Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Gedichte
            Erste Periode
            Zweite Periode
            Metrische Übersetzungen
            Dritte Periode (1)
            Dritte Periode (2)
            Dritte Periode (3)
            Dritte Periode (4)

Erste Periode

Hektors Abschied

Andromache

   Will sich Hektor ewig von mir wenden,
Wo Achill mit den unnahbarn Händen
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?

Hektor

   Teures Weib, gebiete deinen Tränen,
Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,
Diese Arme schützen Pergamus.
Kämpfend für den heil'gen Herd der Götter
Fall' ich, und des Vaterlandes Retter
Steig' ich nieder zu dem styg'schen Fluss.

Andromache

   Nimmer lausch' ich deiner Waffen Schalle,
Müßig liegt dein Eisen in der Halle,
Priams großer Heldenstamm verdirbt.
Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheint,
Der Cocytus durch die Wüsten weint,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt.

Hektor

   All mein Sehnen will ich, all mein Denken,
In des Lethe stillen Strom versenken,
Aber meine Liebe nicht.
Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern,
Gürte mir das Schwert um, lass das Trauern!
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.


Amalia

Schön wie Engel voll Walhalla's Wonne,
   Schön vor allen Jünglingen war er,
Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne,
   Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.

Seine Küsse - paradiesisch Fühlen!
   Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie
Harfentöne ineinander spielen
   Zu der himmelvollen Harmonie -

Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,
   Lippen, Wangen brannten, zitterten,
Seele rann in Seele - Erd' und Himmel schwammen
   Wie zerronnen um die Liebenden!

Er ist hin - vergebens, ach! Vergebens
   Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!
Er ist hin - und alle Lust des Lebens
   Wimmert hin in ein verlornes Ach!


Eine Leichenphantasie

Mit erstorbenem Scheinen
Steht der Mond auf totenstillen Hainen,
   Seufzend streicht der Nachtgeist durch die Luft -
      Nebelwolken schauern,
      Sterne trauern
   Bleich herab, wie Lampen in der Gruft.
Gleich Gespenstern, stumm und hohl und hager.
   Zieht in schwarzem Totenpompe dort
Ein Gewimmel nach dem Leichenlager
   Unterm Schauerflor der Grabnacht fort.

Zitternd an der Krücke
Wer mit düsterm, rückgesunknem Blicke,
   Ausgegossen in ein heulend Ach,
Schwer geneckt vom eisernen Geschicke,
   Schwankt dem stumm getragnen Sarge nach?
Floss es "Vater" von des Jüngings Lippe?
   Nasse Schauer schauern fürchterlich
Durch sein gramgeschmolzenes Gerippe,
   Seine Silberhaare bäumen sich. -

Aufgerissen seine Feuerwunde!
   Durch die Seele Höllenschmerz!
"Vater" floss es von des Jünglings Munde,
   "Sohn" gelispelt hat das Vaterherz.
Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche,
   Und Dein Traum, so golden einst, so süß!
Süß und golden, Vater, Dir zum Fluche!
Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche,
   Deine Wonne und Dein Paradies!

Mild, wie umweht von Elysiumslüften,
   Wie aus Aurora's Umarmung geschlüpft,
Himmlisch umgürtet mit rosigten Düften,
   Florens Sohn über das Blumenfeld hüpft,
Flog er einher auf den lachenden Wiesen,
   Nachgespiegelt von silberner Flut,
Wollustflammen entsprühten den Küssen,
   Jagten die Mädchen in liebende Glut.

Mutig sprang er im Gewühle der Menschen,
   Wie auf Gebirgen ein jugendlich Reh;
Himmel umflog er in schweifenden Wünschen,
   Hoch wie die Adler in wolkigter Höh';
Stolz wie die Rosse sich sträuben und schäumen,
   Werfen im Sturm die Mähnen umher,
Königlich wider den Zügel sich bäumen,
   Trat er vor Sklaven und Fürsten daher.

Heiter, wie Frühlingstag, schwand ihm das Leben,
   Floh ihm vorüber in Hesperns Glanz,
Klagen ertränkt' er im Golde der Reben,
   Schmerzen verhüpft er im wirbelnden Tanz.
Welten schliefen im herrlichen Jungen,
   Ha! Wenn er einsten zum Manne gereift -
Freue Dich, Vater! - Im herrlichen Jungen,
   Wenn einst die schlafenden Keime gereift!

Nein doch, Vater - Horch! Die Kirchhoftüre brauset
   Und die ehrnen Angel klirren auf -
Wie's hinein ins Grabgewölbe grauset! -
   Nein doch, lass den Tränen ihren Lauf!
Geh, Du Holder, geh im Pfad der Sonne
   Freudig weiter der Vollendung zu,
Lösche nun den edlen Durst nach Wonne,
   Gramentbundner, in Walhalla's Ruh!

Wiedersehen - himmlischer Gedanke! -
   Wiedersehen dort an Edens Thor!
Horch! Der Sarg versinkt mit dumpfigem Geschwanke,
   Wimmernd schnurrt das Totenseil empor!
Da wir trunken um einander rollten,
   Lippen schwiegen, und das Auge sprach -
Haltet! Haltet! - Da wir boshaft grollten -
   Aber Tränen stürzten wärmer nach - -

Mit erstorbnem Scheinen
Steht der Mond auf totenstillen Hainen,
   Seufzend streicht der Nachtgeist durch die Luft.
      Nebelwolken schauern,
      Sterne trauern
   Bleich herab, wie Lampen in der Gruft.
Dumpfig schollert's überm Sarg zum Hügel -
   O, um Erdballs Schätze, nur noch einen Blick!
Starr und ewig schließt des Grabes Riegel,
Dumpfer - dumpfer schollert's überm Sarg zum Hügel,
   Nimmer gibt das Grab zurück.


