Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Dritte Periode (1)

Die Begegnung

   Noch seh' ich sie, umringt von ihren Frauen,
Die herrlichste von allen, stand sie da.
Wie eine Sonne war sie anzuschauen;
Ich stand von fern und wagte mich nicht nah.
Es fasste mich mit wolllustvollem Grauen,
Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah;
Doch schnell, als hätten Flügel mich getragen,
Ergriff es mich, die Saiten anzuschlagen.

   Was ich in jenem Augenblick empfunden,
Und was ich sang, vergebens sinn' ich nach.
Ein neu Organ hatt' ich in mir gefunden,
Das meines Herzens heil'ge Regung sprach;
Die Seele war's, die Jahre lang gebunden,
Durch alle Fesseln jetzt auf einmal brach,
Und Töne fand in ihren tiefsten Tiefen,
Die ungeahnt und göttlich in ihr schliefen.

   Und als die Saiten lange schon geschwiegen,
Die Seele endlich mir zurücke kam,
Da sah ich in den engelgleichen Zügen
Die Liebe ringen mit der holden Scham,
Und alle Himmel glaubt' ich zu erfliegen,
Als ich das leise, süße Wort vernahm -
O droben nur in sel'ger Geister Chören
Werd ich des Tones Wohllaut wieder hören!

   "Das treue Herz, das trostlos sich verzehrt,
Und still bescheiden nie gewagt zu sprechen:
Ich kenne den ihm selbst verborgnen Wert,
Am rohen Glück will ich das Edle rächen.
Dem Armen sei das schönste Los beschert,
Nur Liebe darf der Liebe Blume brechen.
Der schönste Schatz gehört dem Herzen an,
Das ihn erwidern und empfinden kann."


An Emma

Weit in nebelgrauer Ferne
   Liegt mir das vergangne Glück,
Nur an einem schönen Sterne
   Weilt mit Liebe noch der Blick;
Aber wie des Sternes Pracht,
Ist es nur ein Schein der Nacht.

Deckte dir der lange Schlummer,
   Dir der Tod die Augen zu,
Dich besäße doch mein Kummer,
   Meinem Herzen lebtest du.
Aber, ach! Du lebst im Licht,
Meiner Liebe lebst du nicht.

Kann der Liebe süß Verlangen,
   Emma, kann's vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen,
   Emma, kann's die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut,
Stirbt sie wie ein irdisch Gut?


Das Geheimnis

Sie konnte mir kein Wörtchen sagen,
   Zu viele Lauscher waren wach;
Den Blick nur durft' ich schüchtern fragen,
   Und wohl verstand ich, was er sprach.
Leis komm' ich her in deine Stille,
   Du schön belaubtes Buchenzelt,
Verbirg in deiner grünen Hülle
   Die Liebenden dem Aug' der Welt!

Von ferne mit verworrnem Sausen
   Arbeitet der geschäft'ge Tag,
Und durch der Stimmen hohles Brausen
   Erkenn' ich schwerer Hämmer Schlag.
So sauer ringt die kargen Lose
   Der Mensch dem harten Himmel ab;
Doch leicht erworben, aus dem Schoße
   Der Götter fällt das Glück herab.

Dass ja die Menschen nie es hören,
   Wie treue Lieb' uns still beglückt!
Sie können nur die Freude stören,
   Weil Freude nie sie selbst entzückt.
Die Welt wird nie das Glück erlauben,
   Als Beute wird es nur gehascht;
Entwenden musst du's oder rauben,
   Eh dich die Missgunst überrascht.

Leis auf den Zehen kommt's geschlichen,
   Die Stille leibt es und die Nacht;
Mit schnellen Füßen ist's entwichen,
   Wo des Verräters Auge wacht.
O schlinge dich, du sanfte Quelle,
   Ein breiter Strom um uns herum,
Und drohend mit empörter Welle
   Verteidige dies Heiligtum!


Die Erwartung

   Hör' ich das Pförtchen nicht gehen?
   Hat nicht der Riegel geklirrt?
      Nein, es war des Windes Wehen,
      Der durch diese Pappeln schwirrt.

O schmücke dich, du grün belaubtes Dach,
Du sollst die Anmutstrahlende empfangen!
Ihr Zweige, baut ein schattendes Gemach,
Mit holder Nacht sie heimlich zu umfangen!
Und all' ihr Schmeichellüfte, werdet wach
Und scherzt und spielt um ihre Rosenwangen,
Wenn seine schöne Bürde, leicht bewegt,
Der zarte Fuß zum Sitz der Liebe trägt.

   Stille! Was schlüpft durch die Hecken
   Raschelnd mit eilendem Lauf?
      Nein, es scheuchte nur der Schrecken
      Aus dem Busch den Vogel auf.

O lösche deine Fackel, Tag! Hervor
Du geist'ge Nacht, mit deinem holden Schweigen!
Breit' um uns her den purpurroten Flor,
Umspinn' uns mit geheimnisvollen Zweigen!
Der Liebe Wonne flieht des Lauschers Ohr,
Sie flieht des Strahles unbescheidnen Zeugen;
Nur Hesper, der Verschwiegene, allein
Darf, still herblickend, ihr Vertrauter sein.

   Rief es von ferne nicht leise,
   Flüsternden Stimmen gleich?
      Nein, der Schwan ist's, der die Kreise
      Ziehet durch den Silberteich.

Mein Ohr umtönt ein Harmonienfluss,
Der Springquell fällt mit angenehmem Rauschen,
Die Blume neigt sich bei des Westes Kuss,
Und alle Wesen seh' ich Wonne tauschen,
Die Traube winkt, die Pfirsche zum Genuss,
Die üppig schwellend hinter Blättern lauschen,
Die Luft, getaucht in der Gewürze Flut,
Trinkt von der heißen Wange mir die Glut.

   Hör' ich nicht Tritte erschallen?
   Rauscht's nicht den Laubgang daher?
      Nein, die Frucht ist dort gefallen,
      Von der eignen Fülle schwer.

Des Tages Flammenauge selber bricht
In süßem Tod, und seine Farben blassen;
Kühn öffnen sich im holden Dämmerlicht
Die Kelche schon, die seine Gluten hassen.
Still hebt der Mond sein strahlend Angesicht,
Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen,
Der Gürtel ist von jedem Reiz gelöst,
Und alles Schöne zeigt sich mir entblößt.

   Seh' ich nichts Weißes dort schimmern?
   Glänzt's nicht wie seidnes Gewand?
      Nein, es ist der Säule Flimmern
      An der dunkeln Taxuswand.

O sehnend Herz, ergötze dich nicht mehr,
Mit süßen Bildern wesenlos zu spielen!
Der Arm, der sie umfassen will, ist leer,
Kein Schattenglück kann diesen Busen kühlen.
O führe mir die Liebende daher,
Lass ihre Hand, die zärtliche, mich fühlen!
Den Schatten nur von ihres Mantels Saum -
Und in das Leben tritt der hohle Traum.

   Und leis', wie aus himmlischen Höhen
   Die Stunde des Glückes erscheint,
      So war sie genaht, ungesehen,
      Und weckte mit Küssen den Freund.


Der Abend

Nach einem Gemälde.

Senke, strahlender Gott - die Fluren dürsten
Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet,
   Matter ziehen die Rosse -
      Senke den Wagen hinab!

Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge
Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie?
   Rascher fliegen die Rosse,
      Tethys, die göttliche, winkt.

Schnell vom Wagen herab in ihre Arme
Springt der Führer, den Zaum ergreift Cupido,
   Stille halten die Rosse,
      Trinken die kühlende Flut.

An den Himmel herauf mit leisen Schritten
Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße
   Liebe. Ruhet und liebet!
      Phöbus, der Liebende, ruht.


Sehnsucht

Ach, aus dieses Tales Gründen,
   Die der kalte Nebel drückt,
Könnt' ich doch den Ausgang finden,
   Ach, wie fühlt' ich mich beglückt!
Dort erblick' ich schöne Hügel!
   Ewig jung und ewig grün!
Hätt' ich Schwingen, hätt' ich Flügel,
   Nach den Hügeln zög' ich hin.

Harmonien hör' ich klingen,
   Töne süßer Himmelsruh,
Und die leichten Winde bringen
   Mir der Düfte Balsam zu.
Goldne Früchte seh' ich glühen,
   Winkend zwischen dunkelm Laub,
Und die Blumen, die dort blühen,
   Werden keines Winters Raub.

Ach, wie schön muss sich's ergehen
   Dort im ew'gen Sonnenschein,
Und die Luft auf jenen Höhen -
   O wie labend muss sie sein!
Doch mir wehrt des Stromes Toben
   Der ergrimmt dazwischen braust;
Seine Wellen sind gehoben,
   Dass die Seele mir ergraust.

Einen Nachen seh' ich schwanken,
   Aber, ach! Der Fährmann fehlt.
Frisch hinein und ohne Wanken!
   Seine Segel sind beseelt.
Du musst glauben, du musst wagen,
   Denn die Götter leihn kein Pfand.
Nur ein Wunder kann dich tragen
   In das schöne Wunderland.


Der Pilgrim

Noch in meines Lebens Lenze
   War ich, und ich wandert' aus,
Und der Jugend frohe Tänze
   Ließ ich in des Vaters Haus.

All mein Erbteil, meine Habe
   Warf ich fröhlich glaubend hin,
Und am leichten Pilgerstabe
   Zog ich fort mit Kindersinn.

Denn mich trieb ein mächtig Hoffen
   Und ein dunkles Glaubenswort,
Wandle, rief's, der Weg ist offen,
   Immer nach dem Aufgang fort,

Bis zu einer goldnen Pforten
   Du gelangst, da gehst du ein,
Denn das Irdische wird dorten
   Himmlisch, unvergänglich sein.

Abend ward's und wurde Morgen,
   Nimmer, nimmer stand ich still;
Aber immer blieb's verborgen,
   Was ich suche, was ich will.

