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Die Künstler (Gedicht)Zum Gedicht Die Künstler. Als Sch. sich im Mai 1788 nach dem einsamen Volkstädt zurückgezogen hatte, schrieb Wieland am 2. Juni an ihn: „Sie sind also in Ihrem selbstgewählten Patmos glücklich angelangt, mein liebster Schiller! und gefallen sich da? Quod felix faustumque sit! (d. h. „Möge es Ihnen Glück und Heil bringen!“ eine alte lateinische Segensformel) und mögen Ihnen auch, wie dem heiligen Johannes Theólogus, – nur nicht ganz in seiner Manier – hohe Offenbarungen daselbst zu Theil werden.“ Als eine solche Offenbarung ist dies lyrisch-didaktische Gedicht zu betrachten, das im Herbst 1788 in Volkstädt begonnen, im Februar 1789 zu Weimar vollendet wurde, und in dem Leben des eben zum Manne gereiften Dichters als ein Epoche machendes angesehen werden muß. Durch seinen gediegenen Inhalt, durch seinen Reichthum an Gedanken, sowie durch Schönheit der Form und eine edle, zum Theil glanzvolle Sprache übertrifft es Alles, was Sch. bis dahin gedichtet. Die wilden Wogen seines Jünglingsfeuers haben sich beruhigt, eine maßvolle Haltung in den Bildern und ein feiner Geschmack in der Ausdruckweise machen einen wohlthuenden Eindruck. Zugleich ist das Ganze von einem erhabenen Ernst durchweht, der deutlich bekundet, daß es dem Dichter darauf ankam, etwas wirklich Vollendetes zu liefern. Welch eine unermüdliche Sorgfalt er darauf verwendet, geht aus seinem Briefwechsel an Körner hervor, zugleich aber auch, daß es dem Gedichte nicht an dunklen Stellen fehlt, und daß Sch. in späteren Jahren selbst wenig damit zufrieden war. Sch. bezeichnet selbst als die Hauptidee des Ganzen: „die Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit in die Schönheit“ d. h. gestützt auf die Resultate, die er selbst durch seine Götter Griechenlands gewonnen, spricht er hier seine Ansicht von der Erziehung des Menschen durch die Kunst aus. Der Gedankengang ist folgender: Zunächst (Str. 1) stellt der Dichter den Menschen als Sieger über die Barbarei dar. Als solcher soll er nicht der Kunst (2) vergessen, die ihn zu seiner gegenwärtigen Höhe emporgehoben hat; nicht den mechanischen Beschäftigungen („den fremden Armen“, denen die Kunst ihn übergeben hat) zu hohen Werth beilegen, sondern sich wieder der wahren Kunst zuwenden, die einer seiner schönsten Vorzüge ist. Demnächst (3) wird die Kunst als Vorläuferin der Wissenschaft dargestellt, indem sie durch die Schönheit zur Wahrheit führt, welche vor ihrem selbständigen Auftreten noch an die sinnliche Hülle gebunden erschien. Eben so ist die Kunst (4) auch die Vorläuferin der Moral, indem sie das veranschaulicht, was erst später intellectuell gefaßt werden kann. Sie ist genöthigt, Symbole statt der Begriffe zu geben; denn die so schwer zu erringende Wahrheit, die rein göttliche (5) kann dem Menschen als einem sinnlich-vernünftigen Wesen während seines irdischen Daseins nur unter der Hülle der Schönheit dargeboten, nur in dieser Form genießbar gemacht werden. Da er von dem Schöpfer (6) dazu bestimmt ist, den schweren Kampf mit seiner sinnlichen Natur durchzukämpfen, so soll die Kunst ihm ein Mittel werden, um sich an ihr wieder aufzurichten und zur Freiheit zu gelangen. Dies war von jeher (7) um so leichter, als die Kunst keine Scheiterhaufen brauchte, um die Menschen zu schrecken und sie auf dem Wege der Pflicht zu erhalten. Im Gegentheil: sie führte sie in freierer Weise an liebender Hand, indem sie den Sinn für das Schöne und Edle zu wecken suchte. Die Künstler (8) mögen sich also glücklich schätzen; es ist ihnen eine hohe Würde verliehen, da sie allein im Geiste schauen, was Andern nur aus einer körperlichen Hülle entgegen strahlt. Ehe die Kunst (9) auf Erden erschien, hatte der Mensch kein Verständniß von der Natur; sie erschien ihm roh und wild, wie er selbst. Zunächst leiteten ihn (10) die Schattenbilder der Naturgegenstände auf die Nachahmung ihrer Gestalten. Hierzu gesellte sich später (11) die Reflexion und der Empfindungs- und Bildungstrieb, und so entstanden selbständige künstlerische Schöpfungen. Diese wurden nun (12) zu einem Ganzen verknüpft, so daß das Einzelne seine „Krone“ der Vollendung einbüßte, insofern es als Theil einem größeren Ganzen untergeordnet erschien. Auf diese Weise (13) üben alle gebildeten Völker vermittelst der Kunst einen Einfluß auf die rohen Nachbarvölker aus. Der menschliche Geist (14) wird frei von beengenden Fesseln; er fängt an zu denken, und edlere Gefühle beginnen sich in