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Metrische Übersetzungen

Vorerinnerung des Verfassers

Einige Freunde des Verfassers, die der lateinischen Sprache nicht kundig, aber fähig sind jede Schönheit der alten Klassiker zu empfinden, wünschten durch ihn mit der Aeneis des großen römischen Dichters etwas bekannt zu werden, von welcher, seines Wissens, noch keine nur irgend lesbare Übersetzung sich findet. Die hauptsächlichste Schwierigkeit, die ihm bei Ausführung seines Vorhabens aufstieß, war die Wahl einer Versart, bei welcher von den wesentlichen Vorzügen des Originals am wenigsten eingebüßt würde, und welche dasjenige, was schon allein der Sprachenverschiedenheit wegen unvermeidlich verloren gehen musste, von einer andern Seite einigermaßen ersetzen könnte. Der deutsche Hexameter schien ihm diese Eigenschaft nicht zu besitzen, und er hielt sich für überzeugt, dass dieses Silbenmaß, selbst nicht unter Klopstock’ischen und Voß’ischen Händen, diejenige Biegsamkeit, Harmonie und Mannigfaltigkeit erlangen könnte, welche Virgil seinem Übersetzer zur ersten Pflicht macht. Durch dieses Medium also glaubte er es schlechterdings aufgeben zu müssen, mit der Schönheit des Virgil’ischen Verses zu ringen. Er glaubte, die ganz eigene magische Gewalt, wodurch der Virgil’sche Vers uns hinreißt, in der seltenen Mischung von Leichtigkeit und Kraft, Eleganz und Größe, Majestät und Anmut zu finden, wobei der römische Dichter von seiner Sprache unstreitig weit mehr unterstützt wurde, als der deutsche von der seinigen hoffen kann. Musste von diesen beiden so verschiedenen Eigenschaften des Ausdrucks eine der andern in der Übersetzung nachgesetzt werden, so glaubte er bei derjenigen Versart, welche der Kraft, Majestät und Würde zwar einigen Abbruch tut, aber dem Ausdruck von Grazie, Gelenkigkeit, Wohlklang desto günstiger ist, am allerwenigsten zu wagen. Stärke, Erhabenheit, Würde sind weit weniger abhängig von der Form und bedürfen weit weniger von dem Ausdruck unterstützt zu werden, als die letztern Eigenschaften; und wahre Kraft, wahre Erhabenheit, wahres Pathos muss in jeder Art von Darstellung die Probe halten, welches bei den andern Eigenschaften der Fall nicht ist, denen man also durch eine glückliche Wahl der Form zu Hilfe kommen muss. Es ließe sich vielleicht sogar mit triftigen Gründne behaupten, dass für einen ernsthaften, gewichtigen, pathetischen Inhalt die reizend leichte Form, so wie in einer bekannten Gattung des Komischen für den geringfügigen Inhalt die feierliche Form, vorzuziehen sei. Die harten Schläge, welche der Verfasser Der Aeneis so oft auf das Herz seines Lesers führt, der großenteils kriegerische Inhalt seines Gedichts, die ganze Gravität seines Ganges werden durch eine gefällige Versart gemildert, und die Harmonie, die Anmut in der Einkleidung söhnt vielleicht nicht selten mit der anstrengenden, oft gar empörenden Schilderung aus. Diese Rücksicht vorzüglich bewog den Verfasser, den achtzeiligen Stanzen den Vorzug zu geben, derjenigen unter allen deutschen Versarten, wobei unsre Sprache noch zuweilen ihrer angestammten Härte vergisst, und durch ihren männlichen Charakter doch noch hinlänglich verhindert wird ins Weichliche oder Spielende zu fallen. Der Verfasser konnte diese Wahl um so mehr bei sich rechtfertigen, da es seit Erscheinung des Idris und Oberon zur ausgemachten Wahrheit geworden ist, dass die achtzeiligen Stanzen, besonders mit einiger Freiheit behandelt, für das Große, Erhabene, Pathetische und Schreckhafte selbst einen Ausdruck haben – freilich nur unter den Händen eines Meisters; aber wer pflegt auch im ersten Feuer eines Entschlusses, und von Begeisterung hingerissen, eine so strenge Abrechnung mit seinen Kräften zu halten, um dasjenige, was die Form leistet, von dem, was er selbst dazu mitbringen muss, sorgfältig abzusondern? Der Leser wird entscheiden, ob sich der Verfasser auf das Instrument, das er wählte, verstanden hat; genug, wenn ihm nicht bewiesen werden kann, dass schon in der Wahl der Versart gefehlt worden sei.

Wer übrigens die Schwierigkeiten kennt, die sich einem Übersetzer der Aeneis, und vollends in einer gereimten Versart, in den Weg stellen, wird eher im Fall sein, zu wenig als zu viel zu erwarten. Nicht die geringste darunter war, eine glückliche Einteilung zu treffen, wobei der lateinische Dichter seinem Übersetzer nicht nur nicht vorgearbeitet, sondern sehr oft entgegen gearbeitet hat. Das lateinische Original bewegt sich in einem stetigen Strome fort, und Virgil hat sich in vollem Maß der Freiheit bedient, welche diese Form ihm gewährte. Dieser fortströmende Gang des Gedichts musste nun in der Übersetzung durch viele kurze Ruhepunkte unterbrochen, und ein einziges zusammenhängendes Ganze in mehrere kleine, sich leicht aneinander schmiegende Ganze aufgelöst werden, wenn anders die Stanzenform ungezwungen scheinen und das sklavische Gepräge einer Übersetzung verwischt werden sollte. Hier konnte es freilich nicht fehlen, dass nicht öfters vier oder fünf lateinische Hexameter in eine Stanze ausgesponnen, oder auch umgekehrt acht und neun Verse des Originals in den engen Raum von acht Stanzenzeilen gepresst wurden. Bei einem Dichter, der sich so wenig nehmen lässt, als Virgil, war die letztere Operation unstreitig die bedenklichste; doch glaubt der Verfasser, die seinem Original gebührende Achtung selten oder nie dabei übertreten zu haben. Es kam ihm zu statten, dass selbst der gedrängte, Wort sparende Virgil, dem Wohllaut oder der unerbittlichen Versform zu gefallen, nicht selten entbehrliche Wiederholungen und selbst Flickwörter sich erlaubte, welche die Schonung des Übersetzers weniger verdienten.

Sehr gerne unterwirft er sich einer jeden kaltblütigen kritischen Prüfung, was die Gewissenhaftigkeit und Treue seiner Übersetzung betrifft, verbittet sich aber hiermit aufs feierlichste jede Vergleichung seiner Arbeit mit der unerreichbaren Diktion des römischen Dichters, welche unausbleiblich und ohne seine Schuld zu seinem Nachteil ausfallen muss; denn er fordert alle gewesenen, gegenwärtigen und noch kommenden deutschen Dichter auf, in einer so schwankenden, unbiegsamen, breiten, gotischen, rau klingenden Sprache, als unsere liebe Muttersprache ist, mit der feinen Organisation und dem musikalischen Fluss der lateinischen ohne Nachteil zu ringen.

Von dem Gedanken weit entfernt, sich an eine Übersetzung der ganzen Aeneis wagen zu wollen, verspricht er in der Folge noch einige Bruchstücke aus dem vierten und sechsten Buch, wäre es auch nur, um den römischen Dichter bei unserm unlateinischen Publikum in die ihm gebührende Achtung zu setzen, welche er ohne seine Schuld scheint verscherzt zu haben, seitdem es der blumauerischen Muse gefallen hat, ihn dem einreißenden Geist der Frivolität zum Opfer zu bringen.


Die Zerstörung von Troja

Freie Übersetzung des zweiten Buchs der Aeneide.

1.
Still war's, und jedes Ohr hing an Aeneens Munde,
Der also anhub vom erhabnen Pfühl:
O Königin, du weckst der alten Wunde
Unnennbar schmerzliches Gefühl!
Von Troja's kläglichem Geschick verlangst du Kunde,
Wie durch der Griechen Hand die tränenwerte fiel,
Die Drangsal' alle soll ich offenbaren,
Die ich gesehen und meistens selbst erfahren.

2.
Wer, selbst ein Myrmidon und Kampfgenoss
Des grausamen Ulyss, erzählte tränenlos!
Und schon entflieht die feuchte Nacht, es laden
Zum Schlaf die niedergehenden Pleiaden.
Doch treibt dich so gewaltige Begier,
Der Teukrer letzten Kampf und mein Geschick zu hören,
Sei's denn! Wie sehr auch die Erinnrung mir
Die Seele schaudernd mag empören!

3.
Der Griechen Fürsten, aufgerieben
Vom langen Krieg, vom Glück zurückgetrieben,
Erbauen endlich durch Minervens Kunst
Ein Ross aus Fichtenholz, zum Berge aufgerichtet,
Beglückte Wiederkehr, wie ihre List erdichtet,
Dadurch zu flehen von der Götter Gunst.
Der Kern der Tapfersten birgt sich in dem Gebäude,
Und Waffen sind sein Eingeweide.1)

4.
Die Insel Tenedos ist aller Welt bekannt,
Von Priam's Stadt getrennt durch wen'ge Meilen,
An Gütern reich, so lange Troja stand,
Jetzt ein verräterischer Strand,
Wo im Vorüberzug die Kaufmannsschiffe weilen.
Dort birgt der Griechen Heer sich auf verlass'nem Sand.
Wir wähnen es auf ewig abgezogen
Und mit des Windes Hauch Mycenen zugeflogen.

5.
Alsbald spannt von dem langen Harme
Die ganze Stadt der Teukrier sich los;
Heraus stürzt alles Volk in frohem Jubelschwarme,
Das Lager zu besehn, aus dem sein Leiden floss.
Dort, heißt es, wüteten der Myrmidonen Arme,
Hier schwang Achill das schreckliche Geschoss,
Dort lag der Schiffe zahlenlos Gedränge,
Hier tobete das Handgemenge.

6.
Mit Staunen weilt der überraschte Blick
Beim Wunderbau des ungeheuren Rosses,
Thymöt, sei's böser Wille, sei's Geschick,
Wünscht es im innern Raum des Schlosses.
Doch bang vor dem versteckten Feind,
Rät Kapys an, und wer es redlich meint,
Den schlimmen Fund dem Meer, dem Feuer zu vertrauen,
Wo nicht, doch erst sein Innres zu beschauen.

7.
Die Stimmen schwankten noch in ungewissem Streite,
Als ihn der Priester des Neptun vernahm,
Laokoon, mit mächtigem Geleite
Von Pergams Turm erhitzt herunter kam.
Rast ihr, Dardanier? Ruft er voll banger Sorgen,
Unglückliche, ihr glaubt, die Feinde sei'n geflohn?
Ein griechisches Geschenk, und kein Betrug verborgen?
So schlecht kennt ihr Laertens Sohn?

8.
Wenn in dem Rosse nicht versteckte Feinde lauern,
So droht es sonst Verderben unsern Mauern,
So ist es aufgetürmt, die Stadt zu überblicken,
So sollen sich die Mauern bücken
Vor seinem stürzenden Gewicht.
So ist's ein anderer von ihren tausend Ränken,
Der hier sich birgt. Trojaner, trauet nicht!
Die Griechen fürchte ich, und doppelt, wenn sie schenken.

9.
Dies sagend, treibt er den gewalt'gen Speer
Mit starken Kräften in des Rosses Lende,
Es schüttert durch und durch, und weit umher
Antworten dumpf die voll gestopften Wände,
Und hätte nicht das Schicksal ihm gewehrt,
Nicht eines Gottes Macht umnebelt seine Sinne,
Jetzt hätte den Betrug sein Eisen aufgestört,
Noch stünde Ilium und Pergams feste Zinne.

10.
Indessen wird durch eine Schar von Hirten,
Die Hände auf dem Rücken zugeschnürt,
Mit lärmendem Geschrei ein Jüngling hergeführt.
Der Jüngling spielte den Verirrten
Und bot freiwillig sich den Banden dar,
Durch falsche Botschaft Troja zu verderben,
Mit dreister Stirn, gefasst auf jegliche Gefahr,
Und gleich bereit zum Lügen oder Sterben.

11.
Ihn zu betrachten, sammelt um und um
Die wilde Jugend sich aus Ilium,
Wetteifernd höhnt mit herbem Spotte
Den eingebrachten Fang die rachbegier'ge Rotte,
Und wehrlos bloßgestellt so vieler Feinde Grimm,
Fliegt er mit ängstlich scheuem Blicke
Die Reihen durch. Jetzt, Königin, vernimm
Aus einer Freveltat der Griechen ganze Tücke!

12.
Weh! Ruft er aus, wo öffnet sich ein Port,
Wo tut ein Meer sich auf, mich zu empfangen?
Wo bleibt mir Elenden ein Zufluchtsort?
Dem Schwert der Griechen kaum entgangen,
Seh' ich der Trojer Hass nach meinem Blut verlangen!
Schnell umgestimmt von diesem Wort,
Legt sich der wilde Sturm der Scharen,
Und man ermahnt ihn, fort zu fahren.

13.
Wess Stamms er sei? Was ihn hieher gebracht,
Ihm Lebenshoffnung ließ, selbst in des Feindes Macht?
Soll er bekennen. Furcht und Angst verschwanden.
Was es auch sei, ruft er, dir, König, sei's gestanden!
Empfange den Beweis von Sinons Redlichkeit.
Ich leugne nicht, zum Volk der Griechen zu gehören,
Hat mein Verhängnis gleich dem Elend mich geweiht,
Zum Lügner soll es nimmer mich entehren.

14.
Trug das Gerücht vielleicht die Namen und die Taten
Des großen Palamed zu deinem Ohr,
Der, boshaft angeklagt, weil er den Krieg missraten,
Sein Leben durch der Griechen Spruch verlor,
Den sie im Grabe schmerzlich jetzt beklagen?
Mit diesem hat, er ist mir anverwandt,
Seit dieses Krieges ersten Tagen
Der dürft'ge Vater mich nach Asien gesandt.

15.
So lange Palamed der Herrschaft sich erfreute
Und in dem Rat der Könige mit saß,
Stand ich geehrt und glücklich ihm zur Seite,
Doch das verging, als ihn Ulyssens Hass,
Wer kennt den Schwätzer nicht? Dem Orkus übergeben.
Da floss in Trauer hin mein unbemerktes Leben,
Und der verhaltnen Rache Schmerz
Zernagte still mein wundes Herz.

16.
Weh mir, dass ich sie nicht verschwieg,
Zu laut zu seinem Rächer mich erklärte,
Wenn einst ein Gott aus diesem Krieg
Siegreiche Heimkehr mir gewährte!
Mit eitler Rede weckt' ich schweren Groll.
Seitdem ermüdete, mir Feinde zu erwecken,
Ulysses nicht, und wusste rachevoll
Mit immer neuen Ränken mich zu schrecken.

17.
Auch ruht' er nimmermehr, die Kalchas - doch warum
Mit widrigem Bericht fruchtlos die Zeit verlieren?
Verurteilt Alle, die ihn führen,
Der Name Grieche schon in Ilium,
Wohlan, so würgt mich ohne Schonen!
Das wird dem Ithaker willkommne Botschaft sein,
Das wird die Söhne Atreus' hoch erfreun,
Und herrlich werden sie's euch lohnen.

18.
Ohn' Ahnung des Betrugs, der aus dem Griechen spricht,
Steigt unsre Neugier, ihm den Aufschluss abzufragen,
und er, mit schlau verstelltem Zagen,
Vollendet so den täuschenden Bericht:
Oft, spricht er, war der Wunsch lebendig bei dem Heere,
Der langen Kriegsnot sich endlich zu entziehn,
Von Troja heimlich zu entfliehn,
O dass es doch geschehen wäre!

