Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Lexikon - M

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Lexikon
            M

Maria Stuart

Die ursprüngliche Idee zu diesem Trauerspiele faßte Sch. im Jahre 1783, wo er sich in Bauerbach, unmittelbar nach Vollendung von Kabale und Liebe mit dem Stoffe beschäftigte und muthmaßlich schon das Schema zu dem ersten Act entwarf. Aber andere Studien und Entwürfe, vor Allem sein Don Carlos und der Wallenstein, drängten den neuen Plan auf lange Zeit in den Hintergrund. Erst 16 Jahre später, als Schiller von Weimar, wo er seine Piccolomini und Wallenstein’s Tod zum ersten Male hatte aufführen sehen, nach Jena zurückkehrte, nahm er gleich am folgenden Tage, den 26. April 1799, die Geschichte der Maria Stuart vor, studirte ihren Prozeß, die Regierungsgeschichte der Königin Elisabeth und machte sich mit dem englischen Verfassungsleben, sowie mit den damaligen reformatorischen Bestrebungen auf kirchlichem Gebiete genauer bekannt. Anfangs war er noch zweifelhaft, ob er seine dichterische Thätigkeit der Maria Stuart oder den Maltesern (s. d.) zuwenden sollte; aber nach der langen Beschäftigung mit dem Wallenstein war er der Soldaten, Helden und Herrscher vorläufig herzlich satt und freute sich, schon um des Contrastes willen, daß die Geschichte ihm hier zwei Frauen darbot, deren leidenschaftlich erregte Gemüthsstimmung ein rein menschliches Interesse gewährte, und deren tragischen Conflict er seiner Individualität gemäß gestalten konnte. Obwohl er noch nicht über alle Punkte mit sich einig, und das Schema für das ganze Stück noch nicht entworfen war, so finden wir ihn doch bereits im Juni mit dem lebhaftesten Interesse bei dem ersten Acte beschäftigt, welcher zu Ende Juli beendigt wurde. Im August folgte der zweite Act, worauf eine längere Pause eintrat; denn theils hielten ihn die Entbindung seiner Frau und eigene schwere Krankheit vom Arbeiten zurück, theils verlangte die Herausgabe seines Musenalmanachs, daß er sich auf einige Zeit in eine lyrische Stimmung versetzte. Aber im Winter rückte die Arbeit rüstig vorwärts, um so mehr, als er seinen Lieblingswunsch, die Uebersiedelung nach Weimar, zu Anfang des December erfüllt sah. Am letzten Abend des Jahres konnte er noch „einen seiner Helden“, den Mortimer, „unter die Erde bringen“; das Stück war also bei der vierten Scene des vierten Actes angelangt. Die Vollendung des letzteren verzögerte sich bis zum Mai 1800, wo wir von einer Abendvorlesung hören, in welcher der größte Theil der Maria Stuart mitgetheilt wurde. Um dem fünften Acte seine dichterische Gestaltung zu geben, ging Schiller nach Ettersburg, dem Lustschlosse seines Herzogs. Der öfter geäußerte Wunsch, ein Potentat möge ihm einmal Gefährliches zutrauen und ihn auf einige Zeit in einer Bergfeste mit schöner Aussicht gefangen halten, wo er indeß die Freiheit haben müßte, auf den Wällen spazieren zu gehen, wurde ihm hier zur besseren Hälfte erfüllt, um so mehr als der Zusatz, er würde dann „Werke so recht aus einem Gusse“ schaffen können, sich gleichzeitig verwirklichte. Nunmehr folgte die Einrichtung des Stückes für das Theater, so daß die erste Aufführung am 14. Juni vor sich gehen konnte. Das Publicum war leider nicht ganz befriedigt, da die Darsteller nicht durchweg genügten; als aber später in Lauchstädt, nachdem Manches geändert und gekürzt worden, eine Wiederholung stattfand, war das Verlangen nach dem Stück ein so gewaltiges, daß dem Cassirer alle Billets aus seiner Wohnung abgeholt wurden, und am Abend die Musiker des Orchesters auf der Bühne placirt werden mußte, um Raum für die Zuschauer zu gewinnen. Am 8. Januar 1801 wurde Maria Stuart zum ersten Male in Berlin gegeben und ist seit jener Zeit ein Lieblingsstück des Publicums geblieben.

Für diejenigen, welche von einem Drama außer den poetischen Schönheiten auch ein möglichst hohes Maß historischer Treue verlangen, ist es wichtig, sich mit der geschichtlichen Grundlage unseres Stückes bekannt zu machen. Maria Stuart, die Tochter Jacobs V. von Schottland und der Maria von Lothringen, einer Schwester der Guisen, wurde 1542 geboren. Schon acht Tage nach ihrer Geburt starb ihr Vater, dessen einzige Erbin sie war. Alsbald faßte Heinrich VIII. (s. d.) den Plan, die junge schottische Thronerbin mit seinem um fünf Jahre älteren Sohne (nachmals Eduard VI.) zu vermählen, um auf diese Weise beide Reiche mit einander zu vereinigen; aber Marias Mutter, eine eifrige Katholikin und Freundin des französischen Thrones, wies den Antrag zurück. Sie schickte vielmehr ihre Tochter schon in dem zarten Alter von fünf Jahren nach Frankreich, ließ sie dort in einem Kloster erziehen und vermählte sie 1558 mit dem Dauphin, der bereits ein Jahr darauf als Franz II. zur Regierung kam. Durch Schönheit und Bildung ausgezeichnet, von ihrem Gemahl innig geliebt, war Maria Stuart an dem französischen Hofe bald der Gegenstand allgemeiner Verehrung und Bewunderung, was für das jugendliche Herz um so bedenklicher wurde, als Vergnügungssucht, Leichtsinn und Unsittlichkeit die charakteristischen Züge des damaligen Hoflebens waren. So wurde der Grund zu Maria Stuarts späterem Unglück gelegt.

In England hatte um diese Zeit (1558) Elisabeth (s. d.) den Thron bestiegen. Nach dem Tode ihrer unglücklichen Mutter Anna von Boleyn war sie theils durch ihre Stiefmutter (vergl. Heinrich VIII.), theils durch ihre Schwester (s. Maria, die spanische) unter strengem Druck gehalten worden. Beschäftigung mit Wissenschaften, selbst mit den alten Sprachen war ihre hauptsächlichste Thätigkeit, Musik und weibliche Handarbeiten ihre einzige Erholung gewesen. So kam Elisabeth im Alter von 25 Jahren fast gleichzeitig mit ihrer Nebenbuhlerin zur Regierung, aber von einem ganz anderen Geiste beseelt. In der Schule des Unglücks hatte sie sich Selbstbeherrschung und männliche Entschlossenheit angeeignet, Eigenschaften, die sie zur Regentin vollständig befähigten. Außer Philipp II. von Spanien hatten sich mehrere Königssöhne um ihre Hand beworben, ja mancher englische Pair schmeichelte sich, durch eine Verbindung mit ihr einen bedeutungsvollen Einfluß auf die Regierung des Landes zu erhalten. Elisabeth aber wies alle Anträge zurück und erwiederte dem um die Thronfolge besorgten Parlamente, England sei ihr Gemahl, und sie begehre nichts Anderes, als daß man einst auf ihrem Grabstein lesen möge: „Hier ruht Elisabeth, die als jungfräuliche Königin lebte und starb.“ Nichtsdestoweniger sah sie es nicht ungern, wenn man ihrer Schönheit huldigte und ihren Reizen schmeichelte. Gleich nach ihrer Thronbesteigung zog sie vor Allem die verworrenen Religionsverhältnisse Englands in sorgfältige Erwägung. Da sie nach römischer Anschauung als unehelich geboren betrachtet wurde, und überdies das übermüthige Benehmen Papst Paul’s IV. sie gröblich verletzte, so war es nicht zu verwundern, wenn sie, die protestantisch Erzogene, der katholischen Kirche um ihrer Ehre wie um ihres Thrones willen innerlich abhold war. Sie ließ sich daher von neuem den Supremateid (s. Heinrich VIII.) leisten und folgte rücksichtlich der Wiederherstellung der reinen Lehre den Vorschlägen William Cecils, nachmaligen Lords von Burleigh, welcher einer ihrer vertrautesten Rathgeber war. Gleichwohl ging sie in ihren reformatorischen Umgestaltungen behutsam vorwärts und bewahrte von den katholischen Ceremonien so viel, als sich nur irgend mit der neuen Lehre vertragen wollte. Auf diese Weise entstand die englische Episcopalkirche. Da dieser gegenüber die Puritaner (s. d.) alles Ceremonielle möglichst beseitigt haben wollten, so war es erklärlich, daß weder sie, noch die Katholiken mit Elisabeths Einrichtungen zufrieden waren. Die römisch katholische Partei in England war ihr auch darum gefährlich, weil dieselbe Heinrich’s VIII. Ehe mit Anna v. Boleyn als eine kirchlich ungültige betrachtete und sie somit nicht als rechtmäßige Thronerbin anerkennen konnte; dies war um so bedenklicher, als Maria Stuart, als Enkelin Margaretha’s, der ältesten Schwester Heinrich’s VIII. nach ihr den nächsten Anspruch auf den englischen Thron hatte. Ja, was noch mehr ist, Maria’s Oheime (s. Lothringische Brüder) hatten bereits das junge Herrscherpaar, Franz II. und seine Gemahlin beredet, den Titel eines Königs und einer Königin von England anzunehmen, wodurch bei Elisabeth Haß und Eifersucht erweckt wurden, da der Ruf von Maria Stuart’s Schönheit ihr ein Dorn im Auge war.

In Schottland hatte nach dem Tode Jacob’s V. dessen Wittwe unter höchst schwierigen Verhältnissen die Regierung geführt, denn der Adel lag mit dem Königthum in stetem Kampfe, der noch dazu mit Grausamkeit und Barbarei geführt wurde. Was das gemeine Volk betrifft, so war es in Unwissenheit, Rohheit und Aberglauben versunken und ließ sich von einem unsittlichen Clerus ruhig knechten, während Johann Knox (geb. 1505) mit seinen reformatorischen Bestrebungen und durch die hinreißende Kraft seines Rednertalents bei dem denkenden Theile eine außerordentliche Begeisterung hervorrief, die sich bald in Erbitterung verwandelte, als schwere Verfolgungen über den Apostel der religiösen Freiheit hereinbrachen. So stand 1559 Alles in voller Gährung. Noch schlimmer wurden die Verhältnisse dadurch, daß Maria Stuart’s Oheime mit dem Plane hervortraten, die Ansprüche der jungen Königin auf den englischen Thron durch Frankreich unterstützen zu lassen. Sollte dies gelingen, so mußte die französische Partei in Schottland gestärkt, die reformirte dagegen wo möglich gestürzt werden. Obwohl Maria, die regierende Königin-Wittwe, die Gefährlichkeit dieses Unternehmens einsah, so gab sie doch dem französischen Einflusse nach, was eine Empörung ihrer reformirten Unterthanen zur Folge hatte. Zwar gelang es ihr, durch französische Hülfstruppen den Aufstand zu unterdrücken, aber jetzt wandten sich die Reformirten um Hülfe nach England, die ihnen auch ohne Verzug gewährt wurde. Eine englische Flotte erschien an den schottischen Küsten und zwang die Franzosen zu capituliren; dazu kam, daß Maria selber starb, und nun wurde von englischer Seite mit den schottischen Ständen ein Vertrag zu Edinburg (I, 1) geschlossen, zufolge dessen Franz II. und Maria Stuart Titel und Wappen von England und Irland ablegen, die französischen Truppen aber abziehen sollten. Natürlich wurde dieser Vertrag auch der Maria Stuart zur Unterschrift vorgelegt (1560); aber, von den Guisen gehetzt, zögerte sie mit der Bestätigung desselben. Kurz darauf starb ihr Gemahl, welchem in Frankreich Karl IX. unter Vormundschaft der Katharina von Medici folgte. Somit war sie nur noch Königin von Schottland, wohin sie jetzt zurückkehrte, indem sie auf der Reise ihr Gesicht traurig dem geliebten Jugendlande zuwendete.

