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Dritte Periode (2)

Ritter Toggenburg

"Ritter, treue Schwesterliebe
   Widmet euch dies Herz,
Fordert keine andre Liebe,
   Denn es macht mir Schmerz.
Ruhig mag ich euch erscheinen,
   Ruhig gehen sehn.
Eurer Augen stilles Weinen
   Kann ich nicht verstehn."

Und er hört's mit stummen Harme,
   Reißt sich blutend los,
Presst sie heftig in die Arme,
   Schwingt sich auf sein Ross,
Schickt zu seinen Mannen allen
   In dem Lande Schweiz;
Nach dem heil'gen Grab sie wallen,
   Auf der Brust das Kreuz.

Große Taten dort geschehen
   Durch der Helden Arm;
Ihres Helmes Büsche wehen
   In der Feinde Schwarm;
Und des Toggenburgers Name
   Schreckt den Muselmann;
Doch das Herz von seinem Grame
   Nicht genesen kann.

Und ein Jahr hat er's getragen,
   Trägt's nicht länger mehr;
Ruhe kann er nicht erjagen
   Und verlässt das Heer;
Sieht ein Schiff an Joppe's Strande,
   Das die Segel bläht,
Schiffet heim zum teuren Lande,
   Wo ihr Atem weht.

Und an ihres Schlosses Pforte
   Klopft der Pilger an,
Ach, und mit dem Donnerworte
   Wird sie aufgetan:
"Die ihr suchet, trägt den Schleier,
   Ist des Himmels Braut,
Gestern war des Tages Feier,
   Der sie Gott getraut."

Da verlässet er auf immer
   Seiner Väter Schloss,
Seine Waffen sieht er nimmer,
   Noch sein treues Ross,
Von der Toggenburg hernieder
   Steigt er unbekannt,
Denn es deckt die edeln Glieder
   Härenes Gewand.

Und er baut sich eine Hütte
   Jener Gegend nah,
Wo das Kloster aus der Mitte
   Düstrer Linden sah;
Harrend von des Morgens Lichte
   Bis zu Abends Schein,
Stille Hoffnung im Gesichte,
   Saß er da allein.

Blickte nach dem Kloster drüben,
   Blickte Stunden lang
Nach dem Fenster seiner Lieben,
   Bis das Fenster klang,
Bis die Liebliche sich zeigte,
   Bis das teure Bild
Sich ins Tal herunter neigte,
   Ruhig, engelmild.

Und dann legt' er froh sich nieder,
   Schlief getröstet ein,
Still sich freuend, wenn es wieder
   Morgen würde sein.
Und so saß er viele Tage,
   Saß viel Jahre lang,
Harrend ohne Schmerz und Klage,
Bis das Fenster klang,

Bis die Liebliche sich zeigte,
   Bis das teure Bild
Sich ins Tal herunter neigte,
   Ruhig, engelmild.
Und so saß er, eine Leiche,
   Eines Morgens da;
Nach dem Fenster noch das bleiche,
   Stille Antlitz sah.


Der Kampf mit dem Drachen

   Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
Es rottet sich im Sturm zusammen,
Und ein Ritter, hoch zu Ross,
Gewahr' ich aus dem Menschentross;
Und hinter ihm, welch Abenteuer!
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer;
Ein Drache scheint es von Gestalt,
Mit weitem Krokodilesrachen,
Und alles blickt verwundert bald
Den Ritter an und bald den Drachen.

   Und tausend Stimmen werden laut:
"Das ist der Lindwurm, kommt und schaut,
Der Hirt und Herden uns verschlungen!
Das ist der Held, der ihn bezwungen!
Viel' andre zogen vor ihm aus,
Zu wagen den gewalt'gen Strauß,
Doch Keinen sah man wiederkehren;
Den kühnen Ritter soll man ehren!"
Und nach dem Kloster geht der Zug,
Wo Sankt Johanns, des Täufers, Orden,
Die Ritter des Spitals, im Flug
Zu Rate sind versammelt worden.

   Und vor den edeln Meister tritt
Der Jüngling mit bescheidnem Schritt;
Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen,
Erfüllend des Geländers Stufen.
Und Jener nimmt das Wort und spricht:
"Ich hab' erfüllt die Ritterpflicht.
Der Drache, der das Land verödet,
Er liegt von meiner Hand getötet;
Frei ist dem Wanderer der Weg,
Der Hirte treibe ins Gefilde,
Froh walle auf dem Felsensteg
Der Pilger zu dem Gnadenbilde."

   Doch strenge blickt der Fürst ihn an,
Und spricht: "Du hast als Held getan;
Der Mut ist's, der den Ritter ehret,
Du hast den kühnen Geist bewähret.
Doch sprich! Was ist die erste Pflicht
Des Ritters, der für Christum ficht,
Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen?"
Und Alle rings herum erbleichen.
Doch er, mit edlem Anstand, spricht,
Indem er sich errötend neiget:
"Gehorsam ist die erste Pflicht,
Die ihn des Schmuckes würdig zeiget."

   "Und diese Pflicht, mein Sohn," versetzt
Der Meister, "Hast du frech verletzt
Den Kampf, den das Gesetz versaget,
Hast du mit frevlem Mut gewaget!" -
"Herr, richte, wenn du Alles weißt,"
Spricht Jener mit gesetztem Geist,
"Denn des Gesetzes Sinn und Willen
Vermeint! ich treulich zu erfüllen.
Nicht unbedachtsam zog ich hin,
Das Ungeheuer zu bekriegen;
Durch List und klug gewandten Sinn
Versucht' ich's, in dem Kampf zu siegen."

"Fünf unsers Ordens waren schon,
Die Zierden der Religion,
Des kühnen Mutes Opfer worden:
Da wehrtest du den Kampf dem Orden.
Doch an dem Herzen nagten mir
Der Unmut und die Streitbegier,
Ja, selbst im Traum der stillen Nächte
Fand ich mich keuchend im Gefechte;
Und wenn der Morgen dämmernd kam
Und Kunde gab von neuen Plagen,
Da fasste mich ein wilder Gram,
Und ich beschloss, es frisch zu wagen."

   "Und zu mir selber sprach ich dann:
Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann?
Was leisteten die tapfern Helden,
Von denen uns die Lieder melden,
Die zu der Götter Glanz und Ruhm
Erhub das blinde Heidentum?
Sie reinigten von Ungeheuern
Die Welt in kühnen Abenteuern,
Begegneten im Kampf dem Leun
Und rangen mit dem Minotauren,
Die armen Opfer zu befrein,
Und ließen sich das Blut nicht dauren."

   "Ist nur der Sarazen es wert,
Dass ihn bekämpft des Christen Schwert?
Bekriegt er nur die falschen Götter?
Gesandt ist er der Welt zum Retter,
Von jeder Not und jedem Harm
Befreien muss sein starker Arm;
Doch seinen Mut muss Weisheit leiten,
Und list muss mit der Stärke streiten.
So sprach ich oft und zog allein,
Des Raubtiers Fährte zu erkunden;
Da flösste mir der Geist es ein,
Froh rief ich aus: Ich hab's gefunden!"

   "Und trat zu dir und sprach das Wort:
Mich zieht es nach der Heimat fort.
Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten,
Und glücklich war das Meer durchschnitten.
Kaum stieg ich aus am heim'schen Strand,
Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand,
Getreu den wohl bemerkten Zügen,
Ein Drachenbild zusammenfügen.
Auf kurzen Füßen wird die Last
Des langen Leibes aufgetürmet;
Ein schuppicht Panzerhemd umfasst
Den Rücken, den es furchtbar schirmet."

   "Lang strecket sich der Hals hervor,
Und grässlich, wie ein Höllentor,
Als schnappt' es gierig nach der Beute,
Eröffnet sich des Rachens Weite,
Und aus dem schwarzen Schlunde dräun
Der Zähne stachelichte Reihn;
Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze,
Die kleinen Augen sprühen Blitze;
In eine Schlange endigt sich
Des Rückens ungeheure Länge,
Rollt ums ich selber fürchterlich,
Dass es um Mann und Ross sich schlänge."

   "Und Alles bild' ich nach, genau,
Und kleid' es in ein scheußlich Grau;
Halb Wurm erschien's, halb Molch und Drache,
Gezeuget in der gift'gen Lache.
Und als das Bild vollendet war,
Erwähl' ich mir ein Doggenpaar,
Gewaltig, schnell, von flinken Läufen,
Gewohnt, den wilden Ur zu greifen;
Die hetz' ich auf den Lindwurm an,
Erhitze sie zu wildem Grimme,
Zu fassen ihn mit scharfem Zahn,
Und lenke sie mit meiner Stimme."

   "Und wo des Bauches weiches Vließ
Den scharfen Bissen Blöße ließ,
Da reiz' ich sie, den Wurm zu packen,
Die spitzen Zähne einzuhacken.
Ich selbst, bewaffnet mit Geschoss,
Besteige mein arabisch Ross,
Von adeliger Zucht entstammet,
Und als ich seinen Zorn entflammet,
Rasch auf den Drachen spreng' ich's los,
Und stachl' es mit den scharfen Sporen,
Und werfe zielend mein Geschoss,
Als wollt' ich die Gestalt durchbohren."

   "Ob auch das Ross sich grauend bäumt
Und knirscht und in den Zügel schäumt,
Und meine Doggen ängstlich stöhnen,
Nicht rast' ich, bis sie sich gewöhnen.
So üb' ich's aus mit Emsigkeit,
Bis dreimal sich der Mond erneut,
Und als sie Jedes recht begriffen,
Führ' ich sie her auf schnellen Schiffen.
Der dritte Morgen ist es nun,
Dass mir's gelungen hier zu landen;
Den Gliedern gönnt' ich kaum zu ruhn,
Bis ich das große Werk bestanden."