Berge lagen mir im Wege,
   Ströme hemmten meinen Fuß.
Über Schlünde baut' ich Stege,
   Brücken durch den wilden Fluss.

Und zu eines Stroms Gestaden
   Kam ich, der nach Morgen floss;
Froh vertrauend seinem Faden,
   Warf ich mich in seinen Schoß.

Hin zu einem großen Meere
   Trieb mich seiner Wellen Spiel;
Vor mir liegt's in weiter Leere,
   Näher bin ich nicht dem Ziel.

Ach, kein Steg will dahin führen,
   Ach, der Himmel über mir
Will die Erde nie berühren,
   Und das Dort ist niemals Hier!


Die Ideale

   So willst du treulos von mir scheiden
Mit deinen holden Phantasien,
Mit deinen Schmerzen, deinen Freuden
Mit allen unerbittlich fliehn?
Kann nichts dich, Fliehende, verweilen,
O meines Lebens goldne Zeit?
Vergebens! Deine Wellen eilen
Hinab ins Meer der Ewigkeit.

   Erloschen sind die heitern Sonnen,
Die meiner Jugend Pfad erhellt;
Die Ideale sind zerronnen,
Die einst das trunkne Herz geschwellt;1)
Er ist dahin, der süße Glaube
An Wesen, die mein Traum gebar,
Der rauen Wirklichkeit zum Raube,
Was einst so schön, so göttlich war.

   Wie einst mit flehendem Verlangen
Pygmalion den Stein umschloss,
Bis in des Marmors kalte Wangen
Empfindung glühend sich ergoss,
So schlang ich mich mit Liebesarmen
Um die Natur, mit Jugendluft,
Bis sie zu atmen, zu erwarmen
Begann an meiner Dichterbrust.

   Und, teilend meine Flammentriebe,
Die Stumme eine Sprache fand,
Mir wiedergab den Kuss der Liebe
Und meines Herzens Klang verstand;
Da lebte mir der Baum, die Rose,
Mir sang der Quellen Silberfall,
Es fühlte selbst das Seelenlose
Von meines Lebens Widerhall.

   Es dehnte mit allmächt'gem Streben
Die enge Brust ein kreisend All,
herauszutreten in das Leben,
In Tat und Wort, in Bild und Schall.
Wie groß war diese Welt gestaltet,
So lang die Knospe sie noch barg;
Wie wenig, ach! Hat sie entfaltet,
Dies Wenige, wie klein und karg!2)

   Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,
Beglückt in seines Traumes Wahn,
Von keiner Sorge noch gezügelt,
Der Jüngling in des Lebens Bahn.
Bis an des Äthers bleichste Sterne
Erhob ihn der Entwürfe Flug;
Nichts war so hoch und nichts so ferne,
Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.

   Wie leicht ward er dahin getragen,
Was war dem Glücklichen zu schwer!
Wie tanzte vor des Lebens Wagen
Die lustige Begleitung her!
Die Liebe mit dem süßen Lohne,
Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
Die Wahrheit in der Sonne Glanz!

   Doch, ach! Schon auf des Weges Mitte
Verloren die Begleiter sich,
Sie wandten treulos ihre Schritte,
Und einer nach dem andern wich.
Leichtfüßig war das Glück entflogen,
Des Wissens Durst blieb ungestillt,
Des Zweifels finstre Wetter zogen
sich um der Wahrheit Sonnenbild.

   Ich sah des Ruhmes heil'ge Kränze
Auf der gemeinen Stirn entweiht.
Ach, allzu schnell nach kurzem Lenze
Entfloh die schöne Liebeszeit!
Und immer stiller ward's und immer
Verlassner auf dem rauen Steg;
Kaum warf noch einen bleichen Schimmer
Die Hoffnung auf den finstern Weg.

   Von all dem rauschenden Geleite
Wer harrte liebend bei mir aus?
Wer steht mir tröstend noch zur Seite
Und folgt mir bis zum finstern Haus?
Du, die du alle Wunden heilest,
Der Freundschaft leise, zarte Hand,
Des Lebens Bürden liebend teilest,
Du, die ich frühe sucht' und fand,

   Und du, die gern sich mit ihr gattet,
Wie sie der Seele Sturm beschwört,
Beschäftigung, die nie ermattet,
Die langsam schafft, doch nie zerstört,
Die zu dem Bau der Ewigkeiten
Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
Doch von der großen Schuld der Zeiten
Minuten, Tage, Jahre streicht.


Des Mädchens Klage

   Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn,
Das Mägdlein sitzet an Ufers Grün,
Es bricht sich die Welle mit Macht, mit Macht,
Und sie seufzt hinaus in die finstre Nacht,
Das Auge vom Weinen getrübet:

   "Das Herz ist gestorben, die Welt ist leer,
Und weiter gibt sie dem Wunsche nichts mehr.
Du Heilige, rufe dein Kind zurück,
Ich habe genossen das irdische Glück,
Ich habe gelebt und geliebet!"

   Es rinnet der Tränen vergeblicher Lauf,
Die Klage, sie wecket die Toten nicht auf;
Doch nenne, was tröstet und heilet die Brust
Nach der süßen Liebe verschwundener Lust,
Ich , die Himmlische, will's nicht versagen.

   "Lass rinnen der Tränen vergeblichen Lauf,
Es wecke die Klage den Toten nicht auf!
Das süßeste Glück für die traurende Brust
Nach der schönen Liebe verschwundener Lust
Sind der Liebe Schmerzen und Klagen.


Der Jüngling am Bache

An der Quelle saß der Knabe,
   Blumen wand er sich zum Kranz.
Und er sah sie fortgerissen,
   Treiben in der Wellen Tanz.
Und so fliehen meine Tage,
   Wie die Quelle, rastlos hin!
Und so bleichet meine Jugend,
   Wie die Kränze schnell verblühn.

Fraget nicht, warum ich traure
   In des Lebens Blütenzeit!
Alles freuet sich und hoffet,
   Wenn der Frühling sich erneut.
Aber diese tausend Stimmen
   Der erwachenden Natur
Wecken in dem tiefen Busen
   Mir den schweren Kummer nur.

Was soll mir die Freude frommen,
   Die der schöne Lenz mir beut?
Eine nur ist's, die ich suche,
   Sie ist nah und ewig weit.
Sehnend breit' ich meine Arme
   Nach dem teuren Schattenbild,
Ach, ich kann es nicht erreichen,
   Und das Herz bleibt ungestillt!

Komm herab, du schöne Holde,
   Und verlass dein stolzes Schloss!
Blumen, die der Lenz geboren,
   Streu' ich dir in deinen Schoß.
Horch, der Hain erschallt von Liedern,
   Und die Quelle rieselt klar!
Raum ist in der kleinsten Hütte
   Für ein glücklich liebend Paar.


Die Gunst des Augenblicks

Und so finden wir uns wieder
   In dem heitern bunten Reihn,
Und es soll der Kranz der Lieder
   Frisch und grün geflochtne sein.

Aber wem der Götter bringen
   Wir des Liedes ersten Zoll?
Ihm vor allen lasst uns singen,
   Der die Freude schaffen soll.

Denn was frommt es, dass mit Leben
   Ceres den Altar geschmückt?
Dass den Purpursaft der Reben
   Bacchus in die Schale drückt?

Zuckt vom Himmel nicht der Funken,
   Der den Herd in Flammen setzt:
Ist der Geist nicht freudetrunken,
   Und das Herz bleibt umergötzt.

Aus den Wolken muss es fallen,
   Aus der Götter Schoß das Glück,
Und der mächtigste von allen
   Herrschern ist der Augenblick.

Von dem allerersten Werden
   Der unendlichen Natur,
Alles Göttliche auf Erden
   Ist ein Lichtgedanke nur.

Langsam in dem Lauf der Horen
   Fuget sich der Stein zum Stein:
Schnell, wie es der Geist geboren,
   Will das Werk empfunden sein.

Wie im hellen Sonnenblicke
   Sich ein Farbenteppich webt,
Wie auf ihrer bunten Brücke
   Iris durch den Himmel schwebt,

So ist jede schöne Gabe
   Flüchtig wie des Blitzes Schein;
Schnell in ihrem düstern Grabe
   Schließt die Nacht sie wieder ein.


Berglied

   Am Abgrund leitet der schwindlichte Steg,
Er führt zwischen Leben und Sterben!
Es sperren die Riesen den einsamen Weg
Und drohen dir ewig Verderben.
Und willst du die schlafende Löwin3) nicht wecken,
So wandle still durch die Straße der Schrecken.

   Es schwebt eine Brücke, hoch über den Rand
Der furchtbaren Tiefe gebogen,
Sie ward nicht erbauet von Menschenhand,
Es hätte sich's Keiner verwogen,
Der Strom braust unter ihr spat und früh,
Speit ewig hinauf, und zertrümmert sie nie.

   Es öffnet sich schwarz ein schauriges Tor,
Du glaubst dich im Reiche der Schatten,
Da tut sich ein lachend Gelände hervor,
Wo der Herbst und der Frühling sich gatten;
Aus des Lebens Mühen und ewiger Qual
Möcht' ich fliehen in dieses glückselige Tal!

   Vier Ströme brausen hinab in das Feld,
Ihr Quell, der ist ewig verborgen;
Sie fließen nach allen vier Straßen der Welt,
Nach Abend, Nord, Mittag und Morgen,
Und wie die Mutter sie rauschend geboren,
Fort fliehn sie und bleiben sich ewig verloren.

   Zwei Zinken ragen ins Blaue der Luft,
Hoch über der Menschen Geschlechter,
Drauf tanzen, umschleiert mit goldenem Duft,
Die Wolken, die himmlischen Töchter.
Sie halten dort oben den einsamen Reihn,
Da stellt sich kein Zeuge, kein irdischer, ein.

   Es sitzt die Königin hoch und klar
Auf unvergänglichem Throne,
Die Stirn umkränzt sie sich wunderbar
Mit diamantener Krone;
Darauf schießt die Sonne die Pfeile von Licht,
Sie vergolden sie nur und erwärmen sie nicht.