So kam die neunzehnjährige Maria Stuart, verwittwet und verwaist im Jahre 1561 nach Schottland, um ihren Regentenpflichten zu genügen. Aber wie war dies zu erwarten in einem Lande, das unter den Wirren politischer und religiöser Parteiungen seufzte, bei einem Volke, dessen finsterer Ernst nur zu geneigt war, der jungen Königin ihre heitere Lebensanschauung als Sünde, ihren katholischen Glauben als Verbrechen anzurechnen. Die Religion war der nächste Anlaß zum Mißvergnügen. Durch einen Parlamentsbeschluß war dem Papste alle Macht und Gerichtsbarkeit aberkannt worden; mit Maria Stuart sah man den römischen Götzendienst, wie man die Messe nannte, zurückkehren. Maria sah wohl ein, daß sie, wenn sie sich auf dem Throne halten wollte, vor Allem mit der Königin von England in Frieden leben müsse; sie schickte deshalb den Sir Jacob Melvil als Botschafter zu ihr, der durch sein einschmeichelndes Wesen manche Differenzen auszugleichen wußte, dennoch aber sich veranlaßt sah, seine Königin vor Elisabeth zu warnen. Inzwischen war Maria Stuart von ihren Unterthanen gedrängt worden, sich aufs neue zu vermählen; auch Lord Burleigh schien dies zu wünschen, da ihm die Freundschaft der beiden Königinnen keinesweges angenehm war. Er hatte ihr als Gemahl den Günstling der Elisabeth, Robert Dudley, Graf von Leicester, vorschlagen lassen; sie aber wählte (1565) den jungen Grafen Heinrich Darnley, der, wie sie, von Heinrichs VIII. Schwester Margarethe abstammte, also ihr Vetter war. Dies konnte Elisabeth unmöglich gleichgültig sein, denn durch Marias Verbindung mit einem Sprößling aus dem königlichen Hause wurde deren Anrecht auf den englischen Thron nur gestärkt. Indessen war die Ehe mit Darnley keine glückliche, denn Maria, an die feine französische Umgangssitte gewöhnt, fand in ihm einen rohen Menschen, von dem sie sich unwürdig behandelt sah. Es trat daher bald eine gegenseitige Abneigung ein, die sich von Maria’s Seite in Haß verwandelte, als Darnley den von der Königin begünstigten Geheimschreiber Rizzio (I, 4) zu deren Füßen ermorden ließ. Wenige Monate nach dieser That ward Maria von einem Sohne entbunden, der nachmals als Jacob VI. ihr und Elisabeths Nachfolger ward. An Rizzio’s Stelle trat der Graf von Bothwell, einer der mächtigsten schottischen Edelleute, welcher, wie man behauptete, ihr das Versprechen gegeben hatte, sie von Darnley zu befreien. Wenigstens erfolgte diese Befreiung bald, indem Darnley in einem Landhause bei Edinburg durch eine Pulvermine in die Luft gesprengt wurde. Ob Maria an dieser That (I, 4) irgend welchen Antheil hatte, ist geschichtlich nicht festgestellt; so viel aber ist richtig, daß sie sich allen Abmahnungen zum Trotz (1567) mit dem allgemein für den Mörder gehaltenen Bothwell (II, 3) vermählte, der zu diesem Zweck von seiner Gemahlin geschieden werden mußte.

Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß sich Maria den Abscheu ihres Volkes zuzog. Von einer Anzahl mächtiger Edelleute überfallen, mußte Bothwell entfliehen und entkam nach Dänemark, wo er nach zehnjähriger Gefangenschaft im Kerker an Wahnsinn starb. Maria selbst wurde nach Edinburg zurückgeführt und auf das Schloß Loch Leven gebracht, wo die Stände sie nöthigten, die Regierung niederzulegen und die Krone an ihren unmündigen Sohn Jacob unter der Regentschaft des Grafen Murray abzutreten. Jetzt (1568) entfloh Maria nach England zur Königin Elisabeth, die sich schon früher als Vermittlerin in dem Streit zwischen der schottischen Königin und ihren Unterthanen angeboten hatte. Im englischen Staatsrath entstand nun die Frage, was der Hülfesuchenden zu gewähren sei. Lord Burleigh fand es eben so bedenklich, Maria gegen den Willen ihrer Unterthanen auf den Thron zu setzen, als ihr zu gestatten, daß sie sich an Frankreich wende, um dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen. Aber auch sie in England auf freiem Fuß zu lassen, war eine höchst mißliche Sache: man kam daher auf den in keiner Weise zu rechtfertigenden Ausweg, sie so lange gefangen zu halten, bis der Streit mit ihren Unterthanen entscheiden sei. Zu ihrem eigenen Nachtheil ging Maria auf den Vorschlag ein, Bevollmächtigte zu ernennen, die ihre Sache vor einem englischen Gerichte vertheidigen sollten, welches sie der Mitschuld an Darnleys Tode anklagte. Da ein sicherer Beweis nicht zu führen war, so wurde die Untersuchung abgebrochen. Nichtsdestoweniger beharrte Elisabeth bei ihrem früheren Entschlusse, Maria Stuart nicht eher zu sehen, als bis sie sich von dem Verdachte des Gattenmordes vollständig gereinigt habe.

Inzwischen hatte sich in einer Partei der englischen Großen ein Plan zu Maria’s Befreiung entsponnen. Der Herzog von Norfolk (I, 1), einer der vornehmsten Edelleute des Reiches und das Haupt der Commission, welche mit Maria’s Angelegenheit betraut worden war, wollte derselben seine Hand reichen. Zu diesem Zwecke suchte er die Häupter des englischen Adels zu gewinnen, welche Elisabeth nöthigenfalls mit Gewalt zwingen sollten, ihre Zustimmung zu der beabsichtigten Vermählung zu geben. Indessen ging Norfolk dabei so unvorsichtig zu Werke, daß die ganze Verschwörung vereitelt wurde, und auch der Plan, Maria zu entführen, scheiterte. Jetzt wurde diese noch strenger bewacht, er selber aber in den Tower geworfen. Als er, nachdem er aus der Haft entlassen war, seinen ersten Versuch wiederholte, schlug das Unternehmen abermals fehl, und nun mußte er seine Verwegenheit mit dem Leben büßen.

Unterdessen hatten sich die Unterhandlungen mit den schottischen Ständen hingezogen, welche die Sache mit Widerwillen betrieben, während es Elisabeth wohl eben so wenig rechter Ernst war. So waren bereits funfzehn Jahre vergangen. Die tiefgebeugte Maria verzichtete jetzt auf jeden Wunsch, der sie an den Glanz einer Königskrone erinnerte; sie war bereit, zu Gunsten ihres Sohnes abzudanken und bat nur um Milderung ihrer Haft. Elisabeth aber glaubte, ihren Versprechungen nicht trauen zu dürfen; blieb ihrer Gegnerin doch immer das nächste Anrecht auf den Thron. Dazu kam, daß die katholische Partei verschiedene Versuche machte, fanatische Menschen zu dingen, welche die Königin von England ermorden sollten, was freilich stets fehlgeschlagen war. Endlich aber wurde (1586) ein Plan von Ballard und Babington (I, 7) entworfen, bei welchem sogar ein geheimer Briefwechsel in Chifferschrift mit Maria gepflogen ward. Die Wachsamkeit des englischen Ministers Walsingham (bei Sch. II, 4 englischer Gesandter in Spanien) entdeckte die Verschwörung, und nun verlangten die Stimmen im Staatsrath, daß eine gerichtliche Untersuchung gegen Maria Stuart eingeleitet würde, um so mehr, als auf einer muthmaßlichen Thronerbin ein so schwerer Verdacht nicht lasten dürfe. Maria wurde jetzt nach dem Schlosse Fotheringhay (s. d.) gebracht und ein Gericht von fünf Oberrichtern und vierzig Edelleuten, meist Feinden der Maria, eingesetzt, um ihr den Prozeß zu machen. Es war ein durchaus unbefugtes Gericht, bei welchem noch dazu ein höchst unregelmäßiges Verfahren (I, 8) stattfand. Die königliche Gefangene hatte sich anfangs geweigert, sich dem Urtheile des Gerichts zu unterwerfen; als man ihr aber sagte, sie würde dadurch nur ihrem Rufe schaden, hatte sie sich gefügt. Ihre Verbindung mit den fremden Höfen leugnete sie nicht, wohl aber ihre Theilnahme an dem hochverrätherischen Plane Babingtons. Daß sie von dem Letzteren Briefe empfangen und ihren Schreibern Nau und Curle (V, 13) Befehl gegeben, dieselben zu beantworten, hatten diese beschworen; indessen erklärte sie dies Zeugniß für falsch und verlangte, mit ihren Belastungszeugen confrontirt zu werden, was in dem Rechtsverfahren jener Zeit jedoch nicht üblich war. Der Schluß der Untersuchung ergab das Todesurtheil, welches die Pflicht der Selbsterhaltung zu gebieten schien, da einerseits das Leben der Königin, andererseits die Zukunft des Staates auf dem Spiele stand.

War das Urtheil nun auch gefällt, so mußte es doch vollzogen und zu diesem Zweck von der Königin unterzeichnet werden. Elisabeth fühlte wohl, welch eine schwere Verantwortung sie hiermit übernahm, und suchte nach einem Ausweg, um eine öffentliche Hinrichtung zu vermeiden. Maria’s Hüter Amias Paulet erhielt daher einen versteckten Wink (I, 8), der Vollstreckung des Urtheils durch Gift zuvorzukommen, eine Zumuthung, die dieser mit sittlicher Entrüstung zurückwies. Jetzt ließ Elisabeth ihren Staatssecretair Davison rufen und beauftragte ihn, den Befehl zur Vollstreckung beriet zu halten und ihn ihr zur Unterschrift vorzulegen. Es war ein schwerer Kampf, den sie zu bestehen hatte; aber Maria Stuart war die Prätendentin ihres Thrones, sie war anderer Religion, sie war schöner als Elisabeth – das Alles fiel mächtig ins Gewicht, und so wurde das Urtheil unterzeichnet. Davison erhielt es jetzt zurück, um von dem Kanzler das Siegel darunter drücken zu lassen; am folgenden Tage ließ sie ihm sagen, er möge damit noch warten, aber es war schon geschehen. Als sie ihn nunmehr wegen seiner Eilfertigkeit tadelte und ihn in Ungewißheit ließ, was er zu thun habe, fragte er bei den Staatsräthen an, welche erklärten, die Vollstreckung müsse ungesäumt geschehen, und sie selber würden den Zorn der Monarchin auf sich nehmen. So übergab er denn den Blutbefehl den mit der Vollstreckung beauftragten Grafen von Shrewsbury, Kent, Derby und Cumberland, welche sich sogleich nach Fotheringhay begaben und der Maria Stuart ankündigten, sie möge sich für den Morgen des 8. Februar 1587 um acht Uhr bereit halten. In Betreff des tragischen Abschlusses dieses historischen Dramas ist Sch. in seiner Dichtung der Geschichte treu gefolgt; nur in Beziehung auf die Abendmahlsscene ist zu bemerken, daß Maria eine von dem Papst Pius V. geweihte Hostie genoß, welche sie zu diesem Zwecke seit langer Zeit aufbewahrt hatte. Vor der Thür traf sie ihren alten Hofmeister Andreas Melvil (V, 7), dessen rührende Theilnahme sie fast aus der Fassung gebracht hätte. Indessen ermannte sie sich und bestieg festen Schrittes das Blutgerüst, Noch im Angesicht des Henkerblocks versuchte Dr. Fletcher, der protestantische Dechant von Peterborough, sie zum Uebertritt zur anglicanischen Kirche zu bewegen, aber sie wollte als Katholikin sterben. Erst auf den zweiten Hieb fiel ihr Haupt. So starb Maria Stuart nach beinahe neunzehnjähriger Gefangenschaft in einem Alter von 45 Jahren. Sie hatte früh gealtert, ihr Haar war ergraut, die Spuren ehemaliger Schönheit waren längst verschwunden.