19.
Stets hinderten die frohe Wiederkehr
Der raue Süd und das empörte Meer.
Dies Ross von Fichtenholz stand längst schon aufgetürmet,
Als, vom Orkan gepeitscht, die finstre Luft gestürmet.
Verlegen sendet man zuletzt Eurypylus,
Zu fragen an des Schicksals Throne,
Nach Delphi zu Latonens Sohne;
Der kommt zurück mit diesem traur'gen Schluss:

20.
Mit Blut erkauftet ihr die Herfahrt von den Winden,
Und eine Jungfrau fiel an Deliens Altar.
Mit Blut allein könnt ihr den Rückweg finden,
Ein Grieche bringe sich zum Todesopfer dar.
Eiskalte Angst durchlief die zitternden Gebeine,
Als in dem Lager diese Post erklang,
Und jedes Auge fragte bang:
Wen wohl der Zorn der Gottheit meine?

21.
Jetzt riss Ulyss mit lärmendem Geschrei
Den Seher Kalchas in des Heeres Mitte,
Und dringt in ihn mit ungestümer Bitte,
Zu sagen, wessen Haupt zum Tod bezeichnet sei?
Schon ließen Viele mich, mit ahnungsvollem Grauen,
Des Schalks verruchten Plan und mein Verderben schauen.
Zehn Tage schließt der Priester schlau sich ein,
Um keinen aus dem Volk dem Untergang zu weihn.

22.
Zuletzt, als könnt' er dem beredten Flehn
Ulyssens nicht mehr widerstehn,
Lässt er geschickt den Namen sich entreißen
Und zeichnet mich dem Mördereisen.
Man stimmt ihm bei, und froh sieht Jeder die Gefahr,
Die alle gleich bedroht, auf Einen abgeleitet.
Der Unglückstag ist da, die Binde schmückt mein Haar,
Man streut das Mehl, das Opfer ist bereitet.

23.
Ja, da entriss ich mich dem Tod, zerbrach die Bande
Und harrete des Nachts in eines Sumpfes Rohr,
Bis die Armee, wenn sie zum Vaterlande
Vielleicht sich eingeschifft, vom Ufer sich verlor.
Nie werd' ich, ach! Die Heimat mehr begrüßen,
Nie Vater, Kinder mehr in diese Arme schließen,
Und mein Entrinnen rächt vielleicht die Wut
Der Danaer an diesem teuren Blut.

24.
Und nun, bei allen himmlischen Dämonen,
Die in des Herzens tiefste Falten sehn,
Wenn Treu' und Glauben noch auf Erden irgend wohnen,
Lass so viel Leiden dir zu Herzen gehn!
Hab' du Erbarmen mit dem Unglücksvollen,
Der, was er nicht verschuldete, erfuhr! -
Wir sehen jammernd seine Tränen rollen,
Es siegt in uns die Stimme der Natur.

25.
Sogleich lässt Priamus der Hände Band ihm lösen
Und spricht ihm Trost mit milden Worten ein.
Du bist, spricht er, ein Danaer gewesen,
Wer du auch seist, hinfort wirst du der Unsre sein.
Und jetzt lass Wahrheit mich auf meine Fragen hören:
Warum, wozu das ungeheure Ross?
Wer gab es an? Warum so riesengroß?
Zu welchem Brauch? Sprich! Welchem Gott zu Ehren?

26.
Er sprach's, und jeder Bösewicht, gewandt
In jeder List, Pelasger im Betrügen,
Hebt himmelan die losgebundne Hand.
Dich, ruft er, ew'ges Licht, dich, Rächer aller Lügen,
Dich, Opferherd, dem ich durch Flucht entrann,
Dich, frevelhafter Stahl, den Mordgier auf mich zückte,
Dich, priesterliches Band, das meine Schläfe schmückte,
Euch ruf' ich jetzt zu Zeugen an!

27.
Von jeder Pflicht, die mich an Griechen band,
Erklär' ich mich auf ewig losgezählet,
Für Sinon gibt's hinfort kein Vaterland,
Ich mache laut, was ihre List verhehlet.
Gedenke du nur deines Wortes, Fürst,
Und schone, Troja, den, der Rettung dir geschenket,
ist's anders wahr, was du jetzt hören wirst,
Und wert, dass man es überdenket.

28.
Von jeher barg im Krieg mit Ilium
Minervens Schutz der Myrmidonen Schwäche;
Doch seit Ulyss, der Schalk, und Diomed, der Freche,
Der Göttin Bild aus ihrem Heiligtum
ZU reißen sich erkühnt, die Hüter zu durchbohren,
Der Jungfrau Stirne selbst mit Mord befleckter Hand
Verwegen zu berühren, schwand
Der Griechen Glück dahin, ging ihre Kraft verloren.

29.
Auf immer war Athenens Gunst entwichen,
Bald zeigte sich in fürchterlichen
Erscheinungen der Göttin Strafgericht.
Kaum steht das Bild im Lager still, so blitzen
Die offnen Augen, und die Glieder schwitzen,
Und drei Mal scheint (entsetzliches Gesicht!)
Die Göttin sich vom Boden zu erheben,
Und Schild und Lanze schütternd zu erbeben.2)

30.
Ein Gott gebeut jetzt durch das Sehers Mund,
Auf schneller Flucht die Heimat zu gewinnen;
Denn nimmer fallen durch der Griechen Bund,
So spricht das Schicksal, Pergams feste Zinnen,
Sie hätten denn aufs neu der Heimat Strand berührt,
In wiederholter Fei'r die Götter zu befragen,
Zum alten Heiligtum das Bild zurück getragen,
Das sie auf krummen Schiffen weggeführt.

31.
Jetzt zwar sind sie nach Argos heimgefahren,
Doch führt sie Kalchas bald mit neuen Kriegerscharen
Und Göttern furchtbarer zurück. Dies Ross
Ward aufgetürmt, den Zorn der Pallas zu versöhnen,
Und nicht umsonst seht ihr's so riesengroß.
Es sollte der Koloss das enge Tor verhöhnen,
Nie sollt' euch der Besitz des Wunderbilds erfreun,
Nie sollt' es eurer Stadt den alten Schutz erneun.

32.
Denn wagtet ihr's, Minervens Heiligtum
Mit Frevlerhänden zu versehren,
So traf der Göttin Fluch ganz Ilium.
(Möcht' ihn ein Gott auf ihre Häupter kehren!)
Doch hättet ihr mit eigner Hand
Dies Ross in eure Stadt gezogen,
So wälzte Asien zu uns des Krieges Wogen,
Und weh dann über Griechenland!

33.
Von dieser Lügen schlau gewebten Banden
Ward unser redlich Herz umstrickt;
Der Zweifel wird in jeder Brust erstickt,
Die dem Tydiden männlich widerstanden,
Die der thessalische Achill nicht zwang,
Nicht zehenjähr'ge Kriegeslasten,
Nicht das Gewühl von tausend Masten,
Weint ein Betrüger in den Untergang.

34.
Jetzt aber stellt sich den entsetzten Blicken
Ein unerwartet, schrecklich Schauspiel dar.
Es stand, den Opferfarren zu zerstücken,
Laokoon am festlichen Altar.
Da kam - (mir bebt die Zung', es auszudrücken)
Von Tenedos ein grässlich Schlangenpaar.
Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen,
Daher geschwommen auf den stillen Wogen.

35.
Die Brüste steigen aus dem Wellenbade,
Hoch aus den Wassern steigt der Kämme blut'ge Glut,
Und nachgeschleift in ungeheurem Rade
Netzt sich der lange Rücken in der Flut,
Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade,
Im blut'gen Auge flammt des Hungers Wut,
Gewetzt am Rachen zischen ihre Zungen:
So kommen sie ans Land gesprungen.

36.
Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen,
Und auseinander flieht die furchtentseelte Schar;
Der pfeilgerade Schuss der Schlangen
Erwählt sich nur den Priester am Altar.
Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden,
Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut;
Der Unglückseligen Gebeine schwinden
Dahin von ihres Bisses Wut.

37.
Zum Beistand schwingt der Vater sein Geschoss;
Doch in dem Augenblick ergreifen
Die Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos,
Geklemmt von ihres Leibes Reifen;
Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und noch
Zwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken,
Und furchtbar überragen sie ihn doch
Mit ihren hohen Hälsen und Genicken.3)

38.
Der Knoten furchtbares Gewinde
Gewaltsam zu zerreißen, strengt
Der Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengt
Und schwarzes Gift die priesterliche Binde.
Des Schmerzens Höllenqual durchdringt
Der Wolken Schoß mit berstendem Geheule:
So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vom Beile
Und blutend, dem Altar entspringt.

39.
Die Drachen bringt ein blitzgeschwinder Schuss
Zum Heiligtum der furchtbarn Tritonide;
Dort legen sie sich zu der Göttin Fuß,
Beschirmt vom weiten Umkreis der Aegide.
Entsetzen bleibt in jeder Brust zurück,
Gerechte Büßung heißt Laokoons Geschick,
Der frech und kühn das Heilige und Hehre
Verletzt mit frevelhaftem Speere.

40.
Zum Tempel, ruft das Volk, mit dem geweihten Bilde!
Und fleht an der Göttin Milde!
Sogleich strengt jeder Arm sich an,
Die Mauer wird geteilt, die Stadt ist aufgetan,
Und auf der Walze künstlichen Wogen
Rollt es dahin, von Strängen fortgezogen;
Verderben trächtig, schwanger mit dem Blitz
Der Waffen, rollt's in Priams Königssitz.

41.
Und hoch beglückt, den Strang berührt zu haben,
Der es bewegt, begleiten Jungfrauen udn Knaben
Mit heil'gen Liedern die verehrte Last.
O meine Vaterstadt, so reich an Siegeskronen!
O heil'ges Land, wo so viel Götter thronen!
In deiner Mitte steht der fürchterliche Gast.
Vier Mal hat es am Eingang still gehalten,
Und vier Mal klang das Erz in seines Bauches Falten.

42.
Uns warnt es nicht! Von wütender Begierde
Verblendet, setzen wir die unglückschwangre Bürde
Beim Tempel ab. Apolls Orakel spricht
Weissagend aus Kassandrens Munde,
Es spricht von Troja's letzter Stunde,
Wir glauben selbst der Gottheit nicht.
Von festlich grünem Laub muss jeder Tempel wehen,
Und - morgen ist's um uns geschehen!

43.
Indessen wandelt sich des Himmels Bogen,
Und Nacht stürzt auf des Meeres Wogen,
Mit breitem Schatten hüllt sie Land und Hain
Und den Betrug der Myrmidonen ein.
An Troja's Mauern fängt es an zu schweigen,
Der Schlummer spannt die müden Glieder los;
Da naht, den Mond allein zum stillen Zeugen,
Der Griechen Flotte sich von Tenedos.

44.
Geleitet von dem Feuerbrande,
Der aus dem königlichen Schiffe blitzt,
Dringt sie hinan zum wohl bekannten Strande,
Und, von der Götter Grimm beschützt,
Eröffnet Sinon still den Bauch der Fichte:
Gehorsam gibt das aufgetane Ross
Die Krieger von sich, die sein Leib verschloss,
Und hoch erfreut entspringen sie zum Lichte.

45.
Herab am Seile gleiten schnell die Fürsten
Thessandrus, Sthenelus, Machaon, Akamas;
Ihm folgt, mit Blicken die nach Blute dürsten,
Ulyss, Neoptolem, drauf Thoas, Menelas,
Zuletzt Epeus, der das Ross gefügt;
Sie stürzen in die Stadt, die Wein und Schlaf besiegt;
Die Wachen würgt ihr Stahl, indes schon die Genossen,
Durchs Tor eindringend, zu den Fürsten stoßen.

46.
Schon neigte aus der Götter Hand
Des ersten Schlummers Wohltat sich hernieder,
Und schloss mit süßem Zauberband
Die kummerschweren Augenlieder.
Da sah ich Hektors Schattenbild
Im Traumgesichte mir erscheinen,
IN tiefe Trauer eingehüllt,
Ergossen in ein lautes Weinen.4)

47.
So wie ihn einst durch des Skamanders Feld
Des rauen Siegers Zweigespann gerissen,
Von blut'gem Staub geschwärzt und mit durchbohrten Füßen,
Ihr Götter, wie von Schmach entstellt!
Der Hektor nicht mehr, der, gleich einem Gotte
In des Peliden Rüstung heimgekehrt,
Den Feuerbrand von der Trojaner Herd
Geschleudert hatte in der Griechen Flotte.

48.
Den Bart befleckt, der Locken schönes Wallen
Gehemmt von blut'gem Leime, stand er da,
Den Leib besät mit jenen Wunden allen,
Die Troja's Mauer ihn empfangen sah.
Den hohen Schatten zu besprechen,
Gebietet mir des Herzens feur'ger Drang;
Die Wange brennt von heißen Tränenbächen,
und von den Lippen flieht der Trauerklang:

49.
"O Troja's Hoffnung, die uns nie betrogen,
O du, nach dem das Herz geschmachtet hat!
O sei willkommen, Licht der Vaterstadt!
Warum und wo hast du so lang verzogen?
So viele Kämpfe mussten wir bestehn,
Von so viel Not und Herzensangst ermatten,
So viel geliebte Leichname bestatten,
Eh' dich die Freunde wieder sehn!

50.
O sprich, und welcher Frevel durft' es wagen,
Der Augen sonnenheitern Schein
Mit Blut und Staub unwürdig zu entweihn?
Was sollen diese Wundenmäler sagen?"
Doch keinen Laut verlor der Geist,
Des Fragers eitle Neugier zu vergnügen,
Bis unter tief geholten Odemzügen
Ein schweres Ach der Zunge Band durchreißt.

51.
Fort, Göttinsohn! Fort, fort aus diesem Brand!
Die Mauern sind in Feindes Hand,
Die stolze Troja stürzt von ihren Höhen,
Genug, genug ist für das Vaterland,
Genug für Priams Thron geschehen!
Wär's eines Mannes tapfre Hand,
Die Troja's letztes Schicksal wendet,
So hätt' es dieser Arm vollendet.5)

52.
Die Heiligtümer sind dir übergeben,
Nimm zu Gefährten sie auf deiner flücht'gen Bahn!
Für sie wirst du ein neues Ilium erheben
Nach langer Irrfahrt auf dem Ozean.
Er spricht's und holt in schneller Eile
Mir vom Altar mit eigner Hand
Der mächt'gen Vesta heil'ge Säule,
Den Priesterschmuck, den ew'gen Feuerbrand.

53.
Und draußen hört man schon ein tausendstimmig Heulen
Mit wachsendem Getön die bangen Lüfte teilen,
Es bringt der Waffen eisernes Gebrause
Bis zu Anchisens, meines Vaters, Hause,
Das hinter Bäumen einsam sich verlor;
Es donnert aus dem Schlummer mich empor;
Den höchsten Standort wähl' ich mir im Hause
Und stehe da mit offnem Ohr.

54.
So fallen Feuerflammen ins Getreide,
Gejagt vom Wind, so stürzt der Wetterbach
Sich rauschend nieder von des Berges Heide;
Zertreten liegt, so weit er Bahn sich brach,
Der Schweiß der Rinder und des Schnitters Freude,
Und umgeriss'ne Wälder stürzen nach,
Es horcht der Hirt, unwissend wo es dröhne,
Vom fernen Fels verwundert dem Getöne.

55.
Jetzt lag es kund und aufgetan,
Wie Danaer auf Treu' und Glauben halten!
Das Truggeweb' sieht man jetzt schrecklich sich entfalten;
Schon liegt besiegt vom prasselnden Vulkan,
Deiphobus erhabne Burg im Staube,
Schon wird Ukalegons, ihr Nachbar, ihm zum Raube,
Und des sigäischen Sundes Flut
Scheint wieder von der Feuers Glut.6)

56.
Von lautem Kriegsgeschrei erzittern jetzt die Zinnen,
Und schrecklich schmettert des Achaiers Horn.
Sinnlos bewaffn' ich mich. Bewaffnet was beginnen?
Ein Heer zu sammeln schnell, treibt mich der edle Zorn.
Und mit der Freude Schar die Veste zu gewinnen.
Verzweiflung selbst ist des Entschlusses Sporn.
Will, ruf' ich aus, das Schicksal mit uns enden,
So stirbt sich's schön, die Waffen in den Händen.

