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Don CarlosNachdem Sch. im Februar 1783 Kabale und Liebe vollendet hatte, schwankte er zunächst zwischen Maria Stuart und anderen tragischen Stoffen, entschied sich indessen bald für D. C., wozu er den Stoff in St. Real’s historischer Novelle fand, auf welche ihn Dalberg in Manheim aufmerksam gemacht hatte. Einen ersten Entwurf hatte er bereits in Bauerbach begonnen, dann aber den Gegenstand liegen lassen, bis sich im Juni 1784 Dalberg abermals günstig über das Sujet aussprach. Jetzt nahm er die Arbeit in Manheim mit voller Kraft wieder auf, studirte die Geschichte Philipp’s II. und konnte bald den ersten Act (einzelne durch prosaische Erzählung unterbrochene Scenen) in der Rheinischen Thalia veröffentlichen. Zu Anfang des Jahres 1785 hatte er in Darmstadt Gelegenheit, den vollendeten ersten Act in Gegenwart des Herzogs Carl August von Weimar vorzulesen, was ihm den Titel eines herzoglich weimarischen Raths einbrachte; bald darauf ging er von Manheim nach Leipzig, wo er in dem Dorfe Gohlis an dem zweiten Act arbeitete, aus welchem einzelne Scenen gleichfalls in der Thalia erschienen. Durch seinen Umgang mit den Schauspielern des Leipziger Stadttheaters, welche das Stück für die Bühne zu haben wünschten, wurde er zu einer prosaischen Bearbeitung desselben veranlaßt, deren gelungene Darstellung von so glänzendem Erfolge begleitet war, daß sich auch die Hofbühnen von Dresden und Berlin das Manuscript zu verschaffen suchten, um das Stück danach aufzuführen. Sch. selbst hatte von dieser Arbeit den Vortheil, daß er sich des umfangreichen Materials mehr bemeisterte, denn für eine scenische Darstellung, auf die er um der Sache willen bereits verzichtet hatte, war die Arbeit viel zu weitläuftig angelegt. Im Herbste des Jahres 1785 folgte Sch. seinen in Leipzig gewonnenen Freunden Huber und Körner nach Dresden, wo ihm bei dem freundlichen Dorfe Loschwitz ein Gartensaal eingeräumt wurde. In dieser anmuthigen Gegend, frei von jeder drückenden Sorge, gab er seinem D. C. eine ganz neue Gestalt; im Spätherbst 1785 war das Stück vollendet, 1787 wurde es zum ersten Mal vollständig herausgegeben. Von den ersten Ausgaben war viel gestrichen worden, was auch in der Leipziger Ausgabe von 1801 zum zweiten Mal geschah. Die letzte von Sch.’s Hand verbesserte Ausgabe erschien kurz vor seinem Tode bei Cotta. Wie Sch. das Glück, so hat die Geschichte das Unglück, daß die historischen Personen der Dramen unseres Dichters in dem Bewußtsein des großen Publicums weit mehr in ihrer poetischen Gestalt als in ihrem streng geschichtlichen Charakter fortleben. Um beiden vollständig gerecht zu werden, erwächst daher dem Erklärer die Aufgabe, dem Leser der Schiller’schen Dramen die wirklich historische Grundlage derselben vorzuführen. Die am 19. Januar 1568 erfolgte Verhaftung des Infanten Don Carlos und sein am 24. Juli im Gefängniß erfolgter Tod erregten in ganz Europa ein ungeheures Aufsehen, und die verschiedenartigen Gerüchte über die Ursachen des tragischen Endes dieses Prinzen setzten über ein Jahrhundert land die Federn der Geschichtsschreiber in Bewegung. Was Juan Lopez, Giambattista Adriani, die Franzosen de Thou und P. Mathieu über diesen Gegenstand geschrieben, wird von Warnkönig als wenig zuverlässig bezeichnet, so wie auch die Mittheilungen des Herrn von Brantôme, welche 1666 erschienen und die dem Abbé St. Real als Quelle für seine historische Novelle dienten, das Prädicat unbedingter Glaubwürdigkeit nicht für sich in Anspruch nehmen können. Erst Leopold von Ranke ist das Verdienst zuzuschreiben, in einer „Abhandlung zur Geschichte des Don Carlos“ diesen Gegenstand gründlich untersucht und wahrheitsgetreu dargestellt zu haben, wobei ihm besonders die glaubwürdigen Berichte des Freiherrn von Dietrichstein, welcher Hofmeister der Söhne Maximilians II. und kaiserlich östreichischer Gesandter an Philipp’s Hofe war, die ersprießlichsten Dienste leisteten. Den eben genannten Untersuchungen zufolge ist die Geschichte des Don Carlos kurz folgende: Don Carlos wurde am 8. Mai 1545 zu Valladolid, der damaligen Hauptstadt Spaniens, geboren. Vier Tage nach der Entbindung starb seine erst 18 Jahr alte Mutter Maria, welche eine Tochter Johann’s III. von Portugal und Katharina’s von Oestreich war. Die erste Sorge für die Erziehung des jungen Prinzen übertrug Philipp der Donna Leonor de Mascarenas, einer portugiesischen Dame von hoher Geburt, und als er zwei Jahre später von seinem Vater nach Deutschland berufen ward, einer Tante des jungen Prinzen, Donna Juana, welche dieser Aufgabe aber in keiner Weise gewachsen war. Das Kind hatte einen schwächlichen Körper, war krüppelhaft gebildet, mit ungleichen Füßen und gebogenem Rückgrat, und zeigte Launenhaftigkeit, Starrsinn und Neigung zum Zorn. Statt diesen üblen Eigenschaften mit Entschiedenheit zu begegnen, duldete sie seine Unarten, und so wurden weder seine Fähigkeiten noch sein Charakter in angemessener Weise gebildet. Vom siebenten Jahre an bekam der Knabe einen männlichen Erzieher in Don Antonio de Rojas, und als Lehrer Honorato Juan, einen der gelehrtesten Männer des Landes; aber auch unter dieser Leitung zeigte sich der Prinz ungestüm und launenhaft, es fehlte ihm an aller Ausdauer zum Lernen, er blieb in geistiger und sittlicher Beziehung zurück und ließ seiner Leidenschaftlichkeit bald vollständig den Zügel schießen. Das Einzige, was man an ihm loben konnte, war seine Wahrheitsliebe und seine entschiedene Abneigung gegen kriechende Schmeichler; auch zeigte er Lust zu anstrengenden körperlichen Uebungen, besonders zum Reiten und Fechten. Fünf Jahre lang war Philipp von Spanien abwesend gewesen. Nachdem er die niederländischen Angelegenheiten geordnet und seine Schwester Margarethe v. Parma als Statthalterin eingesetzt, kehrte er zurück und fand seinen Sohn an einem Wechselfieber leidend. Auch in den nächstfolgenden sieben Jahren, die er theils in Flandern, theils in England und Frankreich zubrachte, konnte von einer