Als Elisabeth die Nachricht von dem Tode ihrer Gegnerin erhielt, zeigte sie sich im höchsten Grade bestürzt, verwünschte den Diensteifer ihrer Leute und ließ eine scharfe Untersuchung gegen ihre Räthe anstellen. Davison wurde ins Gefängniß geworfen und mußte eine Geldbuße von 10,000 Pfd. Sterling erlegen. Sie selbst schrieb in den theilnehmendsten Ausdrücken an Marias Sohn Jacob VI. und rief den höchsten Richter zum Zeugen an, daß sie an dem Tode seiner Mutter unschuldig sei; im Herzen aber war sie froh, der steten Besorgnisse vor den Planen ihrer Feindin endlich überhoben zu sein.

Wenden wir uns nun dem Drama unseres Dichters selbst zu, so müssen wir zunächst auf die Vorwürfe hinweisen, welche dem Stücke wegen seines Verhältnisses zur Geschichte gemacht worden sind. Hoffmeister, welcher diese Vorwürfe (IV, 248 etc.) zusammenstellt, ist der Meinung, Sch. habe hier „so viel Historisches verrückt und übergangen und so Vieles hinzugedichtet, daß diese Tragödie von der Geschichte beinahe eben so sehr abweiche, wie Don Carlos.“ Wer unsern eben gegebenen geschichtlichen Abriß gelesen, oder wer sich die Mühe nicht verdrießen lassen will, die betreffenden Abschnitte in Schlossers Weltgeschichte (Bd. XIII, S. 140-165 u. 246-254) nachzusehen, oder auch F. A. Mignet’s Geschichte der Königin Maria Stuart (1851) und Genz Regierungsgeschichte der Elisabeth und dessen Leben der Maria Stuart zu vergleichen, der wird diesem Urtheil schwerlich beistimmen. Wir müssen nur erwägen, daß der Dichter uns in seinem Drama nicht die Lebensgeschichte beider Königinnen, sondern nur die letzten Lebenstage der bereits verurtheilten Maria Stuart vorführen will. Das ganze Stück dreht sich um die Vollstreckung oder Verhinderung des blutigen Actes, dem wir gleich von Anfang an entgegen sehen, sowie um die leidenschaftliche Erregung der hierbei betheiligten Personen. Allerdings erscheint Schillers Maria Stuart im Gegensatz zu der historischen auch noch in ihren letzten Lebenstagen in blühender Gestalt, so daß sie nicht nur den abwesenden Leicester, sondern auch den jugendlichen Mortimer, der sie sieht und spricht, mit Liebesgluth entzünden kann; eben so mag uns Maria’s Schuld, dadurch daß der Dichter sie in die Ferne rückt, in milderem Lichte erscheinen, während die Machinationen ihrer Feinde, die sich vor unsern Augen vollziehen, das Gepräge planvollen Hasses an sich tragen. Das aber sind poetische Freiheiten, die der Dichter sich wohl erlauben durfte; sonst sind wesentlich historisch-unrichtige Thatsachen in dem Drama nicht vorhanden, wir stimmen daher mit Palleske, wie mit Rönnefahrt darin überein, daß Sch. mit seiner Maria Stuart „dem geschichtlichen Boden und den daraus entspringenden Schranken weder entflohen ist, noch „die geschichtlichen Thatsachen, welche die Hinrichtung der M. St. begleiteten, irgend wie veruntreut“ habe. Wir dürfen dies um so dreister behaupten, als Sch. gerade um diese Zeit sich ernstlich mit Lessings Dramaturgie beschäftigte und sich der Forderungen, welche die Geschichte an ein Drama zu machen berechtigt ist, wohl bewußt war. Da der Dichter von seinen Lesern oder Zuschauern die Kenntniß der betreffenden Geschichte nicht immer voraussetzen darf, so muß er dieselben im Verlauf der Handlung mit den nothwendigen Thatsachen bekannt machen; wir erfahren daher auch in unserem Drama das, was zum Verständniß des Ganzen unentbehrlich ist, aus Maria’s, Burleigh’s, Paulet’s und Hanna’s Munde. Auf dem hierdurch gewonnenen historischen Hintergrunde erblicken wir die einzelnen Charaktere in ihrer leidenschaftlichen Erregung; wir erblicken Elisabeth, welche über die Königin das Weib vergißt, wir erblicken Maria Stuart, welche über ihre weiblichen Interessen die Würde ihrer Stellung vernachlässigt. Beide bilden einen entschiedenen Gegensatz, jene ist die handelnde, diese die duldende Heldin; aber Maria ist der Mittelpunkt, um welchen die Handlung sich dreht, aus deren Hintergrunde wir zwei streitende Völker und zwei einander entgegenarbeitende religiöse Principien hervorblicken sehen. Die Berechtigung der individuellen Interessen im leidenschaftlichen Kampfe gegen verjährte oder unrechtmäßige Gewalten, einem Kampfe, der aber nicht durchweg mit würdigen Waffen geführt wird, sondern in dem bei den meisten betheiligten Personen die Heuchelei das eigentliche Triebwerk ihres Thuns und Handelns ist, das ist die Idee des Stückes, welches uns neben dem Untergange einer unglücklichen Fürstin zugleich einen treuen Spiegel ihrer Zeit vorführt. Somit sind wir berechtigt, Maria Stuart als ein durchaus historisches Stück zu betrachten.

Gehen wir nunmehr zu einer näheren Betrachtung der einzelnen Personen über. Wir beginnen mit der Königin Elisabeth. Wenn es die Aufgabe des Geschichtsschreibers ist, uns in ihr die Regentin mit besonderer Beziehung auf ihre Wirksamkeit darzustellen, so hat es der Dichter vor Allem mit dem Menschen und dessen Gesinnungen zu thun. Daß Elisabeth als Königin große Eigenschaften hatte, ist bekannt, auch verleugnet Sch. dieselben keinesweges; aber eben so bekannt ist es, daß die historische Elisabeth eine Meisterin in der Verstellung war und sich besonders bei der Hinopferung der Maria Stuart als eine Heuchlerin erwies. Der Gegenstand des Stückes verlangte es daher, daß diese Seite ihres Charakters in den Vordergrund gestellt wurde. Von ihrem eigenen Vater anfänglich verworfen, später aber zu seiner Nachfolgerin bestimmt, hat sie den Thron bestiegen, den ihr auch Niemand im Ernste streitig gemacht; aber da sie selbst an der absoluten Legitimität ihres Erbes zweifelt, so muß sie danach streben, sich ihrer Gegnerin gegenüber zu behaupten. Durch ein Parlament beschränkt, dessen Aufgabe es ist, den Willen des Volkes zur Geltung zu bringen, fühlt sie sich in ihren absolutistischen Herrschergelüsten gebunden; dennoch gelingt es ihr, ein Gesetz durchzubringen, das (I, 7) ausdrücklich auf Maria Stuart gemacht ist, und einen Gerichtshof einzusetzen, dem diese sich unmöglich unterwerfen kann. Aber man soll nichts von diesen Machinationen merken, denn obwohl sie die Sklaverei des Volksdienstes (IV, 10) innerlich verwünscht und frei auf ihrem Throne stehen möchte, so versteht sie es doch, gegen den französischen gesandten wie Maria Stuart gegenüber mit der Liebe ihres Volkes zu prahlen, und stellt sich so, als ob sie in Betreff der Unterzeichnung des Urtheils nur dem Volkswillen weiche. Wie in politischer Beziehung, so heuchelt sie auch in Betreff der kirchlichen Angelegenheiten. Obwohl dem Katholicismus innerlich nicht abhold, da er dem Absolutismus eine der kräftigsten Stützen gewährt, bemüht sie sich doch, den Protestantismus im Interesse des Staates zu schützen, also, wie auch die Geschichte berichtet, mehr aus Politik als aus Ueberzeugung. Der eigentliche Unterschied der Confessionen ist für sie von geringer Bedeutung, aber insofern ein „herrschwüthiger Priester“ (III, 4) ihre königlichen Rechte gefährden kann, ist sie im Stande, ihren vollen Haß gegen die katholische Kirche auszuschütten. Die Religion ist ihr überhaupt nicht Herzenssache, sondern nur ein Mittel zum Zweck; denn wenn sie auch im Staatsrath (II, 3) von dem Beistand Gottes spricht, der die Könige erleuchtet, so kann sie doch unmittelbar darauf (II, 5) den Mortimer loben, daß er so früh der Täuschung schwere Kunst erlernt. Nicht besser sieht es mit ihrer sogenannten Jungfräulichkeit aus. Wenn nur die Nachwelt sie als jungfräuliche Königin preist, so ist sie schon zufrieden. Ihr Hauptstreben besteht eigentlich darin, unvermählt zu bleiben, so daß die mit dem französischen Dauphin vollzogene Verlobungsscene nur ein Possenspiel ist, durch welches Frankreich gehindert werden soll, energisch für Maria Stuart einzutreten. Wozu sollte sie sich auch vermählen, hat sie doch ihren treuen Leicester, der ihr selbst im Staatsrathe sagen darf, wie nahe er ihr steht, dem sie (II, 9) klagen kann, daß sie nicht wie Maria Stuart leben dürfe, die sich jegliches erlaubt, und das unmittelbar, nachdem sie (II, 5) Mortimer auf „die engsten und zartesten Bande“ Hoffnung gemacht, die das Geheimniß stiften soll. So sehen wir in Elisabeth eine Königin, die zwar regiert zu haben meint, wie ein Mann, der unser Dichter deshalb auch mit richtigem Takte kein einziges weibliches Wesen an die Seite stellt, die aber doch nicht frei ist von Gefallsucht und Eitelkeit. Obwohl sie ihre Schwäche offenkundig zur Schau trägt, will sie doch in ihrem Beisein nichts von des Weibes Schwäche hören; gleichwohl ist sie neidisch und eifersüchtig auf die Schönheit ihrer Gegnerin, so daß sie dem Shrewsbury, als er (II, 3) derselben erwähnt, einen ernsten Verweis ertheilen kann. Aber Leicesters Schmeicheleien und Aubespine’s galante Redensarten kann sie mit Wohlgefallen anhören. Einem so schwankenden Charakter zu dienen ist eine schwere Aufgabe; das empfindet Burleigh, indem er (I, 8) von dem „Zweifelmuth“ der Königin spricht; das bestätigt sich, indem die, welche (II, 3) die Weisheit haßt, die Blut befiehlt, unmittelbar darauf dem zur Milde ermahnenden Talbot sagen kann, sie ziehe die Räthe vor, die ihre Wohlfahrt lieben. Launenhaft, wie sie ist, ist ihr der Rath charaktervoller Männer unbequem, und wir begreifen es wohl, daß sie in einem Augenblick, wo ernste Herrscherpflichten an sie herantreten, des Herrschens müde sein kann. Selbst eine Heuchlerin, vertraut sie am liebsten Naturen, die ihr ähnlich sind, wie Leicester und Mortimer, wird dafür aber auch von beiden hintergangen; das ist ihr Schicksal. Und als sie endlich ihre wahren Freunde verbannt und von ihren falschen Freunden verlassen wird, muß sie mit ihrem bösen Gewissen allein stehen; das ist ihre Strafe.

