Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Zweite Periode

An die Freude

Freude, schöner Götterfunken,
   Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
   Himmlische, Dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
   Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,1)
   Wo Dein sanfter Flügel weilt.

Chor

Seid umschlungen, Millionen!
   Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder - überm Sternenzelt
   Muss ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
   Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
   Mische seinen Jubel ein!

Ja - wer auch nur eine Seele
   Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
   Weinend sich aus diesem Bund.

Chor

Was den großen Ring bewohnet,
   Huldige der Sympathie!
   Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.

Freude trinken alle Wesen
   An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
   Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reden,
   Einen Freund, geprüft im Tod;
Wolllust ward dem Wurm gegeben,
   Und der Cherub steht vor Gott.

Chor

Ihr stürzt nieder, Millionen?
   Ahnest Du den Schöpfer, Welt?
   Such' ihn überm Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
   In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
   In der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
   Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
   Die des Sehers Rohr nicht kennt.

Chor

Froh, wie seine Sonnen fliegen
   Durch des Himmels prächt'gen Plan,
   Wandelt,2) Brüder eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
   Lächelt sie den Forscher an;
Zu der Tugend steilem Hügel
   Leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
   Sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riss gesprengter Särge
   Sie im Chor der Engel stehn.

Chor

Duldet mutig, Millionen!
   Duldet für die bess're Welt!
   Droben überm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten;
   Schön ist's, ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden,
   Mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
   Unserm Todfeind sei verziehn;
Keine Träne soll ihn pressen,
   Keine Reue nage ihn.

Chor

Unser Schuldbuch sei vernichtet!
   Ausgesöhnt die ganze Welt!
   Brüder - überm Sternenzelt
Richtet Gott, wie wir gerichtet.

Freude sprudelt in Pokalen;
   In der Traube goldnem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
   Die Verzweiflung Heldenmut - -
Brüder, fliegt von euren Sitzen,
   Wenn der volle Römer kreist,
Lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
   Dieses Glas dem guten Geist!

Chor

Den der Sterne Wirbel loben,
   Den des Seraphs Hymne preist,
   Dieses Glas dem guten Geist
Überm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
   Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
   Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen -
   Brüder, gält' es Gut und Blut -
Dem Verdienste seine Kronen,
   Untergang der Lügenbrut!

Chor

Schließt den heil'gen Zirkel dichter,
   Schwört bei diesem goldnen Wein,
   Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!3)


Die unüberwindliche Flotte

Nach einem älteren Dichter

Sie kommt - sie kommt, des Mittags stolze Flotte,
   Das Weltmeer wimmert unter ihr,
Mit Kettenklang und einem neuen Gotte
   Und tausend Donnern naht sie Dir -
Ein schwimmend Heer furchtbarer Zitadellen
   (Der Ozean sah ihresgleichen nie),
   Unüberwindlich nennt man sie,
Zieht sie einher auf den erschrocknen Wellen;
   Den stolzen Namen weiht
   Der Schrecken, den sie um sich speit.
Mit majestätisch stillem Schritte
   Trägt seine Last der zitternde Neptun;
Weltuntergang in ihrer Mitte,
   Naht sie heran, und alle Stürme ruhn.

   Dir gegenüber steht sie da,
Glücksel'ge Insel - Herrscherin der Meere!
Dir drohen diese Galionenheere,
   Großherzige Britannia!
Weh deinem frei gebornen Volke!
Da steht sie, eine wetterschwangre Wolke.

Wer hat das hohe Kleinod dir errungen,
   Das zu der Länder Fürstin dich gemacht?
Hast du nicht selbst, von stolzen Königen gezwungen,
   Der Reichsgesetze weisestes erdacht?
Das große Blatt, das deine Könige zu Bürgern,
   Zu Fürsten deine Bürger macht?
   Der Engel stolze Obermacht,
Hast du sie nicht von Millionen Würgern
   Erstritten in der Wasserschlacht?

Wem dankst du sie - errötet, Völker dieser Erde -
Wem sonst, als deinem Geist und einem Schwerte?
Unglückliche - blick' hin auf diese Feuer werfenden Kolossen.
   Blick' hin und ahne deines Ruhmes Fall!
   Bang schaut auf dich der Erdenball,
Und aller freien Männer Herzen schlagen,
Und alle guten, schönen Seelen klagen
   Teilnehmend deines Ruhmes Fall.

   Gott, der Allmächt'ge, sah herab,
Sah deines Feindes stolze Löwenflaggen wehen,
   Sah drohend offen dein gewisses Grab -
Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen,
   Erlöschen meiner Helden Stamm,
   Der Unterdrückung letzter Felsendamm
Zusammenstürzen, die Tyrannenwehre
Vernichtet sein von dieser Hemisphäre?
   Nie, rief er, soll der Freiheit Paradies,
Der Menschenwürde starker Schirm verschwinden!
   Gott, der Allmächt'ge, blies,
Und die Armada flog nach allen Winden.

Die zwei letzten Verse sind eine Anspielung auf die Medaille, welche Elisabeth zum Andenken ihres Sieges schlagen ließ. Es wird auf derselben eine Flotte vorgestellt, welche im Sturm untergeht, mit der bescheidenen Inschrift: Afflavit Deus, et dissipati sunt.


Der Kampf

Nein, länger werd' ich diesen Kampf nicht kämpfen,
   Den Riesenkampf der Pflicht.
Kannst du des Herzens Flammentrieb nicht dämpfen,
   So fodre, Tugend, dieses Opfer nicht.

Geschworen hab ich's ja, ich hab's geschworen
   Mich selbst zu bändigen.
Hier ist dein Kranz, er sei auf ewig mir verloren!
   Nimm ihn zurück und lass mich sündigen!

Zerrissen sei, was wir bedungen haben!
   Sie liebt mich - deine Krone sei verscherzt!
Glückselig, wer, in Wonnetrunkenheit begraben,
   So leicht, wie ich, den tiefen Fall verschmerzt!