Phantasie an Laura

Meine Laura! Nenne mir den Wirbel.
   Der an Körper Körper mächtig reißt,
Nenne, meine Laura, mir den Zauber,
   Der zum Geist gewaltig zwingt den Geist!

Sieh! Er lehrt die schwebenden Planeten
   Ew'gen Ringgangs um die Sonne fliehn,
Und, gleich Kindern um die Mutter hüpfend,
   Bunte Zirkel um die Fürstin ziehn.

Durstig trinkt den goldnen Strahlenregen
   Jedes rollende Gestirn,
Trinkt aus ihrem Feuerkelch Erquickung,
   Wie die Glieder Leben vom Gehirn.

Sonnenstäubchen paart mit Sonnenstäubchen
   Sich in trauter Harmonie,
Sphären ineinander lenkt die Liebe,
   Weltsysteme dauern nur durch sie.

Tilge sie vom Uhrwerk der Naturen -
   Trümmernd auseinander springt das All,
In das Chaos donnern Eure Welten,
   Weint, Newtone, ihren Riesenfall!

Tilg' die Göttin aus der Geister Orden,
   Sie erstarren in der Körper Tod;
Ohne Liebe kehrt kein Frühling wieder,
   Ohne Liebe preist kein Wesen Gott!

Und was ist's, das, wenn mich Laura küsst,
   Purpurflammen auf die Wangen geußt?
Meinem Herzen raschern Schwung gebietet,
   Fiebrisch wild mein Blut von hinnen reißt?

Aus den Schranken schwellen alle Sehnen,
   Seine Ufer überwallt das Blut,
Körper will in Körper überstürzen,
   Lodern Seelen in vereinter Glut.

Gleich allmächtig, wie dort in der toten
   Schöpfung ew'gem Federtrieb,
Herrscht im arachneischen Gewebe
   Der empfindenden Natur die Lieb'.

Siehe, Laura, Fröhlichkeit umarmt
   Wilder Schmerzen Überschwung;
An der Hoffnung Liebesbrust erwarmt
   Starrende Verzweiflung.

Schwesterliche Wolllust mildert
   Düstrer Schwermut Schauernacht.
Und entbunden von den goldnen Kindern,
   Strahlt das Auge Sonnenpracht.

Waltet nicht auch durch des Übels Reiche
   Fürchterliche Sympathie?
Mit der Hölle buhlen unsre Laster,
Mit dem Himmel grollen sie.

Um die Sünde flechten Schlangenwirbel
   Scham und Reu', das Eumenidenpaar,
Um der Größe Adlerflügel windet
   Sich verrätrisch die Gefahr.

Mit dem Stolz pflegt der Sturz zu tändeln,
   Um das Glück zu klammern sich der Neid,
Ihrem Bruder Tode zuzuspringen
   Offnen Armes Schwester Lüsternkeit.

Mit der Liebe Flügel eilt die Zukunft
   In die Arme der Vergangenheit,
Lange sucht der fliehende Saturnus
   Seine Braut - die Ewigkeit.

Einst - so hör' ich das Orakel sprechen,
   Einsten hascht Saturn die Braut;
Weltenbrand wird Hochzeitfackel werden,
   Wenn mit Ewigkeit die Zeit sich traut.

Eine schönere Aurora rötet,
   Laura, dann auch unsrer Liebe sich,
Die so lang als jener Brautnacht dauert.
   Laura! Laura! Freue Dich!


Laura am Klavier

Wenn Dein Finger durch die Saiten meistert,
   Laura, itzt zur Statue entgeistert,
   Itzt entkörpert steh' ich da.
Du gebietest über Tod und Leben,
Mächtig wie von tausend Nervgeweben
   Seelenfordert Philadelphia.

Ehrerbietig leiser rauschen
Dann die Lüfte, Dir zu lauschen.
   Hingeschmiedet zum Gesang
   Stehn im ew'gen Wirbelgang.
Einzuziehn die Wonnefülle,
Lauschende Naturen stille.
   Zauberin! Mit Tönen, wie
   Mich mit Blicken, zwingst Du sie.

Seelenvolle Harmonien wimmeln,
   Ein wolllüstig Ungestüm,
Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln
   Neugeborne Seraphim;
Wie, des Chaos Riesenarm entronnen,
Aufgejagt vom Schöpfungssturm, die Sonnen
   Funkelnd fuhren aus der Nacht,
   Strömt der Töne Zaubermacht.

Lieblich itzt, wie über glatten Kieseln
Silberhelle Fluten rieseln,
   Majestätisch prächtig nun,
   Wie des Donners Orgelton,
Stürmend von hinnen itzt, wie sich von Felsen
Rauschende, schäumende Gießbäche wälzen,
   Holdes Gesäusel bald,
      Schmeichlerisch linde,
   Wie durch den Espenwald
      Buhlende Winde,

Schwer nun und melancholisch düster,
Wie durch toter Wüsten Schauernachtgeflüster,
   Wo verlornes Heulen schweift,
   Tränenwellen der Cocytus schleift.
Mädchen, sprich! Ich frage, gib mir Kunde:
Stehst mit höhern Geistern Du im Bunde?
   Ist's die Sprache, lüg' mir nicht,
   Die man in Elysen spricht?


Die Entzückung an Laura

Laura, über diese Welt zu flüchten
Wähn' ich - mich in Himmelmaienglanz zu lichten,
   Wenn Dein Blick in meine Blicke stimmt;
Ätherlüste träum' ich einzusaugen,
Wenn mein Bild in Deiner sanften Augen
   Himmelblauem Spiegel schwimmt.

Leierklang aus Paradieses-Fernen,
Harfenschwung aus angenehmern Sternen
   Ras' ich in mein trunknes Ohr zu ziehn;
Meine Muse fühlt die Schäferstunde,
Wenn von Deinem wolllustheißen Munde
   Silbertöne ungern fliehn.

