Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Dritte Periode (4)

Erwartung und Erfüllung

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling;
   Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.


Das gemeinsame Schicksal

Siehe, wir hassen, wir streiten, es trennet uns Neigung und Meinung;
   Aber es bleichet indes dir sich die Locke, wie mir.


Menschliches Wirken

An dem Eingang der Bahn liegt die Unendlichkeit offen,
   Doch mit dem engesten Kreis höret der Weiseste auf.


Der Vater

Wirke, so viel du willst, du stehst doch ewig allein da,
   Bis an das All die Natur dich, die gewaltige, knüpft.


Liebe und Begierde

Recht gesagt, Schlosser! Man liebt, was man hat; man begehrt was man nicht hat;
   Denn nur das reiche Gemüt liebt, nur das arme begehrt.


Güte und Größe

Nur zwei Tugenden gibt's. O wären sie immer vereint,
   Immer die Güte auch groß, immer die Größe auch gut!


Die Triebfedern

Immer treibe die Furcht den Sklaven mit eisernem Stabe;
   Freude, führe du mich immer an rosigtem Band!


Naturforscher

und
Transcendental-Philosophen

Feindschaft sei zwischen euch! Noch kommt das Bündnis zu frühe:
   Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt.


Deutscher Genius

Ringe, Deutscher, nach römischer Kraft, nach griechischer Schönheit!
   Beides gelang dir; doch nie glückt der gallische Sprung.


Kleinigkeiten

Der epische Hexameter

Schwindelnd trägt er dich fort auf rastlos auf strömenden Wogen,
   Hinter dir siehst du, du siehst vor dir nur Himmel und Meer.

Das Distichon

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
   Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

Die achtzeilige Stanze

Stanze, dich schuf die Liebe, die zärtlich schmachtende - drei Mal
   Fliehest du schamhaft und kehrst drei Mal verlangend zurück.

Der Obelisk

Aufgerichtet hat mich auf hohem Gestelle der Meister.
   Stehe, sprach er, und ich steh' ihm mit Kraft und mit Lust.

Der Triumphbogen

Fürchte nicht, sagte der Meister, des Himmels Bogen; ich stelle
   Dich unendlich, wie ihn, in die Unednlichkeit hin.

Die schöne Brücke

Unter mir, über mir rennen die Wellen, die Wagen, und gütig
   Gönnte der Meister mir selbst, auch mit hinüber zu gehn.

Das Tor

Schmeichelnd locke das Tor den Wilden herein zum Gesetze;
   Froh in die freie Natur führ' es den Bürger heraus!

Die Peterskirche

Suchst du das Unermessliche hier, du hast dich geirret:
   Meine Größe ist die, größer zu machen dich selbst.


Deutschland und seine Fürsten

Nur ein Weniges Erde beding' ich mir außer der Erde,
   Sprach der göttliche Mann, und ich bewege sie leicht.
Einen Augenblick nur vergönnt mir, außer mir selber
   Mich zu begeben, und schnell will ich der Eurige sein.


Das Verbindungsmittel

Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen
   Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.


Der Zeitpunkt

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren;
   Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.


Deutsches Lustspiel

Thoren hätten wir wohl, wir hätten Fratzen die Menge;
   Leider helfen sie nur selbst zur Komödie nichts.


Buchhändler-Anzeige

Nichts ist der Menschheit so wichtig, als ihre Bestimmung zu kennen:
   Um zwölf Groschen Courant wird sie bei mir jetzt verkauft.


Gefährliche Nachfolge

Freunde, bedenket euch wohl, die tiefere, kühnere Wahrheit
   Laut zu sagen: Sogleich stellt man sie euch auf den Kopf.


Griechheit

Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,
   Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.
Griechheit, was war sie? Verstand und Maß udn Klarheit! Drum dächt' ich,
   Etwas Geduld noch, ihr Herrn, eh' ihr von Griechheit uns sprecht!
Eine würdige Sache verfechtet ihr; nur mit Verstande,
   Bitt' ich, dass sie zum Spott und zum Gelächter nicht wird.


Die Philosophen

Lehrling
Gut, dass ich euch, ihr Herrn, in pleno beisammen hier finde;
   Denn das Eine, was not, treibt mich herunter zu euch.

Aristoteles
Gleich zur Sache, mein Freund! Wir halten die Jenaer Zeitung
   Hier in der Hölle und sind längst schon von Allem belehrt.

Lehrling
Desto besser! So gebt mir, ich geh' euch nicht eher vom Halse,
   Einen allgültigen Satz, und der auch allgemein gilt.