Sie sieht den Wurm an meiner Jugend Blume nagen,
   Und meinen Lenz entflohn,
Bewundert still mein heldenmütiges Entsagen,
   Und großmutsvoll beschließt sie meinen Lohn.

Misstraue, schöne Seele, dieser Engelsgüte!
   Dein Mitleid waffnet zum Verbrechen mich.
Gibt's in des Lebens unermesslichem Gebiete,
   Gibt's einen andern, schönern Lohn, als dich?

Als das Verbrechen, das ich ewig fliehen wollte? -
   Tyrannisches Geschick!
Der einz'ge Lohn, der meine Tugend krönen sollte!
   Ist meiner Tugend letzter Augenblick!


Resignation

Auch ich war in Arkadien geboren,
   Auch mir hat die Natur
An meiner Wiege Freude zugeschworen;
Auch ich war in Arkadien geboren,
   Doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.

Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder;
   Mir hat er abgeblüht.
Der stille Gott - o weinet, meine Brüder -
Der stille Gott taucht meine Fackel nieder,
   Und die Erscheinung flieht.

Da steh' ich schon auf deiner finstern Brücke,
   Furchtbare Ewigkeit.
Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke!
Ich bring' ihn unerbrochen dir zurücke,
   Ich weiß nichts von Glückseligkeit.

Vor deinem Thron erheb' ich meine Klage,
   Verhüllte Richterin.
Auf jenem Stern ging eine frohe Sage,
Du thronest hier mit des Gerichtes Wage
   Und nennest dich Vergelterin.

Hier - spricht man - warten Schrecken auf den Bösen,
   Und Freuden auf den Redlichen.
Des Herzens Krümmen werdest du entblößen,
Der Vorsicht Rätsel werdest du mir lösen
   Und Rechnung halten mit dem Leidenden.

Hier öffne sich die Heimat dem Verbannten,
   Hier endige des Dulders Dornenbahn.
Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten,
Die Meisten flohen, Wenige nur kannten,
   Hielt meines Lebens raschen Zügel an.

"Ich zahle dir in einem andern Leben,
   Gib deine Jugend mir!
Nichts kann ich dir, als diese Weisung geben."
Ich nahm die Weisung auf das andre Leben,
   Und meiner Jugend Freuden gab ich ihr.

Gib mir das Weib, so teuer deinem Herzen,
   Gib deine Laura mir!
Jenseits der Gräber wuchern deine Schmerzen." -
Ich riss sie blutend aus dem wunden Herzen
   Und weinte laut und gab sie ihr.

"Die Schuldverschreibung lautet an die Toten,"
   Hohnlächelte die Welt;
"Die Lügnerin, gedungen von Despoten,
Hat für die Wahrheit Schatten dir geboten,
   Du bist nicht mehr, wenn dieser Schein verfällt."

Frech witzelte das Schlangenheer der Spötter:
   "Vor einem Wahn, den nur Verjährung weiht,
Erzitterst Du? Was sollen Deine Götter,
Des kranken Weltplans schlau erdachte Retter,
   Die Menschenwitz des Menschen Notdurft leiht?"

"Was heißt die Zukunft, die uns Gräber decken?
   Die Ewigkeit, mit der du eitel prangst?
Ehrwürdig nur, weil Hüllen sie verstecken,
Der Riesenschatten unsrer eignen Schrecken
   Im hohlen Spiegel der Gewissensangst."

"Ein Lügenbild lebendiger Gestalten,
   Die Mumie der Zeit.
Vom Balsamgeist der Hoffnung in den kalten
Behausungen des Grabes hingehalten -
   Das nennt dein Fieberwahn Unsterblichkeit?"

"Für Hoffnungen - Verwesung straft sie Lügen -
   Gabst du gewisse Güter hin?
Sechstausend Jahre hat der Tod geschwiegen,
Kam je ein Leichnam aus der Gruft gestiegen,
   Der Meldung tat von der Vergelterin?" -

Ich sah die Zeit nach deinen Ufern fliegen;
   Die blühende Natur
Bleib hinter ihr, ein welker Leichnam, liegen,
Kein Toter kam aus seiner Gruft gestiegen,
   Und fest vertraut' ich auf den Götterschwur.

All' meine Freuden hab' ich dir geschlachtet;
   Jetzt werf' ich mich vor deinen Richterthron.
Der Menge Spott hab' ich beherzt verachtet,
Nur deine Guter hab' ich groß geachtet,
   Vergelterin, ich fodre meinen Lohn.

"Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder!"
   Rief unsichtbar ein Genius.
"Zwei Blumen," rief er, "hört es, Menschenkinder,
Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
   Sie heißen Hoffnung und Genuss.

"Wer dieser Blumen eine brach begehre
   Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre
Ist ewig, wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre!
   Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.

"Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,
   Dein Glaube war dein zugewognes Glück.
Du konntest deine Weisen fragen,
Was man von der Minute ausgeschlagen,
   Gibt keine Ewigkeit zurück."


Die Götter Griechenlands

Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!

Da der Dichtung zauberische Hülle
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand -
Durch die Schöpfung floss da Lebensfülle,
Und was nie empfunden wird, empfand.
An der Liebe Busen sie zu drücken,
Gab man höhern Adel der Natur,
Alles wies den eingeweihten Blicken,
Alles eines Gottes Spur.

Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,
Seelenlos ein Feuerball sich dreht,
Lenkte damals seinen goldnen Wagen
Helios in stiller Majestät.
Diese Höhen füllten Oreaden,
Eine Dryas lebt' in jenem Baum,
Aus den Urnen lieblicher Najaden
Sprang der Ströme Silberschaum.

Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe,
Tantals Tochter schweigt in diesem Stein,
Syrinx' Klage tönt' aus jenem Schilfe,
Philomela's Schmerz aus diesem Hain.
Jener Bach empfing Demeters Zähre,
Die sie um Persephonen geweint,
Und von diesem Hügel rief Cythere -
Ach, umsonst! Dem schönen Freund.