unmittelbaren Einwirkung des Vaters auf den Infanten keine Rede sein. So kam das Jahr 1559 heran, wo Philipp mit Frankreich den Frieden zu Château-Cambrésis schloß, in welchem Elisabeth, die schöne und liebenswürdige Tochter Heinrich’s II. und der Katharina von Medicis, dem Infanten D. C. zur Braut bestimmt wurde. Wenn somit dies in Aussicht gestellte Bündniß für den damals erst vierzehnjährigen Prinzen auch keine Herzenssache sein konnte, so mußte der frühere Anspruch auf die Hand der Prinzessin doch bald darauf seinem Ehrgeize schmeicheln, und es mußte ihn tief verletzen und beleidigen, daß sein Vater im Jahre 1560 Elisabeth selbst heirathete. Ob der Prinz bei der Trauung zugegen gewesen, darüber sind die Biographen nicht einig; soviel aber steht fest, daß Philipp bald nach der Vermählung, wohl um die Gedanken seines Sohnes von diesem Ereigniß abzulenken, demselben von den versammelten Cortes und den Großen des Reiches zu Valladolid den Eid der Treue schwören ließ, eine Ceremonie, die mit großem Gepränge vollzogen wurde und bei welcher auch Alexander Farnese (s. d.), Sohn der Statthalterin Margarethe v. Parma, zugegen war. Im Jahre 1561 schickte Philipp seinen Sohn auf die Hochschule von Alkala de Henares, begleitet von A. Farnese und seinem Oheim Don Juan d’Austria (einem natürlichen Sohne Kaiser Carl’s V.), der mit ihm von gleichem Alter war. Der neue Aufenthalt bekam dem Prinzen anfangs vortrefflich; indessen konnte bei seiner angeborenen körperlichen Schwäche, wie bei dem Ungestüm seines Gemüths und seiner unmäßigen Lebensweise eine wirkliche Kräftigung nicht erzielt werden. Dazu kam, daß er einst bei der lüsternen Verfolgung eines Mädchens von einer Treppe herabstürzte und sich eine Gehirnerschütterung zuzog, welche ihn dem Tode nahe brachte. Hierdurch und in Folge wiederholter Krankheiten wurden seine Körper- und Geisteskräfte so zerrüttet, daß seine immer düsterer werdende Stimmung sich bald in Anfälle von Wahnsinn umwandelte . Bis dahin waren die Beziehungen zu seinem Vater durchaus freundlich gewesen; bald aber trat das höchst tadelnswürdige Benehmen des Sohnes zu dem ernsten und strengen Charakter des Königs in einen so schroffen Contrast, daß das Verhältniß zwischen beiden ein immer feindseligeres wurde. Was die blühende sechzehnjährige Königin betrifft, so benahm sie sich ihrem nur zwei Jahre jüngeren Stiefsohn gegenüber, der auch nach Dietrichstein’s Beschreibung einen nichts weniger als vortheilhaften Eindruck machte, wie eine schwesterliche Freundin; Carlos dagegen fühlte sich mit inniger Verehrung zu ihr hingezogen, während das kalte, herzlose Wesen seines Vaters ihn entschieden abstieß. Von einem Liebesverhältniß zwischen Mutter und Sohn ist in der Geschichte nirgend die Rede. Uebrigens lagen nach Sitte der damaligen Zeit, wo die Heirathen der Könige und ihrer Erbprinzen zu den wichtigsten Staatsangelegenheiten gehörten, für eine baldige Vermählung des Infanten verschiedene Pläne vor. Elisabeth selbst dachte an ihre 1553 geborene Schwester Margarethe; die Oheime der Maria Stuart (s. Lothringische Brüder) reflectirten für die damals achtzehnjährige junge Wittwe auf den zwei Jahre jüngeren Don Carlos; und Kaiser Ferdinand in Wien wünschte ihm seine Nichte, die Erzherzogin Anna, Tochter Maximilians, zur Gemahlin zu geben. Ja selbst des Don Carlos Tante, Donna Juana, obwohl bereits 28 Jahr alt, wäre durch ihn gern Königin von Spanien geworden. König Philipp begünstigte den Plan einer Vermählung mit Maria sowohl aus religiösen, wie aus politischen Rücksichten, während Don Carlos selbst keine andere als seine Cousine Anna von Oestreich nehmen wollte. Diesen letzten Plan hintertrieb Philipp; auch ist bekannt, daß er Anna zwei Jahr nach dem am 3. October 1568 erfolgten Tode Elisabeths selbst heirathete. Wurde auf diese Weise dem Infanten auch sein Lieblingswunsch vereitelt, so gab ihm der König doch andererseits einen Beweis seines Vertrauens, indem er ihn 1564 zum Mitgliede des Staatsrathes ernannte; aber freilich war dies nichts weiter als eine leere Förmlichkeit, denn Niemand nahm auf seine Meinungen Rücksicht, und überdies wurden wichtige Angelegenheiten nicht im Staatsrath, sondern mit den vertrauten Ministern in dem Cabinet des Königs berathen. In demselben Jahre war die Königin Elisabeth in Folge einer vorzeitigen Entbindung lebensgefährlich erkrankt, indessen glücklich gerettet worden. Nach ihrer Genesung reiste sie nach Bayonne, um dort mit ihrer Mutter zusammen zu treffen; Don Carlos und mehrere andere Prinzen begleiteten sie. Die große Aufmerksamkeit, welche der Infant auf dieser Reise der Königin bewies, mochte bei einigen Begleitern die Meinung von einem Liebesverhältniß erwecken. Inzwischen war die Gesundheit des Prinzen bis zum Jahre 1565 fast vollständig wieder hergestellt. Bei seinem ungestümen Charakter sehnte er sich jetzt nach Thätigkeit, zu der sich auch ein willkommener Anlaß bot. Bereits in seiner Kindheit war er zum Statthalter der Niederlande ernannt worden, deren Angelegenheiten gerade jetzt in Madrid Gegenstand eingehendster Berathung waren. Bei seiner unersättlichen Neigung zum Herrschen drang er nunmehr darauf, daß die ehemals erfolgte Ernennung zur Wahrheit werde; aber Philipp’s Absichten mit den Niederlanden erheischten einen Mann von festem, ja eisernem Willen wie Alba und nicht einen stürmischen, leidenschaftlichen Charakter, wie der seines Sohnes war. Alba wurde daher mit unumschränkter Gewalt und einer bedeutenden Heeresmacht versehen, um die Ruhe in Flandern wieder herzustellen. Don Carlos fühlte sich hierdurch gekränkt und beklagte sich bitter; er tadelte alle Schritte seines Vaters und gab ihn sogar dem öffentlichen Spotte preis; seine Wuth gegen Alba dagegen ging so weit, daß er einmal selbst den Dolch gegen ihn zückte. Dazu kam die Verzögerung seiner Vermählung mit der Erzherzogin Anna, die er innig liebte, und die Erbitterung gegen die Priester, welche seinen bigotten Vater fast vollständig beherrschten. So steigerte sich das