Der Alpenjäger

Willst du nicht das Lämmlein hüten?
   Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grafes Blüten,
   Spielend an des Baches Ranft.
"Mutter, Mutter, lass mich gehen,
Jagen nach des Berges Höhen!"

Willst du nicht die Herde locken
   Mit des Hornes munterm Klang?
Lieblich tönt der Schall der Glocken
   In des Waldes Lustgesang.
"Mutter, Mutter, lass mich gehen,
Schweifen auf den wilden Höhen!"

Willst du nicht der Blümlein warten,
   Die im Beete freundlich stehn?
Draußen ladet dich kein Garten;
   Wild ist's auf den wilden Höhn!
"Lass die Blümlein, lass sie blühen!
Mutter, Mutter, lass mich ziehen!"

Und der Knabe ging zu jagen,
   Und es treibt und reißt ihn fort,
Rastlos fort mit blindem Wagen
   An des Berges finstern Ort;
Vor ihm her mit Windesschnelle
Flieht die zitternde Gazelle.

Auf der Felsen nackte Rippen
   Klettert sie mit leichtem Schwung,
Durch den Riss gespaltner3) Klippen
   Trägt sie der gewagte Sprung;
Aber hinter ihr verwogen
Folgt er mit dem Todesbogen.

Jetzo auf den schroffen Zinken
   Hängt sie, auf dem höchsten Grat,
Wo die Felsen jäh versinken,
   Und verschwunden ist der Pfad.
Unter sich die steile Höhe,
Hinter sich des Feindes Nähe.

Mit des Jammers stummen Blicken
   Fleht sie zu dem harten Mann,
Fleht umsonst, denn loszudrücken,
   Legt er schon den Bogen an;
Plötzlich aus der Felsenspalte
Tritt der Geist, der Bergesalte.

Und mit seinen Götterhänden
   Schützt er das gequälte Tier.
"Musst du Tod und Jammer senden,"
   Ruft er, "bis herauf zu mir?
Raum für Alle hat die Erde;
Was verfolgst du meine Herde?"


Dithyrambe 4)

Nimmer, das glaubt mir, erscheinen die Götter
Nimmer allein.
Kaum dass ich Bacchus, den Lustigen, habe,
Kommt auch schon Armor, der lächelnde Knabe,
Phöbus, der Herrliche, findet sich ein.
   Sie nahen, sie kommen, die Himmlischen alle,
   Mit Göttern erfüllt sich die irdische Halle.

Sagt, wie bewirt' ich, der Erdgeborne,
Himmlischen Chor?
Schenket mir euer unsterbliches Leben,
Götter! Was kann euch der Sterbliche geben?
Hebet zu eurem Olymp mich empor!
   Die Freude, sie wohnt nur in Jupiters Saale,
   O füllet mit Nektar, o reicht mir die Schale!

Reich' ihm die Schale! Schenke dem Dichter,
Hebe, nur ein!
Netz' ihm die Augen mit himmlischem Taue,
Dass er den Styx, den verhassten, nicht schaue,
Einer der Unsern sich dünke zu sein.
   Sie rauschet, sie perlet, die himmlische Quelle,
   Der Busen wird ruhig, das Auge wird helle.


Die vier Weltalter

Wohl perlet im Glase der purpurne Wein,
   Wohl glänzen die Augen der Gäste;
Es zeigt sich der Sänger, er tritt herein,
   Zu dem Guten bringt er das Beste;
Denn ohne die Leyer im himmlischen Saal
Ist die Freude gemein auch beim Nektarmahl.

Ihm gaben die Götter das reine Gemüt,
   Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt;
Er hat alles gesehn, was auf Erden geschieht,
   Und was uns die Zukunft  versiegelt;
Er saß in der Götter urältestem Rat
Und behorchte der Dinge geheimste Saat.

Er breitet es lustig und glänzend aus,
   Das zusammengefaltete Leben,
Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,
   Ihm hat es die Muse gegeben;
Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,
Er führt einen Himmel voll Götter hinein.

Und wie der erfindende Sohn des Zeus
   Auf des Schildes einfachem Runde
Die Erde, das Meer und den Sternenkreis
   Gebildet mit göttlicher Kunde,
So drückt er ein Bild des unendlichen All
In des Augenblicks flüchtig verrauschenden Schall.

Er kommt aus dem kindlichen Alter der Welt,
   Wo die Völker sich jungendlich freuten;
Er hat sich, ein fröhlicher Wandrer, gesellt
   Zu allen Geschlechtern und Zeiten.
Vier Menschenalter hat er gesehn,
Und lässt sie am fünften vorüber gehn.

Erst regierte Saturnus schlicht und gerecht,
   Da war es heute wie morgen,
Da lebten die Hirten, ein harmlos Geschlecht,
   Und brauchten für gar nichts zu sorgen;
Sie leibten und taten weiter nichts mehr,
Die Erde gab alles freiwillig her.

Drauf kam die Arbeit, der Kampf begann
   Mit Ungeheuern und Drachen,
Und die Helden fingen, die Herrsche ran,
   Und den Mächtigen suchten die Schwachen.
Und der Streit zog in des Skamanders Feld;
Doch die Schönheit war immer der Gott der Welt.

Aus dem Kampf ging endlich der Sieg hervor,
   Und der Kraft erblühte die Milde,
Da sangen die Musen im himmlischen Chor,
   Da erhuben sich Göttergebilde -
Das Alter der göttlichen Phantasie,
Es ist verschwunden, es kehret nie.

Die Götter sanken vom Himmelsthron,
   Es stürzten die herrlichen Säulen,
Und geboren wurde der Jungfrau Sohn,
   Die gebrechen der Erde zu heilen;
Verbannt ward der Sinne flüchtige Lust,
Und der Mensch griff denkend in seine Brust.

Und der eitle, der üppige Reiz entwich,
   Der die frohe Jugendwelt zierte;
Der Mönch und die Nonne zergeißelten sich,
   Und der eiserne Ritter turnierte.
Doch war das Leben auch finster und wild,
So blieb doch die Liebe lieblich und mild.

Und einen heiligen, keuschen Altar
   Bewahrten sich stille die Musen;
Es lebte, was edel und sittlich war,
   In der Frauen züchtigem Busen;
Die Flamme des Liedes entbrannte neu
An der schönen Minne und Liebestreu.

Drum soll auch ein ewiges zartes Band
   Die Frauen, die Sänger umflechten;
Sie wirken und weben, Hand in Hand,
   Den Gürtel des Schönen und Rechten.
Gesang und Liebe in schönem Verein,
Sie erhalten dem Leben den Jugendschein.


Punschlied

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Presst der Zitrone
Saftigen Stern!
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft!

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall!
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein!
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh' es verdüftet,
Schöpfet es schnell!
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.


An die Freunde

Lieben Freunde, es gab schönre Zeiten,
Als die unsern, das ist nicht zu streiten!
Und ein edler Volk hat einst gelebt.
Könnte die Geschichte davon schweigen,
Tausend Steine würden redend zeugen,
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.
   Doch es ist dahin, es ist verschwunden
   Dieses hoch begünstigte Geschlecht.
   Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
   Und der Lebende hat Recht.

Freunde, es gibt glücklichere Zonen,
Als das Land, worin wir leidlich wohnen,
Wie der weit gereiste Wandrer spricht.
Aber hat Natur uns viel entzogen,
War die Kunst uns freundlich doch gewogen,
Unser Herz erwarmt an ihrem Licht.
   Will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen,
   Wird die Myrte unsers Winters Raub:
   Grünet doch, die Schläfe zu bekrönen,
   Uns der Rebe muntres Laub.

Wohl von größerm Leben mag es rauschen,
Wo vier Welten ihre Schätze tauschen,
An der Themse, auf dem Markt der Welt.
Tausend Schiffe landen an und gehen;
Da ist jedes Köstliche zu sehen,
Und es herrscht der Erde Gott, das Geld.
   Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche,
   Der von wilden Regengüssen schwillt,
   Auf des stillen Baches ebner Fläche
   Spiegelt sich das Sonnenbild.

Prächtiger, als wir in unserm Norden,
Wohnt der Bettler an der Engelspforten,
Denn er sieht das ewig einz'ge Rom!
Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel,
Und ein zweiter Himmel in dem Himmel
Steigt Sankt Peters wunderbarer Dom.
   Aber Rom in allem seinem Glanze
   Ist ein Grab nur der Vergangenheit;
   Leben duftet nur die frische Pflanze,
   Die die grüne Stunde streut.

Größres mag sich anderswo begeben,
Als bei uns in unserm kleinen Leben;
Neues - hat die Sonne nie gesehn.
Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorüber gehn.
   Alles wiederholt sich nur im Leben,
   Ewig jung ist nur die Phantasie.
   Was sich nie und nirgends hat begeben,
   Das allein veraltet nie!


Punschlied

Im Norden zu singen.

Auf der Berge freien Höhen,
   In der Mittagssonne Schein,
An des warmen Strahles Kräften
   Zeugt Natur den goldnen Wein.

Und noch Niemand hat's erkundet,
   Wie die große Mutter schafft;
Unergründlich ist das Wirken,
   Unerforschlich ist die Kraft.

Funkelnd wie ein Sohn der Sonne,
   Wie des Lichtes Feuerquell,
Springt er perlend aus der Tonne,
   Purpurn und kristallenhell.

Und erfreuet alle Sinnen,
   Und in jede bange Brust
Gießt er ein balsamisch Hoffen
   Und des Lebens neue Lust.

Aber matt auf unsre Zonen
   Fällt der Sonne schräges Licht,
Nur die Blätter kann sie färben,
   Aber Früchte reift sie nicht.

Doch der Norden auch will leben,
   Und was lebt, will sich erfreun;
Darum schaffen wir erfindend
   Ohne Weinstock uns den Wein.

