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Macbeth

(Bd. 6). Gegen Ende des Jahre 1799 faßte Sch. den Plan, der deutschen Bühne neben den dramatischen Producten, welche die Gegenwart darbot, auch die Leistungen früherer Zeiten zugänglich zu machen. Zu diesem Zwecke sollten bedeutendere Stücke ausländischer Dichter nicht etwa bloß übersetzt, sondern vor Allem in eine Form gegossen werden, wie sie dem Charakter unserer Bühnen zusagte und dem Sinn und Geist der Gegenwart angemessen wäre. Es handelte sich demnach um die Herausgabe eines deutschen Theaters, das den Schauspieldirectoren eine reiche Auswahl gediegener Stücke entgegenbrachte, aus denen sie nach Maßgabe der Leistungsfähigkeit ihrer Bühnen auswählen konnten. Da Sch. im Verein mit Göthe damals an der Spitze des Weimarer Theaters stand, so fühlte er sich berufen, auch nach dieser Richtung hin für das deutsche Volk thätig zu sein, um dem Geschmack desselben eine würdige Richtung zu geben. In diesem Streben traf er mit den Wünschen seines kunstsinnigen Herzogs zusammen; nur daß dieser augenscheinlich die höfische Richtung der französischen Dramatiker in Schutz nahm, eine Neigung, welcher Göthe durch Uebersetzung des Mahomet von Voltaire vielleicht allzu willfährig gehuldigt hatte. Wie wenig Sch. hiermit innerlich einverstanden war, geht schon daraus hervor, daß er die Aufführung dieses Stückes in einem besonderen Prolog (vgl. Ged. an Göthe) glaubte entschuldigen zu müssen. Als Gegengewicht gegen den steifen Regelzwang der französischen Richtung wollte er nun den volksthümlichen englischen Dramen Eingang verschaffen und machte deshalb im Jan. 1800 mit Shakespeares Macbeth den Anfang. Er brachte damit einen bereits früher (1784) gefaßten Vorsatz zur Ausführung, indem er sich schon während der Bearbeitung seines Wallenstein an dem Studium des Macbeth ermuthigt hatte, der sich zugleich durch die Einfachheit und Abgeschlossenheit der ihm zu Grunde liegenden Sage empfahl. Ein Stück, das so bühnengerecht ist, wie kaum ein anderes des englischen Dichters; das bei der Durchsichtigkeit seines Planes einen so unwiderstehlich fesselnden Fortschritt der Handlung darbietet, mußte Sch. für seinen Zweck in hohem Grade willkommen sein, um so mehr als die markige Kraft der Sprache und der außerordentliche Reichthum poetischer Färbung mit der Richtung seines eigenen Genius aufs innigste zusammentraf.

Sch. arbeitete anfänglich, da er des Englischen nicht ausreichend mächtig war, nach Wagners Uebersetzung, neben welcher er die von Eschenburg und Wieland benutzte. Später erhielt er durch Frau von Stein auch das Original, dessen völliges Verständniß ihm durch Göthes Beihilfe vermittelt wurde. Auf diese Weise schritt die Arbeit rüstig fort, so daß ungeachtet eines schweren Krankheitsanfalles, der im Februar störend dazwischen trat, die erste Vorstellung des Stückes schon am 14. Mai stattfinden konnte.

Was die dem Macbeth zu Grunde liegende Fabel betrifft so gehört dieselbe der altschottischen Sage an, welche die Handlung in das Jahr 1046 n. Chr. versetzt. Nach F. Kreyßig’s Angabe (vergl. dessen Vorlesungen über Shakspeare; Berlin, Nicolai’sche Verlagshandl. Bd. 2, S. 358 u 389) hat Shakespeare zunächst aus Holinsched geschöpft, der den Stoff wiederum aus Bellenden’s lateinischer Uebersetzung der lateinischen Chronik des Hector Boëthius (1541) entlehnte.