57.
Indem seh' ich, entflohn der Feinde Pfeilen,
Den Priester des Apoll bei mir vorüber eilen;
Die überwundnen Götter in der Hand,
Am Arm den kleinen Sohn, flieht er betäubt zum Strand.
Halt, rief ich, o halt an, mich zu belehren,
Mein Panthus, was beschließt das zürnende Geschick?
Welch festes Schloss wird uns noch Schutz gewähren?
Da gibt er seufzend mir zurück:

58.
Der Tage letzter ist vorhanden,
Gekommen ist die unabwendbar böse Zeit;
Einst gab es Teukrer, Troja hat gestanden,
Und seines Ruhmes Schimmer strahlte weit.
Der grimme Zeus gab alles dem Argeier,
Der waltet jetzt in der entflammten Stadt;
Bewaffnete ergießt das Ungeheuer,
Und Sinon schürt die Glut, frohlockend seiner Tat.

59.
Und durch die zweifach offnen Tore wogen
Schon Tausende und Tausende einher,
Als aus dem räumigen Mycene nie gezogen;
Es stehen andre mit gestrecktem Speer,
Mordlustig hingepflanzt auf engen Wegen;
Des Eisens Blitz starrt jeder Brust entgegen.
Kaum tun die ersten Wachen Widerstand
Und wagen das Gefecht mit ungewisser Hand.

60.
Von diesen Reden feurig aufgefordert,
Und fortgezogen von der Götter Macht,
Flieg' ich dahin, wo's höher, heller lodert,
Der Donner stürzender Paläste kracht,
Wo vom Geschrei und vom Geklirr der Eisen
Die Luft erbebt, wohin die Furien mich reißen;
Der günst'ge Mond gibt mri den trefflichen Epyt
Und Ripheus Stärke zu Begleitern mit.

61.
Dymas und Hypanis beseelen gleiche Triebe,
Auch Mygdons Sohn, Choröbus, folgt dem Zug,
Den für Kassandra die unsel'ge Liebe
Verhängnisvoll zu Troja's Ende trug.
Dem Vater seiner Braut bracht' er hilfreiche Scharen,
Und glaubte nicht dem warnungsvollen Laut,
Nicht den verkündigten Gefahren
Im Mund der Gott beseelten Braut.

62.
Wohlan, beginn ich zu der Kampf begier'gen Jugend,
Ihr Herzen, jetz' umsonst voll Heldentugend!
Gewichen sind, ihr seht's, aus allen ihren Sitzen
Die Götter, welche Troja schützen.
Treibt euch der Mut, dem kühnen Führer nach zu gehn,
Kommt der entflammten Troja beizustehn,
Kommt mit mir , kommt und fechtend endigt euer Leben;
Besiegte rettet nichts, als Rettung aufzugeben.

63.
Entflammet durch dies Wort ist ihres Eifers Glut,
Und, Wölfen gleich, die durch den Nebel spürend schleichen,
Herausgestachelt von des Hungers Wut,
Mit trocknem Gaum erwartet von der Brut,
Geht's zum gewissen Tod durch Schwerter und durch Leichen.
Der hohlen Nacht furchtbare Schatten streichen
Rings durch die Straßen; unser kühner Mut
Verschmäht, aus Troja's Mitte zu entweichen.

64.
O Nacht des Grauens, welcher Mund
Spricht deine Schrecken aus, die Todesnot der Meinen!
Wer macht die Opfer, die du würgtest, kund!
Wo nehm' ich Tränen her, sie zu beweinen!
Sie fällt, die hohe Stadt, seit grauem Altertum
Gewohnt zu herrschen und zu siegen.
Auf Straßen, Schwellen, selbst im Heiligtum
Der Götter sieht man Totenkörper liegen.

65.
Doch glaube nicht, dass nur trojanisch Blut
Der Nächte schrecklichste getrunken.
Auch meines Volks erstorbner Mut
Glimmt auf in manchem Heldenfunken,
Und dann fließt auch des Siegers Blut.
Der Angst, der Qual, des Jammers Stimmen spalten
Des Hörers Ohr, wo nur das Auge ruht,
Des Todes schrecklich wechselnde Gestalten!

66.
Von Feinden warf zuerst mit einer großen Schar
Androgeos sich uns entgegen.
Sein Irrtum stellt in uns der Freunde Heer ihm dar.
Auf, Brüder, eilt! Ruft er. Woher so spät, ihr Trägen?
Die Andern tragen schon das ganze Pergam fort;
Ihr habt erst jetzt den Schiffen euch entrissen?
Kaum endigt er, so sagt ihm ein verdächtig Wort,
Dass Feindeshaufen ihn umschließen.

67.
Sein Fuß erstarrt, und auf den Lippen stirbt die Stimme,
So zittert, wer in Dornen tief versteckt,
Die Natter unverhofft mit rauem Fußtritt weckt;
Ihr blauer Hals schwillt an, mit git'gem Grimme
Knirscht sie empor, und bleich flieht er zurück.
So wendet bei geschärftem Blick
Androgeos erschrocken um. Wir dringen
In seine dichte Schar, es mischen sich die Klingen.

68.
In Troja fremd und halb von Furcht entseelt, erliegen
Sie unserm Arm. Den Anfang krönt das Glück.
Auf, Freunde, ruft, erhitzt von diesen ersten Siegen
Choröbus, voll von Mut. Es zeigt uns das Geschick
In diesem Zufall selbst den Weg zum Leben.
Vertauscht den Schild! Den griech'schen Helm aufs Haupt!
List oder Kraft - was wäre Feinden nicht erlaubt?
Die Toten werden Waffen geben.

69.
Er spricht's, und schleunig weht auf seinem Haupt
Des fremden Helmes Busch, Androgeos geraubt.
Er eilt, des Schildes Zierde zu vertauschen,
Und lässt ein griechisch Schwert von seinen Hüften rauschen.
Ihm folgt die ganze Jugend und umhängt
Sich schnell die frisch gemachte Beute.
So stürzen wir, mit Danaern vermengt,
Doch ohne unsern Gott! Zum Streite.

70.
Begünstigt von der blinden Nacht,
Gelingt uns manche heiße Schlacht,
Und mancher Grieche fällt von unsern Streichen.
Schon fliehn sie scharenweis, dem drohenden Geschick
Am sichern Port der Schiffe zu entweichen;
Bis in des Rosses Bauch scheucht sie die Furcht zurück.
Ach, Niemand schmeichle sich, im Dünkel großer Taten
Der Götter Gande zu entraten!

71.
Was zeigt sich uns! Selbst an Tritoniens Altar
Erkühnt man sich, Kassandra zu ergreifen.
Wir sehn mit aufgelöstem Haar
Die Tochter Priams aus dem Tempel schleifen.
Zum tauben Himmel fleht ihr glühend Angesicht,
Denn, ach! Die Fessel klemmt der Jungfrau zarte Hände.
Choröbus Wahnsinn trägt es nicht,
Er sucht im Schlachtgewühl ein Heldenende.

72.
Ihm stürzt in dicht geschloss'nen Gliedern
Die ganze Schar der Freunde nach.
Doch, ach! Von unsern eignen Brüdern
Kommt hier vom höchsten Tempeldach
Ein mördrisch Pfeilgewölk auf uns herab geflogen.
Des Federbusches fremde Zier,
Der Schilde Zeichen, welche wir
Verwechselt, hatte sie betrogen.

73.
Die Priesterin uns abzuringen,
(Verraten hat uns längst der Sterbenden Geschrei)
Umstürmt uns der Dolopen Schar. Es dringen
Mit Ajax die Atriden selbst herbei.
So, wenn im Sturme sich die Winde heulend schlagen,
Der wilde Süd, des Nordens raue Macht,
Der mut'ge Ost, auf Titans raschem Wagen,
Es rauscht des Meeres Grund, des Waldes Eiche kracht.

74.
Jetzt sehn wir noch zu ganzen Heeren,
Die unsrer Waffen glücklicher Betrug
Vor kurzem noch im finstern Dunkel schlug,
Von ihrer Flucht zurückekehren.
Ihr schneller Blick erkennt in dunkler Schlacht
Des Helmes List, der Schilde falsche Zeichen.
Jetzt muss der Augen Wahn dem Klang der Stimmen weichen,
Jetzt siegt des Feindes Übermacht.

75.
Es fällt zuerst, von Peneleus durchstochen,
Choröbus an Tritoniens Altar.
Es fällt, der das Gesetz der Tugend nie gebrochen,
Ripheus, der Redlichste, den Ilium gebar.
Die Götter richteten nicht so! Von Freundesstreichen
Liegt Hypanis, liegt Dymas hingestreckt;
Und kann der Priesterschmuck, der dich, o Panthus, deckt,
Kann selbst dein schuldlos Herz die Himmlischen erweichen?

76.
Bezeugt mir's, Troja's heil'ge Trümmer,
Du Flammengrab, das meine Stadt verschlang,
Dass ich an jenem Schreckenstage nimmer
Mich feig entzogen des Gefechtes Drang,
Und war's mein Los, an jenem Tag zu enden,
Dass ich's verdient mit meinen Würgerhänden!
Jetzt wich ich der Gewalt, mir folgt, vor Alter lass,
Iphit und, schwer von Wunden, Pelias.

77.
Zu Priams Burg ruft uns der Stimmen lautster Hall,
Als raste nirgends sonst der Streitenden Gedränge,
Nicht durch ganz Ilium der Waffen wilder Schall,
Erblick' ich hier ein fürchterlich Gemenge
Des Andrangs Ungestüm, ergrimmten Widerstand.
Den Feind seh' ich die hohen Dächer stürmen
Und mit der Schilde dicht geschloss'nem Band
Sich furchtbar vor den Eingang türmen.

78.
Ich sehe Leitern an die Mauern legen,
Entschlossen klimmt der trotz'ge Sieger nach,
Die Linke hält den Schild der Pfeile Sturm entgegen,
Fest klammert sich die Rechte an das Dach.
Beschäftigt ist mein Volk, die Türme abzutragen,
Und mit den Trümmern wird der Stürmende bedroht,
Die letzte Zuflucht ihrer Not,
Wenn Alles, Alles fehlgeschlagen!

79.
Herabgestürzt seh' ich die übergoldten Zinnen,
Denkmäler alter königlicher Pracht.
Mit bloßem Schwert wird jeder Weg nach innen
Von einer dichten Schar Dardanier bewacht,
Ein frischer Mut lebt auf in unsern Seelen,
Der schwer bedrängten Burg des Königs beizustehn,
Mit Stärke Stärke zu vermählen
Und der Besiegten Mut mitstreitend zu erhöhn.

80.
Noch führten zum Palast, der Menge unbekannt,
Geheime, abgelegne Türen,
Durch deren nie entdecktes Band
Die Zimmer ineinander sich verlieren.
Oft hatte, frei von des Gefolges Zwang,
Andromache in Troja's schönen Tagen
Auf diesem unbemerkten Gang
Zum frohen Ahn den Enkel hingetragen.

81.
Mich bracht' er jetzt zum höchsten Dach hinauf,
Von wo die Teukrier mit segenleeren Händen
Verlorne Pfeile nieder senden.
Zum gähen Turm verfolg' ich meinen Lauf,
Der übers Dach empor zum Sternenhimmel schreitet;
Ganz Ilium liegt vor mir ausgebreitet,
Der feindlichen Gezelte ganzes Heer,
Das ganze Schiff bedeckte Meer.

82.
Von Tod umringt, zerreißen wir voll Mut
Der Decke schon gewichne Fugen,
Und schleundern sie auf der Achiver Flut
Mitsamt den Pfeilern, die sie trugen.
Herunter stürzen sie mit donnerndem Gekrach,
Und weh den Stürmenden, die sich darunter stellten!
Doch frische Krieger dringen nach,
Der Streit brennt fort und alle Waffen gelten.

83.
Als wollt' er jeden Feind zermalmen,
Pflanzt Pyrrhus sich im Glanz der Rüstung vor das Tor,
Der Schlange gleich genährt von bösen Halmen,
Die Gift geschwollen schlief im eisbedeckten Moor
Und neu verjüngt jetzt von sich streift die Schale,
Den glatten Leib im Reif zusammen ringt,
Sich mit erhabner Brust aufbäumt zum Sonnenstrahle,
Und dreier Zungen Blitz im Munde schwingt.

84.
Dicht an ihm steht der hohe Periphas,
Nächst dem Automedon, Achillens Wagenwender,
Es drängt sich Skyros Jugend an den Pass,
Und nach dem Giebel fliegen Feuerbränder.
Vom Angel haut er selbst das erzbeschlagne Tor,
Und alle Bänder stürzt des Beiles Schwung zu Grunde,
Leicht wird das Holz durchbohrt, das seinen Schirm verlor,
Und weit geöffnet klafft des Tores Wunde.

85.
Des innern Hauses weiter Hof, die Schar
Der Trojer, die den Eingang hüten,
Der alten Könige geheimste Säle bieten
Dem überraschten Blick sich dar,
Und aus den innersten Gemächern dringet
Der Männer Schrei, der Weiber jammernd Ach,
Die ganze Wölbung hallt das Klaggeheule nach,
Das in den Wolken wieder klinget.

86.
Man sieht der Mütter Heer die weite Burg durchschweifen,
Zum letzten Lebewohl die Säulen noch umgreifen
Und küssen den empfindungslosen Stein.
Ganz mit des Vaters Trotz bricht Pyrrhus schon herein.
Ihn hält kein Schloss, die Türe liegt in Trümmern,
Vom Widder eingerannt, Gewalt macht Bahn,
Tod ist der erste Gruß: So fluten sie heran,
Von Waffen rauscht's in allen Zimmern.

87.
So wütet nicht der hoch geschwollne Bach,
Der schäumend seinen Damm durchbrach,
Der Felsen Kerkerwand mit wildem Grimm durchhauen.
Er stürzt ins Feld mit trüber Wogen Kraft,
Der Herden Schar auf den ertränkten Auen
Wird mit den Hürden fortgerafft.
Ich selbst sah, Mord im Blick, den Achill leiden
Am Eingang stehn und bei ihm die Atreiden.

88.
Ich sah auch Hekuba, sah ihre hundert Töchter,
Sah Priam selbst an den Altar gestreckt,
Den Vater blühender Geschlechter,
Noch mit dem Blut der Opfer frisch befleckt.
Es tritt der Feind die Saat von fünfzig Ehen,
Der Enkel schöne Hoffnung in den Staub,
Die goldne Säule stürzt, behangen it Trophäen,
und was dem Brand entging, das wird des Würgers Raub.

89.
Mitleidig, Fürstin, wirst du fragen,
Wie König Priam seine Tage schloss?
So wisse denn: Kaum hört' er Trojens Stunde schlagen
Und sah den Feind, der durch die Pforten sich ergoss,
So eilt' er, sich den Panzer anzuschnallen,
Der die entwöhnten Glieder nieder zog,
Umhängt das Schwert, das längst der Scheide nicht entflog,
Und stürzt zur Schlacht, als Fürst zu fallen.

90.
Es stieg in des Palastes mittlerm Raume
Ein hoher Altar in des Äthers Plan,
Ihn fächelte von einem alten Lorbeerbaume
Die nachbarliche Kühlung an.
Gleich scheuen Tauben, die das donnerschwüle Wetter
Zusammentrieb, lag dorten Hekuba
Mit allen Töchtern kniend da,
Und schloss in ihren Arm die unerweichten Götter.

91.
Jetzt sah sie den Gemahl, bereit zur Gegenwehr,
Im jugendlichen Schmuck der Waffen sich bewegen.
Unglücklicher, wohin? Ruft sie ihm bang entgegen,
Was für ein Wahnsinn reichte dir den Speer?
Und wäre selbst mein Hektor noch zugegen,
Jetzt helfen Schwert und Lanzen uns nicht mehr.
Hieher tritt! Dieses Heiligtum schützt Alle,
Wo nicht, vermählt uns doch im Falle!

