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Lyrische PoesieMan darf annehmen, daß die Kunst, in welcher ein Volk Werke hervorgebracht hat, die alle diejenigen anderer Völker in derselben Kunst überragen, den Charakter dieses Volkes am tiefsten offenbart; bei den Deutschen, obwohl sie in allen Künsten Erhebenes geleistet haben, möchte dies die Musik sein. Denn wenn in den Künsten des Baumeisters und des Bildhauers die Griechen, in der Malerei die Italiener uns den Preis entreißen, in der Dichtkunst die Griechen ihn mit Shakespeare theilen, so stehen S. Bach, Mozart, Beethoven und F. Schubert einzig da. Es scheint eigenthümlich damit zusammenzustimmen, daß wenn man dasselbe Verfahren auf die einzelnen Künste und zwar auf die Arten derselben anwendet, in der Poesie das Epos den Griechen unbestritten bleibt (abgesehen freilich von der alten volksthümlichen Heldendichtung der Deutschen oder besser Germanen), im Drama Sophokles und Shakespeare sich den Lorbeer streitig machen dürfen, in der Lyrik dagegen die Deutschen unter den neueren Völkern unübertroffen sind. Die Lyrik aber ist in der Poesie, was die Musik unter den Künsten überhaupt ist und verbindet sich deshalb auch am innigsten mit ihr. In beiden haucht und lebt sich das Gemüth aus, in beiden ringt das Unsagbare nach einem Ausdruck. „Es zittert, um den Heros der Aesthetik F. Th. Vischer reden zu lassen, ein Unaussprechliches zwischen seinen Zeilen: das reine, wortlose Schwingungsleben des Gefühls. Der lyrische Dichter nennt und zeichnet uns Dinge, Gedanken, aber in ihnen immer nur sich, sein Herz, wie sie auf es wirken, aus ihm hervorsteigen und wie kein Ausdruck ihm genügt.“ Dem oben aufgestellten Grundsatze gemäß müßte nun aber auch der größte Dichter der Deutschen ein Lyriker sein, man wollte denn sagen, das deutsche Volksgemüth selbst sei dieser größte Dichter, was vielleicht nicht so unwahr währe. Doch auch für jene schärfere Schlußfolgerung ließe sich wohl Rath finden. Zuerst freilich scheint es befremdend, etwa Sch. seiner lyrischen Poesie wegen den „Dichter“ im eminenten Sinne nennen zu wollen, denn wir sind gewohnt, den großen Dramatiker in ihm zu verehren. Wenn Vischer der Lyrik eine Dreitheilung giebt 1) als Lyrik des Aufschwunges, worunter er alles Hymnische begreift, 2) das Liedesartige, in dem er die reine Mitte der Lyrik sieht (Lied, Ballade, Romanze), 3) Lyrik der Betrachtung, so möchten wir zwei große Grundzüge der modernen Lyrik annehmen: Stimmungslyrik und Betrachtungslyrik, die kleineren erzählenden Gedichte aber, die einen thatsächlichen, besonders geschichtlichen oder sagenhaften Stoff poetisch darstellen, dem Epos zuweisen. Nennt man nun denjenigen den größten Vertreter einer Dichtungsart, der die Gesetze dieser Art am vollsten und reinsten erfüllt hat, so möchte Goethe z. B. dies in Bezug auf die Lyrik in höherem Grade gethan haben als in Bezug auf Epos und Drama. Bei Sch. freilich scheint die Einstimmigkeit aller Gebildeten die dramatischen Schöpfungen hoch über die lyrischen zu stellen, zumal wenn man sich bei den letzteren noch an die goetheschen erinnert. Wenn man sich aber nur lossagt von der Vorstellung des Lyrischen, wie man es etwa von den Minnesängern charakterisiren könnte („wir singen von Lenz und Liebe“), wenn man eine Stätte im Reiche der Poesie sucht, wo die ganze Tiefe des ahnenden Menschengemüthes sich ausspricht, das ganze Wunder des natürlichen und geistigen Weltalls im Mikrokosmus desselben sich spiegelt, wo der Dichter selbst seine Prophetenstimme als Herzenskündiger von Mensch zu Mensch hören lassen will und muß – dann wird man vielleicht auch im Faust, obwohl ihn Goethe als eine Tragödie, also als Drama bezeichnet, den Lyriker nicht vergebens suchen. Unter Vischer’s Schutze wollen wir darauf hinweisen, „daß Goethe’s Dramen bei aller übrigen