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         Iphigenie in Aulis
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Anmerkungen

Diese Tragödie ist vielleicht nicht die tadelfreieste des Euripides, weder im Ganzen, noch in ihren Teilen. Agamemnons Charakter ist nicht fest gezeichnet und durch ein zweideutiges Schwanken zwischen Unmensch und Mensch, Ehrenmann und Betrüger, nicht wohl fähig, unser Mitleiden zu erregen. Auch bei dem Charakter des Achilles bleibt man zweifelhaft, ob man ihn tadeln oder bewundern soll. Nicht zwar, weil er neben dem Racine’schen Achilles zu ungalant, zu unempfindsam erscheint: Der französische Achilles ist der Liebhaber Iphigeniens, was jener nicht ist und nicht sein soll; diese kleine, eigennützige Leidenschaft würde sich mit dem hohen Ernst und dem wichtigen Interesse des griechischen Stücks nicht vertragen. Hätte sich Achilles wirklich überzeugt, dass Griechenlands Wohl dieses Opfer erheische, so möchte er sie immer bewundern, beklagen und sterben lassen. Er ist ein Grieche und selbst ein großer Mensch, der dieses Schicksal eher beneidet, als fürchtet; aber Euripides nimmt ihm selbst diese Entschuldigung, indem er ihm Verachtung des Orakels, wenigstens Zweifel in den Priester, der es verkündigt hat, in den Mund legt – man sehe die dritte Szene des vierten Akts – und selbst sein Anerbieten, Iphigenien mit Gewalt zu erretten, beweist seine Geringschätzung des Orakels, denn wie könnte er sich gegen das auflehnen, was ihm heilig ist? Wenn aber das Heilige wegfällt, so kann er in ihr nichts mehr sehen, als ein Opfer der Gewalt und priesterlichen Künste, und kann sich dieser großmütige Göttersohn auch alsdann noch so ruhig dabei verhalten? Muss er sie nicht vielmehr, wenn sie mit törichtem Fanatismus gleich selbst in den Tod stürzen will, mit Gewalt davon zurückhalten, als dass er ihr erlauben könnte, ein Opfer ihrer Verblendung zu werden? Man nehme es also, wie man will, so ist entweder sein Versuch zu retten töricht, oder seine nachfolgende Ergebung unverzeihlich, und inkonsequent bleibt in jedem Falle sein Betragen. Der Chor in diesem Stücke, wenn ich seine erste Erscheinung ausnehme, ist ein ziemlich überflüssiger Teil der Handlung, und, wo er sich in den Dialog mischt, geschieht es nicht immer auf eine geistvolle Weise; das ewige monotonische Verwünschen des Paris und der Helene muss endlich jeden ermüden. Was gegen die durch ein Wunder bewirkte Entwicklung des Stücks zu sagen wäre, übergehe ich; überhaupt aber ist zwischen der dramatischen Fabel dieses Dichters und seiner Moral oder den Gesinnungen seiner Personen zuweilen ein seltsamer Widerspruch sichtbar, den man, so viel ich weiß, noch nicht gerügt hat. Die abenteuerlichsten Wunder- und Göttermärchen verschmäht er nicht; aber seine Personen glauben nur nicht an ihre Götter, wie man häufige Beispiele bei ihm findet. Ist es dem Dichter erlaubt, seine eigenen Gesinnungen in Begebenheiten einzuflechten, die ihnen so ungleichartig sind, und handelt er nicht gegen sich selbst, wenn er den Verstand seiner Zuschauer in eben dem Augenblicke aufklärt oder stutzen macht, wo er ihren Augen einen höheren Grad von Glauben zumutet? Sollte er nicht vielmehr die so leicht zu zerstörende Illusion durch die genaueste Übereinstimmung von Gesinnungen und Begebenheiten zusammen zu halten und dem Zuschauer den Glauben, der ihm fehlt, durch die handelnden Personen unvermerkt mitzuteilen beflissen sein?

