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Die Jungfrau von OrleansIm Frühjahr des Jahres 1800, wo Sch. seine Maria Stuart vollendet hatte, war er ernstlich erkrankt; dennoch sehen wir ihn, nachdem er sich in seinem dichterischen Schaffen nur eine vierwöchentliche Pause gegönnt, bereits mit einem neuen Stoffe beschäftigt, es war „das Mädchen von Orleans“. Schon im Juli war das Schema fertig, mit dem er Goethe bei dessen Rückkehr aus Jena überraschen wollte. Er sagt darüber: „Mein Stück führt mich in die Zeiten der Troubadours, und ich muß, um in den rechten Ton zu kommen, auch mit den Minnesängern mich bekannter machen. Es ist an dem Plan der Tragödie noch gewaltig viel zu thun, aber ich habe große Freude daran und hoffe, wenn ich mich bei dem Schema länger verweile, in der Ausführung alsdann desto freier fortschreiten zu können.“ Die Veranlassung zu dem Stück gab ihm eine Sammlung von 28 Handschriften über den Proceß der Jeanne d’Arc und dessen Widerlegung, welche De l’Averdy, Mitglied der französischen Academie der Inschriften, im Auszuge bekannt gemacht hatte. Leider war die große Hitze des Sommers von 1800 für den immer noch kränkelnden Dichter in hohem Grade belästigend, so daß die Arbeit bei der Mühe, welche ihm die Bewältigung des Stoffes verursachte, nur langsam fortrücken konnte. Mit dem September aber griff er das Stück energischer an; zu Anfang des Jahres 1801 waren bereits drei Acte fertig und wurden am 11. Februar nach Goethe’s Genesung von einer gefährlichen Krankheit bei diesem gelesen. Im März trennte sich Sch. von seiner Familie und ging nach Jena, um dort mit größerer Ruhe weiter arbeiten zu können; aber körperliche Leiden wirkten störend auf die Production ein, so daß er selbst sagt: „ich hetze und ängstige mich, und es will nicht recht damit fort“. Dennoch brachte er zu Anfang April den vierten Act fertig nach Weimar mit, wo er in vierzehn Tagen den letzten hinzufügte. Am 15. April, wo Goethe nach Weimar kam, konnte er diesen mit dem in kaum neun Monaten vollendeten Stücke eine freundschaftliche Aufmerksamkeit erweisen und erhielt dasselbe am 20. mit den kurzen aber herzlich anerkennenden Worten zurück: „Nehmen Sie mit Dank das Stück wieder. Es ist so brav, gut und schön, daß ich ihm nichts zu vergleichen weiß.“ Jetzt sandte er es dem Herzoge von Weimar zu, auf den es einen außerordentlichen Eindruck machte, der aber doch der Meinung war, es würde sich zu einer Aufführung nicht eignen. Hierauf kam es Sch. zunächst auch nicht an; hatte er doch sein Stück an Unger in Berlin gut verkauft, und war das Einüben mit den Schauspielern und das Leiten der Proben ihm doch bereits eine lästige Arbeit geworden. Außerdem stellten sich abermals körperliche Leiden ein, ein heftiges Katarrhfieber hielt ihn von nach außen gerichteter Thätigkeit zurück, und als die Krankheit überstanden war, ging er mit seiner Familie nach Dresden zu Körner, wo ihm die ersehnte Erholung zu Theil ward. Aber im Herbst sollte ihm die Freude werden, seine Jungfrau über die Bretter gehen zu sehen. Das Leipziger Theater hatte eine Aufführung vorbereitet, welche in Sch.’s Gegenwart bei überfülltem Hause stattfand. Schon nach dem ersten Act wurde ihm unter Paukenwirbel und Trompetenschall ein tausendstimmiges Lebehoch gebracht, und als er nach Beendigung der in den wichtigsten Rollen höchst gelungenen Darstellung das Haus verließ, entblößte Alles ehrerbietig das Haupt, um dem gefeierten Günstling der Musen noch einmal seine Huldigung darzubringen. Von Leipzig ging Sch. nach Weimar zurück, wo die Jungfrau erst im April 1803 zur Aufführung kam. Inzwischen hatte auch die Hofbühne zu Berlin mit der Einstudirung des Stückes begonnen, welches hier am 23. November 1801 zum ersten Mal gegeben wurde. Iffland hatte alle Kraft daran gesetzt, um das neue Meisterwerk seines Jugendfreundes dem Publicum in würdiger Darstellung vorzuführen. Zelter schreibt darüber an Goethe: „Wenn Schiller seien Jungfrau von Orleans jetzt sehen will, so muß er nach Berlin kommen. Die Pracht und der Aufwand unserer Darstellung dieses Stückes ist mehr als kaiserlich; der vierte Act desselben ist hier mit mehr denn achthundert Personen besetzt, und, Musik und alles Andere mit inbegriffen, von so eclatanter Wirkung, daß das Haus jedesmal in Extase darüber geräth.“ Sch. konnte sich mit diesem großen Aufwand an Pracht nicht einverstanden erklären; er fürchtete, die Aufmerksamkeit des Publicums würde dadurch von der Hauptsache abgelenkt, und die Wirkung des fünften Actes müsse darunter leiden. Jetzt sind wir an dergleichen Festzüge bis zur Uebersättigung gewöhnt, und dennoch findet die Jungfrau stets ein volles Haus. Fassen wir die geschichtlichen Thatsachen in’s Auge, welche der Jungfrau von Orleans zu Grunde liegen, so haben wir zunächst daran zu erinnern, daß im Jahre 1328 mit Karl IV. die gerade Linie der Capetinger ausgestorben war. Als hierauf Philipp VI. und mit ihm das Haus Valois den Thron bestieg, machte Eduard III. von England, als Enkel Philipp’s IV., Ansprüche auf Frankreich. Hierdurch wurden Kämpfe hervorgerufen, welche die beiden durch den Canal getrennten Völker länger als ein Jahrhundert mit einander in Berührung brachten. Das Kriegsglück schwankte lange hin und her; wurden die Franzosen durch Eduard’s Sohn, den schwarzen Prinzen, bei Crecy (1346) und Potiers (1356) geschlagen, so gelang es dagegen dem tapferen Karl V. (1364-80), die Engländer aus dem größten Theile Frankreichs zu vertreiben. Als aber sein Nachfolger Karl VI. (1380-1422) in Wahnsinn verfiel, brach das Unglück von neuem herein. Des Königs Bruder, Ludwig von Orleans, und Johann der Unerschrockene von Burgund stritten sich um die Vormundschaft, und bald war nicht nur der Hof, sondern auch ganz Frankreich in eine orleanistische und eine burgundische Partei gespalten. Unter solchen Umständen lag es nahe, daß Heinrich V. von England den Krieg erneuerte. Nachdem er in der Schlacht bei Azincourt (s. d.) gegen stark überlegene Heerschaaren gekämpft und einen glänzenden Sieg errungen, kehrte er zwar nach England zurück, aber nur, um mit noch größerer Truppenmacht wiederzukommen. Jetzt erinnerte sich Johann von Burgund, der sich bei Azincourt vom Kampfe zurückgehalten, der Pflichten gegen sein Vaterland. Er wollte mit dem Dauphin zusammenkommen, um den Zwist der Parteien beizulegen, damit dieselben mit vereinter Kraft dem Feinde des Landes entgegentreten könnten. Auf der Brücke zu Montereau (s. d.) erschienen die beiden Fürsten, jeder von zehn Rittern begleitet; aber kaum hatte die Unterredung begonnen, so wurde Herzog Johann, sei es mit vorbedachter Absicht, oder um den an dem Herzoge Ludwig von Orleans auf Veranlassung des Burgunders verübten Mord zu rächen, von Begleitern des Dauphin niedergestoßen. Nun war es nicht nur mit der Versöhnung vorbei, sondern die Spannung zwischen beiden Parteien brach jetzt auch in offene Feindseligkeit aus. Philipp der Gute (Prol. 3 „der mächtige Burgund“), der Sohn und Nachfolger des Ermordeten, sah den Dauphin als den Anstifter