Erster
Cogito, ergo sum. Ich denke, und mithin so bin ich!
   Ist das Eine nur wahr, ist es das Andre gewiss.

Lehrling
Denk' ich. so bin ich. Wohl! Doch wer wird immer auch denken!
   Oft schon war ich, und hab' wirklich an gar nichts gedacht.

Zweiter
Weil es Dinge doch gibt, so gibt es ein Ding aller Dinge;
   In dem Ding aller Ding' schwimmen wir, wie wir so sind.

Dritter
Just das Gegenteil sprech' ich. Es gibt kein Ding als mich selber;
   Alles Andre, in mir steigt es als Blase nur auf.

Vierter
Zweierlei Dinge lass' ich passieren, die Welt und die Seele;
   Keins weiß vom andern, und doch deuten sie beide auf Eins.

Fünfter
Von dem Ding weiß ich nichts, und weiß auch nichts von der Seele.
   Beide erscheinen mir nur, aber sie sind doch kein Schein.

Sechster
Ich bin Ich und setze mich selbst, und setz' ich mich selber
   Als nicht gesetzt, nun gut, hab' ich ein Nicht-Ich gesetzt.

Siebenter
Vorstellung wenigstens ist! Ein Vorgestelltes ist also;
   Ein Vorstellendes auch; macht mit der Vorstellung Drei.

Lehrling
Damit lock' ich, ihr Herrn, noch keinen Hund aus dem Ofen.
   Einen erklecklichen Satz will ich, und der auch was setzt!

Achter
Auf theoretischem Feld ist weiter nichts mehr zu finden;
   Aber der praktische Satz gilt doch; Du kannst, denn du sollst!

Lehrling
Dacht' ich's doch! Wissen sie nicht Vernünftiges mehr zu erwidern,
   Schieben sie's Einem geschwind in das Gewissen hinein.

David Hume
Rede nicht mit dem Volk! Der Kant hat sie alle verwirret.
   Mich frag', ich bin mir selbst auch in der Hölle noch gleich.

Rechtsfrage
Jahre lang schon bedien' ich mich meiner Nase zum Riechen;
   Hab' ich denn wirklich an sie auch ein erweisliches Recht?

Pufendorf
Ein bedenklicher Fall! Doch die erste Possession scheint
   Für dich zu sprechen, und so brauche sie immerhin fort!

Gewissensskrupel
Gern dien' ich den Freunden, doch tu' ich es leider mit Neigung
   Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin.

Entscheidung
Da ist kein anderer Rat, du musst suchen, sie zu verachten,
   Und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut.


G. G.

Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
   Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.


Die Homeriden

Wer von euch ist der Sänger der Ilias? Weil's ihm so gut schmeckt,
   Ist hier von Heynen ein Pack Göttinger Würste für ihn -
Mir her! Ich sang der Könige Zwist!" - "Ich die Schlacht bei den Schiffen!" -
   Mir die Würste! Ich sang was auf dem Ida geschah!" -
Friede! Zerreißt mich nur nicht! Die Würste werden nicht reichen.
   Der sie schickte, er hat sich auf Einen versehn.


Der moralische Dichter

Ja, der Mensch ist ein ärmlicher Wicht, ich weiß - doch das wollt' ich
   Eben vergessen und kam, ach, wie gereut mich's, zu dir!


Die Danaiden

Jahre lang schöpfen wir schon in das Sieb und brüten den Stein aus;
   Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht voll.


Der erhabene Stoff

Deine Muse besingt, wie Gott sich der Menschen erbarmte,
   Aber ist das Poesie, dass er erbärmlich sie fand?


Der Kunstgriff

Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen?
   Malet die Wolllust - nur malet den Teufel dazu!


Jeremiade

Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
   Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!
Philosophen verderben die Sprache, Poeten die Logik,
   Und mit dem Menschenverstand kommt man durchs Leben nicht mehr.
Aus der Ästhetik, wohin sie gehört, verjagt mand ie Tugend,
   Jagt sie, den lästigen Gast, in die Politik hinein.
Wohin wenden wir uns? Sind wir natürlich, so sind wir
   Platt; und genieren wir uns, nennt man es abgeschmackt gar.
Schöne Naivität der Stubenmädchen zu Leipzig,
   Komm doch wieder, o komm, witzige Einfalt, zurück!
Komm, Komödie, wieder, du ehrbare Wochenvisite,
   Siegmund, du süßer Amant, Mascarill, spaßhafter Knecht!
Trauerspiele voll Salz, voll epigrammatischer Nadeln,
   Und du, Menuettschritt unsers geborgten Kothurns!
Philosoph'scher Roman, du Gliedermann, der so geduldig
   Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt.
Alte Prosa, komm wieder, die Alles so ehrlich heraussagt,
   Was sie denkt und gedacht, auch was der Leser sich denkt.
Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
   Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!