feindselige Verhältniß zwischen Vater und Sohn immer mehr; gezwungen unter seinen Augen und unter seiner Zucht in Madrid zu bleiben, kannte des Prinzen Haß bald keine Grenzen mehr. Unter so bewandten Umständen faßte er den Entschluß, aus Spanien zu entfliehen. Es war im Jahre 1567, wo sein Vater nach dem Escurial reiste, um sich daselbst frommen Andachtsübungen zu widmen. Auf diese Abwesenheit hatte Don Carlos gerechnet; sein Oheim Don Juan, unter dessen Befehl eine Flotte in Carthagena ausgerüstet wurde, sollte ihm ein Schiff zur Verfügung stellen, und mit diesem wollte er zunächst nach Italien gehen. Don Juan aber ließ sich nicht überreden, sondern reiste dem Könige nach und machte ihm persönlich von dem Vorhaben des Infanten Anzeige. Natürlich hatte Philipp nichts Eiligeres zu thun, als den Plan seines Sohnes zu vereiteln; er erklärte ihn für einen Gefangenen und ließ ihn unter Aufsicht des Herzogs von Feria (s. d.) einsperren. Der Fürst von Eboli (s. d.) und der Graf von Lerma wurden mit der speciellen Bewachung des Prinzen betraut. Als Ursache der Verhaftung kann weder ein Anschlag auf das Leben seines Vaters, noch eine hochverrätherische Verbindung mit dem niederländischen Gesandten, noch eine Hinneigung zum Protestantismus angesehen werden. Don Carlos wollte nur den Händen seines Vaters entrinnen; welchen Ausgang sein Plan haben konnte, wenn er etwa nach den Niederlanden entkam, sah er selbst schwerlich voraus. Philipp bemühte sich, seinen außerordentlichen Staatsact sowohl bei den auswärtigen Höfen, wie bei den Granden seines Reiches und bei den Bischöfen des Landes zu rechtfertigen. Er wollte den Infanten von der Thronfolge ausschließen, weil er ihn für unfähig zum Regieren hielt, und suchte ihn für einen wahnsinnigen Menschen auszugeben. Im Gefängniß durfte Niemand den Prinzen besuchen, selbst sein Freund Don Rodrigo de Mendoza nicht, dem er sich erst vor Kurzem angeschlossen hatte. In seiner Verzweiflung wollte er sich das Leben nehmen; da man aber alle Waffen entfernt hatte, so faßte er den Entschluß, zu verhungern. Indeß trug die Forderung der Natur den Sieg davon, eine geordnete Lebensweise besserte seinen Gesundheitszustand, und die Ermahnungen seines Beichtvaters hatten einen wohlthuenden Einfluß auf seinen Charakter. So wäre eine Ausgleichung möglich gewesen, aber Philipp blieb unversöhnlich. Da fing er seine unvernünftige Lebensweise wieder an, aß unreifes Obst, heiße Pasteten und Eis in übermäßiger Menge und erkrankte in Folge dessen an der Brechruhr. Vor seinem Ende wollte er seinen Vater noch einmal sehen, aber dieser war grausam genug, es ihm abzuschlagen. Er starb reumüthig und mit versöhntem Herzen am 24. Juli 1568. Uebrigens ist durch alle bisher geführten Untersuchungen der über das Geheimniß seines Todes ausgebreitete Schleier immer noch nicht vollständig gelüftet, da Andere behaupten, Philipp habe ihn heimlich im Gefängniß hinrichten lassen. Vergleicht man mit diesen Thatsachen die zur Rechtfertigung der Königin Elisabeth geschriebene Novelle von St. Réal, so weicht dieselbe zunächst darin ab, daß sie die Nachricht von Philipp’s Verlobung mit Elisabeth als einen Donnerschlag für Don Carlos bezeichnet und dessen Trübsinn seinen vereitelten Hoffnungen zuschreibt. Der fernere Inhalt der Novelle ist kurz folgender: Die Prinzessin Elisabeth verzögert ihre Reise nach Spanien so lange wie möglich; Don Carlos, begleitet von seinem Erzieher, dem Fürsten von Eboli und seinem Vetter Alexander Farnese, reist ihr entgegen. Als sie hört, der Prinz werde mit ihr zusammentreffen, fällt sie in Ohnmacht, kommt aber wieder zu sich, als er wirklich erscheint. Don Carlos fühlt bald, was er verloren hat; beide machen die Reise in demselben Wagen, wo die gegenseitige Liebe ihre ersten Keime treibt. Bei der Zusammenkunft mit Philipp sieht sie diesen betroffen an, worauf er die Frage an sie richtet, ob sie etwa bemerke, daß er graue Haare habe. Der König begegnet ihr zwar mit Achtung und empfindet auch Liebe für sie, aber dennoch fühlt sie keine Befriedigung, weil sie sich mit einem ernsten und strengen Gatten begnügen soll, während ihr jugendliches Herz nach einem feurigen Liebhaber verlangt. Don Carlos, begierig zu wissen, wie es in Elisabeth’s Seele aussehen möge, benutzt die Abwesenheit seines Vaters, der, um den Ueberresten Carl’s V. die letzte Ehre zu erweisen, nach St. Just gereist ist; es gelingt ihm, Elisabeth allein zu sprechen, er gesteht ihr seine Liebe und wird auch von ihrer Gegenliebe überzeugt, um so mehr als sie seine Erklärung geheim hält. Diesem Verhältniß gegenüber entspinnt sich nun eine verwickelte Intrigue. Die Prinzessin von Eboli, neidisch auf die Schönheit der Königin, hat das Herz des Königs für sich zu gewinnen gesucht, aber vergeblich; jetzt sucht sie ein Verhältniß mit dem Infanten anzuknüpfen, findet aber keine Erwiederung. Gleichzeitig kommt Don Juan von Oestreich an den Hof, verliebt sich in die Königin und ahnt bald, daß Don Carlos sein Nebenbuhler sei; er sucht dessen Vertrauen zu gewinnen, kann aber nichts entdecken. Da er merkt, daß er auch auf die Prinzessin Eboli Eindruck gemacht, so beschließt er, diese für seien Absichten zu benutzen; er spricht mit ihr von Don Carlos Neigung zur Königin, was sie mit Begierde aufnimmt, ohne seinen eigentlichen Zweck zu ahnen. Unterdessen wird Don Carlos durch einen Zwischenfall von dem Hofe entfernt. Die Inquisition hat in dem Testamente Carl’s V. ketzerische Aeußerungen entdeckt, was sie veranlaßt, den Beichtvater des verstorbenen Kaisers dem Scheiterhaufen zu überliefern. Dasselbe soll mit dem Testamente geschehen, was Don Carlos hart und bitter tadelt und nur mit Mühe verhindert. Der König findet es daher gerathen, ihn nach Alcala auf die hohe Schule zu schicken. Hier besteigt er einst ein wildes Pferd, stürzt und bleibt für todt liegen. Als er wieder zu sich kommt und die Aerzte an seinem Aufkommen zweifeln, schickt er den Marquis Posa, seinen Jugendfreund, an die Königin, um ihr seine Abschiedsgrüße zu