des schändlichen Verraths an, und da der letztere zugleich seine Mutter Isabella von Baiern (bei Sch. Prol. 3 „die stolze Isabeau, die Baierfürstin“) von dem Hofe verwiesen hatte, so ging er mit dieser zu dem Feinde über. Am 21. Mai 1420 schlossen Heinrich V., Isabella im Namen ihres kranken Gemahls und Philipp von Burgund zu Troyes einen Vertrag, zufolge dessen Heinrich die Tochter Karl’s VI., Katharina, heirathen, anstatt des Dauphins einst den Thron Frankreichs besteigen und bis dahin die Verwaltung der Staatsgeschäfte übernehmen sollte. Heinrich hielt in Paris einen glänzenden Einzug, der Dauphin wurde von dem Parlamente als Mörder bezeichnet, aller Anrechte auf den Thron für verlustig erklärt und zur Verbannung aus dem Reiche verurtheilt. Bald darauf brach der Krieg von neuem los, denn es galt, dem Dauphin die Provinzen zu entreißen, die er noch inne hatte; auch dauerte es nicht lange, so war fast alles Land im Norden der Loire in den Händen des Feindes. Aber am 31. August 1422 starb König Heinrich V., wodurch der Dauphin von seinem furchtbarsten Feinde befreit wurde; und da am 22. October desselben Jahres auch Karl VI. seinem Leiden erlag, so konnte er, von der orleanistischen Partei ausreichend unterstützt und von einem großen Theile des französischen Volkes anerkannt, ohne weiteres den Thron seiner Väter besteigen. Hierzu ließen es die Engländer jedoch nicht kommen, denn dem verstorbenen Könige Heinrich war von seiner Gemahlin Katharina bereits ein Sohn geboren worden. Dieser, ein Kind von neun Monaten, wurde unter dem Namen Heinrich VI. (bei Sch. I, 5 der „junge Harry Lancaster“) zum rechtmäßigen Könige von England und Frankreich erhoben und in der Wiege gekrönt, und seine Oheime, die Herzöge von Bedford und Glocester (I, 5) verwalteten in seinem Namen, jener (II, 1 „der Reichsverweser“), das französische, dieser das englische Reich, beide mit Kraft und Weisheit. Da Bedford sich zugleich auf eine energische Kriegsführung verstand, so trug er über Karl VII. mehrere Siege davon. Des Königs Lage wurde hierdurch immer verzweifelter; ja, er wäre ohne weiteres nach der Provence entflohen, wenn seine Gemahlin ihn nicht daran gehindert hätte. Glücklicherweise konnte Bedford die errungenen Siege nicht so benutzen, wie er es gehofft, woran sein Bruder, der Herzog von Glocester, schuld war. Dieser hatte nämlich durch die Entführung der Gemahlin eines Vetters Philipp’s des Guten den Zorn des letzteren auf sich geladen, welcher, um den seiner Familie angethanen Schimpf zu rächen, zugleich aber auch, um die Festsetzung der Engländer im Hennegau zu hindern, mit Glocester in Kampf gerieth. Auf diese Weise konnte der Krieg nur matt fortgesetzt werden. Indessen führte der Graf von Salisbury (Prol. 3) i. J. 1428 frische Truppen aus England herbei und begann die Belagerung von Orleans, dem Schlüssel zu dem, was König Karl noch besaß. Ging dies verloren, so mußte er sein Reich meiden. In Orleans commandirte Graf Dunois, ein natürlicher Sohn (daher Prol. 3 „der heldenmüthige Bastard“, s. d.) des ermordeten Herzogs Ludwig von Orleans, und leistete dem Feinde kräftigen Widerstand, so daß selbst Salisbury das Leben verlor; indessen schien die Stadt schwer zu retten, da Karl selbst an dem Ausgange verzweifelte und alle seine Hülfsmittel erschöpft waren. Nur ein Wunder konnte jetzt noch Rettung bringen. Und dieses Wunder erschien. Jeanne d’Arc, geb. den 6. Januar 1411, die Tochter eines Landmanns in dem Dorfe Dom Remy bei Vaucouleurs (s. d.), war in der frommen Einfalt einer gläubigen Seele aufgewachsen, die in jeder Noth geneigt ist, die Hülfe unmittelbar vom Himmel zu erwarten. Da Dom Remy sich stets zur Partei der Orleans gehalten, so lag es nahe, daß dem Mädchen das Unglück des Königs zu Herzen ging. Voll Inbrunst flehte sie zur Mutter Gottes um Rettung, und da sie neben ihrer kindlichen Frömmigkeit auch eine lebhafte Phantasie, verbunden mit Muth und Begeisterung besaß, so glaubte sie bald einen göttlichen Ruf zu vernehmen. Es erschienen ihr die Gestalten des Erzengels Michael, der heiligen Margaretha und der heiligen Katharina und forderten sie auf, ihr Vaterland zu retten. Zunächst wollte sie ihr Vorhaben ihren Eltern mittheilen, da sie aber fürchtete, dieselben würden ihr nicht Glauben schenken, so machte sie ihren Oheim mit dem Wunsche bekannt, den König selbst zu sprechen. Der Oheim wandte sich (1428) an den Ritter Baudricour (Prol. 3), den Befehlshaber von Vaucouleurs, von dem sie anfangs hart zurückgewiesen, endlich aber doch unterstützt wurde. In männlicher Kleidung, von zwei Rittern begleitet, trat sie die Reise über Fierbois (I, 10) nach Chinon an, wo sie zu Ende Februar 1429 eintraf. Erst nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten wurde sie am Hofe vorgelassen. Hier erklärte sie dem König, Gott habe sie gesendet; er möge ihr Mannschaften zur Verfügung stellen, dann wolle sie die Belagerung von Orleans aufheben, ihn selbst zur Krönung nach Rheims führen und die Engländer verjagen. Obwohl ihre Sendung schon dadurch glaubwürdig erscheinen mußte, daß sie den König aus seiner glänzenden Umgebung herausfand und daß sie ihm ein Geheimniß offenbarte, das nur ihm allein bekannt sein konnte, so hielt man es doch für angemessen, ihre Aussagen näher zu prüfen. Man sandte sie nach Poitiers, wo ihr in einer aus Gottes- und Rechtsgelehrten bestehenden Versammlung allerlei verfängliche Fragen vorgelegt wurden, die sie aber durchaus unbefangen und verständig beantwortete; der König entschloß sich daher, ihr zunächst einen Transport von Lebensmitteln anzuvertrauen, den er seiner bedrängten Stadt Orleans schicken wollte. Nunmehr ließ sich Johanna zu Blois eine weiße Fahne anfertigen, auf welcher der Heiland, einen Erdball in der Hand haltend, dargestellt war. Zwei Engel knieten ihm zur Seite, über deren Häuptern die Namen Jesus und Maria zu lesen waren, und ein Kranz von Lilien schloß die Gruppe ein. Als Waffe brauchte sie ein Schwert, das, wie die Sage berichtet, an fünf Kreuzen in der Nähe des Griffes kenntlich war und auf ihr Geheiß hinter dem Altar der Kirche der heiligen Katharina zu Fierbois gesucht und auch wirklich gefunden wurde; sie brauchte es aber nie, um Jemand damit zu tödten, sondern nur, um die Feinde abzuwehren. Der ihr gewordene Auftrag ward glücklich vollführt. Da sie im Heere auf strenge Zucht und Sittlichkeit hielt, so drang man überall fast ohne Widerstand vor. So erreichte sie Orleans, wo man sie mit Jubel empfing. Nachdem sie in der Kirche ihr Dankgebet verrichtet, ließ sie die Engländer durch einen abgesandten Boten auffordern, sich zurückzuziehen. Dies wurde nicht nur abgelehnt, sondern der Bote auch schmachvoll behandelt. Aber neben dem Uebermuthe hatte auch bereits die Furcht ihren Sitz im englischen Lager aufgeschlagen; man war der Ansicht, daß das Mädchen durch Zauberei und Teufelskünste siege. Bei den Franzosen dagegen wirkte die göttliche Begeisterung des einfachen aber seltenen Mädchens wie mit einem elektrischen Schlage. Der glückliche Erfolg, von