Bleich nur ist's, was wir bereiten
   Auf dem häuslichen Altar;
Was Natur lebendig bildet,
   Glänzend ist's und ewig klar.

Aber freudig aus der Schale
   Schöpfen wir die trübe Flut;
Auch die Kunst ist Himmelsgabe,
   Borgt sie gleich von ird'scher Glut.

Ihrem Winken freigegeben
   Ist der Kräfte großes Reich;
Neues bildend aus dem Alten,
   Stellt sie sich dem Schöpfer gleich.

Selbst das Band der Elemente
   Trennt ihr herrschendes Gebot,
Und sie ahmt mit ird'schen Flammen5)
   Nach dem hohen Sonnengott.

Fernhin zu den sel'gen Inseln
   Richtet sie der Schiffe Lauf,
Und des Südens goldne Früchte
   Schüttet sie im Norden auf.

Drum ein Sinnbild und ein Zeichen
   Sei uns dieser Feuersaft,
Was der Mensch sich kann erlangen
   Mit dem Willen und der Kraft.


Nadowessiers Totenlied 6)

Seht, da sitzt er auf der Matte,
   Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand, den er hatte,
   Als er's Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
   Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
   Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, falkenhelle,
   Die des Renntiers Spur
Zählten auf des Grafes Welle,
   Auf dem Tau der Flur?

Diese Schenkel, die behender
   Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender,
   Als des Berges Reh?

Diese Arme, die den Bogen
   Spannten streng und straff?
Seht, das Leben ist entflogen!
   Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm, er ist hingegangen,
   Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mais die Felder prangen,
   Der von selber sprießt;

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
   Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
   Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speist er droben,
   Ließ uns hier allein,
Dass wir seine Taten loben
   Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
   Stimmt die Totenklag'!
Alles sei mit ihm begraben,
   Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile,
   Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
   Denn der Weg ist lang;

Auch das Messer scharf geschliffen,
   Das vom Feindeskopf
Rasch mit drei geschickten Griffen
   Schälte Haut und Schopf;

Farben auch, den Leib zu malen,
   Steckt ihm in die Hand,
Dass er rötlich möge strahlen
   In der Seelen Land.


Das Siegesfest

Priams Veste war gesunken,
Troja lag in Schutt und Staub,
Und die Griechen, siegestrunken,
Reich beladen mit dem Raub,
Saßen auf den hohen Schiffen,
Längs der Hellespontos Strand,
Auf der hohen Fahrt begriffen
Nach dem schönen Griechenland.
   Stimmet an die frohen Lieder!
   Denn dem väterlichen Herd
   Sind die Schiffe zugekehrt,
   Und zur Heimat geht es wieder.

Und in langen Reihen, klagend,
Saß der Trojerinnen Schar,
Schmerzvoll an die Brüste schlagend,
Bleich, mit aufgelöstem Haar.
IN das wilde Fest der Freuden
Mischten sie den Wehgesang,
Weinend um das eigne Leiden
In des Reiches Untergang.
   Lebe wohl, geliebter Boden!
   Von der süßen Heimat fern
   Folgen wir dem fremden Herrn.
   Ach, wie glücklich sind die Toten!

Und den hohen Göttern zündet
Kalchas jetzt das Opfer an;
Pallas, die die Städte gründet
Und zertrümmert, ruft er an;
Und Neptun, der um die Länder
Seinen Wogengürtel schlingt,
Und den Zeus, den Schreckensender,
Der die Ägis grausend schwingt.
   Ausgestritten, ausgerungen
   Ist der lange schwere Streit,
   Ausgefüllt der Kreis der Zeit,
   Und die große Stadt bezwungen.

Atreus' Sohn, der Fürst der Scharen,
Übersah der Völker Zahl,
Die mit ihm gezogne waren,
Einst in des Skamanders Tal.
Und des Kummers finstre Wolke
Zog sich um des Königs Blick,
Von dem her geführten Volke
Bracht' er wen'ge nur zurück.
   Drum erhebe frohe Lieder,
   Wer die Heimat wieder sieht,
   Wem noch frisch das Leben blüht!
   Denn nicht alle kehren wieder.

Alle nicht, die wieder kehren,
Mögen sich des Heimzugs freun,
An den häuslichen Altären
Kann der Mord bereitet sein.
Mancher fiel durch Freundestücke,
Den die blut'ge Schlacht verfehlt!
Sprach's Ulyss mit Warnungsblicke,
Von Athenens Geist beseelt.
   Glücklich, wem der Gattin Treue
   Rein und keusch das Haus bewahrt!
   Denn das Weib ist falscher Art,
   Und die Arge leibt das Neue.

Und des frisch erkämpften Weibes
Freut sich der Atrid, und strickt
Um den Reiz des schönen Leibes
Seien Arme hoch beglückt.
Böses Werk muss untergehen,
Rache folgt der Freveltat;
Denn gerecht in Himmelshöhen
Waltet des Kroniden Rat.
   Böses muss mit Bösem enden;
   An dem frevelnden Geschlecht
   Rächet Zeus das Gastesrecht,
   Wägend mit gerechten Händen.

Wohl dem Glücklichen mag's ziemen,
Ruft Oileus tapfrer Sohn,
Die Regierenden zu rühmen
Auf dem hohen Himmelsthron!
Ohne Wahl verteilt die Gaben,
Ohne Billigkeit das Glück;
Denn Patroklus liegt begraben,
Und Thersites kommt zurück!
   Weil das Glück aus seiner Tonnen
   Die Geschicke blind verstreut,
   Freue sich und jauchze heut,
   Wer das Lebenslos gewonnen!

Ja der Krieg verschlingt die Besten!
Ewig werde dein gedacht,
Bruder, bei der Griechen Festen,
Der ein Turm war in der Schlacht,
Da der Griechen Schiffe brannten,
War in deinem Arm das Heil;
Doch dem Schlauen, Vielgewandten
War der schöne Preis zu Teil.
   Friede deinen heil'gen Resten!
   Nicht der Feind hat dich entrafft;
   Ajax fiel durch Ajax Kraft.
   Ach, der Zorn verderbt die Besten!

Dem Erzeuger jetzt, dem großen,
Gießt Neoptolem des Weins:
Unter allen ird'schen Losen,
Hoher Vater, preis' ich deins.
Von des Lebens Gütern allen
ist der Ruhm das höchste doch;
Wenn der Leib in Staub zerfallen,
Lebt der große Name noch.
   Tapfrer, deines Ruhmes Schimmer
   Wird unsterblich sein im Lied;
   Denn das ird'sche Leben flieht,
   Und die Toten dauern immer.

Wenn des Liedes Stimmen schweigen,
Von dem überwundnen Mann,
So will ich für Hektorn zeugen,
Hub der Sohn des Tydeus an, -
Der für seine Hausaltäre
Kämpfend ein Beschützer fiel -
Krönt den Sieger größre Ehre,
Ehret ihn das schönre Ziel!
   Der für seine Hausaltäre
   Kämpfend sank, ein Schirm und Hort,
   Auch in Feindes Munde fort
   Lebt ihm seines Namens Ehre.

Nestor jetzt, der alte Zecher,
Der drei Menschenalter sah,
Reicht den Laub umkränzten Becher
Der betränten Hekuba:
Trink' ihn aus, den Trank der Labe,
Und vergiss den großen Schmerz!
Wundervoll ist Bacchus Gabe,
Balsam für's zerrissne Herz.
   Trink' ihn aus, den Trank der Labe,
   Und vergiss den großen Schmerz!
   Balsam fürs zerrissne Herz,
   Wundervoll ist Bacchus Gabe.

Denn auch Niobe, dem schweren
Zorn der Himmlischen ein Ziel,
Kostete die Frucht der Ähren,
Und bezwang das Schmerzgefühl.
Denn solang die Lebensquelle
Schäumet an der Lippen Rand,
Ist der Schmerz in Lethe's Welle
Tief versenkt und fest gebannt!
   Denn solang die Lebensquelle
   An der Lippe Rande schäumt,
   Ist der Jammer weggeträumt,
   Fortgespült in Lethe's Welle.

Und von ihrem Gott ergriffen,
Hub sich jetzt die Seherin,
Blickte von den hohen Schiffen
Nach dem Rauch der Heimat hin.
Rauch ist alles ird'sche Wesen;
Wie des Dampfes Säule weht,
Schwinden alle Erdengrößen,
Nur die Götter bleiben stät.
   Um das Ross des Reiters schweben,
   Um das Schiff die Sorgen her;
   Morgen können wir's nicht mehr,
   Darum lasst uns heute leben!


Klage der Ceres

   Ist der holde Lenz erschienen?
Hat die Erde sich verjüngt?
Die besonnten Hügel grünen
Und des Eises Rinde springt.
Aus der Ströme blauem Spiegel
Lacht der unbewölkte Zeus,
Milder wehen Zephyrs Flügel,
Augen treibt das junge Reis.
In dem Hain erwachen Lieder,
Und die Oreade spricht:
Deine Blumen kehren wieder,
Deine Tochter kehret nicht.

   Ach, wie lang ist's, dass ich walle
Suchend durch der Erde Flur!
Titan, deine Strahlen alle
Sandt' ich nach der teuren Spur;
Keiner hat mir noch verkündet
Von dem lieben Angeischt,
Und der Tag, der alles findet,
Die verlorne fand er nicht.
Hast du, Zeus, sie mir entrissen?
Hat, von ihrem Reiz gerührt,
Zu des Orkus schwarzen Flüssen.
Pluto sie hinabgeführt?

   Wer wird nach dem düstern Strande
Meines Grames Bote sein?
Ewig stößt der Kahn vom Lande,
Doch nur Schatten nimmt er ein.
Jedem sel'gen Aug' verschlossen
Bleibt das nächtliche Gefild,
Und so lang der Styx geflossen,
Trug er kein lebendig Bild.
Nieder führen tausend Steige,
Keiner führt zum Tag zurück;
Ihre Tränen bringt kein Zeuge
Vor der bangen Mutter Blick.