Zu Deukalion's Geschlechte stiegen
Damals noch die Himmlischen herab;
Pyrrha's schöne Töchter zu besiegen,
Nahm der Leto Sohn den Hirtenstab.
Zwischen Menschen, Göttern und Heroen
Knüpfte Amor einen schönen Bund,
Sterbliche mit Göttern und Heroen
Huldigten in Amathunt.4)

Finstrer Ernst und trauriges Entsagen
War aus eurem heitern Dienst verbannt;
Glücklich sollten alle Herzen schlagen,
Denn euch war der Glückliche verwandt.
Damals war nichts heilig, als das Schöne;
Keiner Freude schämte sich der Gott,
Wo die keusch errötende Kamöne,
Wo die Grazie gebot.

Eure Tempel lachten gleich Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne, seelenvolle Tänze
Kreisten um den prangenden Altar;
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.

Das Evoe muntrer Thyrsusschwinger
Und der Panther prächtiges Gespann
Meldeten den großen Freudenbringer;
Faun und Satyr taumeln ihm voran!
Um ihn springen rasende Mänaden,
Ihre Tänze loben seinen Wein,
Und des Wirtes braune Wangen laden
Lustig zu dem Becher ein.

Damals trat kein grässliches Gerippe
Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuss
Nahm das letzte Leben von der Lippe,
Seine Fackel senkt' ein Genius.
Selbst des Orkus strenge Richterwaage
Hielt der Enkel einer Sterblichen,
Und des Thrakers seelenvolle Klage
Rührte die Erinnyen.

Seine Freuden traf der frohe Schatten
In Elysiens Hainen wieder an;
Treue Liebe fand den treuen Gatten,
Und der Wagenlenker seine Bahn;
Linus' Spiel tönt die gewohnten Lieder,
In Alcestens Arme sinkt Admet,
Seinen Freund erkennt Orestes wieder,
Seine Pfeile Philoktet.

Höhre Preise stärkten da den Ringer
Auf der Tugend arbeitvoller Bahn,
Großer Taten herrliche Vollbringer
Klimmten zu den Seligen hinan.
Vor dem Wiederfoderer der Toten
Neigte sich der Götter stille Schar;
Durch die Fluten leuchtet' dem Piloten
Vom Olymp das Zwillingspaar.

Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick
Ach, von jenem Leben warmen Bilde
blieb der Schatten nur zurück.

Alle jene Blüten sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn;
Einen zu bereichern unter allen,
Musste diese Götterwelt vergehn.
Traurig such' ich an den Sternenbogen -
Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr,
Durch die Wälder ruf' ich, durch die Wogen -
Ach, sie widerhallen leer!

Unbewusst der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
Nie gewahr des Geistes, der sie lenket,
Sel'ger nie durch meine Seligkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere
Die entgötterte Natur.

Morgen wieder neu sich zu entbinden,
Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab,
Und an ewig gleicher Spindel winden
Sich von selbst die Monde auf und ab.
Müßig kehrten zu dem Dichterlande
Heim die Götter, unnütz einer Welt,
Die, entwachsen ihrem Gängelbande,
Sich durch eignes Schweben hält.

Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
Alle Farben, alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
Aus der Zeitflut weggerissen, schweben
Sie gerettet auf des Pindus Höhn:
Was unsterblich im Gesang soll leben,
Muss im Leben untergehn.


Die Künstler

   Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige
In edler stolzer Männlichkeit,
Mit aufgeschloss'nem Sinn, mit Geistesfülle,
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
Der reifste Sohn der Zeit,
Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze,
Durch Sanftmut groß und reich durch Schätze
Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg,
Herr der Natur, die deine Fesseln liebet,
Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet,
Und prangend unter dir aus der Verwildrung stieg.

   Berauscht von dem errungnen Sieg,
Verlerne nicht, die Hand zu preisen,
Die an des Lebens ödem Strand
Den weinenden verlass'nen Waisen,
Des wilden Zufalls Beute, fand,
Die frühe schon der künft'gen Geisterwürde
Dein junges Herz im Stillen zugekehrt,
Und die befleckende Begierde
Von deinem zarten Busen abgewehrt,
Die Gütige, die deine Jungend
In hohen Pflichten spielend unterwies
Und das Geheimnis der erhabnen Tugend
In leichten Rätseln dich erraten ließ,
Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen,
In fremde Arme ihren Liebling gab -
O falle nicht mit ausgeartetem Verlangen
Zu ihren niedern Dienerinnen ab!
Im Fleiß kann dich die Biene meistern,
In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein.
Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern.
Die Kunst, o Mensch, hast du allein.

   Nur durch das Morgentor des Schönen
Drangst du in der Erkenntnis Land.
An höhern Glanz sich zu gewöhnen,
Übt sich am Reize der Verstand.
Was bei dem Saitenklang der Musen
Mit süßem Beben dich durchdrang,
Erzog die Kraft in deinem Busen,
Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.

   Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen,
Die alternde Vernunft erfand,
Lag im Symbol des Schönen und des Großen,
Voraus geoffenbart dem kindischen Verstand.
Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben,
Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt,
Eh' noch ein Solon das Gesetz geschrieben,
Das matte Blüten langsam treibt.
Eh' vor des Denkers Geist der kühne
Begriff des ew'gen Raumes stand -
Wer sah hinauf zur Sternenbühne,
Der ihn nicht ahnend schon empfand?

   Die, eine Glorie von Orionen
Ums Angesicht, in hehrer Majestät,
Nur angerauscht von reineren Dämonen,
Verzehrend über Sternen geht,
Geflohn auf ihrem Sonnenthrone,
Die furchtbar herrliche Urania -
Mit abgelegter Feuerkrone
Steht sie - als Schönheit vor uns da,
Der Anmut Gürtel umgewunden,
Wird sie zum Kind, dass Kinder sie verstehn.
Was wir als Schönheit hier empfunden,
Wird einst als Wahrheit uns entgegen gehn.