bringen. So wie die Prinzessin Eboli dies erfährt, begiebt sie sich zur Königin, um zu beobachten, wie die Schreckensnachricht auf sie wirken werde. Elisabeth vermag sich nicht so zu beherrschen wie sonst; ihr stummer Schmerz sagt mehr als die beredtesten Klagen. Sie schreibt dem Infanten einen rührenden Brief, den sie durch den Marquis überreichen läßt. Don Carlos, hierdurch wunderbar gestärkt, erfreut sich einer baldigen Genesung und wird nach Madrid zurückberufen. Hier bittet ihn die Königin um Rückgabe ihres Briefes, der Prinz kann sich aber nicht entschließen, ihn herauszugeben. Nunmehr spielt auch Marquis Posa seine Rolle. Von scharfer Urtheilskraft und großer Selbstbeherrschung, bemerkt er bei Don Carlos Sinn für große Unternehmungen, eine Neigung, die er im Interesse der flandrischen Provinzen zu benutzen gedenkt. Es wird ein inniger Freundschaftsbund zwischen ihm und dem Prinzen geschlossen, woraus aber beide dem Hofe ein Geheimniß machen. Leider wird dies schöne Verhältniß bald zerrissen. Bei einem Turnier erscheint der Marquis mit den Farben der Königin geschmückt, und trägt gleich bei den ersten Rennen mehrere Male den Preis davon. Dieser Erfolg und die Galanterie, mit welcher er sich gegen die Königin benimmt, erwecken Philipp’s Eifersucht, welcher ihn in der Nacht auf der Straße heimlich erdolchen läßt. Bald ahnen die Königin und der Prinz, wer der Urheber dieser That sei, ohne den wahren Grund zu vermuthen; sie glauben vielmehr, ihr eigenes Geheimniß sei verrathen, und nur der Vertraute desselben bestraft, während sie selbst der Rache des Königs nicht entgehen würden. Sie sinnen also auf Rettung. Da findet Don Carlos eines Tages unter seinem Teller einen Zettel, der ihn zu muthigem Handeln auffordert. Er beschließt sich zu entfernen und bittet den König, ihn nach Flandern zu schicken; dieser aber schlägt es ihm ab unter dem Vorwande, daß er das Leben des Infanten so großen Gefahren nicht aussetzen dürfe. Jetzt hält sich Carlos für verloren; er denkt auf seine Sicherheit und will fliehen, was von dem Postmeister Raymond v. Taxis verrathen wird. Der König läßt ihn gefangen nehmen und gestattet ihm, sich die Todesart zu wählen. Der Prinz öffnet sich im Bade die Adern an Händen und Füßen, während der Königin eine vergiftete Arzenei gereicht wird, an der sie stirbt. Nach ihrem Tode wird die Prinzessin Eboli die Geliebte des Königs. Man sieht, daß dieser Novelle wenig historische Treue innewohnt; aber einem Dramatiker wie Sch. mußte ein solcher Stoff willkommen sein, wie er denn selbst in seinen Briefen an Dalberg und Reinwald den Reichthum an „rührenden Situationen“ rühmt und darauf hindeutet, wie die Charaktere des feurigen Don Carlos, der unglücklichen Königin, des eifersüchtigen Monarchen, des grausamen Inquisitors und des barbarischen Herzogs Alba ihm „Gelegenheit zu starken Zeichnungen“ geben würden. Er durfte sich also eine bedeutende theatralische und tragische Wirkung von seiner Arbeit versprechen. Außerdem aber mußte die Zeit, in welcher das Stück spielt, das Ende des sechzehnten Jahrhunderts, eine Zeit weitgreifender Bewegungen, in welcher die Kräfte des menschlichen Geistes auf die mannigfaltigste Weise angeregt, und die auf religiösem, wie auf politischem Gebiete wachgerufenen Gegensätze zum wechselseitigen Kampfe herausgefordert wurden, einen Dichter, wie Sch., zu einer dramatischen Darstellung mächtig reizen. Denn überall, wo leidenschaftliche Erregung mit der Uebermacht bestehender Verhältnisse in Conflict geräth, da findet sich ein geeigneter Boden für die Tragödie; es waren also alle Bedingungen vorhanden, um dem Publicum ein geschichtliches Drama in großartigem Stile vorzuführen. Fassen wir nun, gestützt auf die werthvollen Erläuterungen von Hoffmeister, G. Schwab, Palleske, Goedeke , Jos. Bayer und Rönnefahrt , die Dichtung selbst in’s Auge, so haben wir zunächst daran zu erinnern, daß das Werk auf der Grenze zweier Bildungsepochen des Dichters entstand. In seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre begonnen und im achtundzwanzigsten vollendet, mußte es die Spuren der feurigen Entwickelung des eben zum Manne reifenden Jünglings an sich tragen, bei dem die mit einander ringenden Gewalten seiner Seele sich noch nicht in Gleichgewicht gesetzt hatten. Es darf uns daher nicht wundern, wenn der um zehn Jahr ältere Goethe sagt, daß die Erscheinung des Don Carlos nicht geeignet gewesen sei, ihn dem Dichter näher zu führen. Wenn Sch. in seinen drei Jugenddramen, wo eben nur die naturwüchsige Kraft seine Feder führt, mit genialer Unbefangenheit niederreißt und wegräumt, was seinen Idealen störend in den Weg tritt, so entwirft er in seinem Don Carlos den Plan zu dem Aufbau eines neuen Gebäudes für das menschliche Dasein. Die inneren Kämpfe seines revolutionären Strebens gelangen jetzt zum Durchbruch, so daß der Don Carlos als die Frucht eines in seiner Seele vorgegangenen Läuterungsprozesses zu betrachten ist. Nicht der Zorn gegen erdrückende Gewalten, sondern erhabene Ideale sollen fortan die Triebfedern des Handelns seiner Helden sein. Als er die Arbeit begann, hatte er keine andere Absicht als ein Familiengemälde in einem königlichen Hause zu geben; was Kabale und Liebe auf dem Gebiete des socialen Lebens, das etwa sollte Don Carlos auf dem des Hoflebens werden. Aber wie der Dichter während der Arbeit selbst ein anderer wurde, so bekam auch sein Werk bald eine mehr ideale Grundlage, es wurde, wie Palleske treffend sagt, zu einem Tendenzstück, einer Principientragödie. Marquis Posa, Don Carlos und die Königin wurden die Repräsentanten seiner sittlichen Ideale, König Philipp, Herzog Alba und Domingo, die beklagenswerthen Kinder ihrer Zeit, die Vertreter jener erstarrten mittelalterlichen Formen, mit welchen die Macht neugestaltender Gedanken in Conflict gerieth. Aber freilich hat der Dichter hier einen gewagten Sprung gethan; denn wenn auch Philipp der Repräsentant des sechzehnten Jahrhunderts ist, so ist Sch.’s Marquis Posa doch keinesweges ein