruch das Drama aus der Zeit des siebenjährigen Krieges in das Jahr 1495 verlegt, wo unter Maximilians I. Regierung auf Antrag der Stände zu Worms dem Faustrecht ein Ende gemacht und der ewige Landfriede verkündet ward. Die äußere Veränderung bestand zunächst in einer streng durchgeführten Sceneneintheilung und vielen Kürzungen, so daß der Umfang der Theaterbearbeitung um 37 Druckseiten geringer ist als der der Literaturausgabe; außerdem aber wurde vieles Anstößige und Grelle beseitigt und manches Unwahrscheinliche entfernt. Dafür ist denn freilich auch Manches matter und farbloser geworden, und man fühlt an vielen Stellen heraus, wie die straffen Zügel des Freiherrn von Dalberg das Flügelroß des Dichters in seinem muthigsten Aufschwunge gehemmt haben. Was die inneren Veränderungen betrifft, so ist zunächst darauf hinzuweisen, daß Franz weniger diabolisch reflectirend, sondern mehr handelnd auftritt. Um ferner bei den Katholiken keinen Anstoß zu erregen, ist der im zweiten Akt auftretende Pater durch eine Magistratsperson ersetzt. Hermann spielt eine wichtigere Rolle durch seine Gegenintriguen, welche Franzens Plan untergraben, der auch nicht Daniel, sondern ihm den Auftrag ertheilt, seinen Bruder Karl zu vergiften, was einen völligen Bruch zwischen beiden herbeiführt. Die Scene mit dem Pastor Moser fehlt ganz, und Franz wird lebend ergriffen und in Ketten vor den Hauptmann geführt, dessen Gefährten ihn verurtheilen, in demselben Thurme, wo sein Vater geschmachtet, zu verhungern. Schließlich entläßt Karl die Räuber mit einer versöhnenden Anrede, worauf er sich selbst ausliefert. Auf anderweitige Aenderungen, welche Dalberg verlangte, ließ sich Sch. nicht ein, wenigstens nicht für den Druck, wogegen er für die Aufführung es z. B. gestattete, daß Amalie sich selbst tödten durfte. Hatte Schiller bei dem ersten Entwurf seiner Arbeit eher an eine Verbrennung durch den Schinder als an eine Darstellung auf der Bühne gedacht, so fühlte er doch jetzt einen unüberwindlichen Drang, die Frucht seiner zweifachen Arbeit mit eigenen Augen zu sehen. Da ihm durch eine herzogliche Resolution bereits eingeschärft worden war, er möge sich überall seinem Dienst gemäß betragen, und nicht, wie bisher, Anlaß zur Unzufriedenheit geben, so durfte er auf Ertheilung eines Urlaubs zu dem vorliegenden Zwecke in keiner Weise rechnen, er reiste daher ohne denselben mit seinem Freunde Petersen ab. Es war am 13. Januar 1782, wo die Zuschauer von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Worms und Speier theils zu Roß, theils zu Wagen nach Manheim strömten, um das vielberufene Stück von den ersten Künstlern Deutschlands, von Iffland, Beil, Böck und Anderen darstellen zu sehen. Dalberg, der bei der Außerordentlichkeit des Ereignisses nicht ganz ohne Besorgniß war, hatte den Dichter vermocht, dem Theaterzettel ein durch und durch moralisirendes Begleitwort beizufügen, während dem Stücke selbst eine solche Tendenz vollständig fern lag. Die Wirkung der Darstellung war eine ganz außerordentliche, so daß Sch. in der freudigsten Stimmung und voller Entwürfe für die Zukunft auf seinen Posten zurückkehren konnte. Fast alle Commentatoren Sch.’s stimmen darin überein, daß seine Räuber als ein Product inneren Dranges anzusehen seien, wie ihn die Karlsschule bei ihm erzeugte. Hier fanden sich Jünglinge von den verschiedensten Charakteren, die, alle unter demselben militairischen Drucke stehend, das eine und gleiche Streben hatten, sich von einem unerträglichen Joche frei zu machen. Gleichzeitig aber waren es die streitenden Gewalten in des Dichters eigenem Innern, die einen wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung des Stückes übten, zunächst sein Kampf gegen das in dem Herzen aufkeimende Böse, dann aber auch der Kampf mit seinen natürlichen Anlagen, indem die Schärfe des reflectirenden Verstandes mit seinem poetischen Gestaltungstriebe in einen heftigen Conflict gerieth. Allen diesen Regungen hat Sch. in seinen Räubern einen Ausdruck gegeben; daher die rohen Kraftausdrücke, die unter den jungen Leuten der Karlsschule gewiß üblich waren, wenn sie ihrer Erbitterung gegen den unleidlichen Zwang Luft machen wollten; daher dieses heftige Verlangen nach einem freien Naturleben, wie die ausschweifende Phantasie der Jünglinge es sich den strengen Clausurverhältnissen gegenüber gestalten mochte; daher die heftigen Affecte und das stürmische Aufbrausen, welches sich aus den beengenden Mauern einer Lehr- und Erziehungsanstalt Bahn brach gegen die bestehenden Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft. Sah doch der junge Dichter die Welt „kaum einen Feiertag, kaum durch ein Fernglas, nur von weitem.“ So mußten die socialen Zustände von ihm in den schwärzesten Farben dargestellt werden, noch schlimmer als die Räuber selbst, die aus denselben hervorgegangen, damit diese, um mit Hoffmeister zu reden, berechtigt waren, „gegen die faule und morsche Culturwelt Sturm zu laufen.“ Wenn der Drang nach Freiheit und Selbständigkeit die Brust strebender Jünglinge erfüllt, so ist dies ein völlig berechtigtes Verlangen; aber diesem gegenüber stehen die socialen Verhältnisse, die sich, wenn auch nicht immer naturgemäß, so doch geschichtlich entwickelt haben. Tritt nun der Einzelne, in dem Irrthum befangen, daß die ihn beengenden Verhältnisse sich künstlich gemacht, der Gesammtheit entgegen und zwar nicht als Reformator, sondern als Revolutionär, so wird er zum Verbrecher und muß an seinem Streben zu Grunde gehen. Das ist Karl Moors Fall und zugleich die Idee des Stückes, welche auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stets eine berechtigte Erscheinung sein wird. Als Schauplatz für sein Drama wählte Sch. die engen, finstern und felsigen Schluchten des Böhmerwaldes mit ihren reißenden Bergströmen, ein rauhes, wildes und unzugängliches Gebiet, wie es in ganz Deutschland nicht geeigneter zu finden ist . Hier ließ er die wahrhaft plastischen Gestalten seiner Räuber sich entwickeln, deren Namen und Charaktere zum Theil seinen Umgebungen in der Anstalt entlehnt, also unmittelbar aus dem Leben gegriffen waren, während er das Vorbild zu Franz in Shakespeare’s Jago (im Othello) fand, in Karl aber den in seinem eigenen Innern arbeitenden Empfindungen einen beredten Ausdruck gab. Fassen wir nunmehr die einzelnen Personen näher ins Auge. Wir beginnen mit dem Haupt der gräflichen Familie, dem alten Moor, einem Manne in den Sechzigern, dessen Ahnen ihren Adel (IV, 2) dem Kaiser Friedrich Barbarossa verdanken. Er hat seine Gattin frühzeitig verloren, denn nur der alte. Daniel erwähnt derselben, während sich bei beiden Söhnen keine Erinnerung an ihre Mutter findet. So