   Als der Erschaffende von seinem Angesichte
Den Menschen in die Sterblichkeit verwies,
Und eine späte Wiederkehr zum Lichte
Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß,
Als alle Himmlischen ihr Antlitz von ihm wandten,
Schloss sie, die Menschliche, allein
Mit dem verlassenen Verbannten
Großmütig in die Sterblichkeit sich ein.
Hier schwebt sie, mit gesenktem Fluge,
Um ihren Liebling, nah' am Sinnenland,
Und malt mit lieblichem Betruge
Elysium auf seine Kerkerwand.

   Als in den weichen Armen dieser Amme
Die zarte Menschheit noch geruht,
Da schürte heil'ge Mordsucht seine Flamme,
Da rauchte kein unschuldig Blut.
Das Herz, das sie an sanften Banden lenket,
Verschmäht der Pflichten knechtisches Geleit;
Ihr Lichtpfad, schöner nur geschlungen, senket
Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit.
Die ihrem keuschen Dienste leben,
Versucht kein niedrer Trieb, bleicht kein Geschick;
Wie unter heilige Gewalt gegeben,
Empfangen sie das reine Geisterleben,
Der Freiheit süßes Recht, zurück.

   Glückselige, die sie - aus Millionen
Die Reinsten - ihrem Dienst geweiht,
In deren Brust sie würdigte zu thronen,
Durch deren Mund die Mächtige gebeut,
Die sie auf ewig flammenden Altären
Erkor, das heil'ge Feuer ihr zu nähren,
Vor deren Aug' allein sie hüllenlos erscheint,
Die sie in sanftem Bund um sich vereint!
Freut euch der ehrenvollen Stufe,
Worauf die hohe Ordnung euch gestellt!
In die erhabne Geisterwelt
War't ihr der Menschheit erste Stufe!

   Eh' ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht,
Dem alle Wesen freudig dienen -
Ein unermess'ner Bau im schwarzen Flor der Nacht,
Nächst um ihn her mit mattem Strahl beschienen,
Ein streitendes Gestaltenheer,
Die seinen Sinn in Sklavenbanden hielten,
Und ungesellig, rau wie er,
Mit tausend Kräften auf ihn zielten,
- So stand die Schöpfung vor dem Wilden.
Durch der Begierde blinde Fessel nur
An die Erscheinungen gebunden,
Entfloh ihm, ungenossen, unempfunden,
Die schöne Seele der Natur.

   Und wie sie fliehend jetzt vorüber fuhr,
Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten
Mit zartem Sinn, mit stiller Hand,
Und lerntet in harmon'schem Band
Gesellig sie zusammen gatten.
Leicht schwebend fühlte sich der Blick
Vom schlanken Wuchs der Zeder aufgezogen,
Gefällig strahlte der Kristall der Wogen
Die hüpfende Gestalt zurück.
Wie konntet ihr des schönen Winks verfehlen,
Womit euch die Natur hilfreich entgegen kam?
Die Kunst, den Schatten ihr nachahmend abzustehlen,
Wies euch das Bild, das auf der Woge schwamm.
Von ihrem Wesen abgeschieden,
Ihr eignes liebliches Phantom,
Warf sie sich in den Silberstrom,
Sich ihrem Räuber anzubieten.
Die schöne Bildkraft ward in eurem Busen wach.
Zu edel schon, nicht müßig zu empfangen,
Schuft ihr im Sand, im Ton den holden Schatten nach,
Im Umriss war sein Dasein aufgefangen.
Lebendig regte sich des Wirkens süße Lust,
Die erste Schöpfung trat aus eurer Brust.

   Von der Betrachtung angehalten,
Von eurem Späheraug' umstrickt,
Verrieten die vertraulichen Gestalten
Den Talisman, wodurch sie euch entzückt.
Die Wunder wirkenden Gesetze,
Des Reizes ausgeforschte Schätze,
Verknüpfte der erfindende Verstand
In leichtem Bund in Werken eurer Hand.
Der Obeliske stieg, die Pyramide,
Die Herme stand, die Säule sprang empor,
Des Waldes Melodie floss aus dem Haberrohr,
Und Siegestaten lebten in dem Liede.

   Die Auswahl einer Blumenflur
Mit weiser Wahl in einen Strauß gebunden -
So trat die erste Kunst aus der Natur;
Jetzt wurden Sträuße schon in einen Krug gewunden.
Und eine zweite, höhre Kunst erstand
Aus Schöpfungen der Menschenhand.
Das Kind der Schönheit, sich allein genug,
Vollendet schon aus eurer Hand gegangen.
Verliert die Krone, die es trug,
Sobald es Wirklichkeit empfangen.
Die Säule muss, dem Gleichmaß untertan,
An ihre Schwestern nachbarlich sich schließen,
Der Held im Heldenheer zerfließen.
Des Mäoniden Harfe stimmt voran.

   Bald drängten sich die staunenden Barbaren
Zu diesen neuen Schöpfungen heran.
Seht, riefen die erfreuten Scharen,
Seht an, das hat der Mensch getan!
In lustigen, geselligeren Paaren
Riss sie des Sängers Leier nach,
Der von Titanen sang und Riesenschlachten,
Und Löwentötern, die, so lang der Sänger sprach,
Aus seinen Hörern Helden machten.
Zum ersten Mal genießt der Geist,
Erquickt von ruhigeren Freuden,
Die aus der Ferne nur ihn weiden,
Die seine Gier nicht in sein Wesen reißt,
Die im Genuss nicht verscheiden.

Jetzt wand sich von dem Sinnenschlafe
Die freie, schöne Seele los;
Durch euch entfesselt, sprang der Sklave
Der Sorge in der Freude Schoß.
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn,
Und der erhabne Fremdling, der Gedanke,
Sprang aus dem staunenden Gehirn.
Jetzt stand der Mensch und wies den Sternen
Das königliche Angesicht;
Schon dankte nach erhabnen Fernen
Sein sprechend Aug' dem Sonnenlicht.
Das Lächeln blühte auf der Wange;
Der Stimme seelenvolles Spiel
Entfaltete sich zum Gesange;
Im feuchten Auge schwamm Gefühl.
Und Scherz mit Huld in anmutsvollem Bunde
Entquollen dem beseelten Munde.