Vollendung an einem Mangel gegenüber dem Spezifischen der Dichtart leiden, daß sie zu seelisch sind und zu wenig Handlung haben“ und „daß Goethe doch auch als Epiker keinen straff männlichen, sondern lauter rein menschliche, weiblich seelische Stoffe behandelt hat“. Und bis in jenes gewaltige Dichterwerk hinein wird man fühlen, daß in der Verklärung einer universellen Anschauung aus den Tiefen des Gemüthes und des Gedankens die Lyrik wesentlich Stimmungslyrik ist. Gretchens ganze Gestalt, Faust’s Jugenderinnerung am Ostermorgen, sein Spaziergang mit der Prachtstelle „Betrachte wie in Abendsonnengluth“, im humoristischen Sinne die Kellerscene deuten darauf hin. In diesem Sinne möchten wir, Sophokles gegenüber, Goethe einen Lyriker nennen. Der Vertreter der Betrachtungslyrik (der höheren Reflexions- oder Gedankenpoesie) ist uns Sch. Hingebende Empfindung an den Augenblick, Versenkung des Geistes in die Anschauung, der sich aber die tiefen idealen und schöpferischen Grundlinien alles Seienden offenbaren, lag nicht in seinem Wesen. In dem Artikel über die Br. v. M. haben wir darauf hingewiesen, wie sehr in ihm der Dichter mit dem Denker theilen mußte. Er selbst war sich dessen bewußt und hat es ausgesprochen; Twesten, Tomaschek und K. Fischer haben das tiefer begründet. Im Uebrigen ist auf ihn besonders Goethe’s Wort anwendbar: „Dieser ist ein Mensch gewesen und das heißt ein Kämpfer sein“. Sch. rang in sich, im Leben und in der Kunst nach der Darstellung des Sittlich-Schönen. So entwickelt er denn in seinen lyrischen Gedichten Gedankenreihen, wie sie an den bedeutendsten derselben in diesem Werke dargelegt worden sind, oft so streng, daß die poetische Form fast nebensächlich wird, wie andererseits aus seinen prosaischen Schriften Stellen in schwungvolle Gedankenpoesie umgesetzt werden können, wozu Viehoff in seinem ausgezeichneten, zu wenig gekannten Werke über die Deutsche Verskunst glänzende Beispiele liefert. Es sind Gedankenverbindungen, die den Dichter angeregt haben und auch da, wo er sich zuerst der Anschauung z. B. der Natur scheinbar ganz hingiebt, entsteht in ihm, wie im „Spaziergange“, bald eine logisch-geschichtlich sich entwickelnde Gedankenreihe. Dazu kommt, daß die blühende Leichtigkeit und Unbefangenheit, die Innigkeit, welche der Stimmungslyrik eigen ist, bei ihm durch die stete Verwendung der gedankenreichen Symbolik der griechischen Mythologie beeinträchtigt wird. Indem Vischer die Schwierigkeit, das „Lied“ und die ihm zukommende Form zu definiren, erörtert und auf den „Ton“ hinweist, aus dem hier die Gattung erkannt werden müsse, versucht er das Wesen des Liedes an der Abgrenzung vom Hymnischen er erklären. „Will man, fährt er dann fort, den Unterschied von diesem recht deutlich wahrnehmen, so halte man Sch.’s Hymne an die Freude und Goethe’s Tischlied: „Mich ergreift, ich weiß nicht wie“, zusammen: jener singt die Freude an, bewegt sich um sie und zählt ihre Wirkungen auf (ob gut oder nicht gut, geht uns hier nicht an,) aus diesem singt, ganz Stimmung, ganz Gegenwart und Augenblick, die Freude heraus. Es bedarf keines Beweises mehr, daß in diesem Gebiete allein, die lyrische Poesie ganz sie selbst ist und daß auf ihm der Dichter seinen Beruf zu ihr bewähren muß. Sch. hat kein einziges reines Lied, und im Lyrischen kann wirklich nicht die Frage sein, wer spezifisch mehr Dichter sei, er oder Goethe“. Ganz vertreten wir jedoch diesen Schluß nicht. Auch die lyrische Poesie, die dem eigentlich so genannten Gedanken sich zu vermählen strebt, hat ihre hohe Berechtigung und stellt eine Seite des menschlichen Wesens dar, offenbart die Tiefen einer Reihe von Charakteren, wie eben Sch. sie vertritt. Und dann ist eben auch Sch. Lyriker nicht nur in seinen Liedern. Dieses Element des arbeitenden und nach innerem Zusammenhang und Abschluß strebenden