   "Denn heiß erregte mir das Herz
Des Landes frisch erneuter Schmerz:
Zerrissen fand man jüngst die Hirten;
Die nach dem Sumpfe sich verirrten,
Und ich beschließe rasch die Tat,
Nur von dem Herzen nehm' ich Rat.
Flugs unterricht' ich meine Knappen,
Besteige den versuchten Rappen,
Und von dem edeln Doggenpaar
Begleitet, auf geheimen Wegen,
Wo meiner Tat kein Zeuge war,
Reit' ich dem Feinde frisch entgegen."

   "Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch
Auf eines Felsenberges Joch,
Der weit die Insel überschauet,
Des Meisters kühner Geist erbauet.
Verächtlich scheint es, arm und klein,
Doch ein Mirakel schließt es ein,
Die Mutter mit dem Jesusknaben,
Den die drei Könige begaben.
Auf dreimal dreißig Stufen steigt
Der Pilgrim nach der steilen Höhe;
Doch hat er schwindelnd sie erreicht,
Erquickt ihn seines Heilands Nähe."

   "Tief in den Fels, auf dem es hängt,
ist eine Grotte eingesprengt,
Vom Tau des nahen Moors befeuchtet,
Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet.
Hier hausete der Wurm und lag,
Den Raub erspähend, Nacht und Tag.
So hielt er, wie der Höllendrache,
Am Fuß des Gotteshauses Wache;
Und kam der Pilgrim hergewallt
Und lenkte in die Unglückstraße,
hervorbrach aus dem Hinterhalt
Der Feind und trug ihn fort zum Fraße."

   "Den Felsen stieg ich jetzt hinan,
Eh' ich den schweren Strauß begann;
Hin kniet' ich vor dem Christuskinde
Und reinigte mein Herz von Sünde.
Darauf gürt' ich mir im Heiligtum
Den blanken Schmuck der Waffen um,
Bewehre mit dem Spieß die Rechte,
Und nieder steig' ich zum Gefechte.
Zurücke bleibt der Knappen Tross;
Ich gebe scheidend die Befehle,
Und schwinge mich behend aufs Ross,
Und Gott empfehl' ich meine Seele."

   "Kaum seh' ich mich im ebnen Plan,
Flugs schlagen meine Doggen an,
Und bang beginnt das Ross zu keuchen
Und bäumet sich und will nicht weichen;
Denn nahe liegt, zum Knäul geballt,
Des Feiendes scheußliche Gestalt
Und sonnet sich auf warmem Grunde.
Auf jagen ihn die flinken Hunde;
Doch wenden sie sich pfeilgeschwind,
Als es den Rachen gähnend teilet
Und von sich haucht den gift'gen Wind
Und winselnd wie der Schakal heulet."

   "Doch schnell erfrisch' ich ihren Mut,
Sie fassen ihren Feind mit Wut,
Indem ich nach des Tieres Lende
Aus starker Faust den Speer versende;
Doch machtlos, wie ein dünner Stab,
Prallt er vom Schuppenpanzer ab,
Und eh' ich meinen Wurf erneuet,
Da bäumet sich mein Ross und scheuet
An seinem Basiliskenblick
Und seines Atems gift'gem Wehen,
Und mit Entsetzen springt's zurück,
Und jetzo war's um mich geschehen -"

   "Da schwing' ich mich behend vom Ross,
Schnell ist des Schwertes Schneide bloß;
Doch alle Streiche sind verloren,
Den Felsenharnisch zu durchbohren.
Und wütend mit des Schweifes Kraft
Hat es zur Erde mich gerafft;
Schon seh' ich seinen Rachen gähnen,
Es haut nach mir mit grimmen Zähnen,
Als meine Hunde, wutentbrannt,
An seinen Bauch mit grimm'gen Bissen
Sich warfen, dass es heulend stand,
Von ungeheurem Schmerz zerrissen."

   "Und eh' es ihren Bissen sich
Entwindet, rasch erheb' ich mich,
Erspähe mir des Feindes Blöße
Und stoße tief ihm ins Gekröse,
Nachbohrend bis ans Heft den Stahl;
Schwarz quellend springt des Blutes Strahl;
Hin sinkt es und begräbt im Falle
Mich mit des Leibes Riesenballe,
Dass schnell die Sinne mir vergehn,
Und als ich neu gestärkt erwache,
Seh' ich die Knappen um mich stehn,
Und tot im Blute liegt der Drache."

   Des beifalls lang gehemmte Lust
Befreit jetzt aller Hörer Brust,
So wie der Ritter dies gesprochen;
Und zehnfach am Gewölb gebrochen,
Wälzt der vermischten Stimmen Schall
Sich brausend fort im Widerhall.
Laut fordern selbst des Ordens Söhne,
Dass man die Heldenstirne kröne,
Und dankbar im Triumphgepräng
Will ihn das Volk dem Volke zeigen;
Da faltet seine Stirne streng
Der Meister und gebietet Schweigen.

   Und spricht: "Den Drachen, der dies Land
Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand;
Ein Gott bist du dem Volke worden,
Ein Feind kommst du zurück dem Orden,
Und einen schlimmern Wurm gebar
Dein Herz, als dieser Drache war.
Die Schlange, die das Herz vergiftet,
Die Zwietracht und Verderben stiftet,
Das ist der widerspenst'ge Geist,
Der gegen Zucht sich frech empöret,
Der Ordnung heilig Band zerreißt;
Deun der ist's, der die Welt zerstöret."

   "Muth zeiget auch der Mameluck;
Gehorsam ist des Christen Schmuck;
Denn wo der Herr in seiner Größe
Gewandelt hat in Knechtesblöße,
Da stifteten, auf heil'gem Grund,
Die Väter dieses Ordens Bund,
Der Pflichten schwerste zu erfüllen,
Zu Bändigen den eignen Willen.
Dich hat der eitle Ruhm bewegt,
Drum wende dich aus meinen Blicken!
Denn wer des Herren Joch nicht trägt,
Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken."

   Da bricht die Menge tobend aus,
Gewalt'ger Sturm bewegt das Haus,
Um Gnade flehen alle Brüder;
Doch schweigend blickt der Jüngling nieder,
Still legt er von sich das Gewand
Und küsst des Meisters strenge Hand
Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke,
Dann ruft er liebend ihn zurücke
Und spricht: "Umarme mich, mein Sohn!
Dir ist der härtre Kampf gelungen.
Nimm dieses Kreuz. Es ist der Lohn
Der Demut, die sich selbst bezwungen."


Der Gang nach dem Eisenhammer

   Ein frommer Knecht war Fridolin,
Und in der Furcht des Herrn
Ergeben der Gebieterin,
Der Gräfin von Savern.
Sie war so sauft, sie war so gut;
Doch auch der Launen Übermut
Hätt' er geeifert zu erfüllen
Mit Freudigkeit, um Gottes willen.

Früh von des Tages erstem Schein,
Bis spät die Vesper schlug,
Lebt er nur ihrem Dienst allein,
Tat nimmer sich genug.
Und sprach die Dame: "Mach dir's leicht!"
Da wurd' ihm gleich das Auge zu fehlen,
Durft' er sich nicht im Dienste quälen.

   Drum vor dem ganzen Dienertross
Die Gräfin ihn erhob;
Aus ihrem schönen Munde floss
Sein unerschöpftes Lob:
Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht,
Es gab sein Herz ihm Kindesrecht;
Ihr klares Auge mit Vergnügen
Hing an den wohl gestalten Zügen.

   Darob entbrennt in Roberts Brust,
Des Jägers, gift'ger Groll,
Dem längst von böser Schadenlust
Die schwarze Seele schwoll;
Und trat zum Grafen, rasch zur Tat
Und offen des Verführers Rat,
Als einst vom Jagen heim sie kamen,
Streut' ihm ins Herz des Argwohns Samen.

   "Wie seid ihr glücklich, edler Graf,"
Hub er voll Arglist an,
"Euch raubet nicht den goldnen Schlaf
Des Zweifels gift'ger Zahn.
Denn ihr besitzt ein edles Weib,
Es gürtet Scham den keuschen Leib.
Die fromme Treue zu berücken
Wird nimmer dem Versucher glücken."

   Da rollt der Graf die finstern Braun'n;
"Was redst du mir, Gesell?
Werd' ich auf Weibestugend baun,
Beweglich wie die Well'?
Leicht locket sie des Schmeichlers Mund,
Mein Glaube steht auf festerm Grund.
Vom Weib des Grafen von Saverne
Bleibt, hoff' ich, der Versucher ferne."

   Der Andre spricht: "So denkt ihr recht,
Nur euren Spott verdient
Der Thor, der, ein geborner Knecht,
Ein solches sich erkühnt,
Und zu der Frau, die ihm gebeut,
Erhebt der Wünsche Lüsternheit" -
"Was?", fällt ihm jener ein und bebet,
"Redst du von einem, der da lebet?" -

   "Ja doch, was Aller Mund erfüllt,
Das bärg' sich meinem Herrn?
Doch weil ihr's denn mit Fleiß verhüllt,
So unterdrück' ich's gern" -
"Du bist des Todes, Bube, sprich!"
Ruft jener streng und fürchterlich.
"Wer hebt das Aug zu Kunigonden?" -
"Nun ja, ich spreche von dem Blonden."

   "Er ist nicht hässlich von Gestalt,"
Fährt er mit Arglist fort,
Indem's den Grafen heiß und kalt
Durchrieselt bei dem Wort.
"Ist's möglich, Herr? Ihr saht es nie,
Wie er nur Augen hat für sie?
Bei Tafel eurer selbst nicht achtet,
An ihrem Stuhl gefesselt schmachtet?"

   "Seht da die Verse, die er schrieb
Und seine Glut gesteht" -
"Gesteht!" - "Und sie um Gegenlieb,
Der freche Bube! Fleht.
Die gnäd'ge Gräfin, sanft und weich,
Aus Mitleid wohl verbarg sie's euch;
Mich reuet jetzt, dass mir's entfahren,
Denn, Herr, was habt ihr zu befahren?