Amoretten seh' ich Flügel schwingen,
Hinter Dir die trunknen Fichten springen,
   Wie von Orpheus Saitenruf belebt;
Rascher rollen um mich her die Pole,
Wenn im Wirbeltanze Deine Sohle
   Flüchtig, wie die Welle, schwebt.

Deine Blicke - wenn sie Liebe lächeln,
Könnten Leben durch den Marmor fächeln,
   Felsenadern Pulse leihn;
Träume werden um mich her zu Wesen,
Kann ich nur in Deinen Augen lesen:
   Laura, Laura mein!


Das Geheimnis der Reminiszenz

An Laura

Ewig starr an Deinem Mund zu hangen;
Wer enthüllt mir dieses Glutverlangen?
Wer die Wolllust, Deinen Hauch zu trinken;
In Dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
               Sterbend zu versinken?

Fliehen nicht, wie ohne Widerstreben
Sklaven an den Sieger sich ergeben,
Meine Geister hin im Augenblicke,
Stürmend über meines Lebens Brücke,
               Wenn ich Dich erblicke?

Sprich! Warum entlaufen sie dem Meister?
Suchen dort die Heimat meine Geister,
Oder finden sich getrennte Brüder,
Losgerissen von dem Band der Glieder,
               Dort bei Dir sich wieder?

Waren unsre Wesen schon verflochten?
War es darum, dass die Herzen pochten?
Waren wir im Strahl erloschner Sonnen,
In den Tagen lang verrauschter Wonnen
               Schon in Eins zerronnen?

Ja, wir waren's! - Innig mir verbunden
Wart Du in Aeonen, die verschwunden;
Meine Muse sah es auf der trüben
Tafel der Vergangenheit geschrieben:
               Eins mit Deinem Lieben!

Und in innig fest verbundem Wesen,
Also hab' ich's staunend dort gelesen,
Warn wir ein Gott, ein schaffend Leben,
Und uns ward, sie herrschend zu durchweben,
               Frei die Welt gegeben.

Uns entgegen gossen Nektarquellen
Ewig strömend ihre Wolllustwellen;
Mächtig lösten wir der Dinge Siegel,
Zu der Wahrheit lichtem Sonnenhügel
               Schwang sich unser Flügel.

Weine, Laura! Dieser Gott ist nimmer!
Du und ich des Gottes schöne Trümmer,
Und in uns ein unersättlich Dringen,
Das verlorne Wesen einzuschlingen,
               Gottheit zu erschwingen.

Darum, Laura, dieses Glutverlangen;
Ewig starr an Deinem Mund zu hangen,
Und die Wolllust, Deinen Hauch zu trinken,
In Dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
               Sterbend zu versinken.

Darum fliehn, wie ohne Widerstreben
Sklaven an den Sieger sich ergeben,
Meine Geister hin im Augenblicke,
Stürmend über meines Lebens Brücke,
               Wenn ich Dich erblicke.

Darum nur entlaufen sie dem Meister,
Ihre Heimat suchen meine Geister,
Losgerafft vom Kettenband der Glieder,
Küssen sich die lang getrennten Brüder
               Wieder erkennend wieder.

Und auch Du - da mich Dein Auge spähte,
Was verriet der Wangen Purpurröte?
Flohn wir nicht, als wären wir verwandter,
Freudig, wie zur Heimat ein Verbannter,
               Glühend aneinander?


Melancholie an Laura

   Laura - Sonnenaufgangsglut
Brennt in Deinen goldnen Blicken,
   In den Wangen springt purpurisch Blut,
   Deiner Tränen Perlenflut
Nennt noch Mutter das Entzücken -
   Wem der schöne Tropfen taut,
   Wer darin Vergöttrung schaut,
Ach dem Jüngling, der belohnet wimmert,
Sonnen sind ihm aufgedämmert!

Deine Seele, gleich der Spiegelwolle,
Silberklar und sonnenhelle,
   Maiet noch den trüben Herbst um Dich;
   Wüsten, öd' und schauerlich,
Lichten sich in Deiner Strahlenquelle;
Düstrer Zukunft Nebelferne
Goldet sich in Deinem Sterne;
   Lächelst Du der Reize Harmonie?
   Und ich weine über sie. -

Untergrub denn nicht der Erde Veste
   Lange schon das Reich der Nacht?
Unsre stolz auftürmenden Paläste,
   Unsrer Städte majestät'sche Pracht
Ruhen all' auf modernden Gebeinen,
   Deine Nelken saugen süßen Duft
Aus Verwesung; Deine Quellen weinen
   Aus dem Becken einer - Menschengruft.

Blick' empor - die schwimmenden Planeten,
Lass Dir, Laura, seine Welten reden!
   Unter ihrem Zirkel flohn
   Tausend bunte Lenze schon,
Türmten tausend Throne sich,
Heulten tausend Schlachten fürchterlich.
   In den eisernen Fluren
   Suche ihre Spuren!
Früher, später reif zum Grab,
Laufen, ach, die Räder ab
   An Planetenuhren.

   Blinze dreimal - und der Sonnen Pracht
   Löscht im Meer der Totennacht!
Frage mich, von wannen Deine Strahlen lodern!
   Prahlst Du mit des Auges Glut?
   Mit der Wangen frischem Purpurblut,
Abgeborgt von mürben Modern?
   Wuchernd fürs geliehne Rot,
Wuchernd, Mädchen, wird der Tod
Schwere Zinsen fordern!

Rede, Mädchen, nicht dem Starken Hohn!
   Eine schönre Wangenröte
Ist doch nur des Todes schönrer Thron;
   Hinter dieser blumigten Tapete
Spannt den Bogen der Verderber schon -
Glaub' es - glaub' es, Laura, Deinem Schwärmer:
   Nur der Tod ist's, dem Dein schmachtend Auge winkt;
   Jeder Deiner Strahlenblicke trinkt
Deines Lebens karges Lämpchen ärmer;
   Meine Pulse, prahlest Du,
Hüpfen noch so jugendlich von dannen -
Ach! Die Kreaturen des Tyrannen
   Schlagen tückisch der Verwesung zu.

