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PhädraEin Trauerspiel von Racine. Der Mythus, welcher diesem Stücke zu Grunde liegt, ist folgender: Phädra war die Gemahlin des Theseus, die Tochter des Königs Minos (s. d.) von Kreta und der Pasíphaë. Theseus hatte sie sammt ihrer reizenden Schwester Ariadne von Kreta entführt und die letztere zu seiner Gemahlin erwählt, die er aber auf der wüsten Felseninsel Naxos verließ, um sich mit ihrer Schwester Phädra zu vermählen. Diese fand einst in Eleusis zufällig den Hippólytos, einen Sohn, welchen die Amazone Antíope dem Theseus geboren hatte. Ohne zu wissen, daß derselbe Theseus’ Sohn sei, faßte sie eine heftige Neigung zu demselben und gestand ihm ihre Liebe, die Hippolýt jedoch mit Abscheu von sich wies. Von Rachegefühl ergriffen, beschuldigte sie nunmehr ihn eines frevelhaften Angriffes auf ihre Ehre, so daß Theseus einen Fluch über ihn aussprach und den Poseidon um Rache anflehte. Diese Bitte ging nur zu schnell in Erfüllung. Als Hippolytos mit einem Zweigespann am Meeresufer dahinfuhr, tauchte ein Ungeheuer aus den Fluthen empor und machte die Rosse scheu, so daß sie mit dem Wagen durchgingen, wobei der Führer desselben zu Tode geschleift wurde. So wie in Athen die Kunde von diesem Unglück erscholl, bekannte Phädra ihre Schuld und erhängte sich; nach Anderen wurde sie von Theseus ermordet. Euripides (von Fritze trefflich übersetzt) hat diesen Gegenstand in seinem Hippolytos dramatisch bearbeitet, welcher Vorbilder Phädra des französischen Dichters geworden ist. Diese erschien i. J. 1667, ist besonders hinsichtlich des Versbaues höchst schätzbar und in dieser Beziehung nach seiner Iphigenie jedenfalls sein bestes Stück. In der Vorrede zur Phädra sagt er: Es wundert mich nicht, daß dieser Charakter zur Zeit des Euripides einen so glücklichen Erfolg gehabt, und noch in unserm Jahrhundert einen solchen Beifall gefunden hat, denn er besitzt alle Eigenschaften, welche Aristoteles von dem Helden der Tragödie fordert, und welche geeignet sind, Furcht und Mitleid zu erregen. In der That ist Phädra weder vollständig schuldig, noch ganz und gar unschuldig. Sie wird theils durch ihr Schicksal, theils durch den Zorn der Götter zu einer unrechtmäßigen Leidenschaft getrieben, vor der sie anfangs selbst zurückbebt; sie macht alle möglichen Anstrengungen, um sie zu besiegen; sie möchte lieber sterben, als sie jemand enthüllen; und als sie gezwungen ist, sie zu entdecken, spricht sie davon mit einer Bestürzung, welche deutlich zeigt, daß ihr Verbrechen eher eine Strafe der Götter als der bestimmte Trieb ihres eigenen Willens ist. Racine weist in seiner Vorrede ferner darauf hin, daß er sich bemüht habe, die Heldin des Stückes etwas weniger hassenswerth darzustellen als die alten Tragödien dies thun, in denen sie sich selbst entschließt, den Hippolyt anzuklagen. Die Verläumdung in dem Munde einer Fürstin von übrigens edler Gesinnung hat ihm etwas zu Erniedrigendes; er legt sie deshalb lieber einer diensteifrigen Amme in den Mund, welche dadurch das Leben und die Ehre ihrer Gebieterin zu retten gedenkt. Phädra läßt dies nur in einer Anwandlung weiblicher Schwäche zu, kommt dann aber (und das ist eben ihr Schicksal) einen Augenblick zu spät, um die Unschuld zu rechtfertigen und die Wahrheit zu enthüllen. Eben so ist der Charakter des Hippolyt gemildert. Während er bei Euripides und dem römischen Dichter Seneca in der That beschuldigt wird, seiner Stiefmutter Gewalt angethan zu haben, ist hier nur von einer solchen Absicht die Rede. Der Gestalt des Hippolyt bei Euripides wurde schon im Alterthum der Vorwurf gemacht, daß sie eigentlich eine philosophische und frei von jeder Unvollkommenheit sei, so daß der Tod dieses Fürstensohnes mehr Unwillen als Mitleid erregte. Racine glaubte ihn daher mit einiger Schwäche behaftet darstellen zu müssen, damit er seinem Vater gegenüber nicht ganz schuldlos erscheine; dennoch hat er ihm nichts von jener Seelengröße genommen, mit der er Phädra’s Ehre schont und sich lieber selbst verbannen läßt, als sie anzuklagen. Seine Schwäche ist eine Leidenschaft, die er für Aricia, die Tochter und Schwester der Todfeinde seines Vaters, empfindet. Uebrigens ist diese Aricia, wie Racine bemerkt, nicht seine Erfindung, sondern sie wird von Virgil (Aen. VII, 762) als Hippolyt’s Gattin erwähnt, der mit ihr nach Italien gegangen sein und dort eine kleine Stadt nach ihr benannt haben soll. Sonst hat sich Racine streng an den Mythus gehalten, so wie an die Geschichte des Theseus, wie sie Plutarch erzählt. Was nämlich zu dem