hat der Vater die Erziehung der beiden Knaben allein übernehmen müssen, neben denen Amalia, eine arme Waise aus vornehmer Familie, aufgewachsen ist. Daß der Graf nach dem Tode seiner Gattin auf diese drei Kinder seine ganze Liebe übertragen, ist natürlich; aber als ein guter und schwacher Mann ist er blind in seiner Liebe gewesen und hat den älteren, hoffnungsvolleren Sohn bevorzugt, so daß es der jüngere hat merken müssen. Dafür erlebt er nun das Unglück, beide Kinder mißrathen zu sehen, und fühlt auch, daß er schuld daran ist, daß „die Sünden der Väter heimgesucht werden an den Kindern“. Es erweckt unsere ganze Theilnahme, den guten, bibelgläubigen Mann leiden zu sehen, der bei seinem eigenen Schicksal der Geschichte Jakobs und Josephs gedenkt, der mit Hiobs Worten um den Verlust seiner Söhne klagen kann, der in dem Gefühl seines herannahenden Endes mit aufrichtigem Herzen nach dem Abendmahl verlangt. Aber was hilft das Alles; er ist kein Charakter. Ein rechter Menschenkenner würde merken, daß Franz Komödie mit ihm spielt, er würde die Tücke desselben nicht bloß ahnen, sondern durchschauen, er würde nicht in einem Augenblick ihm tausend Flüche nachdonnern und kurz darauf ihn um Verzeihung bitten. So ist der alte Graf ein Sinnbild der kranken, altersschwachen Zeit; ein Mann, der durch die ungerechte Bevorzugung eines seiner Kinder eine schwere Schuld auf sich geladen und nun zur Strafe dafür sich in beiden Söhnen betrogen sieht; dem in seiner Verzweiflung daher nichts weiter übrig bleibt, als sich selbst anzuklagen und sein Schicksal als wohl verdient zu betrachten. Den ältesten Sohn, den Erben der väterlichen Herrschaft, hat Sch. Karl genannt, welches auch der Name des Helden in der Schubart’schen Erzählung ist; der Name Moor wurde einem Zöglinge der Karlsschule entlehnt. Karl, schon in der Jugend der Liebling des Hauses, nicht nur von dem Vater, sondern auch (IV, 3) von der Dienerschaft verhätschelt, wuchs zu einem begabten Jüngling heran, welcher versprach ein Held zu werden, der seinen Ahnen Ehre machen würde. So ging er zur Vollendung seiner Ausbildung nach Leipzig. Eine stattliche Erscheinung, nicht nur mit hervorragenden Geistesgaben, sondern auch mit reichen Mitteln ausgerüstet, kommt er nach dem damaligen Centrum deutscher Bildung, das Goethe (Faust, Bd. II, S. 88) „ein klein Paris“ nennt. Aber ohne Erfahrung, ohne Erziehung, ohne Aufsicht wird er den verlockenden Reizen des Lebens zur Beute. Von dem Gedanken beseelt, daß nur „die Freiheit Kolosse und Extremitäten ausbrüte“, stürzt er sich in den Strudel der Vergnügungen, und da ihm nirgend ein Ideal geboten wird, an dem er sich erwärmen und begeistern könnte, so erschöpft er seine Kraft in tollen Studentenstreichen. Bald aber gewährt ihm dieses Treiben keine Befriedigung mehr. Mit lebhaftem Sinn für die Schönheiten der Natur begabt, möchte er sich selbst in Harmonie mit der Schöpfung fühlen; das aber will ihm nicht gelingen, denn er kann die Räthsel des Lebens nicht lösen. So wird er von der allgemeinen Krankheit der Jugend, vom Weltschmerz ergriffen; statt der Helden des Alterthums, der Ideale seiner Knabenjahre, sieht er sich rings von Menschen umgeben, deren niedrige Gesinnung ihn anekelt, und statt der Gelegenheit zu thatkräftigem Handeln sieht er sich überall gedrückt und beengt. Die Thorheiten, die er in Leipzig begangen, haben nicht nur seine Mittel erschöpft, sondern auch seine sittliche Kraft gelähmt; nunmehr erwacht sein besseres Selbst, er wendet sich reuevoll an seinen Vater, der wird den verlorenen Sohn nicht zu Grunde gehen lassen. Indessen was er gehofft, geschieht nicht; dem Bußfertigen wird keine Verzeihung zu Theil, die väterliche Thür wird ihm verschlossen. Nun erwacht sein Haß, aber nicht bloß gegen den Vater, sondern gegen die Menschheit überhaupt; bisher nur der Repräsentant des auf Irrwegen befindlichen jugendlichen Strebens, betrachtet er sich nunmehr als Repräsentanten des um seine Rechte betrogenen Volkes. Die „Otternbrut“, die ihn von sich ausgestoßen, die will er jetzt zermalmen, darum beschließt er Räuber und Mörder zu werden. Aber er wird noch mehr. seine Gefährten haben eben so wie Franz (IV, 2) bemerkt, daß etwas Großes in seinen Zügen liege, und bald wird ihn Kosinsky (III, 2) mit Scipio, „dem Mann mit dem vernichtenden Blick“ vergleichen; sie erwählen ihn daher zu ihrem Hauptmann. Jetzt wird sein Thatendurst Befriedigung finden, denn er ist, wie Sch. in der Selbstrecension seiner Räuber sagt, „ein Geist, den das Verbrechen nur reizt um der Größe willen, die ihm anhängt, um der Kraft willen, die es erheischt, um der Gefahren willen, die es begleiten.“ Und in der That ist er im Augenblick der Noth ein ganzer Mann, ein Führer, dessen Scharfblick, dessen Organisationstalent wir bewundern müssen. Und wie treibt er sein Handwerk? Wir erfahren es (II, 3) von Razmann. Er nimmt leichtfertigen Schurken das Geld ab, um es auf würdige Weise zu verwenden, um arme Waisen erziehen und unbemittelte, aber hoffnungsvolle Jünglinge studiren zu lassen; er schafft gemeine Beamtenseelen aus der Welt, die ihre Stellung mißbrauchen; denn er will die Menschheit von ihren Peinigern befreien. Das Rauben und Plündern überläßt er den Mitgliedern seiner Bande, unter denen er strenge Zucht und Ordnung hält, denn seine Absicht ist keine andere, als „das Racheschwert des obersten Tribunals zu regieren“. Aber bald bemerkt er zu seinem Schmerz, daß nur wenige seiner Genossen im Stande sind, seine eigentlichen Absichten zu begreifen; es werden unter seiner Führung Unmenschlichkeiten und Greuelthaten verübt, die „seine schönsten Werke vergiften“. Nun ist er auch des Räuberlebens satt und möchte seiner Bande entfliehen. Obwohl mit sich selbst und mit der Welt zerfallen, ist doch ein Rest aus jenen besseren Tagen ihm geblieben. Er sehnt sich zurück nach der Unschuld seiner Knabenjahre; bei der Erinnerung an seine Amalia hofft er, das Glück der Liebe könne ihm noch lächeln, und so beschließt er, was er früher nur halb gethan, jetzt ganz zu thun, er kehrt in sein Vaterhaus zurück. Aber den Vater selbst findet der verlorene Sohn nicht wieder, nur von einem alten Diener wird er erkannt; und da er sich nicht berechtigt fühlt, an seinem unnatürlichen Bruder Rache zu nehmen, und eben so wenig es wagt, sich seiner Amalia zu erkennen zu geben; so kehrt er zu seinen Räubern zurück. Doch hier wird er aufs neue von Gewissensbissen gefoltert, das Verlangen nach Glückseligkeit kann er in seinem Innern nicht zerstören; so bleibt ihm, dem Unglücklichen, nichts weiter übrig, als sich selbst zu vernichten. Aber jetzt treten die Schauer der Ewigkeit vor seine Seele; darf er es wagen, die dunkele