92.
Sie sprach's und zog ihn zu sich hin und ließ
Im Priesterstuhl den Greis sich nieder setzen.
da kam, von Pyrrhus mörderischem Spieß
Durchbohrt, sein Sohn Polit, bluttriefend, voll Entsetzen,
Der Feinde Haufen durch, den weiten Bogengang
Daher gerannt. Sein Blick sucht in der öden Leere
Der weiten Zimmer Schutz; den schon gewissen Fang
Verfolgt Neoptolem mit Mord begier'gem Speere.

93.
Schon hascht ihn sein furchtbarer Arm,
Und über ihm sieht schon den Stahl der Vater schweben;
Noch flieht er bis zu Priams Fuß, und warm
Entquillt in Strömen Bluts das junge Leben.
nicht länger schwiegt das Vaterherz;
Obgleich verurteilt von des Mörders Grimme,
Erhebt er fürchterlich des Zornes Donnerstimme
Und heult in diese Worte seinen Schmerz:

94.
Für diese Freveltat, für diesen bittern Hohn,
Für dies verfluchenswürdige Erkühnen,
Wenn noch Gerechtigkeit wohnt auf der Götter Thron,
Erwarte dich, wie solche Taten ihn verdienen,
Dich, Ungeheu'r, ein grausenvoller Lohn!
Dich, dich, der mit verruchtem Bubenstücke,
Mit dem erwürgten lieben Sohn
Gefoltert hat die väterlichen Blicke!

95.
So, wahrlich, hielt's mit seinem Feinde nicht
Achill, den du zum Vater dir gelogen,
Es ehrte mit errötendem Gesicht
Der Held mein Alter und der Liebe Pflicht,
Als ich zu ihm, ein Flehender, gezogen;
Er weigerte mir Hektors Leichnam nicht,
Des Toten Feier würdig zu begehen,
Und ließ mich Troja wieder sehen.

96.
Mit diesen Worten schleudert er den Schaft,
Der ohne Klang der schwachen Hand enteilet
Und, aufgefangen von des Gegners Kraft,
Des Schildes Spitze kaum zerteilt.
Geh' denn, erwidert Pyrrhus ihm voll Hohn,
Sag' dem Achill, wie sehr ihn meine Taten schänden!
Verklage dort den tief gesunknen Sohn!
Jetzt aber stirb von meinen Händen!

97.
Er reißt den Zitternden, dies sagend, zum Altare,
Der noch vom Blut des Kindes raucht,
Fasst mit der linken Hand die silbergrauen Haare,
Indes die Rechte tief sich in den Busen taucht.
So endigt' Priamus. Sein Aug' sah Troja brennen,
Die über Asien den Zepter ausgestreckt,
Jetzt ein gigant'scher Rumpf, am Meeresstrand entdeckt,
Es fehlt das Haupt, und Niemand kann ihn nennen.

98.
Jetzt wird zum ersten Mal von Furcht mein Herz erfüllt.
Des alten Königs letztes Blassen
Weckt mir des eignen teuren Vaters Bild,
Zeigt mir mein Haus im Schutt, Gemahlin, Kind verlassen;
Ich spähe ringsum, wer mir folgen kann.
Ach, matt vom Streit sind alle längst verschwunden,
Hier hatten sie vom Turm den kühnen Sprung getan.
Dort in den Flammen ihren Tod gefunden.

99.
So war ich denn der einzig übrige von allen,
Als meinem Blick, der durch die Gegend fleugt,
Des Brandes heller Schein in Vesta's Tempelhallen
Die Tochter Tyndars sprachlos sitzend zeigt.
Der Griechen Furie, der Phrygier Verderben,
Bang, durch des Gatten strenges Strafgericht,
Bang, durch der Teukrier gerechte Wut zu sterben,
Barg sie im Heiligtum ihr bleiches Angesicht.

100.
Mein Zorn entbrennt. Es reißt mich hin sie zu durchbohren,
Zu rächen mein zerstörtes Vaterland.
Was? Troja setzte sie in Brand
Und zöge prangend ein in Lacedämons Thoren,
Die Teukrer hinter sich in sklavischem Gewand?
Sie sähe Gatten, Kinder, Eltern, Vaterland?
Sie dürfte mit das Siegesfest begehen?
Nein, das wird nimmermehr geschehen!

101.
Mag's sein, dass des gestraften Weibes Blut
Des Mannes Schwert entehrt, den leichten Sieger schändet:
Genug, ich sättige der Rache heiße Glut,
Der Frevel wird gestraft, gerächt der Freunde Blut,
Und eine Schuldige dem Orkus zugesendet.
So sprach aus mir des eitlen Grimmes Wut,
Als plötzlich, schön, wie sie sich nimmer mir gezeiget,
Der Mutter Glanzgestalt sich zu mir neiget.

102.
Ganz Göttin, ganz umflossen von dem Lichte,
Worin sie steht vor Jovis Angesichte,
Durchschimmerte ihr Glanz die Dunkelheit.
Von welcher Wut, mein Sohn, von welcher Wunde
Entbrennt dein Herz? Ertönt's von ihrem Rosenmunde,
Indem ihr Arm zu stehen mir gebeut.
Wohin mit diesen wütenden Gebärden?
Was soll aus deiner Mutter werden?

103.
Du willst nicht lieber sehn, ob dein Askan noch lebt,
Wo du des Vaters graues Haupt verlassen,
In welchen Nöten jetzt dein Weib Kreusa schwebt,
Die der Achaier Schwärme rings umfassen,
Längst, ohne mich, ein Raub des Feuers oder Schwertes?
Nicht die spartan'sche Helena lass büßen,
Nicht Paris klage an! Da! Zürne himmelwärts!
Die Götter sind's, die Troja's Fall beschließen!

104.
Blick' auf! Der Nebel sei zerstreut,
Der noch mit Finsternis dein sterblich Aug' umhüllet;
Doch werde streng von dir erfüllet,
Was deine Mutter dir gebeut.
Du siehst, wie Qualm und Rauch in schwarzen Fluten steiget,
Siehst Schutt auf Schutt und Stein auf Stein gehäust.
Das ist Neptun, der Troja's Veste schleift
Und mit dem Freizack ihre Mauern beuget.

105.
Am Skäertor siehst du Saturnia,
Die Unbarmherzige, in rauem Eisen blinken,
Siehst von den Schiffen sie stets neue Feinde winken;
Auf Pergams Turm siehst du Tritonia,
In ihrer Hand der Gorgo Schrecknis, blitzen;
Du siehst - o fliehe, fliehe, teurer Sohn!
Des Himmels König selbst auf Ida's düsterm Thron
Den Feinden Kräfte leihn, die Himmlischen erhitzen.

106.
Gib auf die eitle Gegenwehr!
O säume nicht, noch zeitig zu entrinnen!
Noch unverletzt wirst du dein Haus gewinnen;
Ich bin mit dir. - Sie sprach's, und Nacht war um mich her,
Und mir erschienen, mit des Grimmes Falten,
Der hohen Götter feindliche Gestalten,
Verwüstung, Einsturz, Grausen um und um,
IN Asche sank vor mir ganz Ilium.

107.
So, wenn der Pflüger Schar, auf hoher Bergesheide,
Der Äxte mörderische Schneide
Auf den bejahrten Stamm der wilden Esche zückt,
Sie murrt erzürnt herab, die schwanke Krone nicht,
Erschüttert rauscht der dicht belaubte Wipfel;
Bis, von der Wunden Macht besiegt,
Sie ächzend sich herunter wiegt,
Und sich zermalmend wälzt von des Gebirges Gipfel.

108.
Jetzt eil' ich fort. Durch Flammen, Schwert und Leichen
Führt unbeschädigt mich ein Gott, es weichen
Die Lanzen vor mir aus, das Feuer macht mir Bahn,
Schon hab' ich mich zur Wohnung durchgeschlagen,
Mit dem verehrten Vater fang' ich an,
Ihn will ich rettend erst auf das Gebirge tragen;
Umsonst bestürmt ihn seines Sohnes Flehn,
Mit Troja will er untergehn.

109.
Ihr Andern, ruft er aus, in deren festen Brüsten
Der Jugend üppige Gesundheit blüht,
Spart euch für bess're Tage - flieht!
War's mir von Zeus bestimmt, des Lebens Rest zu fristen,
So war er Gott genug, den Flammen selbst zum Hohn,
Ein Haus mir zu verleihn. Genug, dass einmal schon
Dies graue Haupt den Fall Dardaniens betrauert,
Genug, dass es ihn einmal überdauert!

110.
So will ich es. Jetzt, Kinder, nehmt
Den letzten Abschied von Anchisen!
Den Weg zum Tode find' ich selbst, es schämt
Der Feind sich nicht, mein Blut mitleidig zu vergießen.
Er zieht mich aus. Gleichviel, begraben oder nicht!
Die Götter hassen mich. Wozu noch länger tragen
Des siechen Lebens lastendes Gewicht,
An Taten leer, seitdem mich Jovis Blitz geschlagen!

111.
Er sprach's, und unbeweglich blieb er stehn,
Ihn beugt nicht unser heißes Dringen,
Nicht seines Enkels, nicht Kreusens Händeringen,
Nicht unsrer Tränen Bund, die strömend zu ihm flehn,
Durch solchen Trotz doch nicht dne Tod herbeizurufen,
Nicht uns, uns alle mit in seinen Fall zu ziehn;
Er bleibt auf seinem Nein und weicht nicht von den Stufen,
Aufs neu muss ich dem Tod entgegen fliehn

112.
Denn, Götter, welche Wahl ward mir gegeben!
Dich, Vater, ließ ich fliehend hinter mir?
Solch grausames Begehren kam von dir?
Ist's Jovis Schluss, soll nichts die Heimat überleben?
Beharrest Du darauf, dass uns derselbe Tod
Vereinige, wohlan, der Wunsch ist zu erhören.
Schon naht, von Priams Blut und seines Sohnes rot,
Neoptolem, bereit, der Opfer Zahl zu mehren.

113.
Und darum führtest du durch Schwert und Feuer,
Erhabne Mutter, deinen Sohn? Ich soll den Feind
Auch hier noch wüten sehn, soll alles, was mir teuer
Und heilig ist, in einem Fall vereint,
An seinem Speere sich verbluten sehen?
O Waffen, Waffen her! Der letzte Tag bricht an;
Lasst uns aufs neu dem Feinde stehen!
Nicht ungerochen stirbt, wer männlich fechten kann!

114.
Sogleich gürt' ich das Schwert mir um den Leib,
Und in des Schildes Griff muss sich die Linke fügen.
So geht's zum Tor. Ach, hier seh' ich mein teures Weib,
Den Kleinen zu mir neigend, vor mir liegen.
Zum Tod gehst du, ruft sie, so nimm auch uns mit fort!
Doch hoffst du Rettung noch von deinen Heldenarmen,
So bleib und schütze diesen Ort!
Was wird aus uns? Wer wird der Deinen sich erbarmen?

115.
So ruft sie heulend und erfüllt
Das ganze Haus mit ihren Schmerzen,
Als unverhofft, da wir den kleinen Julus herzen,
Dem überraschten Blick ein Wunder sich enthüllt.
Sieh! Von des Knaben Scheitel quillt
Hell leuchtend eine Feuerflocke;
Sie wächst, indem sie niederfällt, und mild
Durchkräuselt sie die unversehrte Locke.

116.
Schnell schütteln wir sie weg und eilen, für Askan
Besorgt, die heil'ge Glut mit Wasser zu ersticken:
Anchises aber steckt die Hände himmelan
Und dankt hinauf mit freudehellen Blicken:
Jetzt endlich, großer Zeus, sind wir erhört!
O blick', wenn anders Bitten dich bewegen,
Mit Huld auf uns herab, und, sind wir's wert,
Verleih' uns Schutz, bekräft'ge diesen Segen!

117.
Er spricht es, und zur Linken kracht
Ein lauter Donnerschlag. In schönem Strahlenbogen
Kommt durch die weit erhellte Nacht
Ein funkelndes Gestirn geflogen;
IN unserm Zenit stieg es auf und zog
Die Silberfurche hin nach Ida's Triften,
Den Weg uns zeigend, den es flog;
Die ganze Gegen raucht von Schwefeldüften.

118.
Von dieser Zeichen Macht besiegt
Rafft sich Anchises auf und betet zu dem Sterne.
Fort, ruft er, fort! Die Zeit ist kostbar, fliegt!
Führt mich von dannen, sei's auch noch so ferne!
Euch, Götter, die dies Zeichen uns gesandt,
Vertrau' ich dieses Kind, vertrau' ich diese Beiden;
In eurer Obhut steht das Vaterland!
Jetzt komm, mein Sohn! Ich folge dir mit Freuden.

119.
Und lauter, immer lauter hört man schon
Des Brandes nahe Feuerflammen krachen.
Auf, Vater, ruf' ich, auf! Ich trage dich, den Schwachen,
Leicht drückt des Vaters teure Last den Sohn.
Was nun auch kommen mag, wir teilen Tod und Leben!
Die Hand will ich dem Kleinen geben,
In ein'ger Ferne folgt Kreusa still.
Ihr Knechte, merkt, was ich verkünden will.

120.
Gleich vor der Stadt steht ihr an einem Felsenhange,
Den ein verlass'ner Cerestempel schmückt,
Daneben ein Zypressenbaum, seit lange
Mit Andacht von den Vätern angeblickt.
Dort treffen wir uns in verschiednen Scharen!
Du, Vater, wirst die Heiligtümer wahren!
Wie dürfte sie, noch nicht genetzt von frischer Flut,
Berühren diese Hand voll Blut!

121.
Sogleich wird ein Gewand den Schultern umgehangen,
Vom Rücken wallt noch eine Löwenhaut;
Ich neige mich, die Last des Vaters zu empfangen,
Der Rechten wird mein Julus anvertraut,
Der neben mir mit kürzern Schritten eilet,
Und hinter unserm Rücken weilet,
Zu hintergehn den lauernden Verdacht,
Kreusens Schritt - so fliehn wir durch die Nacht.

122.
Wie oft auch sonst im wildesten Gemenge
Der Schlacht mein Busen unerschüttert blieb,
Wie wenig mir der Feinde furchtbarstes Gedränge
Die Nöte von den Wangen trieb:
Jetzt machte jeder Laut mich beben,
Mir schauerte vor jedes Lüftchens Zug,
Besorgt für des Begleiters Leben,
Bang für die Würde, die ich trug.

123.
Schon sehn wir uns mit raschen Schritten
Unsern dem Tore, frei von feindlicher Gewalt,
Als ein Geräusch von Menschentritten
In die erschrocknen Ohren schallt,
Und nahe hinter uns im Dunkeln
Sah meines Vaters Schrecken Schilde funkeln
Und blank geschliffne Helme glühn.
Sie sind's, ruft er, o lass uns eilends fliehn!

124.
Noch heute weiß ich nicht, welch feindliches Geschick
Den Mut mir nahm, die Sinne mir verwirrte
IN diesem unglücksvollen Augenblick.
In unwegsame Gegenden verirrte
Mein Fuß. Ach, hielt ein Gott Kreusen mir zurück?
Verlor sie sich auf unbekannten Pfaden?
Blieb sie ermattet stehn? Ich hab' es nie erraten;
Verschwunden war sie ewig meinem Blick!

125.
Und erst, als am bezeichneten Altar
Versammelt waren alle Seelen,
Ward ich den schrecklichen Verlust gewahr,
Sah ich von Alen sie allein uns fehlen.
Wen im Olymp schalt nicht mein blutend Herz,
Wen klagt' mein Grimm nicht an auf Tellus weitem Runde!
Was war mir gegen diesen Schmerz
Des Reiches Fall und Troja's letzte Stunde!

126.
In der Gefährten treuer Hand
Verlass' ich Julus und Anchisen
Und unsrer Götter heil'ges Pfand;
Im Tal wird ihnen Zuflucht angewiesen
Ich selber wende mit dem blanken Stahl
Zur Stadt zurück. Gält's auch, ganz Troja zu durchspähen,
Mein Schluss steht fest, der Schrecken ganze Zahl
Und jegliche Gefahr von neuem zu bestehen.