   Mütter, die aus Pyrrha's Stamme
Sterbliche geboren sind,
Dürfen durch des Grabes Flamme
Folgen dem geliebten Kind;
Nur was Jovis Haus bewohnet,
Nahet nicht dem dunkeln Strand,
Nur die Seligen verschonet,
Parzen, eure strenge Hand.
Stürzt mich in die Nacht der Nächte
Aus des Himmels goldnem Saal!
Ehret nicht der Göttin Rechte;
Ach, sie sind der Mutter Qual!

   Wo sie mit dem finstern Gatten
Freudlos thronet, stieg' ich hin,
Träte mit den leisen Schatten
Liese vor die Herrscherin.
Ach, ihr Auge feucht von Zähren,
Sucht umsonst das goldne Licht,
Irret nach entfernten Sphären,
Auf die Mutter fällt es nicht,
Bis die Freude sie entdecket,
Bis sich Brust mit Brust vereint,
Und, zum Mitgefühl erwecket,
Selbst der raue Orkus weint.

   Eitler Wunsch! Verlorne Klagen!
Ruhig in dem gleichen Gleis
Rollt des Tages sichrer Wagen,
Ewig steht der Schluss des Zeus.
Weg von jenen Finsternissen
Wandt' er sein beglücktes Haupt,
Einmal in die Nacht gerissen,
Bleibt sie ewig mir geraubt,
Bis des dunkeln Stromes Welle
Von Aurorens Farben glüht,
Iris mitten durch die Hölle
Ihren schönen Bogen zieht.

   Ist mir nichts von ihr geblieben,
Nicht ein süß erinnernd Pfand,
Dass die Fernen sich noch lieben,
Keine Spur der teuren Hand?
Knüpfet sich kein Liebesknoten
Zwischen Kind und Mutter an?
Zwischen Lebenden und Toten
Ist kein Bündnis aufgetan?
Nein, nicht ganz ist sie entflohen!
Nein, wir sind nicht ganz getrennt!
Haben uns die ewig Hohen
Eine Sprache doch vergönnt!

   Wenn des Frühlings Kinder sterben,
Wenn von Nordes kaltem Hauch
Blatt und Blume sich entfärben,
Traurig steht der nackte Strauch,
Nehm' ich mir das höchste Leben
Aus Vertumnus reichem Horn,
Opfernd es dem Styx zu geben,
Mir des Samens goldnes Korn.
Traurend senk' ich's in die Erde,
Leg' es an des Kidnes Herz,
Dass es eine Sprache werde
Meiner Liebe, meinem Schmerz.

   Führt der gleiche Tanz der Horen,
Freudig nun den Lenz zurück,
Wird das Tote neu geboren
Von der Sonne Lebensblick.
Keime, die dem Augen starben
In der Erde kaltem Schoß,
In das heitre Reich der Farben
Ringen sie sich freudig los.
Wenn der Stamm zum Himmel eilet,
Sucht die Wurzel scheu die Nacht;
Gleich in ihre Pflege teilet
Sich der Styx, des Äthers Macht.

   Halb berühren sie der Toten,
Halb der Lebenden Gebiet;
Ach, sie sind mir teure Boten,
Süße Stimmen vom Cocyt!
Hält er gleich sie selbst verschlossen
In dem schauervollen Schlund!
Aus des Frühlings jungen Sprossen
Redet mir der holde Mund,
Dass auch fern vom goldnen Tage,
Wo die Schatten traurig ziehn,
Liebend noch der Busen schlage,
Zärtlich noch die Herzen glühn.

   O so lasst euch froh begrüßen,
Kinder der verjüngten au!
Euer Kelch soll überfließen
Von des Nektars reinstem Tau.
Tauchen will ich euch in Strahlen,
Mit der Iris schönstem Licht
Will ich eure Blätter malen,
Gliech Aurorens Angesicht.
In des Lenzes heiterm Glanze
Lese jede zarte Brust,
In des Herbstes welkem Kranze
Meinen Schmerz und meine Lust.


Das Eleusische Fest 7)

   Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
Flechtet auch blaue Cyanen hinein!
Freude soll jedes Auge verklären,
Denn die Königin ziehet ein,
Die Bezähmerin wilder Sitten,
Die den Menschen zum Menschen gesellt,
Und in friedliche, feste Hütten
Wandelte das bewegliche Zelt.

   Scheu in des Gebirges Klüften
Barg der Troglodyte sich;
Der Nomade ließ die Triften
Wüste liegen, wo er strich;
Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen
Schritt der Jäger durch das Land;
Weh dem Fremdling, den die Wogen
Warfen an den Unglücksstrand!

   Und auf ihrem Pfad begrüßte,
Irrend nach der Kindes Spur,
Ceres die verlassne Küste.
Ach, da grünte keine Flur!
Dass sie hier vertraulich weile,
Ist kein Obdach ihr gewährt;
Keines Tempels heitre Säule
Zeuget, dass man Götter ehrt.

   Keine Frucht der süßen Ähren
Lädt zum reinen Mahl sie ein;
Nur auf grässlichen Altären
Dorret menschliches Gebein.
Ja, so weit sie wandernd kreiste,
Fand sie Elend überall,
Und in ihrem großen Geiste
Jammert sie des Menschen Fall.

   Find' ich so den Menschen wieder,
Dem wir unser Bild geliehn,
Dessen schön gestalte Glieder
Droben im Olympus blühn?
Gaben wir ihm zu Besitze
Nicht der Erde Götterschoß,
Und auf seinem Königssitze
Schweift er elend, heimatlos?

   Fühlt kein Gott mit ihm Erbarmen?
Keiner aus der Sel'gen Chor
Hebet ihn mit Wunderarmen
Aus der tiefen Schmach empor?
In des Himmels sel'gen Höhen
Rühret sie nicht fremder Schmerz;
Doch der Menschheit Angst und Wehen
Fühlet mein gequältes Herz.

   Dass der Mensch zum Menschen werde,
Stift' er einen ew'gen Bund
Gläubig mit der frommen Erde,
Seinem mütterlichen Grund,
Ehre das Gesetz der Zeiten
Und der Monde heil'gen Gang,
Welche still gemessen schreiten
Im melodischen Gesang.

   Und den Nebel teilt sie leise,
Der den Blicken sie verhüllt;
Plötzlich in der Wilden Kreise
Steht sie da, ein Götterbild.
Schwelgend bei dem Siegesmahle
Findet sie die rohe Schar,
Und die Blut gefüllte Schale
Bringt man ihr zum Opfer dar.

   Aber schaudernd, mit Entsetzen
Wendet sie sich weg uns spricht:
Blut'ge Tigermahle netzen
Eines Gottes Lippen nicht.
Reine Opfer will er haben,
Früchte, die der Herbst beschert,
Mit des Feldes frommen Gaben
Wird der Heilige verehrt.

   Und sie nimmt die Wucht des Speeres
Aus des Jägers rauer Hand;
Mit dem Schaft des Mordgewehres
Furchet sie den leichten Sand,
Nimmt von ihres Kranzes Spitze
Einen Kern mit Kraft gefüllt,
Senkt ihn in die zarte Ritze,
Und der Trieb des Keimes schwillt.

   Und mit grünen Halmen schmücket
Sich der Boden also bald,
Und soweit das Auge blicket,
Wogt es wie ein goldner Wald.
Lächelnd segnet sie die Erde,
Flicht der ersten Garbe Bund,
Wählt den Feldstein sich zum Herde,
Und es spricht der Göttin Mund:

   Vater Zeus, der über alle
Götter herrscht in Äthers Höhn,
Dass dies Opfer dir gefalle,
Lass ein Zeichen jetzt geschehn!
Und dem unglücksel'gen Volke,
Das dich, Hoher, noch nicht nennt,
Nimm hinweg des Auges Wolke,
Dass es seinen Gott erkennt!

   Und es hört der Schwester Flehen
Zeus auf seinem hohen Sitz;
Donnernd aus den blauen Höhen
Wirft er den gezackten Blitz.
Prasselnd fängt es an zu lohen,
Hebt sich wirbelnd vom Altar,
und darüber schwebt in hohen
Kreisen sein geschwinder Aar.

   Und gerührt zu der Herrscherin Füßen
Stürzt sich der Menge freudig Gewühl,
Und die rohen Seelen zerfließen
In der Menschlichkeit erstem Gefühl,
Werfen von sich die blutige Wehre,
Öffnen den düster gebundenen Sinn,
Und empfangen die göttliche Lehre
Aus dem Munde der Königin.

   Und von ihren Thronen steigen
Alle Himmlischen herab,
Themis selber führt den Reigen,
Und mit dem gerechten Stab
Misst sie Jedem seine Rechte,
Setzet selbst der Grenze Stein,
Und des Styx verborgne Mächte
Ladet sie zu Zeugen ein.

   Und es kommt der Gott der Esse,
Zeus erfindungsreicher Sohn,
Bildner künstlicher Gefäße,
Hoch gelehrt in Erz und Ton.
Und er lehrt die Kunst der Zange
Und der Blasebälge Zug;
Unter seines Hammers Zwange
Bildet sich zuerst der Pflug.

   Und Minerva, hoch vor allen
Ragend mit gewicht'gem Speer,
Lässt die Stimme mächtig schallen
Und gebeut dem Götterheer.
Feste Mauren will sie gründen,
Jedem Schutz und Schirm zu sein,
Die zerstreute Welt zu binden
In vertraulichem Verein.

   Und sie lenkt die Herrscherschritte
Durch des Feldes weiten Plan,
Und an ihres Fußes Tritte
Heftet sich der Grenzgott an.
Messend führet sie die Kette
Um des Hügels grünen Saum;
Auch des wilden Stromes Bette
Schließt sie in den heil'gen Raum.

   Alle Nymphen, Oreaden,
Die der schnellen Artemis
Folgen auf des Berges Pfaden,
Schwingend ihren Jägerspieß,
Alle kommen, alle legen
Hände an, der Jubel schallt,
Und von ihrer Äxte Schlägen
Krachend stürzt der Fichtenwald.

