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Die Huldigung der Künste(Bd. 6). Als Sch. im Frühjahr 1804 eine Reise nach Berlin gemacht, konnte er längere Zeit hindurch zu keiner ernsten Arbeit kommen. Dazu kam die nahe bevorstehende Entbindung seiner Gattin, welche sich Niemand als dem Arzt Starke in Jena anvertrauen mochte. Dies veranlaßte Sch., mit seiner Familie dorthin zu gehen. Leider aber zog er sich bei einer Spazierfahrt eine Erkältung zu, deren Folgen sich auch, nachdem er mit seiner von einem Töchterchen glücklich entbundenen Frau nach Weimar zurückgekehrt war, immer noch nicht recht beseitigen lassen wollten. Kaum ging es ihm etwas besser, es war etwa um die Mitte des October, so rückte auch die Zeit näher, in der man in Weimar die Ankunft der jungen Erbprinzessin Maria Paulowna, der Großfürstin von Rußland, erwartete. Die ganze Stadt war in freudiger Aufregung und bereitete sich zum festlichen Empfange der jugendlichen Fürstin vor. Nur von Seiten des Theaters war noch nichts geschehen; und Goethe, dessen nächste Pflicht es gewesen wäre, bei dieser Gelegenheit mit einer poetischen Production hervorzutreten, fühlte sich nicht geneigt dazu. Er ersuchte daher Sch., zum Empfange der Prinzessin im Theater ein Vorspiel zu dichten. Sch., obgleich auch kein Freund von Gelegenheitspoesieen, gab den dringenden Bitten seines Freundes nach, und so entstand in der kurzen Zeit vom 4. bis 8. November unseres Dichters letztes Originalwerk: „Die Huldigung der Künste“, welches am 12. November als Vorspiel zum Mithridates aufgeführt wurde. Der allgemeine Beifall, welcher dem Dichter bei dieser Gelegenheit gezollt ward, war ein wahrhaft erhebender, indem bei den Worten des Genius:
sich die edelste Rührung aller Anwesenden und auch der jungen Fürstin bemächtigte. Sch. der sich so oft, theils in Poesie, theils in Prosa über das eigentliche Wesen der Kunst ausgesprochen, hat dies in dem vorliegenden Werke in der edelsten und würdigsten Weise zum letzten Mal gethan und uns, um mit Hoffmeister’s treffendem Ausdrucke zu reden, darin sein ästhetisches Testament hinterlassen. Der Hauptgedanke, welcher auch in seinen culturhistorischen Gedichten häufig wiederkehrt, daß der Mensch durch die Kunst von dem einfachen Naturzustande zu höherer Gesittung emporgeführt werde, ist hier in einem lyrisch-dramatischen Gemälde zu unmittelbarer Anschauung gebracht. Zugleich aber ist das Ganze in eine zarte und sinnige Beziehung zu der Fürstin gesetzt, welcher hier von Seiten der Kunst eine Huldigung darzubringen war. Die Erbprinzessin Maria Paulowna war die Tochter des im Jahre 1801 ermordeten Kaisers von Rußland, Paul’s I. und seiner zweiten Gemahlin Maria Feodorowna, der früheren Prinzessin Dorothea Augusta Sophia von Würtemberg. Sie vermählte sich mit dem Erbprinzen Karl Friedrich und war die Mutter der jetzigen Königin Augusta von Preußen. Ihre Brüder, auf welche das Gedicht hinweist, hießen Alexander, Constantin, Nikolaus und Michael; ihre Schwestern Alexandra, Helena, Katharina und Anna. – Der „große Ahnherr“, auf den die Architektur hindeutet, ist Peter I. oder der Große (1682-1725), welcher, nachdem er auf einer Reise durch Deutschland, Holland und England europäische Bildung kennen gelernt, dieselbe mit entschiedener Conseuquenz in Rußland zu verbreiten suchte, im Jahre 1703 Petersburg gründete und Rußland eine Seemacht schuf. Seine Reiterstatue, von Falconet gegossen, wurde 1782 aufgestellt; sie steht unsern der Newa auf einem mit großer Mühe dorthin geschafften Granitfelsen (S. 182) und bildet einen prächtigen Schmuck des Petersplatzes in dem sogenannten Admiralitätsquartier, dem Mittelpunkte der Stadt. – Der „hohe Bruder“, dessen die Sculptur (S. 182) erwähnt, ist Alexander I., geb. 1777; er bestieg den Thron am 24. März 1801, und obwohl mit despotischer Gewalt ausgerüstet, bemühte er sich doch, Menschenfreundlichkeit zu üben und vor Allem die weitgreifenden Entwürfe Peter’s des Großen zur Ausführung zu bringen. Die der „Huldigung der Künste“ zu Grunde liegende Idee hat zunächst einen symbolischen Charakter. Einfache Landleute pflanzen einen edlen Baum in ihren heimathlichen Boden und betrachten denselben als ein Sinnbild der edlen Fürstin, die, aus einem fernen Lande gekommen, in ihrer Mitte heimisch werden soll. Da sie aber allein nicht im Stande sind, die hohe Gebieterin an sich zu fesseln, so kommt ihnen der der Fürstin bereits wohlbekannte Chor der Künste zu Hülfe, um das Band der aufgegebenen Heimath mit dem der neuerwählten in sinniger Weise zu verknüpfen. Der Genius des Schönen führt der Gefeierten die einzelnen Künste entgegen, worauf jede derselben mit zarter Beziehung auf die Fürstin sich selbst charakterisirt, alle aber sich bereit erklären, ihr zu dienen und zur Verschönerung des neubetretenen Lebenspfades beizutragen. Daß unter allen die Poesie sich am schwungvollsten ausspricht, erscheint wohl natürlich; ihre Worte sind gewissermaßen der Schwanengesang des von dem irdischen Liebe sich losringenden Dichters, dem es von da ab nur noch wenige Monden vergönnt war, auf Erden zu wallen. |
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