ihm zu regen. Selbst die sinnliche Zuneigung (15) der Geschlechter veredelt sich und wird zu einem Bande der Geister und der Herzen. So schafft sich der Mensch allmälig ein Ideal (16) seines eigenen Wesens; er erhebt sich zur Vorstellung von der Gottheit, die ihm Vorbild und Ziel seines Strebens wird. Vor Allem ist es die Kunst des Gesanges (17), die Dichtkunst, welche, sorgfältig prüfend, weit von einander Entferntes zu einer höheren Ordnung verknüpft und zu einem gedrängten Bilde vereinigt. Epos und Drama wirken mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Menge ein (vergl. Ged. D. Kraniche d. Ibykus Str. 16 u. 20) und suchen die Räthsel des Schicksals zu lösen. Und wo sich diese Räthsel (18) nicht lösen lassen, da führt uns der Dichter über das zeitliche Leben hinaus in eine jenseitige Welt, die mit dem irdischen Leben in Beziehung steht. So erhebt sich die Kunst (19) zu höheren Sphären; sie begnügt sich nicht mehr mit der Darstellung schöner Formen, sondern sie tritt in den Dienst des Geistes, sie wird Ausdruck einer Idee. Als Vorläuferin der Wissenschaft (20) empfängt sie von dieser eine anregende und wohlthuende Rückwirkung, so daß auch der reflectirende Verstand durch den Bau eines Kunstwerkes befriedigt werden kann. Ueberhaupt wird die ganze Lebensanschauung (21) durch die Kunst verklärt, Freude und Leid empfangen eine höhere Weihe, selbst die Schrecken des Todes erscheinen in milderem Lichte. So sind uns also die Künstler (22) von der Vorsehung zur Veredelung unseres Daseins gegeben; deshalb sollen wir sie ehren und hochschätzen; denn sie sind (23) dem Schöpfer ähnlich, der seine Werke gleichfalls mit holdem Reiz geschmückt, dem Nothwendigen die Anmuth der Erscheinung hinzugefügt hat. Die Kunst des alten Hellas (24) war der Welt entflohen; im Mittelalter herrschte Rohheit und Verwilderung; in der Neuzeit ist sie im Abendlande wieder erblüht, zuerst in Italien unter den Mediceern, bald darauf in Deutschland und den benachbarten Ländern. Die Trümmer (25) der Kunst, welche nach der Eroberung Constantinopels durch die Türken von flüchtigen Griechen nach Italien gebracht wurde, erblühten im Abendlande auf’s neue und schöner. Bildhauerkunst, Malerei und Poesie errangen sich frische Lorbeeren. Wenn etwa die Männer der Wissenschaft (26) bemüht sein sollten, der Kunst den ersten Rang streitig zu machen, so mögen die Künstler in dem Bewußtsein ihres eigenen Werthes und in der Erinnerung an das höhere Alter der Kunst ihre Befriedigung finden und sicher sein, daß die Kunst als solche stets ihren Werth behalten wird. Dies wird um so mehr der Fall sein, da (27) die Resultate der Wissenschaft erst dann Freude machen, erst dann eine den ganzen Menschen befriedigende Wirkung hervorbringen, wenn sie in schöner Form auftreten; denn „nur der Geschmack genießt, was die Gelehrsamkeit pflanzt.“ So wird sicher (28) „die Cypria (vergl. Aphrodite) zur Urania“, d. h. die Schönheit zur Wahrheit. Der Denker, der eine streng logische Schlußfolge liebt, wird anfangs die Schönheit fliehen, später aber, wenn er die Wahrheit in der Schönheit erkannt, gern in die Arme der letzteren zurückkehren. Darum folgt nun (29) eine Mahnung an die Dichter, des hohen Werthes und der erhabenen Bestimmung der Poesie stets eingedenk zu sein; und ferner (30) eine Aufforderung an die Wahrheit, da, wo sie etwa verstoßen werden möchte, sich in die Arme der Poesie zu flüchten, um aus dieser in neuer Kraft hervorzugehen. Die Tyrannei kann zwar (31) die Gedanken in Fesseln schlagen; die Künstler aber sind „der freisten Mutter freiste Söhne“, ihr Bilden und Schaffen dient nur den erhabensten Zwecken. Und wenn die Wahrheit auch nicht das unmittelbare Ziel der Kunst ist, so wird sie doch von dieser eingeholt werden, da eben beide Schwestern und Töchter der „höchsten Schöne“ sind. Deshalb ergeht zum Schluß an beide, an Künstler, wie an Forscher, die Mahnung, einträchtig mit einander zu wirken, um so sicherer und angenehmer das Ziel der Vollkommenheit zu erreichen. Anm. In Str. 8 kann in den beiden letzten Versen:
der Accusativ „die“ auffallen. Derselbe hängt nicht von dem Zeitworte, sondern von dem Hauptworte „Stufe“ ab. Wie man allenfalls sagen kann: Das ist eine Stufe zur Hölle, eine Stufe ins Himmelreich, so hat der Dichter hier in seiner jugendlich-kühnen, elliptischen Ausdrucksweise nichts Anderes gemeint als: Ihr war’t der Menschheit erste, in die erhabene Geisterwelt führende Stufe. |
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