   Begraben in des Wurmes Triebe,
Umschlungen von des Sinnes Lust,
Erkanntet ihr in seiner Brust
Den edeln Keim der Geisterliebe.
Dass von des Sinnes niedrem Triebe
Der Liebe bessrer Keim sich schied,
Dankt er dem ersten Hirtenlied.
Geadelt zur Gedankenwürde,
Floss die verschämtere Begierde
Melodisch aus des Sängers Mund.
Sanft glühten die betauten Wangen;
Das überlebende Verlangen
Verkündigte der Seelen Bund.

  Der Weisen Weisestes, der Milden Milde -
Der Starken Kraft, der Edeln Grazie
Vermähltet ihr in einem Bilde
Und stelltet es in eine Glorie.
Der Mensch erbebte vor dem Unbekannten,
Er liebte seinen Widerschein;
Und herrliche Heroen brannten
Dem großen Wesen gleich zu sein.
Den ersten Klang vom Urbild alles Schönen -
Ihr ließet ihn in der Natur ertönen.

   Der Leidenschaften wilden Drang,
Des Glückes regellose Spiele,
Der Pflichten und Instinkte Zwang
Stellt ihr mit prüfendem Gefühle,
Mit strengem Richtscheid nach dem Ziele.
Was die Natur auf ihrem großen Gange
In weiten Fernen auseinander zieht,
Wird auf dem Schauplatz, im Gesange,
Der Ordnung licht gefasstes Glied.
Vom Eumenidenchor geschrecket,
zieht sich der Mord, auch nie entdecket,
Das Los des Todes aus dem Lied.
Lang eh' die Weisen ihren Ausspruch wagen,
Löst eine Ilias des Schicksals Rätselfragen
Der jugendlichen Vorwelt auf;
Still wandelte von Thespis Wagen
Die Vorsicht in den Weltenlauf.

   Doch in den großen Weltenlauf
Ward euer Ebenmaß zu früh getragen.
Als des Geschickes dunkle Hand,
Was sie vor eurem Auge schürte,
Vor eurem Aug' nicht auseinander band,
Das Leben in die Tiefe schwand,
Eh' es den schönen Kreis vollführte -
Da führtet ihr aus kühner Eigenmacht
Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht;
Da stürztet ihr euch ohne Beben
In des Avernus schwarzen Ozean,
Und trafet das entflohne Leben
Jenseits der Urne wieder an;
Da zeigte sich mit umgestürztem Lichte,
An Kastor angelehnt, ein blühend Pollurbild;
Der Schatten in des Mondes Angesichte,
Eh' sich der schöne Silberkreis erfüllt.

   Doch höher stets, zu immer höhern Höhen
Schwang sich das schaffende Genie.
Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen erstehen,
Aus Harmonien Harmonie.
Was hier allein das trunkne Aug' entzückt,
Dient unterwürfig dort der höhern Schöne;
Der Reiz, der diese Nymphe schmückt,
Schmilzt sanft in eine göttliche Athene;
Die Kraft, die in des Ringers Muskel schwillt,
Muss in des Gottes Schönheit lieblich schweigen;
Das Staunen seiner Zeit, das stolze Jovisbild,
Im Tempel zu Olympia sich neigen.

   Die Welt, verwandelt durch den Fleiß,
Das Menschenherz, bewegt von neuen Trieben,
Dei sich in heißen Kämpfen üben,
Erweitern euren Schöpfungskreis.
Der fortgeschrittne Mensch trägt auf erhobnen Schwingen
Dankbar die Kunst mit sich empor,
Und neue Schönheitswelten springen
Aus der bereicherten Natur hervor.
Des Wissens Schranken gehen auf,
Der Geist, in euren leichten Siegen
Geübt, mit schnell gezeitigtem Vergnügen
Ein künstlich All von Reizen zu durcheilen,
Stellt der Natur entlegenere Säulen,
Ereilet sie auf ihrem dunkeln Lauf.
Jetzt wägt er sie mit menschlichen Gewichten,
Misst sie mit Maßen, die sie ihm geliehn;
Verständlicher in seiner Schönheit Pfichten
Muss sie an seinem Aug' vorüber ziehn.
In selbstgefäll'ger jugendlicher Freude
Leiht er den Sphären seine Harmonie,
Und preiset er das Weltgebäude.
So prangt es durch die Symmetrie.

   In Allem, was ihn jetzt umlebet,
Spricht ihn das holde Gleichmaß an,
Der Schönheit goldner Gürtel webet
Sich mild in seine Lebensbahn;
Die selige Vollendung schwebet
In euren Werken siegend ihm voran.
Wohin die laute Freude eilet,
Wohin der stille Kummer flieht,
Wo die Betrachtung denkend weilet,
Wo er des Elends Tränen sieht,
Wo tausend Schrecken auf ihn zielen.
Folgt ihm ein Harmonienbach,
Sieht er die Huldgöttinnen spielen,
Und ringt in still verfeinerten Gefühlen
Der lieblichen Begleitung nach.
Sanft, wie des Reizes Linien sich winden,
Wie die Erscheinungen um ihn
In welchem Umriss ineinander schwinden,
Flieht seines Lebens leichter Hauch dahin.
Sein Geist zerrinnt im Harmonienmeere,
Das seine Sinne wolllustreich umfließt,
Und der hinschmelzende Gedanke schließt
Sich still an die allgegenwärtige Cythere.
Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
Empfängt er das Geschoss, das ihn bedräut,
Mit freundlich dargebotnem Busen
Vom sanften Bogen der Notwendigkeit.

   Vertraute Lieblinge der sel'gen Harmonie,
Erfreuende Begleiter durch das Leben,
Das Edelste, das Teuerste, was sie,
Die Leben gab, zum Leben uns gegeben!
Dass der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt,
Die Fessel liebet, die ihn lenkt,
Kein Zufall mehr mit ehrnem Zepter ihm gebeut,
Dies dankt euch - eure Ewigkeit
Und ein erhabner Lohn in eurem Herzen.
Dass um den Kelch, worin uns Freiheit rinnt,
Der Freude Götter lustig scherzen,
Der holde Traum sich leiblich spinnt,
Dafür seid liebevoll umfangen!