   Auseinander bläst der Tod geschwind
   Dieses Lächeln, wie der Wind
Regenbogenfarbigtes Geschäume.
   Ewig fruchtlos suchst Du seine Spur;
   Aus dem Frühling der Natur,
Aus dem Leben, wie aus seinem Keime,
   Wächst der ew'ge Würger nur.

Weh! Entblättert seh' ich Deine Rosen liegen,
   Bleich erstorben Deinen süßen Mund,
   Deiner Wangen wallendes Rund
Werden raue Winterstürme pflügen,
   Düstrer Jahre Nebelschein
Wird der Jugend Silberquelle trüben,
Dann wird Laura - Laura nicht mehr lieben;
   Laura nicht mehr liebenswürdig sein.

Mädchen - stark wie Eiche stehet noch Dein Dichter;
   Stumpf an meiner Jugend Felsenkraft
   Niederfällt des Totenspeeres Schaft,
Meine Blicke brennend wie die Lichter
   Seines Himmels - feuriger mein Geist,
Denn die Lichter seines ew'gen Himmels,
Der im Meere eignen Weltgewimmels
   Felsen türmt und niederreißt;
Kühn durchs Weltall steuern die Gedanken,
Fürchten nichts - als seine Schranken.

Glühst Du, Laura? Schwillt die stolze Brust?
Lern' es, Mädchen, dieser Trank der Lust,
   Dieser Kelch, woraus mir Gottheit düftet -
   Laura - ist vergiftet!
Unglückselig! Unglückselig! Die es wagen,
Götterfunken aus dem Staub zu schlagen.
   Ach! Die kühnste Harmonie
Wirft das Saitenspiel zu Trümmer,
   Und der lohe Ätherstrahl Genie
Nährt sich nur vom Lebenslampenschimmer -
   Wegbetrogen von des Lebens Thron,
Frohnt ihm jeder Wächter schon!
Ach! Schon schwören sich, missbraucht zu frechen Flammen,
Meine Geister wider mich zusammen!
Lass - ich fühl's - lass, Laura, noch zween kurze
   Lenze fliegen - und dies Moderhaus
Wiegt sich schwankend über mir zum Sturze,
   Und in eignem Strahle lösch' ich aus. - -

Weinst Du, Laura? - Träne, sei verneinet
Die des Alters Straf-Los mir erweinet!
   Weg! Versiege, Träne, Sünderin!
Laura will, dass meine Kraft entweiche,
Dass ich zitternd unter dieser Sonne schleiche,
   Die des Jünglings Adlergang gesehn? -
Dass des Busens lichte Himmelsflamme
Mit erfrornem Herzen ich verdamme,
Dass die Augen meines Geists verblinden,
Dass ich fluche meinen schönsten Sünden?
   Nein! Versiege, Träne, Sünderin! -
Brich die Blume in der schönsten Schöne,
Lösch', o Jüngling mit der Trauermiene,
   Meine Fackel weinend aus,
Wie der Vorhang an der Trauerbühne
Niederrauschet bei der schönsten Szene,
   Fliehn die Schatten - und noch schweigend horcht das Haus. -


Die Kindesmörderin

Horch - die Glocken hallen dumpf zusammen,
   Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf.
Nun, so sei's denn! - Nun, in Gottes Namen!
   Grabgefährten, brecht zum Richtplatz auf.
Nimm, o Welt, die letzten Abschiedsküsse!
   Diese Tränen nimm, o Welt, noch hin!
Deine Gifte - o, sie schmeckten süße! -
   Wir sind quitt, Du Herzvergifterin!

Fahret wohl, ihr Freuden dieser Sonne,
   Gegen schwarzen Moder umgetauscht!
Fahre wohl, Du Rosenzeit voll Wonne,
   Die so oft das Mädchen luftberauscht!
Fahret wohl, ihr goldgewebten Träume,
   Paradieseskinder, Phantasien!
Weh! Sie starben schon im Morgenkeime,
   Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen,
   Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid,
In der blonden Locken loses Schweifen
   Waren junge Rosen eingestreut.
Wehe! - Die Geopferte der Hölle
   Schmückt noch itzt das weißliche Gewand;
Aber ach! - Der Rosenschleifen Stelle
   Nahm ein schwarzes Totenband.

Weinet um mich, die ihr nie gefallen;
   Denen noch der Unschuld Lilien blühn,
Denen zu dem weichen Busenwallen
   Heldenstärke die Natur verliehn!
Wehe! - Menschlich hat dies Herz empfunden!
   Und Empfindung soll mein Richtschwert sein!
Weh! Vom Arm des falschen Manns umwunden
   Schlief Louisens Tugend ein.

Ach, vielleicht umflattert eine Andre,
   Mein vergessen, dieses Schlangenherz,
Überfließt, wenn ich zum Grabe wandre,
   An dem Putztisch in verliebtem Scherz!
Spielt vielleicht mit seines Mädchens Locke,
   Schlingt den Kuss, den sie entgegenbringt,
Wenn, verspritzt auf diesem Todesblocke,
   Hoch mein Blut vom Rumpf springt.

Joseph! Joseph! Auf entfernte Meilen
   Folge Dir Louisens Totenchor,
Und des Glockenturmes dumpfes Heulen
   Schlage schrecklich mahnend an Dein Ohr!
Wenn von eines Mädchens weichem Munde
   Dir der Liebe sanft Gelispel quillt,
Bohr' es plötzlich eine Höllenwunde
   In der Wolllust Rosenbild!

Ha, Verräter! Nicht Louisens Schmerzen?
   Nicht des Weibes Schande, harter Mann?
Nicht das Knäblein unter meinem Herzen?
   Nicht was Löw' und Tiger schmelzen kann?
Seine Segel fliegen stolz vom Lande!
   Meine Augen zittern dunkel nach;
Um die Mädchen an der Seine Strande
   Winselt er sein falsches Ach!