Der Königin zur Seite steht Robert Dudley, Graf von Leicester [spr. Lester ], nach Schlosser’s Weltgeschichte der begünstigte Liebhaber der Elisabeth. Der historische Leicester wird als vornehm, eitel und hochmüthig und zu jedem ernsten Geschäfte untauglich geschildert; er beherrschte die Königin, die ihn nicht entbehren konnte, mußte dafür aber ihre Launen ertragen; er stand mit Maria’s Vertrauten in Briefwechsel und gab auch schließlich den Vergiftungsrath. Sch. hat den Charakter nicht geändert, wohl aber idealisirt; Leicester ist bei ihm der Repräsentant der vornehmen Pairs, die sich um Elisabeths Hand bewarben, und zugleich der Hofmann, in dessen Hand, die Intrigue des Stückes ruht. Er ist ein ganz passendes Seitenstück zu seiner Königin, eine eben so heuchlerische, eine eben so schwankende Natur. Er kann im Staatsrath (II, 3) anders sprechen als im Gericht und weiß dies auch schlau genug zu motiviren; von einer selbständigen Meinung aber ist bei ihm nicht die Rede, er richtet sich nach den Umständen und nach den Launen der Königin. Natürlich muß er nun einem energischen Charakter gegenüber vorsichtig auftreten, darum ist er in Sorgen, daß Burleigh ihn durchschaue und vielleicht gar anklage. Aber einem Mortimer öffnet er sein Inneres; dessen Religionswechsel hat sein Vertrauen erweckt, der wird es ihm schon glauben, daß ihn „der Zwang der Zeiten“ zu Maria’s Gegner gemacht und daß er sie jetzt an der Pforte des Todes aufsuche, daß er sie vor der Welt verfolgen, im Stillen aber lieben könne. Diese Liebe zu Maria Stuart ist die wesentlichste dichterische Zuthat zu dem geschichtlichen Charakter des Leicester, durch sie erscheinen die beiden Königinnen als Nebenbuhlerinnen, durch sie wird die Intrigue des Stückes bedingt. Daß Leicester Maria wirklich liebt, zeigt sein Benehmen bei dem Empfange ihres Bildes, so wie seine Verzweiflung am Schluß des Stückes; aber sein Ehrgeiz ist mächtiger als seine Liebe, er möchte sich als Königin-Gemahl auf einem Throne sehen. Deshalb wirbt er im Stillen um zwei Königinnen, kann den „Sultanslaunen“ seiner Gebieterin schmeicheln und daneben den Weg zu Maria’s Rettung im Auge behalten. Erst als Elisabeth sich verlobt, gewinnt die Liebe zu Maria die Oberhand; aber etwas zu ihrer Rettung zu wagen, dazu ist er zu feige. Nur in dem Augenblick, wo er selbst in Gefahr ist, seine einflußreiche Stellung zu verlieren, da giebt die Noth ihm den Muth (IV, 4), den Mortimer preis zu geben und sich mit der feinsten Schlauheit zu rechtfertigen. Und als sich ihm endlich jeder Ausweg verschließt, da opfert er lieber die Geliebte auf, als daß er seinen Ehrgeiz besiegte. Erst am Schluß, wo er Zeuge der entsetzlichen Folgen seines unwürdigen Intriguirens sein soll, da erwacht sein besseres Selbst und treibt ihn in freiwillige Verbannung.

Die zweite Person in Elisabeths Staatsrath ist William Cecil, nachmals Lord von Burleigh, der Geschichte zufolge einer der vertrautesten Rathgeber der Königin, ein Mann von großer Einsicht, aber von weitem Gewissen, für welchen moralische Grundsätze auf dem Gebiete der Politik keine besondere Bedeutung hatten. Der zu erreichende Zweck war ihm stets die Hauptsache, die Mittel machten ihm weiter keine Sorgen. In Betreff der reformatorischen Bestrebungen sprach er sich mit Entschiedenheit für die Losreißung vom Papste aus, hatte dabei aber weniger die Religion als die Kirche im Auge, die er als eine Art politischer Anstalt betrachtete. – Der dramatische Burleigh ist Großschatzmeister, der über die Sicherheit des Staates wacht und auf dessen Vortheil bedacht ist; als Vorsitzender des Parlaments und des Gerichts tritt er für die Ehrenhaftigkeit der Mitglieder des letzteren ein; als eifriger Protestant vertritt er auch das Recht seiner Glaubensgenossen und arbeitet dem römischen Götzendienst, wie er den Katholicismus nennt, energisch entgegen. Aber Burleigh ist kein streng sittlicher Charakter; er begnügt sich nicht nur mit dem Schein des Rechts; sondern ist auch fähig, sich den geheimen Wünschen seiner Gebieterin dienstfertig zu beweisen, ja sogar dem ehrlichen Amias Paulet die ruchlose Handlung einer geheimen Mordthat zuzumuthen. Ebenso ist er nicht frei von ungerechtfertigter Leidenschaftlichkeit, die ihm als Staatsmann und richterlichem Beamten durchaus fremd sein sollte. Ueberall fühlt man durch, daß er Maria Stuart haßt, weil sie den Staatsinteressen im Wege steht und weil sie Katholikin ist. Sie nennt ihn deshalb einen Späher und will nicht, daß ihr Brief an Elisabeth in seine ungetreue Hand gerathe; ja sie sagt es ihm gradezu, daß er dem Gerichte den Geist geliehen, das auf sie gemachte Gesetz veranlaßt habe und sich nun auch beeile, persönlich ihr den Richterspruch zu verkünden. Und allerdings hat er kein gutes Gewissen, denn obwohl ein schlauer Diplomat, kann er seine Gründe für die Hinrichtung der königlichen Gefangenen nur schlecht rechtfertigen und giebt auf die wohlbegründeten Einwürfe derselben so ausweichende Antworten, daß diese ihn zu wiederholten Malen auffordern muß, bei der Sache zu bleiben. Auch im Staatsrathe erscheint er keineswegs als besonnener und unparteiischer Rathgeber, sondern durchweg als leidenschaftlicher Verfolger seiner Gegnerin, der jede Regung der Milde in Elisabeths Seele zu bekämpfen, jeden Schritt zur Beseitigung eines tragischen Abschlusses der Verhandlungen zu hindern sucht. Nach dem unglücklichen Mordversuch auf Elisabeth dringt er mit übermäßiger Eile auf die Ausfertigung des Todesurtheils, und so wie es unterschrieben ist, entreißt er es dem Davison, um die Vollstreckung so schnell wie möglich zu veranlassen. Dieser übertriebene Diensteifer aber führt schließlich seinen Sturz herbei; Elisabeth verbannt ihn von ihrem Angesicht.

Neben Leicester und Burleigh ist Georg Talbot, Graf von Shrewsbury, die wichtigste Person im Staatsrathe. Der historische Shrewsbury war der frühere Hüter der Maria, welcher sich durch die Milde gegen seine königliche Gefangene Vorwurf und üble Nachrede zuzog; später gehörte er zu denen, welche mit der Vollstreckung des Urtheils beauftragt wurden. Sch. hat ihm die Würde des Großsiegelbewahrers zuertheilt und seinen Charakter in schönster Weise idealisirt. Talbot ist hochbetagt, Protestant, aber kein blinder Eiferer, sondern ein wahrhafter und aufrichtiger Charakter, dessen strenges Gerechtigkeitsgefühl mit mildem Sinn gepaart ist, der nicht will, daß die Barmherzigkeit im Staatsrath schweige. Er erinnert lebhaft an den Grafen Lerma im Don Carlos. Ein würdiger Vertreter des Humanitätsprincips, erscheint er als Fürsprecher der Maria Stuart, der sich nicht fürchtet, sich dem Zorn seiner königlichen Monarchin auszusetzen, um die unglückliche Gefangene zu retten. Aber er wendet nur edle und würdige Mittel an, um dieses Ziel zu erreichen. So sucht er Maria vor der Zusammenkunft beider Königinnen zu sprechen, um sie vorzubereiten; und nach dem von ihm selber abgewehrten Mordanfall auf Elisabeth bemüth er sich, diese mit gewichtigen Gründen von dem Unrecht ihres Vorhabens zu überzeugen, indem er, auf den Frieden ihrer Seele bedacht, sie auf dessen Folgen aufmerksam macht. Aber leider bleibt seine Auffassung der Verhältnisse eine individuelle; er vermag nicht durchzudringen, die Personen, wie der Geist seiner Zeit sind seinem Ideal nicht reif, und so zieht er sich schließlich auf sich selbst zurück.

Als Nebenpersonen an Elisabeth’s Hofe sind Davison und der Graf von Kent zu erwähnen. Ersterer ist Staatssecretair, ein Neuling in seinem Amte, das ihm keine Zeit läßt, an Hoffestlichkeiten theilzunehmen und das ihn ungeachtet seines Eifers dennoch in eine höchst bedenkliche Lage bringt; letzterer scheint eine Art Ceremonienmeister zu sein, denn die Art, wie er (II, 1) von den Hoffestlichkeiten spricht, beweist, daß er lebendigen Sinn und Geschick für solche Dinge hat.

Als Fremde an dem königlichen Hofe erscheinen die Grafen Aubespine und Bellievre. Aubespine, der französische Gesandte, ist ein Hofmann, der nach der Sitte seines Landes zu schmeicheln und sich in galanten Ausdrücken zu bewegen versteht; im Grunde aber spielt er eine zweideutige Rolle. Denn obwohl er sich darauf beschränkt, in der Empfangsscene (II, 2) ein freundliches Wort für Maria einzulegen, weiß er nach Mortimer’s Geständniß (I, 6) um den Bund, welchen die zwölf Jünglinge zu deren Befreiung geschlossen, und begünstigt somit die Verschwörung gegen das Leben der Königin. Als er daher nach dem fehlgeschlagenen Mordanfall kommt, um sich in heuchlerischer Weise nach dem Befinden der Monarchin zu erkundigen, muß er es sich gefallen lassen, daß Burleigh ihn des Landes verweist. – Bellievre wird in der Geschichte als Botschafter König Heinrich’s III. genannt. Die von ihm in Betreff der Verurtheilung Maria Stuart’s abgegebene Erklärung, „sein König werde sich für eine solche, allen Königen insgesammt und ihm insbesondere zugefügte Beschimpfung rächen“ hat Sch. dem Grafen Aubespine in den Mund gelegt, während Bellievre nur als Vermittler des Heirathsantrages erscheint.