Pforte selbst zu öffnen, die sein Geschick ihm noch verschlossen hält? Nein, sein Stolz verbietet ihm den Selbstmord, er beschließt zu leben und das Schicksal zu tragen, das er sich selbst bereitet. Es ist, als ahne ihm, daß er noch eine schaurige Mission zu erfüllen hat. Seinen teuflisch gemißhandelten Vater aus dem Gefängniß zu befreien und ihn zu rächen, das ist die That, womit er seine Werke krönt; da er ihm aber weder den Sohn, noch seiner Amalia den Bräutigam wieder schenken kann, und eben so wenig der Bande noch ferner ein Führer zu sein vermag, so kehrt er nunmehr in die Schranken der gesetzlichen Ordnung zurück, der er sich selbst zum Opfer anbietet. Es ist dies ein Ausgang, mit dem Sch. gleichzeitig sein Urtheil über das Stück ausgesprochen hat. Wenn sowohl Hoffmeister als K. Fischer in Karl Moor’s hohem Freiheitssinn wie in seinem weichen Gemüth des Dichters eigenes Bild erblicken, so ist dies doch nur ein weit verbreiteter Zug von psychologischer Wahrheit, den Sch. außer sich eben so gut beobachten als in sich entdecken und somit zur Darstellung bringen konnte. Wenigstens gehörte Sch. in der Karlsschule keinesweges zu den widerspenstigen Naturen, die den Drang in sich fühlen, mit allen Verhältnissen zu brechen, um im Leben etwa die Rolle eines Räubers zu spielen; denn es ist bekannt, daß er ungeachtet mancher Ausstellungen, die man an ihm zu machen hatte, doch ein besonderer Liebling des Herzogs war. Wir dürfen es daher wohl zugeben, daß der Dichter dem Charakter seines Karl Moor ein reiches Maß subjectiver Färbung gegeben; aber seinem Stoff gegenüber erscheint er so objectiv, wie es von dem Dramatiker verlangt wird, dessen Aufgabe es ist, das Leben darzustellen. Der jüngere der beiden Brüder führt in der Schubartschen Erzählung den Namen Wilhelm. Aber Sch. war durch seinen Freund, Wilhelm v. Hoven, auf den Stoff aufmerksam gemacht worden; wie hätte er für den Bösewicht, den er zu zeichnen gedachte, diesen Namen beibehalten können? Er nannte ihn Franz, ein Name, dessen fremdländische Abstammung und dessen scharfer, schneidender Klang ihm für seinen Zweck besser zusagte. Franz ist, wie Richard III, von der Natur stiefmütterlich behandelt worden; er ist häßlich von Gestalt und Gesicht und hat in Folge dessen manche Zurücksetzung erfahren. Das hat sein Gemüth verbittert, so daß er mit einer gewissen Berechtigung seinem Vater über die ungleiche Behandlung seiner Kinder Vorwürfe macht. Hat es ihm nun auch von jeher an Liebenswürdigkeit gefehlt, so besitzt er dafür doch Erfindungsgeist; was er auf redlichem Wege nicht gewinnen kann, das will er mit Gewalt ertrotzen, und so wird er zum Verbrecher. Zunächst erscheint er als ein schlau berechnender Heuchler; er sucht das Gegentheil von dem glauben zu machen, was er im Sinne hat, hebt seien eigenen guten Eigenschaften hervor, verläumdet Andere und dichtet ihnen seine Fehler an. Aber er hat bestimmte Zwecke, die er erreichen will, es ist ihm um das Erbe der väterlichen Herrschaft zu thun; deshalb muß der Vater beseitigt, der ältere Sohn von dem Vaterherzen, der Bräutigam von der Braut gerissen werden. Die Mittel dazu sind Lug und Trug, selbst (II, 1) falsche Handschriften und, wo die nicht helfen, der Meuchelmord. Den letzteren will er freilich selbst nicht verüben; solche Verbrechen sollen Andere, Hermann und Daniel, für ihn begehen, denn er will den Leuten nicht als Bösewicht erscheinen. Nichtsdestoweniger schlägt ihm sein Gewissen, mit dem er sich durch eine eigene Art von Philosophie abzufinden sucht. Er macht sich ein Gewissen nach eigener Façon zurecht, indem er mit diabolischer Sophistik Natur und Religion verhöhnt. Das Verhältniß zu seinem Vater wird von ihm in der herzlosesten und empörendsten Weise zergliedert, die heiligsten Empfindungen werden in den Schmutz getreten, um sich jeder bindenden Verpflichtung zu überheben. Die Religion ist ihm nichts Anderes als ein heiliger Nebel, der Gedankenlose und Narren mit Furcht erfüllen und den Pöbel im Zaum halten soll. Deshalb verdreht er die Worte der Schrift und weiß Bibelstellen (IV, 2) in schändlicher Wiese zu mißbrauchen. Wenn man will, so könnte man auch hier behaupten, daß der Dichter aus sich selbst geschöpft; war doch auch er bereits von mancherlei religiösen Zweifeln gepeinigt, welche den kindlichen Glauben an die Wahrheit des christlichen Dogma’s erschüttert hatten, und erkennt man in den barocken Sophismen doch deutlich genug den zum Materialismus sich hinneigenden Mediciner. Aber als Dramatiker brauchte er nicht bloß einen reflectirenden, er brauchte einen handelnden Bösewicht, und in dieser Beziehung offenbart sich bei dem Dichter die zu Uebertreibungen geneigte jugendliche Schwäche, denn da, wo Franz wirklich handelnd auftritt, wird er zur Carricatur. Die Heftigkeit, mit der er auf seinen Vater einstürmt, um ihn durch Schreck zu tödten; sein empörendes Benehmen dem Verzweifelnden gegenüber; seine Ausbrüche des Zornes (II, 2) gegen Hermann, durch die er sich doch deutlich in die Karten sehen läßt; die plump angelegte Intrigue, durch welche er Amalie zu gewinnen denkt und an deren Gelingen er selber zweifeln muß; die vollständig ungerechtfertigte, rohe Weise, in welcher er den alten, treuen Daniel verdächtigt – das Alles mußte dem Dichter sagen, daß, wenn auch „die Tugend im Contraste mit dem Laster das lebendigste Colorit erhält“ (R. Vorr.), doch ein gewaltsames Streben bei der Anwendung dieses Kunstmittels eher Widerwillen als Bewunderung erzeugt, und mit Recht sagt er daher in der Selbstkritik seiner Räuber, es sei „eine Versündigung gegen die menschliche Natur, ein solches Monstrum in eine Jünglingsseele zu versetzen.“ Glücklicher dagegen ist dem Dichter die Katastrophe gelungen, in welcher er das Ende seines Bösewichts zur Anschauung bringt. Die Gewissensqualen, welche ihn peinigen; „die unwillkürlichen Schauder, welche seine Glieder in frostige Angst rütteln“; die Ausbrüche des Zorns gegen Daniel und den Pastor Moser, wo es ihm an Gründen fehlt, seine Gegner zu besiegen; die entsetzlichen Träume und die Gespenster, welche ihn im Augenblick der letzten Noth gleich schlangenhaarigen Furien verfolgen; die wahnsinnigen Reden, mit welchen der verzweifelnde Atheist seinem Leben ein Ende macht – das Alles ist von tief ergreifender Wahrheit und bei der Darstellung auch jederzeit von mächtiger Wirkung. Zwischen den beiden feindlichen Brüdern steht Amalia, die Nichte des alten Moor, die derselbe als Waise in sein Haus aufgenommen und dort erzogen hat, was sie ihm mit liebreicher Sorgfalt vergilt. Ohne mütterlichen Einfluß, ohne irgend ein anderes weibliches Vorbild ist sie mit den Knaben aufgewachsen, unter denen Karl