dem alle ihre Anordnungen begleitet waren, ermuthigte das Heer. Man griff mit Kühnheit an; es entbrannte ein heftiger Kampf bei dem Thurme Les Tourelles, der die Brücke beherrschte, und obwohl Johanna selbst verwundet wurde, so trieb sie doch zu neuem Angriff an. Dies wirkte; das Schloß ward erstürmt, und Orleans war gerettet. Am 8. Mai hoben die Engländer die Belagerung auf. Somit hatte Johanna ihr erstes Versprechen gelöst. Sie verließ jetzt Orleans, schlug die unter Talbot (s. d.) kämpfenden Engländer bei Patay (18. Juni 1429) und ging nun daran, ihre zweite Zusage zu erfüllen, die Krönung Karl’s zu Rheims. Sie erschien deshalb abermals vor dem Könige und drang gegen den Rath der Feldherrn, welche zunächst die Eroberung der Normandie verlangten, mit Entschiedenheit darauf, direct nach Rheims zu ziehen. Dies schien in der That unmöglich, denn alle auf diesem Wege befindlichen Plätze waren theils in den Händen der Engländer, theils in denen der Burgunder. Aber Johanna ließ sich durch nichts einschüchtern; im Gegentheil, sie trieb zur Eile und überwand durch ihre Alles mit sich fortreißende Begeisterung jede Schwierigkeit. Endlich unterwarf sich auch Rheims am 16. Juli 1429; gleich in der Nacht wurden die Vorbereitungen zu der lang ersehnten Feierlichkeit getroffen, und am 17. Juli, einem Sonntage, die Krönung und Salbung vollzogen. Johanna’s Sendung war somit vollendet. Wie Einige behaupten, wollte sie jetzt in ihre Heimath zurückkehren; aber wie hätte man das Mädchen, das so mächtig auf das Heer gewirkt, entlassen können. Sie blieb also, ohne indessen auf die Berathung der Heerführer irgend welchen Einfluß auszuüben. Im Kampfe aber zog sie den Truppen stets voran. Leider jedoch wagte sie sich bei einem Angriffe auf Paris zu weit vor, wobei sie abermals verwundet wurde; und auch hierdurch noch nicht vorsichtiger gemacht, setzte sie sich bei Compiègne, das von den Engländern befreit werden sollte, den drohendsten Gefahren aus, bis sie burgundischen Schützen in die Hände fiel. Diese lieferten sie an die Engländer aus, welche sie aber nicht als Kriegsgefangene behandelten, sondern sich berechtigt hielten, gegen sie als Zauberin und Teufelsbannerin zu verfahren. Man stellte sie daher vor ein geistliches Gericht, welches das von König Karl gebotene Lösegeld entschieden zurück wies, sie zu Rouen in einen festen Thurm einsperren und daselbst mit schweren Eisenketten belasten ließ. Der Bischof von Beauvais war grausam genug, es zu dulden, daß sie von ihren Richtern, wie von ihren Wächtern die härteste und unwürdigste Behandlung erfuhr. Schließlich wurde alles, was sie gethan, für Teufelswerk erklärt, die Strafe des Feuertodes über sie verhängt und am 30. Mai 1431 vollzogen; und um jede Verehrung ihrer irdischen Ueberreste unmöglich zu machen, wurde ihre Asche in die Seine geworfen. Fünfundzwanzig Jahre später ließ Papst Calixtus III., um ihre Ehre wieder herzustellen, das gegen sie geübte gerichtliche Verfahren untersuchen. Es wurde als rechtswidrig befunden, und die Erklärung ihrer Unschuld öffentlich bekannt gemacht. Außerdem wurde auf dem Platze, wo sie verbrannt worden, eine feierliche Procession gehalten und später ein Denkmal errichtet; das schönste Denkmal aber hat ihr Schiller durch sein Drama in den Herzen aller Derjenigen gesetzt, welche sich so viel kindliche Unbefangenheit des Sinnes erhalten haben, als nöthig ist, um die Triebfedern des Handelns einer Johanna begreifen und die Schönheit der ihr gewidmeten Dichtung würdigen zu können. Indem wir uns nunmehr dieser Dichtung selbst zuwenden, bemerken wir zunächst, daß sie in mancher Beziehung von Sch.’s übrigen Dramen abweicht. Wenn die Kunst ihrem innersten Wesen nach nichts Anderes ist, als die Darstellung eines geistigen Gehalts in sinnlich schöner Form, so mußte es unserm Dichter bald klar werden, daß, wie jeder Stoff, so besonders der vorliegende, seine eigenthümliche Behandlung verlangt. Die Form fand er hier in der geschichtlichen Grundlage, in dem Kampfe zweier Völker, dem er durch Aufnahme weit auseinander liegender historischer Momente, daher in einem mannigfachen Wechsel von Ort und Zeit, eine verhältnißmäßig breite Basis geben mußte . Den geistigen Gehalt aber fand er vor Allem in der Heldin seines Stückes, in deren naturgemäßer Charakterentwickelung die dem Drama nothwendige innere Einheit zur Anschauung zu bringen war. Sch. hat dem Titel seines Stückes den Zusatz „Eine romantische Tragödie“ beigefügt. Wenn der Ausdruck „romantisch“ zunächst an die Umgestaltung erinnert, welche das römische, im weiteren Sinne das klassische Alterthum bei seiner Auflösung in die christlich-germanische Anschauungsweise erfahren hat, so hat er auf dem Gebiete der Kunst noch seine besondere Bedeutung für das Verhältniß, in welchem Inhalt und Form zu einander stehen. Sehen wir in den Werken der Alten die Form dem Inhalte jederzeit vollkommen entsprechen, so hat dagegen der christlich-germanische Geist es begriffen, daß die Form das Endliche, der geistige Gehalt aber das Unendliche ist, der letztere daher über die Schranken hinausgehen darf, welche die Natur des zu behandelnden Stoffes ihm anlegt. „Ueberschreitet also der Inhalt seine Form, so wird die Kunst (nach Hegel’s Ausdruck) zur romantischen, die Schönheit zur Erhabenheit gesteigert.“ Und das ist Sch. in der Gestalt seiner Jungfrau in eminentem Maße gelungen. Sie ist eine so hervorragende Persönlichkeit, daß der ganze Gang der Handlung des Stücks durch den in ihrer Seele vorgehenden Entwickelungsprozeß bedingt ist. Ihr gegenüber erscheinen die anderen Gestalten in der Unveränderlichkeit ihres Charakters so entschieden als Nebenpersonen, daß der Ausleger des Dramas nichts Besseres thun kann, als unter Berücksichtigung der sich allmälig umgestaltenden Seelenstimmung der Heldin dem Verlaufe der Handlung treu zu folgen. Der Prolog. Wie Sch. seinem Wallenstein das Lager vorausgeschickt, um uns in die Welt des dreißigjährigen Krieges einzuführen, so versetzt er uns hier nach dem ruhigen Dorfe Dom Remy, von welchem aus wir mit den einfachen und friedlichen Landleuten einen Blick auf die kriegerisch bewegte Welt thun, deren leidenschaftlich erregtes Streben sie mit banger Besorgniß erfüllt. Vater Thibaut beeilt sich deshalb, seine herangewachsenen Töchter mit Männern zu versorgen; aber sein jüngstes Kind, die etwa achtzehnjährige Johanna, weist den ihr gewordenen Antrag zurück. Sie ist ein Wesen eigenthümlicher Art, das selbst ihrem Freier Raimond mehr Verehrung als Liebe abnöthigt; sie scheint ihm etwas Höheres zu bedeuten, scheint einer fernen Vorzeit zu entstammen. Und was ist es, das ihre Seele beschäftigt? Es ist Frankreichs Loos und ihre innere Welt. Von liebenswürdiger Anhänglichkeit an ihren König erfüllt, in welchem sie den sichtbaren Repräsentanten des Staates verehrt, ist ihr kindlich frommer Sinn ganz von dem Gedanken eingenommen, wie ihm wohl zu helfen sei. Da gedenkt sie, die einfache Hirtin, der Wunderthaten jener Hirtenvölker, von denen ihr das Alte Testament berichtet. In