Wir kommen nun zu Maria Stuart, der Heldin des Stücks. Da sie ihren Gatten hat ermorden lassen, eine That, zu der sie sich (V, 7) selbst bekennt, so hat sie das Recht der Könige verwirkt, um so mehr als Darnley mitregierender König war, also das doppelte Verbrechen eines Gatten- und Königsmordes auf ihr lastet. Das schottische Volk hat sie dafür zunächst mit Entthronung bestraft, der verdienten Todesstrafe aber hat sie sich durch die Flucht entzogen. Als Flüchtige und zugleich als Gefangene der englischen Königin lernen wir sie in dem Kerker von Fotheringhay kennen. Sch. läßt sie in noch jugendlicher Schönheit erscheinen, Liebe erweckend und Liebe begehrend, so daß selbst der alte Shrewsbury ihr ein lebhaftes Interesse zuwendet und Paulet ihr (I, 3) dreist sagen darf, an Mortimer werde ihre Kunst verloren sein. Gleichzeitig erfahren wir (III, 2) von ihm, daß sie ihn durch ihre „geschwinde Zunge“ wohl häufig unangenehm belästigt hat, und sehen sie in frischer Lebhaftigkeit sich (I, 6) für die Pracht des katholischen Gottesdienstes wie (III, 1) für die Schönheiten der Natur interessiren. So ist die jugendliche Kraft noch nicht gebrochen, ungeachtet sie klagen darf, daß man ihr hart begegnet, was Paulet’s Benehmen gegen sie hinlänglich bestätigt. Hat man ihr doch sogar einen Priester ihre Kirche versagt und es nicht an Bekehrungsversuchen fehlen lassen, und muß sie doch in steter Furcht leben, es könne ein Versuch gemacht werden, sie heimlich aus dem Wege zu räumen. So ist sie allerdings gebeugt, aber keinesweges geknickt, das Bewußtsein ihrer königlichen Würde ist ihr geblieben. Da sie nur noch eine Vergangenheit hat, so lebt sie vorzugsweise in dieser; Tage grauenvoller Erinnerung, wie den Tod ihres Gatten Darnley, feiert sie (I, 4) mit Buße und Fasten; sie ist auch gern bereit, für ihre Vergehungen zu leiden, so daß sie selbst die Ankündigung ihres Todes mit edler Fassung vernimmt. Aber gute und schlimme Eigenschaften sind in ihr gemischt; aus ihrer leidenschaftlichen Erregbarkeit und ihrem unbesonnenen Handeln sehen wir, daß sie eigentlich ein Kind des Augenblicks, und, wie in früheren Jahren, ein schneller Wechsel der Stimmungen bei ihr möglich ist. So erscheint sie (I, 2) mit dem Crucifix, während sie den Liebesbrief an Leicester (I, 6) bereits im Busen trägt; so kann sie rasch von ruhiger Resignation zu freudigen Lebenshoffnungen übergehen. Aber in allen Leidensproben bewährt sie sich als Königin, die sich einer schmachvollen Behandlung nicht ohne weiteres unterwerfen, ihre Würde nicht vergeben mag; ja selbst ihrer Gegnerin gegenüber kann sie sich nicht erniedrigen, sondern tritt, nachdem sie sich vergeblich gedemüthigt, mit der triumphirenden Hoheit ihres Selbstgefühls auf. Das letztere darf sie mit gutem Gewissen thun, denn an einem Mordplan gegen Elisabeth ist sie unschuldig; aber für die längst gebüßte Blutschuld früherer Jahre ist sie bereit, die Strafe zu erleiden, die man über sie verhängt. Obwohl sie für das an Darnley begangene Verbrechen die Absolution schon längst empfangen, so fühlt sie sich deshalb doch nicht frei von Schuld; sie erkennt vielmehr in ihrem harten Schicksal einen Act der göttlichen Gerechtigkeit und erwirbt sich dadurch unsere Theilnahme und unser Mitleiden. Auf diese Weise innerlich geläutert, stirbt sie als eine unrechtmäßig verurtheilte Königin in königlichem Schmuck, als eine ihren Feinden verzeihende, mit ihrem Gott versöhnte Christin und hat sich somit schließlich zu einem Charakter entwickelt, der uns mit voller Hochachtung erfüllt.

Das einzige weibliche Wesen, das der unglücklichen Königin in ihrem Kerker zur Seite steht, ist Hanna Kennedy, ihre Amme, die, von Anhänglichkeit und inniger Theilnahme für sie erfüllt, auf jede Kleinigkeit achtet, stets für sie besorgt ist, sie zu beruhigen, zu trösten und gegen ungerechte Angriffe zu vertheidigen sucht. In religiöser Beziehung ist sie nicht frei von Aberglauben, denn sie weiß die Verirrungen ihrer Gebieterin nicht nur mit deren jugendlichem Leichtsinn zu entschuldigen, sondern spricht auch von dem Einfluß böser Geister, ja selbst von Höllenkünsten und Zaubertränken, die auf sie einwirkt. Eben so findet sie im Gegensatz zu Maria Stuart das Wesen des Gottesdienstes in den äußeren Gebräuchen, und ist der Meinung, daß wenn man dem Priester gebeichtet, auch der Himmel vergeben habe; sonst aber rührt sie uns durch ihre aufrichtigen und ächt weiblichen Empfindungen, vor Allem aber dadurch, daß sie, die ihrer Königin in den ersten Tagen der Kindheit eine treue Pflegerin war, ihr auch den letzten Liebesdienst erweisen darf.

Mit der Bewachung der Maria Stuart ist der Ritter Amias Paulet beauftragt, ein Mann von scharfer Aufmerksamkeit und sorgfältiger Wachsamkeit, der seine Pflicht so streng gewissenhaft erfüllt, daß die königliche Gefangene sich nicht mit Unrecht über seine Härte beklagt. Allerdings hat er die schwere Aufgabe, eine Listige zu hüten, aber er überschreitet sein Amt insofern, als er sich aus einem Hüter zu einem Erzieher seiner Gefangenen macht. Nicht nur, daß er ihre Fragen höchst kurz und einsilbig beantwortet, sondern er macht ihr auch Vorwürfe, zu denen er eigentlich gar nicht berechtigt ist. Paulet ist Protestant, und zwar ein Puritaner; es ärgert ihn, daß Maria Stuart mit der Absicht umgegangen sei, England katholisch zu machen; ja er geht in seinem Eifer sogar so weit, sich ihr als eine Art Seelsorger aufzudrängen, der sie zu seiner Confession herüber ziehen möchte; sonst aber ist er gerecht, so daß Maria selber ihm das Zeugniß geben muß: „Ich hab’ euch stets als Biedermann erfunden“. Paulet ist auch ein guter Patriot, denn es freut ihn, daß Mortimer sein treu altenglisch Herz zurückbringt; deshalb giebt er ihm väterliche Ermahnungen, damit es durch die Hofluft nicht verdorben werde. Aber eben weil ihm Englands Ehre heilig ist, so fürchtet er auch die gehässigen Gerüchte über den Hochverrathsprozeß, mit dessen Führung er sich nicht völlig einverstanden erklären kann; und wie sehr er Recht hat, beweist Burleigh’s Mordantrag, eine Zumuthung, die ihn innerlich empört, und die er um des Gewissens willen entschieden zurückweist. So ist Paulet, obwohl von peinlicher Treue in seinem Dienst, doch eigentlich ein freier Mann und neben Shrewsbury ein würdiger Vertreter des ungebeugten Rechts. Wie er es (I, 8) verlangt, so geschieht es; mit reinem Gewissen wohnt er der Hinrichtung seiner Gefangenen bei, die ihm wegen des Todes seines Neffen ihr aufrichtiges Beileid bezeigt, und der er als letzten Dienst die Gunst erwirkt, ihre treue Hanna die Augenzeugin ihres Todes sein zu lassen.

Paulet’s Neffe, Mortimer, ist eine erdichtete Persönlichkeit, in welcher sich das Streben aller derjenigen concentrirt, welche die schottische Königin aus ihrem Kerker befreien, Elisabeth beseitigen, den Protestantismus ausrotten und den Katholicismus in England wieder einführen wollten; gleichzeitig erinnert er aber auch an diejenigen, welche von den englischen Ministern absichtlich ausgeschickt wurden, für Maria Stuart Complotte anzuzetteln, um der Verurtheilung derselben einen Schein des Rechts zu geben. Somit ist er, obwohl eine fingirte Person, doch ein historischer Charakter. Ueber seine Vergangenheit macht er (I, 6) selbst die nöthigen Mittheilungen. In der strengen Lehre der Puritaner aufgewachsen, lernt er zu Rom die Pracht des katholischen Gottesdienstes kenne, der Cardinal von Guise hat das Werk der Bekehrung an ihm begonnen, die Jesuiten zu Rheims haben es vollendet; er ist also Convertit und somit, wie fast alle solche Menschen, ein fanatischer Schwärmer. In seiner jugendlichen Erregbarkeit faßt er das Wesen des katholischen Gottesdienstes vorwiegend von seiner sinnlich-phantastischen Seite auf, während Maria, durch ernste Erfahrungen an ihrem Innern geläutert, den eigentlichen Werth der Religion in der idealen Erfassung ihres Gegenstandes erkennt. Auf diese Weise bilden Mortimer und Hanna Kennedy zwei verschiedenartige Gegensätze zu Maria Stuart, so daß der Dichter durch das Auftreten dieser drei Personen gleichzeitig drei verschiedene Richtungen des katholischen Glaubens zur Anschauung bringt. Aber religiöse Schwärmerei ist es nicht allein, was Mortimer zu Maria’s Befreiung antreibt. Er hat zu Rheims ihr Bildniß gesehen, und der Bischof von Roße hat ihn von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt. Jetzt sieht er sie selbst und entbrennt von Liebe zu ihr, wodurch sein Muth und seine Entschlossenheit zum Handeln zu leidenschaftlicher Aufregung gesteigert werden. Der Cardinal von Guise hat ihm seinen Segen gegeben und ihn in der schweren Kunst der Verstellung unterrichtet. Daß er ein sehr gelehriger Schüler ist, beiwest er sogleich, als er Elisabeth vorgestellt wird, der er volle Ergebenheit heuchelt unter dem Vorgeben, er habe seinen Glauben nur zum Schein geändert. Er geht daher auf Elisabeth’s Zumuthungen ein, um sie desto leichter zu täuschen und sein Ziel desto sicherer zu erreichen. Aber seine unsittliche Leidenschaft, die durch Maria’s Triumph über ihre Gegnerin bis zur Raserei gesteigert wird, bringt ihn in Widerspruch mit seiner eigentlichen Sendung, deren einziges Ziel die Befreiung der Gefangenen sein sollte. Er aber will daneben ein selbstisches Interesse verfolgen, es gilt ihm, einen lästigen Nebenbuhler aus dem Sattel zu heben. So verliert er die Besinnung, überschätzt seine Kraft und stürzt sich durch seien Verwegenheit ins Verderben. Obwohl er Leicester’s Unschlüssigkeit gesehen und ihn bereits als einen Heuchler kennt, so geht er doch hin um ihn zu warnen, und wird von ihm verrathen. Da somit Alles verloren ist, so betrachtet er sich nunmehr als Märtyrer für seine gute Sache und giebt sich selbst den Tod.

Wir schließen die Charakteristik der handelnden Personen mit Melvil, dem Haushofmeister der Maria. Lange von ihr getrennt, erscheint er am Morgen ihres Todes, und obwohl selbst von schmerzlicher Wehmuth ergriffen, gewinnt er doch Fassung genug, um Andere zur Standhaftigkeit zu ermuthigen. Aber er thut noch mehr; er, der sonst die äußeren Angelegenheiten des Hauses seiner Königin besorgt, übernimmt jetzt die Sorge für das Heil ihrer Seele. Im Stillen zum Priester geweiht, nimmt er ihr mit heiligem Ernst die Beichte ab und erfüllt ihr so den mit Härte abgeschlagenen Wunsch, sich der Tröstungen ihrer Kirche erfreuen zu dürfen. Aber es ist nicht die stolze, allein selig machende Kirche, welche Maria hier mit ihrem Gott versöhnt; es ist der bessere Geist derselben, der auch dem Andersdenkenden die Achtung nicht versagt. Der echt evangelische Ernst, mit dem der Dichter die Abendmahlsscene behandelt, beweist, wie sehr es ihm am Herzen lag, auch die streitenden Elemente in der christlichen Kirche mit einander versöhnt zu sehen . Er erscheint auch in dieser Beziehung als Prophet einer Zeit, die freilich bis jetzt noch der Zukunft angehört.

