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Die Erwartung (Gedicht)

Zum Gedicht Die Erwartung.

Aus dem Jahre 1799; ein Gegenstück zu dem Gedichte: „Das Geheimniß“ (s. d.). Während in dem „Geheimniß“ die Reflexion noch vorherrscht, so daß das Gedicht einen mehr ruhig betrachtenden Charakter hat, ohne jedoch gerade kalt zu sein, erscheint die „Erwartung“ ganz voll lebendiger und warmer Empfindung, die den Leser unwillkürlich mit fortreißt. Dabei ist das Ganze von einem Wohlklange der Sprache, der in der That seines Gleichen sucht; eine Menge von anmuthigen Assonanzen und Alliterationen erinnern an die Naturlaute, die ein lauschendes Ohr in der Dämmerung so leicht täuschen können; und eine reiche Fülle von lieblichen Bildern und glücklichen Personificationen machen eine höchst malerische Wirkung. Das letztere gilt vor Allem auch von dem bedeutungsvollen Strophenwechsel. Die innere Aufregung des harrenden Liebhabers, der in jedem Geräusch das Nahen der Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches zu vernehmen glaubt, wird höchst glücklich durch den lebhaft hüpfenden Daktylus (’_) dargestellt, dessen Bewegung dem unruhigen Pochen des Herzens so nahe verwandt ist; während die gleich darauf folgende Enttäuschung in den langsamer einherschreitenden Trochäen (’_) wie eine schwermuthsvolle Klage erklingt. Aus der hierauf folgenden momentanen Beruhigung quellen dann jedesmal in einer achtzeiligen Stanze (s. d.) die sehnsüchtigen Wünsche hervor, in denen die harmonische Ubereinstimmung der umgebenden Natur mit den Empfindungen eines liebenden Herzens sich ausspricht. So geht dieser Strophenwechsel in fortschreitender Steigerung des Gefühls wie der Phantasie durch das ganze Gedicht, indem mit richtiger Ueberlegung anfangs nur das Ohr, später, bei tieferer Dunkelheit, auch das Auge des Lauschenden getäuscht wird, bis am Schluß, der die Erfüllung bringt, die freudige Stimmung in vier daktylischen Versen mit jambischen Vorschlag sich Luft macht.

 
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