Product seiner Zeit, sondern es verkörpert sich in ihm vielmehr der Geist des achtzehnten Jahrhunderts. Nicht „Gedankenfreiheit“ war die Devise der reformatorischen Bestrebungen jener Zeit; sondern „das Wort sie sollen lassen stahn“, das war der Kern- und Angelpunkt, um welchen die geistigen Kämpfe damals sich drehten. Somit fehlt zwischen Posa und seinem Zeitalter die nothwendige historische Vermittelung, wie er denn selbst (III, 10) sehr bezeichnend sagt: „das Jahrhundert ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe, ein Bürger derer, welche kommen werden“. Es ist in seinen Ideen gewissermaßen eine Vorahnung der nachmals eingetretenen Revolutionen ausgesprochen. Einen wesentlichen Schritt in der Fortentwickelung unseres Dichters bildet auch die äußere Form seines Werkes. Er verläßt mit demselben die prosaische Sprache und wählt auf Wieland’s Ausspruch, daß ein vollkommenes Drama in Versen geschrieben sein müsse, den fünffüßigen Jambus, um, wie er selbst sagt, dem Stück mehr Würde und Glanz zu verleihen. Und in der That, wie ein Edelstein erst durch das Schleifen die Fähigkeit erlangt, das in ihm wohnende Feuer in reinem Glanze auszustrahlen, so ist auch Sch.’s glühende Begeisterung durch den Zwang, welchen er sich mit dem Metrum anlegte, in den wohlthuendsten Formen zum Ausdruck gelangt. Ueberwiegt in seinen Jugenddramen noch die scharfe Zeichnung der Charaktere unter dem gewaltigen Ringen mit einer Sprache, die sich seiner Leidenschaftlichkeit nicht fügen will, so blickt in dem Don Carlos überall seine Freude an dem glänzenden Colorit hindurch, so daß die Charakterzeichnung fast darunter leidet. Wenn Lessing in seiner Dramaturgie, wo er von dem Rechte der Dichtung gegenüber einem historischen Stoffe spricht, dem Dichter eine Umstellung und Veränderung der geschichtlichen Thatsachen nur gestattet, insoweit dadurch die Charaktere der historischen Personen nicht umgestaltet werden : so hat Sch. von diesem Rechte gerade den umgekehrten Gebrauch gemacht. Sein Don Carlos ist nichts weniger als die oben dargestellte geschichtliche Person; es ist eine untergeschobene ideale Gestalt, die wir als den Helden des Stückes erblicken. In seinen Jünglingsjahren von dem hochfliegenden Plane erfüllt, „der Schöpfer einer neuen Zeit zu werden“, hat er sich durch die unselige Leidenschaft für seine Stiefmutter innerlich vollständig umgewandelt; das Streben nach der Befriedigung seiner persönlichen Wünsche nimmt seine Seele so in Anspruch, daß jedes edlere und höhere Interesse dadurch in den Hintergrund gedrängt wird. Die Sache ist um so schlimmer, als seine Liebe einen unsittlichen Charakter hat; es ist ein krankhafter Zustand melancholischer Zerstreutheit, in dem er alle möglichen Thorheiten begeht. Er leibt die Königin und ist gleichzeitig im Stande, in einem Augenblick der Aufwallung der Prinzessin von Eboli eine Liebeserklärung zu machen. Als ihm der Page (II, 4) den Brief bringt, welchen er von der Königin gesendet glaubt, hat er noch nichts von ihrer Hand gelesen, und doch hat er (IV, 5) den in Alkala erhaltenen in seiner Brieftasche. Mit dem Briefe, welchen er von der Eboli in Händen hat, dem königlichen Handschreiben an diese, will er seine Mutter mit Abscheu vor der Untreue ihres Gatten erfüllen, und eben dadurch sie selbst zur Untreue verleiten. So ein sittlich Kranker ist nicht geeignet, die Krankheit seines Jahrhunderts zu heilen; und wenn es dem Marquis Posa auch gelingt, sein feuriges Streben für das Wohl der flandrischen Provinzen zu gewinnen, so bringt ihn seine leidenschaftliche Erregtheit doch in Conflict mit allen bestehenden Verhältnissen. Unfähig, die große Aufgabe, welche sein Freund ihm gestellt, mit klarem, festem Blick in’s Auge zu fassen, ist die Heilung von seiner Leidenschaft auch nicht viel mehr als ein Werk der Uebereilung, und somit verfällt er seinem Schicksal, egoistische und ideale Interessen gleichzeitig verfolgt und weder das Eine noch das Andere erreicht zu haben. Ist auf diese Weise Carlos nun auch der Held des Stückes und dasselbe mit vollem Rechte nach ihm benannt, so spricht sich, wie Jos. Bayer richtig bemerkt, doch „der über die Handlung hinauswachsende Geist des Stückes mehr rhetorisch als dramatisch in den Bekenntnissen und Tendenzen des Marquis Posa aus“, der also, wenn auch nicht der eigentliche Held, so doch die hervorragendste Persönlichkeit in demselben ist. Die Geschichte berichtet von einem Marquis Posa, einem Herrn vom ersten Adel, welcher einer zum Protestantismus geneigten Gesellschaft angehörte und dem Inquisitionsgericht verfiel. Das Urtheil wurde an ihm und dreizehn anderen Personen am 21. Mai 1559 zu Valladolid vollstreckt, wobei Don Carlos zugegen war. Sch.’s Marquis Posa wird von dem Infanten als der rettende Engel betrachtet, den die Vorsehung ihm gesandt, um sein krankes Herz zu heilen; der Marquis selbst dagegen kündigt sich ihm zunächst als den Gesandten eines unterdrückten Heldenvolkes, ja noch mehr, als einen Abgeordneten der ganzen Menschheit an. Schwärmerisch, kühn, stolz und ruhmbegierig, hat er schon auf der hohen Schule zu Alcala seine Seele mit idealen Anschauungen erfüllt, und denselben später auf seinen Reisen durch Länder, in denen die reformatorischen Ideen in voller Blüthe standen, erneute Nahrung gegeben. So erscheint er als Repräsentant der Ideen, welche geeignet sind, eine neue Zeit herauf zu führen; für sie will er den Fürstensohn, den Erben reicher Kronen, gewinnen; im Bunde mit ihm will er, unter Benutzung der aufgeregten Stimmung in den Niederlanden, die schönen Träume seiner Jugend jetzt verwirklichen. Aber wie alle Enthusiasten ist er über sich selbst nicht zu voller Klarheit gekommen; wenigstens schauen wir nicht von vorn herein, und eben so wenig vollständig klar in sein Geheimniß. Leidenschaftlich erregt, voll stolzen Selbstgefühls, verfolgt er kühn die übereilt gefaßten Pläne, ohne auf die realen Lebensbedingungen in angemessener Weise Rücksicht zu nehmen, und da er besonders dem Könige gegenüber sich