Was einige hingegen an dem Charakter Iphigeniens tadeln, wäre ich sehr versucht, dem Dichter als einen vorzüglichen schönen Zug anzuschreiben; diese Mischung von Schwäche und Stärke, von Zaghaftigkeit und Heroismus, ist ein wahres und reizendes Gemälde der Natur. Der Übergang von einem zum anderen ist sanft und zureichend motiviert. Ihre zarte Jungfräulichkeit, die zurückhaltende Würde, womit sie den Achilles, selbst da, wo er alles für sie getan hat oder zu tun bereit ist, in Entfernung hält, die Bescheidenheit, alle Neugier zu unterdrücken, die das rätselhafte Betragen ihres Vaters bei ihr rege machen muss, selbst einige hier und da hervorblickende Strahlen von Mutwillen und Lustigkeit, ihr heller Verstand, der ihr so glücklich zu Hilfe kommt, ihr schreckliches Schicksal noch selbst von der lachenden Seite zu sehen, die sanft wiederkehrende Anhänglichkeit an Leben und Sonne – der ganze Charakter ist vortrefflich. Klytämnestra – mag sie anderswo eine noch so lasterhafte Gattin, eine noch so grausame Mutter sein, darum kümmert sich der Dichter nicht – hier ist sei eine zärtliche Mutter und nichts als Mutter; mehr wollte und brauchte der Dichter nicht. Die mütterliche Zärtlichkeit ist’s, die er in ihren sanften Bewegungen, wie in ihren heftigen Ausbrüchen schildert. Aus diesem Grunde finde ich die Stelle im fünften Akt, wo sie Iphigenien auf die Bitte, sie möchte ihren Gemahl nicht hassen, zur Antwort gibt: „O, der soll schwer genug an dich erinnert werden!“, eine Stelle, worin ihre künftige Mordtat vorbereitet zu sein scheint, eher zu tadeln, als zu loben – zu tadeln, weil sie dem Zuschauer (dem griechischen wenigstens, der in der Geschichte des Hauses Atreus sehr gut bewandert war, und für den doch der Dichter schrieb) plötzlich die andere Klytämnestra, die Ehebrecherin und Mörderin in den Sinn bringt, an die er jetzt gar nicht denken soll, mit der er die Mutter, die zärtliche Mutter, gar nicht vermengen soll. So glücklich und schön der Gedanke ist, in demjenigen Stücke, worin Klytämnestra als Mörderin ihres Gemahls erscheint, das Bild der beleidigten Mutter und die Begebenheit in Aulis dem Zuschauer wieder ins Gedächtnis zu bringen (wie es z.B. im Agamemnon des Äschylus geschieht), so schön dieses ist, und aus eben dem Grunde, warum dieses schön ist, ist es fehlerhaft, in dasjenige Stück, das uns die zärtliche, leidende Mutter zeigt, die Ehebrecherin und Mörderin aus dem andern herüberzuziehen: jenes Nämlich diente dazu, den Abscheu gegen sie zu vermindern, dieses kann keine andere Wirkung haben, als unser Mitleiden zu entkräften. Ich zweifle auch sehr, ob Euripides bei der oben angeführten Stelle diesen unlautern Zweck gehabt hat, den ihm viele geneigt sein dürften als eine Schönheit unterzuschieben.

Die Gesinnungen in diesem Stücke sind groß und edel, die Handlung wichtig und erhaben, die Mittel dazu glücklich gewählt und geordnet. Kann etwas wichtiger und erhabener sein, als die – zuletzt doch freiwillige – Aufopferung einer jungen und blühenden Fürstentochter für das Glück so vieler versammelten Nationen? Konnte die Größe dieses Opfers in ein volleres und schöneres Licht gestellt werden, als durch das prächtige Gemälde, das der Dichter durch den Chor (in der Zwischenhandlung des ersten Aktes) von der glänzenden Ausrüstung des griechischen Heeres gleichsam im Hintergrunde entwerfen lässt? Wie groß endlich und wie einfach malt er uns Griechenlands Helden, denen dieses Opfer gebracht werden soll, in ihrem herrlichen Repräsentanten Achilles?

