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Erinnyen oder Eumeniden

(Myth.) bei den Römern Furien, waren ursprünglich die als Personen gedachten Flüche und Verwünschungen, wie sie als Begleiter des Zorns erscheinen, der sich über einen Verbrecher in Worten Luft macht, s. Il. 9, 454, 571. 15, 204. 19, 87, 260, 418. Od. 2, 135. 11, 280. 15, 204. 20, 78. Sie wurden als Töchter der Nacht angesehen und bewohnten einen eisernen Palast in dem Tartarus, wo man sie sich als ruhend dachte, bis sie, durch irgend eine Verwünschung aufgerufen, emporstiegen, um den begangenen Frevel, besonders Mord, Meineid u. dgl. zu bestrafen. Euripides nennt ihrer drei: Tisíphone (die Rächerin des Mordes), Alekto (die nie Rastende) und Megära (die Feindliche) s. d. Zunächst erscheinen sie als Rachegöttinnen, die den Reinen verschonen; daher (Ged. Die Kraniche des Ibykus) ihr Gesang:

„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.“

Dagegen verfolgen sie den Verbrecher während seines Lebens und strafen ihn nach dem Tode. Ihr Anblick ist entsetzlich (vergl. Die Kraniche des Ibykus, Str. 13-15), ihr Gesang ein grausenerregendes Klagelied (ebendas. Str. 16 u. 17). Bei den Athenern war die Scheu vor ihnen so groß, daß man sie nur „die Ehrwürdigen“ nannte und ihren Namen nicht auszusprechen wagte. Man bezeichnet sie daher lieber mit dem ilderen Ausdruck „Eumeniden“, d. h. „die Wohlgesinnten“, die durch die Stimme des Gewissens vor Frevelthaten warnen. Der Verbrecher vermochte ihnen nicht zu entfliehen, daher (Ged. D. Kraniche des Ibykus):

– – – – – – – „Gebet Acht,
Das ist der Eumeniden Macht“.

Diese Macht übten sie besonders durch ihren schaurigen Gesang; deshalb heißt es (Ged. D. Künstler):

„Vom Eumenidenchor geschrecket,
Zieht sich der Mord, auch nie entdecket,
Das Loos des Todes aus dem Lied.“

Wie sie aber den Frevler verfolgen, so beschirmen sie zugleich die fürstlichen Hallen, denen das Verbrechen nicht zu nahen wagt; daher (Br. v. M. 5, 390):

„Denn des gastlichen Hauses
Unverletzliche Schwelle
Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn (vergl. Styx),
Der furchtbarste unter den Göttern der Hölle!“

und ebendas.:

„Aber mich schreckt die Eumenide,
Die Beschirmerin dieses Orts.“

Da Verwünschungen sie heraufbeschwören können, so sagt Max (Wst. T. III, 23) zu den Kürassieren:

„Der Rachegöttin weih’ ich eure Seelen.“

Schon dem Alterthum lag der Gedanke nahe, daß sie nicht immer persönlich zu erscheinen brauchten, sondern daß ihre geheimnißvolle Macht sich auch irdischer Werkzeuge zur Ausübung ihres strafenden Amtes bedienen könnte; umsomehr erscheint diese Auffassung in neueren Darstellungen gerechtfertigt. Daher (Wst. T. III, 21):

„Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,
Ist sie kein todtes Werkzeug mehr, sie lebt,
Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen
Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen,
Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.“

Wo Frevelthaten geübt werden, da eilen sie natürlich herbei und erscheinen somit symbolisch als die personificirten Folgen der begangenen Verbrechen. So sagt König Karl (J. v. O. I, 5) von der Königin Isabeau:

– – – – „der Mutter Lasterthaten führten
Die Furien herein in dieses Haus.“

und Maria (M. St. III, 4) zu Elisabeth:

„Das ist das Fluchgeschick der Könige,
Daß sie, entzweit, die Welt in Haß zerreißen
Und jeder Zwietracht Furien entfesseln.“

