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Das Glück (Gedicht)

Zum Gedicht Das Glück.

Eine Art Hymnus in dem Gewande einer Betrachtung, entstand im Jahre 1798. – Der Gedankengang ist folgender: Das Glück (V. 1-8) ist als ein freies Geschenk der Götter zu betrachten, das nicht dem Verdienste, sondern den Begünstigten zu Theil wird, denen ihr Dasein an sich schon als Verdienst gerechnet wird. Durch sittliche Kraft (9-16) kann der Mann sich zwar Würde geben und in gewissem Sinne selbst sein Leben verlängern, aber das Glück, d. h. geistige Anlagen, Talent für Kunst und Wissenschaft, ist eine höhere Gabe, die sich dem Himmel nicht abzwingen läßt. Die Götter (17-20) lassen sich bei der Verleihung ihrer Gaben nicht durch das Gefühl der Gerechtigkeit leiten; sie handeln nach Neigung. Nicht „der Sehende“, d. h. der nach klarer Einsicht Strebende, hat sich ihrer Gunst zu erfreuen, im Gegentheil „der Blinde“, der weder forscht noch grübelt, sondern in kindlicher Einfalt dessen wartet, was ihm zu Theil werden wird. Denn das Genie (21-26) erscheint nicht selten gerade in niederen Ständen und wird aus dem Staube erhoben, wie ein Ganymed (s. d.) durch den Adler des Zeus zum Olymp emporgetragen ward, um den Göttern daselbst den Nektar zu reichen. Ebenso werden (27-30) Siegesruhm und Herrschergewalt oft ohne alles Verdienst verliehen. So begünstigte Phöbus (31) seine Lieblinge bei den pythischen Spielen; und Amor (32) erfreute sie mit dem Glück der Liebe. So vertraute Cäsar (33-34) dem Poseidon, als er einst bei stürmischem Wetter über die Straße von Otranto fuhr und dem muthlosen Schiffer zurief: „Zage nicht, du fährst den Cäsar und sein Glück.“ So bezwang Orpheus (35-36) die wilden Thiere durch die Macht seiner Töne, und dem Arion bot ein Delphin sich dar, um ihn wohlbehalten an das sichere Gestade zu tragen. So übt alles Edle und Schöne (37-38) eine Herrschaft aus, die als eine freie Gabe der Götter erscheint.

Aber nicht Neid und Unwillen (39) soll uns ergreifen, wenn wir sehen, wie die Götter ihre Lieblinge bevorzugen. Wenn einst Aphrodite (40-42) ihren Liebling, den Paris rettete, als er im Kampfe mit Menelaus dem sicheren Tode nahe war; wenn die Götter (43-48) dem Achilles hold waren und selbst „sein Zürnen“, seinen Zwist mit Agamemnon, ehrten, der ihn lange vom Kampfe entfernt hielt, so daß eine Menge der edelsten Griechen, „Hellas’ bestes Geschlecht“ dem Feinde zum Opfer fiel: so soll uns diese Gunst nicht mit Unwillen erfüllen; sondern (49-56) glücklich sollen wir uns preisen, daß wir uns ihres herrlichen Looses erfreuen dürfen, daß wir das begeisterte Lied des Sängers vernehmen dürfen, der uns so Großes verkündet. In dem geschäftigen Leben (57-60) soll die Gerechtigkeit herrschen; in dem Glück aber mögen wir die göttliche Allmacht verehren. Alles, was menschlicher Kraft (61-68) sein Dasein verdankt, das muß sich allmälig entwickeln; das Schöne aber ist da, es besteht in ursprünglicher Kraft, wie einst Venus entstand, das Bild vollendeter Schönheit, wie einst Minerva erschien, die Weisheit aus Jupiters Haupt.

 
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