brünstigem Gebet für ihren königlichen Herrn vor dem Altare knieend, schauen die Gestalten jener fernen Zeiten von dem Gewölbe der Kirche auf sie hernieder, der Kirche ihres Dorfs, bei dem „ein uralt Muttergottesbild sich findet, zu dem der frommen Pilgerfahrten viel geschahen“. So thut ihre ahnungsvolle Seele einen Blick in eine andere Welt, die Glorie des Himmels steigt zu ihr nieder. Der Wunsch des Herzens, dem König Hülfe und ihrem Vaterlande Rettung zu bringen, steigert sich zu dem Glauben, welcher im Stande ist, Berge zu versetzen, der Ruf des höchsten Gottes ergeht an ihre Seele. Aber sie hat einen Vater, welcher seltsam mit ihr contrastirt. Er ist ein biederer, männlicher Charakter von schlichter Frömmigkeit und für das Wohl seiner Kinder besorgt; sein Patriotismus geht indessen nicht so weit, daß er geneigt wäre, seinem Könige ein persönliches Opfer zu bringen. Er will die Entscheidung der Schlachten abwarten und den Ausgang als den Willen Gottes anerkennen. Dabei ist er ein grübelndes und melancholisches Kind seiner Zeit, welche die Capellen neben die alten Druidenbäume zu setzen pflegte und dadurch dem christlichen Mysticismus die Unterlage des heidnischen Aberglaubens gab. Ihm steht die Welt unter der Macht dämonischer Gewalten, und wo ihm eine außerordentliche Erscheinung entgegen tritt, ist er weit mehr geneigt, an den Einfluß böser, als an das Wirken und Walten guter Geister zu glauben. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn er selbst Gespenster sieht, die aus dem Nebel ihm ihre dürre Hand entgegen strecken, wenn er Träume und ängstliche Gesichte hat, und seine Tochter warnt, bei Nacht den Kreuzweg zu betreten, nach Wurzeln zu graben und Zeichen in den Sand zu schreiben. Vielleicht macht er ihr hiermit einen vollständig ungerechten Vorwurf; hat er doch selbst durch seine Erziehung dazu beigetragen, daß es auch ihr in den Zweigen der heiligen Eiche gerauscht und manche heidnische Erinnerung in ihre christlichen Anschauungen sich gemischt hat, so daß sie anfangs sich selber ein Geheimniß und ihrer ganzen Umgebung ein Räthsel ist. Aber die Liebe zu seiner Tochter ist doch mächtiger als sein Zürnen, und wenn er ihre Verschlossenheit auch für eine schwere Irrung der Natur hält und kein Organ für die hohen Offenbarungen hat, die ihr zu Theil geworden, so ist die ängstliche Besorgniß, mit der er sie vor bösen Geistern warnt, doch immer der Ausdruck eines warmfühlenden Vaterherzens. Bis jetzt hat Johanna zu allen Vorwürfen geschwiegen; aber als Betrand mit dem abenteuerlich erstandenen Helm erscheint, wird sie kriegerisch erregt und bedeckt ihr Haupt mit demselben, so daß Raimond den betroffenen Vater an ihren Muth erinnern muß, den sie als Hirtin schon bewiesen. Aufmerksam hört sie der Erzählung Bertrand’s zu. Die Schilderung, welche er von den zusammenströmenden Kriegerschaaren entwirft und welche lebhaft an die große Heerschau (Il. 2) erinnert; der Bericht von dem neuen Kriegsunglück in zwei großen Schlachten, mit denen die Einnahme von Harfleux und der Tag von Azincourt (1415) gemeint sind; die Belagerung von Orleans und das Schicksal des dem Untergange geweihten Vaterlandes, als dessen letzter Rettungsanker der dem König zu Hülfe eilende Ritter Baudricour erscheint – das Alles wirkt mächtig auf Johanna ein, sie erkennt, daß die Stunde zum Handeln geschlagen hat. Was längst in ihrer Brust geschlummert, bricht nun in begeisterten, prophetischen Worten hervor; sie kündigt sich selbst als die Retterin des Vaterlandes an. Allein zurückgeblieben, nimmt sie nun Abschied von ihren Bergen. Es ist ein rührender Monolog, dessen lyrischer Schwung in dem Momente, wo die weicheren Empfindungen hervorbrechen, in dem gesangreichen Versmaß der achtzeiligen Stanze zum Ausdruck gelangt. Der Glaube an ihre göttliche Sendung; das Vertrauen zu dem Gelingen derselben, wenn sie die irdisch-menschlichen Neigungen des Herzens ihrem Ideale zum Opfer bringe; der Muth, welchen ihr der vom Himmel gesandte Helm einflößt – das sind die erhabenen Empfindungen, welche ihre Seele durchziehen; sie fühlt sich ein Werkzeug in der Hand des Höchsten. Der erste Aufzug, welcher dem Herkommen gemäß die Exposition des Stückes zu liefern hat, macht uns mit den vorliegenden Verhältnissen bekannt, indem er uns auf den Grund und Boden versetzt, auf welchem die Helden des Dramas vor unsern Augen handeln werden. Der nördliche Theil Frankreichs befindet sich in den Händen der Engländer, der östliche ist dem Herzog Philipp von Burgund unterworfen, und König Karl VII. ist nahe daran, auf die Länder im Süden der Loire beschränkt zu werden. Wir lernen diesen König kennen durch Dunois’ Schilderung und aus seinen eigenen Reden. Er ist eine romantische Natur, den schönen Künsten zugewendet, ein Freund der Galanterie und der Liebe, die ihn aber leider so in Anspruch nimmt, daß er seine königlichen Pflichten darüber versäumt. Zwar fehlt es ihm nicht an persönlichem Muth, denn er hat sich zum Zweikampf mit dem Herzog von Burgund erboten, um demselben für die hinterlistige Ermordung seines Vaters Genugthuung zu geben; aber andererseits hat er ein zu sanftes und liebevolles Herz, als daß er von seinen Unterthanen verlangen sollte, ihr Leben für ihn in die Schanze zu schlagen, er ist daher unfähig, den Krieg mit Nachdruck zu führen. Außerdem aber ist er unglücklich. Die Erinnerung an seinen wahnsinnigen Vater, das treulose Verhalten seiner unnatürlichen Mutter, der Abfall seiner Völker und seiner besten Freunde, das alles hat ihn muthlos gemacht; und ohnmächtig, selbst etwas Entscheidendes zu thun, beruhigt er sich bei dem Glauben an die Prophezeihung einer Nonne, daß ihm ein Weib zum Siege verhelfen werde. Was hilft einem solchen Könige gegenüber der Muth des tapferen und kriegerischen Dunois, ja, was hilft selbst dessen Erbitterung? Aber die Noth des Königs soll uns zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden. Die Rathsherren von Orleans erschienen und bitten um Hülfe für ihre bedrängte Stadt; doch Karl ist selber hülflos und kann ihnen keine Unterstützung gewähren. Da kommt Agnes Sorel, die uns ungeachtet ihrer zweifelhaften Stellung doch interessant und liebenswerth erscheint, denn, der engen Sphäre ihrer Weiblichkeit in keiner Weise entrückt, ist sie nur dem einen Gefühl hingegeben, aus Liebe zu ihrem fürstlichen Gebieter alles zu opfern, um ihm Rettung zu bringen und ihn mit neuem Muthe zu erfüllen. Aber auch dieser letzte Hoffnungsstrahl soll erbleichen, denn La Hire bringt die Botschaft, daß der Herzog von Burgund nichts von Versöhnung wissen wolle, daß das Parlament den rechtmäßigen Nachfolger Karl’s VI. des Thrones für verlustig erklärt und den Knaben Harry Lancaster zum König gekrönt habe. Nunmehr verzweifelt Karl an sich selbst und will die Stadt Orleans ihres Eides entlassen. Da verläßt ihn auch Dunois, um wenigstens seine eigene Ehre zu retten, sollte er auch unter den Mauern seiner Vaterstadt begraben werden. Jetzt bleibt dem König nur noch Du Chatel, der sich bereit erklärt, sich selbst