   Da ritt in seines Zornes Wut
Der Graf ins nahe Holz,
Wo ihm in hoher Ofen Glut
Die Eisenstufe schmolz.
Hier nährten führ und spat den Brand
Die Knechte mit geschäft'ger Hand;
Der Funke sprüht, die Bälge blasen,
Als gält' es Felsen zu verglasen.

   Des Wassers und des Feuers Kraft
Verbündet sieht man hier;
Das Mühlrad, von der Flut gerafft,
Umwälzt sich für und für;
Die werke klappern Nacht und Tag,
Im Takte pocht der Hämmer Schlag,
Und bildsam von den mächt'gen Streichen
Muss selbst das Eisen sich erweichen.

   Und zweien Knechten winket er,
Bedeutet sie und sagt:
"Den Ersten, den ich sende her,
Und der euch also fragt:
"Habt ihr befolgt des Herren Wort?"
Den werft mir in die Hölle dort,
Dass er zu Asche gleich vergehe,
Und ihn mein Aug' nicht weiter sehe!"

   Des freut sich das entmenschte Paar
Mit roher Henkerslust,
Denn fühllos, wie das Eisen, war
Das Herz in ihrer Brust.
Und frischer mit der Bälge Hauch
Erhitzen sie des Ofens Bauch,
Und schicken sich mit Mordverlangen,
Das Todesopfer zu empfangen.

   Drauf Robert zum Gesellen spricht
Mit falschem Heuchelschein:
"Frisch auf, Gesell, und säume nicht,
Der Herr begehret dein."
Der Herr, der spricht zu Fridolin:
"Musst gleich zum Eisenhammer hin,
Und frage mir die Knechte dorten,
Ob sie getan nach meinen Worten?"

   Und jener spricht: "Es soll geschehn!"
Und macht sich flugs bereit.
Doch sinnend bleibt er plötzlich stehn:
"Ob sie mir nichts gebeut?"
Und vor die Gräfin stellt er sich:
"Hinaus zum Hammer schickt man mich,
So sag, was kann ich dir verrichten?
Denn dir gehören meine Pflichten."

   Darauf die Dame von Savern
Versetzt mit sanftem Ton:
"Di heil'ge Messe hört' ich gern,
Doch liegt mir krank der Sohn;
So gehe denn, mein Kind, und sprich:
IN Andacht ein Gebet für mich,
Und denkst du reuig deiner Sünden,
So lass auch mich die Gnade finden."

   Und froh der viel willkommnen Pflicht,
Macht er im Flug sich auf,
Hat noch des Dorfes Ende nicht
Erreicht im schnellen Lauf,
Da tönt ihm von dem Glockenstrang
Hell schlagend des Geläutes Klang,
Das alle Sünder, hoch begnadet,
Zum Sakramente festlich ladet.

   "Dem leiben Gotte weich nicht aus,
Findst du ihn auf dem Weg!" -
Er spricht's und tritt ins Gotteshaus
Kein Laut ist hier noch reg';
Denn um die Ernte war's, und heiß
IM Felde glüht der Schnitter Fleiß;
Kein Chorgehilfe war erschienen,
Die Messe kundig zu bedienen.

   Entschlossen ist er also bald
Und macht den Sakristan;
"Das," spricht er, "ist kein Aufenthalt,
Was fördert himmelan."
Die Stola und das Cingulum
Hängt er dem Priester dienend um,
Bereitet hurtig die Gefäße,
Geheiliget zum Dienst der Messe.

   Und als er dies mit Fleiß getan,
Tritt er als Ministrant
Dem Priester zum Altar voran,
Das Messbuch in der Hand,
Und kniet rechts und kniet links,
Und ist gewärtig jedes Winks,
Und als des Sanktus Worte kamen,
Da schellt er drei Mal bei dem Namen.

   Drauf als der Priester fromm sich neigt,
Und, zum Altar gewandt,
Den Gott, den gegenwärt'gen, zeigt
In hoch erhabner Hand,
Da kündet es der Sakristan
Mit hellem Glöcklein klingend an,
Und alles kniet und schlägt die Brüste,
Sich fromm bekreuzend vor dem Christe.

   So übt er Jedes pünktlich aus
Mit schnell gewandtem Sinn;
Was Brauch ist in dem Gotteshaus,
Er hat es Alles inn,
Und wird nicht müde bis zum Schluss,
Bis beim Vobiscum Dominus
Der Priester zur Gemein' sich wendet,
Die heil'ge Handlung segnend endet.

   Da stellt er Jedes wiederum
In Ordnung säuberlich;
Erst reinigt er das Heiligtum,
Und dann entfernt er sich,
Und eilt, indes Gewissens Ruh,
Den Eisenhütten heiter zu,
Spricht unterwegs, die Zahl zu füllen,
Zwölf Paternoster noch im Stillen.

   Und als er rauchen sieht den Schlot
Und sieht die Knechte stehn,
Da ruft er: "Was der Graf gebot,
Ihr Knechte, ist's geschehn?"
Und grinsend zerren sie den Mund
Und deuten in des Ofens Schlund:
"Der ist besorgt und aufgehoben,
Der Graf wird seine Diener loben."

   Die Antwort bringt er seinem Herrn
In schnellem Lauf zurück.
Als der ihn kommen sieht von fern,
Kaum traut er seinem Blick.
"Unglücklicher! Wo kommst du her?" -
"Vom Eisenhammer." - "Nimmermehr!
So hast du dich im Lauf verspätet?" -
"Herr, nur so lang, bis ich gebetet."

   "Denn als von eurem Angesicht
Ich heute ging, verzeiht,
Da fragt' ich erst, nach meiner Pflicht,
Bei der, die mir gebeut.
Die Messe, Herr, befahl sie mir
Zu hören; gern gehorcht' ich ihr,
Und sprach der Rosenkränze viere
Für euer Heil und für das ihre."

   In tiefes Taunene sinket hier
Der Graf, entsetzet sich:
"Und welche Antwort wurde dir
Am Eisenhammer? Sprich:" -
"Herr, dunkel war der Rede Sinn,
Zum Ofen wies man lachend hin:
Der ist besorgt und aufgehoben,
Der Graf wird seine Diener loben."

   "Und Robert?", fällt der Graf ihm ein,
Es überläuft ihn kalt,
"Sollt' er dir nicht begegnet sein?
Ich sandt' ihn doch zum Wald."
"Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur
Fand ich von Robert eine Spur" -
"Nun," ruft der Graf und steht vernichtet,
"Gott selbst im Himmel hat gerichtet!"

   Und gütig, wie er nie gepflegt,
Nimmt er des Dieners Hand,
Bringt ihn der Gattin, tief bewegt,
Die nichts davon verstand.
"Dies Kind, kein Engel ist so rein,
Lasst's eurer Huld empfohlen sein!
Wie schlimm wir auch beraten waren,
Mit dem ist Gott und seine Scharen."


Der Graf von Habsburg

Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,
   Im altertümlichen Saale,
Saß König Rudolphs heilige Macht
   Beim festlichen Krönungsmahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
   Und alle die Wähler, die Sieben,
Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
   Die Würde des Amtes zu üben.

Und rings erfüllte den hohen Balkon
   Das Volk in freud'gen Gedränge,
Laut mischte sich in der Posaunen Ton
   Das jauchzende Rufen der Menge;
Denn geendigt nachlangem verderblichen Streit
War die kaiserlose, die schreckliche Zeit,
   Und ein Richter war wieder auf Erden;
Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr
   Des Mächtigen Beute zu werden.

Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal,
   Und spricht mit zufriedenen Blicken:
"Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
   Mein königlich Herz zu entzücken;
Doch den Sänger vermiss' ich, den Bringer der Lust,
Der mit süßem Klang mir bewege die Brust
   Und mit göttlich erhabenen Lehren.
So hab' ich's gehalten von Jugend an,
Und was ich als Ritter gepflegt und getan,
   Nicht will ich's als Kaiser entbehren."

Und sieh! In der Fürsten umgebenden Kreis
   Trat der Sänger im langen Talare;
Ihm glänzte die Locke silberweiß,
   Gebleicht von der Fülle der Jahre.
"Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,
Der Sänger singt von der Minne Gold,
   Er preiset das Höchste, das Beste,
Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt;
Doch sage, was ist des Kaisers wert
   An seinem herrlichsten Feste?" -

"Nicht gebieten werd' ich dem Sänger," spricht
   Der Herrscher mit lächelndem Munde,
"Er steht in des größeren Herren Pflicht,
   Er gehorcht der gebietenden Stunde.
Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
Man weiß nicht von wannen er kommt und braust,
   Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
So des Sängers Lied aus dem Innern schallt
Und weckt der dunkeln Gefühle Gewalt,
   Die im Herzen wunderbar schleifen."

Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
   Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
"Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held,
   Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoss,
Und als er auf seinem stattlichen Ross
   In eine Au kommt geritten,
Ein Glöcklein hört er erklingen fern,
Ein Priester war's mit dem Leib des Herrn;
   Voran kam der Messner geschritten."

"Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
   Das Haupt mit Demut entblößet,
Zu verehren mit gläubigem Christensinn,
   Was alle Menschen erlöset.
Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld
Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
   Das hemmte der Wanderer Tritte;
Und beiseit legt jener das Sakrament,
Von den Füßen zieht er die Schuhe behend,
   Damit er das Bächlein durchschritte."

"Was schaffst du? Redet der Graf ihn an,
   Der ihn verwundert betrachtet. -
Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
   Der nach der Himmelskost schmachtet;
Und da ich mich nahe des Baches Steg,
Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
   Im Strudel der Wellen gerissen.
Drum dass dem Lechzenden werde sein Heil,
So will ich das Wässerlein jetzt in Eil'
   Durchwaten mit nackenden Füßen."

"Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
   Und reicht ihm die prächtigen Zäume,
Dass er labe den Kranken, der sein begehrt,
   Und die heilige Pflicht nicht versäume.
Und er selbst auf seines Knappen Tier
Vergnüget noch weiter des Jagens Begier;
   Der Andre die Reise vollführet,
Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick
Da bringt er dem Grafen sein Ross zurück,
   Bescheiden am Zügel geführet."

"Nicht wolle das Gott, rief mit Demutsinn
   Der Graf, dass zum Streiten und Jagen
Das Ross ich beschritte fürderhin,
   Das meinen Schöpfer getragen!
Und magst du's nicht haben zu eignem Gewinnst,
So bleibt es gewidmet dem göttlichen Dienst!
   Denn ich hab' es dem ja gegeben,
Von dem ich Ehre und irdisches Gut
Zu Lehen trage und Leib und Blut
   Und Seele und Atem und Leben."

"So mög' auch Gott, der allmächtige Hort,
   Der das Flehen der Schwachen erhöret,
Zu Ehren euch bringen hier und dort,
   So wie ihr jetzt ihn geehret.
Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
Durch ritterlich Walten im Schweizerland.
   Euch blühen sechs liebliche Töchter.
So mögen sie, rief er begeistert aus,
Sechs Kronen euch bringen in euer Haus,
   Und glänzen die spätsten Geschlechter!"

Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
   Als dächt' er vergangener Zeiten!
Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
   Da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
Die Züge des Priesters erkennt er schnell,
Und verbirgt der Tränen stürzenden Quell
   In des Mantels purpurnen Falten.
Und alles blickte den Kaiser an.
Und erkannte den Grafen, der das getan,
   Und verehrte das göttliche Walten.


Der Handschuh

   Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

   Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

   Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor.
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu,
Grimmig schnurrend,
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

   Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus.
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier;
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wird's still:
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die gräulichen Katzen.

   Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.

   Und zu Ritter Delorges, spottender Weis',
Wendet sich Fräulein Kunigund:
"Herr Ritter, ist eure Lieb' so heiß
Wie ihr mir's schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf!"

   Und der Ritter, in schnellem Lauf,
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

   Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen's die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick -
Er verheißt ihm sein nahes Glück -
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:1)
"Den Dank, Dame, begehr' ich nicht,"
Und verlässt sie zur selben Stunde.


Das verschleierte Bild zu Sais

   Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt;
Stets riss ihn seine Forschbegierde weiter,
Und kaum besänftigte der Hierophant
Den ungeduldig Strebenden. "Was hab' ich,
Wenn ich nicht Alles habe," sprach der Jüngling,
"Gibt's etwas hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit, wie der Sinne Glück,
Nur eine Summe, die man größer, kleiner
Besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einz'ge, ungeteilte?
Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
Und Alles, was dir bleibt, ist nichts, so lang
Das schöne All der Töne fehlt und Farben."

   Indem sie einst so sprachen, standen sie
In einer einsamen Rotonde still,
Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
Blickt er den Führer an und spricht: "Was ist's,
Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?" -
"Die Wahrheit," ist die Antwort - "Wie?", ruft jener,
"Nach Wahrheit streb' ich ja allein, und diese
Gerade ist es, die man mir verhüllt?"

   "Das mache mit der Gottheit aus," versetzt
Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer mit ungeweihter, schuld'ger Hand
Den heiligen, verbotnen früher hebt,
Der, spricht die Gottheit" - "Nun?" - "Der sieht die Wahrheit. -
"Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
Du hättest also niemals ihn gehoben?" -
"Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
Versucht." - "Das fass' ich nicht. Wenn von der Wahrheit
Nur diese dünne Scheidewand mich trennte" -
"Und ein Gesetz," fällt ihm sein Führer ein.
"Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
Ist dieser dünne Flor - für deine Hand
Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen."

   Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause,
Ihm raubt des Wissens brennende Begier
Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt,
Leicht ward es ihm die Mauer zu ersteigen,
Und mitten in das Innre der Rotonde
Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

   Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
Den Einsamen die leblose Stille,
Die nur der Tritte hohler Widerhall
In den geheimen Grüften unterbricht.
Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
Und furchtbar, wie ein gegenwärt'ger Gott,
Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
In ihrem langen Schleier die Gestalt.

   Er tritt hinan mit ungewissem Schritt;
Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
Da zuckt es heiß und Kühl durch sein Gebein,
Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
In seinem Innern eine treue Stimme.
Versuchen den Allheiligen willst du?
Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.

   Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
"Sei hinter ihm, was will! Ich heb' ihn auf."
Er ruft's mit lauter Stimm': "Ich will sie Schauen."

Schauen!

Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

   Er spricht's und hat den Schleier aufgedeckt.
"Nun," fragt ihr, "und was zeigte sich ihm hier?"
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen udn erfahren.
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riss ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
"Weh dem," dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Frager in ihn drangen.
"Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."


Die Teilung der Erde

Nehmt hin die Welt! Rief Zeus von seinen Höhen
   Den Menschen zu, nehmt, sie soll euer sein,
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
   Doch teilt euch brüderlich darein.

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
   Es regte sich geschäftig Jung und Alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
   Der Junker pirschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
   Der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
   Und sprach: Der Zehente ist mein.

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
   Naht der Poet, er kam aus weiter Fern',
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
   Und alles hatte seinen Herrn.

Weh mir! So soll ich denn allein von allen
   Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen,
   Und warf sich hin vor Jovis Thron.

Wenn du im Land der Träume dich verweilet,
   Versetzt der Gott, so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?
   Ich war, sprach der Poet, bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
   An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte,
   Berauscht, das Irdische verlor!

Was tun? Spricht Zeus - die Welt ist weggegeben,
   Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
   So oft du kommst, er soll dir offen sein.


Das Mädchen aus der Fremde

   In einem Tal bei armen Hirten
Erschien mit jedem jungen Jahr,
Sobald die ersten Lerchen schwirrten
Ein Mädchen schön und wunderbar.

   Sie war nicht in dem Tal geboren,
Man wusste nicht, woher sie kam;
Doch schnell war ihre Spur verloren,
Sobald das Mädchen Abschied nahm.

   Beseligend war ihre Nähe,
Und alle Herzen wurden weit;
Doch eine Würde, eine Höhe
Entfernte die Vertraulichkeit.

   Sie brachte Blumen mit und Früchte,
Gereift auf einer andern Flur,
In einem andern Sonnenlichte,
In einer glücklicheren Natur.

   Und teilte jedem eine Gabe,
Dem Früchte, jenem Blumen aus;
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus.

   Willkommen waren alle Gäste;
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschönste dar.


Das Ideal und das Leben 2)

   Ewig klar und spiegelrein und eben
Fließt das zephyrleichte Leben
Im Olymp den Seligen dahin.
Monde wechseln und Geschlechter fliehen;
Ihrer Götterjugend Rosen blühen
Wandellos im ewigen Ruin.
Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden
Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl;
Auf der Stirn des hohen Uraniden
Leuchtet ihr vermählter Strahl.3)

   Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen,
Frei sein in des Todes Reichen,
Brechet nicht von seines Gartens Frucht!
An dem Scheine mag der Blick sich weiden;
Des Genusses wandelbare Freuden
Rächet schleunig der Begierde Flucht.
Selbst der Styx, der neunfach sie umwindet,
Wehrt die Rückkehr Ceres Tochter nicht;
Nach dem Apfel greift sie, und es bindet
Ewig sie des Orkus Pflicht.

   Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren,
Göttlich unter Göttern, die Gestalt.
Wollt ihr hoch auf ihren Flügeln schweben,
Werft die Angst des Irdischen von euch!
Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben
In des Ideales Reich!4)

   Jugendlich, von allen Erdenmalen
Frei, in der Vollendung Strahlen
Schwebet hier der Menschheit Götterbild,
Wie des Lebens schweigende Phantome
Glänzend wandeln an dem styg'schen Strome,
Wie sie stand im himmlischen Gefild,
Ehe noch zum traur'gen Sarkophage
Die Unsterbliche herunter stieg.
Wenn im Leben noch des Kampfes Waage
Schwankt, erscheinet hier der Sieg.

   Nicht vom Kampf die Glieder zu entstricken,
Den Erschöpften zu erquicken,
Wehet hier des Sieges duft'ger Kranz.
Mächtig, selbst wenn eure Sehnen ruhten,
Reißt das Leben euch in seine Fluten,
Euch die Zeit in ihren Wirbeltanz.
Aber sinkt des Mutes kühner Flügel
Bei der Schranken peinlichem Gefühl,
Dann erblicket von der Schönheit Hügel
Freudig das erflogen Ziel.

   Wenn es gilt zu herrschen und zu schirmen,
Kämpfer gegen Kämpfer stürmen
Auf des Glückes, auf des Ruhmes Bahn,
Da mag Kühnheit sich an Kraft zerschlagen,
Und mit krachendem Getös die Wagen
Sich vermengen auf bestäubtem Plan.
Mut allein kann hier den Dank erringen,
Der am Ziel des Hippodromes winkt,
Nur der Starke wird das Schicksal zwingen,
Wenn der Schwächling untersinkt.

   Aber der, von Klippen eingeschlossen,
Wild und schäumend sich ergossen,
Sanft und eben rinnt des Lebens Fluss
Durch der Schönheit stille Schattenlande,
Und auf seiner Wellen Silberrande
Malt Aurora sich und Hesperus.
Aufgelöst in zarter Wechselliebe,
In der Anmut freiem Bund vereint,
Ruhen hier die ausgesöhnten Triebe,
Und verschwunden ist der Feind.

   Wenn das Tote bildend zu beseelen,
Mit dem Stoff sich zu vermählen,
Tatenvoll der Genius entbrennt,
Da, da spanne sich des Fleißes Nerve,
Und beharrlich ringend unterwerfe
Der Gedanke sich das Element.
Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born;
Nur des Meißels schwerem Schlag erweichet
Sich des Marmors sprödes Korn.

   Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,
Und im Stande bleibt die Schwere
Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.
Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,
Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
In des Sieges hoher Sicherheit;
Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
Menschlicher Bedürftigkeit.