Wissenschaft

Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem Andern
   Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.


Kant und seine Ausleger

Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung
   Setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.


Shakespeare's Schatten

Paraodie

Endlich erblickt' ich auch die hohe Kraft des Herakles,
   Seinen Schatten. Er selbst, leider, war nicht mehr zu sehn.
Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden
   Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn.
Schauerlich stand das Ungetüm da. Gespannt war der Bogen,
   Und der Pfeil auf der Sehn' traf noch beständig das Herz.
"Welche noch kühnere Tat, Unglücklicher, wagest du jetzo,
   Zu den Verstorbenen selbst niederzusteigen ins Grab!" -
Wegen Tiresias musst' ich herab, den Seher zu fragen,
   Wo ich den alten Kothurn fände, der nicht mehr zu sehn.
"Glauben sie nicht der Natur und den alten Griechen, so holst du
   Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf." -
O die Natur, die zeigt auf unsern Bühnen sich wieder,
   Splitternackend, dass man jegliche Rippe ihr zählt.
"Wie? so ist wirklich bei euch der alte Kothurnus zu sehen,
   Den zu holen ich selbst stieg in des Tartarns Nacht?" -
Nichts mehr von diesem tragischen Spuk. Kaum einmal im Jahre
   Geht dein geharnischter Geist über die Bretter hinweg.
"Auch gut! Philosophie hat eure Gefühle geläutert,
   Und vor dem heitern Humor fliehet der schwarze Affekt." -
Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber;
   Aber der Jammer auch, wenn er nur nass ist, gefällt.
"Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia
   Neben dem ernsten Gang, welchen Melpomene geht?" -
Keines von Beiden! Uns kann nur das Christlich-Moralische rühren,
   Und was recht populär, häuslich und bürgerlich ist.
"Was? Es dürfte kein Cäsar auf euren Bühnen sich zeigen,
   Kein Achill, kein Orest, keine Andromache mehr?" -
Nichts! Man siehet bei uns nur Pfarrer, Kommerzienräte,
   Fähndriche, Sekretärs oder Husarenmajors.
"Aber, ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misere
   Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?" -
Was? Sie machen Cabale, sie leihen auf Pfänder, sie stecken
   Silberne Löffel ein, wagen den Pranger und mehr.
"Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantische Schicksal,
   Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?" -
Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten,
   Unsern Jammer und Not suchen und finden wir hier.
"Aber das habt ihr ja Alles bequemer und besser zu Hause;
   Warum entfliehet ihr euch, wenn ihr euch selber nur sucht?" -
Nimm's nicht übel, mein Heros, das ist ein verschiedener Casus,
   Das Geschick, das ist blind, und der Poet ist gerecht.
"Also eure Natur, die erbärmliche, trifft man auf euren
   Bühnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an?" -
Der Poet ist der Wirt und der letzte Actus die Zeche,
   Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.


Die Flüsse

Rhein
Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach' ich Germaniens Grenze;
   Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.

Rhein und Mosel
Schon so lang' umarm' ich dich lotharingische Jungfrau;
Aber noch hat kein Sohn unsre Verbindung beglückt.

Donau in **
Mich umwohnt mit glänzendem Aug das Volk der Phaiaken;
   Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.

Main
Meine Burgen zerfallen zwar; doch getröstet erblick' ich
   Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geschlecht.

Saale
Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
   Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.

Ilm
Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,
   Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

Pleiße
Flach ist mein Ufer, und seicht mein Bach, es schöpften zu durstig
   Meine Poeten mich, meine Prosaiker aus.

Elbe
All' ihr andern, ihr sprechet nur ein Kauderwelsch - unter den Flüssen
   Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur, deutsch.

Spree
Sprache gab mir einst Ramler und Stoff mein Cäsar; da nahm ich
   Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem.

Weser
Leider von mir ist gar nichts zu sagen; auch zu dem kleinsten
   Epigramme, bedenkt, geb' ich der Muse nicht Stoff.

Gesundbrunnen zu **
Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,
   Bei den Bewohnern allein hab' ich noch keinen verspürt.

Pegnitz
Ganz hypochondrisch bin ich vor langer Weile geworden,
   Und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht ist.

Die **chen Flüsse
Unser Einer hat's halter gut in **cher Herren
   Ländern; ihr Joch ist sanft, und ihre Lasten sind leicht.

Salzach
Aus Juvaviens Bergen ström' ich, das Erzstift zu salzen,
   Lenke dann Bayern zu, wo es an Salze gebricht.