Und das Kindlein - in der Mutter Schoße
   Lag es da in süßer, goldner Ruh,
In dem Reiz der jungen Morgenrose
   Lachte mir der holde Kleine zu,
Tötlich lieblich sprach aus allen Zügen
   Sein geliebtes teures Bild mich an,
Den beklommnen Mutterbusen wiegen
   Liebe und - Verzweiflungswahn.

Weib, wo ist mein Vater? Lallte
   Seiner Unschuld stumme Donnersprach';
Weib, wo ist Dein Gatte? Hallte
   Jeder Winkel meines Herzens nach -
Weh! Umsonst wirft, Waise, Du ihn suchen,
   Der vielleicht schon andre Kinder herzt,
Wirst der Stunde unsres Glückes fluchen,
   Wenn Dich einst der Name Bastard schwärzt.

Deine Mutter - o im Busen Hölle!
   Einsam sitzt sie in dem All der Welt;
Durstet ewig an der Freudenquelle,
   Die Dein Anblick fürchterlich vergällt.
Ach, mit jedem Laut von Dir erklingen
   Schmerzgefühle des vergangnen Glücks,
Und des Todes bittre Pfeile dringen
   Aus dem Lächeln Deines Kinderblicks.

Hölle, Hölle, wo ich Dich vermisse,
   Hölle, wo mein Auge Dich erblickt!
Eumenidenruten Deine Küsse,
   Die von seinen Lippen mich entzückt!
Seien Eide donnern aus dem Grabe wieder,
   Ewig, ewig würgt sein Meineid fort,
Ewig - hier umstrickte mich die Hyder -
   Und vollendet war der Mord.

Joseph! Joseph! Auf entfernte Meilen
   Jage Dir der grimme Schatten nach,
Mög' mit kalten Armen Dich ereilen,
   Donnre Dich aus Wonneträumen wach;
Im Geflimmer sanfter Sterne zucke
   Dir des Kindes grasser Sterbeblick,
Es begegne Dir im blut'gen Schmucke,
   Geißle Dich vom Paradies zurück.

Seht! Da lag's entseelt zu meinen Füßen, -
   Kalt hinstarrend, mit verworrnem Sinn
Sah ich seines Blutes Ströme fließen,
   Und mein Leben floss mit ihm dahin! -
Schrecklich pocht schon des Gerichtes Bote,
   Schrecklicher mein Herz!
Freudig eilt' ich, in dem kalten Tode
   Auszulöschen meinem Flammenschmerz.

Joseph! Gott im Himmel kann verzeihen,
   Dir verzeiht die Sünderin.
Meinen Groll will ich der Erde weihen.
   Schlage, Flamme, durch den Holzstoß hin! -
Glücklich! Glücklich! Seine Briefe lodern,
   Seien Eide frisst ein siegend Feur,
Seine Küsse! Wie sie hochauf lodern!
   Was auf Erden war mir einst so teuer?

Trauet nicht den Rosen Eurer Jugend,
   Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!
Schönheit war die Falle meiner Tugend,
   Auf der Richtstatt hier verfluch' ich sie! -
Zähren? Zähren in des Würgers Blicken?
   Schnell die Binde um mein Angesicht!
Henker, kannst Du keine Lilie knicken?
   Bleicher Henker, zittre nicht!


Die Größe der Welt

Die der schaffende Geist einst aus dem Chaos schlug,
Durch die schwebende Welt flieg' ich des Windes Flug,
                        Bis am Strande
                        Ihrer Wogen ich lande,
Anker werf', wo kein Hauch mehr weht,
Und der Markstein der Schöpfung steht.

Sterne sah ich bereits jugendlich auferstehn,
Tausendjährigen Gangs durchs Firmament zu gehn,
                        Sah sie spielen
                        Nach den lockenden Zielen;
Irrend suchte mein Blick umher,
Sah die Räume schon - sternenleer.

Anzufeuern den Flug weiter zum Reich des Nichts,
Steur' ich mutiger fort, nehme den Flug des Lichts,
                        Nebelicht trüber
                        Himmel an mir vorüber,
Weltsysteme, Fluten im Bach,
Strudeln dem Sonnenwanderer nach.

Sieh, den einsamen Pfad wandelt ein Pilger mir
Rasch entgegen - "Halt an! Waller, was suchst Du hier?"
                        ""Zum Gestade
                        Seiner Welt meine Pfade!
Segle hin, wo kein Hauch mehr weht,
Und der Markstein der Schöpfung steht!""

"Steh! Du segelst umsonst - vor Dir Unendlichkeit!"
""Steh! Du segelst umsonst - Pilger, auch hinter mir! -
                        Senke nieder,
                        Adlergedank', Dein Gefieder!
Kühne Seglerin, Phantasie,
Wirf ein mutloses Anker hie."


Elegie auf den Tod eines Jünglings 1)

Banges Stöhnen, wie vorm nahen Sturme,
   Hallet her vom öden Trauerhaus,
Totentöne fallen von des Münsters Turme,
   Einen Jüngling trägt man hier heraus,
Einen Jüngling - noch nicht reif zum Sarge,
   In des Lebens Mai gepflückt,
Pochend mit der Jugend Nervenmarke,
   Mit der Flamme, die im Auge zückt,
Einen Sohn, die Wonne seiner Mutter,
   (O das lehrt ihr jammernd Ach)
Meinen Busenfreund, ach! Meinen Bruder -
   Auf, was Mensch heißt, folge nach!