   Wenn ihr in der Menschheit traur'ger Blöße
Steht vor des Gesetzes Größe,
Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht,
Da erblasse vor der Wahrheit Strahle
Eure Tugend, vor dem Ideale
Fliehe mutlos die beschämte Tat.
Kein Erschaffner hat dies Ziel erflogen,
Über diesen grauenvollen Schlund
Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
Und kein Anker findet Grund.

   Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn,
Und der ew'ge Abgrund wird sich füllen;
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
Des Gesetzes strenge Fessel bindet
Nur den Sklavensinn, der es verschmäht;
Mit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät.

   Wenn der Menschheit Leiden euch umfangen,
Wenn Laokoon der Schlangen
Sich erwehrt mit namenlosem Schmerz,
Da empöre sich der Mensch! Es schlage
An des Himmels Wölbung seine Klage
Und zerreiße euer fühlend Herz!
Der Natur furchtbare Stimme siege,
Und der Freude Wange werde bleich,
Und der heil'gen Sympathie erliege
Das Unsterbliche in euch!

   Aber in den heitern Regionen,
Wo die reinen Formen wohnen,
Rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.
Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,
Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden,
Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr.
Lieblich, wie der Iris Farbenfeuer
Auf der Donnerwolke duft'gem Tau,
Schimmert durch der Wehmut düstern Schleier
Hier der Ruhe heitres Blau.

   Tief erniedrigt zu des Feigen Knechte
Ging in ewigem Gefechte
Einst Alcid des Lebens schwere Bahn,
Rang mit Hydern und umarmt' den Leuen,
Stürzte sich, die Freunde zu befreien,
Lebend in des Totenschiffers Kahn.
Alle Plagen, alle Erdenlasten
Wälzt der unversöhnten Göttin List
Auf die will'gen Schultern des Verhassten,
Bis sein Lauf geendigt ist,

   Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
Flammend sich vom Menschen scheidet,
Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
Froh des neuen ungewohnten Schwebens,
Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens
Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt.
Des Olympus Harmonien empfangen
Den Verklärten in Kronions Saal,
Und die Göttin mit den Rosenwangen
Reicht ihm lächelnd den Pokal.


Parabeln und Rätsel

1.
Von Perlen baut sich eine Brücke
   Hoch über einen grauen See;
Sie baut sich auf im Augenblicke,
   Und schwindelnd steigt sie in die Höh.
Der höchsten Schiffe höchste Masten
   Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
   Und scheint, wie du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet,
   So wie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
   Und wer sie künstlich hat gefügt?


2.
Es führt dich meilenweit von dannen
   Und bleibt doch stets an seinem Ort,
Es hat nicht Flügel auszuspannen,
   Und trägt dich durch die Lüfte fort.
Es ist die allerschnellste Fähre,
   Die jemals einen Wandrer trug,
Und durch das größte aller Meere
   Trägt es dich mit Gedankenflug;
   Ihm ist ein Augenblick genug!


3.
Auf einer großen Weide gehen
   Viel tausend Schafe silberweiß;
Wie wir sie heute wandeln sehen,
   Sah sie der allerältste Greis.

Sie altern nie und trinken Leben
   Aus einem unerschöpften Born,
Ein Hirt ist ihnen zugegeben
   Mit schön gebognem Silberhorn.

Er treibt sie aus zu goldnen Toren,
   Er überzählt sie jede Nacht,
Er überzählt der Lämmer keins verloren,
   So oft er auch den Weg vollbracht.

Ein treuer Hund hilft sie ihm leiten,
   Ein muntrer Widder geht voran.
Die Herde, kannst du sie mir deuten,
   Und auch den Hirten zeig mir an!


4.
Es steht ein groß geräumig Haus
   Auf unsichtbaren Säulen;
Es misst's und geht's kein Wandrer aus,
   Und keiner darf drin weilen.
Nach einem unbegriffnen Plan
   Ist es mit Kunst gezimmert;
Es steckt sich selbst die Lampe an,
   Die es mit Pracht durchschimmert.
Es hat ein Dach, kristallenrein,
   Von einem einz'gen Edelstein;
   Doch noch kein Auge schaute
   Den Meister, der es baute.


5.
Zwei Eimer sieht man ab und auf
   In einem Brunnen steigen,
Und schwebt der eine voll herauf,
   Muss sich der andre neigen.
Sie wandern rastlos hin und her,
Abwechselnd voll und wieder leer,
Und bringst du diesen an den Mund,
Hängt jener in dem tiefsten Grund;
   Nie können sie mit ihren Gaben
   In gleichem Augenblick dich laben.


6.
Kennst du das Bild auf zartem Grunde?
   Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ist's zu jeder Stunde,
   Und immer ist es frisch und ganz.
Im engsten Raum ist's ausgeführet,
   Der kleinste Rahmen fasst es ein;
Doch alle Größe, die dich rühret,
   Kennst du durch dieses Bild allein.

Und kannst du den Kristall mir nennen?
   Ihm gleicht an Wert kein Edelstein;
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
   Das ganze Weltall saugt er ein.
Der Himmel selbst ist abgemalet
   In seinem wundervollen Ring,
Und doch ist, was er von sich strahlet,
   Noch schöner, als was er empfing.


7.
Ein Gebäude steht da von uralten Zeiten,
Es ist kein Tempel, es ist kein Haus,
Ein Reiter kann hundert Tage reiten,
Er umwandert es nicht, er reitet's nicht aus.

Jahrhunderte sind vorüber geflogen,
Es trotzte der Zeit und der Stürme Heer;
Frei steht es unter dem himmlischen Bogen.
Es reicht in die Wolken, es netzt sich im Meer.

Nicht eitle Prahlsucht hat es getürmet,
Es dienet zum Heil, es rettet und schirmet;
Seines Gleichen ist nicht auf Erden bekannt,
Und doch ist's ein Werk von Menschenhand.


8.
Unter allen Schlangen ist eine
   Auf Erden nicht gezeugt,
Mit der an Schnelle keine,
   An Wut sich keine vergleicht.

Sie stürzt mit furchtbarer Stimme
   Auf ihren Raub sich los,
Vertilgt in einem Grimme
   Den Reiter und sein Ross.

Sie liebt die höchsten Spitzen;
   Nicht Schloss, nicht Riegel kann
Vor ihrem Anfall schützen;
   Der Harnisch - lockt sie an.

Sie bricht, wie dünne Halmen,
   Den stärksten Baum entzwei;
Sie kann das Erz zermalmen,
   Wie dicht und fest es sei.

Und dieses Ungeheuer
   Hat zwei Mal nie gedroht -
Es stirbt im eignen Feuer:
   Wie's tötet, ist es tot!


9.
Wir stammen, unsrer sechs Geschwister,
   Von einem wundersamen Paar,
Die Mutter ewig ernst und düster,
   Der Vater fröhlich immerdar.

Von beiden erbten wir die Tugend,
   Von ihr die Milde, von ihm den Glanz;
So drehn wir uns in ew'ger Jugend
   Um dich herum im Zirkeltanz.

Gern meiden wir die schwarzen Höhlen,
   Und leiben uns den heitern Tag;
Wir sind es, die die Welt beseelen
   Mit unsers Lebens Zauberschlag.

Wir sind des Frühlings lust'ge Boten
   Und führen seinen muntern Reihn;
Drum fliehen wir das Haus der Toten,
   Denn um uns her muss Leben sein.

Uns mag kein Glücklicher entbehren,
   Wir sind dabei, wo man sich freut,
Und lässt der Kaiser sich verehren,
   Wir leihen ihm die Herrlichkeit.


10.
Wie heißt das Ding, das Wen'ge schätzen?
Doch ziert's des größten Kaisers Hand;
Es ist gemacht, um zu verletzen,
Am nächsten ist's dem Schwert verwandt.

Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden,
Niemand beraubt's und macht doch reich;
Es hat den Erdkreis überwunden,
Es macht das Leben sanft und gleich.

Die größten Reiche hat's gegründet,
Die ält'sten Städte hat's erbaut;
Doch niemals hat es Krieg entzündet,
Und Heil dem Volk, das ihm vertraut!


11.
Ich wohn' in einem steinernen Haus,
Da lieg' ich verborgen und schlafe;
Doch ich trete hervor, ich eile heraus,
Gefodert mit eisernern Waffe.
Erst bin ich unscheinbar und schwach und klein,
Mich kann dein Atem bezwingen,
Ein Regentropfen schon saugt mich ein;
Doch mir wachsen im Siege die Schwingen.
Wenn die mächtige Schwester sich zu mir gesellt,
Erwachs' ich zum furchtbarn Gebieter der Welt.


12.
Ich drehe mich auf einer Scheibe,
   Ich wandle ohne Rast und Ruh.
Klein ist das Feld, das ich umschreibe,
   Du deckst es mit zwei Händen zu -
Doch brauch' ich viele tausend Meilen,
   Bis ich das kleine Feld durchzogen,
Flieg' ich gleich fort mit Sturmes Eilen
   Und schneller als der Pfeil vom Bogen.


13.
Ein Vogel ist es, und an Schnelle
   Buhlt es mit eines Adlers Flug;
Ein Fisch ist's und zerteilt die Welle,
   Die noch kein größres Untier trug;
Ein Elefant ist's, welcher Türme
   Auf seinem schweren Rücken trägt;
Der Spinnen kriechendem Gewürme
   Gleicht es, wenn es die Füße regt;
Und hat es fest sich eingebissen,
   Mit seinem spitz'gen Eisenzahn,
So steht's gleichwie auf festen Füßen
   Und trotzt dem wütenden Orkan.