127.
Erst eil' ich nach dem Tor, das Rettung uns gewährt,
Und meiner Tritte Spur muss mir den Rückweg zeigen;
Mir graut bei jedem Schritt, es schreckt mich selbst das Schweigen.
Vielleicht, dass sie zur Wohnung umgekehrt;
Drum eil' ich hin, was dort mich auch bedrohe.
Hier herrscht bereits der Feind, vom Wind gegeißelt wehn
Die Flammen schon bis an des Giebels Höhn,
Zum Himmel schlägt die fürchterliche Lohe.

128.
Des Königs Burg wird jetzt aufs neu von mir besucht.
Hier hüten Phönix und Ulyss, von allen
Achaiern auserwählt, in den geräum'gen Hallen,
Wo Juno's Freiheit ist, des blut'gen Raubes Frucht.
Hier seh' ich unter Troja's reichen Schätzen,
Dem Feuer abgejagt, der Tempel goldne Zier.
In langen Reihn gelagert seh' ich hier
Der Mütter bleiches Heer, die Kinder voll Entsetzen.

129.
Kühn ließ ich durch die totenstille Nacht,
Verlorne Müh! Der Stimme Klang erschallen,
Ließ durch ganz Ilium den teuren Namen hallen;
In eitlem Suchen hab' ich Stunden hingebracht,
Als ein Geicht, der ähnlich, die ich misse,
Nur größer von Gestalt, als sie im Leben war,
Daher tritt durch die Finsternisse.
Mir graust, der Atem stockt, die Berge steigt mein Haar.

130.
Warum, ruft es mich an, mit Suchen dich ermüden?
Wozu, geliebtester Gemahl;
Des langen Forschens undankbare Qual?
Kreusens Schicksal hat ein Gott entschieden.
Nie, nie wirst du auf deinem irren Pfad
Von deiner Gattin dich begleitet sehen.
Dagegen setzt sich Jovis Rat,
Der droben herrscht in des Olympus Höhen.

131.
Ein Flüchtling wirst du lang den Wogen dich vertrauen,
Bis dein geduld'ger Mut Hesperien erringt,
Durch dessen segenvolle Auen
Der lyd'sche Tiberstrom die stillen Fluten schlingt.
Dir winkt an seinen lachenden Gestaden
Ein Thron und einer Königstochter Hand.
Drum höre auf, in Tränen dich zu baden
Um das zerriss'ne Liebesband.

132.
Ich werde nicht der Griechen Städte steigen,
Nicht jubeln sehn der Stolzen Vaterland,
Nicht vor den Griechinnen die Sklavenknie beugen,
Ich, Dardans Enkelin, der Venus anverwandt!
Es hält bei Priams umgestürztem Throne
Der Götter hohe Mutter mich zurück.
Leb' wohl! Dich grüßt mein letzter Blick!
Leb' wohl und liebe mich in unserm teuren Sohne! -

133.
Auf meiner Zunge schwebt noch manches Wort,
Noch manchem Laut will ich von ihren Lippen saugen;
In dünne Lüfte war sie fort,
Ihr folgen weinend meine Augen;
Drei Mal will ich in ihre Arme fliehn,
Drei Mal entschlüpft das Bild dem feurigen Berühren,
Gleich leichten Nebeln, die am Hügel ziehn,
Ein Traum, den Titans Pferde rasch entführen.

134.
Schnell wend' ich jetzt (der Tag fing an zu grauen)
Zu den Gefährten um. Verwundert fand ich hier
Ein neues großes Heer von Jünglingen und Frauen,
Des Elends Kinder! Gleich gesinnt mit mir,
Auf fremdem Stand sich anzubauen.
Entschlossen strömten sie mit Hab' und Gut herbei,
Bereit, durch welche Fluten es auch sei,
Sich meiner Führung zu vertrauen.

135.
Der Stern des Morgens stieg empor
Auf Ida's hoher Wolkenspitze
Und leuchtete der Sonne Wagen vor.
Gesperrt hielt der Achaier jedes Tor,
Und nirgends Hoffnung mehr, die väterlichen Sitze
Zu retten von der Feinde Flut.
ich weiche dem Geschick. Die Schultern beugen
Sich unter meines Vaters Last, mit Mut
Raff' ich mich auf, den Ida zu besteigen.


Dido

Freie Übersetzung des vierten Buchs der Aeneide

1.
Doch lange schon im stillen Busen nährt
Die Königin die schwere Liebeswunde!
Ergriffen tief hat sie des Mannes Wert,
Des Volkes Glanz und seines Ruhmes Kunde;
An seinen Blicken hängt sie, seinem Munde,
Und, leise schleichend, an dem Herzen zehrt
Ein stilles Feuer; es entfloh der Friede,
Der goldne Schlaf von ihrem Augenliede.

2.
Kaum zog Aurorens Hand die feuchte Schattenhülle
Vom Horizont hinweg, als ihres Busens Fülle
Ins gleich gestimmte Herz der Schwester überwallt.
Ach, welche Zweifel sind's, die schlaflos mich durchbohren!
Geliebte, welcher Gast zog ein zu unsern Toren!
Wie edel! Welche männliche Gestalt!
Wie groß sein Mut! Sein Arm, wie tapfer im Gefechte!
Gewiss, erstammt von göttlichem Geschlechte.

3.
Durch welche Prüfung ließ das Schicksal ihn nicht gehn!
Gemeine Seelen wird das feige Herz verklagen;
Du hörtest, welche Schlachten er geschlagen!
Ja, könnte Liebe je in dieser Brust erstehn,
Seit mein Sichäus in das Grab gestiegen,
Und wäre mein Entschluss, mein Abscheu zu besiegen
An Hymens Banden - soll ich dir's gestehn?
Der einz'ge könnte schwach mich sehn.

4.
Ja, Anna, ohne Rückhalt soll vor dir
Das Herz der Schwester sich erschließen!
Seitdem ein Brudermord Sichäus mir,
Der meine erste Liebe war, entrissen,
Seit meiner Flucht war dies der erste Mann,
Der meinem Herzen Neigung abgewann,
Der erste, sag' ich dir, der mich zum Wanken brachte,
Neu ist die Glut erwacht, die einst mich selig machte.

5.
Doch eher schlinge Tellus mich hinab,
Mich schleudre Jovis Blitz hinunter zu den Schatten,
Zu des Avernus bleichen Schatten,
Hinunter in das ewig finstre Grab,
Eh' dass ich deine heiligen Gesetze,
Schamhaftigkeit, und meinen Eid verletze!
Er nahm mein Herz dahin, ihm war's zuerst geweiht,
Sein bleibt's in alle Ewigkeit.

6.
Sie spricht's, und ihren Schoß betauen milde Zähren.
O über alles mir Geliebte! Gibt
Die Schwester ihr zurück. Allein und ungeliebt
Willst du verblühn, den Kummer ewig nähren?
Die Wonne, die aus holden Kindern lacht,
Der Venus Freuden dir Versagen?
Nach solchen Opfern, meinst du, fragen
Die Toten in des Abgrunds Nacht?

7.
Und sei's! Hat denn der vielen Freier einer
Dein kummerkrankes Herz zur Liebe je geneigt?
Von allen kriegerischen Fürsten keiner,
Die Afrika in seinem Schoß gezeugt.
Selbst der, vor dem die Libyer erbeben,
Den Tyrus längst gehasst, selbst Jarbas konnt' es nicht;
Und einer Neigung willst und widerstreben,
Für die dein Herz so mächtig spricht?

8.
Vergaßest du, wo du dich eingewohnet,
Dass ohne Zaum hier der Numider jagt,
Der unbezwungne Getuler hier thronet,
Die Syrte dort die Landung dir versagt,
hier unwirtbare Wüsten dich umgrausen,
Dort der Barcäer wilde Völker hausen,
Der Bruder selbst, dess Habsucht du entflohn,
Und Tyrus Waffen sich von Osten her bedrohn?

9.
Glaub' mir, die Götter, die dich lieben,
Lucina selber war's, die an Karthago's Strand
Die Schiffe dieser Fremdlinge getrieben.
Welch eine Stadt seh' ich durch dieses Eheband,
Welch einen Thron, o Schwester, sich erheben!
Zu welchen strahlenvollen Höhn
Wird der Karthager Name schweben
Wenn solche Helden uns zur Seite stehn!

10.
Versöhne du nur erst der Götter Zorngericht
Durch frischer Opfer Blut. Die Fremdlinge zu halten,
Lass königlich des Gastrechts Fülle walten;
An Gründen, sie zu fesseln, fehlt es nicht.
Seht die zerbrochnen Schiff'! Seht, wie die Nebel rauchen,
Die See noch stürmt, Orion Regen zieht!
So wusste die zur Glut den Funken aufzuhauchen,
Die Hoffnung naht, und das Erröten flieht.

11.
Jetzt fragt sie das Geschick an blutigen Altären.
Dir, Phöbus, der das Künftige enthüllt,
Die, Städte gründende Demeter, quillt
Zweijähr'ger Rinder Blut, dir, Bromius, zu Ehren,
Vor allen, Juno, dir, der Ehen Schützerin.
Vor dem Altar sieht man die schönste aller Frauen,
Den Becher in der Hand, Karthago's Königin,
Des weißen Rindes Haupt mit heil'ger Flut betauen.

12.
Bald geht sie vor der Götter Angesicht
An den noch dampfenden Altären auf und nieder,
Beschenkt die schon Beschenkten wieder
Und forscht, was rauchend noch das Eingeweide spricht.
Betörtes Sehervolk! Befreien
Gebet und Opfer wohl das schwer befangne Herz?
Am innern Mark zehrt der verhehlte Schmerz
Und spottet eurer Träumereinen.

13.
Der Flammen unheilbare Pein
Treibt sie, Karthago's Stadt im Wahnsinn zu durcheilen.
So flieht die Hindin, die in Kreta's Hain
Mit zwecklos abgeschossnen Pfeilen
Der ferne Jäger traf. In ihrem Fleisch das Rohr
Des Todes, das der Feind verlor,
Betaut sie die durcheilten Felder
Mit ihrem Blut und Dikte's finstre Wälder.

14.
Jetzt führt sie durch Karthago ihren Gast,
Zeigt prahlend ihm der Mauern stolze Last
Und lässt vor seinem Blick die Größe Sidons prangen.
Ein flüchtiges Gespräch wird schüchtern angefangen;
Schnell reißt die Furcht es wieder ab. Kaum bricht
Der Abend ein, so winkt das Mahl; sie fodert
Von Trojens Fall aufs neue von ihm Bericht
Und nährt die Glut, die in dem Herzen lodert.

15.
Trennt endlich sie der strenge Ruf der Nacht,
Und winkt der Sterne sinkend Licht zum Schlummer,
So nährt sie einsam ihren Kummer,
Und sein verlassnes Polster wird bewacht.
Abwesend hört sie ihn, verschlingt sie seine Züge,
Herzt in Askan des teuren Vaters Bild,
Ob sie vielleicht die Leidenschaft betrüge,
Die glühend ihren Busen füllt.

16.
Der Türme hoch geführte Lasten
Erlahmen bald in ihrem muntern Lauf;
Kein Wall, kein Giebel steigt mehr auf,
Und tausend fleiß'ge Hände rasten.
Der Jugend müß'ger Arm entwöhnt sich von dem Speer,
Im Hafen tönt kein Hammer mehr,
Und unvollendet trauert das Gerüste,
Das prahlend schon die Wolken küsste.

17.
Als Zeus Gemahlin sie von Liebesflammen brennen
Und selbst des Rufes Stimme trotzen sah,
Begann sie so zur schönen Cypria:
Glorwürdiges - man muss bekennen!
Hat ihr vollbracht, du und dein wackrer Sohn!
Mit reichem Raub zeiht ihr davon!
Ein wahres Heldenwerk, ein Weib zu überlisten!
Wert, dass zwei Götter sich mit ihrer Allmach trüsten.

18.
So scheint es doch, man habe meinen Sitezn
Und meiner Puner Treu' nicht sonderlich getraut?
Doch wo das Ziel? Wozu in Kämpfen uns erhitzen?
Lass Friede sein, und Dido werde Braut!
Du hast's erreicht: Sie liebt, sie rast von Liebesflammen.
Sei's denn! Sie werde dieses Phrygers Magd,
Dir sei der Tyrer Volk zur Mitgift zugesagt,
Wir beide schützen es zusammen.

19.
Idalia durchrang der Rede list'gen Sinn,
Das Reich Hesperiens, den Teukriern entrissen,
In Libyens Grenzen einzuschließen,
Und schlau erwidert ihr der Schönheit Königin:
Wer wäre Thor genug, mit deiner Macht zu streiten
Und dein Erbieten feindlich zu verschmähn?
Nur müsste, was durch uns geschehn,
Das Glück zum guten Ende leiten.

20.
Zu wenig bin ich selbst mit dem Geschick vertraut,
Doch wird es Jupiter gestatten,
Dass der Trojaner an den Tyrer baut,
Dass beide Stämme sich in Eins zusammen gatten,
Zu einem Volk vereint durch ew'gen Bund?
Du, seine Gattin, magst dich bittend an ihn wenden,
Neig' ihn durch deinen hoch beredten Mund,
Ich will das übrige vollenden.

21.
Darüber lass Saturnien gewähren!
Gibt ihr des Himmels Königin zurück.
Doch, wie dies dringende Geschäft mit Glück
Zu enden sei, lass mich vor allem dich belehren.
Sobald der erste Morgen tagt,
Und Titans Strahlen kaum die junge Welt bescheinen,
Führt in den nächst gelegnen Hainen
Die Liebestrunkene den Teukrer auf die Jagd.

22.
Wenn das Geschwader nun auf flügelschnellen Rossen
Dahinschwebt, mit dem Garn das Wildgeheg umzäunt,
Send' ich von oben her, vermengt mit schwarzen Schlossen,
Ein Ungewitter ab; der ganze Himmel scheint
Im Wolkenbruch herabgeflossen,
Durch die zerrissnen Lüfte kracht
Mein Donner, und Gewitternacht
Trennt von dem Fürstenpaar die fliehenden Genossen.

23.
In einer Grotte wird alsdann die Königin
Mit dem Trojaner sich zusammen finden,
Dort werd' ich gegenwärtig sein und, bin
Ich deiner nur gewiss, auf ewig sie verbinden.
Dort kröne Hymen ihrer Herzen Bund! -
Ihr winkt die Andre zu mit hoch zufriednen Blicken,
Ein Lächeln schimmert um der Göttin Mund,
Dass ihr's geglückt die Feindin zu berücken.

24.
Indes war Eos leuchtendes Gespann
Aus blauer Wogen Schoß gestiegen.
Beim ersten Gruß der Göttin fliegen
Karthago's Pforten auf, es fluten Ross und Mann
In munterm Schwarm laut lärmend durch die Felder,
Das weite Garn, den Jagdspieß in der Hand,
Kommt der Massylier im Flug daher gerannt,
Es schnaubt der Doggen Spürkraft durch die Wälder.

25.
Am Eingang des Palastes harrt
Der Königin, die noch am Putztisch säumet,
Der Puner Fürstenschar, und an den Stufen scharrt,
IN Gold und Purpur prächtig aufgezäumet,
Das stolze Ross der edlen Jägerin,
Und knirscht voll Ungeduld in die beschäumten Zügel.
Auf tun sich endlich des Palastes Flügel,
Umringt von Volk erscheint Karthago's Königin.

26.
Ein tyrisch Oberkleid, geschmückt
Mit buntem Saum, umfließt die schönen Glieder,
Durch ihre Locken ist ein goldnes Netz gestrickt,
Vom Rücken schwankt der volle Köcher nieder,
Von goldnem Haken wird der Purpur aufgeknüpft.
Ihr folgt der Phryger Schar; mit kind'schem Jubel hüpft
Askan voraus, und, Alle zu verdunkeln,
Sieht man Aeneen selbst im mittlern Reihen funkeln.

27.
So, wenn Apoll zu Delos heim'schem Herd
Von seinem Wintersitz am Xanthus wiederkehrt -
Da lebt Gesang und Tanz! Die festlichen Altäre
Umjauchzt der Agathyrsen bunte Schar,
Der Kreter, der Dryopen Heere.
Er selbst, den zarten Zweig des Lorbeers in dem Haar,
Durch dessen Wellen sich ein goldnes Band gezogen,
Steigt von des Cynthus Höhn, und ihn umrauscht der Bogen.

