Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Lexikon - I

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Lexikon
            I

Das Ideal und das Leben (Gedicht)

Zum Gedicht Das Ideal und das Leben.

Dies didaktisch-lyrische Gedicht erschien im Jahre 1795, nachdem Sch. sich beinahe sechs Jahre lang von der Poesie zurückgezogen, zuerst unter dem Titel: „Das Reich der Formen“; später unter dem: „Das Reich der Schatten“. Da dieser letztere Titel aber leicht falsch gedeutet werden konnte, so verwandelte er ihn schließlich in den gegenwärtigen. Sch. hatte damals so eben seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (Bd. 12, S. 1) beendigt, und im Rückblick auf diese Vorstudien legte er dem vorliegenden Gedichte einen ganz besonderen Werth bei, da er die Bestimmtheit der Begriffe als unendlich vortheilhaft für das Geschäft der Einbildungskraft ansah. Bezeichnend bleibt es ferner, daß er aus seinem „kritischen Kleeblatte“, nämlich Goethe, W. v. Humboldt und Körner, zunächst Humboldt, den Philosophen, auswählte, um von diesem ein Urtheil zu hören. Humboldt sprach sich außerordentlich günstig darüber aus und lobte besonders die Tiefe der Ideen, die zugleich im Stande seien, neue Ideen anzuregen. Und allerdings ist das Gedicht nur für solche Leser berechnet, welche eine ernste Anstrengung beim Denken nicht scheuen, wenngleich der an sich abstracte Gegenstand mit vieler Lebendigkeit und großer Anschaulichkeit behandelt erscheint. Das Gedicht ist hervorgegangen aus dem Bestreben, eins der großen Räthsel des Lebens zu lösen, nämlich den Weg zu zeigen, auf welchem der strebsame, in ernstem Ringen begriffene Mensch zu einem gewissen Grade von innerem Frieden gelangen kann. Zu diesem Zweck ist das Gebiet des Idealen dem wirklichen Leben gegenübergestellt, und der Gegensatz zwischen beiden an einer Reihe von Erscheinungsformen durchgeführt. Der Gedankengang ist folgender: Das Leben der Götter (Str. 1) erscheint als ein leichtes und freies, da sie keinen Conflict zwischen der sinnlichen Neigung und den strengen Pflichten eines Sittengesetzes kennen. „Frei im Aether herrscht der Gott“ (vergl. Das eleusische Fest, Str. 26); die Götter sind also die Ideale, die der Mensch als Vorbild seines Strebens zu betrachten hat, um den durch die Doppelnatur seines Wesens bedingten Streit in eine harmonische Stimmung umzugestalten. Das Verlangen nach diesem inneren Frieden (1. Anm. Eine später gestrichene Strophe) liegt in jeder Menschenbrust; aber nur wer seine sinnlichen Neigungen zu bekämpfen versteht, vermag sich von den Fesseln zu befreien, denen jedes zeitliche Dasein unterworfen ist. Der Mensch soll sich also (Str. 2) von den Banden der Natur unabhängig machen, in dem er seine doch allmälig stumpf werdende sinnliche Natur unterdrückt und sich mit dem ästhetischen, dafür aber bleibenden Genusse begnügt. Denn selbst der Orcus würde der Persephone (s. d.) gestattet haben, zum Olymp zurückzukehren, hätte sie ihre Hand nicht nach einer Frucht desselben ausgestreckt. Nur unser Körper (Str. 3) ist der Gewalt der Parzen (s. d.) unterworfen; „die Gestalt“ dagegen, d. h. die durch die Phantasie gebildeten idealen Formen, tragen uns mit leichtem Flügelschlag zu höheren Regionen empor. Wir brauchen keinesweges zu fürchten (2. Anm. Str. 1), daß, wenn wir dem Umgange mit „den fürchterlichen Schaaren“, d. h. den lockenden Erscheinungen der Sinnenwelt entsagen, uns dadurch die Heimath, d. h. der eigentliche Kern unseres menschlichen Wesens, verloren gehen werde. Der Sinnengenuß, den das Leben darbietet, führt eben nur zum Grabe, während die denkende Betrachtung, welcher die Begierde zum Opfer gebracht wird, uns in eine „Freistatt“ (2. Anm. Str. 2), zu einem Frieden führt, wo selbst die Erinnerung ihr Schmerzliches verliert. Die Höhe der Betrachtung ist ein Gebiet, in welches die Leidenschaft nicht hinübergreift, denn selbst die eigene Schuld wird hier zu einem Gegenstande ruhiger Reflexion. Ist auf diese Weise (Str. 4) das Göttliche in dem Menschen herausbildet, dann ist zugleich eine über allen Kampf erhabene Ruhe eingetreten, wie sie nur auf dem Gebiete des Idealen erschienen kann. Diese Ruhe, „die Unsterbliche“, stammt aus himmlischen Gefilden, wo sie vor ihrem Herniedersteigen zu dem irdischen Leibe, „dem traur’gen Sarkophage“, in reinstem Glanz erschien, während in dem wirklichen Leben ein stetes Schwanken zwischen der Vernunft und der sinnlichen Neigung stattfindet. Der Sieg indessen (Str. 5), dessen Kranz uns in dem Reich der Ideale winkt, soll uns keinesweges von dem irdischen Kampfe entbinden; nur ermuthigen soll er uns, wenn wir in dem nun einmal unvermeidlichen Kampfe etwa erlahmen möchten. Die zum Idealen, „zu der Schönheit Hügel“ sich emporschwingende Seele soll sich stärken an einem Bilde der Phantasie, das an keinen Stoff gebunden ist.