Die gereimte Übersetzung der Chöre gibt dem Stück vielleicht ein zwitterartiges Ansehen, indem sie lyrische und dramatische Poesie mit einander vermengt; vielleicht finden einige sie unter der Würde des Drama. Ich würde mir diese Neuerung auch nicht erlaubt haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, die in der Übersetzung verloren gehende Harmonie der griechischen Verse – ein Verlust, der hier um so mehr gefühlt wird, da in dem Inhalt selbst nicht immer der größte Wert liegt – im Deutschen durch etwas ersetzen zu müssen, wovon ich gern glaube, dass es jener Harmonie nicht nahe kommt, was aber, wäre es auch nur der überwundenen Schwierigkeit wegen, vielleicht einen Reiz für diejenigen Leser hat, die durch eine solche Zugabe für die Chöre des griechischen Trauerspiels erst gewonnen werden müssen. Kann mich dieses bei unsern griechischen Zeloten nicht entschuldigen, so sind sie hinlänglich durch die Schwierigkeiten gerächt, die ich bei diesem Versuch vorgefunden habe. In einigen wenigen Stellen hab’ ich mir erlaubt, von der gewöhnlichen Erklärungsart abzugehen, wovon hier meine Gründe.

1) Weil es mir so gefiel – denn deiner Knechte bin ich keiner.

Dieser Sinn schien mir den Worten des Textes angemessen und überhaupt griechisch zu sein, als welchen Brumoy und andere Übersetzer dieser Stelle geben. Ma volonté est mon droit. Est-ce à vous à me donner la loi? Nicht doch! So konnte Menelaus nicht auf den Vorwurf antworten, den ihm Agamemnon macht, was er nötig habe, seine (Agamemnons) Angelegenheiten zu beobachten, zu bewachen (julassein)? Ich hab’ es nicht nötig, antwortete Menelaus, denn ich bin nicht dein Knecht. Ich hab’ es getan, weil es mir so gefiel, quia voluntas me vellicabat. Auch musste Brumoy in der Frage schon dem griechischen Texte Gewalt antun, um seine Antwort herauszubringen. De quel droit, je vous prie, entrez-vous dans mes secrets sans mon aveu? Im Text heißt es bloß: Was hast du meine Angelegenheiten zu beobachten? Im Französischen ist die Antwort trotzig, im Griechischen ist sie naiv. ­

2) Wie fiel dir plötzlich da die Last vom Herzen.

Im Griechischen klingt es noch stärker: Du freutest dich in deinem Herzen. Erleichtert konnte sich Agamemnon allenfalls fühlen, dass ihm durch Kalchas ein Weg gezeigt wurde, seine Feldherrnwürde zu erhalten und seien ehrgeizigen Absichten durchzusetzen; freuen konnte er sich aber doch nicht, dass dieses durch die Hinrichtung seiner Tochter geschehen musste. ­

3) Diese ganze Antistrophe, die zwei ersten Absätze besonders, sind mit einer gewissen Dunkelheit behaftet, die Moral, die sie enthalten, ist zu allgemein, man vermisst den Zusammenhang mit dem Übrigen. Prevôt hält den Text für verdorben. Diese allgemeinen Reflexionen des Chors über seine Sitten und Anständigkeit, dünkt mir, könnten ebenso gut durch das unartige Betragen beider Brüder gegen eine der vorhergehenden Szenen, davon der Chor Zeuge gewesen ist, veranlasst worden sein, als durch den Frauenraub des Paris. Die Schwierigkeit, den eigentlichen Sinn des Textes herzustellen, wird die Freiheit entschuldigen, die ich mir bei der Übersetzung genommen habe. ­

4) Du wirst immer mit mir gehen!

Wörtlich müsste übersetzt werden: Meine Tochter, du kommst eben dahin, wo dein Vater; oder: Es kommt mit dir eben dahin, wo mit deinem Vater. Wenn dieser Doppelsinn nicht auf den Gemeinplatz hinauslaufen soll, dass eines sterben müsse, wie das andre, welches Euripides doch schwerlich gemeint haben könnte, so scheint mir der Sinn, den ich in der Übersetzung vorgezogen habe, der angemessenere zu sein: Dein Bild wird mich immer begleiten. Die Erklärungsart des französischen Übersetzers ist etwas weit hergeholt und gibt einen frostigen Sinn: Dich erwartet ein ähnliches Schicksal. Auch du wirst eine weite Seereise machen. ­

5) Du hast dich weggemacht ins Ausland.