Der anonyme Fluss
Fastenspeisen dem Tisch des frommen Bischofs zu liefern,
   Goss der Schöpfer mich aus durch das verhungerte Land.

Les fleuves indiscrets
Jetzt kein Wort mehr, ihr Flüsse! Man sieht's, ihr wisst euch so wenig
   Zu bescheiden, als einst Diderots Schätzchen getan.


Der Metaphysiker

"Wie tief liegt unter mir die Welt!
Kaum seh' ich noch die Menschlein unten wallen!
Wie trägt mich meine Kunst, die höchste unter allen,
So nahe an des Himmels Zelt!"
So ruft von seines Turmes Dache
Der Schieferdecker, so der kleine große Mann,
Hans Metaphysikus, in seinem Schreibgemache.
Sag' an, du kleiner großer Mann,
Der Turm, von dem dein Blick so vornehm niederschauet,
Wovon ist er - worauf ist er erbauet?
Wie kamst du selbst hinauf - und seine kahlen Höhn,
Wozu sind sie dir nütz, als in das Tal zu sehn?


Die Weltweisen

   Der Satz, durch welchen alles Ding
Bestand und Form empfangen,
Der Kloben, woran Zeus den Ring
Der Welt, die schon in Scherben ging,
Vorsichtig aufgehangen,
Den nenn' ich einen großen Geist,
Der mir ergründet, wie er heißt,
Wenn ich ihm nicht drauf helfe -
Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.

   Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt,
Der Mensch geht auf zwei Füßen,
Die Sonne scheint am Firmament,
Das kann, wer auch nicht Logik kennt,
Durch seine Sinne wissen.
Doch wer Metaphysik studiert,
Der weiß, dass, wer verbrennt, nicht friert,
Weiß, dass das Nasse feuchtet,
Und dass das Helle leuchtet.

   Homerus singt sein Hochgedicht,
Der Held besteht Gefahren,
Der brave Mann tut seine Pflicht,
Und tat sie, ich verhehl' es nicht,
Eh noch Weltweise waren;
Doch hat Genie und Herz vollbracht,
Was Lock' und Des Cartes nie gedacht,
Sogleich wird auch von diesen
Die Möglichkeit bewiesen.

   Im Leben gilt der Stärke Recht,
Dem Schwachen trotzt der Kühne,
Wer nicht gebieten kann, ist Knecht;
Sonst geht es ganz erträglich schlecht
Auf dieser Erdenbühne.
Doch wie es wäre, fing der Plan
Der Welt nur erst von vornen an,
Ist in Moralsystemen
Ausführlich zu vernehmen.

   "Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem großen Ziele;
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.
Drum flieht der wilden Wölfe Stand
Und knüpft des Staates dauernd Band."
So lehren vom Katheder
Herr Pufendorf und Feder.

   Doch weil, was ein Professor spricht,
Nicht gleich zu Allen dringet,
So übt Natur die Mutterpflicht
Und sorgt, dass nie die Kette bricht,
Und dass der Reif nie springet.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.


Pegasus im Joche

   Auf einen Pferdemarkt - vielleicht zu Haymarket
Wo andre Dinge noch in Ware sich verwandeln,
Bracht' einst ein hungriger Poet
Der Musen Ross, es zu verhandeln.

   Hell wieherte der Hippogryph
Und bäumte sich in prächtiger Parade;
Erstaunt blieb Jeder stehn, und rief:
Das edle, königliche Tier! Nur Schade,
Dass seinen schlanken Wuchs ein hässlich Flügelpaar
Entstellt! Den schönsten Postzug würd' es zieren.
Die Race, sagen sie, sei rar,
Doch wer wird durch die Luft kutschieren?
Und Keiner will sein Geld verlieren.
Ein Pachter endlich fasste Mut
Die Flügel zwar, spricht er, die schaffen keinen Nutzen;
Doch die kann man ja binden oder stutzen,
Dann ist das Pferd zum Ziehen immer gut.
Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen;
Der Täuscher, hoch vergnügt, die Ware loszuschlagen.
Schlägt hurtig ein. "Ein Mann, ein Wort!"
Und Hans trabt frisch mit seiner Beute fort.

   Das edle Tier wird eingespannt;
Doch fühlt es kaum die ungewohnte Bürde,
So rennt es fort mit wilder Flugbegierde
Und wirft, von edelm Grimm entbrannt,
Den Karren um an eines Abgrunds Rand.
Schon gut, denkt Hans. Allein darf ich dem tollen Tiere
Kein Fuhrwerk mehr vertraun. Erfahrung macht schon klug,
Doch morgen fahr' ich Passagiere,
Da stell' ich es als Vorspann in den Zug.
Die muntre Krabbe soll zwei Pferde mir ersparen;
Der Koller gibt sich mit den Jahren.

   Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeschwingte Pferd
Belebt der Klepper Schritt, und pfeilschnell fliegt der Wagen.
Doch was geschieht? Den blick den Wolken zugekehrt,
Und ungewohnt, den Grund mit festem Huf zu schlagen,
Verlässt es bald der Räder sichre Spur,
Und, treu der stärkeren Natur,
Durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken.
Der gleich Taumel fasst das ganze Postgespann,
Kein Rufen hilft, kein Zügel hält es an,
Bis endlich, zu der Wandrer Schrecken,
Der Wagen, wohl gerüttelt und zerschellt,
Auf eines Berges steilem Gipfel hält.

   Das geht nicht zu mit rechten Dingen!
Spricht Hans mit sehr bedenklichem Gesicht.
So wird es nimmermehr gelingen!
Lass sehn, ob wir den Tollwurm nicht
Durch magre Kost und Arbeit zwingen
Die Probe wird gemacht. Bald ist das schöne Tier,
Eh noch drei Tage hingeschwunden,
Zum Schatten abgezehrt. Ich hab's, ich hab's gefunden!
Ruft Hans. Jetzt frisch, und spannt es mir
Gleich vor den Pflug mit meinem stärksten Stier!

   Gesagt, getan. In lächerlichem Zuge
Erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge.
Unwillig steigt der Greif und strengt die letzte Macht
Der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen.
Umsonst, der Nachbar schreitet mit Bedacht,
Und Phöbus stolzes Ross muss sich dem Stier bequemen,
Bis nun, vom langen Widerstand verzehrt,
Die Kraft aus allen Gliedern schwindet,
Von Gram gebeugt das edle Götterpferd
Zu Boden stürzt, und sich im Staube windet.

   Verwünschtes Tier! Bricht endlich Hansens Grimm
Laut scheltend aus, indem die Hiebe flogen.
So bist du denn zum Ackern selbst zu schlimm,
Mich hat ein Schelm mit dir betrogen,

   Indem er noch in seines Zornes Wut
Die Peitsche schwingt, kommt flink und wohlgemut
Ein lustiger Gesell die Straße hergezogen.
Die Zither klingt in seiner leichten Hand,
Und durch den blonden Schmuck der Haare,
Schlingt zierlich sich ein goldnes Band.
Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare?
Ruft er den Bau'r von weitem an.
Der Vogel und der Ochs an einem Seile,
Ich bitte dich, welch ein Gespann!
Willst du auf eine kleine Weile
Dein Pferd zur Probe mir vertraun?
Gib Acht, du sollst dein Wunder schaun.

   Der Hippogryph wird ausgespannt,
Und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken.
Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand,
So knirscht es in des Zügels Band,
Und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken.
Nicht mehr das vor'ge Wesen, königlich,
Ein Geist, ein Gott, erhebt es sich,
Entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen
Der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan,
Und eh der Blick ihm folgen kann,
Entschwebt es zu den blauen Höhen.


Das Spiel des Lebens

   Wollt ihr in meinen Kasten sehn?
Des Lebens Spiel, die Welt im Kleinen,
Gleich soll sie eurem Aug' erscheinen;
Nur müsst ihr nicht zu nahe stehn,
Ihr müsst sie bei der Liebe Kerzen
Und nur bei Amors Fackel sehn.

   Schaut her! Nie wird die Bühne leer:
Dort bringen sie das Kind getragen,
Der Knabe hüpft, der Jüngling stürmt einher,
Es kämpft der Mann, und Alles will er wagen.

   Ein Jeglicher versucht sein Glück,
Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen;
Der Wagen rollt, die Achsen brennen,
Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück;
Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle,
Der Kluge überholt sie alle.

   Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn,
Mit holdem Blick, mit schönen Händen
Den Dank dem Sieger auszuspenden.


