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Gletscher

(vergl. Firn), von dem lat. glacies, d. i. Eis (frzs. glacier), eine der merkwürdigsten Erscheinungen in den Alpen. Solcher Gletscher oder Ferner, wie sie in Tirol genannt werden, zählt die Schweiz über 600. Sie sind aus ungeheuren, beständigen Eismassen gebildet, welche sich von der Region des ewigen Schnees in die Thäler herabziehen. Durch das stete Herabwehen des Schnees in die Gebirgseinsattelungen, durch den häufigen Wechsel von Aufthauen und Gefrieren, so wie durch eindringende Wasser bildet sich an den Gebirgsabhängen ein Ueberzug, der fester ist als der gewöhnliche Schnee und aus lauter kleinen zusammengefrorenen Schneekörnern besteht. Auf diese Weise bildet sich eine zusammenhangende Eismasse, deren Structur einen körnigen Bruch zeigt und welche durch die in den hohen Regionen nur schwach wirkenden Sonnenstrahlen nicht zum Schmelzen gelangt. In Folge eigenthümlicher Gesetze, welche die neuere Physik unter dem Namen der mechanischen Wärmetheorie zusammenfaßt, befindet sich das Gletschereis in einer beständigen, herabgleitenden Bewegung, ähnlich einem Strome von zählfüssiger Substanz. Da dieses Fortrücken, das jährlich im Durchschnitt 400 Fuß beträgt, in der Mitte schneller vor sich geht als am Rande, so muß natürlich ein Verschieben der Eistheilchen stattfinden, was sich nicht selten durch ein dumpfes Getöse kund giebt; daher (W. T. I, 1): „Dumpf brüllt der Firn.“ Da, wo die Bergabhänge weniger steil werden, erscheinen die Gletscher als große Eisfelder, die sich oft in fast horizontaler Richtung weiter erstrecken, meist aber sich etwas neigen bis zu der Stelle, wo ihr unterer Rand abschmilzt und den Gebirgsbächen ihr Wasser liefert. Bis in diese Gegend pflegt der Mensch emporzudringen, um sich anzubauen; daher sagt Melchthal (W. T. II, 2):

„Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuß
Erwartet ich und fand bewohnte Hütten.“

Weiter herab strömt das Gletscherwasser in den von den zusammenstoßenden Felswänden gebildeten Rinnen oder Runsen, oft von zerriebenen Quarztheilen milchweiß schäumend, der allmälig sich bildenden Thalsohle zu; daher sagt Melchthal (W. T. II, 2): „Ich gelangte zu der Alpentrift etc.“

„Den Durst mit stillend mit der Gletscher Milch,
Die in den Runsen schäumend niederquillt.“

Da, wie die Eismassen der Gletscher in horizontaler Richtung sich ausbreiten, kann man sie mit kundigen Führern besteigen, doch sind solche Versuche bisweilen mit Lebensgefahr verbunden, da sich in den Eismassen oft Spalten und Löcher befinden, von deren Vorhandensein die brückenartig übergelagerte lockere Eisdecke nichts ahnen läßt; daher die Besorgniß der Hedwig (W. T. III, 1):

„Ich sehe dich im milden Eisgebirg,
Wie unter dir der trügerische Firn
Einbricht, und zu hinabsinkst, ein lebendig
Begrabener, in die schauerliche Gruft.“

In den oberen Regionen erscheinen die Felsenspitzen fast beständig mit Schnee- und Eismassen überzogen und bilden so die stattlichen Eispyramiden, welche alle anderen Berggipfel überragen; daher fragt Tell (W. T. III, 3) seinen Sohn:

„Siehst du die Firnen dort, die weißen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?“

worauf dieser ihm antwortet:

„Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern
Und uns die Schlaglawinen niedersenden.“

Diese Eispyramiden sind auch gemeint, wenn Tell (W. T. III, 3) sagt:

„Ja, wohl ist’s besser, Kind, die Gletscherberge
Im Rücken haben, als die bösen Menschen.“

Bei Sonnenaufgang, wenn noch tiefe Nacht die Thäler deckt, erscheinen die Eisgebirge häufig in glänzend rother Beleuchtung, eine Erscheinung, die unter dem Namen Alpglühen bekannt ist; daher (W. T. II, 2) Reding’s Worte:

„Doch seht, indeß wir nächtlich hier noch tagen,
Stellt auf den höchsten Bergen schon der Morgen
Die glüh’nde Hochwacht aus.“

Noch prächtiger aber erscheinen sie des Abends nach Sonnenuntergang; daher (W. T. I, 4):

„Die rothen Firnen kann er nicht mehr schauen.“

Ausführliches über die Gletscher findet man in „Roßmäßler. Das Wasser. Leipzig bei Brandstetter 1860, S. 141-178“ und in „Helmholtz, populäre wissenschaftliche Vorträge, 1. Heft. Braunschweig bei Vieweg u. Sohn ,1865, S. 95-134.“

 
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