Der Spaziergang 5)

Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel!
   Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint!
Dich auch grüß' ich, belebte Flur, euch, säuselnde Linden,
   Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich wiegt,
Ruhige Bläue, dich auch, die unermesslich sich ausgießt
   Um das braune Gebirg, über den grünenden Wald,
Auch um mich, der, endlich entflohn des Zimmers Gefängnis
   Und dem engen Gespräch, freudig sich rettet zu dir.
Deiner Lüfte balsamischer Strom durchrinnt mich erquickend,
   Und den durstigen Blick labt das energische Licht.
Kräftig auf blühender Au erglänzen die wechselnden Farben,
   Aber der reizende Streit löset in Anmut sich auf.
Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich;
   Durch ihr freundliches Grün schlingt sich der ländliche Pfad.
Um mich summt die geschäftige Biene, mit zweifelndem Flügel
   Wiegt der Schmetterling sich über dem rötlichten Klee
Glühend trifft mich der Sonne Pfeil, still liegen die Weste,
   Nur der Lerche Gesang wirbelt in heiterer Luft,
Doch jetzt braust's aus dem nahen Gebüsch; tief neigen der Erlen
   Kronen sich, und im Wind wogt das versilberte Gras!
Mich umfängt ambrosische Nacht; in duftende Kühlung
   Nimmt ein prächtiges Dach schattender Buchen mich ein.
In des Waldes Geheimnis entflieht mir auf einmal die Landschaft,
   Und ein schlängelnder Pfad leitet mich steigend empor.
Nur verstohlen durchdringt der Zweige laubigtes Gitter
   Sparsames Licht, und es blickt lachend das Blaue herein.
Aber plötzlich zerreißt der Flor. Der geöffnete Wald gibt
   Überraschend des Tags blendendem Glanz mich zurück.
Unabsehbar ergießt sich vor meinen Blicken die Ferne,
   Und ein blaues Gebirg endigt im Dufte die Welt.
Tief an des Berges Fuß, der gähhlings unter mir abstürzt,
   Wallet des grünlichten Stroms fließender Spiegel vorbei.
Endlos unter mir seh' ich den Äther, über mir endlos,
   Blicke mit Schwindeln hinauf, blicke mit Schaudern hinab.
Aber zwischen der ewigen Höh' und der ewigen Tiefe
   Trägt ein geländerter Steig sicher den Wandrer dahin.
Lachend fliehen an mir die reichen Ufer vorüber,
   Und den fröhlichen Fleiß rühmet das prangende Tal.
Jene Linien, sieh! Die des Landmanns Eigentum scheiden,
   In den Teppich der Flur hat sie Demeter gewirkt.
Freundliche Schrift des Gesetzes, des Menschen erhaltenden Gottes,
   Seit aus der ehernen Welt fliehend die Liebe verschwand!
Aber in freieren Schlangen durchkreuzt die geregelten Felder,
   Jetzt verschlungen vom Wald, jetzt an den Bergen hinauf
Klimmend, ein schimmernder Streif, die Länder verknüpfende Straße;
   Auf dem ebenen Strom gleiten die Flöße dahin.
Vielfach ertönt der Herden Geläut im belebten Gefilde,
   Und den Widerhall weckt einsam des Hirten Gesang.
Muntre Dörfer bekränzend en Strom, in Gebüschen verschwinden
   Andre, vom Rücken des Bergs stürzen sie gäh dort herab.
Nachbarlich wohnet der Mensch noch mit dem Acker zusammen,
   Seine Felder umruhn friedlich sein ländliches Dach;
Traulich rankt sich die Reb' empor an dem niedrigen Fenster,
   Einen umarmenden Zweig schlingt um die Hütte der Baum.
Glückliches Volk der Gefilde! Noch nicht zur Freiheit erwachet;
   Teilst du mit deiner Flur fröhlich das enge Gesetz.
Deine Wünsche beschränkt der Ernten ruhiger Kreislauf,
   Wie dein Tagewerk, gleich, windet dein Leben sich ab!
Aber wer raubt mir auf einmal den lieblichen Anblick? Ein fremder
   Geist verbreitet sich schnell über die fremdere Flur.
Spröde sondert sich ab, was kaum noch leibend sich mischte,
   Und das Gleiche nur ist's, was an das Gleiche sich reiht.
Stände seh' ich gebildet, der Pappeln stolze Geschlechter
   Ziehn in geordnetem Pomp vornehm und prächtig daher.
Regel wird alles, und alles wird Wahl, und alles Bedeutung;
   Dieses Dienergefolg meldet den Herrscher mir an.
Prangend verkündigen ihn von fern die beleuchteten Kuppeln,
   Aus dem felsigten Kern hebt sich die türmende Stadt.
In die Wildnis hinaus sind des Waldes Faunen verstoßen,
   Aber die Andacht leiht höheres Leben dem Stein.
Näher gerückt ist der Mensch an den Menschen. Enger wird um ihn,
   Reger erwacht, es umwälzt rascher sich in ihm die Welt.
Sich, da entbrennen in feurigem Kampf die eifernden Kräfte,
   Großes wirket ihr Streit, Größeres wirket ihr Bund.
Tausend Hände belebt ein Geist, hoch schläget in tausend
   Brüsten, von einem Gefühl glühend, ein einziges Herz,
Schlägt für das Vaterland und glüht für der Ahnen Gesetze;
   Hier auf dem teuren Grund ruht ihr verehrtes Gebein.
Nieder steigen vom Himmel die seligen Götter und nehmen
   In dem geweihten Bezirk festliche Wohnungen ein;
Herrliche Gaben bescherend erscheinen sie: Ceres vor allen
   Bringet des Pfluges Geschenk, Hermes den Anker herbei,
Bacchus die Traube, Minerva des Ölbaums grünende Reiser,
   Auch das kriegrische Ross führet Poseidon heran.
Mutter Cybele spannt an des Wagens Deichsel die Löwen,
   In das gastliche Tor zieht sie als Bürgerin ein.
Heilige Steine! Aus euch ergossen sich Pflanzer der Menschheit.
   Fernen Inseln des Meers sandtet ihr Sitten und Kunst,
Weise sprachen das Recht an diesen geselligen Toren,
   Helden stürzten zum Kampf für die Penaten heraus.
Auf den Mauern erschienen, den Säugling im Arme, die Mütter,
   Blickten dem Heerzug nach, bis ihn die Ferne verschlang.
Betend stürzten sie dann vor der Götter Altären sich nieder,
   Flehten um Ruhm und Sieg, flehten um Rückkehr für euch.
Ehre ward euch und Sieg, doch der Ruhm nur kehrte zurücke;
   Eurer Taten Verdienst meldet der rührende Stein:
"Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
   "Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl."
Ruhet sanft, ihr Geliebten! Von eurem Blute begossen,
   Grünet der Ölbaum, es keimt lustig die köstliche Saat.
Munter entbrennt, des Eigentums froh, das freie Gewerbe,
   Aus dem Schilfe des Stroms winket der bläulichte Gott.
Zischend fliegt in den Baum die Axt, es erseufzt die Dryade,
   Hoch von des Berges Haupt stürzt sich die donnernde Last.
Aus dem Felsbruch wiegt sich der Stein, vom Hebel beflügelt;
   In der Gebirge Schlucht taucht sich der Bergmann hinab.
Mulcibers Amboss tönt von dem Takt geschwungener Hämmer,
   Unter der nervigten Faust spritzen die Funken des Stahls.
Glänzend umwindet der goldene Lein die tanzende Spindel
   Durch die Saiten des Garns sauset das webende Schiff.
Fern auf der Rede ruft der Pilot, es warten die Flotten,
   Die in der Fremdlinge Land tragen den heimischen Fleiß;
Andre ziehen frohlockend dort ein mit den Gaben der Ferne,
   Hoch von dem ragenden Mast wehet der festliche Kranz.
Siehe, da wimmeln die Märkte, der Kahn von fröhlichem Leben,
   Seltsamer Sprachen Gewirr braust in das wundernde Ohr.
Auf den Stapel schüttet die Ernten der Erde der Kaufmann,
   Was dem glühenden Strahl Afrika's Boden gebiert,
Was Arabien kocht, was die äußerste Thule bereitet,
   Hoch mit erfreuendem Gut füllt Amalthea das Horn.
Da gebieret das Glück dem Talente die göttlichen Kinder,
   Von der Freiheit gesängt wachsen die Künste der Lust.
Mit nachahmendem Leben erfreuet der Bildner die Augen,
   Und vom Meißel beseelt redet der fühlende Stein.
Künstliche Himmel ruhn auf schlanken jonischen Säulen,
   Und den ganzen Olymp schließet ein Pantheon ein.
Leicht wie der Iris Sprung durch die Luft, wie der Pfeil von der Senne,
   Hüpfet der Brücke Joch über den brausenden Strom.
Aber im stillen gemach entwirft bedeutende Zirkel
   Sinnend der Weise, beschleicht forschend den schaffenden Geist,
Prüft der Stoffe Gewalt, der Magnete Hassen und Lieben,
   Folgt durch die Lüfte dem Klang, folgt durch den Äther dem Strahl,
Sucht das vertraute Gesetz in des Zufalls grausenden Wundern,
   Sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht.
Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken,
   Durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt.
Da zerrinnt vor dem wundernden Blick der Nebel des Wahnes,
   Und die Gebilde der Nacht weichen dem tagenden Licht.
Seine Fesseln zerbricht der Mensch. Der Beglückte! Zerriss' er
   Mit den Fesseln der Furcht nur nicht den Zügel der Scham!
Freiheit! Ruft die Vernunft, Freiheit die wilde Begierde,
   Von der heil'gen Natur ringen sie lüstern sich los.
Ach, da reißen im Sturm die Anker, die an dem Ufer
   Warnend ihn hielten, ihn fasst mächtig der flutende Strom;
Ins Unendliche reißt er ihn hin, die Küste verschwindet,
   Hoch auf der Fluten Gebirg wiegt sich entmastet der Kahn;
Hinter Wolken erlöschen des Wagens beharrliche Sterne,
   Bleibend ist nichts mehr, es irrt selbst in dem Busen der Gott.
Aus dem Gespräche verschwindet die Wahrheit, Glauben und Treue
   Aus dem Leben, es lügt selbst auf der Lippe der Schwur.
In der Herzen vertraulichsten Bund, in der Liebe Geheimnis
   Drängt sich der Sykophant, reißt von dem Freunde den Freund.
Auf die Unschuld schielt der Verrat mit verschlingendem Blicke,
   Mit vergiftendem Biss tötet des Lästerers Zahn.
Feil ist in der geschändeten Brust der Gedanke, die Liebe
   Wirst des freien Gefühl göttlichen Adel hinweg.
Deiner heiligen Zeichen, o Wahrheit, hat der Betrug sich
   Angemaßt, der Natur köstlichste Stimmen entweiht,
Die das bedürftige Herz in der Freude Drang sich erfindet;
   Kaum gibt wahres Gefühl noch durch Verstummen sich kund.
Auf der Tribüne prahlet das Recht, in der Hütte die Eintracht,
   Des Gesetzes Gespenst steht an der Könige Thron.
Jahre lang mag, Jahrhunderte lang die Mumie dauern,
   Mag das trügende Bild lebender Fülle bestehn,
Bis die Natur  erwacht, und mit schweren, ehernen Händen
   An das hohle Gebäu rühret die Not und die Zeit,
Einer Tigerin gleich, die das eiserne Gitter durchbrochen
   Und des numidischen Walds plötzlich und schrecklich gedenkt,
Aufsteht mit des Verbrechens Wut und des Elends die Menschheit,
   Und in der Asche der Stadt sucht die verlorne Natur.
O so öffnet euch, Mauren, und gebt den Gefangenen ledig!
   Zu der verlassenen Flur kehr' er gerettet zurück!
Aber wo bin ich? Es birgt sich der Pfad. Abschüssige Gründe
   Hemmen mit gähnender Kluft, hinter mir, vor mir den Schritt.
Hinter mir bleib der Gärten, der Hecken vertraute Begleitung,
   Hinter mir jegliche Spur menschlicher Hände zurück.
Nur die Stoffe seh' ich getürmt, aus welchen das Leben
   Keimet, der rohe Basalt hofft auf die bildende Hand.
Brausend stürzt der Gießbach herab durch die Rinne des Felsen,
   Unter den Wurzeln des Baums bricht er entrüstet sich Bahn.
Wild ist es hier und schauerlich öd'. Im einsamen Luftraum
   Hängt nur der Adler und knüpft an das Gewölke die Welt.
Hoch herauf bis zu mir trägt keines Windes Gefieder
   Den verlorenen Schall menschlicher Mühen und Lust.
Bin ich wirklich allein? In deinen Armen an deinem
   Herzen wieder, Natur, ach! Und es war nur ein Traum,
Der mich schaudernd ergriff; mit des Lebens furchtbarem Bilde,
   Mit dem stürzenden Tal stürzte der finstre hinab.
Reiner nehm' ich mein Leben von deinem reinen Altare,
   Nehme den fröhlichen Mut hoffender Jugend zurück.
Ewig wechselt der Wille den Zweck und die Regel, in ewig
   Wiederholter Gestalt wälzen die Taten sich um.
Aber jugendlich immer, in immer veränderter Schöne
   Ehrst du, fromme Natur, züchtig das alte Gesetz!
Immer dieselbe, bewahrst du in treuen Händen dem Manne,
   Was dir das gaukelnde Kind, was dir der Jüngling vertraut,
Nährest an gleicher Brust, die vielfach wechselnden Alter;
   Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün
Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter,
   Und die Sonne Homers, siehe! Sie lächelt auch uns.