Einem jungen Freunde,

als er sich der Weltweisheit widmete

Schwere Prüfungen musste der griechische Jüngling bestehen,
   Eh das eleusische Haus nun den Bewährten empfing;
Bist du bereitet und reif, das Heiligtum zu betreten,
   Wo den verdächtigen Schatz Pallas Athene verwahrt?
Weißt du schon, was deiner dort harrt? Wie teuer du kaufest?
   Dass du ein ungewiss Gut mit dem gewissen bezahlst?
Fühlst du dir Stärke genug, der Kämpfe schwersten zu kämpfen,
   Wenn sich Verstand und Herz, Sinn und Gedanken entzwein?
Mut genug, mit des Zweifels unsterblicher Hydra zu ringen,
   Und dem Feind in dir selbst männlich entgegen zu gehn?
Mit des Auges Gesundheit, des Herzens heiliger Unschuld
   Zu entlarven den Trug, der dich als Wahrheit versucht?
Fliehe, bist du des Führers im eigenen Busen nicht sicher,
   Fliehe den lockenden Rand, ehe der Schlund dich verschlingt!
Manche gingen nach Licht und stürzten in tiefere Nacht nur;
   Sicher im Dämmerschein wandelt die Kindheit dahin.


Poesie des Lebens

An ***

   "Wer möchte sich an Schattenbildern weiden,
Die mit erborgtem Schein das Wesen überkleiden,
Mit trügrischem Besitz die Hoffnung hintergehn?
Entblößt muss ich die Wahrheit sehn.
Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden,
Soll gleich den freien Geist, den der erhabne Flug
Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug,
Die Gegenwart mit strengen fesseln binden:
Er lernt sich selber überwinden;
Ihn wird das heilige Gebot
Der Pflicht, das furchtbare der Not
Nur desto unterwürf'ger finden.
Wer schon der Wahrheit milde Herrschaft scheut,
Wie trägt er die Notwendigkeit?"

   So rufst du aus und blickst, mein strenger Freund,
Aus der Erfahrung sicherm Porte
Verwerfend hin auf alles, was nur scheint.
Erschreckt von deinem ernsten Worte
Entflieht der Liebesgötter Schar,
Der Musen Spiel verstummt, es ruhn der Horen Tänze,
Still traurend nehmen ihre Kränze
Die Schwestergöttinnen vom schön gelockten Haar,
Apoll zerbricht die goldne Leyer,
Und Hermes seinen Wunderstab,
Des Traumes rosenfarbner Schleier
Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab,
Die Welt scheint, was sie ist, ein Grab.
Von seinen Augen nimmt die zauberische Binde
Cytherens Sohn, die Liebe sieht,
Sie sieht in ihrem Götterkinde
Den Sterblichen, erschrickt und flieht,
Der Schönheit Jugendbild veraltet,
Auf deinen Lippen selbst erkaltet
Der Liebe Kuss, und in der Freude Schwung
Ergreift dich die Versteinerung.


An Goethe,

als er den Mahoment von Voltaire auf die Bühne brachte

   Du selbst, der uns von falschem Regelzwange
Zur Wahrheit und Natur zurückgeführt,
Der, in der Wiege schon ein Held, die Schlange
Erstickt, die unsern Genius umschnürt,
Du, den die Kunst, die göttliche, schon lange
Mit ihrer reinen Priesterbinde ziert,
Du opferst auf zertrümmerten Altären
Der Aftermuse, die wir nicht mehr ehren?

   Einheim'scher Kunst ist dieser Schauplatz eigen,
Hier wird nicht fremden Götzen mehr gedient;
Wir können mutig einen Lorbeer zeigen,
Der auf dem deutschen Pindus selbst gegrünt.
Selbst in der Künste Heiligtum zu steigen,
Hat sich der deutsche Genius erkühnt,
Und auf der Spur des Griechen und des Britten
Ist er dem bessern Ruhme nachgeschritten.

   Denn dort, wo Sklaven knien, Despoten walten,
Wo sich die eitle Aftergröße bläht,
Da kann die Kunst das Edle nicht gestalten,
Von keinem Ludwig wird es ausgesät;
Aus eigner Fülle muss es sich entfalten,
Es borget nicht von ird'scher Majestät,
Nur mit der Wahrheit wird er sich vermählen,
Und seine Glut durchflammt nur freie Seelen.

   Drum nicht, in alte Fesseln uns zu schlagen,
Erneuerst du dies Spiel der alten Zeit,
Nicht, uns zurückzuführen zu den Tagen
Charakterloser Minderjährigkeit.
Es wär' ein eitel und vergeblich Wagen
Zu fallen ins bewegte Rad der Zeit;
Geflügelt fort entführen es die Stunden;
Das Neue kommt, das Alte ist verschwunden.

   Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
In seinem Raume drängt sich eine Welt;
Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,
Nur der Natur getreues Bild gefällt;
Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.
Die Leidenschaft erhebt die freien Töne,
Und in der Wahrheit findet man das Schöne.

   Doch leicht gezimmert nur ist Thespis Wagen,
Und er ist gleich dem acheront'schen Kahn;
Nur Schatten und Idole kann er tragen,
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
Und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen.