als die edlere Natur ihre Zuneigung gewonnen hat. Ihre Liebe ist zwar eine schwärmerische, aber es liegt zugleich etwas männliches darin, denn sie liebt an ihrem Karl fast nur das Freie, Kühne und Große. So erscheint sie eigentlich nur als der weibliche Abdruck desselben, eben so heroisch und phantastisch und zugleich eben so exaltirt. Sie ist zwar erbittert, daß der Vater seinen Sohn verstoßen, aber sie thut nicht das Geringste, um das gestörte Verhältniß wiederherzustellen; die Neigung, Frieden zu stiften, dieser schöne Zug des weiblichen Herzens, war dem jugendlichen Dichter noch völlig unbekannt. Statt selbst an Karl zu schreiben, überläßt sie sich in ihrer Einsamkeit der stummen Trauer, oder schwelgt in Wonne und Entzücken, Empfindungen, die sie selbst in das Kloster mit hinüberzunehmen gedenkt. Daß Karl sie geliebt, ist ihr bekannt, und daß die Bewerbungen seines Bruders aller edlen Beweggründe entbehren, durchschaut sie wohl, aber sie thut wiederum nichts, um dessen schändliche Verrätherei an das Licht zu bringen; sie haßt ihn nur und wünscht, von ihm gehaßt zu werden; und wo sie sich seiner Zudringlichkeit erwehren muß, ist es nicht die einem ächt weiblichen Wesen von der Natur verliehene sittliche Würde, mit welcher sie ihn in Schranken hält, sondern es sind Schläge und Drohen mit der ihm entrissenen Waffe. Einen Augenblick scheint ihre Liebe zu Karl wankend zu werden, als der vermeintliche Fremde ihr ein Interesse abgewinnt; aber sie fühlt wohl, daß sie etwas von ihrem Karl in ihm entdeckt, dem Einzigen, dem sie ihr Herz schenken kann, dem sie treu bleiben muß. So findet sie denn auch den Oheim wie den Bräutigam wieder, aber nur, um beide sogleich zu verlieren und selbst als ein beklagenswerthes Opfer ihres Geschicks zu fallen. – Als Sch. seine Räuber schrieb, war ihm das Gefühl der Liebe noch eine vollständig fremde Empfindung; gänzlich unbekannt mit dem weiblichen Herzen, war er außer Stande, die oft so rührende Naivetät desselben zu schildern. Hoffmeister bezeichnet daher mit Recht Amalia mit ihrer Liebe als die schwächste Figur, ja geradezu als die tödtliche Seite des Stücks, und Sch. selbst äußert in seiner Selbstkritik, „der Dichter habe hier etwas Außerordentliches liefern wollen, und uns um das Natürliche gebracht.“ Aber er macht uns an einer anderen Stelle auch mit dem Grunde dieser Erscheinung bekannt; er sagt: „Die Thore des Instituts öffneten sich Frauenzimmern nur, ehe sie anfingen interessant zu werden und wenn sie aufgehört hatten, es zu sein.“ So wurde Amalia ein Gebilde seiner Phantasie, dem es nothwendig an innerer Wahrheit fehlen mußte. Neben den Mitgliedern der Moor’schen Familie steht Hermann, der natürliche Sohn eines Edelmannes, ein muthiger, entschlossener Mensch, der durch sein offenes Auftreten einen wirksamen Gegensatz zu Franzen’s heimtückischen Charakter bildet. Der Flecken, welcher an seiner Geburt haftet, hat ihm Beleidigungen von dem alten Moor zugezogen; von Amalia, die er gleichfalls liebt, ist er abgewiesen worden, und in Karl besitzt er einen gefährlichen Nebenbuhler; er hat also hinreichende Ursache, mit seinem Schicksal unzufrieden zu sein. In dieser Stimmung, und zugleich von dem lebhaften Verlangen beseelt, eine Rolle in der Welt zu spielen, schließt er sich an Franz an, der ihm auch die besten Aussichten zur Erreichung seines Zieles eröffnet, ihn aber nur benutzen will, um seine eigenen Pläne durchzusetzen. Hermann traut ihm anfangs und zeigt sich bereit, den Grafen wie auch dessen ältesten Sohn zu vernichten; als er aber sieht, welches Unheil er angerichtet, schlägt ihm sein Gewissen, er macht wirksame Gegenintriguen, verräth Amalien, daß beide Moor noch am Leben seien und trägt somit dazu bei, Franzens tragischen Ausgang herbeizuführen. Einen wohlthuenden Gegensatz zu dem bedauernswerthen Familienkreise bildet der greise Diener Daniel, ein Mann von einfacher, schlichter Frömmigkeit, der sich zu keiner Schandthat verstehen mag. Dabei ist er von rührender Ergebenheit, in Augenblicken, wo ihm das Herz aufgeht, von einer kindlich-naiven Geschwätzigkeit und selbst einem (vermeintlichen) Fremden gegenüber von einer Wahrheitsliebe, die alles ausplaudert, was er auf dem Herzen hat. Von Schmerz erfüllt, daß das gräfliche Schloß, das sonst ein Sitz des Segens war, sich in ein Haus des Fluches verwandelt hat, will er dasselbe verlassen und ist selbst noch in diesem Augenblicke bereit, sich seines verabscheuungswürdigen Herren anzunehmen, ihn zu ermahnen und zu warnen; er ist das Bild der Aufrichtigkeit und Treue im Gegensatz zur Falschheit und Bosheit. Wir wenden uns nun zu den Räubern, einem Corps, das zum Theil aus Leuten hervorgegangen ist, die sich Studirens halber in Leipzig aufgehalten, aber, statt sich dem Dienst der Musen zu widmen, einer übermüthigen Libertinage (s. d.) ergeben haben. Hierdurch sind sie so herunter gekommen, daß ihnen schließlich keine andere Laufbahn als die der Banditen übrig bleibt. Die Hauptrolle unter ihnen spielt Spiegelberg, der am treffendsten durch Schweizer’s Worte (I, 2) charakterisirt wird: „Moritz, Du bist ein großer Mann! – oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden!“ – Spiegelberg ist eigentlich ein jämmerlicher Renommist, der aus seinen Studentenjahren nichts von seinem besseren Selbst gerettet hat, sondern sich nur mit Vergnügen der begangenen tollen Streiche erinnert. Aber er ist zugleich ein großer Phantast, in dessen Kopfe allerlei unausführbare Gedanken ihren Spuk treiben. Er läßt sich daher auch die Schimpfnamen „Schafskopf, Esel, Bestie“, mit denen seine Gefährten ihn tractiren, ganz ruhig gefallen. Dennoch gelingt es seinem unverkennbaren Rednertalent, sie durch barocke Sophistereien, so wie durch einen tollen Gaunerhumor, der sich selbst die Hölle zu einem ergötzlichen Bilde auszumalen versteht, von der Richtigkeit seiner Ideen zu überzeugen. Da es mit den übermüthigen Studentenstreichen vorbei, und der Weg zur Rückkehr unter die Gesellschaft der ehrlichen Leute ihnen versperrt ist, so gehen sie auf seinen Vorschlag ein, und er wird somit der Stifter der Räuberbande. Hieraus leitet er nun das Recht ab, auch ihr Hauptmann zu werden; aber seine Genossen wissen recht gut, daß er sich dazu nicht eignet, denn er ist eigentlich ein nichtsnutziger Schleicher und ein feiger Charakter. So muß er sich denn wider seinen Willen dem einstimmig erwählten Hauptmann unterordnen, den er am liebsten so schnell wie möglich beseitigen möchte. Dies aber führt seinen Sturz herbei; denn so wie er mit seiner nichtswürdigen Absicht hervortritt, wird er von Schweizer erstochen. In Spiegelberg sehen wir Sch.’s Neigung zur Zusammenstellung wirksamer