   Auch aus seiner grünen Welle
Steigt der Schilf bekränzte Gott,
Wälzt den schweren Floß zur Stelle
Auf der Göttin Machtgebot;
Und die leicht geschürzten Stunden
Fliegen ans Geschäft gewandt,
Und die rauen Stämme runden
Zierlich sich in ihrer Hand.

   Auch den Meergott sieht man eilen;
Rasch mit des Tridentes Stoß
Bricht er die granitnen Säulen
Aus dem Erdgerippe los,
Schwingt sie in gewalt'gen Händen
Hoch, wie einen leichten Ball,
Und mit Hermes, dem Behenden,
Türmet er der Mauren Wall.

   Aber aus den goldnen Saiten
Lockt Apoll die Harmonie
Und das holde Maß der Zeiten
Und die Macht der Melodie.
Mit neunstimmigem Gesange
Fallen die Kamenen ein;
Leise nach des Liedes Klange
Füget sich der Stein zum Stein.

   Und der Tore weite Flügel
Setzet mit erfahrner Hand
Cybele und fügt die Riegel
Und der Schlösser festes Band.
Schnell durch rasche Götterhände
Ist der Wunderbau vollbracht,
Und der Tempel heitre Wände
Glänzen schon in Festespracht.

   Und mit einem Kranz von Myrten
Naht die Götterkönigin,
Und sie führt den schönsten Hirten
Zu der schönsten Hirtin hin.
Venus mit dem holden Knaben
Schmücket selbst das erste Paar,
Alle Götter bringen Gaben
Segnend den Vermählten dar.

   Und die neuen Bürger ziehen,
Von der Götter sel'gem Chor
Eingeführt mit Harmonien
In das gastlich offne Tor.
Und das Priesteramt verwaltet
Ceres am Altar des Zeus,
Segnend ihre Hand gefaltet,
Spricht sie zu des Volkes Kreis:

   Freiheit liebt das Tier der Wüste,
Frei im Äther herrscht der Gott,
Ihrer Brust gewalt'ge Lüste
Zähmet das Naturgebot;
Doch der Mensch in ihrer Mitte
Soll sich an den Menschen reihn,
Und allein durch seine Sitte
Kann er frei und mächtig sein.

   Windet zum Kranze die goldenen Ähren
Flechtet auch blaue Cyanen hinein!
Freude soll jedes Auge verklären,
Denn die Königin ziehet ein,
Die uns die süße Heimat gegeben,
Die den Menschen zum Menschen gesellt.
Unser Gesang soll sie festlich erheben,
Die beglückende Mutter der Welt!


Der Ring des Polykrates

   Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen,
Auf das beherrschte Samos hin.
"Dies alles ist mir untertänig,"
Begann er zu Ägyptens König,
"Gestehe, dass ich glücklich bin." -

   "Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deines Gleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
Doch Einer lebt noch, sie zu rächen:
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
So lang des Feindes Auge wacht." -

   Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesendet,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
"Lass, Herr, des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar!"

   "Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Mähre
Dein treuer Feldherr Polydor -"
Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
Noch blutig, zu der Beiden Schrecken
Ein wohl bekanntes Haupt hervor.

   Der König tritt zurück mit Grauen:
"Doch warn' ich dich, dem Glück zu trauen,"
Versetzt er mit besorgtem Blick.
"Bedenk', auf ungetreuen Wellen,
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen,
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück."

   Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Rhede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen,
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.

   Der königliche Gast erstaunet:
"Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter Waffen kund'ge Scharen
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
Schon nahe sind sie diesem Strand."

   Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht man's von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: "Sieg!
Von Feindesnot sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg!"

   Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:
"Fürwahr, ich muss dich glücklich schätzen!
Doch," spricht er, "zittr' ich für dein Heil:
Mir grauet vor der Götter Neide;
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zu Teil."

   "Auch mir ist alles wohl geraten,
Bei allen meinen Herrschertaten
Begleitet mich des Himmels Huld;
Doch hatt' ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt' ich meine Schuld."

   "Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Dass sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch Keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun."

   "Und wenn's die Götter nicht gewähren,
So acht' auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her;
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
Das nimm und wirf's in dieses Meer!"

   Und jener spricht, von Furcht beweget:
"Von allem, was die Insel heget,
ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnern weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen."
Und wirft das Kleinod in die Flut.

   Und bei des nächsten Morgens Lichte
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
'Herr, diesen Fisch hab' ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring' ich ihn."

   Und als der Koch den Fisch zerteilet,
Kommt er bestürzt herbei geeilet
Und ruft mit hoch erstauntem Blick:
"Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O ohne Grenzen ist dein Glück!"

   Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
"So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil' ich, nicht mit dir zu sterben."
Und sprach's, und schiffte schnell sich ein.


Die Kraniche des Ibykus

   Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll;
So wandert' er am leichten Stabe
Aus Rhegium, des Gottes voll.

   Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her; nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme
In graulichtem Geschwader ziehn.

   "Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen,
Die mir zur See Begleiter waren!
Zum guten Zeichen nehm' ich euch,
Mein Los, es ist dem euren gleich.
Von fern her kommen wir gezogen
Und flehen um ein wirtlich Dach -
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!"

   Und munter fördert er die Schritte,
Und sieht sich in des Waldes Mitte;
Da sperren auf gedrangem Steg
Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muss er sich bereiten,
Doch bald ermattet sinkt die Hand,
Sie hat der Leier zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

   Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter;
Wie weit er auch die Stimme schickt,
Nichts Lebendes wird hier erblickt.
"So muss ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch kein Rächer mir erscheint!"

   Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche Gefieder;
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
"Von euch, ihr Kraniche dort oben,
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag' erhoben!"
Er ruft es, und sein Auge bricht.

   Der nackte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
Erkennt der Gastfreund in Korinth
Die Züge, die ihm teuer sind.
"Und muss ich so dich wieder finden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz
Des Sängers Schläfe zu umwinden,
Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!"

   Und jammernd hören's alle Gäste,
Versammelt bei Poseidons Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
Verloren hat ihn jedes Herz.
Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fodert seine Wut,
Zu rächen des Erschlagnen Mannen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.

   Doch wo die Spur, die aus der Menge,
Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Täter kenntlich macht?
Sind's Räuber, die ihn feig erschlagen?
Tat's neidisch ein verborgner Feind?
Nur Helios vermag's zu sagen,
Der alles Irdische bescheint.

   Er geht vielleicht mit frechem Schritte
Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
Und während ihn die Rache sucht,
Genießt er seines Frevels Frucht.
Auf ihres eignen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,
Die dort sich zum Theater drängt.

   Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbei geströmt von fern und nah,
Der Griechen Völker wartend da,
Dumpf brausend wie des Meeres Wogen;
Von Menschen wimmelnd wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.

   Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammen kamen?
Von Cekrops8) Stadt, von Aulis Strand,
Von Phocis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegner Küste,
Von allen Inseln kamen sie,
Und horchen von dem Schaugerüste
Des Chores grauser Melodie,

   Der, streng und ernst, nach alter Sitte
Mit langsam abgemessnem Schritte
Hervor tritt aus dem Hintergrund,
Umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine ird'schen Weiber!
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Hoch über Menschliches hinaus.

   Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
Sie schwingen in entfleischten Händen
Der Fackel düsterrote Glut,
In ihren Wangen fließt kein Blut.
Und wo die Haare lieblich flattern,
Um Menschenstirnen freundlich wehn,
Da sieht man Schlangen hier und Nattern
Die Gift geschwollnen Bäuche blähn.

   Und schauerlich gedreht im Kreise,
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreißend dringt,
Die Bande um den Frevler9) schlingt.
Besinnung raubend, Herz betörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang:

"Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe, wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere Tat vollbracht!
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht."

   "Und glaubt er fliehend zu entspringen,
Geflügelt sind wir da, die Schlingen
Ihm werfend um den flücht'gen Fuß,
Dass er zu Boden fallen muss.
So jagen wir ihn, ohn' Ermatten,
Versöhnen kann uns keine Reu',
Ihn fort und fort bis zu den Schatten,
Und geben ihn auch dort nicht frei."

   So singend, tanzen sie den Reigen,
Und Stille, wie des Todes Schweigen,
Liegt überm ganzen Hause schwer,
Als ob die Gottheit nahe wär'.
Und feierlich, nach alter Sitte,
Umwandelnd des Theaters Rund,
Mit langsam abgemessnem Schritte
Verschwinden sie im Hintergrund.

   Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
Noch zweifelnd jede Brust und bebet,
Und huldiget der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet
Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

   Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
"Sieh da, sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibykus!" -
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
Ein Kranichheer vorüberziehn.

   "Des Ibykus!" - Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und wie im Meere Well' auf Well',
So läuft's von Mund zu Munde schnell:
"Des Ibykus? Den wir beweinen?
Den eine Mörderhand erschlug?
Was ist's mit dem? Was kann er meinen?
Was ist's mit diesem Kranichzug?" -

   Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegt's mit Blitzeschlage
Durch alle Herzen: "Gebet Acht,
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar!
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an den's gerichtet war!"

   Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht' er's im Busen gern bewahren;
Umsonst! Der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewussten kund.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.


Hero und Leander

   Seht ihr dort die altergrauen
Schlösser sich entgegenschauen,
Leuchtend in der Sonne Gold,
Wo der Hellespont die Wellen
Brausend durch der Dardanellen
Hohe Felsenpforte rollt?
Hört ihr jene Brandung stürmen,
Die sich an den Felsen bricht?
Asien riss sie von Europen;
Doch die Liebe schreckt sie nicht.

   Hero's und Leanders Herzen
Rührte mit dem Pfeil der Schmerzen
Amors heil'ge Göttermacht.
Hero, schön wie Hebe blühend,
Er durch die Gebirge ziehend
Rüstig im Geräusch der Jagd.
Doch der Väter feindlich Zürnen
Trennte das verbundne Paar,
Und die süße Frucht der Liebe
Hing am Abgrund der Gefahr.