   Denn auf dem bretternen Gerüst der Szene
Wird eine Idealwelt aufgetan.
Nichts sei hier wahr und wirklich, als die Träne,
Die Rührung ruht auf keinem Sinnenwahn.
Aufrichtig ist die wahre Melpomene,
Sie kündigt nichts als eine Fabel an,
Und weiß durch tiefe Wahrheit zu entzücken;
Die falsche stellt sich wahr, um zu berücken.

   Es droht die Kunst vom Schauplatz zu verschwinden,
Ihr wildes Reich behauptet Phantasie;
Die Bühne will sie wie die Welt entzünden,
Das Niedrigste und Höchste menget sie.
Nur bei dem Franken war noch Kunst zu finden,
Erschwang er gleich ihr hohes Urbild nie:
Gebannt in unveränderlichen Schranken
Hält er sie fest, und nimmer darf sie wanken.

   Ein heiliger Bezirk ist ihm die Szene;
Verbannt aus ihrem festlichen Gebiet
Sind der Natur nachlässig rohe Töne,
Die Sprache selbst erhebt sich ihm zum Lied:
Es ist ein Reich des Wohllauts und der Schöne.
In edler Ordnung greifet Glied in Glied,
Zum ernsten Tempel füget sich das Ganze,
Und die Bewegung borget Reiz vom Tanze,
Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,
Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist;
Des falschen Anstands prunkende Gebärden
Verschmäht der Sinn, der nur das Wahre preist!
Ein Führer nur zum Bessern soll er werden,
Er komme, wie ein abgeschiedner Geist,
Zu reinigen die oft entweihte Szene
Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.


An Demoiselle Slevoigt,

bei ihrer Verheiratung mit Herrn Dr. Sturm, von einer mütterlichen und fünf schwesterlichen Freundinnen.

Zieh, holde Braut, mit unserm Segen,
Zieh hin auf Hymens Blumenwegen!
   Wir sahen mit entzücktem Blick
Der Seele Anmut sich entfalten,
Die jungen Reize sich gestalten
   Und blühen für der Liebe Glück.
Dein schönes Los, du hast's gefunden;
Es weicht die Freundschaft ohne Schmerz
Dem süßen Gott, der dich gebunden;
Er will, er hat dein ganzes Herz.

Zu teuren Pflichten, zarten Sorgen,
Dem jungen Busen noch verborgen,
   Ruft dich des Kranzes ernste Zier.
Der Kindheit tändelnde Gefühle,
Der freien Jugend flücht'ge Spiele,
   Sie bleiben fliehend hinter dir.
Und Hymens ernste Fessel bindet,
Wo Amor leicht und flatternd hüpft
Doch für ein Herz, das schön empfindet,
Ist sie aus Blumen nur geknüpft.

Und willst du das Geheimnis wissen,
Das immer grün und unzerrissen
   Den hochzeitlichen Kranz bewahrt?
Es ist des Herzens reine Güte,
Der Anmut unverwelkte Blüte,
   Die mit der holden Scham sich paart,
Die, gleich dem heitern Sonnenbilde,
In alle Herzen Wonne lacht,
Es ist der sanfte Blick der Milde
Und Würde, die sich selbst bewacht.


Der griechische Genius

an Meyer in Italien

Tausend Andern verstummt, die mit taubem Herzen ihn fragen,
   Dir, dem Verwandten und Freund, redet vertraulich der Geist.


Einem Freunde ins Stammbuch

Herrn von Mecheln aus Basel

Unerschöpflich an Reiz, an immer erneuerter Schönheit
   Ist die Natur! Die Kunst ist unerschöpflich, wie sie.
Heil dir, würdiger Greis! Für beide bewahrst du im Herzen
   Reges Gefühl, und so ist ewige Jugend dein Los.


In das Folio-Stammbuch

eines Kunstfreundes

Die Weisheit wohnte sonst auf großen Foliobogen,
Der Freundschaft war ein Taschenbuch bestimmt;
Jetzt, da die Wissenschaft ins Kleien sich gezogen,
Und leicht, wie Kork, in Almanachen schwimmt,
Hast du, ein hoch beherzter Mann,
Dies ungeheure Haus den Freunden aufgetan.
Wie, fürchtest du denn nicht, ich muss dich ernstlich fragen,
An so viel Freunden allzu schwer zu tragen?


Das Geschenk

Ring und Stab, o seid mir auf Rheinweinflaschen willkommen!
   Ja, wer die Schafe so tränket, der heißt mir ein Hirt,
Drei Mal gesegneter Trank! Dich gewann mir die Muse, die Muse
   Schickt dich, die Kirche selbst drückte das Siegel dir auf.