Indem wir uns nun dem Gange der Handlung zuwenden, erinnern wir daran, daß Sch. zur Zeit, wo er Maria Stuart schrieb, sich der an ein Drama zu stellenden künstlerischen Anforderungen immer deutlicher bewußt wurde; bei der Einfachheit der Idee, bei der leichten Ueberschaulichkeit des Planes und der klaren Durchsichtigkeit in der Ausführung desselben wird es daher nicht schwer werden, den Faden zu verfolgen, an dem die Reihe von Conflicten in unserer Tragödie sich abspinnt.

Der erste Aufzug, welcher uns die Exposition zu liefern hat, will uns mit der Lage der Verhältnisse bekannt machen, uns die Parteien kennen lehren und auf die Mittel hinweisen, welche ihnen zu Gebote stehen. Maria Stuart sitzt zu Fotheringhay gefangen. Von der Härte, mit welcher sie dort behandelt wird, bekommen wir eine Anschauung, indem wir ihre Wächter mit dem Erbrechen eines Schrankes beschäftigt sehen, aus welchem man ihr die letzten Kostbarkeiten wegnimmt. Hieraus entspinnt sich zwischen der um Schonung bittenden Hanna Kennedy und Amias Paulet als dem Vertreter seiner Monarchin ein Streit, der uns mit dem Grunde und dem Zweck der Gefangenhaltung bekannt macht. Nun erscheint Maria selbst, bereit, das Genommene freiwillig zu geben, wobei sie die Bitte ausspricht, der Königin Elisabeth einen Brief einzuhändigen, in welchem sie dieselbe um eine persönliche Unterredung ersucht. Von der Ahnung ergriffen, daß ihr Untergang beschlossen sei, will sie ihr Testament machen und wünscht Gewißheit ihres Schicksals. So sehen wir gleich mit den ersten Scenen der sich vorbereitenden Katastrophe entgegen. Nachdem Paulet von Mortimer abgerufen, entspinnt sich ein Gespräch zwischen Maria und ihrer Amme, welches der Erinnerung an die Vergangenheit gewidmet ist und aus dem wir erfahren, welches Verbrechen die Gefangene in Wahrheit verübt. Schon vollständig bereit, sich in ihr Schicksal zu ergeben, erhält sie durch Moritmer’s Hand ein Schreiben von ihrem Oheim aus Frankreich, das ihr Hoffnung auf Rettung ankündigt. Was der verschlossene Paulet ihr nicht hat sagen wollen, erfährt sie jetzt von Mortimer. Sie ist verurtheilt, das Parlament und London verlangen ihren Tod; nur Elisabeth zögert und möchte gern durch den Drang der Umstände zur Unterzeichnung des Urtheils genöthigt werden. Maria verzweifelt, daß ihre Gegnerin einen solchen Schritt wagen könne; Mortimer dagegen erinnert sie an ähnliche Fälle aus der englischen Geschichte, damit sie schnell die rettende Hand ergreife. Maria aber glaubt nicht mehr an das Gelingen solcher Rettungsversuche, deren schon viele fehlgeschlagen sind; sie bittet ihn vielmehr, er möge sich selber retten und verweist ihn auf Lord Leicester, von welchem allein sie Erlösung aus ihrem Gefängniß hofft. Ihm schickt sie einen Brief mit ihrem Bildniß, damit er die an Elisabeth gerichtete Bitte bei derselben befürworte. Aber gerade diese beiden Briefe, welche die Unterredung zwischen beiden Königinnen bewirken sollen, führen die Verwickelung des Dramas herbei. Der erste Brief an Elisabeth hat allerdings nichts Bedenkliches; schlimmer aber steht es mit dem an Leicester gerichteten Briefe, mit welchem eigentlich die Intrigue beginnt. Aus diesem Briefe merken wir, daß Maria Stuart ihre ehemaligen Schwächen noch nicht besiegt, daß sie bereit ist, dem Leicester eine frühere Untreue zu verzeihen, und jetzt, wo sich die Hoffnung auf Elisabeth’s Verlobung eröffnet, dem freigewordenen Höfling um den Preis ihrer Befreiung gern ihre Hand reichen möchte. Dieser zweite Brief muß ihr durchaus verhängnißvoll werden, da durch ihn Mortimer’s Befreiungspläne gekreuzt, Leichester aber veranlaßt wird, die Unterredung herbeizuführen, die später den Ausschlag giebt.

Nachdem Mortimer die Königin verlassen, führt Paulet den Lord Burleigh herein, der ihr Gewißheit ihres Schicksals bringt. Er will ihr das Urtheil verkünden, sie aber unterbricht ihn, und so entwickelt sich ein für die Aufklärung der Sachlage bedeutungsvoller Wortwechsel. Während Maria die Competenz des Gerichtes bestreitet, ist Burleigh bemüht, die Richter zu vertheidigen. Wir erfahren, was sich in den letzten Monaten zugetragen, daß die Einsetzung des Gerichts eine bloße Formalität, Elisabeth’s Willkür dagegen die entscheidende Stimme in demselben gewesen sei. Was Burleigh’s Beschuldigungen betrifft, Maria strebe nach dem Throne, wolle England katholisiren, habe sich mit dessen Feinden in verrätherische Verbindung gesetzt und trachte selbst der Königin nach dem Leben, so spricht sie sich von dem letzteren Vorwurf entschieden frei und erklärt somit ein über sie zu fällendes Todesurtheil für ungültig. Gleichzeitig läßt uns der Streit Blicke thun auf Englands Staatsverfassung, seine Rechtspflege, seine religiösen Verhältnisse, so wie auf seine sturmbewegte Vergangenheit, Blicke, die uns mit hoher Achtung vor des Dichters gründlichem Studium erfüllen. Was ist nun das Resultat dieses Streites? Maria Stuart bekennt, daß sie nach der Krone gestrebt, gern beide Völker hätte vereinigen mögen, leugnet dagegen, daß sie eine Verschwörung angezettelt und den Bürgerkrieg habe entzünden wollen; sie weist auf die Willkür hin, mit der man gegen sie verfahre, daß ein auf ihren Sturz berechnetes Gesetz ihr den Untergang bereiten solle, und wir fühlen mit ihr, daß ihre Gefangenschaft ein Verstoß gegen das Völkerrecht, daß es Mißbrauch der Gewalt ist, was sie erduldet. Wir fühlen dies um so mehr, als Burleigh augenscheinlich ausweicht und der Königin nicht in würdig-männlicher Weise Rede steht; ja wir merken deutlich genug, daß er keine ganz reine Sache vertritt, wie würde er sonst über das Gerichtsverfahren den Schleier des Geheimnisses zu breiten suchen und sich im Stillen nach Mörderhülfe umsehen? Zu unserer Beruhigung findet er an dem offenen und redlichen Paulet einen energischen Widerstand, und so sehen wir dem weiteren Verlauf der Handlung mit Spannung entgegen.

Der zweite Aufzug, in welchem wir die Collision oder Verwickelung zu erwarten haben, spielt im Palast zu Westminster, wo es sich für Elisabeth und ihren Staatsrath um die Frage handelt, wie das gefällte Urtheil zur Ausführung zu bringen sei. In einer Einleitungsscene erzählt Kent dem Davison von einem Hoffeste, und zwar von einem Ritterspiel, in dem wir den letzten Rest der Turniere, die Darstellung des sinkenden Ritterthums in dem erkünstelten französischen Geschmacke erblicken, Spiele, wie sie zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wo sie nach und nach aufhörten, nur noch hier und da zum Vergnügen erneuert wurden. Es ist ein Fest, das die Herren der französischen Gesandtschaft dem englischen Hofe gegeben, um die in der folgenden Scene stattfindende Brautwerbung vorzubereiten. Durch eine Komödie eingeleitet, ist auch diese Verlobungsscene von Seiten Elisabeth’s nichts Anderes als eine bloße Komödie, wie sie deren mehrere gespielt. Ungeachtet die wichtigsten Artikel der Verbindung mit dem Herzog von Anjou (s. d.) bereits aufgesetzt sind, spielt sie immer noch die jungfräuliche Königin, die bei der Ertheilung ihres Jawortes nur dem Drängen ihres Volkes nachgeben will; auch beweisen die Worte, mit welchen sie die Ueberreichung des Verlobungsringes begleitet, deutlich genug, daß es ihr mit der Knüpfung des neuen Bandes wenig Ernst ist. Frankreich soll vorläufig nur von den für Maria Stuart und den Katholicismus wirkenden Mächten getrennt werden, um der unglücklichen Königin eine ihrer kräftigsten Stützen zu entziehen; wir merken dies an der Entschiedenheit, mit welcher sie Aubespines Fürwort für die Gefangene zurückweist.

In der folgenden Scene finden wir Elisabeth mit ihrem Staatsrath beschäftigt, um über die Vollstreckung des Todesurtheils zu verhandeln. Burleigh, der vor allen Dingen die confessionellen Interessen und das Staatswohl im Auge hat, dringt auf dieselbe, während Talbot, der Vertreter des moralischen Princips, auf die Ungerechtigkeit eines solchen Actes hinweist und der Milde und der Großmuth das Wort redet. Elisabeth, hierdurch schwankend gemacht, wendet sich nun an Leicester, den geschmeidigen Hofmann, der, ein schlaues Echo seiner Fürstin, einen Mittelweg ausfindig zu machen sucht. Er schlägt vor, die Vollstreckung des Urtheils hinauszuschieben, bis sich ein neuer Arm für Maria Stuart bewaffnet. So ist allerdings die Möglichkeit vorhanden, den Knoten auch ohne Hinrichtung zu lösen; aber das Gewebe erscheint uns doch zu locker; wir merken: der Untergang Maria’s wird nur verzögert, aber nicht aufgehalten; und so weit wir Elisabeth kennen, wissen wir: sie hat ihren Staatsrath nur zum Schein gefragt, sie selbst wird thun, was ihr beliebt; und läuft die Sache übel ab, so kann sie ja die Schuld auf ihre Räthe wälzen.

Nach beendigter Berathung stellt Amias Paulet der Königin seinen Neffen Mortimer vor, bei welchem sie sich nach kaum vollzogener Verlobung mit einem französischen Prinzen erkundigt, was sie von ihren Feinden in Frankreich zu fürchten habe. Hierauf überreicht Paulet Maria Stuart’s Brief, in welchem dieselbe um eine Unterredung bittet; Burleigh will dies durchaus verhindert sehen, während Talbot und Leicester anderer Meinung sind. Endlich will Elisabeth allein entscheiden, aber wie? Sie behält Mortimer zurück, eröffnet ihm, daß ihr Maria’s Tod willkommen sein würde, daß sie ihre Gegnerin indessen am liebsten heimlich aus dem Wege geräumt sähe. Mortimer macht ihr auf Erfüllung ihres Wunsches Hoffnung, sagt jedoch gleich hinterher in einem Monologe, daß er die Königin täuschen, Maria aber retten und besitzen wolle. Die hierauf folgende Warnung Paulet’s erscheint somit allerdings nicht mehr nöthig, aber wir möchten sie um der Charakterzeichnung des redlichen Alten willen schwerlich entbehren wollen, um so mehr als Leicester’s Mittheilung, die Person der Gefangenen solle dem Mortimer uneingeschränkt vertraut werden, ihn nothwendig bedenklich machen muß. Denn sicher hat sein Scharfblick schon entdeckt, daß sein Neffe das „altenglische Herz“ doch wohl nicht so treu zurückgebracht, wie er es anfangs gedacht.