Contraste in höchst glücklicher Weise in die Erscheinung treten; denn während Karl’s rein tragischer Charakter uns zu tief ernstem Nachsinnen Veranlassung giebt, ist Spiegelberg eine grotesk-komische Figur, die wir ungeachtet alles Abscheus vor seiner Nichtswürdigkeit, dennoch mit einem gewissen Behagen über die Scene gehen sehen; er ist, wie Eckardt (S. 126 etc.) bis in’s Einzelste gehend nachgewiesen hat, eine vollendete Parodie des Helden unserer Tragödie. Unter den übrigen Räubern sind nur Roller und Schweizer als einigermaßen hervortretende Gestalten zu bezeichnen. Roller, der sich gern auf möglichst ehrliche Weise hätte durchschlagen mögen, ist wie Spielberg zum Humor aufgelegt, aber gleichwohl eine besonnene Natur. Er bringt die Nachricht, daß man die Libertiner auskundschaftet; er weist darauf hin, daß die Bande einen Hauptmann haben müsse, wozu er Moor in Vorschlag bringt, der auch auf ihn am meisten hält. Sein Ziel geht eigentlich nicht auf den Galgen los, denn nur die Noth hat ihn zum Banditen gemacht; und gerade er wird eingefangen, gefoltert und zum Galgen verurtheilt. Als Moor in Kapuzinerkutte zu ihm kommt, um ihn durch Wechseln der Kleider zu befreien, schlägt er dies ab, wird aber dennoch vor dem Tode von Henkers Hand gerettet, um kurz darauf einen edleren Tod für seinen Hauptmann zu sterben. – Schweizer ist wie Roller von Natur gut geartet, aber freilich verwildert; er neigt sich anfangs auch auf Spiegelbergs Seite, wird jedoch bald dessen Gegner. Mit einfachen, schlichten Worten ist er bemüht, den Vermittler zwischen Karl und der Bande zu spielen; und treu, wie schon sein Name (vergl. d. Flüsse [Rhein]) dies andeutet, rettet er seinem Hauptmann zweimal das Leben. Dafür wird ihm die Ehre zu Theil, den Vater desselben zu rächen; da es ihm jedoch nicht gelingt, sein gegebenes Wort zu lösen, so giebt er sich selbst den Tod. Eine eigenthümliche Rolle spielt Kosinsky. Er ist noch ein ehrlicher Mann und zwar ein Mann von Bildung, denn Moor selbst muß ihm das Zeugniß geben, er habe sich wacker in Schulen gehalten; aber er hat auf den Wogen des Lebens Schiffbruch gelitten, seien Braut ist ihm durch eine Hofkabale geraubt, seine Güter sind ihm confiscirt worden. Da ist Moors Ruf als Versucher an ihn herangetreten, und allerdings paßt er seiner ganzen Gemüthsstimmung nach in die Gesellschaft der Räuber, wo er in einem thatenvollen Leben den marternden Erinnerungen an die Vergangenheit wird entfliehen können. Er wird aber eben nur aufgenommen, ohne daß wir ihn an ruchlosen Thaten sich betheiligen sehen. Er ist geeignet, den Räubern einen Spiegel vorzuhalten, ihnen zu zeigen, was sie gewesen; und in den Worten, mit welchen Karl ihn abzumahnen sucht, spricht dieser sein Urtheil über sich selbst, sein Urtheil über die Thaten seiner Bande aus. Schließlich haben wir noch zweier bedeutungsvoll contrastirenden Gestalten zu erwählen, des Paters in dem zweiten und des Pastors Moser im fünften Act, von denen der Dichter mit richtigem Tact den ersten dem Karl Moor, den zweiten dagegen Franz gegenüberstellt. Der Pater sucht der Gesellschaft der Räuber gleich von vornherein dadurch zu imponiren, daß er sich als Diener der Kirche und als Abgesandter der Obrigkeit bezeichnet, und er thut gut daran, „sich den Magen warm zu halten“, denn durch Ueberlegenheit des Geistes würde er doch nicht zu wirken verstehen. Er betrachtet sich als den bei Gott in Gnaden Stehenden, der das Recht hat, Dieben und Mordbrennern gegenüber als ein toller Zelot aufzutreten; der mit einer Fluth von übertreibenden Kraftausdrücken auf die Bande losschimpft, so daß kein gutes Haar an ihr bleibt. Vollständig unfähig, einen Verirrten wieder auf den rechten Weg zu führen, ist er nur handwerksmäßig erbost über die geschehenen Greuel; er kann daher seine Zuhörer nicht ergreifen und bessern, sondern höchstens ihnen einen Spaß bereiten, so daß Moor mit vollem Recht in Sorgen ist, jede Störung seiner Rede könne ihm das Concept verderben. Wir erblicken in diesem ersten komischen Charakter, den Sch. geschaffen, eine glückliche Vorstudie zu dem Kapuziner in Wallensteins Lager, eine Figur, deren niederes Pathos die ganze innere Ohnmacht leeren Pfaffengewäsches zur Schau trägt. Als solches möchte Franz auch die Reden des würdigen Pastors Moser betrachten, der indessen ohne Menschenfurcht und Menschengefälligkeit ein Diener Gottes in der edelsten Bedeutung des Wortes ist. Mit psychologischem Scharfblick versteht er es, dem mit ihm disputirenden Bösewicht die geheimsten Tiefen seines Innern aufzuschließen, und mit ernst mahnenden Worten ihn vor den fürchterlichen Richterstuhl seines eigenen Gewissens zu stellen. Es ist bekannt, daß Sch. in diesem Charakter seinem ehemaligen Lehrer, dem Pastor Moser, der ihm in Lorch bei Schwäbisch-Gmünd den ersten Unterricht im Lateinischen ertheilt, und durch dessen Einwirkung bei ihm auch die erste Neigung zum Studium der Theologie erwachte, ein ehrendes Denkmal gesetzt hat, ein Denkmal, das uns um so bedeutungsvoller erscheinen muß, als es uns mit manchem Schroffen und Widerwärtigen in dem Stücke versöhnt. Lassen wir nunmehr den Gang der Handlung desselben an uns vorübergehen. Der erste Act hat in der Literaturausgabe drei Scenen, von denen die letzte in der Theaterbearbeitung zur zweiten gemacht ist. Hierdurch gliedert sich der ganze Aufzug in zwei mehr gleichmäßige Abtheilungen, von denen die Scenen der ersteren in, die der letzteren außer dem Moor’schen Schlosse spielen. Wir lernen zunächst Franz, den heuchlerischen Bösewicht, kennen, der durch einen selbstgeschmiedeten Brief seinen älteren Bruder um die Liebe des Vaters und um die ihm rechtmäßig zustehende Herrschaft bringen will. Ungeachtet er seinen Vater durch höhnische Reden auf das tiefste verletzt, gelingt es ihm doch, sich bei dem schwachen Manne einzuschmeicheln, der ihm die Antwort an Karl überträgt. So hat er das Heft der Waffe in Händen, mit welcher er den vernichtenden Streich gegen seinen Bruder zu führen gedenkt. Aber auch von Amalia’s Herzen will er ihn losreißen, um dieselbe für sich zu gewinnen; indessen ist er hier in seinen Verdächtigungen und Verläumdungen weniger glücklich, da sie sich gelobt, ihrem Geliebten treu zu bleiben. – In der zweiten Hälfte lernen wir den bereits angekündigten Helden des Stückes mit seinen Genossen kennen, und zwar tritt Karl sogleich im Gegensatz zu Spiegelberg auf. Karl schmält auf die klägliche Zeit des Druckes und der Knechtschaft, die nichts Großes hervorzubringen vermag; Spiegelberg dagegen sucht ihm die böse Laune durch seinen Humor wegzuscherzen, erinnert ihn an die übermüthige Herrschaft, die sie als Studenten geübt, und zeigt ihm, wie