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Das verschleierte Bild zu Sais (Gedicht)
Eine Parabel aus dem Jahre 1795, in ungereimten fünffüßigen Jamben, dem Versmaße des deutschen Trauerspiels. Der Dichter hat diese Form jedenfalls absichtlich gewählt, da der Stoff eine freiere Bewegung verlangte. Er konnte auf diese Weise der Erzählung die nötige Gedrängtheit geben, die einzelnen mitwirkenden Personen leichter redend einführen und den Dialog mit einer gewissen Ungezwungenheit behandeln. Daher erinnert denn nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form des Gedichtes lebhaft an die Parabel von den drei Ringen in Lessings Nathan. Wenn Schiller, dem der Reim so leicht zu Gebote stand, den musikalischen Reiz desselben hier zurückwies, so hat er uns dafür auf andere Weise reichlich schadlos gehalten. Vor allem überrascht uns die Tiefe der Gedanken im Verein mit den glänzenden Bildern, und eben so der rasche Fortschritt der Handlung, unterstützt von dem höchst ausdrucksvollen Satzbau. Bekanntlich verträgt die Parabel nur ein geringes Maß von Schmuck. Derselbe ist nicht nur da, sondern auch so angebracht, wie es die Würde dieser Dichtungsart verlangt. Das Gleichnis von dem Tone aus einer Harmonie und einer Farbe aus dem Regenbogen (vergl. Iris) ist in dem Munde des feurigen Jünglings eben so treffend, wie die Steigerung in den Versen, welche sein nächtliches Eindringen in die Rotonde des Tempels schildern, von tief ergreifender Wirkung ist. Der Stoff zu diesem Gedicht ist vermutlich aus Plutarch entlehnt, und zwar aus einer Schrift über Isis und Osiris, in welcher von dem Heiligtum der Isis folgende Inschrift angegeben wird. „Ich bin das All, das gewesen ist, das ist und das sein wird; noch nie hat ein Sterblicher meinen Schleier aufgedeckt“ (vergl. Jehovah). Der Schauplatz der Begebenheit ist Sais, die alte Hauptstadt von Unterägypten. Was die „geheime Weisheit“ oder die Mysterien betrifft, deren Entstehung die Griechen, wenn auch ohne Grund, selbst gern aus Ägypten herleiteten, wie so manches Andere, um sich mit diesem Lande uralter Kultur in Verbindung zu bringen, so war der Zweck derselben wohl nichts Anderes als Aufklärung über gewisse Mythen und Religionsgebräuche, deren eigentlichen Sinn man aus politischen Rücksichten dem Volke verborgen zu halten für gut fand. Und allerdings ist ein gewisser Grad von Bildung durchaus erforderlich, um tiefere Wahrheiten in abstrakter Weise zu erfassen, während dieselben dem schwächeren Verstande nur in bildlicher Einkleidung nahe gelegt werden können. Die Parabel verfährt selbst auf diese Weise, indem sie das symbolisch vorträgt, was erst bei reiferer Erkenntnis intellektuell oder moralisch gefasst werden kann. So ließ man auch in den Eleusinischen Mysterien diejenigen, welche in dieselben eingeweiht werden sollten, gewisse Grade durchlaufen, um sie nach Maßgabe ihrer dargelegten Erkenntniskraft oder ihrer sittlichen Würdigkeit allmählich mit den Geheimlehren bekannt zu machen. Hieraus erhellt denn auch die Grundidee des Gedichtes. Alle tiefere Wahrheit muss erworben, errungen, erkämpft werden. „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ (G. Faust 11, 31). Dieses stufenweise Fortschreiten in unserer geistigen und sittlichen Entwickelung lässt sich nicht ungestraft überspringen, wir sollen eben „verklärt werden von einer Klarheit zu der andern“ (2. Cor. 3, 18). Wer auf unrechtmäßigem Wege rascher zum Ziele gelangen will, der bringt sich um seinen inneren Frieden, wie unsere Ureltern das Paradies verloren haben; oder der Hochmut führt seinen Fall herbei, wie es die Sage von Faust darstellt, der den letzten Zweck des Lebens allein in der Erkenntnis zu finden vermeinte. Gewisse Dinge bleiben auch dem tiefsten Denker verborgen; der letzten und höchsten Wahrheit darf er nichts Anderes als seine Demut entgegen bringen. „Wer es fassen kann, der fasse es!“ Zum Gedicht Das verschleierte Bild zu Sais. |
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Jürgen Kühnle
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