Jetzt stehen Leicester und Mortimer einander gegenüber, zwei Männer, die am Hofe ein doppeltes Gesicht zeigen, der eine mit den Schleichwegen der Hofkabale genau vertraut, der andere im Begriff, dieselben als Neuling zu betreten. Schnell hat einer den anderen durchschaut, und gegenseitiges Mißtrauen ist der erste Schritt zu ihrer Annäherung; fühlen sie doch, daß sie auf gleichen Pfaden wandeln. Nach einigem Zögern gelangt nun auch Maria’s zweiter Brief an seine Adresse und bewirkt, daß die beiden Höflinge einander ihr Herz ausschütten. Leicester hat Maria Stuart schon lange geliebt, aber nichts zu ihrer Rettung gethan; Mortimer’s Liebe ist frisch und feurig, seine Rettungspläne dulden keinen Aufschub. So stehen Vorsicht und Zaghaftigkeit auf der einen und Muth und Entschlossenheit auf der anderen Seite einander gegenüber, zwei Charaktere, die statt der von Maria Stuart erstrebten Vereinigung, einander nur abstoßen können. In Leicester hat sie sich, wie wir sehen, bitter getäuscht, und von Mortimer’s Ueberstürzung wird sie, da jetzt das Gefühl der Eifersucht seine Leidenschaftlichkeit steigert, eher Schlimmes als Gutes zu erwarten haben. In der That gehen beide höchst unbefriedigt auseinander.

In solcher Stimmung findet Elisabeth Lord Leicester, der sich aber in jeder Verlegenheit zu helfen weiß. So eben hat er der Maria Stuart die Schwüre der ewigen Liebe gesandt, und unmittelbar darauf ist er von Elisabeth’s Schönheit entzückt und weiß den ihm drohenden Verlust auf’s schmerzlichste zu beklagen. Und Elisabeth, die vor versammelten Hofe jungfräulich Verlobte, kann ihn in dem traulichsten Gespräch ihrer Gegenliebe versichern. Diese Gelegenheit muß Leicester benutzen, jetzt kann er die Königin zur Einwilligung in die erbetene Zusammenkunft bereden; denn geht ihm Elisabeth auch verloren, so bleibt ihm Maria Stuart doch erhalten. Eine Krone wenigstens wird er doch davontragen. So schwanken wir zwischen Furcht und Hoffnung. Die von Maria Stuart eingeleitete Intrigue hat ihre Wirkung begonnen. Wird Mortimer’s gefährlicher Plan gelingen, Maria Stuart zu befreien; oder wird Elisabeth’s königliche Nähe ihr Gnade bringen und der Wunsch mit Leicester sich vermählt zu sehen, ihr zu Theil werden? Das sind die Fragen, mit denen wir von dem zweiten Acte Abschied nehmen.

In dem dritten Aufzuge, welcher uns die Katastrophe oder den Wendepunkt bringt, befinden wir uns wieder zu Fotheringhay, aber nicht zwischen Kerkermauern, sondern in dem Park, wo der Gefangenen einige Stunden der Freiheit gegönnt sind. In klangvollen gereimten Strophen, die sich theils in weniger streng abgemessenen Jamben bewegen, theils, wo die Empfindung in lyrischem Schwunge sich steigert, in daktylischen Rhythmen dahineilen, macht ihr Gefühl sich Luft; es ist die Sehnsucht nach Rettung, die nun in ihr erwacht, sie hofft auf Befreiung, und zugleich erfahren wir, daß ihr Verhältniß zu Leicester auf wirklicher Herzensneigung beruht. Dem Briefe, den sie an ihn geschrieben, glaubt sie die Vergünstigung größerer Freiheit verdanken zu müssen; statt dessen erfährt sie, daß der an Elisabeth gerichtete Brief gewirkt, und daß sie sich bereit zu halten habe, die Königin zu empfangen. Dazu freilich taugt die fröhliche Stimmung, in der wir sie erblicken, keinesweges; im Gegentheil, es erwacht ihr alter Groll und läßt uns das Schlimmste befürchten. Zwar erscheint zum Glück der menschenfreundliche, edle Shrewsbury, um sie zu besänftigen und zur Gelassenheit sie zu ermahnen; aber was kann sein Zuspruch in einem Augenblick helfen, wo die Aufregung so heftig und keine Zeit zu innerer Sammlung gestattet ist?

Bald stehen die beiden Königinnen einander gegenüber. Was die historischen Personen bei der Ratification des Edinburger Vertrages einander schriftlich gesagt , das bringt uns der Dichter hier in mündlicher Unterhaltung zu unmittelbarer Anschauung. Wir stehen auf dem Culminationspunkte des Stückes. Nicht nur zwei ganz verschiedene Charaktere stoßen hier aufeinander, auch ganz verschiedene Gründe haben sie zusammengeführt; Maria Stuart will sich rechtfertigen, Elisabeth, durch Leicester (II, 9) dazu veranlaßt, sie beschämen. Zwar versucht es Maria, die sich von vornherein zurückgestoßen fühlt, sich zu demüthigen, aber Elisabeth antwortet ihr mit dem Stolze des Pharisäers; vergeblich kämpft Maria, das Gefühl der Bitterkeit in ihrem Innern zu besiegen, Elisabeth bleibt schroff und kalt; und wenn die Gefangene auch zu jedem Schritt bereit ist, der zur Ausgleichung der politischen Differenzen führen kann, die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses trennt sie mit unerbittlicher Gewalt. Es dauert nicht lange, so vergessen beide ihre königliche Würde, bald sind es nur noch zwei auf einander neidische und eifersüchtige Frauen, die sich gegenüberstehen. Elisabeth verletzt ihre Gegnerin mit bitteren, höhnenden Worten, die ihren Stolz herausfordern; Maria Stuart sagt ihrer Feindin die bittersten Wahrheiten, durch die sie sich in ihrer weiblichen Ehre, wie in ihrer königlichen Würde verletzt fühlen muß. Somit liegt von Seiten der schottischen Königin eine Majestätsbeleidigung vor, welche Elisabeth zur Unterzeichnung des Todesurtheils berechtigt; und gerade die Unterhaltung, durch welche die Vollstreckung des Urtheils unmöglich gemacht werden sollte, führt die Entscheidung herbei; die Vollziehung der Hinrichtung ist jetzt nicht mehr zu hindern.

Allerdings hat Maria Stuart in diesem Gespräch einen moralischen Sieg über ihre Gegnerin davon getragen; aber sie soll dafür auch bald genug wieder gedemüthigt werden. Denn Mortimer, der heimlich zugehört und sich ihres Triumphes freut, berichtet, daß sie von Leicester nichts zu hoffen habe, sondern daß er allein sie retten wolle. Aber um welchen Preis? Er gesteht ihr seine Liebe, eine Liebe, die sie erschrecken muß; denn er vergißt, daß eine Königin ihm gegenübersteht und behandelt sie in der wilden Gluth seiner Leidenschaft wie jedes andere wehrlose Weib, das rohen Angriffen nichts als seine persönliche Würde entgegenzusetzen hat. So wird Maria für den Leichtsinn gestraft, mit dem sie in früheren Zeiten ihre königliche Würde bei Seite gesetzt, und augenblicklich vor dem Liebeswahnsinn ihres blindwüthenden Retters nur durch die Ankunft bewaffneter Schaaren geschützt, die das Schloß umzingeln. Denn eine neue Unthat ist geschehen, ein Mordversuch auf die Königin ist gemacht, aber glücklicherweise vereitelt worden. Jetzt fühlen wir, daß es um Maria geschehen ist, wenn sie Mortimer nicht gestattet, das Aeußerste für sie zu thun, dem Mortimer, dem sie ihre Ehre doch unmöglich anvertrauen kann. So sehen wir der Auflösung des Zweifels mit banger Erwartung entgegen.

Der vierte Aufzug bringt uns nun die Lösung des Knotens. Wir befinden uns, wie im zweiten Act, in dem Palaste der Königin. Graf Aubespine, von dem wir bereit (I, 6) aus Mortimers Munde erfahren, daß er um die zu Maria Stuarts Befreiung getroffenen Anstalten weiß, erscheint gleichwohl, um sich nach dem Befinden der Königin zu erkundigen. Hier erfährt er, daß ein Franzose den Streich geführt, daß man ihn selbst von Schuld nicht frei sprechen könne; ja Burleigh fordert ihn auf, England aufs schleunigste zu verlassen und theilt ihm mit, daß die Königin das Verlöbniß rückgängig gemacht habe. Die Verschwörung Marias mit Frankreich ist also am Tage und somit ein politischer Grund zur Unterzeichnung des Urtheils vorhanden. Nunmehr entspinnt sich ein Streit zwischen Leicester und Burleigh, indem einer auf des andern Fähigkeiten, wie auf dessen Taktik schmält. Bald fühlt Leicester, sein Gegner ahne, daß zwischen ihm und Maria Stuart Einverständnisse stattgefunden, und um seine Besorgniß zu steigern, erscheint auch Mortimer, den er jetzt um jeden Preis los sein möchte. Aber seine Warnung darf er nicht verachten. Mortimer theilt ihm mit, daß man bei der Untersuchung in Maria Stuarts Zimmer einen angefangenen, an ihn gerichteten Brief gefunden, der in Burleighs Händen sei. Jetzt, denkt jener, wird dem Lord nichts weiter übrig bleiben, als mit Elisabeth zu brechen und auf die noch möglichen Rettungsplane einzugehen; aber nein, Leicester benutzt diese Mittheilung zu seiner eigenen Rettung und läßt Mortimer als Staatsverräther gefangen nehmen. Dieser, von der unerwarteten Wendung seines Schicksals überrascht, fühlt schnell heraus, daß sein Zeugniß dem mächtigen Lord gegenüber keine Bedeutung haben und daß das Schaffot sein Loos sein werde, deshalb hüllt er seine Absichten in ewiges Schweigen und giebt sich selbst den Tod.

Der verhängnißvolle Brief Maria Stuarts an Leicester ist inzwischen auch in die Hände der Königin gelangt; was könnte Lord Burleigh auch Geeigneteres thun, um den ihm unbequemen Höfling zu verdrängen und sich die erste Stelle zu erringen. Natürlich ist Elisabeth im höchsten Grade erbittert, Lord Leicester soll in den Tower geworfen und ein strenges Gericht über ihn gehalten werden; aber er ist stolz und kühn genug, ungeachtet erhaltener Abweisung zu erscheinen und nach Mortimers Rath zu zeigen, „was eine kecke Stirn vermag.“ Schlau und listig weiß er Elisabeth zu bereden, daß die geheime Correspondenz zwischen ihm und Maria Stuart seinerseits ein Kunstgriff gewesen, die Feindin desto sicherer zu verderben, ja, er dreht jetzt die Sache so, als habe er auf diese Weise den Plan zu Marias Befreiung entdeckt und ihn durch Mortimers Gefangennehmung vereiteln wollen. In meisterhafter Weise zeigt er, wie ein schlauer Lügner es anfängt, um einen Sieg über die Wahrheit zu erringen. Die einfach schlichte Art, wie er den Offizier der Leibwache Bericht über Mortimers Tod erstatten läßt, ist von ächt dramatischer Wirkung, sie ist geeignet Elisabeth zu überzeigen und Lord Burleigh aus dem Felde zu schlagen; um sich aber wieder mit völliger Sicherheit auf seinem Posten zu behaupten, stimmt er nun für Marias Hinrichtung, deren Vollstreckung ihm durch den nicht minder schlauen Burleigh übertragen wird.