persönlichen Gedankens, der aber, weil er zugleich die heilige Sache des Gemüthes ist, durch die poetische Form auch wieder zum Gemüthe hinstrebt, dringt auch in das Drama ein. Der begeisterte Dichter-Prophet legt die sittliche und geistige Welt seinem Hörer aus. Jenes Element mach Tisch Luft in zahllosen philosophisch tiefen und hier auch mit allem Zauber der poetischen Sprache umgebenen Aussprüchen, ruft aber auch ganze Gedankenreihen hervor, stellt Gefühlskreise in ihrem ganzen Umfange, in ihrer ganzen Tiefe dar. Vielleicht hat man diese Seite seiner Dramen, welche der Erklärung für die Jugend und der volksthümlichen, sittlichen Verwerthung des Dichters die reichsten Quellen öffnet, noch nicht genug gewürdigt und gepflegt. Wir machen z. B. aufmerksam auf Sch.’s Darstellung des Wesens der Freundschaft. In den lyrischen Gedichten findet sich „die Freundschaft“ – die enthusiastische Darstellung des Dranges durch die irdische Hülle getrennter Geister, vereint in den Schooß des Göttlichen zurückzustürmen. Aber mit welcher psychologischen Feinheit und Tiefe und zugleich mit welchem lyrischen Aufschwunge wird dieses Verhältniß in der ersten Begegnung zwischen Don Carlos und Posa gezeichnet; und die Stelle, in der Wallenstein den Verlust Max Piccolomini’s beklagt, möchten wir das schönste Gedicht nennen, welches über die Freundschaft gedacht und geschrieben ist. Ebenso eindringend ist das innere Verhältniß Maxens zu seinem Feldherrn dargestellt. Der Freund Goethe’s war würdig mit Aristoteles Ethik als Dichter zu wetteifern. So zieht sich auch fast durch alle Dramen der Begriff des Schicksals und der „ernsten Nothwendigkeit“ als ein Grundthema erhabener lyrischer Accorde hindurch. Endlich aber schafft der Lyriker in Sch. ganze Reihen der Charaktere seiner Dramen, wie die Liebespaare und es gehört hierher, daß auch eigentliche lyrische Gefühlsergüsse fast in allen dramatischen Dichtungen Sch.’s sich finden wie in der J. v. O., in M. St., im Wallenstein, im Tell der Anfang und in der Br. v. M. In diesem Sinne möchten wir, Shakespeare gegenüber, auch Sch. einen Lyriker nennen. Wer nun durchaus der Stimmungslyrik bedarf und ohne sie keinen Dichter kennt, der thut wohl, sie bei Sch. nicht zu suchen, denn er wird sie bei ihm nicht finden. Aber so einfach diese Mahnung scheint, so wichtig ist es, sie immer von Neuem zu geben, besonders da Sch. mehr als andere Dichter von solchen Ansprüchen der Leser und Kritiker zu leiden gehabt hat, zumal auf Grund des Vorwurfes: „Es ist doch nicht Göthe!“ – Warum ist er nicht Göthe? Weil er eben Schiller war. Solche, die den Dichter tiefer kennen lernen wollen, werden wohl thun, sich auch von der Gewaltsamkeit des Ringens in Gefühl und Sprache, wie sie in den Gedichten der sogenannten ersten Periode auftritt, nicht zurückstoßen zu lassen. In dem „Geheimniß der Reminiscenz“ in der „Freundschaft“ eröffnen sich uns seltene Tiefen des Gedankens; aus der letzten Strophe des zweiten Gedichtes bildete Hegel den wundervollen Schluß seiner Phänomenologie. Gedichte freilich wie „Die Kindesmörderin“, „Die Schlacht“, „Elegie auf den Tod eines Jünglings“ würde Göthe kaum geschrieben haben; aber wer in den Räubern die Urkraft nicht verkennt, der wird sie auch hier gewahr werden. Der „Triumph der Liebe“ starrt von Mythologie. Auch die Versbildung in den meisten dieser Gedichte ist ohne Fluß, künstlich und schwerfällig zu gleicher Zeit, doch in der „Reminiscenz“ und „der Größe der Welt“, besonders in dem letzteren Gedichte nicht ohne großartigen, dem Gegenstande entsprechenden Schwung. Unter den Gedichten der sogenannten zweiten Periode, die mit dem Liede „an die Freude“ 1795 anfangen, ragen die „Götter Griechenlands“ hervor, die in gedämpfteren Tönen aussprechen, was den Grundton der Gedichte der ersten Periode, vielleicht den Grundton