für ihn zu opfern, indem er sich der Rache des Burgunders ausliefern wolle, doch Karl lehnt dieses Opfer ab. Eben im Begriff, das letzte Gebiet, das er im Norden der Loire noch besitzt, dem Feind zu überlassen, kommt eine Siegesnachricht. Als Raoul die Einzelheiten mitgetheilt, erscheint die Jungfrau selbst, nicht wie die geschichtliche, um Hülfe zu versprechen, sondern als eine, die bereits geholfen hat. Durch die kindliche Unbefangenheit, mit der sie ihre Rede beginnt, wie durch die würdevolle Hoheit, mit der sie sie vollendet, bekundet sie sich als eine Gottgesandte; die Kirche nimmt daher (wiederum von der Geschichte abweichend) keinen Anstand, ihr durch die Hand des Bischofs den Segen zu ertheilen . Aber an die bereits geübte Wohlthat solen sich noch neue und größere anschließen; sie verspricht, Orleans zu retten und ihren Herrn zur Krönung nach Rheims zu führen. Dies erfüllt den König und seine ganze Umgebung mit neuem Muth. Mit der Jungfrau an der Spitze des Heeres erscheint jetzt jeder Erfolg gesichert; ist doch Johanna selbst voll erhabener Siegesgewißheit, so daß sie den englischen Herold in’s feindliche Lager zurückgesendet, um ihr Nahen zu verkünden und zugleich den Ausgang des Krieges zu prophezeihen. Der zweite Aufzug macht uns genauer mit der Situation bekannt, welche die einzelnen Helden des Dramas zu den bestimmenden Elementen der Handlung einnehmen. Die Jungfrau hat den ersten Theil ihres Versprechens erfüllt, Orleans ist entsetzt, wir lernen nunmehr die hervorragenden Persönlichkeiten im englischen Lager kennen. Die Hauptrolle spielt der eiserne, unbeugsame Talbot, dessen energische Natur sich in einer gewaltigen Kraft des Ausdrucks offenbart. Er ist der Repräsentant des Unglaubens in einer Zeit, wo die Welt ausschließlich unter der Herrschaft des Glaubens und des Aberglaubens stand, und somit dem Shakespeare’schen Talbot gegenüber, der an die Einwirkung dämonischer Mächte glaubt, eine ideale Gestalt, die allerdings aus ihrem Zeitalter heraustritt. Zornig über die abergläubische Furcht seines Heeres, vermag er die Jungfrau weder als eine Gottgesendete, noch als eine Zauberin zu betrachten; ihm ist sie nichts anderes als eine gemeine Gauklerin, und von einer solchen betrogen zu sein, das empört ihn eben so wie den edlen und tapferen Lionel, der ihm zur Seite steht. Auch dieser will nur mit guten Waffen siegen, denn die Ehre seines Vaterlandes liegt ihm am Herzen; daher gefällt ihm freies, selbständiges Handeln besser als jedes Bündniß, und schnell entschlossen, denkt er, ohne zu ahnen, was seinem Herzen bevorsteht, die Jungfrau lebendig zu fangen und sie auf seinen Armen in’s englische Lager herüberzutragen. Der dritte Feldherr auf dieser Seite ist Philipp der Gute, der Herzog von Burgund. Um seines Vaters blutigen Mord zu rächen, hat er die Fahnen seines Königs verlassen, den Engländern den Weg in’s Land gebahnt und den Namen eines Verräthers auf sich geladen. So finden sich zwei streitende Elemente in seinem Innern, die fromme Sohnespflicht, die seine Waffen heiligt, und der Ruf des Vaterlandes, das seinen Arm begehrt. Diesen inneren Zwist auszugleichen, das bleibt der Jungfrau vorbehalten; aber zunächst ist es noch ein äußerer Zwist, die Uneinigkeit zwischen ihm und den englischen Heerführern, der einer Beilegung bedarf. Hierzu erbietet sich Isabeau, die es gleichfalls mit den Feinden Frankreichs hält, weil ihr Sohn, der Dauphin, sich zum Richter ihrer Sitten aufgeworfen und sie vom Hofe verbannt hat. Und allerdings hat ihr sittlicher Charakter einen so gefährlichen Schiffbruch erlitten, daß Jeder, der noch einiges Schamgefühl im Busen trägt, vor ihr erschrecken muß. Ist sie doch schamlos genug, den zur Berathung vereinigten Feldherrn gegenüber offen zu bekennen, daß sie Leidenschaften und heißes Blut habe, daß sie um eines wahnsinnigen Gatten willen der Freude nicht habe absterben wollen; ja, ihre innere Entartung steigert sich bis zur Frechheit des Auswurfs ihres Geschlechts, indem sie dem jugendlich-schönen Lionel ohne alle Scheu die Gluth ihres sinnlichen Begehrens zu erkennen giebt, ungeachtet derselbe sie erst vor wenigen Augenblicken als eine Furie bezeichnet hat. Und diese Isabeau, welcher der niedrigste Haß die Waffen in die Hände giebt, sie wagt es, der Jungfrau gleich, den Panzer anzulegen und erbietet sich, dem englischen Heere eine Anführerin zu sein, während sie in Wahrheit nichts anderes ist als eine widerwärtige Parodie jener hehren Gestalt, von dem Dichter absichtlich in abschreckenden Zügen gezeichnet, um den Glanz der Heldin seines Stückes in um so reinerem Lichte strahlen zu lassen. Daß die Feldherren den Worten einer solchen Friedensstifterin keine weitere Bedeutung beilegen können, liegt auf der Hand; sie fordern sie daher einfach auf, sich zurückzuziehen, und treten zu neuer Berathung zusammen. Nicht ohne Widerstreben willigt der Herzog von Burgund in Lionel’s und Talbot’s Plan, den Franzosen noch einmal eine Schlacht anzubieten; aber die Jungfrau kommt ihnen zuvor. Ehe sie es vermuthen, erscheint sie im englischen Lager, wo sie Verwirrung und Entsetzen anrichtet. Während das Lager in Flammen aufgeht, wüthet der mörderische Kampf außerhalb desselben, und bald erblicken wir Johanna selbst in der vielbesprochenen Scene mit Montgomery, in dessen unmännlichem Zagen die Furcht des ganzen Heeres der Engländer repräsentirt erscheint. Wenn mehrere Kritiker, wie Schlegel und Hegel, diese Scene ihres epischen Charakters wegen getadelt haben, so müssen wir daran erinnern, daß sich Sch. dessen wohl bewußt war (s. Homer). Und ferner, was den Gebrauch des antiken Jambus betrifft, warum hätte er in einer Tragödie, die sich nicht in allen Scenen im fünffüßigen Jambus bewegt, nicht auch einmal den mehr gedehnten, feierlicher einherschreitenden Trimeter wählen sollen; mußte doch die Jungfrau, die hier im Gegensatz zu der historischen als eine kämpfende, blutvergießende erscheint, diese besondere Art ihres Auftretens in entsprechender Weise motiviren. Ist sie einmal dem strengen Geisterreich, dem unverletzlichen, verpflichtet, so braucht sie sich auch in ihrer Ausdruckswiese nicht durchweg an die Formen zu binden, in welchen sich die Rede der übrigen handelnden Personen bewegt, die eine solche Verpflichtung nicht kennen. Aehnliche Scenen finden sich in Homer (Il. 6, 37; 11, 221; 21, 64); besonders dürfte an die letztere zu erinnern sein, wo sich der Sohn des Priamus vor Achilles niederwirft und diesen um sein Leben bittet, während Achilles seinen eigenen Tod voraussieht und denselben als Beweggrund für seine Unerbittlichkeit anführt. In gleicher Weise bezeichnet sich hier die Jungfrau als ein Gespenst des Schreckens, das dazu bestimmt sei, den Tod zu verbreiten, um schließlich sein Opfer zu sein. Verleugnet sie nun auch in diesem blutigen Geschäft ihre zartere weibliche Natur, so ist doch andererseits nicht zu verkennen, daß durch die Ruhe und Besonnenheit, mit welcher sie den Montgomery ermahnt, sich in das Unvermeidliche zu fügen, das Abstoßende ihrer That