nicht vollkommen wahr erweist, so verfällt auch er dem tragischen Geschick, das nur Gerechtigkeit, doch keine Gnade kennt. Diesen beiden ideal gehaltenen Personen gesellt sich die Königin Elisabeth zu, die gleichfalls höheren Interessen zugewandt, aber doch von ruhigem und sicherem Charakter ist, so daß sie den Prinzen stets in den Schranken hält, die sich für sie als Philipp’s Gattin geziemen. Sie ist das schöne Ideal der natürlichen und freien Tugend, wie sie Sch. in seinem Gedicht „Würde der Frauen“ so trefflich schildert. Aber daß sie ihr Loos nicht mit voller Ergebung trägt, daß sie ihrem Gatten gegenüber ein bedenkliches Geheimniß hat, ja daß sie sich nicht fern hält von den staatsgefährlichen Plänen, welche der Marquis ihr anvertraut – das ist ihre Schuld, und darum trifft auch sie die allerdings harte Strafe, selbst da zu leiden, wo sie nichts verschuldet. Den eben geschilderten drei Personen, welche vor Allem unser Mitleid in Anspruch nehmen, stehen drei andere gegenüber, welche uns zunächst mit Furcht erfüllen, es sind der König, Herzog Alba und Domingo. König Philipp, in dessen Charakterzeichnung die historische Treue noch am meisten gewahrt erscheint, ist ein Despot in seinem Hause wie im Staate, dabei aber ein Sklave der Hofetikette, ein Sklave seiner Eifersucht, ein Sklave seiner fanatischen Priester. Diese in seiner Brust vereinigten Gegensätze, der Wiederhall des durch die ganze Tragödie sich hinziehenden Contrastes, sie bilden die Grundlage seines Fühlens und Wollens, erklären die meist excentrischen Schritte seiner Handlungsweise. In einem Punkte aber ist er inconsequent. Wohl fühlend, daß es ihm an dem inneren Gleichgewichte fehlt, das allein des Menschen Glück begründen kann, gelüstet es ihn plötzlich nach einem Menschen; und er, der sonst nichts Anderes als demüthige Unterthanen und unbedingten Gehorsam kennt, vertraut sich einem Manne, welcher den Muth hat, von Gedankenfreiheit zu ihm zu reden. In dieser Inconsequenz liegt sein tragisches Schicksal, das ihn am bemitleidenswürdigsten am Schluß erscheinen läßt, wo der Großinquisitor es wagen darf, ihm eine so derbe Lection zu ertheilen. Dem Könige zur Seite steht Herzog Alba, sein Staatsminister und sein erster Feldherr, ein Mann von kaltem Stolz und eisernem Charakter, der im Rathe nichts Anderes kennt als Härte und Gewalt und in der Ausführung nichts Anderes als die unerbittlichste Strenge. Obwohl zuverlässig in seinem Eifer für den Dienst des Königs, verschmäht er es doch nicht, daneben seine egoistischen Zwecke zu verfolgen, denn, von Carlos verachtet, brütet er Rache gegen diesen, und deshalb giebt er sich zu dem Complot her, das gegen den Infanten und die Königin geschmiedet wird. Der dritte im Bunde ist der Vertreter der zu jener Zeit in dem Katholicismus zu Tage tretenden unsittlichen Elemente. Er ist der schlaue, ränkevolle Priester, der „Gebärdenspäher und Geschichtenträger“, der es versteht, die Leute zu sondiren und seinen Fürsten zu umstricken, so daß dieser endlich bestürzt seinem Feldherrn zurufen muß: „Toledo! Ihr seid ein Mann. Schützt mich vor diesem Priester!“ Aber leider ist der König in den Händen eines Mannes, der, obwohl sein Beichtvater, es nicht verschmäht, in den Dienst seiner niedrigsten Leidenschaften zu treten, ja sich sogar bemüht, dieselben mit dem Deckmantel der Religion zu verhüllen. Sein Charakter gipfelt in der im Hintergrunde stehenden Schreckgestalt des Großinquisitors, dem Repräsentanten des scheußlichen Systems, das sich nicht besser als durch Sch.’s eigene Worte charakterisiren läßt: „Außerdem will ich es mir zur Pflicht machen, in Darstellung der Inquisition die prostituirte Menschheit zu rächen, und ihre Schandflecken fürchterlich an den Pranger zu stellen. Ich will – und sollte mein Carlos auch für das Theater verloren gehen – einer Menschenart, welche der Dolch der Tragödie bisher nur gestreift hat, auf die Seele stoßen.“ Zwischen den drei bemitleidenswerthen und den drei fürchterlichen Gestalten steht die Prinzessin Eboli, die unweibliche Intrigantin, die es mit beiden Parteien hält, anfangs die eigennützige Tugend zur Schau trägt, bald aber es nicht verschmäht, da ihr die Erlangung eines Diadems versagt ist, sich dem Prinzen zur Maitresse anzubieten, ja die endlich, bloß um ihre Rache zu befriedigen, ihre weibliche Ehre in einer Weise preisgiebt, welche die fürstliche Gebieterin in ihren heiligsten Rechten kränken muß. Sie ist die Repräsentantin der Zuchtlosigkeit des damaligen Hoflebens und verfällt somit ihrem wohlverdienten Schicksal, von der Königin verstoßen zu werden und schließlich allein dazustehen. Ihr Gegenbild findet sie in dem Grafen Lerma. Wie sie die weibliche Lasterhaftigkeit, so stellt er die männliche Tugend dar. Ernst und würdig in seiner Erscheinung, in seinen Reden frei von allem rhetorischen Prunk, ist er der treue, redliche Diener seines Herrn, der Mann „der Lügen nie gelernt hat“, der es zwar auch mit beiden Parteien hält, aber nur um Frieden zu stiften und, so weit an ihm ist, die streitenden Elemente zu versöhnen; er ist daher auch der einzige, der schließlich von dem tragischen Geschick verschont bleibt. Werfen wir zum Schluß noch einen Blick auf das Drama als Ganzes, so ist der in demselben zur Anschauung gebrachte äußere Conflict ein doppelter, nämlich einmal die sträfliche Neigung des Prinzen zu seiner Stiefmutter, dann aber sein verrätherisches Trachten nach der Statthalterschaft in den Niederlanden. Durch dies Beides kreuzt er einerseits die häuslichen, andererseits die Staatsinteressen seines Vaters. Durch die Aenderung der Grundidee jedoch, hervorgegangen aus jenem Entwickelungsprozeß, in welchem der Dichter und der Denker noch im Kampf mit einander lagen, kam ein neues Moment, der Streit einer idealen Weltanschauung gegen erstarrte Staatsmaximen hinzu, weshalb W. v. Humboldt die kosmopolitische Idee mit Recht für die wahre Idee des Stückes hält. Dennoch hat Sch. mit seinem Don Carlos viel Noth gehabt, da die Kunstrichter trotz des