der schillerschen lyrischen Poesie überhaupt ausmacht, die dualistische und eigentlich unversöhnt gebliebene Gegenüberstellung des Ideals, hier in der bestimmten Form der griechischen Kunstwelt und des Lebens (s. Br. v. M. Bd. I, S. 113). Die „Künstler“ 1789 sind das erste Beispiel schillerscher Gedankenpoesie im großen Style. In der dritten Periode, seit etwa 1795, wo hier und da auch Versuche zu eigentlichen Liedern, wie die beiden doch wohl nicht oft gesungenen Punschlieder sich finden, tritt uns, nächst den Gedichten, in denen die Grundstimmung der ersten Periode uns in weihevoll melancholischer Ergebung („Ideal und Leben“) wiederklingt, eine ganze Reihe von Schöpfungen entgegen, die mit am meisten zur Volksthümlichkeit Sch.’s beigetragen haben, wir meinen die erzählenden Gedichte. Wir müßten hier den Unterschied zwischen der Romanze und der Ballade erörtern. Indem wir für diese wie für andere ästhetische Bestimmungen auf Rud. Gottschall’s geistvolle Poetik verwiesen, möchten wir doch aussprechen, daß sich dieser so vielbesprochene Unterschied nach unserer Ansicht nie rein wird geben lassen, weil er erstens ein historisch-conventioneller ist und zweitens, weil die Bezeichnung eines Gedichtes durch den Dichter eben durch seine theoretische Ansicht bestimmt ist, so daß sich aus Beispielen hier gar nichts erweisen läßt. Wenn die Ballade von den nordischen, besonders schottischen und altdänischen Dichtungen her „Nachtstücke“ zu behandeln liebt, tragische Vorgänge, wild leidenschaftliche Gemüthsstimmungen zu Lieblingsgegenständen macht, ja die Geisterwelt zum Leben ruft und dabei einen lebendigeren, schwungvolleren Takt anschlägt – so steht dazu schon im seltsamsten Gegensatz der rein conventionelle, dem Süden entlehnte Name (s. d.). Die Romanze mag ihren Namen von den herrlichen Dichtungen hergenommen haben, in denen die Spanier ihre Nationalhelden feiern; mit den feinen Bestimmungen, an denen man sie im Unterschied von der Ballade erkennen soll, können wir uns nicht befreunden und werden, nach einem Ausdrucke Vischer’s bei dieser Gelegenheit, „diesen Knoten dem Leser zur Auflösung überlassen“, überzeugt, daß derselben kaum anders als nach Alexanders Methode damit fertig werden wird. Einen helleren und glücklicheren Inhalt und Ausgang z. B. zum Kennzeichen derselben zu machen, würde weder dem Namen noch dem Inhalte der Vorbilder entsprechen. Bei Göthe trifft die oben angedeutete Charakteristik der Ballade (denn diesen Namen giebt er allen seinen erzählenden lyrischen Dichtungen) allerdings häufig zu, aber wir erfahren damit eben nur, was er sich unter einer solchen dachte; Schiller nennt seine derartigen, doch vielfach so entschieden anders gearteten Dichtungen ebenfalls Balladen und nur den „Kampf mit dem Drachen“ Romanze – wir wollen einfach gestehen, daß wir die Motive dazu nicht kennen. Indem wir für die einzelnen Gedichte auf die besonderen Artikel verweisen, erinnern wir nur noch, einen wie bedeutenden Antheil auch hier noch das griechische Alterthum in Anspruch nimmt im „Siegesfest“, „Klage der Ceres“, „Eleusische Fest“, „Kassandra“, die Sch. der Art nach unbezeichnet gelassen hat, ferner im „Ring des Polykrates“, „Kraniche des Ibykus“, „Hero und Leander“, „Die Bürgschaft“, an deren Spitze der Name Ballade allerdings seltsam aussieht. Die Wirkung aller dieser und der dazu gehörigen Gedichte beruht – wir verweisen im Allgemeinen auf die betreffenden Artikel, besonders über die Glocke – vornehmlich auch auf der gewaltigen Durcharbeitung, auf dem folgerichtigen Gange, in dem das Ganze sich entwickelt, Eigenschaften, die an der kunstvollen Metrik der sorgfältig, besonders der Reihenzahl nach, gewählten Strophen einen äußern Halt und eine glänzende Symbolik finden. So weit unsere Andeutungen. |
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