Prahlt ihr Fichten, die ihr, hoch veraltet,
   Stürmen stehet und den Donner neckt?
Und ihr Berge, die ihr Himmel haltet,
   Und ihr Himmel, die ihr Sonnen hegt?
Prahlt der Greis noch, der auf stolzen Werken
   Wie auf Wogen zur Vollendung steigt?
Prahlt der Held noch, der auf aufgewälzten Tatenbergen
   In des Nachruhms Sonnentempel fleugt?
Wenn der Wurm schon naget in den Blüten:
   Wer ist Thor, zu wähnen, dass er nie verdirbt?
Wer dort oben hofft noch und hienieden
   Auszudauren - wenn der Jüngling stirbt?

Lieblich hüpften, voll der Jugendfreude,
Seine Tage hin im Rosenkleide
   Und die Welt, die Welt war ihm so süß -
Und so freundlich, so bezaubernd winkte
Ihm die Zukunft, und so golden blinkte
   Ihm des Lebens Paradies;
Noch, als schon das Mutterauge tränte,
Unter ihm das Totenreich schon gähnte,
   Über ihm der Parzen Faden riss,
Erd' und Himmel seinem Blick entsanken,
Floh er ängstlich vor dem Grabgedanken -
   Ach, die Welt ist Sterbenden so süß!

Stumm und taub ist's in dem engen Hause,
   Tief der Schlummer der Begrabenen;
Bruder! Ach, in ewig tiefer Pause,
   Feiern alle Deine Hoffnungen;
Oft erwärmt die Sonne Deinen Hügel,
   Ihre Glut empfindest Du nicht mehr;
Seien Blumen wiegt des Westwinds Flügel,
   Sein Gelispel hörest Du nicht mehr;
Liebe wird Dein Auge nie vergolden,
   Nie umhalsen Deine Braut wirst Du,
Nie, wenn unsre Tränen stromweis rollten, -
   Ewig, ewig sinkt Dein Auge zu.

Aber wohl Dir! - Köstlich ist Dein Schlummer,
   Ruhig schläft sich's in dem engen Haus;
Mit der Freude stirbt hier auch der Kummer,
   Röcheln auch der Menschen Qualen aus.
Über Dir mag die Verleumdung geifern,
   Die Verführung ihre Gifte spein,
Über Dich der Pharisäer eifern,
   Fromme Mordsucht Dich der Hölle weihn,
Gauner durch Apostel-Masken schielen,
   Und die Bastardtochter der Gerechtigkeit,
Wie mit Würfeln, so mit Menschen spielen,
   Und so fort bis hin zur Ewigkeit.

Über Dir mag auch Fortuna gaukeln,
   Blind herum nach ihren Buhlen spähn,
Menschen bald auf schwanken Thronen schaukeln,
   Bald herum in wüsten Pfützen drehn;
Wohl Dir, wohl in Deiner schmalen Zelle!
   Diesem komisch-tragischen Gewühl,
Dieser ungestümen Glückeswelle,
   Diesem possenhaften Lottospiel,
Diesem faulen fleißigen Gewimmel,
   Dieser arbeitsvollen Ruh,
Bruder! - Diesem teufelvollen Himmel
   Schloss Dein Auge sich auf ewig zu.

Fahr' denn wohl, Du Trauter unsrer Seele,
   Eingewiegt von unsern Segnungen!
Schlummre ruhig in der Grabeshöhle,
   Schlummre ruhig bis auf Wiedersehn!
Bis auf diesen leichenvollen Hügeln
   Die allmächtige Posaune klingt,
Und nach aufgeriss'nen Todesriegeln
   Gottes Sturmwind diese Leichen in Bewegung schwingt -
Bis, befruchtet von Jehovahs Hauche,
   Gräber kreißen - auf sein mächtig Dräun
In zerschmelzender Planeten Rauche
   Ihren Raub die Grüfte widerkäun -

Nicht in Welten, wie die Weisen träumen,
   Auch nicht in des Pöbels Paradies,
Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen, -
   Aber wir ereilen Dich gewiss.
Dass es wahr sei, was den Pilger freute?
   Dass noch jenseits ein Gedanke sei?
Dass die Tugend übers Grab geleite?
   Das es mehr denn eitle Phantasei? - -
Schon enthüllt sind Dir die Rätsel alle!
   Wahrheit schlürft Dein hochentzückter Geist,
Wahrheit, die in tausendfachem Strahle
   Von des großen Vaters Kelch fleußt. -

Zieht denn hin, ihr schwarzen, stummen Träger!
   Tischt auch den dem großen Würger auf!
Höret auf, geheulergoss'ne Kläger!
   Türmet auf ihm Staub auf Staub zu Hauf!
Wo der Mensch, der Gottes Ratschluss prüfte?
   Wo das Aug', den Abgrund durchzuschaun?
Heilig, heilig, heilig bist Du, Gott der Grüfte!
   Wir verehren Dich mit Graun!
Erde mag zurück in Erde stäuben,
   Fliegt der Geist doch aus dem morschen Haus!
Seine Asche mag der Sturmwind treiben,
   Seien Liebe dauert ewig aus!


Die Schlacht

               Schwer und dumpfig,
               Eine Wetterwolke,
Durch die grüne Ebne schwankt der Marsch.
   Zum wilden eisernen Würfelspiel
Streckt sich unabsehlich das Gefilde.
   Blicke kriechen niederwärts,
An die Rippen pocht das Männerherz,
   Vorüber an hohlen Totengesichtern
Niederjagt die Front der Major:
               Halt!
Und Regimenter fesselt das starre Kommando.

               Lautlos steht die Front.
Prächtig im glühenden Morgenrot
Was blitzt dort her vom Gebirge?
Seht ihr des Feindes Fahnen wehn?
Wir sehn des Feindes Fahnen wehn.
Gott mit Euch, Weib und Kinder!
Lustig! Hört ihr den Gesang?
Trommelwirbel, Pfeifenklang
Schmettert durch die Glieder;
Wie braust es fort im schönen wilden Takt!
Und braust durch Mark und Bein.

   Gott befohlen, Brüder!
   In einer andern Welt wieder!