28.
So majestätisch zog Aeneas jetzt heran.
Kaum hatte man der Berge Höhn erstiegen,
Kaum aufgescheucht das Wild auf unwegsamer Bahn,
So werfen Gämsen sich und wilde Ziegen
Im Sprung vom stielen Fels, und vom Gebirge fliegen
Durch der Gefilde weiten Plan
Der Hirsche scheue Herden, von den Wogen
Des aufgerührten Staubs den Blicken bald entzogen.

29.
Den raschen Renner tummelt ab und auf
Askan im tiefen Tal mit kindischem Vergnügen,
Bemüht, in vogelschnellem Lauf
Jetzt diesen, jenen dann wetteifernd zu besiegen.
Wie feurig lechzt sein junger Mut,
Zu treffen auf des Ebers Wut,
Und einmal doch in diesem scheuen Haufen
Auf einen Löwen anzulaufen!

30.
Indessen kracht des Himmels ganzer Plan
Von fürchterlichen Donnerschlägen,
Auf schwarzen Flügeln bringt ein heulender Orkan
Geborstner Wolken Flut, des Hagels finstern Regen.
Erschrocken fliehen auf zerstreuten Wegen
Die Punier, die Teukrer mit Askan,
In Klüften sich, in Höhlen einzuschließen,
Indem von Bergen schon sich Wetterbäche gießen.

31.
In einer Felsenkluft, Elisa, findest du
Mit dem Trojaner-Fürsten dich zusammen,
Dem Bräutigam führt Juno selbst dich zu,
Und Mutter Tellus winkt. Der Horizont in Flammen
Bezeugt den unglücksel'gen Liebesbund,
Statt Hochzeitsfackeln leuchten dir die Blitze,
Und heulend stimmt der Oreaden Mund
Dein Brautlied an auf hoher Felsenspitze.

32.
Der Fürstin Glück entfloh mit diesem Tag.
Nichts kann aus ihrem Taumel sie erwecken,
Nicht das verklagende Gerücht vermag
Aus ihrer Trunkenheit die Rasende zu schrecken.
Jetzt keine Gedanke mehr, in scheuer Heimlichkeit
Des Herzens Glut der Neugier zu entrücken,
Der Ehe heil'ger Name wird entweiht,
Die Schuld der Leidenschaft zu schmücken.

33.
Alsbald macht das Gerücht sich auf,
Die große Post durch Libyen zu tragen.
Wer kennt sie nicht, die Kräfte schöpft im Lauf,
Der Wesen flüchtigstes, die schnellste aller Plagen?
Klein zwar für Furcht kriecht sie aus des Erfinders Schoß.
Ein Wink - und sie ist riesengroß,
Berührt den Staub mit ihrer Sohle,
Mit ihrem Haupt des Himmels Pole.

34.
Das ungeheure Kind gebar einst Tellus Wut,
Zu rächen am Olymp den Untergang der Brüder,
Die jüngste Schwester der Gigantenbrut,
Behend im Lauf, mit flüchtigem Gefieder.
Groß, scheußlich, fürchterlich! So viel es Federn trägt,
Mit so viel Ohren kann es um sich lauschen,
Durch so viel Augen sieht's, so viele Rachen reckt
Es auf, mit so viel Zungen kann es rauschen.

35.
Winkt Hekate die laute Welt zur Ruh,
So fliegt es brausend zwischen Erd' und Himmel,
Kein Schlummer schließt sein Auge zu.
Am Tage sucht's der Städte rauschendes Getümmel,
Da pflanzt es horchend sich auf hoher Türme Thron
Und schreckt die Welt mit seinem Donnerton,
So eifrig, Lästerung und Lügen festzuhalten,
Als fertig, Wahrheit zu entfalten.

36.
Jetzt brannt' es schadenfroh, die mannigfachsten Sagen,
Wahr oder falsch, gleichviel! Durch Libyen zu streun.
Ein trojischer Aeneas soll gekommen sein,
Der schönen Dido Hand im Raub davon zu tragen;
Zerfließen soll in üppigen Gelagen
Die lange Winterzeit dem schwelgerischen Paar,
Vergessen sie, ihr Reich zu schirmen vor Gefahr,
Er, neue Kronen zu erjagen.

37.
In Jarbas nimmt das Untier seinen Lauf,
Weckt in des Königs Brust die alten Liebesflammen
Und türmt des Zornes Donnerwolken auf.
Es rühmt sich dieser Fürst, von Ammon abzustammen,
Dem die entführte Garamantis ihn gebar.
Des Stifters hohe Abkunft zu bezeigen,
Sieht man in seinem Reich unzähl'ge Tempel steigen,
Und hundertfach erhebt sich Zeus Altar.

38.
Des Vaters hoher Gottheit leuchtet
Ein ewig waches Feu'r, von Priestern angefacht;
Stets ist des Gottes Herd von Opferblut befeuchtet,
Indem das Heiligtum von bunten Kränzen lacht.
Hier war's, wo jetzt, durchdonnert vom Gerüchte
Und überwältigt von des Zornes Last,
Der Fürst sich niederwarf vor Ammons Angesichte
Und flehend so zum Himmel rast:

39.
Das duldest du, ruft er, mit allen deinen Blitzen,
Allmächt'ger Zeus, den Libyen verehrt?
Dem wir auf prächt'gen Polstersitzen
Beim frohen Mahl der Traube Blut verspritzen?
So ist's ein Irrlicht nur, was durch die Wolken fährt?
So zittern wir umsonst vor deinem Donnerkeile?
So ist's ein leerer Schall, ein nichtiges Geheule,
Was unser bebend Ohr dort oben rauschen hört?

40.
Ein flüchtig Weib, bedrängt, ein Obdach nur zu finden,
Erscheint in meinem Reich. Auf halb geschenktem Strand
Gelingt's ihr endlich eine Stadt zu gründen,
Die Ufer geb' ich ihr zum Ackerland,
Schenk' ihr großmütig alle Fürstenrechte,
Erröte nicht, um ihre Hand zu frein -
Umsonst, ein Flüchtling kommt aus trojischem Geschlechte,
Den nimmt sie auf, des Sklavin will sie sein.

41.
Und dieser Weiberheld mit seiner Knabenschar,
Herausgeschmückt mit seiner lyd'schen Mütze,
Unwiderstehlich durch sein Salben triefend Haar,
Genießt nun seines Raubs in ihrem Fürstensitze.
Und wir, die mit verschwenderischer Hand
Das Fleisch der Rinder dir Geschlachtet,
Gefürchtet über Meer und Land,
Wir werden ungestraft verachtet!

42.
Erhörung findet er vor Ammons Angesicht.
Der blickt nach Tyrus Stadt, wo, reich durch ihre Herzen,
Der Schmähsucht Pfeil die Liebenden verschmerzen,
Winkt dann vor seinen Thron Cyllenius und spricht:
Wohlan, mein Sohn! Lass dich die Winde nieder schwingen
Zu dem Dardanier, der in Karthago säumt,
Und den verheißnen Thron im Arm der Luft verträumt,
Und eile, mein Gebot zu seinem Ohr zu bringen!

43.
Nicht, wie man jetzt ihn überrascht, verhieß
Ihn seine Mutter mir, die Göttin von Cythere,
Nicht, dass er schwelgen sollt' in Tyrus Stadt, entriss
Sie zweimal ihn der Myrmidonen Speere.
Das kriegerische Land, der Reiche künft'ges Grab,
Italien sollt' er regieren,
Verherrlichen den Stamm, der ihm den Ursprung gab,
Und die bezwungne Welt in Sklavenketten führen.

44.
Kann solcher Größe Glanz sein Herz nicht mehr beleben,
Will er für eignen Ruhm den Arm nicht mehr erheben,
Warum missgönnt er seinem Sohn
Unväterlich der Römer Thron?
Was ist sein Zweck? Was hält in Tyrus ihn vergraben,
Wo ein verjährter Hass den Untergang ihm droht?
Er segle fort! Er segle! Will ich haben.
Das ist mein ernstliches Gebot.

45.
Er spricht's, und was der große Vater ihm befohlen,
Lässt jener schleunig in Erfüllung gehn.
Erst knüpft er an den Fuß die goldnen Flügelfohlen,
Die reißend mit des Sturmes Wehn
Ihn hoch wegführen über Meer und Land,
Fasst dann den Stab, der einwiegt und erwecket,
Der die Verstorbnen führt in Lethe's stillem Strand,
Zurückbringt und das Aug' mit Todesnacht bedecket.

46.
Mit diesem Stab gebeut er dem Orkan,
Durchschwimmt der Wolken Meer und lenkt der Stürme Wagen
Jetzt langt er bei der Stirn des rauen Atlas an,
Und sieht im Fluge schon die schweren Schultern ragen,
Die hoch und steil den Himmel tragen.
In der Gewölke schwarzem Kissen ruht
Sein fichtenstarres Haupt, jetzt von des Hagels Wut
Gepeitscht, jetzt von der Winde Grimm geschlagen.

47.
Die Achseln deckt ein ew'ger Schnee. Es starrt
Von tausend jähr'gem Eis umfangen,
Des Greisen schauervoller Bart,
Und Wetterbäche waschen seine Wangen.
Hier hält Merkur zuerst die raschen Flügel an
Und ruht in sanftem Fall auf dem beeisten Zacken,
Wirft dann von des Gebirges Nacken
Mit ganzem Leib sich in den Ozean.

48.
So schwebt in tief gesenktem Bogen
Um Fisch bewohnter Klippen Rand
Die Möwe längs dem Meeresstrand,
Und netzt den niedern Fittig in den Wogen.
So kam jetzt zwischen Meer und Land
Durch Libyens getürmten Sand
Vom mütterlichen Ahn Merkurius geflogen,
Und brach mit schnellem Flug der Winde Widerstand.

49.
Kaum weilt sein Flügelfuß in Tyrus nächsten Gauen,
So stellt Aeneas sich ihm dar, bemüht
Die Mauern zu erneun und Türme zu erbauen.
Ein Schwert, mit Jaspis reich bezogen, glüht
An seinem Gurt, hell flammt um seine Lenden
Ein Oberkleid, mit Purpurblut getränkt,
Von der Geliebten ihm geschenkt
Und reich mit Gold durchwirkt von ihren eignen Händen.

50.
Schnell tritt der Gott ihn an. So, ruft er, Weiberknecht!
So überrascht man dich! Du baust Karthago's Veste,
Du gründest zierliche Paläste,
Und dein Beruf, dein auf dich hoffendes Geschlecht,
Weg sind sie, weg aus deiner Seele?
Merk' auf! Ich bringe dir Befehle
Vom Herrscher des Olymps, von jener furchtbarn Macht,
Vor der der Himmel bebt, des Erdballs Achse kracht.

51.
Von welcher Hoffnung Zauberseilen
Lässt sich dein müß'ger Fuß in Libyen verweilen?
Reizt dich des Ruhmes lorbeervolle Bahn
Nicht mehr, willst du für eignen Glanz nichts wagen?
Warum soll dein aufblühender Askan
Der Größe, die ihm winkt, entsagen?
Warum das Zepter sich entrissen sehn,
Das ihm beschieden ist auf des Janiuls Höhn?

52.
Kaum schweigt der Gott, so ist er schon den Blicken
Der Sterblichen in dünne Luft entrückt.
Mit schweigendem Entsetzen blickt
Aeneas nach, ihm schauert's durch den Rücken,
Die Locken stehn bergan, im Munde stirbt der Laut.
Durchdonnert von dem göttlichen Befehle,
Beschließt er schnelle Flucht, und mit entschlossner Seele
Entsagt er seiner teuren Braut.

53.
Ach, aber wo der Mut, die Flucht ihr anzukünden?
Wo die Beredsamkeit, ein liebeflammend Herz
Zu heilen von der Trennung Schmerz?
Wo auch den Eingang nur zu dieser Botschaft finden?
Nach allen Mitteln wird gespäht,
Und von Entwurfe zu Entwurfe schwanken
Die stürmisch wogenden Gedanken,
Bis endlich der Entschluss bei diesem stille steht.

54.
Still soll Kloanth versammeln alle Scharen,
Die Flotte ziehen in den Ozean,
Doch nicht den Zweck der Rüstung offenbaren.
Indessen sie in ihres Glückes Wahn
Nicht träumt, dass solche Bande können reißen,
Will er, die nahe Flucht ihr zu gestehn,
Der Augenblicke günstigsten erspähn. -
Mit Lust vollstrecken die, was sie der Fürst geheißen.

55.
Doch bald erriet - wer täuscht der Liebe Seherblick?
Ihr ahnungsvoller Geist das drohende Geschick.
Den Schlag, der später erst sie treffen soll, beschleunigt
Ihr fürchtend Herz, im Schoß der Ruhe selbst gepeinigt.
Derselbe Mund, der so geschäftigt war,
Das Glück der Liebenden den Völkern zu berichten,
Entdeckt ihr, dass der Trojer Schar
Sich fertig macht die Anker schnell zu lichten.

56.
So fährt, wenn der Orgien Ruf erschallt,
Die Mänas auf, wenn durch ihr glühendes Gehirne
Die nahe Gottheit braust, und von Cithärous Stirne
Das nächtliche Geheul der Schwestern wieder hallt.
So schweifte Dido nun durch Tyrus ganze Weite
Im Wahnsinn ihrer Qual, bis sie, erschöpft im Streite
Des Stolzes und der Leidenschaft,
Mit diesen Worten den Trojaner straft:

57.
Verräter! Ruft sie aus, du hoffst noch zu verhehlen,
Was deine Brust doch zu beschließen fähig war?
Du willst dich heimlich aus Karthago stehlen?
Dich hält die Liebe nicht, Barbar,
Die Treue nicht, die du mir einst geschworen?
Die Unschuld nicht, die ich durch dich verloren?
Dich hält mein Tod, dich hält der Sterbeblick
Des Opfers, das du würgtest, nicht zurück?

58.
Im Winter selbst willst du die Segel spannen,
Willst dem Orkan zum Trotz von dannen?
Und ach! Wohin? Nach einem fremden Strand!
Zu Völkern, dir noch unbekannt!
Ja! Wäre nun dein Troja nicht gefallen,
Wär's noch das Land der väterlichen Hallen,
Dem du durchs wilde Meer entgegen ziehst!
Unmensch! Und ich bin's, die du fliehst!

59.
Bei dieser Tränenflut, bei deiner Manneshand,
Weil ich an dich doch Alles schon verloren -
Bei unsrer Liebe frisch geflochtnem Band,
Bei Hymens jungen Freuden sei beschworen!
Empfingst du Gutes je aus meiner Hand,
Hat jemals Wonne dir geblüht in meinen Armen,
Lass dich erbitten, bleib! O hab' Erbarmen
Mit meinem Volk, mit dem verlornen Land!

60.
Um deinetwillen hasst mich der Numide,
UM deinetwillen sind die Tyrier mir gram,
Um deinetwillen floh der Unschuld stolzer Friede
Auf ewig mich mit der entweihten Scham;
Mein Ruf ist mir geraubt, die schönste meiner Kronen,
Der meinen Namen schon an die Gestirne schrieb.
Mein Gast reist ab - mit Tod mich abzulohnen!
Gast! Das ist's alles, was mir von dem Gatten blieb.

61.
Wozu das traur'ge Leben mir noch fristen,
Bis Jarbas mich in seine Ketten zwingt?
Bis sich der Bruder zeigt, mein Tyrus zu verwüsten?
Ja, läge nur, wenn dich die Flucht von dannen bringt,
Ein Sohn von dir an meinen Mutterbrüsten,
Säh' ich dein Bild, in einem Sohn verjüngt,
In einem teuren Julus mich umspielen,
Getröstet würd' ich sein, nicht ganz getäuscht mich fühlen!

