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Orakel

(lat. von orare, sprechen, und dieses von os, der Mund) nannte man bei den Griechen die angeblichen Götteraussprüche, die durch den Mund der Priester oder Priesterinnen verkündet wurden. Das älteste Orakel der Griechen hatte zu Dodóna seinen Sitz, während später neben vielen anderen das zu Delphi in Phocis in Mittelgriechenland einen besonderen Ruf hatte (vergl. Pythia u. Apollon). Man pflegte die Stimme eines Orakels bei wichtigen Unternehmungen, oder auch in Fällen großer Noth einzuholen; da die Priester aber selbstverständlich nicht in die Zukunft zu blicken vermochten, so suchten sie sich durch Dunkelheit und Zweideutigkeit in ihren Aussprüchen zu helfen, um sich ihr Ansehen zu erhalten. Mit Beziehung hierauf heißt es (Gsts. 10, 187): „Uebrigens klangen die Antworten des Geists so orakelmäßig dunkel.“ Der große Haufe legte natürlich Werth auf die Orakel, während tiefer blickende Geister (vergl. Iph. II, 4) sich wohl erlaubten, die Untrüglichkeit derselben in Zweifel zu ziehen. Vollständig sank ihr Ansehen indeß erst, nachdem Griechenland seine Freiheit und Unabhängigkeit eingebüßt hatte. Bei Sch. bedeutet Orakel:

1) den angeblichen Götterausspruch, wie (Ged. D. verschl. Bild z. Sais):

– – – „Der sieht die Wahrheit.
Ein seltsamer Orakelspruch.“

(Ged. Phantasie an Laura):

„Einst – so hör’ ich das Orakel sprechen –
Einsten hascht Saturn die Braut.“

(Ged. Kassandra):

„Dein Orakel zu verkünden,
Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden.“

(Iph. II, 4):

– – – – – – „Bald
Wird er von Kalchas das Orakle hören.“

(Phön.):

„Des Orakels eingedenk.“

und (Iph. II, 4), wo Menelaus in Beziehung auf die Macht dieser Ansprüche zu Agamemnon sagt:

„Will ein Orakel an dein Kind.“

In übertragener Bedeutung heißt es (Mcb. I, 6) sogar von dem Ausspruch der Hexen:

„Zwei Theile des Orakels sind erfüllt.“

2) den Offenbarungsort oder den Sitz der Göttersprüche, wie (2. B. d. Aen. 42):

– – – „Apolls Orakel spricht
Weissagend aus Kassandrens Munde.“

3) die Person eines verehrten Rathgebers, wie (Br. v. M. 5, 436):

„Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,
Befragt’ der Vater einen sternekundigen
Arabier, der sein Orakel war.“

In diesem Sinne wird (Verbr. a. v. E.) selbst der Thorschreiber scherzhafterweise „das Orakel am Schlagbaum“ genannt; oder in übertragener und zwar abstracter Bedeutung (R. I, 1), wo Franz zu seinem Vater sagt: „Euer Leben ist das Orakel, das ich vor Allem zu Rathe ziehe über dem, was ich thun will.“

4) bildl. einen räthselhaften, als unwiderlegbar sich ankündigenden Ausspruch, oder eine Prophezeihung, wie (Br. v. M. 5, 484):

„Die Orakel sehen und treffen ein.“

und (ebendas. 483):

„So widersprachen die Orakel sich.“

Desgl. (J. v. O. III, 4), wo Sorel sagt:

– – – „Heilig Mädchen, du erforschest
Mein Herz, du weißt, ob es nach Größe eitel strebt;
Auch mir gieb ein erfreuliches Orakel.“

worauf Johanna ihr ablehnend erwiedert:

„Mir zeigt der Geist nur große Weltgeschicke,
Dein Schicksal ruht in deiner eignen Brust.“

Eben so sagt Elisabeth (M. St. II, 5) zu Mortimer:

„Auf eine große Bahn ruft euch das Schicksal,
Ich prophezeih’ es euch, und mein Orakel
Kann ich, zu eurem Glücke, selbst vollziehn.“

In gleicher Weise sagt (Wst. T. V, 5) Wallenstein zu Seni, der die protestantischen Schweden als Heiden bezeichnet: „Schallt das Orakel daher?“ und Johanna (J. v. O. III, 9) zu dem schwarzen Ritter:

„Was maßest du dir an, mir falsch Orakel
Betrüglich zu verkündigen?“

5) eine sich außer oder auch in uns selbst offenbarende Stimme; wie (Wst. T. III, 4), wo Wallenstein sagt:

„Uns zu berücken, borgt der Lügengeist
Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit
Und streut betrügliche Orakel aus.“

oder (Picc. I, 4), wo Max von Wallenstein sagt:

– – – – – „Das Orakel
In seinem Innern, das lebendige –
Nicht todte Bücher, alte Ordnungen,
Nicht modrigte Papiere soll er fragen.“

 
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