Glauben Veranlassung gegeben, daß Theseus in die Unterwelt hinabgestiegen sei, um die Proserpina herauf zu holen, war nichts Anderes als eine Reise nach Epírus und den Quellen des Acheron zu einem Könige, dessen Gemahlin Piríthous rauben wollte, und welcher den Theseus in Gefangenschaft hielt, nachdem er Pirithous hatte hinrichten lassen. Auf diese Weise wollte Racine die Wahrscheinlichkeit der Geschichte aufrecht erhalten, ohne etwas von dem Schmuck der mythischen Erzählung aufzugeben. So giebt auch das Gerücht von dem Tode des Theseus, das sich auf diese fabelhafte Reise gründet, der Phädra Veranlassung, eine Liebeserklärung auszusprechen, welche eine der Hauptquellen ihres Unglücks wird, und die sie wohl niemals ausgesprochen haben würde, wenn sie hätte glauben können, daß ihr Gemahl noch am Leben sei. Schließlich spricht sich Racine in seiner Vorrede über den sittlichen Werth dieser Tragödie aus. Er behauptet, keine geschrieben zu haben, in welcher die Tugend in ein klareres Licht gestellt sei; die geringsten Vergehen werden streng bestraft, der bloße Gedanke an das Verbrechen mit eben so viel Abscheu betrachtet als das Verbrechen selbst; die Schwächen der Liebe erscheinen als wirkliche Schwächen; die Leidenschaften werden uns vorgeführt, um das Unheil zu zeigen, das sie herbeiführen; das Laster ist mit Farben geschildert, die es in seiner Widerwärtigkeit wirklich hassenswerth erscheinen lassen. Dieses Ziel sollte jeder vor Augen haben, der für das Publicum schreibt, so wie die ersten tragischen Dichter dies jederzeit gethan haben. Das Theater war ihnen eine Schule, wo die Tugend eben so gut gelehrt wurde wie in den Philosophenschulen. Aus dem Bisherigen erhellt Schiller’s Interesse für die beiden Bearbeiter des vorliegenden Stoffes, so wie für das Stück selbst, auf welches er durch Frau von Staël aufmerksam gemacht worden war, die in einer kleinen Gesellschaft einige Stellen der Phädra declamirt hatte. Seine Uebersetzung ist als ein Seitenstück zu Goethe’s Mahomet von Voltaire zu betrachten. Beide Dichter wollten dadurch der vielfach eingerissenen Willkür in der Kunst die französische Regelmäßigkeit und Strenge wie in einem Spiegel vorhalten. Wie sie dies zu rechtfertigen bestrebt waren, zeigt das Gedicht „An Goethe“ (vergl. d.). Die unmittelbare Veranlassung zu dieser Uebersetzung war der Geburtstag der Herzogin von Weimar, an welchem man auf der Bühne etwas Neues erwartete. Sch., der im December des Jahres 1804 sehr leidend war, konnte keine Kraft zu einer selbständigen Production gewinnen. Deshalb unternahm er, gleichzeitig wohl dem Herzoge, als einem großen Freunde der französischen Literatur, zu Gefallen, diese Arbeit, die in kaum einem Monate vollendet und am 30. Januar 1805, dem Geburtstage der Herzogin, zum ersten Mal aufgeführt wurde. Als Sch. später an eine Revision für den Druck ging, ersuchte er den Herzog Carl August, dessen feinen Geschmack er besonders hochschätzte, um Bemerkungen über Metrik und Wohllaut des Stückes. Der Herzog sandte ihm eine ganze Anzahl derselben zu, von denen auch viele benutzt worden sind. Vergleicht man die Uebersetzung mit dem Original, so zeigt sich eine große Uebereinstimmung in der Haltung und Sprache des Ganzen, die jedoch nirgend zu einer ängstlichen Unterwerfung in Nebendingen wird, durch welche dem Geiste unserer Denk- und Ausdrucksweise etwa Gewalt angethan würde. Der Uebersetzer mußte natürlich daran denken, daß Racine’s Phädra, obwohl ein Originalwerk, dennoch auf den griechischen Tragiker zurückweist, dessen Diction dem deutschen Geiste jedenfalls innerlich verwandter sein mußte als dem französischen. Aus demselben Grunde ist auch statt des in unserer Sprache so schwerfällig klingenden Alexandriners der für das höhere Drama üblich gewordene fünffüßige Jambus gewählt worden. Daß sich Sch. mit demselben mehrere sehr gewagte Freiheiten erlaubt, so wie daß auch einzelne französische Constructionen uns in deutschem Gewande entgegentreten, wird Jeder leicht entschuldigen, wenn er an die schweren Körperleiden denkt, unter welchen der Dichter diese Arbeit vollendete. Dafür sind aber auch manche Mängel des Originals, auf die französische Commentatoren bereits hingewiesen, von Sch. eben so richtig bemerkt und mit glücklichem Tacte gebessert worden. Ausführlicheres über die Sch.’sche Uebertragung findet sich in: „Racine’s Phèdre in den beiden Uebersetzungen von Schiller und Viehoff, von Dr. M. Maaß“, in Herrig’s Archiv für das Studium der neueren Sprachen, Bd. 34, S. 299. |
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