   Dem prangenden, dem heitern Geist,
Der die Notwendigkeit mit Grazie umzogen,
Der seinen Äther, seinen Sternenbogen
Mit Anmut uns bedienen heißt,
Der, wo er schreckt, noch durch Erhabenheit entzücket
Und zum Verherren selbst sich schmücket,
Dem großen Künstler ahmt ihr nach.
Wie auf dem spiegelhellen Bach
Die bunten Ufer tanzend schweben,
Das Abendrot, das Blütenfeld,
So schimmert auf dem dürft'gen Leben
Der Dichtung muntre Schattenwelt.
Ihr führet uns im Brautgewande
Die fürchterliche Unbekannte,
Die unerweichte Parce vor.
Wie eure Urnen die Gebeine,
Deckt ihr mit holdem Zauberscheine
Der Sorgen schauervollen Chor.
Jahrtausende hab' ich durcheilet,
Der Vorwelt unabsehlich Reich:
Wie lacht die Menschheit, wo ihr weilet!
Wie traurig liegt sie hinter euch!

   Die einst mit flüchtigem Gefieder
Voll Kraft aus euren Schöpferhänden stieg,
In eurem Arm fand sie sich wieder,
Als durch der Zeiten stillen Sieg
Des Lebens Blüte von der Wange,
Die Stärke von den Gliedern wich,
Und traurig mit entnervtem Gange
Der Greis an seinem Stabe schlich.
Da reichtet ihr aus frischer Quelle
Dem Lechzenden die Lebenswelle;
Zwei Mal verjüngte sich die Zeit,
Zwei Mal von Samen, die ihr ausgestreut.

   Vertrieben von Barbarenheeren,
Entrisset ihr den letzten Opferbrand
Des Orients entheiligten Altären
Und brachtet ihn dem Abendland.
Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,
Der junge Tag, im Westen neu empor,
Und auf Hesperiens Gefilden sprossten
Verjüngte Blüten Ioniens hervor.
Die schönere Natur warf in die Seelen
Sanft spiegelnd einen schönen Widerschein,
Und prangend zog in die geschmückten Seelen
Des Lichtes große Göttin ein.
Da sah man Millionen Ketten fallen,
Und über Sklaven sprach jetzt Menschenrecht,
Wie Brüder friedlich mit einander wallen,
So mild erwuchs das jüngere Geschlecht.
Mit innrer hoher Freudenfülle
Genießt ihr das gegebne Glück,
Und tretet in der Demut Hülle
Mit schweigendem Verdienst zurück.

   Wenn auf des Denkens frei gegebnen Bahnen
Der Forscher jetzt mit kühnem Blicke schweift,
Und, trunken von Sieg rufenden Päanen,
Mit rascher Hand schon nach der Krone greift;
Wenn er mit niederm Söldnerslohne
Den edeln Führer zu entlassen glaubt,
Und neben dem geträumten Throne
Der Kunst den ersten Sklavenplatz erlaubt: -
Verzeiht ihm - der Vollendung Krone
Schwebt glänzend über eurem Haupt.
Mit euch, des Frühlings erster Pflanze,
Begann die Seelen bildende Natur;
Mit euch, dem freud'gen Erntekranze,
Schließt die vollendende Natur.

   Die von dem Ton, dem Stein bescheiden aufgestiegen,
Die schöpferische Kunst, umschließt mit stillen Siegen
Des Geistes unermess'nes Reich.
Was in des Wissens Land Entdecker nur ersiegen,
Entdecken sie, ersiegen sie für euch.
Der Schätze, die der Denker aufgehäufet,
Wird er in euren Armen erst sich freun,
Wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet,
Zum Kunstwerk wird geadelt sein -
Wenn er auf einem Hügel mit euch steiget,
Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein,
Das malerische Tal - auf einmal zeiget.
Je reicher ihr den schnellen Blick vergnüget,
Je höhre, schönre Ordnungen der Geist
In einem Zauberbund durchflieget,
In einem schwelgenden Genuss umkreist;
Je weiter sich Gedanken und Gefühle
Dem üppigeren Harmonienspiele,
Dem reichern Strom der Schönheit aufgetan -
Je schönre Glieder aus dem Weltenplan,
Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden,
Sieht er die hohen Formen dann vollenden,
Je schönre Rätsel treten aus der Nacht,
Je reicher wird die Welt, die er umschließet,
Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet,
Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht,
Je höher streben seine Triebe,
Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe.
So führt ihn, in verborgnem Lauf,
Durch immer reinre Formen, reinre Töne,
Durch immer höhre Höhn und immer schönre Schöne
Der Dichtung Blumenleiter still hinauf -
Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten,
Noch eine glückliche Begeisterung,
Des jüngsten Menschenalters Dichterschwung,
Und - in der Wahrheit Arme wird er gleiten.

   Sie selbst, die sanfte Cypria,
Umleuchtet von der Feuerkrone,
Steht dann vor ihrem münd'gen Sohne
Entschleiert - als Urania.
So schneller nur von ihm erhaschet,
Je schöner er von ihr geflohn!
So süß, so selig überraschet
Stand einst Ulysseus edler Sohn,
Da seiner Jugend himmlischer Gefährte
Zu Jovis Tochter sich verklärte.

   Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!
Der Dichtung heilige Magie
Dient einem weisen Weltenplane,
Still lenke sie zum Ozeane
Der großen Harmonie!

   Von ihrer Zeit verstoßen, flüchte
Die ernste Wahrheit zum Gedichte
Und finde Schutz in der Kamönen Chor.
In ihres Glanzes höchster Fülle,
Furchtbarer in des Reizes Hülle,
Erstehe sie in dem Gesange
Und räche sich mit Siegesklange
An des Verfolgers feigem Ohr.