sie auf dem Wege des Verderbens noch weiter vorschreiten können. Karl aber weist solches Ansinnen zurück, denn er erwartet Verzeihung von seinem Vater, eine Hoffnung, in der er durch die Ankunft des von seinem Bruder geschriebenen Briefes getäuscht wird. Nachdem er sinnlos fortgestürzt ist, treten seine übrigen Genossen in Berathung über ihre bedenkliche Lage. Ihres wüsten Treibens wegen jedenfalls von der Universität verwiesen, haben sie sich einem vagabondirenden Leben ergeben, das sie in Schulden und Elend gestürzt, aus dem kein Rettungsweg sich zeigen will. In dieser Noth macht Spiegelberg den Vorschlag zur Stiftung einer Räuberbande, der auch bald mit Begeisterung aufgenommen wird. Auch der Vorschlag, Karl zum Hauptmann zu wählen, findet allgemeinen Beifall; nur Spiegelberg ist erbittert über die erfahrene Täuschung, und seine Worte: „bis ich ihm hinhelfe“ klingen bedenklich durch das dem Hauptmann gebrachte Lebehoch hindurch, sie deuten eine zu erwartende Katastrophe an. Karl Moor, wüthend über das Schicksal, das ihn betroffen, hat die Wahl in jugendlicher Ueberstürzung angenommen. Es ist zunächst die Idee, die ihn reizt; wie dieselbe sich verwirklichen werde, das hat er sich noch nicht klar gemacht. Aber er läßt sich Treue schwören, schwört sie eben so seinen Leidensgefährten, und so ist der Bund geschlossen, ein Bund, dem der Glaube an eine göttliche Vorsehung verloren gegangen, der nichts Anderes als ein „unbeugsames Fatum“ als über sich waltend anerkennt. Nachdem wir die einander feindlichen Gewalten mit ihren Absichten kennen gelernt, giebt uns der zweite Act ein Bild von ihren Operationen. Zunächst geht Franz, dem das Leben seines Vaters zu lange dauert, mit sich zu Rathe, durch welche Mittel er dessen Tod herbeiführen könne. Er wendet sich deshalb an den von dem Grafen und seinem ältesten Sohne beleidigten Hermann, verspricht ihm Amalia zur Gattin und fordert ihn auf, dem alten Moor zu verkünden, Karl sei im Kampfe gefallen. So denkt er den Vater durch Schreck zu tödten und selbst zur Herrschaft zu gelangen. Hermann sagt zu; wir hören aber gleich darauf, daß Franz ihm nicht Wort halten will, der in der Theaterausgabe überdies seiner Leichtgläubigkeit spottet, hierauf seine Menschenverachtung gründet und sich somit in seiner Bosheit bestärkt. Der entworfene Plan wird sogleich ausgeführt; beide begeben sich zu Moser, der sich soeben mit Amalia von Karl unterhält, ein Dialog, der in der Theaterbearbeitung bedeutend gekürzt ist. Hermann entledigt sich seines Auftrages unter Beibringung von Documenten, denen der Vater glaubt, die jedoch bei Amalia gerechte Zweifel erwecken. Franz wirft jetzt die ganze Schuld auf seinen Vater, den er mit höhnenden Worten verläßt, während Amalia zurückbleibt und ihm Jacobs Klage um seinen Sohn Joseph vorlesen muß, eine in der Theaterausgabe getilgte Scene. Die Schreckensnachricht hat in soweit auf den alten Moor gewirkt, daß er in Ohnmacht gesunken ist, ein Umstand, den Franz benutzt, ihn für todt auszugeben, worauf er in einem für die Bühne gleichfalls unterdrückten Monologe ein erschreckendes Bild seiner künftigen Herrscherprincipien entwirft. – Die zweite Hälfte des Actes versetzt uns in die böhmischen Wälder, wo Spiegelberg von den abscheulichen Streichen seines lustigen Räuberlebens erzählt, während Razmann uns über Moors edle Absichten aufklärt, eine Scene, die in der Bühnenausgabe durch die vorgenommene Kürzung bedeutend an Wirkung verliert. Jetzt tritt Schwarz auf und berichtet, daß Roller gehängt worden sei, den wir indessen gleich darauf erscheinen sehen; denn ein tollkühner Streich seines Hauptmanns hat ihn gerettet, eine ganze Stadt ist seinetwegen in Flammen aufgegangen. Inzwischen haben Soldaten eine Kette um den Wald gezogen, in der Absicht die ganze Bande einzufangen. Ehe sie jedoch zum Angriff schreiten, schickt die Obrigkeit einen Pater vor, der in der Theaterbearbeitung als „Commissar“ auftritt und dadurch den wesentlichsten Theil seiner Originalität eingebüßt hat. Er hat die Aufgabe, dem Hauptmann seine Nichtswürdigkeiten vorzuwerfen, der dagegen dem geistlichen Hochmuth eine derbe Strafpredigt hält und ihm begreiflich macht, wie er als Räuberhauptmann die Gerechtigkeit zu üben suche, die er in der bürgerlichen Gesellschaft vermißt. Da sich der Pater indeß auf weitere Erörterungen nicht einläßt, und seine Aufforderung an die Bande, sich freiwillig zu ergeben, oder den Hauptmann auszuliefern, erfolglos bleibt, so geht es zum Kampf, zum offenen Kampf gegen die Beschützer der gesetzlichen Ordnung. Beim Anfange des dritten Actes, der uns die Katastrophe oder den Wendepunkt zu bringen hat, erfahren wir zunächst, daß das Böse auf beiden Seiten vorläufig den Sieg errungen hat; Franz ist Herr der Besitzungen seines Vaters geworden, Karl dagegen hat sich im Kampfe gegen die gesetzliche Gewalt behauptet. Der Dichter will uns nunmehr die Gemüthsstimmung zur Anschauung bringen, in welcher beide Verbrecher die Früchte ihrer Thaten genießen, derselbe Dichter, welcher später (Br. v. M. 5, 467) sang:
Der übermäßigen Anstrengung auf beiden Seiten ist jetzt die Abspannung gefolgt; wir sehen der weiteren psychologischen Entwickelung der Charaktere entgegen. Der Dichter führt uns zunächst nach dem Moor’schen Schlosse, wo Franz zwar residirt, aber keinesweges so herrscht, wie er es sich gedacht hat. Denn als er der um ihren Geliebten trauernden Amalia seine Liebe erklärt, oder vielmehr in der schamlosesten Weise die Erwiederung seiner Zuneigung von ihr erzwingen will, reißt sie ihm den Degen aus der Scheide und nöthigt ihn zur Flucht. Ueberdies theilt Hermann Amalien mit (eine Scene, die in der Theaterausgabe abgekürzt in den vierten Act verlegt ist), daß Karl sowohl als ihr Oheim noch leben, zwei Nachrichten, von denen sie die letztere vollständig überhört. Es sieht also mit Franzens Herrschaft mehr als bedenklich aus. – Wie steht es nun mit Karl Moor? Wir finden die vom Kampfe abgematteten Räuber an der Donau gelagert, sie haben sich also durchgeschlagen. Nach dem glänzend errungenen Siege müßte Karl wähnen, er sei auf dem Gipfelpunkte seines geträumten Strebens angelangt; statt dessen finden wir ihn körperlich erschöpft und innerlich geknickt. Der beste unter seinen Gefährten, Roller, ist an seiner Seite gefallen, und er selbst fühlt sich bitter getäuscht. Die lachende Natur um ihn her bildet einen schneidenden Contrast mit dem Bilde, das der Spiegel seines Innern ihm vorhält, so daß er den Kosinsky, der sich zum Eintritt in die Bande meldet, in ernstester Weise von seinem bedenklichen Vorhaben abmahnt. Nur die Aehnlichkeit in dem Schicksal beider Unglücklichen vermag ihn zur Aufnahme des