Schon fleugt es fort wie Wetterleucht,
Dumpf brüllt der Donner schon dort,
Die Wimper zuckt, hier kracht er laut,
Die Losung braust von Heer zu Heer -
Lass brausen in Gottes Namen fort,
Freier schon atmet die Brust.

   Der Tod ist los - schon wogt der Kampf,
   Eisern im wolkigten Pulverdampf,
   Eisern fallen die Würfel.

Nah umarmen die Heere sich;
Fertig! Heult's von P'loton zu P'loton;
Auf die Knie geworfen
Feuern die Vordern, viele stehen nicht mehr auf,
Lücken reißt die streifende Kartätsche,
Auf Vormanns Rumpf springt der Hintermann,
Verwüstung rechts und links und um und um,
Bataillone niederwälzt der Tod.

   Die Sonne löscht aus, heiß brennt die Schlacht,
   Schwarz brütet auf dem Heer die Nacht -
   Gott befohlen, Brüder!
   In einer andern Welt wieder!

Hoch spritzt an den Nacken das Blut,
Lebende wechseln mit Toten, der Fuß
Strauchelt über den Leichnamen -
"Und auch Du, Franz?" - ""Grüße mein Lottchen, Freund!""
Wilder immer wütet der Streit;
"Grüßen will ich" - Gott! Kameraden, seht!
Hinter uns wie die Kartätsche springt!
"Grüßen will ich Dein Lottchen, Freund!
Schlummre sanft! Wo die Kugelsaat
Regnet, stürz' ich Verlass'ner hinein."

   Hieher, dorthin schwankt die Schlacht,
   Finstrer brütet auf dem Heer die Nacht.
   Gott befohlen, Brüder!
   In einer andern Welt wieder!

Horch! Was strampft im Galopp vorbei?
   Die Adjutanten fliegen,
Dragoner rasseln in den Feind,
   Und seine Donner ruhen.
Victoria, Brüder!
   Schrecken reißt die feigen Glieder!
   Und seine Fahne sinkt. -

   Entschieden ist die scharfe Schlacht.
   Der Tag blickt siegend durch die Nacht!
   Horch! Trommelwirbel, Pfeifenklang
   Stimmen schon Triumphgesang!
   Lebt wohl, ihr gebliebenen Brüder!
   In einer andern Welt wieder!


Rousseau

Monument von unsrer Zeiten Schande,
Ew'ge Schmachschrift Deiner Mutter Lande,
   Rousseau's Grab, gegrüßet seist Du mir!
Fried' und Ruh den Trümmern Deines Lebens!
Fried' und Ruhe suchtest Du vergebens,
   Fried' und Ruhe sandst Du hier!

Wann wird doch die alte Wunde narben?
Einst war's finster, und die Weisen starben;
   Nun ist's lichter, und der Weise stirbt.
Sokrates ging unter durch Sophisten,
Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen,
   Rousseau - der aus Christen Menschen wirbt.


Die Freundschaft

Aus den Briefen Julius' an Raphael, einem noch ungedruckten Roman.

Freund! Genügsam ist der Wesenlenker -
Schämen sich kleinmeisterische Denker,
   Die so ängstlich nach Gesetzen spähn -
Geisterreich und Körperweltgewühle
Wälzet eines Rades Schwung zum Ziele;
   Hier sah es mein Newton gehn.

Sphären lehrt es, Sklaven eines Zaumes
Um das Herz des großen Weltenraumes
   Labyrinthenbahnen ziehn -
Geister in umarmenden Systemen
Nach der großen Geistersonne strömen,
   Wie zum Meere Bäche fliehn.

War's nicht dies allmächtige Getriebe,
Das zum ew'gen Jubelbund der Liebe
   Unsre Herzen aneinander zwang?
Raphael, an Deinem Arm - o Wonne,
Wag' auch ich zur großen Geistersonne
   Freudigmutig den Vollendungsgang.

Glücklich! Glücklich! Dich hab' ich gefunden,
Hab' aus Millionen Dich umwunden,
   Und aus Millionen mein bist Du -
Lass das Chaos diese Welt umrütteln;
Durcheinander die Atome schütteln;
   Ewig fliehn sich unsre Herzen zu.

Muss ich nicht aus Deinen Flammenaugen
Meiner Wolllust wieder strahlen sangen?
   Nur in Dir bestaun' ich mich -
Schöner malt sich mir die schöne Erde,
Heller spiegelt in des Freunds Gebärde,
   Reizender der Himmel sich.

Schwermut wirft die bangen Tränenlasten,
Süßer von des Leidens Sturm zu rasten,
   In der Liebe Busen ab; -
Sucht nicht selbst das folternde Entzücken
In des Freunds beredeten Strahlenblicken
   Ungeduldig ein wolllüst'ges Grab?

Stünd' im All der Schöpfung ich alleine,
Seelen träumt' ich in die Felsensteine,
   Und umarmend küsst' ich sie -
Meine Klagen stöhnt' ich in die Lüfte,
Freute mich, antworteten die Klüfte,
   Tor genug! Der süßen Sympathie.

Tote Gruppen sind wir - wenn wir hassen;
Götter - wenn wir liebend uns umfassen!
   Lechzen nach dem süßen Fesselzwang -
Aufwärts durch die tausendfachen Stufen
Zahlenloser Geister, die nicht schufen,
   Waltet göttlich dieser Drang.

Arm in Arme, höher stets und höher,
Vom Mongolen bis zum griech'schen Seher,
   Der sich an den letzten Seraph reiht,
Wallen wir, einmüt'gen Ringeltanzes,
Bis sich dort im Meer des ew'gen Glanzes
   Sterbend untertauchen Maß und Zeit -

Freundlos war der große Weltenmeister,
Fühlte Mangel - darum schuf er Geister.
   Sel'ge Spiegel seiner Seligkeit!
Fand das höchste Wesen schon kein gleiches,
Aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches
   Schäumt ihm - die Unendlichkeit.