In demselben Sinne ist (Wst. L. 8) von der „Kriegsfurie“ die Rede und (Wst. T. III, 20) heißt es von den Kriegerschaaren:

„Die losgebundenen Furien der Wuth
Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück.“

Eben so (F. I, 12): „Das erste Paar, das die Furien einsegnen“ und (K. u. L. I, 4): „Du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein Herz wie Furien anfallen.“ Neben ihrem Amte als Rachegöttinnen erscheinen sie auch als Schicksalsgöttinnen, welche die Sterblichen zu unglückseligen Thaten verleiten; daher sagt Aeneas (Ged. 2. B. d. Aen. 60):

„Von diesen Reden feurig aufgefordert, etc.
Flieg’ ich dahin, …, wohin die Furien mich reißen.“

und Marquis Posa (D. C. V, 3) in Beziehung auf die Prinzessin Eboli:

– – – – – – –„Verzweiflung
Macht mich zur Furie, zum Thier – ich setze
Den Dolch auf eines Weibes Brust.“

Da das Schicksal aber als neidisch betrachtet wird, so legt Sch. diese Eigenschaft auch den Erinnyen bei, welchen Polykrates bereit ist, ein Opfer darzubringen, um sie zu versöhnen; daher (Ged. D. Ring d. Polykrates):

„Von Allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“

Daß sie sich auch zur Milde stimmen ließen, beweist Orpheus, von dem es (Ged. D. Götter Griechenlands Str. 9) heißt:

– „Des Thrakers seelenvolle Klage
Rührte die Erinnyen.“

Da natürlich auch menschliche Wesen das Schicksal Anderer in ihrer Hand halten, so wird der Name dieser Göttinnen nicht selten auf jene übertragen. So wird (Ged. 2. B. d. Aen. 99) Helena, die Tochter Tyndar’s, „der Griechen Furie“ genannt; von der Isabeau (J. v. O. II, 2) heißt es:

„Glück zu dem Frieden, den die Furie stiftet!“

von Turandot (Tur. I, 1):

„Hört, was die Furie verlangte.“

und (M. St. IV, 10) sagt Elisabeth von Maria Stuart:

„Sie ist die Furie meines Lebens.“

Auch die Häßlichkeit ihrer äußeren Erscheinung wird dem Dichter Veranlassung, menschliche Wesen mit ihrem Namen zu belegen. So heißt es (Ged. 4. B. d. Aen. 116) von der Dido:

„Sie selbst, zur Furie entstellt.“

und von den Dienerinnen (Ged. D. berühmte Frau):

„Und an der Stelle holder Amorinen
Sieht man Erinnyen den Lockenbau bedienen.“

Bildlich gebraucht, bedeuten sie zunächst Schreckgestalten, die den Menschen verfolgen. So sagt Franz Moor (R. II, 1) in Beziehung auf seinen Vater: „So fall’ ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm, dieses zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt schließt – die Verzweiflung!“ – ferner zu Amalia: „Diese ewige Grille von Karl soll dir mein Anblick gleich einer feuerhaarigen Furie aus dem Kopfe geißeln“; – und endlich Carlos (D. C. I, 2):

„Wie die Furien des Abgrunds folgen mir
Die schauerlichsten Träume.“

Außerdem aber bedeuten die Erinnyen s. v. w. Reue oder quälender Vorwurf; daher (R. II, 1): „Du Reue, höllische Eumenide, grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkäut“; ferner (Ged. Phantasie an Laura):

„Um die Sünde flechten Schlangenwirbel
Scham und Reu’, das Eumenidenpaar.“

Eben so bezeichnet Louise (Ged. D. Kindesmörderin) die Küsse ihres Kindes als „Eumenidenruthen“; und von denen, die sich in des Ideales Reich geflüchtet (Ged. D. Ideal u. d. Leben) spricht der Dichter den Wunsch aus:

„Selbst die rächende Erinne schlafe
Friedlich in des Sünders Brust.“

 
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