62.
Sie schweigt, und Zeus Gebot getreu bezwingt
Mit weggekehrtem Blick der Teukrier die Qualen,
Mit denen still die Heldenseele ringt.
Nie, rief er jetzt, werd' ich mit Undank dir bezahlen,
Was dein beredter Mund mir in Erinnrung bring!
Nie wird Elisens Bild aus meiner Seele schwinden,
So lange Lebensglut durch meine Adern bringt,
Der Geist noch nicht verlernt hat zu empfinden!

63.
Jetzt wen'ge Worte nur. Nicht heimlich, wie ein Dieb,
O glaub' das nicht, wollt' ich aus deinem Reich mich stehlen.
Wann maßt' ich je mich an, mit dir mich zu vermählen?
War's Hymen, der an deinen Strand mich trieb?
Wär' mir's vergönnt, mein Schicksal mir zu wählen:
Was von der Heimat mir nur übrig blieb,
Mein Troja sucht' ich auf, die Reste meiner Teuern,
Mit frischer Hand den Thron der Väter zu erneuern.

64.
Jetzt heißt Apoll's Orakel nach dem Strand
Des herrlichen Italiens mich eilen.
Dort ist mein Hymen, dort mein Vaterland!
Kann dich, die Tyrerin, Karthago's Strand verweilen,
Den du erst kurz zum Eigentum gemacht -
Warum in aller Welt wird's Teukriern verdacht,
Sich in Ausonien nach Hütten umzuschauen?
Auch uns steht's frei, uns auswärts anzubauen.

65.
Nie breitet um die stille Welt
Die Nacht ihr tauiges Gewand, nie sticken
Die goldnen Sterne des Olympus Zelt,
Dass nicht Anchisens Geist, Entrüstung in den Blicken,
Im Traumgesicht sich mahnend vor mich stellt.
Mich straft ein jeder Blick, der auf den Knaben fällt,
Dass ich durch Zögern ihn von einem Thron entferne,
Der sein ist durch die Gunst der Sterne.

66.
Und jetzt gebeut der Götterbote mir
Das Nämliche, von Herrn des Himmels selbst gesendet.
Bei meinem Leben, Fürstin! Schwör' ich's dir,
Bei meines Sohnes Haupt! Kein Wahn hat mich geblendet.
Ich selbst sah ihn - bei hellem Sonnenlicht -
In diese Mauren ziehn. Ich hörte seine Stimme.
Drum quäl' uns beide nicht mir undankbarem Grimme;
Nicht freie Wahl entfernt mich sondern Pflicht.

67.
Längst hatte sie, indem er sprach, den Rücken
Ihm zugekehrt, und schaute wild um sich;
Dann misst sie schweigend ihn mit großen Blicken;
Jetzt reißt der Zorn sie fort. Verräter! Ruft sie, dich,
Dich hätte Cypria, die Göttin sanfter Lüste,
Dich Dardanns gezeugt? - In grausenvoller Wüste
Schuf Kaukasus aus rauen Felsen dich,
Und Tigermütter reichten dir die Brüste.

68.
Denn, was verberg' ich mir's? Braucht's mehr Beweis?
Hat einen Seufzer nur mein Jammer ihm entrissen?
Mein Schmerz nur einmal aufgetant das Eis
In seinem Blick? Erschüttert sein Gewissen?
Floss eine Träne nur, sein Leid mir zu gestehn?
O was empört mich mehr? Sein Undank? Diese Kälte?
Gerechte Götter! Nein, von eurem hohen Zelte
Könnt ihr dies nicht gelassen sehn!

69.
Trau' Einer Menschen! Nackt an meinem Strande
Fand ich den Flüchtling, da er scheiterte,
Zu wohnen gönnt' ich ihm in meinem Lande,
Erhielt ihm die Gefährten, rettete
Der Flotte Trümmer - O mich bringt's von Sinnen!
Nun kommt ein Götterspruch! Nun spricht Apoll!
Nun schickt Kronion selbst von des Olympus Zinnen
Befehle nieder, grässlich, schauervoll!

70.
O freilich! Das bekümmert die dort oben!
Das stört sie auf in ihrer goldnen Ruh!
Doch sei's, wie's sei! Ich schenke dir die Proben,
Geh immer, steure frisch dem Tiberstrome zu!
Noch leben Götter, die den Meineid rächen.
Auf sie vertraut mein Herz. Geh, überlasse dich
Den Wellen nur! Ich weiß, du denkst an mich,
Wenn zwischen Klippen deine Schiffe brechen.

71.
Abwesend eil' ich dir in schwarzen Flammen nach,
Und schrecklich soll, wenn dieses Leibes Bande
Des Todes kalte Hand zerbrach,
Mein Geist dich jagen über Meer und Lande.
Bezahlen sollst du mir, entsetzlich, fürchterlich!
Ich hör' es noch, wenn man mich längst begraben,
Im Reich der Schatten will ich mich
An dieser Freudenbotschaft laben.

72.
Hier bricht sie ab, entreißt in schneller Flucht
Sich zürnend des Trojaners Blicken,
Der noch verlegen säumt und fruchtlos Worte sucht,
Des Kummers Größe auszudrücken.
Besiegt von ihrem schweren Harm,
Sinkt sie in ihrer Dienerinnen Arm,
Die auf ein Marmorbett sie niederlegen,
Und den erschöpften Leib auf weichen Kissen pflegen.

73.
Wie feurig auch der Menschliche sich sehnt,
Durch sanfter Worte Kraft die Leidende zu heilen,
Wie mancher Seufzer auch den Heldenbusen dehnt,
Der Wink des Himmels heißt ihn eilen,
Und Amors Stimme weicht dem göttlichen Geheiß.
Er fliegt zum Stand, wo der geschäf'ge Fleiß
Der Seinen brennt, die Schiffe flott zu machen;
Schon tanzen auf der Flut die wohlverpichten Nachen.

74.
Noch ungezimmert bringen sie den Baum,
(So ernstlich gilt's) noch grün die Ruder hergetragen,
Es lebt von Menschen, die zum Ufer jagen,
Vom Hafen bis zur Stadt der ganze Zwischenraum,
So, wenn geschäftiger Ameisen Scharen,
Dem kargen Winter Nahrung aufzusparen,
Den Weizenberg zu plündern glühn,
Und mit dem Raube dann in ihre Löcher fliehn.

75.
Der schwarze Trupp durchzieht die Schollen,
Bemüht die Beute fortzurollen,
Auf schmalem Weg, durch Gras und Kraut,
Stemmt dort, die schweren Körner zu bewegen,
Sich mit den Schultern kräftiglich entgegen;
Dem dritten ist die Aussicht anvertraut,
Der spornt das Heer und straft die Trägen,
Lebendig ist's auf allen Wegen.

76.
Wie war bei diesem Anblick dir zu Mut,
Elisa? Welche Seufzer schicktest
Du zum Olymp, als du des Eifers Glut
Von deiner hohen Burg am Meeresstrand erblicktest?
Vor deinem Angesicht die ganze Wasserwelt
Erzittern sahst von rauen Schifferkehlen?
Grausame Leidenschaft, auf welche Proben stellt
Dein Eigensinn der Menschen Seelen!

77.
Aufs neue wird der Tränen Macht
Erprobt, aufs neu' das stolze Herz den Siegen
Der Leidenschaft zum Opfer dargebracht.
Wie sollte sie, eh alle Mittel trügen,
Hinunter eilen in des Grabes Nacht?
Sieh, Anna, ruft sie aus, wie sie zum Hafen fliegen!
Wie's wimmelt an dem Strand! Sieh! Sieh! Die Schiffe sind
Bekränzt, die Segel rufen schon dem Wind!

78.
Hätt' ich zu diesem Schlage mich versehen,
So hätte, ihn zu überstehen,
Mir auch gewiss die Fassung nicht gefehlt.
Drum noch dies Einzige. Dir schenkt er sein Vertrauen,
Dir noch allein, du darfst in seine Seele schauen,
Nie hat er eine Regung dir verhehlt.
Du weißt des Herzens weiche Seiten auszuspähen,
Drum geh, den stolzen Feind noch einmal anzuflehen.

79.
Sag' ihm, nie hab' ich mich an Aulis Strand
Verschworen mit dem Feind, sein Ilium zu schleifen,
Nie Schiffe mitgesandt, die Veste anzugreifen,
Des Vaters Asche nie aus ihrer Gruft entwandt.
Warum schließt er sein Ohr hartherzig meiner Bitte?
Er warte doch, bis ein geneigter Wind ihm weht.
Er wage doch die Fahrt nicht in des Winters Mitte
Dies sei der letzte Dienst, um den ihn Dido fleht.

80.
Nicht jenes alte Band will ich erneuern,
Das er zerriss, nicht hinderlich ihm sein,
Nach seinem teuern Latium zu steuern;
Um Aufschub bitt' ich ihn allein,
Um etwas Frist, den Sturm des Busens zu bezähmen,
Gelassner zu verschmerzen diesen Schlag!
Noch diesen Dienst lass in das Grab mich nehmen
Der deiner Liebe Maß an mir vollenden mag.

81.
So fleht die Elende. Der Schwester heiße Zähren
Bringt Anna vor sein Ohr. Umsonst! Die Götter wehren,
Sein fühlend Herz verschließt des Schicksals Macht.
So, wenn, den hundertjähr'gen Eichstamm umzureißen,
Die Alpenstürme wütend sich befleißen
Und brausend ihn umwehn. Bis an den Wipfel kracht
Der Stamm, sie fassen heulend seine Glieder,
Und von den Zweigen rauscht ein grüner Regen nieder.

82.
Er selbst hängt zwischen Klippen fest, so weit
Sein Wipfel aufwärts in den Himmel bräut,
So tief dringt seine Wurzel in die Hölle.
So ward von fremdem Flehn, noch mehr von eignem Schmerz
Zerrissen jetzt des Helden Herz,
Doch der Entschluss behauptet seine Stelle.
Wie auch sein Herz in allen Tiefen leidet,
Geschehen muss, wie das Geschick entscheidet

83.
Verhasst ist ihr fortan des Himmels Bogen,
Von grässlichen Erscheinungen bedroht,
Vom Schicksal selbst zum Abgrund hingezogen,
Beschließt die Unglückselige den Tod.
Einst, als sie den Altar beschenkt mit frommen Gaben,
Verwandelt jählings sich des heil'gen Weines Flut
Entsetzliches Gesicht! In Blut,
Und dies Geheimnis ward mit ihr begraben.

84.
Auch stand, den Mahnen des Gemahls geweiht,
Im Hause eine marmorne Kapelle,
Verehrt von ihr mit frommer Zärtlichkeit,
Geschmückt mit manchem Laub und glänzend weißem Felle,
Von hier aus hörte sie, wenn alles ringsum schlief,
Des Gatten Ton, der sie mit Namen rief,
Und einsam wimmerte auf hohem Dach die Eule
Ihr Tot weissagendes Geheule.

85.
Auch manch Orakel wird in ihrem Busen wach,
Aeneens Schatten selbst scheucht sie mit wildem Blicke,
Eilt der Geängstigten in Träumen drohend nach,
Und einsam stets bleibt sie zurücke.
Ihr däucht, sie wandle hin auf menschenleerer Flur,
Sie ganz allein auf einem langen Pfade,
Und suche ihrer Tyrer Spur
Längs dem verlassenen Gestade.

86.
So siehet Pentheus Fieberwahn
Die Schar der Furien ihm nahn,
Zwei Theben um sich her, zwei Sonnen aufgegangen
So ruft der Bühnen Kunst Orestens Bild hervor,
Wenn mit der Fackel ihn und fürchterlichen Schlangen
Der Mutter Schatten jagt, der Racheschwestern Chor,
Gespieen aus dem Schlund der Hölle,
Ihn angraust an des Tempels Schwelle.

87.
Als jetzt, ein Raub der schwarzen Eumeniden,
Elisa sich dem Untergang geweiht,
Auch über Zeit und Weise sich entschieden,
Tritt sie die Schwester an mit falscher Heiterkeit,
Lässt im verstellten Aug' der Hoffnung Strahlen blitzen,
Tief scheint der lange Sturm des Busens jetzt zu ruhn:
Geliebte, freue dich, ein Mittel weiß ich nun,
Ihn zu vergessen oder zu besitzen.

88.
Am fernen Mohrenland, dort wo des Tages Flamme,
Sich in des Weltmeers letzte Fluten neigt,
Wo unterm Himmel sich der Atlas beugt,
Wohnt eine Priesterin aus der Massyler Stamme,
Ihr ist der Hesperiden Haus vertraut,
Sie hütete die heil'gen Zweige,
Besänftigte mit süßem Honigteige
Des Drachen Wut und mit dem Schlummerkraut.

89.
Die rühmt sich, jedes Herz, verletzt von Amors Pfeilen,
Durch ihres Zaubers Kraft zu heilen.
Auf andre drückt sie selbst den Pfeil des Kummers ab.
Sie zwingt in ihrem Lauf die Ströme still zu stehen,
Die Sterne kann sie rückwärts drehen,
Und Nachgespenster ruft sie aus dem Grab,
Zerreißt der Erde brüllend Eingeweide,
Und zieht den Eichbaum von des Berges Heide.

90.
Dass es bis dahin mit mir kommen muss!
Bei deinem teuren Haupt, bei Zeus Olympius,
Es fällt mir schwer! Doch jetzt kann Zauber nur mich retten.
Drum, Liebe, richte still mir einen Holzstoß auf
Im innern Hof des Hauses! Lege drauf
Das Schwert, jedweden Rest des Schändlichen, die Betten,
Wo meine Unschuld starb! Die Priesterin gebeut,
Zu tilgen jede Spur, die mir sein Bild erneut.

91.
Sie spricht's, und Todesblässe deckt
Ihr Angesicht. Doch, dass in diesem Schleier
Der Schwester eigne Leichenfeier
Sich birgt, bleibt Annens blödem Sinn versteckt.
In der Verzweiflung Tiefen unerfahren,
Besorgt sie Schlimmres nicht, als was Elisens Gram
Beim Tod des ersten Gatten unternahm:
Drum säumt sie nicht, der Schwester zu willfahren.

92.
Bald steht durch ihrer Hände Fleiß
Ein großer Holzstoß aufgerichtet,
Aus Fackeln und aus dürrem Reis
Im innern Hofraum aufgeschichtet.
Ihn schmückt die Königin, wohl wissend was sie tut,
Mit einem Kranz und der Zypresse traur'gen Ästen,
Und hoch auf ihrem Brautbett ruht
Des Trojers Bild und Schwert mit allen Überresten.

93.
Auf jeder Seite zeigt sich ein Altar,
Und in der Mitte steht mit aufgelöstem Haar
Die Priesterin, in heil'ge Wut verloren.
Ihr fürchterlicher Ruf durchdonnert selbst die Nacht
Des Erebus. Des Chaos wilde Macht,
Ein ganzes Heer von Göttern wird beschworen,
Persephoneiens dreifache Gewalt,
Dianens dreimal wechselnde Gestalt.

94.
Die Fluten des Avernus vorzustellen,
Besprengt sie den Altar mit heil'gen Wellen.
Nach jungen Kräutern wird gespäht,
Die von des Giftes schwarzen Tropfen schwellen,
Beim Mondlicht mit der Sichel abgemäht;
Auch forscht man nach dem Liebesbissen,
Der auf der Fohle jungem Haupt sich bläht,
Dem Zahn des Mutterpferds entrissen.

95.
Sie selbst, das Opferbrot in frommer Hand,
Mit bloßem Fuß, mit losgebundenem Gewand,
Zum Tod entschlossen, steht an den Altären,
Des Himmels Zorn, der Götter Strafgericht
Auf ihres Mörders Haupt herab zu schwören,
Und schützt ein Gott der Liebe fromme Pflicht,
Der Treue heiliges Versprechen,
Ihn ruft sie auf, zu strafen und zu rächen.

96.
Gekommen war die Nacht, und alle Wesen ruhten
Erschöpft im süßen Arm des Schlafs. Tief schweigt
Der Wald, gelegt hat sich der Zorn der Fluten,
Zur Mitte ihrer Bahn die Sterne sich geneigt.
Der Vögel bunter Chor verstummt, die Flur, die Herden,
Was sich in Sümpfen birgt und in der Wälder Nacht,
Vergisst der Arbeit und Beschwerden,
Gefesselt von des Schlummers Macht.