glücklich gemildert wird. Ja, ungeachtet sie nicht davor zurückschreckt, ihren kriegerischen Beruf auf’s strengste zu erfüllen, empfinden wir bald mit ihr, daß sie deshalb nicht aufgehört hat, Weib zu sein; denn neben dem blanken Schwerte, das die heiligsten Bande zertrennt, ist auch das Wort auf ihrer Zunge eine wirksame Waffe, um starrsinnige Gemüther zu besiegen und bereits gelöste Bande auf’s neue zu verknüpfen. Als Burgund heranstürmt, ihr Leben zu bedrohen, und Dunois und La HIre herbeieilen, ihr Haupt zu schützen, da hemmt sie den Kampf der edlen Söhne ihres Vaterlandes, mahnt den Herzog an die Pflichten gegen seine Stammesgenossen und wird im Gegensatz zur haßerfüllten Isabeau eine Friedensstifterin, deren kindlich frommer Sinn im Stande ist, einen zürnenden Helden zu überwinden. Wie tief empfunden und wie bewunderungswürdig diese Scene ausgeführt ist, bemerkt man erst, wenn man sie mit Shakespeare’s Heinrich VI. Erster Theil, Act III, Scene 3 vergleicht, wo Alençon’s Worte: „Pucelle hat ihre Rolle brav gespielt“ fast wie bittere Ironie klingen. Wenn es die Aufgabe des dritten Aufzuges ist, uns den Conflict der einander feindlichen Gewalten vorzuführen, so genügt der Dichter dieser Forderung hier, indem er seine Heldin in Collision mit sich selbst kommen läßt. Ihre irdisch-menschliche Natur und die hohen Pflichten ihres idealen Berufes, das sind die Mächte, die in ihrer Seele miteinander ringen und den bedenklichen Knoten schürzen, auf dessen Lösung wir gespannt werden sollen. Wir befinden uns in dem Hoflager des Königs zu Chalons, wo die Feldherren Dunois und La Hire mit einem Gespräch beginnen, das uns von vorn herein bedenklich machen muß. Beide lieben die Jungfrau, dieselbe, an welche der ihnen wohlbekannte Ruf ergangen ist:
Jetzt soll diese Liebe in ihrem Herzen erweckt werden; wird sie, die einen Raimond ausgeschlagen, sich durch die Bewerbungen so hochgestellter Männer nicht geschmeichelt fühlen, um so mehr, als man ihr die Entscheidung zu überlassen gedenkt? Doch noch ehe sie erfährt, daß zwei edle Feldherren um sie streiten, soll sie das am Schluß des vorigen Actes so schön begonnene Werk vollenden, zwei fürstliche Häupter mit einander zu vereinigen. Die geschichtliche Thatsache der Verbindung des Herzogs von Burgund mit seinem königlichen Herrn, die erst nach dem Tode der Jungfrau stattfand , wird hier von dem Dichter zu einer schönen Versöhnungsscene benutzt, die, wie Palleske richtig bemerkt, „aus dem tiefsten Zeitbedürfnisse herausgeschrieben war.“ Sch. hielt damit den deutschen Fürsten einen Spiegel vor, er zeigte ihnen, was sie für Deutschlands Wohl zu thun hatten. Die schönen Worte des Erzbischofs:
welche an den Ausruf des alten Simeon (Luc. 2, 29) erinnern; desgleichen die begeisterte Prophezeihung:
sie waren eine Mahnung, dem französischen Usurpator gegenüber dasselbe zu thun, was hier Frankreichs Fürsten dem englischen Unterdrücker gegenüber thaten, eine Mahnung, die aber leider weniger an die Herzen der Fürsten als an die der Völker drang, welche erst nach mehr als einem Decennium sich gewaltig erhoben, um sich von einem unwürdigen Joche zu befreien. Den versöhnten Fürsten gegenüber erscheint nun Johanna als Friedensengel mit einem Kranze geschmückt, um ihrem Werk die Krone aufzusetzen, indem sie auch Du Chatel mit Burgund aussöhnt. Gleichzeitig spricht sie zwei bedeutungsvolle Prophezeihungen aus, die dem mit Frankreichs Geschichte Vertrauten leicht verständlich sind. Karl’s VII. Sohn, Ludwig XI., vereinigte Burgund mit der Krone, und als dessen Nachfolger, Karl VIII., sich mit der Erbin von Bretagne vermählte, fiel ihr auch das letzte große Lehen zu, so daß gegen Ende des funfzehnten Jahrhunderts ganz Frankreich zu einem Reiche vereinigt war. Weniger günstig lautet die Prophezeihung, die dem Herzog von Burgund zu Theil wird. Die „Hand von oben, die seinem Wachsthum schleunig Halt gebietet“ deutet auf den Tod seines Sohnes, Karl’s des Kühnen, welcher 1477 in der Schlacht bei Nancy gegen die von ihm bekämpften Schweizer fiel; und „die Jungfrau, in welcher sein Haus glänzend fortlebt“, ist Karl’s des Kühnen Tochter Maria, welche sich mit Maximilian von Oestreich vermählte. Beider Sohn, Philipp der Schöne, heirathete Johanna, die Tochter Ferdinand’s und Isabella’s von Castilien, aus welcher Ehe Kaiser Karl V. entsproß, in dessen Reich die Sonne nicht unterging. Johanna verkündet somit das Fortblühen der burgundischen Dynastie in dem Hause Habsburg und die Herrschaft des letzteren über die Länder jenseits des atlantischen Oceans. Diesen hohen Offenbarungen gegenüber ist nunmehr das Herz des Königs von inniger Dankbarkeit bewegt; er zieht sein Schwert und erhebt Johanna in den Adelstand . Wenig vertraut mit der vollen Bedeutung dieses Actes, nimmt sie das Geschenk der Standeserhöhung ruhig entgegen; als jedoch Dunois und La HIre mit ihrer Bewerbung hervortreten, weist sie diese Anträge entschieden zurück. Indessen thut sie es mit einer gewissen Heftigkeit, die ihren inneren Kampf verräth; man sieht, sie ist erzürnt, daß es ihr nicht hat gelingen wollen, die Anwesenden von der Göttlichkeit ihrer Sendung zu überzeugen. Außerdem ist ihr Charakter nicht frei von Ueberhebung. Schon dem Montgomery gegenüber hat sie sich mit jenen „körperlosen Geistern, die nicht frein“ verglichen, und auch jetzt ist sie unwillig, daß man in ihr nichts als ein Weib erblickt. Mit Recht fangen wir daher an, für sie zu fürchten; denn, „wenn der Geist, dessen geheiligtes Gefäß sie ist, nur einen Augenblick von ihr weicht, dann wird auch das Weib erwachen und die beleidigte Natur furchtbar an ihr rächen“ . Auch sie selbst fürchtet für sich und ihre Sendung, denn noch hat sie ihr Werk nicht ganz vollendet; sie sehnt sich daher nach dem Getöse des Kampfes, nach Erfüllung ihres Schicksals. Ihr Wunsch wird ihr erfüllt, der Feind hat sich gesammelt, bei Patay sind neue Lorbeeren zu erwerben. Talbot (s. d.) wird verwundet und stirbt, wie er gelebt, als Atheist, von dem nichts weiter übrig bleibt als eine Hand voll leichten Staubs. Die Franzosen dringen siegreich vor, aber die Jungfrau fehlt. Wo ist sie? Wir finden sie in einer vom Schlachtfelde abgelegenen Gegend, ein Feind hat durch verstellte Flucht sie listig bis hierher gelockt. Wer ist dieser Feind? Aus dem Prolog hallen die warnenden Worte des alten Thibaut herüber:
Jetzt ist sie allein, die treuen Freunde stehn ihr nicht zur Seite, und siehe da, der Versucher naht sich ihr. Und warum sollte er nicht die Gestalt eines Ritters annehmen, betrachtet sie sich doch selbst als eine unüberwindliche Kriegerin; und warum nicht die eines schwarzen Ritters, schien doch in dem Nationalfeinde die Schreckgestalt des schwarzen Prinzen immer noch wie ein böser Dämon im Hintergrunde zu lauern und in jedem einzelnen Feinde sich auf’s neue zu verkörpern. Wenn A. W. Schlegel die Erscheinung des schwarzen Ritters tadelt und Sch.’s Absicht dabei eine zweideutige nennt, so übersieht er, daß die Jungfrau gleich zu Anfang deutlich genug sagt:
Sie kann ihn also unmöglich für Talbot, oder auch nur für dessen Geist halten, um so mehr, als sie nach dem Verschwinden der Erscheinung, von ihrer Verwirrung befreit, eben so deutlich sagt:
Die Stelle aus Sch.’s auserlesenen Briefen von H. Döring, deren G. Schwab erwähnt, und zufolge welcher Sch. selbst behauptet haben soll, daß er unter dem schwarzen Ritter nichts Anderes als Talbot’s Geist gemeint habe, erklärt Palleske, eben so wie die gleichlautenden Mittheilungen Böttiger’s, für untergeschoben. Hoffmeister ist ihnen gefolgt, G. Schwab und K. Goedeke scheinen ihnen beizustimmen, Jos. Bayer übergeht die Erscheinung ganz. Wir stimmen Palleske bei und halten den schwarzen Ritter, welcher der Jungfrau anfangs als ein unerklärliches Phantom erscheint und ihre Sinne verwirrt, für den Fürsten der Finsterniß, oder, um ohne Bild zu reden, für die Personificirung des in ihrer Seele vorgehenden Zwiespalts. Die Erscheinung ist auf diese Weise allerdings nicht dramatisch, wohl aber psychologisch bedingt, was bei einer Heldin, welcher himmlische Erscheinungen zu Theil geworden, durchaus nicht auffallen kann und in einer romantischen Tragödie vollkommen gerechtfertig erscheint. Die Nothwendigkeit dieses durch einen Monolog schwer zu ersetzenden Vorganges erhellt aus der nachfolgenden Scene, wo das Weib in seinen rein menschlichen Empfindungen mit der von idealem Streben begeisterten Heldin in Conflict geräth. Denn unmittelbar nachdem sie die Warnung erhalten, die sie ihrem Gelübde untreu machen soll, trifft sie mit Lionel zusammen. Nach kurzem Kampfe macht sie ihn wehrlos, indem sie ihm das Schwert aus der Hand schlägt; hierauf ringt sie mit ihm und reißt ihm den Helm vom Haupte. Jetzt handelt es sich darum, ihn zu tödten; aber in demselben Augenblick, wo sie das Unmenschliche vollbringen, und den wehrlosen Feind erschlagen will, da erwacht in ihr die Menschlichkeit und steigert sich zur Empfindung persönlicher Zuneigung, so wie sie ihm in’s Antlitz schaut. Das stolze Wort, das sie noch vor wenig Augenblicken, wo der Versucher sich ihr nahte, in dem Gefühle der Siegesgewißheit gesprochen:
das Wort, mit dem sie weit über ihre Berufung hinausgegangen, da doch Rheims das Ziel ihres Handelns sein sollte, es straft sich jetzt in ihrem Fall. Wir fühlen es mit ihr, die Hölle hat gesiegt, die göttliche Kraft ist von ihr gewichen; ja selbst das Schwert, das ihr die Mutter Gottes einst bezeichnet, sie läßt es in des Feindes Hand zurück. So ist sie, die erhabene Heldin, durch ihre eigene Schwäche überwunden und zwar in demselben Augenblick, wo Dunois und La Hire sich nahen, um ihr den Sieg des Heeres zu verkünden, wo Rheims dem König seine Thore öffnet. Der vierte Aufzug führt nun die Krisis oder Entscheidung herbei; es fragt sich: Wird die irdisch-menschliche Natur in unserer Heldin siegen, oder wird sie sich von ihrem Fall erheben, um ihrem hohen Ideale treu zu bleiben? Sie ist zu Rheims, die Vorbereitungen zur Krönung sind getroffen, Aller Herzen sind voll Freude; nur sie allein ist unglücklich, denn es drückt sie ein schweres Schuldbewußtsein. Die edelsten Söhne ihres Vaterlandes hat sie verschmäht, und nun fühlt sich ihr Herz zu einem Feinde hingezogen. Muß sie sich jetzt nicht als Verrätherin an der Sache erscheinen, der sie bisher so treu gedient, muß sie nicht vor sich selbst erschrecken? In einem rührenden Monologe, dessen elegischer Ausdruck durch die melodramatische Behandlung zu wunderbarem Effecte sich steigert, macht sie uns mit ihrer Seelenstimmung bekannt. Während die weicheren Empfindungen der Wehmuth in dem musikalischen Versmaß der achtzeiligen Stanze uns an das Herz dringen, bricht bei der Selbstanklage die Heftigkeit ihrer inneren Erregung in lebhafter bewegten Jamben hervor, worauf die Tiefe ihres Schmerzes in feierlich ernst und schwer einherschreitenden Trochäen zu tief ergreifendem Ausdruck gelangt. Es ist eine strenge Selbstprüfung, der sie sich unterzieht; mit inniger Bewegung folgen wir den Gedanken, die sich unter einander verklagen und entschuldigen; wir fühlen es mit ihr, wie selten unsere Kraft ausreicht, den erhabenen Forderungen zu genügen, welche die Erreichung einer idealen Lebensaufgabe an uns stellt; wir erinnern uns der Stimmung einer Kassandra, welche in dem Gefühl ihrer Unwürdigkeit in den Schmerzensruf ausbricht: „Schrecklich ist es, deiner Wahrheit sterbliches Gefäß zu sein.“ Ihr Seelenzustand ist um so ergreifender, als sie nun auch in Conflict mit der Außenwelt geräth. Am Ziele ihres Strebens, wo Alles bereit ist, ihr zu huldigen, möchte sie selbst der Welt entfliehen. Und doch ist sie gerade jetzt am wenigsten zu entbehren, denn sie, „die all’ dies Herrliche vollendet“, sie soll dem Feste die Krone aufsetzen. Da trifft sie zunächst Agnes Sorel, die sich in dem Gefühle ihres Nichts vor ihr, der Schuldbeladenen, niederwirft. Wie schwer muß sie den Gegensatz empfinden zwischen dem, was sie ist, und dem, was Andere von ihr halten. Ist es zu verwundern, wenn sie jetzt die Sorel, die nie etwas Höheres hat sein wollen als ein liebend Weib, weit über sich erhebt? Und als nun gar des Königs Ritter kommen, um sie zum Krönungszuge abzuholen, kann sie jetzt die ihr dargebotene Fahne freudig ergreifen, der Himmelskönigin in’s Antlitz schauen? Nein, sie erschrickt vor ihr und setzt durch ihre räthselhafte Selbstanklage auch ihre Bewunderer in Schrecken. So betheiligt sie sich mit schwerem Herzen, an dem Krönungszuge, und während Alles ihr zujauchzt und sie glücklich preist, schreitet sie selbst als eine Tiefgedemüthigte unter ihrer Fahne einher. Im tiefsten Herzen erschüttert, werden wir plötzlich in die einfachsten Verhältnisse der realen Welt versetzt. Johanna’s Verwandte, die schon vor dem Krönungszuge auf einige Augenblicke die Scene betreten, vor allen die heitere und glückliche Margot, so wie die ernste und besorgte Louison, nehmen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Schwester ist der Gegenstand ihrer Unterhaltung, in die sich bange Besorgniß mischt, besonders bei dem Vater, der, um ihre Seele zu retten, sie von ihrer Höhe herabstürzen will. Und hat er nicht in gewissem Sinne Recht? Stürzt doch in demselben Augenblick Johanna, im tiefsten Inneren geängstigt, aus der Kirche, bekennt sie doch ihren Schwestern, daß sie sich eitel über sie erhoben, und möchte sie doch am liebsten mit ihnen sich wieder in die stille Einsamkeit zurückziehen. Aber noch ist ihr eine schwere Prüfung vorbehalten. Der König tritt jetzt auf, dem Volke seinen Dank zu sagen, vor Allem aber ihr, die ihm so wunderbar geholfen. Mit Volkesjubel und schmetternden Fanfaren auf’s neue begrüßt, richtet der König jetzt die Frage an sie, ob sie von irdischer Abkunft oder eine Heilige sei. Das muß dem Vater, der sie als eine vom Teufel Verführte betrachtet, wie eine Lästerung erscheinen; er tritt hervor und erhebt die schwersten Anklagen wider sie. Die Fragen, die er an die Tochter richtet, sind in verschiedenem Sinne zu deuten; die Umstehenden müssen sie ganz anders auffassen als Johanna selbst, von