Jetzt handelt es sich nur noch um die Unterzeichnung des Todesurtheils. Da kommt der Königin, die stets so gern sich drängen läßt, der Pöbel Londons zu Hülfe, es entsteht Tumult in der Stadt. Gleichzeitig erscheint die verhängnißvolle Schrift, die ihr aber doch Entsetzen einflößt, und es gilt, einen abermaligen Kampf zu bestehen. Shrewsbury und Burleigh machen, natürlich jeder seiner Anschauungweise gemäß, ihren ganzen Einfluß geltend, bis Elisabeth endlich, des unruhigen Zweifelns müde, sich entschließt, die Sache dem höheren Richter vorzutragen. Statt dessen hält sie sich in einem Monologe alle ihre Noth und alle ihre Tugenden vor; endlich siegen Eitelkeit und Eifersucht. Maria ist es, die ihr das Herz des treuen Leicester abgewendet, sie ist schuld, daß die Verlobung mit dem Dauphin hat rückgängig gemacht werden müssen. In dieser Stimmung greift sie nach der Feder; und so sehen wir sie schließlich weder aus politischen noch aus religiösen, sondern aus rein persönlichen Rücksichten das Todesurtheil unterzeichnen. Da sie den Flecken, der an ihrer fürstlichen Geburt haftet, nicht tilgen kann, so muß sie Marias Anspruch auf den Thron anerkennen; ist diese aber beseitigt, so muß nach ihrer Ansicht jeder Zweifel schwinden. Jetzt ruft sie Davison und hört von ihm, daß Shrewsbury das Volk beruhigt, daß sie also durchaus nicht mehr gedrängt wird; aber es ist zu spät, der verhängnißvolle Federstrich ist gethan. Wäre sie jetzt wirklich im Stande, zu regieren wie ein Mann, so würde sie ihre Unterschrift mit voller Zuversicht vertreten; aber sie ist eben nur ein Weib, darum übergiebt sie das Papier, an welchem Tod und Leben, an dem ihr guter Ruf, der Frieden ihrer Seele hängt, einem Staatssecretär, einer untergeordneten Persönlichkeit, und noch dazu, ohne bestimmte Anweisung, was er damit zu thun habe. Wir sehen, sie hat unterzeichnet, aber sie will die Verantwortlichkeit von sich abwälzen, oder, besser gesagt, ihr entfliehen, darum läßt sie den armen Davison rathlos stehen. Jetzt kommt Burleigh, Marias böser Genius; er entreißt dem Secretär die Schrift, und nun ist es um ihr Leben geschehen. Die Entscheidung ist gefallen, wir sehen nur noch der Vollstreckung entgegen.

Auf den fünften Aufzug sind wir vollständig vorbereitet. Maria Stuarts Urtheil ist unterschrieben und in Burleighs Händen. Ihr Schicksal ist also gewiß; es fragt sich nur noch: Wie wird sie ihm entgegen gehen? Der Dichter führt uns nach Fotheringhay und zwar in dasselbe Zimmer, das uns im ersten Act empfing. Hanna Kennedy erscheint in Trauer, und der alte Melvil kommt, von seiner Königin Abschied zu nehmen. Wir erfahren, daß Maria ihre Befreiung durch Mortimer erwartet hat und auf dem Gipfel ihrer Hoffnungen durch die Vorbereitungen zur Hinrichtung überrascht worden ist. So entsetzlich dieser Wechsel für die Gefangene, so erschütternd für die Zuschauer ist Margarethe Kurls Mittheilung, ihr Gatte habe falsch gezeugt, Maria sterbe also unschuldig. Nunmehr erscheint diese selbst, wie bei ihrem ersten Auftreten in frommer Ergebung, so hier, nachdem sie sich unter die gewaltige Hand Gottes gedemüthigt, in würdiger Fassung. Noch einmal versammelt sie ihre gesammte Dienerschaft um sich, die, früher wohl leichtfertig und eigennützig, jetzt das wohlthuende Bild aufrichtiger Liebe und treuer Anhänglichkeit darbietet. Alle erscheinen geläutert wie ihre Königin, deren letzte Worte jetzt an unsere Seele dringen sollen. Nachdem sie ihre Dienerschaft mit freundlichen Worten und rührenden Zeichen der Erinnerung entlassen, bleibt sie mit Melvil, dem sie die letzten Wünsche für ihre Angehörigen übergeben, allein zurück. Alles Zeitliche ist jetzt berichtigt, der Welt hat sie entsagt, jetzt gilt es, sich mit dem höchsten Wesen zu vereinen. Da man grausam genug ist, ihr einen Priester ihrer Kirche zu versagen, aus dessen Händen sie das Sacrament empfangen könnte, so ist sie geneigt, dem Melvil ihre letzte Beichte abzulegen, der sich ihr jetzt als geweihter Priester zu erkennen giebt. Sie bekennt sich des Hasses gegen Elisabeth, der sündigen Liebe zu Leicester, so wie des an Darnley verübten Verbrechens schuldig, aber von den Anschlägen gegen Elisabeths Leben spricht sie sich frei. So übergiebt sie sich dem Gerichte Gottes und ist also würdig, daß ihr das Abendmahl als Zeichen der Gnade und Versöhnung gereicht werde. Sie empfängt es als Katholikin, aber in protestantischer Form und mit evangelischem Herzen. Da sie den Kelch des Leidens bis auf den Grund geleert, so wird ihr auch der Kelch als Sinnbild der völligen Versöhnung gereicht, denn sie bedarf jetzt keines Vermittlers mehr, sie hat das Werk der Reformation an ihrem Innern selbst vollzogen.

Der Gedanke, eine Communion auf die Bühne zu bringen, war von Schiller mit Goethe besprochen worden, welcher ihn ersuchte, die Function selber zu umgehen, da ihm nicht wohl dabei zu Muthe sei. Schiller mochte sich hierzu nicht entschließen, da er nicht begreifen konnte, wie ein Vorgang dieser Art das religiöse Gefühl beleidigen könne. So ist unserer klassischen Literatur eine der erhebendsten Scenen gerettet worden, die uns gleichzeitig mit voller Hochachtung vor dem sittlich-religiösen Charakter unseres Dichters erfüllt. Freilich ist der Eindruck, den sie beim Lesen macht wohl ein anderer als der durch die Aufführung hervorgerufene, wo die sinnliche Erscheinung zu mächtig an den gottesdienstlichen Act erinnert, den wir als den heiligsten zu betrachten gewohnt sind, und den wir nicht gern an einer Stätte erblicken mögen, die gleichzeitig manchen profanen Zwecken dient. Es erklärt sich daher, daß diese Scene gleich bei der ersten Aufführung in Weimar Anstoß erregte und deshalb später lieber fortgelassen wurde. An und für sich aber ist sie allen Denjenigen zur Beherzigung zu empfehlen, die nicht müde werden, Schiller wegen seines Mangels an evangelischem Christenthum zu verketzern.

Nachdem die heilige Handlung vollzogen, erscheinen die beiden Commissarien Burleigh und Leicester nebst Paulet, in dessen Hände Maria ihr Testament niedergelegt. Als sie Leicester erblickt, erinnert sie ihn mit sanftem Vorwurf an seinen Verrath. Wir sehen, sie liebt ihn noch, aber frei von jedem irdischen Verlangen; nur einen wohlgemeinten Wunsch drückt sie ihm noch aus. So verläßt sie ihren Kerker und scheidet frei, wie ein verklärter Geist, während Leicester, innerlich vernichtet, zurückbleibt und sich nicht überwinden kann, sie fallen zu sehen. Mit beklommenem Herzen lauschen wir seinen Worten, die uns verkünden, was hinter der Scene geschieht; ihn selbst aber sehen wir unter der Last seines Schuldbewußtseins zusammenbrechen, seine Heuchelei hat jetzt ihr Ende erreicht.

Die zweite Hälfte des letzten Actes führt uns schließlich nach London, wo wir Elisabeth in heftiger Aufregung erblicken. Sie hat nach den beiden Lords geschickt und erfährt, daß sie in aller Frühe abgereist sind; das Todesurtheil ist also vollstreckt. Jetzt fühlt sie sich als Königin von England, die Feindin ist nicht mehr zu fürchten, aber die Heuchelei wird fortgesetzt, denn es gilt, den guten Schein vor der Welt zu retten. Leider erfährt sie nun zu spät, daß Kurl, von Gewissensbissen gefoltert, erklärt, er habe falsch gezeugt; dennoch will sie Marias Schuld von neuem untersuchen lassen; ist ihr doch, wie wir wissen, daran gelegen, daß (II, 5) ihr Antheil an dem Tode derselben in ewigem Zweifel bleibe. Darum wird Davison in den Tower geworfen, auf Leib und Leben angeklagt, und Burleigh, der ihrem Willen stets so dienstbar sich gezeigt, wird jetzt von ihr verbannt. Nun hat sie nur noch Shrewsbury und Leicester. Aber der treue Großsiegelbewahrer, den sie plötzlich unter ihren Räthen allein gerecht erfunden haben will, kann einer solchen Herrscherin nicht ferner dienen; und als sie Leicester rufen läßt, erfährt sie, daß dieser sich geflüchtet, daß selbst die todte Maria ihr den Geliebten auf immer entrissen hat. So steht die mächtige Königin, von Allen verlassen, auf ihrem Thron allein, ganz wie die historische in erheuchelter ruhiger Fassung; aber wir fühlen es mit ihr, die Prophezeihungen des alten Shrewsbury (IV, 9) werden sich fürchterlich an ihr erfüllen. Denn wenn sie auch als Siegerin aus dem Kampfe hervorgeht, ihr besseres Selbst hat sie verloren, während Maria, obgleich sie unterlegen, ihr edleres Theil gerettet hat.

Daß Maria Stuart ein Kunstwerk im edelsten Sinne des Wortes ist, darüber sind fast alle Commentatoren einig, wenn auch Einer oder der Andere dieses oder jenes Einzelne daran auszusetzen hat. Schiller schreibt beim Beginn der Arbeit: „Wüßten es nur die allezeit fertigen Urtheiler und leichtfertigen Dilettanten, was es kostet ein ordentliches Werk zu erzeugen!“ Was das vorliegende Werk gekostet, merkt man erst bei genauerem Studium desselben. Mit welcher Gewissenhaftigkeit der Dichter die historische Treue gewahrt, und wie gründlich eingehende Vorstudien er zu seiner Arbeit gemacht, wird aus dem Vorangegangenen klar geworden sein. Außerdem aber verdient die meisterhafte Anordnung der größtentheils höchst wirkungsvollen Scenen, die durchsichtige Klarheit in Anlage und Ausführung des Planes, die Schärfe und Bestimmtheit in der Zeichnung der Charaktere, von denen jeder einzelne von dem Dichter mit Aufgeben seiner Subjectivität dargestellt ist, unsere ganze Bewunderung. Mehr als in seine früheren Dramen schließt er ein eigentliches Raisonnement aus und läßt unter rein objectiver Erfassung seines Gegenstandes die ihn leitenden Ideen überall zwischen den Zeilen hervorblicken. Daß das Ganze von tief sittlichem Ernste durchweht und in einer ungemein würdevollen Sprache dargestellt ist, fühlt jeder denkende Leser sogleich heraus; was aber den Dramatiker mit Rücksicht auf seine höchste Aufgabe adelt, das ist seine unparteiische Gerechtigkeitsliebe. Sch. steht in seiner Maria Stuart durchaus über den Parteien, läßt jeder, so weit dies möglich, Gerechtigkeit widerfahren, überführt aber auch jede, wo es nothwendig, des Irrthums, in dem sie noch befangen ist. So verkündet er, auf dem geschichtlichen Boden des sechzehnten Jahrhunderts stehend, den Anbruch einer neuen Zeit, weist auf die idealen Ziele hin, nach denen die edleren Naturen zu streben haben und wird dadurch, was jeder Dichter sein soll, zu einem Lehrer der Menschheit.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.