97.
Nur deines Busens immer wachen Kummer,
Unglückliche Elisa! Schmilzt kein Schlummer,
Ni wird es Nacht auf deinem Augenlied.
Empfindlicher erwachen deine Schmerzen,
Aufs neu entbrennt in deinem Herzen
Der Kampf, den, ach! Verzweiflung nur entschied.
Jetzt Raub des Grimms, jetzt ihres Kummers Beute,
Beginnt sie so in diesem innern Streite.

98.
Unglückliche, ruft sie, was soll nunmehr geschehn?
Gehst du, von neuem dich den Freiern anzutragen,
Die du verächtlich ausgeschlagen,
Und der Nomaden Hand fußfällig zu erflehn?
Gehst du, den Teukriern als Magd dich anzubieten?
Du kennst ja ihre Dankbarkeit,
Du solltest wissen, wie bereit
Sie sind empfangne Opfer zu vergüten.

99.
Und öffnen sie dir wohl der Schiffe stolzen Schoß,
Sei's auch, du könntest dies Schmach verschmerzen?
So wenig weißt du, wie gewissenlos
Laomedontier mit Treu und Glauben scherzen!
Folgst du den stolzen Ruderern allein?
Holst du mit deinen Tyriern sie ein?
Und kaum aus Sidons Stadt gewaltsam fortgezogen,
Vertraust du sie aufs neu dem Spiel von Wind und Wogen?

100.
Nein, stirb, wie du verdient! Das Schwert befreie dich.
Dir, Schwester, dank' ich meinen Fall. Du gabest mich
Dem Feinde preis, von meinem Flehn bestochen!
Konnt' ich nicht schuldlos, von Begierden rein,
Nicht frei von Hymens Band mich meines Lebens freun?
Mein Wort hab' ich, Sichäus, dir gebrochen,
Geschworen deinem heiligen Gebein;
Erzürnter Geist, du wirst gerochen!

101.
So quälte jene sich, indes auf hohem Schiff,
Entschlossen und bereit Karthago's Strand zu räumen,
Aeneas schlief. Ihm zeigte sich in Träumen
Dasselbe Bild, das jüngst mit Schrecken ihn ergriff,
Und bringt denselben Auftrag wieder,
Dem Flügelboten gleich an Stimme, an Gestalt,
Dasselbe blonde Haar, das Majens Sohn umwallt,
Derselbe schlanke Bau der jugendlichen Glieder.

102.
Ist's möglich, ruft er, Göttinsohn!
An des Verderbens Rand kannst du des Schlummers pflegen?
Siehst die Gefahren nicht, die ringsum dich bedrohn,
Und hörst die Winde nicht, die deine Segel regen?
Von wilder Wut empört, sinnt jene, dich mit List,
Mit unentrinnbarem Verderben zu umschlingen!
Du eilst nicht mit des Windes Schwingen
Davon, da dir noch Flucht verstattet ist?

103.
Grüßt dich Aurora noch in diesem Land,
So siehst du weit und breit die Wellen
Mit Schiffen überdeckt, den ganzen Meeresstrand
Von Mord begier'gen Fackeln sich erhellen.
Flieh ohne Aufschub! Flieh! Veränderlich
Ist Frauensinn, und nimmer gleicht er sich! -
Er spricht's und fließt in Nacht dahin. Voll Schrecke
Fährt jener aus dem Schlaf, und eilt sein Volk zu wecken.

104.
Wacht auf! Geschwind! Ergreift die Ruder! Spannt
Die Segel aus! Ein Gott, vom Himmel her gesandt,
Treibt mich aufs neu!, nicht länger mehr zu weilen,
Die Stränge zu zerhaun, die Abfahrt zu beeilen.
Wer du auch seist, erhabne Gottheit! Ja,
Frohlockend folgen wir dem Wink, den du gegeben,
Verleih uns Schutz! O sei uns hold und nah!
Lass über unserm Haupt geneigte Sterne schweben!

105.
Er spricht's, und aus der Scheide blitzt
Sein flammend Schwert, und trennt des Ankers Seile,
Ihm folgt die ganze Schar, von gleicher Glut erhitzt,
Rafft alles fort, und treibt und rennt in voller Eile.
Schnell ist die ganze Küste leer,
Verschwunden unter Schiffen ist das Meer,
Es keucht der Ruderknecht und quirlt zu Schaum die Wogen,
Zahllose Furchen sind durchs blaue Feld gezogen.

106.
Und jetzo windet sich aus Titon's goldnem Schoß
Des Morgens junge Göttin los
Und überströmt die Welt mit neugebornen Strahlen.
Aus ihren Fenstern sieht mit silberfarbem Grau
Die Königin den Horizont sich malen,
Sieht durch der Wasser fernes Blau
Die Flotte schon mit gleichen Segeln fliegen,
Die Küste leer, den Hafen öde liegen.

107.
Da schlägt sie mit ergrimmter Hand
Die schöne Brust, zerrauft die gelben Locken.
Allmächt'ger Zeus! Ruft sie erschrocken,
Er geht, er flieht von meinem Strand!
Dem Fremdling ging es hin, mich straflos zu verspotten?
Bewaffnet nicht ganz Tyrus mein Geheiß?
Auf, auf! Reißt aus dem Zeughaus meine Flotten!
Bringt Fackeln! Rudert frisch! Gebt alle Segel preis!

108.
Wo bin ich? - Weh, was für ein Wahnsinn reißt mich fort?
Jetzt hat dein feindlich Schicksal dich ereilet,
Unglückliche! Da galt's, da war der rechte Ort,
Als du dein Reich mit ihm geteilet.
Das also ist der Held voll Treu, voll Edelmut,
Der seines Vaters Last auf fromme Schultern lud,
Der mit sich führen soll auf allen seinen Bahnen
Die Heiligtümer seiner Ahnen!

109.
Konnt' ich in Stücken ihn nicht reißen, nicht zerstreun
Im Meer ihn und sein Volk? Nicht seinen Sohn erwürgen,
Auftischen ihm zum Mahl? - Wo aber meine Bürgen,
Dass er nicht siegte? Mocht' es immer sein!
Was fürchtet, wer entschlossen ist zu sterben?
Sein Lager steckt' ich an mit einer Löwin Wut,
Vertilgte Vater, Sohn, die ganze Schlangenbrut,
Und teilte dann frohlockend ihr Verderben!

110.
O du, vor dessen Strahlenangesicht
Kein Menschenwerk sich birgt, erhabnes Licht!
Du, Gattin Zeus, die meine Leiden kennet!
Du, Hekate, die man durch Stadt und Land
Auf finstern Scheidewegen heulend nennet!
Ihr Furien, ihr Götter, deren Hand
Die Sterbende sich weiht! Vernehmt von euren Höhen
Der Rache Aufgebot! Neigt euch zu meinem Flehen!

111.
Muss der Verworfne doch zum Ufer sich noch ringen,
Ist dem Verhängnis nicht s mehr abzudingen,
Ist's Jovis unabänderliches Wort:
O so erduld' er alle Kriegesplagen!
Von einem tapfern Volk aus seinem Reich geschlagen,
Gerissen aus des Sohnes Armen,
Such' er bei Fremdlingen Erbarmen
Und sehe schaudernd der Gefährten Mord.

112.
Und fügt er sich entehrenden Verträgen,
So mög' er nimmer sich des Throns noch Lebens freun,
Er falle vor der Zeit! Dies sei mein letzter Segen,
Mit diesem Wunsch geh' ich dem Styx entgegen,
Im Sande liege unbeerdigt sein Gebein!
Dann, Tyrier, verfolgt mit ew'gen Kriegeslasten
Den ganzen Samen des Verhassten!
Dies soll mein Totenopfer sein!

113.
Kein Friede noch Vertrag soll jemals euch vereinen,
Ein Rächer wird aus meinem Staub erstehn,
In ihren Pflanzungen mit Feu'r und Schwert erscheinen,
Früh oder spät, wie sich die Kräfte tüchtig sehn.
Feindselig drohe Küste gegen Küste,
Nachgierig türme Flut sich gegen Flut,
Schwert blitze gegen Schwert, der späten Enkel Brüste
Entflamme unversöhnte Wut!

114.
Sie sprach's und sann voll Ungeduld, die Bande
Des traur'gen Lebens zu zerreißen, rief
Sichäus Amme (ihre eigne schlief
Den langen Schlummer schon im mütterlichen Lande).
Lass, spricht sie, teure Barce, schnell
Die Schwester sich mit frischem Quell
Benetzen! Sag' ihr an, dass sie die Tiere
Und die bewussten Opfer zu mir führe!

115.
Du selbst, Geliebte, säume nicht,
Mit frommer Binde dir die Schläfe zu verhüllen,
Ich will des angefangen Opfers Pflicht
Dem unterird'schen Zeus erfüllen
Und meinen Gram auf ewig stillen.
Sogleich flammt mit dem Bösewicht
Der Holzstoß in die Luft! - Sie spricht's, und sonder Weile
Wankt jene fort mit ihres Alters Eile.

116.
Sie selbst, zur Furie entstellt
Vom grässlichen Entschluss, der ihren Busen schwellt,
Mit Blut erhitztem Aug', gestachelt von Verlangen,
Der Farben wechselnd Spiel auf krampfhaft zuckenden Wangen,
Jetzt flammrot, jetzt, vom nahenden Geschick
Durchschauert, bleich, wie eine Büste,
Stürzt in den innern Hof, und, Wahnsinn in dem Blick,
Besteigt sie das entsetzliche Gerüste,

117.
Reißt aus der Scheide des Trojaners Schwert,
Ach, nicht zu diesem Endzweck ihr geschenket!
Doch! Als ihr Blick sich auf Aeneens Kleider senket
Und auf das wohlbekannte Bette, ekhrt
Sie schnell in sich, verweilt bei diesem teurenOrte,
Lässt noch einmal den Tränen freien Lauf,
Schwingt dann aufs Bette sich hinauf,
Und scheidet von der Welt durch diese letzten Worte:

118.
Geliebte Reste! Zeugen meiner Freuden,
So lang's dem Glück, den Himmlischen gefiel!
Entbindet mich von meinen Leiden!
Empfangt mein fließend Blut! Auf euch will ich verscheiden:
Ich bin an meines Lebens Ziel;
Vollbracht hab' ich den Lauf, den mir das Los beschieden;
Jetzt fliehet aus des Lebens wildem Spiel
Mein großer Schatten zu des Grabes Frieden.

119.
Gegründet ahb' ich eine weit berühmte Stadt,
Und meine Mauren sah ich ragen;
Bestraft hab' ich des Bruders Freveltat,
Der Rache Schuld dem Gatten abgetragen.
Ach hätte nie ein Segel sich
Aus der Trojaner fernem Lande
Gezeigt an meines Tyrus Strande,
Wer war glückseliger als ich!

120.
Sie spricht's und drückt ins Kissen ihr Gesicht.
Und ohne Rache, ruft sie, soll ich fallen?
Doch will ich fallen, doch! Gerächet oder nicht!
So ziemt's, ins Schattenreich zu wallen!
Es sehe der Barbar vom hohen Ozean
Mit seinen Augen diese Flammen steigen,
Und nehme meines Todes Zeugen
Zum Plagedämon mit auf seiner Wogenbahn.

121.
Eh diese Worte noch verhallen,
Sehn ihre Frauen si, durchrannt
Von spitz'gem Sthal zusammenfallen,
Das Schwert mit Blut beschäumt, mit Blut die Hand.
ihr Angstgeschrei schlägt an die hohen Säulen
Der Königsburg; sogleich macht des Gerüchtes Mund
Die grauenvolle Tat mit tausend stimm'gem Heulen
Dem aufgedonnerten Karthago kund.

122.
Da hört man von Geschrei, von jammervollem Stöhnen,
Von weiblichem Geheul die hohlen Dächer dröhnen,
Des Äthers hohe Wölbung heult es nach.
Nicht fürchterlicher konnt' es tönen,
Wenn in Karthago's Stadt die Flut der Feinde brach,
Das alte Tyrus fiel, der Flammen wilde Blitze
Sich fressend wälzten durch der Menschen Sitze
Und durch der Götter heil'ges Dach.

123.
Geschreckt durch den Zusammenlauf der Menge,
Durchschauert von dem grässlichen Gerücht,
Stürzt Anna, halb entseelt, sich durchs Gedränge,
Zerfleischt mit grimm'gen Nägeln das Gesicht,
Die Brust mit mörderischen Schlägen.
Das also war's! Ruft sie der Sterbenden entgegen.
Mit Arglist fingst du mich! Dazu der Opferherd,
Dazu das Holz und des Trojaners Schwert!

124.
Weh mir Verlassnen! Wen soll ich zuerst beweinen?
Unzärtliche! Warum verschmähtest du im Tod
Die Schwester zur Begleiterin? Vereinen
Sollt' uns derselbe Stahl, von Beider Blute rot!
Fleht' ich darum die Götter an? Erbaute,
Dass ich allein dich deinem Schmerz vertraute,
Dies Holzgerüste? Weh! Mich ziehst du mit ins Grab
Dein armes Volk, dein Reich, dein Tyrus mit hinab!

125.
Gebt Wasser! Gebt, dass ich die Wunden wasche,
Mit meinen Lippen ihn erhasche,
Wenn noch ein Hauch des Lebens auf ihr schwebt!
Sie ruft's und steht schon oben auf den Stufen,
Stürzt weinend an der Schwester Hals, bestrebt
An ihrer warmen Brust ins Leben sie zu rufen,
Die schon der Frost des Todes überflogen,
Zu trocknen mit dem Kleid des Blutes schwarze Wogen.

126.
Umsonst versucht, aus weit gespaltnem Munde
Pfeift unter ihrer Brust die Wunde,
Umsonst die Sterbende, den schwer beladnen Blick
Dem Strahl des Tages zu entfalten,
Rafft drei Mal sich empor, von ihrem Arm gehalten,
Und drei Mal taumelt sie zurück,
Durchirrt, das süße Licht der Sonne zu erspähen,
Des Äthers weiten Plan und seufzt, da sie's gesehen.

127.
Erweicht von ihrem langen Kampf, gebeut
Saturnia der Iris, fortzueilen,
Der Glieder zähe Bande zu zerteilen,
Zu endigen der Seele schweren Streit.
Denn da kein Schicksal, kein Verbrechen,
Verzweiflung nur sie abrief vor der Zeit,
So hatte Hekate den unterird'schen Bächen
Das abgeschnittne Haar noch nicht geweiht.

128.
Jetzt also kam, in tausendfarbnem Bogen,
Der Sonne gegenüber, feucht von Tau,
Die Goldbeschwingte durch der Lüfte Grau
Herab aufs Haupt der Sterbenden geflogen.
Dies weih' ich auf Befehl der Gottheit dem Cocyt,
Ruft sie; vom Leibe frei mag sich dein Geist erheben,
Sie sagt's, und löst die Locke; schnell entflieht
Der Wärme Rest, und in die Lüfte rinnt das Leben.

Ü   Þ


1) Erste Lesart: Und eisern ist sein Eingeweide. ­

2) Erste Lesart:
Und drei Mal steigt, entsetzliches Gesicht!
Mit Schild und Speer und wütender Gebärde
Die Göttin selbst aus der zerriss'nen Erde. -
­

3) Erste Lesart:
Zwei Ringe haben sie um seinen Hals gestrickt,
Zwei Mal den Schuppenleib geschnürt um Brust und Hüften,
Und ihres Halses schwanke Säule nickt
Hoch über seiner Scheitel in den Lüften.
­

4) Erste Lesart:
Den Blick in tiefen Gram gehüllt,
Der Stimme Ton erstickt von lautem Weinen.
­

5) Erste Lesart:
War Pergamus durch eines Kriegers Eisen
Dem letzten Schicksal zu entreißen,
Glaub' mir, so war's durch Hektors Hand.
­

6) Erste Lesart:
Vom flammenroten Widerscheine brennt
Des Meeres Spiegel und das Firmament.
­

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