   Dort auf Sestos Felsenturme,
Den mit ew'gem Wogensturme
Schäumend schlägt der Hellespont,
Saß die Jungfrau, einsam grauend,
Nach Abydos Küste schauend,
Wo der Heißgeliebte wohnt.
Ach, zu dem entfernten Strande
Baut sich keiner Brücke Steg,
Und kein Fahrzeug stößt vom Ufer;
Doch die Liebe fand den Weg.

   Aus des Labyrinthes Pfaden
Leitet sie mit sicherm Faden;
Auch den Blöden macht sie klug,
Beugt ins Joch die wilden Tiere,
Spannt die Feuer sprühnden Stiere
An den diamantnen Pflug.
Selbst der Styx, der neunfach fließet,
Schließt die Wagende nicht aus;
Mächtig raubt sie das Geleibte
Aus des Pluto finsterm Haus.

   Auch durch des Gewässers Fluten
Mit der Sehnsucht feur'gen Gluten
Stachelt sie Leanders Mut.
Wenn des Tages heller Schimmer
Bleichet, stürzt der kühne Schwimmer
In des Pontus finstre Flut,
Teilt mit starkem Arm die Woge,
Strebend nach dem teuren Strand,
Wo auf hohem Söller leuchtend
Winkt der Fackel heller Brand.

   Und in weichen Liebesarmen
Darf der Glückliche erwarmen
Von der schwer bestandnen Fahrt,
Und den Götterlohn empfangen,
Den in seligem Umfangen
Ihm die Liebe aufgespart,
Bis den Säumenden Aurora
Aus der Wonne Träumen weckt,
Und ins kalte Bett des Meeres
Aus dem Schoß der Liebe schreckt.

   Und so flohen dreißig Sonnen,
Schnell, im Raub verstohlner Wonnen,
Dem beglückten Paar dahin,
Wie der Brautnacht süße Freuden,
Die die Götter selbst beneiden,
Ewig jung und ewig grün.
Der hat nie das Glück gekostet,
Der die Frucht des Himmels nicht
Raubend an des Höllenflusses
Schauervollem Rande bricht.

   Hesper und Aurora zogen
Wechselnd auf am Himmelsbogen;
Doch die Glücklichen, sie sahn
Nicht den Schmuck der Blätter fallen,
Nicht aus Nords beeisten Hallen
Den ergrimmten Winter nahn
Freudig sahen sie des Tages
Immer kürzern, kürzern Kreis;
Für das längre Glück der Nächte
Dankten sie betört dem Zeus.

   Und es gleichte schon die Waage
An dem Himmel Nächt' und Tage,
Und die holde Jungfrau stand
Harrend auf dem Felsenschlosse,
Sah hinab die Sonnenrosse
Fliehen an des Himmels Rand.
Und das Meer lag still und eben,
Einem reinen Spiegel gleich,
Keines Windes leises Weben
Regte das kristallne Reich.

   Lustige Delphinenscharen
Scherzten in dem silberklaren
Reinen Element umher,
Und in schwärzlicht grauen Zügen,
Aus dem Meergrund aufgestiegen,
Kam der Tethys buntes Heer.
Sie, die Einzigen, bezeugten
Den verstohlnen Liebesbund;
Aber ihnen schloss auf ewig
Hekate den stummen Mund.

   Und sie freute sich des schönen
Meeres, und mit Schmeicheltönen
Sprach sie zu dem Element:
"Schöner Gott, du solltest trügen?
Nein, den Frevler straf' ich Lügen,
Der dich falsch und treulos nennt.
Falsch ist das Geschlecht der Menschen,
Grausam ist des Vaters Herz;
Aber du bist mild und gütig,
Und dich rührt der Liebe Schmerz."

   "In den öden Felsenmauern
Müsst' ich freudlos einsam trauern
Und verblühn in ew'gem Harm:
Doch du trägst auf deinem Rücken,
Ohne Nachen, ohne Brücken,
Mir den Freund in meinen Arm.
Grauenvoll ist deine Tiefe,
Furchtbar deiner Wogen Flut;
Aber dich erfleht die Liebe,
Dich bezwingt der Heldenmut."

   "Denn auch dich, den Gott der Wogen,
Rührte Eros mächt'ger Bogen,
Als des goldnen Widders Flug
Helle, mit dem Bruder fliehend,
Schön in Jugendfülle blühend,
Über deine Tiefe trug.
Schnell, von ihrem Reiz besieget,
Grifft du aus dem finstern Schlund
Zogst sie von des Widders Rücken
Nieder in den Meeresgrund."

   "Eine Göttin mit dem Gotte,
IN der tiefen Wassergrotte,
Lebt sie jetzt unsterblich fort;
Hilfreich der verfolgten Liebe,
Zähmt sie deine wilden Triebe,
Führt den Schiffer in den Port.
Schöne Helle, holde Göttin,
Selige, dich fleh' ich an:
Bring' auch heute den Geliebten
Mir auf der gewohnten Bahn!"

   Und schon dunkelten die Fluten,
Und sie ließ der Fackel Gluten
Von dem hohen Söller wehn.
Leitend in den öden Reichen
Sollte das vertraute Zeichen
Der geliebte Wandrer sehn.
Und es saust und dröhnt von ferne,
Finster kräuselt sich das Meer,
Und es löscht das Licht der Sterne,
Und es naht gewitterschwer.

   Auf des Pontus weite Fläche
Legt sich Nacht, und Wetterbäche
Stürzen aus der Wolken Schoß;
Blitze zucken in den Lüften,
Und aus ihren Felsengrüften
Werden alle Stürme los,
Wühlen ungeheure Schlünde
In den weiten Wasserschlund;
Gähnend, wie ein Höllenrachen,
Öffnet sich des Meeres Grund.

    "Wehe, weh mir!", ruft die Arme
Jammernd. "Großer Zeus, erbarme!
Ach, was wagt' ich zu erflehn!
Wenn die Götter mich erhören,
Wenn er sich den falschen Meeren
Preisgab in des Sturmes Wehn!
Alle Meer gewohnten Vögel
Ziehen heim, in eil'ger Flucht;
Alle Sturm erprobten Schiffe
Bergen sich in sichrer Bucht."

   "Ach, gewiss, der Unverzagte
Unternahm das oft Gewagte,
Denn ihn trieb ein möcht'ger Gott.
Er gelobte mir's beim Scheiden
Mit der Liebe heil'gen Eiden,
Ihn entbindet nur der Tod.
Ach, in diesem Augenblicke
Ringt er mit des Sturmes Wut,
Und hinab in ihre Schlünde
Reißt ihn die empörte Flut!"

   "Falscher Pontus, deine Stille
War nur des Verrates Hülle,
Einem Spiegel warst du gleich;
Tückisch ruhten deine Wogen,
Bis du ihn heraus betrogen
In dein falsches Lügenreich.
Jetzt, in deines Sturmes Mitte,
Da die Rückkehr sich verschloss,
Lässest du auf den Verratnen
Alle deine Schrecken los!"

   Und es wächst des Sturmes Toben,
Hoch, zu Bergen aufgehoben,
Schwillt das Meer, die Brandung bricht
Schäumend sich am Fuß der Klippen;
Selbst das Schiff mit Eichenrippen
Nahte unzerschmettert nicht.
Und im Wind erlischt die Fackel,
Die des Pfades Leuchte war;
Schrecken bietet das Gewässer,
Schrecken auch die Landung dar.

   Und sie fleht zur Aphrodite,
Dass sie dem Orkan gebiete,
Sänftige der Welle Zorn,
Und gelobt den strengen Winden
Reiche Opfer anzuzünden,
Einen Stier mit goldnem Horn.
Alle Göttinnen der Tiefe,
Alle Götter in der Höh'
Fleht sie, lindernd Öl zu gießen
In die sturmbewegte See.

   "Höre meinen Ruf erschallen,
Steig' aus deinen grünen Hallen,
Selige Leukothea!
Die der Schiffer in dem öden
Wellenreich, in Sturmesnöten,
Rettend oft erscheinen sah.
Reich' ihm deinen heil'gen Schleier,
Der, geheimnisvoll gewebt,
Die ihn tragen, unverletzlich
Aus dem Grab der Fluten hebt!"

   Und die wilden Winde schweigen,
Hell an Himmels Rande steigen
Eos Pferde in die Höh.
Friedlich in dem alten Bette
Fließt das Meer in Spiegelsglätte,
Heiter lächeln Luft und See.
Sanfter brechen sich die Wellen
An des Ufers Felsenwand,
Und sie schwemmen, ruhig spielend,
Einen Leichnam an den Strand.

   Ja, er ist's, der auch entseelet
Seinem heil'gen Schwur nicht fehlet!
Schnellen Blicks erkennt sie ihn,
Keine Klage lässt sie schallen,
Keine Träne sieht man fallen,
Kalt verzweifelnd starrt sie hin.
Trostlos in die öde Tiefe
Blickt sie, in des Äthers Licht,
Und ein edles Feuer rötet
Das erbleichte Angesicht.

   "Ich erkenn' euch, ernste Mächte!
Strenge treibt ihr eure Rechte,
Furchtbar, unerbittlich ein.
Früh schon ist mein Lauf beschlossen;
Doch das Glück hab' ich genossen,
Und das schönste Los war mein.
Lebend hab' ich deinem Tempel
Mich geweiht als Priesterin,
Dir ein freudig Opfer sterb' ich,
Venus, große Königin!"

   Und mit fliegendem Gewande
Schwingt sie von des Turmes Rande
In die Meerflut sich hinab.
Hoch in seinen Flutenreichen
Wälzt der Gott die heil'gen Leichen,
Und er selber ist ihr Grab.
Und mit seinem Raub zufrieden,
Zieht er freudig fort und gießt
Aus der unerschöpften Urne
Seinen Strom, der ewig fließt.