Dieser Sage zufolge kämpfte Macbeth unter dem Scotenkönig Donald VII. (bei Shakspeare Duncan) siegreich gegen die Dänen, worauf ihm drei übermenschliche Weiber erschienen, die ihn als Than von Glamis und von Cawdor, ja sogar als König von Schottland begrüßten. Hierdurch wurde sein Ehrgeiz angestachelt; er ermordete den König, dessen Söhne schnell entflohen, und regierte nun zehn Jahre lang gerecht und einsichtsvoll. Plötzlich aber fing er an ein Tyrann zu werden. Seinem Grimm fiel zuerst Banquo zum Opfer, der an dem Königsmorde Theil genommen hatte. Bald wurden auch andere Große unter erdichteten Vorwänden theils durch Einziehung ihres Vermögens, theils zugleich mit dem Tode bestraft. Zu seiner eigenen Sicherheit aber baute er auf dem Berge Dunsinan ein festes Schloß, wozu die einzelnen Thans ihm Arbeitsleute schicken mußten. Jetzt ging Macduff, einer der muthigsten Thans von Fife nach England, forderte Malcolm, den Sohn Donalds, zur Rache auf, und mit Unterstützung des Königs Eduard von England gelang es, Macbeth zu stürzen, der im Kampfe seinen Tod fand. Nach ihm bestieg Malcolm III. den Thron, mit dessen Regierung zuerst einiges Licht in die Sagengeschichte Schottlands kommt. – Ein Vergleich mit diesen Quellen ergiebt, daß fast sämmtlichen in dem Trauerspiele aufgeführten Thatsachen geschichtliche Motive zu Grunde liegen, die der Dichter mit großer Freiheit benutzt und in dramatischen Zusammenhang gebracht hat.

Da die Einfachheit der englischen Bühnen zu Shakspeares Zeit mit der Pracht unserer Hoftheater in zu auffallendem Contrast stand, so sah sich Sch. zunächst zu einzelnen äußeren Umgestaltungen veranlaßt. So wurden die 25 Ortsveränderungen, mit denen man die Zuschauer ehemals als Ersatz für die Decorationen durch ein schwarzes Brett mit dem betreffenden Namen bekannt machte, auf 15 reducirt. Manches, was moderne Nerven zu heftig erschüttern konnte, wie die Scene der Ermordung von Macduffs Gattin und deren Sohne, wurde in einen Bericht über die grauenvolle That umgestaltet oder in anderer Weise gemildert. Eben so suchte Sch., dem eine höhere Denkart und eine edlere Sprache längst zur zweiten Natur geworden war, alle niedrigen und trivialen Ausdrücke zu beseitigen. Die häßlichen, widerwärtigen Hexen, die schon bei Holinshed mehr im antik-mythologischen Sinne gezeichnet erscheinen, wurden in gigantische, eumenidenartige Gestalten verwandelt. Die den jambischen Vers an mehreren Stellen unterbrechende Prosa wurde gleichfalls ins Metrische umgesetzt, und dem Pförtner legte er statt der drastischen Possenreden in der fünften Scene des zweiten Akts ein frommes Morgenlied in den Mund.

Vergleicht man die Schillersche Bearbeitung mit dem Original oder mit der treuen Uebersetzung von Schlegel und Tieck, so findet man, daß er den fremden Genius in so weit respectirt hat, als er sich meist nur Auslassungen und Zusammenziehungen, weit weniger aber Zusätze und Erweiterungen erlaubte. Was seine Sprache betrifft, so ist sie allgemeiner und philosophischer, zugleich aber auch wohlklingender und dem deutschen Ohre weniger fremdartig. Nichtsdestoweniger behält das Stück als Drama den Vorzug. Denn wenn auch die Schillersche Bearbeitung, als Bühnenstück betrachtet, ganz anerkennenswerthe Eigenschaften hat, so ist doch manches Charakteristisch-Lebendige verloren gegangen, und das Ganze macht der genialen Kraft des Originals gegenüber unverkennbar einen etwas matten Eindruck. Ja Sch. selbst sagt in einem Briefe an Körner (16. Juli 1804) von seinem Macbeth: „Freilich macht er gegen das englische Original eine schlechte Figur, aber das ist wenigstens nicht meine Schuld, sondern die der Sprache und der vielen Einschränkungen, welche das Theater nothwendig machte.“ Hat nun auch die Bühnenkritik sich zum Nachtheil der Schillerschen Bearbeitung für das unverfälschte Original entscheiden müssen, so steht doch wenigstens so viel fest, daß Schillers Macbeth außerordentlich viel zur Einführung Shakespeare’s in Deutschland beigetragen hat. Das Stück wurde im Jahre 1800 bei Cotta verlegt und erlebte noch in demselben Jahre eine zweite Auflage.

 
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