Nach diesem Eingange folgen acht antithetische Strophen, die abwechselnd mit „wenn“ und „aber“ beginnen, und von denen die erste von je zweien uns auf eine bestimmte Erscheinung des wirklichen Lebens hinweist, währen die zweite uns in das entsprechende Gebiet des Idealen versetzt.

In dem Leben (Str. 6), wir mögen nach Herrschaft oder nach Sicherung des Errungenen streben, herrscht ein steter Kampf, in dem Kraft gegen Kraft in die Schranken tritt, wie auf der „bestäubten“ Rennbahn im Alterthum; in dem Reiche des Ideales dagegen (Str. 7) herrscht Ruhe und Friede; hier rinnt der vormals von Klippen eingeschlossene, wild dahin brausende Strom des Lebens sanft und eben zwischen den Schatten oder den reinen Formen (vergl. Str. 13) dahin, welche von Aurora und Hesperus bestrahlt erscheinen, den Symbolen muthiger Jugendkraft und besonnener Mannesklarheit. – In ähnlicher Weise (Str. 8) geht es dem Künstler wie dem Forscher; jener kämpft mit dem irdischen Stoffe, dieser mit den Formen der Natur, welche als Trägerinnen der Ideen erscheinen. Jener sucht dem, was als Ideal in seinem Innern lebt, Gestalt zu geben; dieser das, was er als ideale Ausbeute gewonnen hat, in Worte zu kleiden. Beiden ist es um nichts Anderes als um die Wahrheit zu thun, die aber nur (Str. 9) in dem Reiche des Idealen ohne den belastenden Stoff, d. h. in voller Reinheit erscheint. Und sollte auch bisweilen ein Zweifel sich erheben, das Ideal in der Seele des Künstlers oder Froschers sich verdunkeln, und Mangel an Vertrauen zu ihren Leistungen auf Augenblicke sie niederdrücken: der Blick in jene höheren Sphären wird sie wieder begeistern und ihre Seele mit Siegesgewißheit erfüllen. – Eben so bietet das Leben (Str. 10) auf dem sittlichen Gebiete überall den scharfen Gegensatz zwischen der Erhabenheit des Gesetzes und der Beschränktheit der menschlichen Kraft dar. Der Vergleich unserer Leistungen mit der Würde und Heiligkeit unserer Verpflichtungen ruft stets ein drückendes Gefühl hervor; im Reiche des Ideales dagegen (Str. 11) ist jener Gegensatz erloschen. Die ästhetische Ausbildung, zumal wenn sie unsern Willen mit erfaßt, muß uns in eine harmonische Stimmung versetzen, in welcher alles Göttliche uns näher tritt und sein Unerreichbares verliert. – Auch auf dem Gebiete des Leidens (Str. 12), wie es uns in seiner fürchterlichsten Größe an dem Beispiel des Laokoon (vergl. 2. B. d. Aen. 36-38) erscheint, fühlen wir unsere ganze Ohnmacht, die sich höchstens zum Mitgefühl erheben kann, unserm Geiste aber, dem „Unsterblichen in uns“ keine ruhige Reflexion gestattet. Diese erscheint nur möglich (Str. 13) bei der Betrachtung des Kunstwerkes, der bekannten Gruppe des Laokoon. Hier schweigt das beklemmende Gefühl des Mitleidens, und die Reflexion verweilt allein bei „der tapferen Gegenwehr“, dem idealen Inhalte des Kunstwerkes. Wie der Frieden verkündende Regenbogen auf dem dunklen Hintergrunde einer davonziehenden Wetterwolke, so weilt die ästhetisch-ruhige Betrachtung auf den Bildern des Schreckens. –

In den beiden Schlußstrophen wiederholt sich der durch die früheren Bilder gewonnene Eindruck in mächtiger Steigerung, indem der Kampf des Menschen (Str. 14) mit den Arbeiten des Alcid, des Herakles (s. d.) verglichen wird, der, als „Knecht des Feigen“, des Eurystheus, seine schweren Arbeiten verrichten mußte, bis er endlich (Str. 15), um den Qualen zu entgehen, welche ihm das von seiner Gattin Dejanira gesendete Gewand bereitete, sich selbst auf einem Scheiterhaufen verbrannte. Wie einst Herkules nach überstandenen schweren Kämpfen zum Olymp emporstieg, wo er mit Hebe, der Göttin der Jugend, vermählt ward, so erlöst den Menschen die Erhebung zu dem Idealen von den irdischen Fesseln, bis er schließlich selbst in das Reich des Ideals versetzt wird, das ja vor Allem ein Reich der Jugend ist.

Daß dieses philosophische Gedicht, gleich „dem Kampf, der Resignation und den Göttern Griechenlands“ (vergl. d.) vor dem Forum der christlichen Anschauungsweise nicht bestehen kann, ist leicht begreiflich; auch dürfte schwerlich Jemand behaupten, daß das oben angedeutete große Räthsel hier gelöst sei. Wer aber von dem lyrischen Dichter nicht den erhebenden Zuspruch eines geistlichen Seelsorgers, sondern nur ein ehrliches Bekenntniß seines Innern nach Maßgabe seines errungenen Standpunktes erwartet, der wird dem hier Dargebotenen seine Anerkennung nicht versagen können. Der Dichter ist hier eben noch in der Entwickelung begriffen; und nur „dem Fertigen ist nichts recht zu machen; ein Werdender wird immer dankbar sein“. Uebrigens hat die Poesie nur die Aufgabe, uns die Erscheinungen des Lebens in verklärter Gestalt entgegenzubringen. Die Anforderungen, welche wir an die Kanzel stellen, hat sie nicht zu erfüllen.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.