Kassandra

   Freude war in Troja's Hallen,
Eh die hohe Veste fiel,
Jubelhymnen hört man schallen
In der Saiten goldnes Spiel.
Alle Hände ruhen müde
Von dem tränenvollen Streit,
Weil der herrliche Pelide
Priams schöne Tochter freit.

   Und geschmückt mit Lorbeerreisern,
Festlich wallet Schar auf Schar
Nach der Götter heil'gen Häusern,
Zu des Thymbriers Altar.
Dumpf erbrausend durch die Gassen
Wälzt sich die bacchant'sche Lust,
Und in ihrem Schmerz verlassen
War nur eine traur'ge Brust.

   Freudlos in der Freuden Fülle,
Ungesellig und allein,
Wandelte Kassandra stille
In Apollo's Lorbeerhain
In des Waldes tiefste Gründe
Flüchtete die Seherin,
Und sie warf die Priesterbinde
Zu der Erde zürnend hin:

   "Alles ist der Freude offen,
Alle Herzen sind beglückt,
Und die alten Eltern hoffen
Und die Schwester steht geschmückt.
Ich allein muss einsam trauern,
Denn mich flieht der süße Wahn
Und geflügelt diesen Mauern
Seh' ich das Verderben nahn."

   "Eine Fackel seh' ich glühen,
Aber nicht in Hymens Hand,
Nach den Wolken seh' ich's ziehen,
Aber nicht wie Opferbrand.
Feste seh' ich froh bereiten,
Doch im ahnungsvollen Geist
Hör' ich schon des Gottes Schreiten,
Der sie jammervoll zerreißt."

   "Und sie schelten meine Klagen,
Und sie höhnen meinen Schmerz,
Einsam in die Wüste tragen
Muss ich mein gequältes Herz,
Von den Glücklichen gemieden
Und den Fröhlichen ein Spott!
Schweres hast du mir beschieden,
Pythischer, du arger Gott!"

    "Dein Orakel zu verkünden,
Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschlossnen Sinn?
Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muss geschehen,
Das Gefürchtete muss nahn."

   "Frommt's den Schleier aufzuheben,
Wo das nahe Schrecknis droht?
Nur der Irrtum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.
Nimm, o nimm die traur'ge Klarheit,
Mir vom Aug den blut'gen Schein!
Schrecklich ist es, deiner Wahrheit
Sterbliches Gefäß zu sein."

   "Meine Blindheit gib mir wieder
Und den fröhlich dunkeln Sinn!
Nimmer sang' ich freud'ge Lieder,
Seit ich deine Stimme bin.
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick,
Nahmst der Stunde fröhlich Leben -
Nimm dein falsch Geschenk zurück!"

   "Nimmer mit dem Schmuck der Bräute
Kränzt' ich mir das duft'ge Haar,
Seit ich deinem Dienst mich weihte
An dem traurigen Altar.
Meine Jugend war nur Weinen,
Und ich kannte nur den Schmerz,
Jede herbe Not der Meinen
Schlug an mein empfindend Herz."

   "Fröhlich seh' ich die Gespielen,
Alles um mich lebt und liebt
In der Jugend Lustgefühlen,
Mir nur ist das Herz getrübt.
Mir erscheint der Lenz vergebens,
Der die Erde festlich schmückt.
Wer erfreute sich des Lebens,
Der in seine Tiefen blickt!"

   "Selig preis' ich Polyxenen
In des Herzens trunknem Wahn,
Denn den besten der Hellenen
Hofft sie bräutlich zu umfahn.
Stolz ist ihre Brust gehoben,
Ihre Wonne fasst sie kaum,
Nicht euch, Himmlische dort oben,
Neidet sie in ihrem Traum."

   "Und auch ich hab' ihn gesehen,
Den das Herz verlangend wählt;
Seine schönen Blicke flehen,
Von der Liebe Glut beseelt.
Gerne möcht' ich mit dem Gatten
In die heim'sche Wohnung ziehn;
Doch es tritt ein styg'scher Schatten
Nächtlich zwischen mich und ihn."

   "Ihre bleichen Larven alle
Sendet mir Proserpina,
Wo ich wandre, wo ich walle,
Stehen mir die Geister da.
In der Jugend frohe Spiele
Drängen sie sich grausend ein,
Ein entsetzliches Gewühle,
Nimmer kann ich fröhlich sein."

   "Und den Mordstrahl seh' ich blinken
Und das Mörderauge glühn;
Nicht zur Rechten, nicht zur Linken
Kann ich vor dem Schrecknis fliehn;
Nicht die Blicke darf ich wenden,
Wissend, schauend, unverwandt
Muss ich mein Geschick vollenden,
Fallend in dem fremden Land." -

   Und noch hallen ihre Worte -
Horch! Da dringt verworrner Ton
Fernher aus des Tempels Pforte:
Tot lag Thetis großer Sohn!
Eris schüttelt ihre Schlangen,
Alle Götter fliehn davon,
Und des Donners Wolken hangen
Schwer herab auf Ilion.


Die Bürgschaft

(Damon und Phintias)

   Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon10), den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
"Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!"
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
"Die Stadt vom Tyrannen befreien!"
"Das sollst du am Kreuze bereuen."

   "Ich bin," spricht jener, "zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen."

   Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
"Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse! Wenn sie verstrichen die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muss er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen."

   Und er kommt zum Freunde: "Der König gebeut
Dass ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande."

   Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der Andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

   Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen,
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

   Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket,
Und die Stimme, die rufende, schicket;
Da stößet kein Nachen von sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Fischer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

   Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
"O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muss der Freund mir erbleichen."

   Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da treibet die Angst ihn, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut,
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

   Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

   "Was wollt ihr?", ruft er, für Schrecken bleich,
"Ich habe nichts, als mein Leben,
Das muss ich dem Könige geben!"
Und entreißet die Keule dem Nächsten gleich:
"Um des Freundes willen erbarmet euch!"
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

   Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet, sinken die Kniee.
"O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!"

   Und horch! Da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

   Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
"Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen."

   Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennt entsetzt den Gebieter:

   "Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigne Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben." -

   "Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht.
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!"

   Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
"Mich, Henker!", ruft er, "erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!"

   Und Erstaunen ergreift das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Lässt schnell vor den Thron sie führen.

   Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: "Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn;
So nehmet auch mich zum Genossen an!
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte."


Der Taucher

   "Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf' ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen."

   Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
"Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?"

   Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen's und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum dritten Mal wieder fraget:
"Ist Keiner, der sich hinunter waget?"

   Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

   Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunter schlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

   Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn' Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

   Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging's in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

   Jetzt schnell, ehe die Brandung wieder kehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und - ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinabgespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen; er zeigt sich nimmer.

   Und stille wird's über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund'
"Hochherziger Jüngling, fahre wohl!"
Und hohler und hohler hört' man's heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

   Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron',
Er soll sie tragen und König sein!
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unten verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

   Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss gäh in die Tiefe hinab;
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen
Hört man's näher und immer näher brausen.

   Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well' auf Well' sich ohn' Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose,
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

    Und sieh! Aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich' schwanenweiß
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist's, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken,

   Und atmete lang und atmete tief,
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
"Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele."

   Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar!
In des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und des Königs der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande;
und der Jüngling sich also zum König wandte:

    "Lang lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist's fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen."

   "Es riss mich hinunter blitzesschnell,
Da stürzt' mir aus felsigtem Schacht
Wild flutend entgegen ein reißender Quell;
Mich packt des Doppelstroms wütende Macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich's um, ich konnte nicht widerstehen."

   "Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief,
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend, ein Felsenriff,
Das erfasst' ich behend und entrann dem Tod.
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär' er ins Bodenlose gefallen."

   "Denn unter mir lag's noch bergetief
In purpurner Finsternis da,
Und ob's hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen."

   "Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers gräuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hay, des Meeres Hyäne."

   "Und da hing ich und war's mir mit Grausen bewusst,
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde."

   "Und schaudernd acht' ich's, da kroch's heran,
Regte hunderte Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir; in des Schreckenswahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben."

   Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: "Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm' ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versuchst du's noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde."

   Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
"Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter der Knappen beschämen."

   Drauf der König greift nach dem Becher schnell
In den Strudel ihn schleudert hinein:
"Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell',
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein,
Und sollst sie als Ehgemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen."

   Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt,
Und sieht sie erbleichen und sinken hin -
Da treibt's ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

   Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall;
Da bückt sich's hinunter mit liebendem Blick,
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

Ü   Þ


1) Im Musenalmanach vom Jahr 1796, wo dies Gedicht zuerst erschien, findet sich nach diesen Worten folgende Stelle:

Die schöne Frucht, die kaum zu keimen
Begann, da liegt sie schon erstarrt.
Mich weckt aus meinen frohen Träumen
Mit rauem Arm die Gegenwart.

Die Wirklichkeit mit ihren Schranken
Umlagert den gebundnen Geist;
Sie stürzt, die Schöpfung der Gedanken,
Der Dichtung schöner Flor zerreißt.
­

2) Hier folgt in der ersten Ausgabe die Strophe:

Wie aus des Berges stillen Quellen
Ein Strom die Urne langsam füllt,
Und jetzt mit königlichen Wellen
Die hohen Ufer überschwillt;
Es werfen Steine, Felsenlasten
Und Wälder sich in seine Bahn,
Er aber stürzt mit stolzen Masten
Sich rauschen in den Ozean.

So sprang etc. ­

3) Frühere Lesart: geborstner Klippen. ­

4) Die frühere Überschrift dieses Gedichts (im Musenalmanach von 1797) war: Der Besuch. ­

5) Andere Lesart: mit Herdesflammen. ­

6) Frühere Überschrift: Nadowessische Totenklage. ­

7) Dies Gedicht war zuerst überschrieben: Das Bürgerlied. S. Musenalmanach von 1799. ­

8) Frühere Lesart: Theseus. ­

9) Frühere Lesart: Sünder. ­

10) Frühere Lesart: Möros. ­

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