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Die Götter Griechenlands

Zum Gedicht Die Götter Griechenlands.

Dies Gedicht stammt aus dem Frühjahr 1788. Sch. sagt darüber selbst in einem Briefe an Körner: „Ich habe die Entdeckung gemacht, daß, ungeachtet der bisherigen Vernachlässigung (er hatte sich nämlich mit historischen Arbeiten beschäftigt), meine Muse noch nicht mit mir schmollt“ – und weiter: „es ist ziemlich das beste Gedicht, das ich neuerdings hervorgebracht habe.“ Das Gedicht ist eine Elegie, in welcher die Götterwelt der Griechen als ein verloren gegangenes Ideal betrauert wird, eine Empfindung, die sich als der Ausfluß von Sch.’s damaliger Weltanschauung erklären, wenn auch nicht vertheidigen läßt. Uebrigens ist die Annahme, daß Sch. gegen die Verehrung eines Gottes habe zu Felde ziehen und die religiöse Anschauung der Hellenen im Ernst zurückrufen wollen, jedenfalls eine voreilige, wenn nicht gar eine böswillige. Sch. beklagt wohl nur die vorherrschende Verstandesrichtung auf dem Gebiete der Religion wie auf dem der Natur, und sehnt sich danach, dem realen Leben wiederum den Schmuck der Poesie zu verleihen. – Str. 2, V. 4: „was nie empfinden wird“, d. h. die unorganische, die leblose Schöpfung. – Str. 4: Der Lorbeer ist die verwandelte Daphne (s. d). V. 5: Der Bach, welcher Demeters Zähre empfing, ist die in eine Quelle verwandelte Cyane, die Freundin der Proserpina. Die beiden letzteren hatten einst Blumen gepflückt, wobei Proserpina von Pluto geraubt ward. V. 8: Cytherens schöner Freund ist Adonis (s. d.). – Str. 5, V. 4: Der Sohn der Leto ist Apoll, welcher die Heerden des Admet weidete. – – Anmerkung Str. 1: Die Priesterin war sich bewußt, gerade durch ihre jungfräuliche Schönheit selbst den Gott des Donners zu beherrschen, und dieses Bewußtsein hatte für sie einen solchen Reiz, daß sie Priesterin und Jungfrau blieb. – Str. 2, V. 4: Die besseren Wesen, die edleren Gestalten sind die aus religiöser Begeisterung hervorgegangenen Werke der Bildhauerkunst, in denen die Götter sich selbst wiederfanden. – Str. 3: Der Hirtengott ist Pan (s. d.). – – Str. 8, V. 2: Der Wagen des Dionysos oder Bacchus wurde von Tigern, Leoparden oder Panthern gezogen. – Str. 9: Ein Skelet mit der Hippe und dem Stundenglas, das Bild des Todes, wie die dürre Kunst des Mittelalters es sich geschaffen, wäre dem ästhetischen Sinne des hellenischen Volkes zuwider gewesen. Die Griechen dachten sich den Tod als einen Genius (s. d.) mit einer umgekehrten, erlöschenden Fackel. Zugleich pflegte man ihm einen Schmetterling oder eine Psyche mit Schmetterlingsflügeln als Symbol der dem Körper entschwebenden Seele beizugeben. V. 7: Der Thraker od. Thracier ist Orpheus (s. d.). – Str. 11, V. 4: „Der Wiederforderer der Todten“ ist Hercules; „der Götter stille Schaar“ sind die Götter der Unterwelt, die sich ihm willfährig zeigen (vergl. Alceste). V. 8: „Das Zwillingspaar“ sind Kastor und Pollux (s. Dioscuren). – Str. 13, V. 2: Des Nordens schauerliches (früher: winterliches) Wehen ist als die kalte Verstandesbetrachtung der germanischen Völker gegenüber der phantasiereichen Lebensanschauung der hellenischen zu betrachten. V. 8: „Die Wälder wiederhallen leer“, d. h. statt der empfindsamen Echo, statt der Oreaden, Dryaden und Najaden haben wir höchstens eine einfache akustische Erscheinung. – Str. 14, V. 7: Die Gesetze der Schwere oder Gravitation, von denen die Bewegung der Weltkörper abhängig ist, wurden zuerst von J. Newton (s. d.) aufgestellt. – Str. 15, V. 3: Die Assonanz: Spindel winden ist eine malerische Darstellung der einförmigen Bewegung des Planetenlaufes. V. 4: Die Monde, s. v. w. Planeten od. Weltkörper überhaupt. – Sch.’s Götter Griechenlands, die noch jetzt vielen Christen anstößig erscheinen, erregten gleich bei ihrer ersten Veröffentlichung den Schrecken orthodoxer Eiferer; besonders trat Fr. L. Graf zu Stolberg als Stimmführer derselben in einem Journalartikel des deutschen Museums von 1788 gegen dies Gedicht in äußerst heftiger Weise auf. Sch., in dessen Natur es durchaus nicht lag, das, was Anderen heilig erscheint, auf hämische Weise anzugreifen, und der sich auch fünf Jahre später bei seinem Aufenthalte in Ludwigsburg veranlaßt sah, die schlimmsten Stellen des Gedichtes auszumerzen und andere wesentlich umzugestalten , äußert sich über seine Götter Griechenlands in einem Briefe an Körner folgendermaßen: „Der Künstler und vorzüglich der Dichter behandelt niemals das Wirkliche, sondern immer nur das Idealische, oder das aus einem wirklichen Gegenstande kunstmäßig Ausgewählte; z. B. behandelt er nie die Moral, die Religion, sondern nur diejenigen Eigenschaften von einer jeden, die er sich zusammen denken will – er vergeht sich also auch gegen keine von Beiden, er kann sich nur gegen die ästhetische Anordnung oder den Geschmack vergehen. Wenn ich aus den Gebrechen der Religion oder der Moral ein schönes übereinstimmendes Ganze zusammenstelle, so ist mein Kunstwerk gut; und es ist auch nicht unmoralisch oder gottlos, eben weil ich beide Gegenstände nicht nahm, wie sie sind, sondern erst, wie sie nach einer gewaltsamen Operation, d. h. nach Absonderung und neuer Zusammenfügung, wurden. Der Gott, den ich in den Göttern Griechenlands in den Schatten stelle, ist nicht der Gott der Philosophen oder auch nur das wohlthätige Traumbild es großen Haufens, sondern es ist eine aus vielen gebrechlichen, schiefen Vorstellungsarten zusammengeflossene Mißgeburt. Die Götter Griechenlands, die ich in’s Licht stelle, sind nur die lieblichen Eigenschaften der griechischen Mythologie in eine Vorstellungsart zusammengefaßt. Kurz, ich bin überzeugt, daß jedes Kunstwerk nur sich selbst, d. h. seiner eigenen Schönheitsregel Rechenschaft geben darf, und keiner anderen Forderung unterworfen ist.“

 
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