großartigen Beifalls, den das Drama gefunden und immer noch findet, sich gerechter Zweifel über die Mustergültigkeit der ganzen Composition nicht erwehren konnten. Sch. ließ deshalb im Jahre 1788 in dem deutschen Merkur seine „Briefe über Don Carlos“ (Bd. 10) erscheinen, welche Palleske „eine Concession an die flache Kritik und an die stofflichen Sympathien der Zeit“ nennt. Indessen sind dieselben auch nicht im Stande gewesen, die Bedenken einer gründlicheren Kritik, welche dem Stücke mit mehr idealen Sympathien entgegen kam, vollständig zu heben. Alle Untersuchungen über die innere Oeconomie des Dramas haben bis jetzt kein anderes Resultat gehabt, als das fast einmüthige Bekenntniß, daß es der Handlung an klarem und stetigem Fortschritt gebricht, und daß sich Räthsel in dem Stücke finden, welcher bisher ungelöst geblieben sind. Was die erste dieser beiden Ausstellungen betrifft, so erwächst uns dem Dichter gegenüber die Pflicht, den Gang der Handlung durch die einzelnen Acte zu verfolgen, wobei wir uns nur von ihm selbst leiten lassen: I. Domingo, welcher die Neigung des Prinzen zu seiner Stiefmutter bereits errathen, sucht denselben zu ergründen, wird aber mißtrauensvoll zurückgewiesen. Jetzt erscheint Marquis Posa, dem Carlos sein Innerstes öffnet, und der, jedenfalls von dem Gedanken ausgehend, daß die Sehnsucht nach einem entbehrten Gute uns immer unruhiger findet als der Besitz desselben, sich erbietet, eine Zusammenkunft mit der Königin zu vermitteln. Diese, von ihren Hofdamen umgeben, empfängt den Marquis, welcher die Gelegenheit benutzt, um sie in einer ersonnenen Geschichte, die er als „der Freundschaft heiliges Legat“ bezeichnet, auf Don Carlos Wünsche aufmerksam zu machen. Gleich darauf erscheint dieser, gesteht der Königin seine Liebe, wird aber statt der gehofften Erwiederung auf die erhabene Aufgabe hingewiesen, die seiner, als des zukünftigen Herrschers, wartet. Das unmittelbar hierauf folgende Auftreten des Königs macht uns mit dessen eifersüchtiger Laune bekannt, während Carlos dem Marquis erklärt, daß er bereit sei, Flandern zu retten und deshalb seinen Vater um die Statthalterschaft bitten wolle. Zugleich erneuern beiden den Bund inniger Freundschaft, deren Hauptzweck darin besteht, Posa’s Ideale einst zu verwirklichen. II. In einer Privat-Audienz, die Carlos von seinem Vater erlangt, wagt er seine kühne Bitte, wird aber kalt zurückgewiesen, während Alba das gewünschte Amt erhält. Nunmehr beginnt die Intrigue. Ein von der Fürstin Eboli gesendeter Page bringt dem Prinzen einen Brief, den dieser für eine Einladung von der Hand der Königin hält. Er folgt dem Winke und nach einem heftigen, aber rasch beigelegten Streite mit Alba kommt er zur Fürstin Eboli, die ihm ihre Zuneigung verräth, indessen keine Erwiederung findet. Der Brief, aus welchem Carlos ersehen soll, daß man ihrer Unschuld nachstellt, der Brief vom König, bleibt in seinen Händen. Jetzt ahnt die Prinzessin, daß die Königin ihre Nebenbuhlerin sie, und da auch der beleidigte Alba und der bei Seite geschobene Domingo erbittert auf den Prinzen sind, so schmieden diese drei ein Complot, das den geheimen Liebesbund zerstören soll. Von Eifersucht geblendet, läßt sich die Eboli zu einem Schatullendiebstahl bei der Königin verleiten, und giebt, bloß um ihre Rache zu kühlen, den geheimen Wünschen des Königs nach. Im Gegensatz hierzu will Carlos, wie in einer Wahlverwandschaftsintrigue, den Brief des Königs an die Prinzessin Eboli benutzen, um seiner Mutter Herz für sich geneigt zu machen, ein unsittlicher Plan, den der Marquis durch Zerreißen dieses Briefes vereitelt. Aber eine neue Zusammenkunft zu vermitteln, dazu ist er bereit, denn sie soll seinen Plänen nützlich werden. III. Nunmehr beginnt sich der Knoten zu schürzen. Bei dem Könige, obwohl er selbst seiner Gemahlin die Treue gebrochen, ist die Eifersucht durch die Ränke der Eboli zur höchsten Gluth angefacht, um so mehr, als auch Alba und Domingo gegen die Königin auftreten. Philipp, noch zweifelhaft, sehnt sich jetzt nach einem Menschen, der ihm Wahrheit kündet. Ein Zufall erinnert ihn an Marquis Posa, der, da er seinem Throne fern geblieben, ihm jetzt am besten wird dienen können. Ihn läßt er rufen und hört Wahrheiten, an die er nie gedacht, die ihn aber mächtig ergreifen. Dies bestimmt ihn, den Blick des neu gewonnenen Freundes auf seine häuslichen Verhältnisse zu lenken, ihm trägt er auf, das Herz der Königin zu erforschen. IV. Inzwischen hat das Complot den häuslichen Frieden an Philipp’s Hofe so vollständig untergraben, daß die tragischen Wirkungen der geheimen Machinationen in mächtigen Schlägen zum Ausbruch kommen. Zunächst macht die Königin bei der Entdeckung des an ihrer Schatulle begangenen Diebstahls die betrübende Beobachtung, daß sie von feindlichen Spähern umgeben sein muß, findet dagegen andererseits eine freundliche Stütze an dem Marquis, der nur den einen Fehler macht, jedem der drei fürstlichen Familienmitglieder heimlich dienen zu wollen, um nachher wie ein Halbgott von Allen angestaunt zu werden. Dem König will er die Ruhe des Gemüths zurückgeben, an dem Haupte der Königin die drohende Wetterwolke still vorüberführen und bei dem Prinzen die Kraft leidenschaftlicher Erregtheit im Interesse seiner höheren Ziele verwerthen; aber Niemand darf ihm in die Karten sehen, selbst seine Freund Carlos nicht, dessen Brieftasche als Zeuge seiner Unschuld dem Könige in die Hände gespielt werden soll. Doch noch ehe der Verdacht des letzteren in die von Posa ersonnene Fährte gelenkt ist, bricht das Unwetter los. Elisabeth beklagt sich bei dem König über die Entwendung der ihr werthen Gegenstände und macht die niederschmetternde Erfahrung, daß ihr Gemahl selbst der Urheber des Diebstahls ist. Dieser erhält nunmehr des Prinzen Brieftasche mit dem Billet der Eboli an den Infanten, so daß er sich von der Fürstin betrogen glauben muß. So gelingt es dem Marquis, des Königs Eifersucht in politische Besorgniß umzuwandeln, die durch den erbetenen geheimen Verhaftsbefehl