   Der freisten Mutter freie Söhne,
Schwingt euch mit festem Angesicht
Zum Strahlensitz der höchsten Schöne!
Um andre Kronen buhlet nicht!
Die Schwester, die euch hier verschwunden,
Holt ihr im Schoß der Mutter ein;
Was schöne Seelen schön empfunden,
Muss trefflich und vollkommen sein.
Erhebet euch mit kühnem Flügel
Hoch über euren Zeitenlauf!
Fern dämmre schon in eurem Spiegel
Das kommende Jahrhundert auf.
Auf tausendfach verschlungnen Wegen
Der eichen Mannichfaltigkeit
Kommt dann umarmend euch entgegen
Am Thron der hohen Einigkeit!
Wie sich in sieben milden Strahlen
Der weiße Schimmer leiblich bricht,
Wie sieben Regenbogenstrahlen
Zerrinnen in das weiße Licht:
So spielt in tausendfacher Klarheit
Bezaubernd um den trunknen Blick,
So fließt in einen Bund der Wahrheit,
In einen Strom des Lichts zurück!


Die berühmte Frau

Epistel eines Ehemanns an einen andern.

   Beklagen soll ich dich? Mit Tränen bittrer Reue
Wird Hymens Band von dir verflucht?
Warum? Weil deine Ungetreue
In eines Andern Armen sucht,
Was ihr die deinigen versagen? -
Freund, höre fremde Leiden an,
Und lerne deine leichter tragen.

   Dich schmerzt, dass sich in deine Rechte
Ein Zweiter teilt? - Beneidenswerter Mann!
Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte.
Vom Belt bis an der Mosel Strand,
Bis an die Apenninenwand,
Bis in die Vaterstadt der Moden
Wird sie in allen Buden feil geboten,
Muss sie auf Diligencen, Paketbooten
Vom jedem Schulfuchs, jedem Hasen
Kunstrichterlich sich mustern lassen,
Muss sie der Brille des Philisters stehn,
Und wie's ein schmutz'ger Aristarch befohlen,
Auf Blumen oder heißen Kohlen
Zum Ehrentempel oder Pranger gehn.
Ein Leipziger - dass Gott ihn strafen wollte!
Nimmt topographisch sie wie eine Festung auf,
Und bietet Gegenden dem Publikum zu Kauf,
Wovon ich billig doch allein nur sprechen sollte.

   Dein Weib - Dank den kanonischen Gesetzen! -
Weiß deiner Gattin Titel doch zu schätzen.
Sie weiß warum und tut sehr wohl daran.
Mich kennt man nur als Ninons Mann.
Du klagst, dass im Parterre und an den Pharotischen,
Erscheinst du, alle Zungen zischen?
O Mann des Glücks! Wer einmal das von sich
Zu rühmen hätte! - Mich, Herr Bruder, mich,
Beschert mir endlich eine Molkenkur
Das rare Glück - den Platz an ihrer Linken,
Mich merkt kein Aug', und alle Blicke winken
Auf meine stolze Hälfte nur.

   Kaum ist der Morgen grau,
So kracht die Treppe schon von blau'n und gelben Röcken
Mit Briefen, Ballen, unfrankierten Päcken,
Signiert: An die berühmte Frau.
Sie schläft so süß! - doch darf ich sie nicht schonen.
"Die Zeitungen, Madam, aus Jena und Berlin!"
Rasch öffnet sich das Aug' der holden Schläferin,
Ihr erster Blick fällt - auf Rezensionen.
Das schöne blaue Auge - mir
Nicht einen Blick! - durchirrt ein elendes Papier,
(Laut hört man in der Kinderstube weinen)
Sie legt es endlich weg und frägt nach ihren Kleinen.

   Die Toilette wartet schon,
Doch halbe Blicke nur beglücken ihren Spiegel.
Ein mürrisch ungeduldig Drohn
Gibt der erschrocknen Zofe Flügel.
Von ihrem Putztisch sind die Grazien entflohn,
Und an der Stelle holder Amorinen
Sieht man Erinnyen den Lockenbau bedienen.

   Karossen rasseln jetzt heran,
Und Mietlakaien springen von den Tritten,
Dem duftenden Abbé, dem Reichsbaron, dem Britten,
Der - nur nichts Deutsches lesen kann,
Großing und Compagnie, dem Z** Wundermann
Gehör bei der Berühmten zu erbitten.
Ein Ding, das demutsvoll sich in die Ecke drückt
Und Ehmann heißt, wird vornehm angeblickt.
Hier darf ihr - wird dein Hausfreund so viel wagen? -
Der dümmste Fat, der ärmste Wicht,
Wie sehr er sie bewundre, sagen,
Und darf's vor meinem Angesicht!
Ich steh' dabei, und, will ich artig heißen,
Muss ich ihn bitten mitzuspeisen.

   Bei Tafel, Freund, beginnt erst meine Not,
Da geht es über meine Flaschen!
Mit Weinen von Burgund, die mir der Arzt verbot,
Muss ich die Kehlen ihrer Lober waschen.
Mein schwer verdienter Bissen Brot
Wird hungriger Schmarotzer Beute;
O diese leidige, vermaledeite
Unsterblichkeit ist meines Nierensteiners Tod!
Den Wurm an alle Finger, welche drucken!
Was, meinst Du, sei mein Dank? Ein Achselzucken,
Ein Mienenspiel, ein ungeschliffenes Beklagen -
Errätst du's nicht? O ich versteh's genau!
Dass diesen Brillant von einer Frau
Ein solcher Pavian davon getragen.