neuen Mitgliedes zu bewegen und ihn zu neuen Thaten anzuspornen. – Der dritte Act ist im Verhältniß zu den übrigen von auffallender Kürze und entbehrt ungeachtet des psychologischen Interesses, das er uns abnöthigt, doch des nothwendigen dramatischen Reizes, weshalb Sch. in seiner Selbstkritik auch mit Recht sagt, das ganze Schauspiel erlahme in der Mitte. Von reicherem Inhalt dagegen ist der vierte Act, dafür aber auch schwerer zu entwirren. Wir wissen bereits, daß Franz Mangel an innerer Befriedigung fühlt, Karl dagegen von bitterer Reue gefoltert wird; es fragt sich: Was werden sie thun? Wir erblicken Karl vor seinem väterlichen Schlosse in wehmüthiger Stimmung, ungewiß, ob er eintreten soll, ob nicht. Nach diesem in der Theaterbearbeitung unterdrückten Monologe erscheint er unter fremdem Namen bei Amalia, die ihn zwar nicht wiedererkennt, der es jedoch abfühlt, daß sie ihren Karl noch liebt. Von quälenden Vorwürfen gepeinigt, verläßt er sie. Inzwischen hat auch Franz den Besuch des vermeintlichen Fremden annehmen müssen, bei dessen Anblick ihm eine unheilvolle Ahnung durch die Seele gegangen ist, die sich schnell zu fürchterlicher Gewißheit steigert. Der Gedanke, den Fremden aus dem Wege zu räumen, kann einem Menschen wie Franz keine großen Bedenken einflößen, nur selbst mag er es nicht thun; aber einem alten Diener Daniel wagt er es zuzumuthen, der es ihm nach heftigem Sträuben auch zusagt. In der Theaterausgabe läßt der Dichter dies Ansinnen an Hermann stellen, der sich aber mit höhnischen Worten von seinem Gebieter abwendet und ihm andeutet, daß er im Stande sei, Gräber zu öffnen und Todte zu erwecken. Durch diese Umänderung mußte natürlich die äußerst lebendige, mit der vorigen so wirksam contrastirende Erkennungsscene (3) zwischen Moor und Daniel unterdrückt werden, die wir indessen ungern auf der Bühne entbehren, weil sie Karl darüber aufklärt, daß er den auf ihm lastenden Fluch nicht seinem Vater zu danken hat, sondern daß er von seinem Bruder spitzbübisch betrogen ist. Karl kann jetzt nicht weiter in dem Schlosse bleiben; aber Amalien noch einmal zu sehen, das kann er sich nicht versagen. Er sucht sie daher in dem Garten auf, wohin sie sich zurückgezogen, damit die Anwesenheit des Fremden sie in ihrer Treue nicht wankend mache. Indessen kann sie ihrem Schicksal nicht entgehen; die Erkennungsscene erfolgt, jedoch nur, um die beiden Liebenden auf immer von einander zu trennen, um ihr zu sagen, daß Karl sich und auch sie unglücklich gemacht habe. – Nach dieser tief ergreifenden Scene, deren Wirkung der Dichter in der Bühnenausgabe, wie uns scheint, mit wenig Glück zu steigern versucht hat, werden wir wieder zu den Räubern geführt, aus deren Kehlen uns ein ruchloses Lied entgegen schallt. Sie erwarten ihren Hauptmann, der ihnen den Befehl hinterlassen hat, sich alles Raubens zu enthalten. Hierin findet Spiegelberg eine Veranlassung, seinem längst gehegten Unwillen über die Strenge des Hauptmanns Luft zu machen; der alte Neid bricht hervor. Die Aussicht, selbst der Führer der Bande werden zu können, die er ins Leben gerufen, verlockt ihn, mit seinen Gedanken des Meuchelmords hervorzutreten, wodurch er sich aber selbst den Untergang bereitet. Jetzt erscheint Moor, der, seitdem er seine väterlichen Hallen und in denselben seine Amalia wiedergesehen, innerlich ein Anderer geworden, und befiehlt den Räubern, sich zur Ruhe zu begeben. Er mag jetzt am liebsten allein sein; in einem schwermüthigen Liede sucht er die Stimmung des Weltschmerzes wieder hervorzurufen, die ihn auf die Bahn des Verbrechens getrieben, aber er fühlt es wohl, daß er (vergl. die Vorrede) kein Brutus (s. d.), sondern ein Catilina geworden. Als solcher muß er sich selbst verachten und möchte am liebsten sich selbst vernichten. Das aber verbietet ihm sein Stolz, der die Gewalt des Fatums über sich anerkennt; so überläßt er es denn der Nemesis, die Zeit zu bestimmen, in welcher sie ihr Rächeramt an ihm vollziehen will. Bald erfährt er auch, daß sein Leben noch eine Bedeutung hat; er wird Zeuge, wie sein gefangener Vater zur Nachtzeit von Hermann mit Brot versorgt wird, der ihm vollständigen Aufschluß über das von Franz begangene Verbrechen giebt. Jetzt weckt er seine Räuber, zeigt ihnen seinen schmählich mißhandelten Vater und fordert sie auf, ihn zu rächen. Seine Idee ist nunmehr erfüllt; er fühlt sich berechtigt, diejenigen, die unter ihm dienen, als den Arm höherer Majestäten zu betrachten; Schweizer, der ihm einst das Leben gerettet, soll ihm Franz lebendig bringen. Hat er an diesem das Amt der strafenden Gerechtigkeit geübt, dann darf er die Aufgabe, die er sich gestellt, als vollendet ansehen. Mit diesem Gedanken harren wir der Eröffnung des fünften Actes, in welchem der Knoten sich lösen muß. In einem kurzen, in der Theaterausgabe unterdrückten Monologe nimmt Daniel Abschied von dem gräflichen Schlosse, wo man ihm die Begehung einer Mordthat zugemuthet hat. Aber ehe er die Räume verläßt, stürzt Franz herein; Lärmen und böse Ahnungen haben ihn aufgejagt. Furcht, Schrecken, wilde Selbstanklage und Verzweiflung, dieselben Mittel, durch die er seinen Vater hat umbringen wollen, sie brechen jetzt über ihn selbst herein. Er kann nicht allein sein, Daniel muß bei ihm bleiben. Mit erschütterndem Ernst erzählt er ihm einen Traum, welcher dem bibelgläubigen Daniel als „das leibhafte Conterfei des jüngsten Tages“ erscheint, und zu welchem dem Dichter Bibelstellen, wie Hesekiel 37, 1-10, Jacobus 1, 23, Offenbar. Joh. 6, 5 u. Cap. 8-10 die ergreifenden Elemente gegeben haben mögen. Das Dogma von der Sündenvergebung drängt sich jetzt mächtig vor die Seele des Bösewichts, der sich verzweifelnd dagegen wehrt und in tollem Wahnwitz den Pastor rufen läßt, um, einem Belsazar (Daniel 5) gleich, seinen Spott mit dem Höchsten zu treiben. Die in der Bühnenausgabe beseitigte Scene mit dem Pastor Moser, der fern von allem Pfaffengewäsch, in rein menschlich-vernünftiger Weise mit Franz disputirt, ist um so wichtiger, als dieser sich hierin offen zum Atheismus, einer „Philosophie der Verzweiflung“, bekennt, in der er sich beim Anrücken seiner Feinde selbst den Tod giebt. – Die zweite Hlfte des Actes führt uns vor den Thurm, aus welchem Moor seinen Vater befreit hat. Der alte Moor erkennt sein Schicksal als ein Gericht Gottes an; er hat einen Sohn gequält, ein Sohn mußte ihn daher wieder quälen. Karl dagegen ist in Zweifel, ob er sich zu erkennen geben darf oder nicht; das Wiedersehen könnte dem Vater ja doch nur Entsetzen bereiten. Er bittet ihn also nur, er möge den Retter in ihm segnen. Der alte Moor thut es und kann dabei den Wunsch nicht unterdrücken, die beiden Brüder möchten