deren Seelenzustand nur der Zuschauer eine Ahnung hat. Sie schweigt aus weiblicher Scheu, da sie sich öffentlich nicht zu vertheidigen wagt; wie sollte sie auch dem Vater widersprechen, dessen Anklage ihr selbst noch unverständlich ist. Da sie sich innerlich nicht rechtfertigen kann, so läßt sie Alles ruhig über sich ergehen und nimmt freiwillig ein schweres Leiden auf sich, um eine kleine Schuld zu büßen. Jetzt naht der Bischof mit dem Kreuz; eine einfache Berührung desselben würde hinreichen, sie zu reinigen, aber sie wagt es nicht. Jetzt wendet sich Alles von ihr bis auf den tapferen Dunois, der allen Zeichen zum Trotz an ihre Unschuld glaubt. Aber auch ihm mag sie sich nicht vertrauen, und so hat sie mit allem irdischen Glanze gebrochen. Und da der König selbst ihr sagen läßt, sie möge den Thoren Rheims den Rücken wenden, so ergreift sie willig die Hand des treuen Raimond und begiebt sich auf die Flucht. In dem fünften Aufzuge, welcher uns die Katastrophe oder den Ausgang bringt, werden wir von dem prächtigen Platz vor der Kathedrale, mitten aus dem Glanz des Krönungszuges in eine Wildniß versetzt. Vor einer einsam gelegenen Köhlerhütte erfahren wir von Leuten, die stets in stiller Abgeschiedenheit gelebt, daß der Völkerkampf von neuem begonnen und für das französische Heer eine schlimme Wendung zu nehmen droht. Da erscheint Raimond mit der erschöpften Johanna, die hier ihre letzte schwere Prüfung zu bestehen hat. Ein einfältiger Köhlerbube bezeichnet sie als die Hexe von Orleans und reißt ihr den Labetrunk vom Munde. Von jetzt an sehen wir in der Heldin des Stückes nicht mehr die Hochbegnadigte, sondern nur noch die Arme und Hülfsbedürftige. Die in der Feldschlacht stets gesiegt, sie mußte in dem Kampfe mit sich selbst erliegen, um erst durch bittere Erfahrungen geläutert und dann durch Reue und Buße wieder aufgerichtet zu werden. Ihre Unterredung mit Raimond ist eine Scene voll tiefer psychologischer Wahrheit, die uns mit heiliger Ehrfurcht vor der sittlichen Hoheit des Dichters erfüllt, eine Scene, die in der ganzen Literatur vergeblich ihres Gleichen sucht. Voll Schmerz, von Raimond sich verkannt zu sehen, dem Einzigen, der ihr treu geblieben, erklärt sie sich des Verbrechens der Zauberei für unschuldig. Ueber ihre wahre Schuld giebt sie ihm nur leise und zarte Andeutungen, denn er, „der nur das Natürliche der Dinge sieht“, würde sie doch nicht zu fassen vermögen; aber Leiden, Verbannung, Mangel und Flucht haben sie jetzt innerlich geläutert, so daß sie bereit ist, ihr ganzes Selbst mit voller Ergebung zum Opfer zu bringen. Und dieses Opfer, es läßt nicht lange auf sich warten, denn Isabeau erscheint mit den englischen Soldaten und führt sie als Gefangene hinweg. Aber in dem französischen Lager hat sie noch einen Freund, es ist Graf Dunois, welcher sie gegen Du Chatel und den Erzbischof in Schutz nimmt, dessen Worte:
die religiöse Anschauung seiner Zeit in kurzen Zügen, aber treffend zeichnen. Hierher bringt Raimond die Nachricht, daß Johanna gefangen ist, zu deren Befreiung Dunois mit begeisterten Worten auffordert. Sie selbst erblicken wir hierauf im englischen Lager. Ein Wartthurm wird von französischen Truppen, die Jungfrau von zwei noch schlimmeren feindlichen Mächten bestürmt, denn Isabeau verlangt ihren Tod, während Lionel um ihre Hand wirbt. Aber ihr Herz schlägt nur noch für ihr Vaterland, und als sie nunmehr jede irdische Schwäche vollständig besiegt, kehrt mit dem inbrünstigen Gebet zugleich die frühere Wunderkraft zurück. Mit mächtiger Hand zersprengt sie ihre Ketten, stellt sich noch einmal an die Spitze des Heeres, befreit den König aus drohender Gefahr und hilft den Ihrigen den Sieg erringen. Doch mit dem Siege ist auch ihr Geschick erfüllt, mit der tödtlichen Verwundung die begangene Schuld gesühnt. Noch einmal erhebt sie sich, fordert ihre Fahne, schaut die Königin des Himmels in ihrer Glorie und geht verklärt zu den Regionen des ewigen Friedens ein. Wer es nicht verschmäht hat, der eben gegebenen Darstellung mit ruhiger Hingebung zu folgen, der wird es kaum begreifen können, daß außer vielen anderen Kritikern selbst Männer wie Hoffmeister, G. Schwab, Schlegel, Tieck, Hegel und Jos. Bayer so manchen herben Tadel über das Stück ausgesprochen haben . Daß der eine den Prolog sonderbar, ein anderer die Verknüpfung des Stückes lose, ein dritter den Talbot mißglückt fand, daß man den epischen Charakter der Scene mit Montgomery in einem Drama als unstatthaft bezeichnete, in dem Auftreten des schwarzen Ritters etwas Angekünsteltes erblickte, Johanna’s schnelle Liebe zu Lionel, desgleichen ihr Schweigen auf die Beschuldigungen ihres Vaters sich nicht erklären konnte, ja daß man selbst in dem von der Geschichte abweichenden Schluß des Stückes eine Unfähigkeit entdecken wollte, das Drama Gottes zu begreifen – das alles sind die Folgen vorgefaßter Meinungen, die, den theoretischen Gesetzen künstlerischer Darstellung entnommen, mit dem Maßstabe nüchterner Reflexion an ein Werk herantraten, dem wir vor Allem unsere liebende Theilnahme entgegen bringen sollten. Goethe sagt in dieser Beziehung mit vollem Rechte : „Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt in dem Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmüthige, in’s Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt.“ Und mit derselben Gutmüthigkeit, fügen wir hinzu, müssen wir auch dem Dichter entgegen kommen, wenn wir uns den Genuß an seinem Werke nicht verkümmern wollen, um so mehr als die etwa berechtigten Ausstellungen durch einen großen Reichthum von erhabenen Schönheiten vollständig aufgewogen werden. Wem das Organ für die Erscheinungen, welche der Glaube an eine übersinnliche Welt hervorzubringen vermag, versagt ist, der hat keine Vorstellung von dem Handeln einer Johanna; und wer bei dem Streben nach einem hohen Ideale nie mit Kummer über die Unzulänglichkeit seiner irdischen Kräfte erfüllt worden ist, der hat keinen Sinn für ihren Schmerz. Wir können daher G. Schwab keinesweges beistimmen, wenn er sagt: „Schiller wollte phantastisch, wollte romantisch werden, wie die Gebrüder Schlegel. Das mußte ihm mißlingen, weil seine Natur auf’s Heldenmäßige, rein Menschliche angelegt war; für das Phantastische und Geisterhafte, für diesen Fremdling aus der andern Welt fehlte ihm das Organ.“ Wir sind dagegen der Ansicht, daß Sch.’s Jungfrau auf einer tiefen Kenntniß des menschlichen Herzens beruht, und weil sie allen edleren Naturen ein Bild ihres eigenen inneren Lebens entgegen bringt, auch wiederum mächtig zu Herzen geht. Das Stück hat sich daher einerseits durch seine psychologische Tiefe, so wie andererseits durch die ästhetische Mannigfaltigkeit seiner Form ein weiteres Feld erobert als das reine Drama; und wenn es der Darstellerin der Jungfrau gelingt, neben dem dramatischen auch ein pathetisch-declamatorisches Talent zu entfalten, wie die Rolle es durchaus verlangt, so wird die von dem Dichter beabsichtigte Wirkung gewiß nicht ausbleiben. |
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