Wilhelm Tell 1)

Wenn rohe Kräfte feindlich sich entzweien,
Und blinde Wut die Kriegesflamme schürt;
Wenn sich im Kampfe tobender Parteien
Die Stimme der Gerechtigkeit verliert;
Wenn alle Laster schamlos sich befreien,
Wenn freche Willkür an das Heil'ge rührt,
Den Anker löst, an dem die Staaten hängen:
- Da ist kein Stoff zu freudigen Gesängen.

Doch wenn ein Volk, das fromm die Herden weidet,
Sich selbst genug, nicht fremden Guts begehrt,
Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet,
Doch selbst im Zorn die Menschlichkeit noch ehrt,
Im Glücke selbst, im Siege sich bescheidet:
- Das ist unsterblich und des Liedes wert.
Und solch ein Bild darf ich dir freudig zeigen,
Du kennst's, denn alles Große ist dein eigen.


Dem Erbprinzen von Weimar,

als er nach Paris reiste.

In einem freundschaftlichen Zirkel gesungen.

So bringet denn die letzte volle Schale
   Dem lieben Wandrer dar,
Der Abschied nimmt von diesem stillen Tale,
   Das seine Wiege war.

Er reißt sich aus den väterlichen Hallen,
   Aus leiben Armen los,
Nach jener stolzen Bürgerstadt zu wallen,
   Vom Raub der Länder groß.

Die Zwietracht flieht, die Donnerstürme schweigen,
   Gefesselt ist der Krieg,
Und in den Krater darf man niedersteigen,
   Aus dem die Lava stieg.

Dich führe durch das wild bewegte Leben
   Ein gnädiges Geschick,
Ein reines Herz hat dir Natur gegeben,
   O bring' es rein zurück!

Die Länder wirst du sehen, die das wilde
   Gespann des Kriegs zertrat;
Doch lächelnd grüßt der Friede die Gefilde
   Und streut die goldne Saat.

Den alten Vater Rhein wirst du begrüßen,
   Der deines großen Ahns
Gedenken wird, so lang sein Storm wird fließen
   Ins Bett des Ozeans.

Dort huldige des Helden großen Mauen
   Und opfere dem Rhein,
Dem alten Grenzenhüter der Germanen,
   Von seinem eignen Wein,

Dass dich der vaterländ'sche Geist begleite,
   Wenn dich das schwanke Brett
Hinüberträgt auf jene linke Seite,
   Wo deutsche Freu vergeht.


Der Antritt des neuen Jahrhunderts

An ***

Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden,
   Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
   Und das neue öffnet sich mit Mord.

Und das Band der Länder ist gehoben,
   Und die alten formen stürzen ein;
Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben,
   Nicht der Nilgott und der alte Rhein.

Zwo gewalt'ge Nationen ringen,
   Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
   Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Gold muss ihnen jede Landschaft wägen,
   Und, wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen ehrnen Degen
   In die Waage der Gerechtigkeit.

Seine Handelsflotten streckt der Britte
   Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
   Will er schließen, wie sein eignes Haus.

Zu des Südpols nie erblickten Sternen
   Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf;
Alle Inseln spürt er, alle fernen
   Küsten - nur das Paradies nicht auf.

Ach, umsonst auf allen Ländercharten
   Spähst du nach dem seligen Gebiet,
Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
   Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken,
   Und die Schifffahrt selbst ermisst sie kaum,
Doch auf ihrem unermessnen Rücken
   Ist für zehen Glückliche nicht Raum.

In des Herzens heilig stille Räume
   Musst du fliehen aus des Lebens Drang!
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
   Und das Schöne blüht nur im Gesang.


Sängers Abschied 2)

   Die Muse schweigt; mit jungfräulichen Wangen,
Erröten im verschämten Angesicht,
Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen;
Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.
Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen,
Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht;
Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,
Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne.

   Nicht länger wollen diese Lieder leben,
Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,
Mit schönern Phantasien es umgeben,
In höheren Gefühlen es geweiht;
Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,
Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.
Des Augenblickes Lust hat sie geboren,
Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.

   Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften
Schießt frohes Leben jugendlich hervor,
Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften,
Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor,
Und Jung und Alt ergeht sich in den Lüften,
Und freuet sich und schwelgt mit Aug' und Ohr.
Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen,
Und keine bleibt von allen, welche kamen.

Ü


1) Mit diesen Stanzen begleitete der Verfasser das Exemplar seines Schauspiels: Wilhelm Tell, das er dem damaligen Kurfürsten Erzkanzler übersendete. ­

2) Frühere Überschrift: Abschied vom Leser. ­

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