Dort mach' dir zu tun. 'ElJwn de taxw prasse'. In diesem 'ElJwn' liegt, dünkt mir, ein bestimmter und schärferer Sinn, als andere Übersetzer darein gelegt haben. Klytämnestra nämlich macht ihrem Gemahl den versteckten Vorwurf, dass er die Seinigen verlassen habe, um sich einer auswärtigen Unternehmung zu widmen. Er habe sich seiner Hausrechte dadurch begeben, will sie sagen. Er sei ein Fremder. Du hast dich hinaus gemacht, so bekümmere dich um Dinge, die draußen sind! ­

6) Gewiss, recht brav, sobald sie mögen.

Diese Stelle hat Brumoy zwar sehr gut verstandne, auch den Sinn, durch eine Umschreibung freilich, sehr richtig ins Französische übertragen; aber ihre wirkliche Schönheit scheint er doch nicht erkannt zu haben, wenn er sagen kann: Je crains de n’avoir été que trop fidèle à mon original, à ses dépens et aux miens. Die Stelle ist voll Wahrheit und Natur. Klytämnestra, ganz erfüllt von ihrer gegenwärtigen Bedrängnis, schildert dem Achilles ihren verlassenen Zustand im Lager der Griechen, und in der Hitze ihres Affekts kommt es ihr nicht darauf an, in ihre Schilderung des griechischen Heers einige harte Worte mit einfließen zu lassen, die man ihr, als einer Frau, die sich durch ein außerordentliches Schicksal aus ihrem Gynäceum plötzlich in eine ihr so fremde Welt versetzt, und der Diskretion eines trotzigen Kriegsheers überlassen sieht, gern zu gute halten wird. Mitten im Strom ihrer Rede aber fällt es ihr ein, dass sie vor dem Achilles steht, der selbst einer davon ist; dieser Gedanke, vielleicht auch ein Stirnrunzeln des Achilles, bringt sie wieder zu sich selbst. Sie will einlenken und, je ungeschickter, desto wahrer! Im Griechischen sind es vier kurze hineingeworfene Worte: Crhsimon d, dtan Jelwsin, woraus im Deutschen freilich noch einmal so viel geworfen sind. Prevôt, dessen Bemerkungen sonst voll Scharfsinn sind, verbessert seine Vorgänger hier auf eine sehr unglückliche Art: Clytemnestre, sagt er, veut dire et dit, à ce qu’il me semble, aussi clairement qu’il étoit nécessaire qu’Achille peut se servir de son ascendant sur l’armée pour prévenir les desseins d’Agamemnon. Le P. Brumoy n’eût point trahi son auteur en exprimant cette pensée. Nein, ein so gesuchter Gedanke kann höchstens einem eiskalten Kommentator, nie aber dem Euripides oder seiner Klytämnestra eingekommen sein! ­

7) Ja, hassenswerter als Menelaus müsst’ ich sein.

Der griechische Achilles drückt sich beleidigender aus. Ich wäre gar nichts, und Menelaus liefe in der Reihe der Männer. Hassen konnte man den Menelaus, als den Urheber dieses Unglücks, aber Verachtung verdiente er darum nicht. ­

8) Und du wirst eilen, sie zu fliehn!

