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Parabeln und Räthsel (Gedicht)

Zu den Gedichten Parabeln und Räthsel.

Unter dieser Ueberschrift finden sich dreizehn kleine Gedichte zusammengestellt, die übrigens alle nur Räthsel sind. Eine Parabel ist bekanntlich eine Erzählung, in welcher ein Gleichniß nicht nur aufgestellt, sondern vollständig durchgeführt wird, und zwar so, daß das in derselben liegende belehrende Moment mit in die Darstellung verflochten ist. Dieser Forderung entsprechen die vorliegenden Gedichte nicht, und Schiller hat die Bezeichnung „Parabel“ wohl erst später hinzugefügt, weil die vorherrschend allegorischen unter ihnen ihren Gegenstand nicht hinlänglich verhüllten, um als Räthsel gelten zu können. Jedenfalls hat ihm bei der Wahl des Ausdrucks „Parabel“ nur die etymologische Bedeutung des Wortes Wortes vorgeschwebt, welches so viel als Nebeneinanderstellung heißt. Uebrigens sind auch diese Räthsel mit dem, was man gewöhnlich darunter versteht, nicht in eine Klasse zu stellen, da sie keinesweges bloß den Witz beschäftigen, sondern vor allen Dingen die Phantasie in Anspruch nehmen, indem sie eine höhere Idee unter der Hülle eines sinnlichen Gegenstandes darstellen, der einer poetische Einkleidung fähig ist.

Die Veranlassung zu diesen Gedichten war die Aufführung der Turandot (s. d.), ein Drama, in welchem der Held des Stückes drei Räthsel zu lösen hat. Um bei den wiederholten Aufführungen desselben den Zuschauern eine neue Ueberraschung zu bereiten, wurden den bereits im Jahre 1801 gedichteten Räthseln in dem darauf folgenden Jahre die übrigen hinzugefügt, die dann statt der früheren eingelegt wurden. Daß zu diesem Zweck auch der Wortlaut der von dem Prinzen Kalaf gegebenen Lösungen verändert werden mußte, versteht sich von selbst. Einige derselben sind in dem Nachlaß des Dichters vorgefunden und somit erhalten worden.

Das erste Räthsel bedeutet den Regenbogen, der graue See unter demselben die Regenwolke auf welcher er erscheint. – Das zweite bezeichnet (wie Nr. 6) das Auge. Die Phantasie, wie es von Manchen gedeutet wird, kann es wegen Vers 2 nicht sein. – Das dritte ist eine höchst anmuthige Allegorie, in welcher der gestirnte Himmel unter dem Bilde einer Heerde erscheint. Das schön gebogene Silberhorn ist die Mondsichel, die goldenen Thore bedeuten das Abendroth, und Hund und Widder sind bekannte Sternbilder. – Das vierte bezeichnet das Himmelsgewölbe mit der leuchtenden Sonne. – Das fünfte, dessen Deutung sehr verschieden gegeben worden ist, bedeutet vermuthlich Tag und Nacht. – Das sechste, eins der schönsten, bedeutet das Auge mit seinem auf der Netzhaut, oder vielleicht auch dem auf der durchsichtigen Hornhaut erscheinenden Bilde. – Das siebente bezeichnet die chinesische Mauer, die 214 v. Chr. begonnen und zum Schutz gegen die Völker der nordischen Wüsten erbaut wurde. Sie ist 10 Fuß breit, 30 Fuß hoch und etwa 500-700 Meilen lang, in Zwischenräumen von 300 Schritt jedesmal mit einem Festungsthurme versehen. Sie führt über Berghöhen, Thäler und Gewässer hinweg bis an die Küste des östlichen Oceans und hat verschiedene Thore, welche sorgfältig bewacht werden. – Das achte bedeutet den Blitzstrahl. Mit dem zweimaligen Drohen am Schluß kann Blitz und Donner gemeint sein; in älteren Ausgaben steht: „Hat zweimal nie gedroht“. – Das neunte ist lange Zeit ungelöst geblieben, bis sich auf eine Anfrage bei Schiller’s Angehörigen aus den nachgelassenen Papieren ergeben hat, daß mit der Mutter der Nacht, mit dem Vater das Licht und mit den Kindern die Farben gemeint seien. Die von der Wissenschaft adoptirte Newton’sche Theorie nimmt bekanntlich sieben Farben an; Schiller, welcher dieser Theorie früher gleichfalls beigestimmt (vergl. Ged. D. Künstler, Schlußstrophe) hatte sich jedoch später der Goethe’schen Farbenlehre zugeneigt, welcher zufolge es nur drei Grundfarben: roth, gelb und blau und drei gemischte Farben: orange, grün und violett geben sollte. Unter einfachen Farben versteht man gegenwärtig solche, die sich durch das Prisma nicht weiter zerlegen lassen, und dies sind die sieben Regenbogenfarben. – Das zehnte bedeutet den Pflug mit besonderer Beziehung auf den Kaiser von China, welcher jedesmal am Neujahrstage ein Stück Land selbst umpflügt, eine religiöse Feier, bei welcher er von seinen Ministern unterstützt wird, die indessen nicht, wie er, unter einem Zelte, sondern unter freiem Himmel arbeiten müssen. Der weitere Inhalt dieses Räthsels findet sich ausgeführt in dem „eleusischen Fest“. – Das elfte bedeutet den Funken, dessen „mächtige Schwester“, die Windsbraut, an die herrliche Feuerscene in der Glocke erinnert. – Das zwölfte bezeichnet die Zeit, dargestellt durch den Schatten des Zeigers an der Sonnenuhr. – Das dreizehnte bedeutet das Schiff. Die Segel, das scharfkantige Vordertheil, die starken Masten, die Ruderstangen, der Anker haben dem Dichter Anlaß zu den aufgestellten Vergleichen gegeben. – Wer geneigt ist, gegen manche Einzelheiten in diesen Räthseln Ausstellungen zu machen, die allerdings nicht unbegründet sein dürften, der möge bedenken, dass der Dichter sie einer chinesischen Prinzessin in den Mund legt, von der man eben so wenig gründliche astronomische (3) und physikalische (8) Kenntnisse als streng logische Anordnung der Gedanken (12) verlangen kann. Goethe sagt von ihnen: „Sie haben den schönen Fehler, entzückte Anschauungen des Gegenstandes zu enthalten, worauf man fast eine neue Dichtungsart gründen könnte“. Und allerdings unterscheiden sie sich von den gewöhnlichen Räthseln, deren Gegenstand meist unbedeutend und geringfügig ist, dadurch, daß sie es mit einem allgemein bekannten, bedeutungsvollen Gegenstande zu thun haben, der einen großen Reichsthum von Beziehungen zuläßt. Sch. kommt es bei dieser Dichtungsart weniger darauf an, den Zuhörer durch eine geheimnißvolle Einkleidung zu verwirren; denn die Lösung des Räthsels, das sein Geheimniß meist selbst verräth, ist ihm nicht die Hauptsache. Dagegen bemüht er sich, seinen Gegenstand in einem lieblichen Bilde darzustellen, das die Phantasie angenehm beschäftigt, so daß wir ihm nach erfolgter Lösung ein mit inniger Hingebung verbundenes Nachdenken widmen. Des Dichters großartige Weltanschauung hat sich auch hier nicht verleugnet.

 
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