aber sogleich wieder beschwichtigt wird. Soweit ist Alles gut angelegt, aber leider werden Posa’s geheime Pläne, eben weil er sie geheim hält, hinter seinem Rücken gekreuzt. Der Prinz, von Lerma gewarnt, glaubt seinen Freund verloren zu haben; dagegen straft die Königin die heuchlerische Warnung, mit welcher Alba und Domingo den Marquis aus dem Felde zu schlagen suchen, mit gebührender Verachtung. Carlos, voll Mißtrauen gegen seinen Freund, aber voll Vertrauen zur Fürstin Eboli, geht jetzt zu dieser, damit sie eine Zusammenkunft mit seiner Mutter veranlasse. Der Marquis kommt dazu, fürchtet, Carlos sei im Begriff, seinen schönen geheimen Plan durch das Geständniß seiner unglückseligen Leidenschaft zu kreuzen, will dies verhindern und nimmt ihn gefangen. Wie soll er jetzt seinen Plan retten? Die Ermordung der Eboli kann ihm nur in der ersten Aufregung als ein geeignetes Mittel erscheinen, denn als Minister darf er sich durch eine solche That nicht compromittiren, als Mensch sich nicht damit beflecken. Nur ein Mittel bleibt ihm, er muß sich selber opfern. Inzwischen hat die Prinzessin eboli, die des Prinzen Gefangennehmung als Folge ihrer Anschwärzung betrachtet, der Königin ein offenes Geständniß abgelegt, welcher auch der Marquis nunmehr seinen ganzen Plan, freilich mehr in Räthseln als in klaren Ausdrücken enthüllt. Da er von dem Geständniß der Eboli nichts weiß, auch durch die Königin nichts erfährt, als daß sie glaubt, ihn retten zu können, so ist er verloren. Diese Ahnung wird zur Gewißheit durch den verhängnißvollen Brief an Wilhem von Oranien, welchen der Oberpostmeister dem Könige überbringt, so daß der Zuschauer voll Spannung der Lösung des Knotens entgegen sieht. V. Carlos wird im Gefängniß von dem Marquis besucht, der ihn jetzt mit dem Grunde seiner Verhaftung bekannt macht und ihm über alles Vorgefallene Aufschluß giebt, auch darüber, wie er das Complot regiert, das dem Prinzen den Untergang bereiten sollte, und wie er schließlich die ganze Schuld auf sich gewälzt, um den zum Mißtrauen geneigten König irre zu führen und seinen Freund zu retten. Ehe er diesen auf die ihm obliegenden heiligen Pflichten hinweisen kann, fällt der verhängnißvolle Schuß, und der Sterbende kann ihm nur noch sagen, daß er von seiner Mutter das Weitere hören werde. Jetzt erscheint der König, welchem der Prinz offen erklärt, daß Posa für ihn gestorben, so daß der Monarch von dem begeisterten Vertheidiger des Gemordeten moralisch vernichtet wird. Dazu kommt der Aufruhr in Madrid, das den Infanten befreien will, und der Geist des verstorbenen Kaisers, in welchem die letzte Nachwirkung von Posa’s geheimen Leitungen zur Erscheinung kommt. Der König, innerlich verstört, wird erst durch Alba, die feste Stütze seines Throns, wieder an die Wirklichkeit erinnert, indem der Herzog ihm die Papiere übergiebt, die Posa’s Hinterlassenschaft an den Prinzen enthalten. Jetzt läßt er die zweite Stütze seines Throns, den Großinquisitor, rufen und legt sein Richteramt in dessen Hände. Inzwischen ist der innerlich umgewandelte, von seiner unglücklichen Leidenschaft geheilte Prinz in bedenklicher Verkappung zur Königin geeilt, um seines Freundes letzten Willen aus ihrem Munde zu vernehmen; hier aber überrascht ihn der König und übergiebt ihn der Inquisition. Ueberblicken wir aufmerksam die eben gegebene reconstruirende Analyse, so werden wir finden, daß es dem Stücke doch nicht so sehr an „klarem und stetigem Fortschritt“ fehlt, wie mehrere Commentatoren dies behaupten. Wer Sch.’s vorwiegende Neigung zur überraschenden Zusammenstellung von Gegensätzen kennt, wird dieses höchst werthvolle Kunstmittel auch in dem Scenenwechsel angewendet finden, wo ja fortdauernd zwei Handlungen, die Intrigue und die Bekämpfung derselben, neben einander herlaufen müssen. Gelingt es dem Leser, diese Gegensätze im Sinne des Dichters zu beherrschen und in seinem Bewußtsein zu einer höheren idealen Einheit zu verknüpfen, so dürfte die stetige Fortentwickelung der Handlung nicht so leicht vermißt werden. Zu den Räthseln des Stückes gehören freilich das Vertrauen des eifersüchtigen Königs zu dem jugendlichen Marquis, dem er, der strengen Hofsitte zum Trotz, freien Zutritt zu seiner Gemahlin gestattet; ferner die Person des Marquis selbst, der nach Jos. Bayer ein „berechnender Enthusiast“ ist und als solcher an einem inneren Widerspruche leidet, da sich Ideale niemals auf Schleichwegen realisiren lassen. Endlich ist weder die Gefangennehmung des Prinzen, noch die Aufopferung Posa’s so ausreichend begründet, daß dem Zuhörer gar kein Zweifel übrig bliebe. Wie der Marquis die Verhaftung des Prinzen dem Könige gegenüber hätte rechtfertigen wollen, ist schwer zu sagen; und daß die Aufopferung Posa’s einer näheren Motivierung bedurfte, hat Sch. selbst gefühlt und deshalb später den von Palleske (II, 46) mitgetheilten Monolog nach Act IV, 18 eingeschoben. Die Hauptschönheit des Stückes wird immer in den begeisternden Ideen und in der edlen und prächtigen Sprache zu suchen sein; daher die Erscheinung, daß die vorzugsweise in Träumen sich wiegende Jugend jederzeit für das Drama schwärmt, während der reifere, an consequentes Denken gewöhnte Mann ungeachtet aller Freude an den einzelnen Scenen dennoch nicht mit voller Befriedigung von dem Ganzen scheidet; es ist eben eine Jugendarbeit, die allerdings ihres Gleichen sucht, aber kein vollendetes Meisterwerk der dramatischen Kunst. Der eben gerügte Mangel trifft aber keinesweges den majestätischen Schluß des Stückes selbst; denn der von den Vertretern der absoluten Kirchen- und Staatsgewalt errungene Sieg ist ein unnatürlicher, so daß der Zuschauer ihnen zurufen möchte: „Noch ein solcher Sieg, und ihr seid verloren“. Mögen auch die Repräsentanten der großartigen kosmopolitischen Ideen vor unseren Augen zu Grunde gehen; diese Ideen selbst klingen als das ewig Bleibende und Wahre bei uns nach und schreiten triumphirend über die zeitigen Sieger dahin. |
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