wieder einige werden. Da erscheinen die Räuber und melden, daß man Franz erdrosselt gefunden, eine Nachricht, bei der dem Hauptmann ein schwerer Stein vom Herzen fällt, denn er wird dadurch des Richteramtes über seinen Bruder enthoben. In der Theaterausgabe wird Franz lebend eingeliefert, und das Gericht an ihm durch Schweizer und Kosinsky vollzogen. Ob diese Scene wirksamer sei, erscheint uns mehr als fraglich; in der anderen scheint mehr psychologische Wahrheit zu liegen, und der Grundgedanke des Dramas, Karls Demüthigung vor sich selbst wie die vor dem höheren Richter, bleibt dabei bestehen. Auch ist es wohl bedeutungsvoll genug, daß der Dichter bei neuen Auflagen der Literaturausgabe seiner ersten Idee unverbrüchlich treu geblieben ist. Mit Karls Demüthigung ist der göttlichen Gerechtigkeit aber noch nicht vollkommen Genüge geleistet; er soll vielmehr den Kelch des Leidens bis auf die Hefe leeren. Haben die Räuber auch Franz nicht am Leben gefunden, so haben sie doch einen „süperben Fang“ gethan, sie bringen ihm Amalia, seine Amalia. Das ist der Hohn des Schicksals, daß Karl in demselben Augenblick, wo sie mit liebendem Verlangen in seine Arme eilt, an dieser Wonne des Wiedersehens nicht Theil nehmen kann. Ein Weib jedoch bewahrt nicht nur „einen holden Schatz von Treu und Liebe“ , es kann auch verzeihen; und wirklich winkt Karl einen Augenblick die Hoffnung, als könne er an Amalia sich innerlich wieder aufrichten. Da aber erheben die Räuber ihren Anspruch an den Hauptmann, der ihnen Treue geschworen; ihre Losung lautet: „Amalia oder die Bande!“ Jetzt fühlt Karl, daß ein Sünder wie er nicht wieder umkehren, und Amalia begreift, daß ihr das Glück der Liebe nicht mehr lächeln kann. Der Tod von seiner Hand, das ist die einzige Wohlthat, die sie sich von ihm erbittet, und mit der Erfüllung dieses fürchterlichen Wunsches glaubt er auch der Bande gerecht geworden zu sein, die er jetzt verlassen darf. In der Theaterausgabe entläßt er die Räuber mit einer ergreifenden Anrede, fordert sie auf, in einem Staate, den er im Geist schon als einen reformirten schaut, einem Fürsten zu dienen, theilt seine Grafschaft unter Kosinsky und Schweizer aus, und scheidet von ihnen wie in der Literaturausgabe. Er hat sich angemaßt, dem Arm des Rächers vorzugreifen und fühlt, daß er auf diese Weise den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grunde richten würde. Die beleidigten Gesetze zu versöhnen, das ist die einzige Pflicht, welche ihm noch übrig bleibt; deshalb übt er schließlich eine Wohlthat an einem armen Manne, der ihn den Händen der Justiz überliefern muß. Somit ist es nicht das „unbeugsame Fatum“, das ihn ereilt, sondern es ist ein Act des freien Willens, durch welchen er sich zum Opfer bringt. Wie „die Leiden des jungen Werther“, durch welche Goethe sieben Jahre zuvor der sentimentalen Periode der deutschen Literatur ihren Abschluß gab, so machten Sch.’s Räuber, welche G. Schwab treffend als „ein wildes Product unausgegohrener Dichterkraft“ bezeichnet, in ganz Deutschland einen unerhörten Eindruck. Aehnliches war noch nicht dagewesen; das Titanenhafte des Werkes ergriff alle Gemüther, und zwar um so mehr, als Jeder fühlte, wie der Dichter ihm voll und warm aus der Seele gesprochen. Rache oder Selbstvernichtung, das war die entsetzliche Alternative, die Tausenden von edleren Naturen damals allein übrig zu bleiben schien, wo ein unerträglicher Druck auf allen Herzen lastete, wo das ganze staatliche Leben morsch und mürbe geworden, wo alle socialen Verhältnisse vollständig unterhöhlt waren. Die düsteren Wolken, welche sich überall an dem Himmel des Völkerlebens aufgethürmt, sie verkündeten, daß ein Gewitter im Anzuge sei, und Sch.’s Räuber waren der erste Blitz, der das Dunkel dieser Nacht durchleuchtete. Wie hätten die Folgen für den jugendlichen Dichter, der den Blitzstrahl geschleudert, anders als bedenkliche sein können? Der Herzog ließ ihn kommen, ertheilte ihm zunächst freundlichen Rath, warnte ihn vor Verstößen gegen den guten Geschmack, ermahnte ihn, sich in seinen Ausdrücken zu mäßigen, und verlangte alle seine schriftstellerischen Erzeugnisse zu sehen, ehe er sie der Oeffentlichkeit übergäbe. Und als Sch. dies verweigerte, donnerte er ihm den Befehl entgegen, er habe fortan nichts Anderes als medicinische Abhandlungen drucken zu lassen. Des Dichters Flucht war die Antwort auf diese Zumuthung, und durch das Gelingen derselben wurde dem deutschen Volke sein größter Dramatiker erhalten. Was geschah aber in Deutschland selbst? Abgesehen davon, daß im Jahre 1785 eine Anzahl von Jünglingen, von der allgemeinen Aufregung angesteckt, von Leipzig nach dem Böhmerwalde auszog, und daß in Baiern sogar eine Anzahl Knaben mit der ernstlichen Absicht umging, eine Räuberbande zu stiften, war die nächste Folge für die Literatur eine wahre Fluth von Räuberdramen und Banditenromanen, unter denen Zschokkes „Abällino“ und „Rinaldo Rinaldini“ von Vulpius, dem nachmaligen Schwager Goethe’s, in erster Linie zu nennen sind. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, wenn, nach der von Laube dramatisch verwertheten Mittheilung Goethe’s, ein Fürst sich gegen diesen äußerte: „Wäre ich Gott gewesen, im Begriffe, die Welt zu schaffen, und ich hätte in dem Augenblicke vorausgesehen, daß Schillers Räuber würden darin geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht erschaffen.“ Und in der That hatten die Fürsten Ursache zu zittern, denn die Republik, die Karl Moor aus Deutschland machen wollte, wurde zehn Jahre später in Frankreich von den Jacobinern proclamirt, und was in unserm Drama der Räuberhauptmann den bestechlichen Advocaten, den gewissenlosen Finanzräthen und den pharisäischen Pfaffen that, das ging dort durch eine Entsetzen erregende Volksjustiz gegen ganze Stände in Erfüllung. Mag in Sch.’s Räubern immerhin viel Unreifes enthalten sein, mögen die Gedankenstriche und Ausrufungszeichen, die Häufung von Phrasen und Exclamationen, die Uebertreibungen und Rohheiten der Sprache, die unser Zartgefühl beleidigen, immerhin verrathen, daß wir es hier mit einem Jugendproduct zu thun haben, dessen Mängel der Dichter ja selbst wohl gefühlt und zu denen er sich in seiner Selbstkritik offen bekannt hat: die Wahl des Stoffes zeigte von einem sicheren und kühnen Griff, der dramatische Bau des Ganzen kündigte ein Talent ersten Ranges an, und die frisch sprudelnde, naturwüchsige Kraft, mit welcher das Einzelne in Charakterzeichnung, wie in Anlage und Gruppirung der Scenen durchgeführt ist, rechtfertigt des Dichters edles Selbstgefühl so wie die stürmische Bewunderung seiner Zeitgenossen. |
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