Das Lied von der Glocke

Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.

   Fest gemauert in der Erden
   Steht die Form aus Lehm gebrannt.
   Heute muss die Glocke werden!
   Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
      Von der Stirne heiß
      Rinnen muss der Schweiß,
   Soll das Werk den Meister loben;
   Doch der Segen kommt von oben.

   Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So lasst uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt;
Den schlechten Mann muss man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

   Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
   Doch recht trocken lasst es sein,
   Dass die eingepresste Flamme
   Schlage zu dem Schwalch hinein!
      Kocht des Kupfers Brei!
      Schnell das Zinn herbei,
   Dass die zähe Glockenspeise
   Fließe nach der rechten Weise!

   Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hilfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube,
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird's in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr,
Und wird mit den Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt.

   Weiße Blasen seh' ich springen;
   Wohl! Die Massen sind im Fluss.
   Lasst's mit Aschenfalz durchdringen,
   Das befördert schnell den Guss.
      Auch vom Schaume rein
      Muss die Mischung sein,
   Dass vom reinlichen Metalle
   Rein und voll die Stimme schalle.

   Denn mit der Freude Feierklage
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Die schwarzen und die heitern Lose;
Der Mutterleibe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen -
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmisst die Welt am Wanderstabe,
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus.
Und herrlich in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da fasst ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit;
O dass sie ewig grünen bleibe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

   Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
   Dieses Stäbchen tauch' ich ein,
   Sehn wir's überglast erscheinen,
   Wird's zum Gusse zeitig sein,
      Jetzt, Gesellen, frisch!
      Prüft mir das Gemisch,
   Ob das Spröde mit dem Weichen
   Sich vereint zum guten Zeichen.

   Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jungfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! Des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei
Die Leidenschaft flieht,
Die Leibe muss bleiben;
Die Blume verblüht,
Die Frucht muss treiben.
Der Mann muss hinaus
Ins feindliche Leben,
Muss wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muss wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn' Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und fügt zum Guten den Glanz und den Schimmer
Und ruhet nimmer.

   Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühend Glück.
Seihet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume,
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mir des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew'ger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.

   Wohl! Nun kann der Guss beginnen,
   Schön gezacket ist der Bruch.
   Doch bevor wir's lassen rinnen,
   Betet einen frommen Spruch!
      Stoßt den Zapfen aus!
      Gott bewahr' das Haus!
   Rauchend in des Henkels Bogen
   Schießt's mit feuerbraunen Wogen.

   Wohltätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft;
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einher tritt auf der eignen Spur,
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen,
Wachsend ohne Widerstand,
Durch die Volk belebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen;
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl.
Hört ihr's wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot, wie Blut,
Ist der Himmel;
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile;
Kochend, wie aus Ofens Rachen,
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern;
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet;
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer; hoch im Bogen
Spritzen Quellen Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht;
Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie, in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen in gewalt'ger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
Riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke,
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.

   Leer gebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme raues Bette.
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.

   Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück -
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Häupter seiner Lieben,
Und sieh! Ihm fehlt kein teures Haupt.

   In die Erd' ist's aufgenommen,
   Glücklich ist die Form gefüllt:
   Wird's auch schön zu Tage kommen,
   Dass es Fleiß und Kunst vergilt?
      Wenn der Guss misslang?
      Wenn die Form zersprang?
   Ach, vielleicht, indem wir hoffen,
   Hat uns Unheil schon getroffen.

   Dem dunkeln Schoß der heil'gen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat,
Und hofft, dass sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Nochköstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß,
Und hoffen, dass er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.

   Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

   Ach! Die Gattin ist's, die teure,
Ach, es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust -
Ach! Des Hauses zarte Bande
Sind gelöst auf immerdar;
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war;
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr;
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

   Bis die Glocke sich verkühlet,
   Lasst die strenge Arbeit ruhn.
   Wie im Laub der Vogel spielet,
   Mag sich jeder gütlich tun.
      Winkt der Sterne Licht,
      Ledig aller Pflicht,
   Hört der Bursch die Vesper schlagen;
   Meister muss sich immer plagen.

   Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
Blökend ziehen heim die Schafe,
Und der Rinder
Breit gestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen
Kornbeladen;
Bunt von Farben,
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesell'ge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.
Schwarz bedeckt
Sich die Erde;
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen grässlich wecket;
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

   Heil'ge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau gegründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesell'gen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten,
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

   Tausend fleiß'ge Hände regen,
Helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heil'gem Schutz;
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis;
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

   Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Möge neid er Tag erscheinen
Wo des rauen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben;
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

   Nun zerbrecht mir das Gebäude,
   Seine Absicht hat's erfüllt,
   Dass sich Herz und Auge weide
   An dem wohl gelungnen Bild.
      Schwingt den Hammer, schwingt,
      Bis der Mantel springt!
   Wenn die Glock' soll auferstehen,
   Muss die Form in Stücken gehen.

   Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit;
Doch wehe, wenn im Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blind wütend, mit des Donners Krachen,
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus.
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten;
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

   Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäust,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocke Strängen
Der Aufruhr, dass sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

   Freiheit und Gleichheit! Hört man schallen;
Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu;
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden,
Und äschert Städt' und Länder ein.

   Freude hat mir Gott gegeben!
   Gehet! Wie ein goldner Stern,
   Aus der Hilfe, blank und eben,
   Schält sich der metallne Kern.
      Von dem Helm zum Kranz
      Spielt's wie Sonnenglanz,
   Auch des Wappens nette Schilder
   Loben den erfahrnen Bilder.

   Herein! Herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Dass wir die Glocke tausend weihen!
Concordia soll ihr Name sein.
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.

   Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr' im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.

   Jetzo mit der Kraft des Stranges
   Wiegt die Glock' mir aus der Gruft,
   Dass sie in das Reich des Klanges
   Steige, in die Himmelsluft!
      Ziehet, ziehet, hebt!
      Sie bewegt sich, schwebt.
   Freude dieser Stadt bedeute,
   Friede sei ihr erst Geläute.


Die Macht des Gesanges

   Ein Regenstrom aus Felsenrissen,
Er kommt mit Donners Ungestüm,
Bergtrümmer folgen seinen Güssen,
Und Eichen stürzen unter ihm;
Erstaunt mit wolllustvollem Grausen,
Hört ihn der Wanderer und lauscht,
Er hört die Flut vom Felsen brausen,
Doch weiß er nicht, woher sie rauscht:
So strömend es Gesanges Wellen
Hervor aus nie entdeckten Quellen.