   Der Frühling kommt. Auf Wiesen und auf Feldern
Streut die Natur den bunten Teppich hin;
Die Blumen kleiden sich in angenehmes Grün,
Die Lerche singt, es lebt in allen Wäldern.
- Ihr ist der Frühling wonneleer.
Die Sängerin der süßesten Gefühle,
Der schöne Hain, der Zeuge unsrer Spiele,
Sagt ihrem Herzen jetzt nichts mehr.
Die Nachtigallen haben nicht gelesen,
Die Lilien bewundern nicht.
Der allgemeine Jubelruf der Wesen
Begeistert sie - zu einem Sinngedicht.
Doch nein! Die Jahrszeit ist so schön - zum Reisen.
Wie drängend voll mag's jetzt in Pyrmont sein!
Auch hört man überall das Karlsbad preisen.
Husch ist sie dort - in jenem ehrenvollen Reihn,
Wo Griechen, untermischt mit Weisen,
Celebritäten aller Art,
Vertraulich, wie in Charons Kahn, gepaart,
An einem Tisch zusammen speisen;
Wo, eingeschickt von fernen Meilen,
Zerriss'ne Tugenden von ihren Wunden heilen,
Noch andre - sie mit Würde zu bestehn,
Um die Versuchung lüstern flehn -
Dort, Freund - o lerne dein Verhängnis preisen!
Dort wandelt meine Frau und lässt mir sieben Waisen.

   O meiner Liebe erstes Flitterjahr!
Wie schnell - ach, wie so schnell bist du entflogen!
Ein Weib, wie keines ist, und keines war,
Mir von des Reizes Göttinnen erzogen,
Mit hellem Geist, mit aufgetanem Sinn
Und weichen, leicht beweglichen Gefühlen.
So sah ich sie, die Herzenfesslerin,
Gleich einem Maitag mir zur Seite spielen;
Das süße Wort: Ich liebe dich!
Sprach aus dem holden Augenpaare,
So führt' ich sie zum Traualtare:
O wer war glücklicher als ich!
Ein Blütenfeld beneidenswerter Jahre
Sah lachend mich aus diesem Spiegel an.
Mein Himmel war mir aufgetan.
Schon sah ich schöne Kinder um mich scherzen,
In ihrem Kreis die Schönste sie,
Die Glücklichste von allen sie,
Und mein durch Seelenharmonie,
Durch ewig festen Bund der Herzen.
Und nun erscheint - o mög' ihn Gott verdammen!
Ein großer Mann - ein schöner Geist.
Der große Mann tut eine Tat! - und reißt
Mein Kartenhaus vom Himmelreich zusammen.

   Wen hab' ich nun? - Beweineswerter Tausch!
Erwacht aus diesem Wonnerausch,
Was ist von diesem Engel mir geblieben?
Ein starker Geist in einem zarten Leib,
Ein Zwitter zwischen Mann und Weib,
Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben,
Ein Kind mit eines Riesen Waffen,
Ein Mittelding von Weisen und von Affen!
Um kümmerlich dem stärkern nach zu kriechen,
Dem schöneren Geschlecht entflohn,
herabgestürzt von einem Thron,
Des Reizes heiligen Mysterien entwichen,
Aus Cytherea's goldnem Buch5) gestrichen
Für - einer Zeitung Gnadenlohn!


Einer jungen Freundin ins Stammbuch

   Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen
Umhüpft, so, Freundin, spielt um dich die Welt!
Doch so, wie sie sich malt in deinem Herzen,
In deiner Seele schönen Spiegel fällt -
So ist sie nicht. Die stillen Huldigungen,
Die deines Herzens Adel dir errungen,
Die Wunder, die du selbst getan,
Die Reize, die dein Dasein ihm gegeben,
Die rechnest du für Reize diesem Leben,
Für schöne Menschlichkeit uns an.
Dem holden Zauber nie entweihter Jugend,
Dem Talisman der Unschuld und der Tugend -
Den will ich sehn, der diesem trotzen kann!

   Froh taumelst du im süßen Überzählen
Der Blumen, die um deine Pfade blühn,
Der Glücklichen, die du gemacht, der Seelen,
Die du gewonnen hast, dahin.
Sei glücklich in dem lieblichen Betruge!
Nie stürze von des Traumes stolzem Fluge
Ein trauriges Erwachen dich herab.
Den Blumen gleich, die deine Beete schmücken,
So pflanze sie - nur den entfernten Blicken!
Betrachte sie, doch pflücke sie nicht ab.
Geschaffen nur die Augen zu vergnügen -
Welk werden sie zu deinen Füßen liegen,
Je näher dir, je näher ihrem Grab!

Ü   Þ


1) Erste Lesart: Bettler werden Fürstenbrüder. ­

2) Frühere Lesart: Laufet. ­

3) In der Tahlia, wo dieses Gedicht zuerst erschien, endigt es mit folgender Strophe:
Rettung von Tyrannenketten,
   Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
   Gnade auf dem Hochgericht!

Auch die Toten sollen leben!
   Brüder, trinkt und stimmet ein:
Allen Sündern soll vergeben,
   Und die Hölle nicht mehr sein!

Chor

Eine heitre Abschiedsstunde!
   Süßen Schlaf im Leichentuch!
   Brüder - einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!
­

4) in der ersten Ausgabe finden sich hier folgende Strophen:

Betend an der Grazien Altären,
Kniete da die holde Priesterin,
Sandte stille Wünsche an Cytheren
Und Gelübde an die Charitin.
Hoher Stolz, auch droben zu gebieten
Lehrte sie den göttergleichen Rang
Und des Reizes heil'gen Gurtel hüten,
Der den Donn'rer selbst bezwang.

Himmlisch und unsterblich war das Feuer,
Das in Pindars stolzen Hymnen floss,
Niederströmte in Arions Leier,
In den Stein des Phidias sich goss.
Bess're Wesen, edlere Gestalten
Kündigten die hohe Abkunft an.
Götter, die vom Himmel niederwallten,
Sahen hier ihn wieder aufgetan.

Werter war von eines Gottes Güte,
Teurer jede Gabe der Natur,
Unter Iris' schönem Bogen blühte
Reizender die perlenvolle Flur,
Prangender erschien die Morgenröte
In Hemerens rosigtem Gewand,
Schmelzender erklang die Flöte
In des Hirtengottes Hand.
­

5) Goldnes Buch; so wird in einigen italienischen Republiken das Verzeichnis genannt, in welchem die adeligen Familien eingeschrieben stehen. ­

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