Ich weiß nicht, ob ich in dieser Stelle den sinn meines Autors getroffen habe. Wörtlich heißt sie: „Erstlich betrog mich meine Hoffnung, dich meinen Eidam zu nennen; alsdann ist mir meine sterbende Tochter vielleicht eine böse Vorbedeutung bei einer künftigen Hochzeit, wovor du dich hüten musst, Aber du hast wohl gesprochen am Anfang wie am Ende.“ Der französische Übersetzer erlaubt sich einige Feinheiten, um die Stelle zusammenhängender zu machen. Mais d’un autre côte, quel funeste présage pour votre hymen, que la mort de l’épouse, qui vous fut destinée! Le second malheur intéresse l’époux aussi bien que la mère. Enfin qu’ajouterais-je à vos paroles etc. Hier, und nach dem Buchstaben des Textes, ist es nur eine Warnung; ich nahm es als einen Zweifel, eine Besorgnis der Klytämnestra. So sehr diese durch Achilles Versicherungen beruhigt sein konnte, so liegt es doch ganz in dem Charakter der ängstlichen Mutter, immer Gefahr zu sehen, immer zu ihrer alten Furcht zurückzukehren. Auch das was folgt, wird dadurch in einen natürlichen Zusammenhang mit dem Vorhergehnden gebracht. Aber alles, was du sagtest, war ja wohl gesprochen, d.i. ich will deinen Versicherungen trauen. ­

9) Gibt’s keine Götter – warum leid’ ich?

Gewöhnlich übersetzt man diese Stelle: ei de mh, ti dei psiein; als eine allgemeine moralische Reflexion: Gibt’s keine Götter – wozu unser mühsames Streben nach Tugend? Moralische Reflexionen sind zwar sehr im Geschmack des Euripides; diese aber scheint mir im Munde der Klytämnestra, die zu sehr auf ihr gegenwärtiges Leiden geheftet ist, um solchen allgemeinen Betrachtungen Raum geben zu können, nicht ganz schicklich zu sein. Der Sinn, in dem ich diese Stelle nahm, wird durch seine nähere Beziehung auf ihre Lage gerechtfertigt, und der Buchstabe des Textes schließt ihn nicht aus. Gibt es keine Götter, warum muss ich leiden? D.h. warum muss meine Iphigenie einer Diana wegen sterben? ­

10) Verzweiflung, wo ich nur beginnen mag! Verzweiflung, wo ich enden mag!

Josua Barnes übersetzt: Quodnam malorum meorum sumam exordium? Omnium enim licet uti primis et postremis et mediis ubique. Angenommen, dass dieser Sinn der wahre ist, so liegt ihm vielleicht eine Anspielung auf irgend eine griechische Gewohnheit zum Grunde, dergleichen man im Euripides mehrere findet. Da der Reiz, den eine solche Anspielung für ein griechisches Publikum haben konnte, bei uns wegfällt, so würde man dem Dichter durch eine treue Übersetzung einen schlechten Dienst erweisen. ­

11) Besser in Schande leben, als bewundert sterben.

Der französische Übersetzer mildert diese Stelle: Une vie malheureuse est même plus prisée qu’une glorieuse mort. Wozu aber diese Milderung? Iphigenie darf und soll in dem Zustande, worin sie ist, und in dem Affekte, worin sie redet, den Wert des Lebens übertreiben.­

12) Gleiches Leid berechtigt mich zu gleicher Jammerklage.

Wehe mir! Ruft die Mutter. Wehe mir! Ruft die Tochter: Denn das nämliche Lied schickt sich zu beider Schicksal. Der P. Brumoy nimmt es in der Tat etwas zu scharf, wenn er dem Euripides Schuld gibt, als habe er mit dem Worte meloV die Versart bezeichnen wollen, und bei dieser Gelegenheit die weise Bemerkung macht, dass ein Akteur niemals von sich selbst sagen müsse, er rede in Versen. ­

13) Das wird dies Schwert alsdann entscheiden.

Wörtlich heißt es: Es wird (oder er wird) aber doch dazu kommen! – Nun kann es freilich aus so verstanden werden: Klytämnestra. Wird darum mein Kind nicht geopfert werden? Achilles. Darum wird er wenigstens kommen; oder es kann heißen: Achilles. Du hältst deine Tochter fest. Klytämnestra. Wird das hindern können, dass man sie nicht opfert? Achilles. Nein; er wird aber dort seinen Angriff tun. – Die angenommene Erklärungsart scheint die natürlichste zu sein. ­

14) Dies ist eine von den Stellen, die dem Euripides den Namen des Weiberfeindes zugezogen hat. Wenn man sie nur auf den Achilles deutet, so verliert sie das Anstößige; und diese Erklärungsart schließt auch der Text nicht aus. ­

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