   Verbündet mit den furchtbarn Wesen,
Die still des Lebens Faden drehn,
Wer kann des Sängers Zauber lösen,
Wer seinen Tönen widerstehn?
Wie mit dem Stab des Götterboten
Beherrscht er das bewegte Herz,
Er taucht es in das Reich der Toten,
Er hebt es staunend himmelwärts,
Und wiegt es zwischen Ernst und Spiele
Auf schwanker Leiter der Gefühle.

   Wie wenn auf einmal in die Kreise
Der Freude, mit Gigantenschritt,
Geheimnisvoll nach Geisterweise,
Ein ungeheures Schicksal tritt;
Da beugt sich jede Erdengröße
Dem Fremdling aus der andern Welt,
Des Jubels nichtiges Getöse
Verstummt, und jede Larve fällt,
Und vor der Wahrheit mächt'gem Siege
Verschwindet jedes Werk der Lüge:

   So rafft von jeder eiteln Bürde,
Wenn des Gesanges Ruf erschallt,
Der Mensch sich auf zur Geisterwürde
Und tritt in heilige Gewalt;
Den hohen Göttern ist er eigen,
Ihm darf nichts Irdisches sich nahn,
Und jede andre Macht muss schweigen,
Und kein Verhängnis fällt ihn an;
Es schwinden jedes Kummers Falten,
Solang des Leides Zauber walten.

   Und wie nach hoffnungslosem Sehnen,
Nach langer Trennung bitterm Schmerz,
Ein Kind mit heißen Reuetränen
Sich stürzt an seiner Mutter Herz:
So führt zu seiner Jugend Hütten,
Zu seiner Unschuld reinem Glück,
Vom fernen Ausland fremder Sitten
Den Flüchtling der Gesang zurück,
In der Natur getreuen Armen
Von kalten Regeln zu erwarmen.


Würde der Frauen

Ehret die Frauen! Sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben,
Flechten der Liebe beglückendes Band,
Und in der Grazie züchtigem Schleier
Nähren sie wachsam das ewige Feuer
Schöner Gefühle mit heiliger Hand.

   Ewig aus der Wahrheit Schranken
   Schweift des Mannes wilde Kraft;
   Unstet treiben die Gedanken
   Auf dem Meer der Leidenschaft;
   Gierig greift er in die Ferne,
   Nimmer wird sein Herz gestillt;
   Rastlos durch entlegne Sterne
   Jagt er seines Traumes Bild.

Aber mit zauberisch fesselndem Blicke
Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,
Warnend zurück in der Gegenwart Spur.
In der Mutter bescheidener Hütte
Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte,
Treue Töchter der frommen Natur.

   Feindlich ist des Mannes Streben,
   Mit zermalmender Gewalt
   Geht der wilde durch das Leben,
   Ohne Rast und Aufenthalt.
   Was er schuf, zerstört er wieder,
   Nimmer ruht der Wünsche Streit,
   Nimmer, wie das Haupt der Hyder
   Ewig fällt und sich erneut.

Aber zufrieden mit stillerem Ruhme,
Brechen die Frauen des Augenblicks Blume,
Nähren sie sorgsam mitliebendem Fleiß,
Freier in ihrem gebundenen Wirken,
Reicher, als er, in des Wissens Bezirken
Und in der Dichtung unendlichem Kreis.6)

   7) Streng und stolz, sich selbst genügend,
   Kennt des Mannes kalte Brust,
   Herzlich an ein Herz sich schmiegend,
   Nicht der Liebe Götterlust,
   Kennet nicht den Tausch der Seelen,
   Nicht in Tränen schmilzt er hin;
   Selbst des Lebens Kämpfe stählen
   Härter seinen harten Sinn.

Aber wie leise vom Zephyr erschüttert,
Schnell die äolische Harfe erzittert,
Also die fühlende Seele der Frau.
zärtlich geängstigt vom Bilde der Qualen
Wallet der liebende Busen, es strahlen
Perlend die Augen von himmlischem Tau.

   In der Männer Herrschgebiete
   Gilt der Stärke trotzig Recht;

      In der Welt verfälschtem Spiegel
      Sieht er seinen Schatten nur.
      Offen liegen ihm die Schätze
      Der Vernunft, der Phantasie;
      Nur das Bild auf seinem Netze,
      Nur das Nahe kennt er nie.

   Aber die Bilder, die ungewiss wanken
   Dort auf der Flut der bewegten Gedanken
   In des Mannes verdüstertem Blick,
   Klar und getreu in dem sanfteren Weibe
   Zeigt sich der Seele kristallene Scheibe,
   Wirft sie der ruhige Spiegel zurück.

   Mit dem Schwert beweist der Scythe,
   Und der Perser wird zum Knecht.
   Es befehden sich im Grimme
   Die Begierden wild und roh,
   Und der Eris raue Stimme
   Waltet, wo die Charis floh.

Aber mit sanft überredender Bitte
Führen die Frauen den Zepter der Sitte,
Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht,
Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen,
Sich in der lieblichen Form zu umfassen,
Und vereinen, was ewig sich flieht.8)

Aber für Ewigkeiten entschieden
Ist in dem Weibe der Leidenschaft Frieden;
Der Notwendigkeit heilige Macht
Hütet der Züchtigkeit köstliche Blüte,
Hütet im Busen des Weibes die Güte,
Die der Wille nur treulos bewacht.

   Aus der Unschuld Schoß gerissen,
   Klimmt zum Ideal der Mann
   Durch ein ewig streitend Wissen,
   Wo sein Herz nicht ruhen kann,
   Schwankt mit ungewissem Schritte,
   Zwischen Glück und Recht geteilt,
   Und verliert die schöne Mitte,
   Wo die Menschheit fröhlich weilt.

Aber in kindlich unschuldiger Hülle
Birgt sich der hohe, geläuterte Wille
In des Weibes verklärter Gestalt.
Aus der bezauberten Einfalt der Züge
Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege,
Herrschet des Kindes, des Engels Gewalt.


Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
   Von bessern künftigen Tagen;
Nach einem glücklichen, goldenen Ziel
   Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
   Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
   Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling locket9) ihr Zauberschein,
   Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Den beschließt er im Grabe den müden Lauf,
   Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
   Erzeugt im Gehirne des Thoren,
Im Herzen kündigt es laut sich an:
   Zu was Besserm sind wir geboren;
Und was die innere Stimme spricht,
   Das täuschet die hoffende Seele nicht.

Ü   Þ


1) Statt dieser Zeile steht im Musenalmanach von 1798 folgende:
Und der Ritter sich tief verbeugend spricht:
­

2) In den Horen vom Jahr 1795 erschien dies Gedicht unter der Überschrift: Das Reich der Schatten ­

3) In der frühern Ausgabe folgt hier die Strophe:

   Führt kein Weg hinauf zu jenen Höhen?
Muss der Blume Schmuck vergehen,
Wenn des Herbstes Gabe schwellen soll?
Wenn sich Lunens Silberhörner füllen,
Muss die andre Hälfte Nacht umhüllen?
Wird die Strahlenscheibe niemals voll?
Nein, auch aus der Sinne Schranken führen
Pfade aufwärts zur Unendlichkeit,
Die von ihren Gütern nichts berühren,
Fesselt kein Gesetz der Zeit.
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4) Hier finden sich in der ersten Ausgabe noch folgende Strophen:

   Und vor jenen fürchterlichen Scharen
Euch auf ewig zu bewahren,
Brechet mutig alle Brücken ab.
Zittert nicht, die Heimat zu verlieren;
Alle Pfade, die zum Leben führen,
Alle führen zum gewissen Grab.
Opfert freudig auf, was ihr besessen,
Was ihr einst gewesen, was ihr seid,
Und in einem seligen Vergessen
Schwinde die Vergangenheit.

   Keine Schmerzerinnerung entweihe
Diese Freistatt, keine Reue,
Keine Sorge, keiner Träne Spur.
Los gesprochen sind von allen Pflichten,
Die in dieses Heiligtum sich flüchten,
Allen Schulden sterblicher Natur,
Aufgerichtet wandle hier der Sklave,
Seiner Fesseln glücklich unbewusst;
Selbst die rächende Erinne schlafe
Friedlich in des Sünders Brust.
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5) Elegie war die Überschrift dieses Gedichts in den Horen vom Jahr 1795. ­

6) Im Musenalmanach vom Jahr 1796 folgt hier die Strophe:

Seines Willens Herrschersiegel
Drückt der Mann auf die Natur;
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7) Anstatt der vier ersten Zeilen dieser Strophe stehen in der ersten Ausgabe folgende:

Immer widerstrebend, immer
Schaffend, kennt des Mannes Herz
Des Empfangens Wonne nimmer,
Nicht den süß geheilten Schmerz.
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8) Nach dieser Strophe enthält die erste Ausgabe noch folgende:

   Seiner Menschlichkeit vergessen,
   Wagt des Mannes eitler Wahn
   Mit Dämonen sich zu messen,
   Denen nie Begierden nahn.
   Stolz verschmäht er das Geleite
   Leise warnender Natur,
   Schwingt sich indes Himmels Weite
   Und verliert der Erde Spur.

Aber auf treuerem Pfad der Gefühle
Wandelt die Frau zu dem göttlichen Ziele,
Das sie still, doch gewisser erringt,
Strebt auf der Schönheit geflügeltem Wagen
Zu den Sternen die Menschheit zu tragen,
Die der Mann nur ertötend bezwingt.

   Auf des Mannes Stirne thronet
   Hoch, als Königin, die Pflicht;
   Doch die Herrschende verschonet
   Grausam das Beherrschte nicht.
   Des Gedankens Sieg entehret
   Der Gefühle Widerstreit;
   Nur der ew'ge Kampf gewähret
   Für des Sieges Ewigkeit.
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9) Frühere Lesart: begeistert. ­

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