Gruppe aus dem Tartarus

Horch - wie Murmeln des empörten Meeres,
   Wie durch hohler Felsen Becken weint ein Bach,
Stöhnt dort dumpfigtief ein schweres, leeres,
   Qualerpresstes Ach!

   Schmerz verzerrt
Ihr Gesicht; Verzweiflung sperret
   Ihren Rachen fluchend auf.
Hohl sind ihre Augen, ihre Blicke
Spähen bang nach des Cocytus Brücke,
   Folgen tränend seinem Trauerlauf,

Fragen sich einander ängstlich leise,
   Ob noch nicht Vollendung sei? -
Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise,
   Bricht die Sense des Saturns entzwei.


Elysium

Vorüber die stöhnende Klage!
Elysiums Freudengelage
      Ersäufen jegliches Ach -
   Elysiums Leben
   Ewige Wonne, ewiges Schweben,
Durch lachende Fluren ein flötender Bach

   Jugendlich milde
   Beschwebt die Gefilde
      Ewiger Mai;
Die Stunden entfliehen in goldenen Träumen,
Die Seele schwillt aus in unendlichen Räumen,
   Wahrheit reißt hier den Schleier entzwei.

      Unendliche Freude
      Durchwallet das Herz.
Hier mangelt der Name dem trauernden Leide;
Sanfter Entzücken nur heißet hier Schmerz.

Hier strecket der wallende Pilger die matten
Brennenden Glieder im säuselnden Schatten,
      Leget die Bürde auf ewig dahin -
Seine Sichel entfällt hier dem Schnitter,
Eingesungen von Harfengezitter,
      Träumt er geschnittene Halme zu sehn.

Dessen Fahne Donnerstürme wallte,
Dessen Ohren Mordgebrüll umhallte,
      Berge bebten unter dessen Donnergang;
Schläft hier linde bei des Baches Rieseln,
Der wie Silber spielet über Kieseln,
      Ihm verhallet wilder Speere Klang.

Hier umarmen sich getreue Gatten,
Küssen sich auf grünen, samtnen Matten,
      Lieb gekost vom Balsam-West;
Ihre Krone findet hier die Liebe,
Sicher vor des Todes strengem Hiebe,
      Feiert sie ein ewig Hochzeitfest.


Der Flüchtling

Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch,
   Purpurisch zuckt durch düstrer Tannen Ritzen
Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch;
      In goldnen Flammen blitzen
      Der Berge Wolkenspitzen.
Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
   Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
   Die Schon in lachender Wonne
Jugendlich schön in Aurora's Umarmungen glüht.

      Sei, Licht, mir gesegnet!
      Dein Strahlenguss regnet
Erwärmend hernieder auf Anger und Au.
      Wie silberfarb flittern
      Die Wiesen, wie zittern
Tausend Sonnen in perlendem Tau!

      In säuselnder Kühle
      Beginnen die Spiele
         Der jungen Natur.
      Die Zephyre kosen
      Und schmeicheln um Rosen,
Und Düfte beströmen die lachende Flur.

Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen!
Laut wiehern und schnauben und knirschen und strampfen
      Die Rosse, die Farren;
      Die Wagen erknarren
         Ins ächzende Tal.
      Die Waldungen leben,
Und Adler und Falken und Habichte schweben,
Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.

      Den Frieden zu finden,
      Wohin soll ich wenden
         Am elenden Stab?
      Die lachende Erde
      Mit Jünglingsgebärde
         Für mich nur ein Grab!

Steig' empor, o Morgenrot, und röte
   Mit purpurnem Kusse Hain und Feld!
Säus'le nieder, Abendrot, und flöte
   Sanft in Schlummer die erstorbne Welt!
      Morgen - ach! Du rötest
         Eine Totenflur,
Ach! Und Du, o Abendrot! Umflötest
      Meinen langen Schlummer nur.


Die Blumen

Kinder der verjüngten Sonne,
   Blumen der geschmückten Flur,
Euch erzog zu Lust und Wonne,
   Ja, Euch liebte die Natur.
Schön das Kleid mit Licht gesticket,
Schön hat Flora Euch geschmücket
   Mit der Farben Götterpracht.
Holde Frühlingskinder, klaget!
Seele hat sie Euch versaget,
   Und ihr selber wohnt in Nacht.

Nachtigall und Lerche singen
   Euch der Liebe selig Los,
Gaukelnde Sylphiden schwingen
   Buhlend sich auf Eurem Schoß.
Wölbte Eures Kelches Krone
Nicht die Tochter der Dione
   Schwellend zu der Liebe Pfühl?
Zarte Frühlingskinder, weinet!
Liebe hat sie euch verneinet,
   Euch das selige Gefühl.

Aber hat aus Nanny's Blicken
   Mich der Mutter Spruch verbannt,
Wenn Euch meine Hände pflücken
   Ihr zum zarten Liebespfand:
Leben, Sprache, Seelen, Herzen,
Stumme Boten süßer Schmerzen,
   Goss Euch dies Berühren ein,
Und der mächtigste der Götter
Schließt in Eure stillen Blätter
   Seine hohe Gottheit ein.


An den Frühling

Willkommen, schöner Jüngling!
   Du Wonne der Natur!
Mit Deinem Blumenkörbchen
   Willkommen auf der Flur!

Ei! Ei! Da bist ja wieder!
   Und bist so leib und schön!
Und freun wir uns so herzlich,
   Entgegen Dir zu gehn.

Denkst auch noch an mein Mädchen?
   Ei, Lieber, denke doch!
Dort leibte mich das Mädchen,
   Und 's Mädchen leibt mich noch!

Fürs Mädchen manches Blümchen
   Erbat ich mir von Dir -
Ich komm' und bitte wieder,
   Und Du? - Du gibst es mir.

Willkommen, schöner Jüngling!
   Du Wonne der Natur!
Mit Deinem Blumenkörbchen
   Willkommen auf der Flur!


An Minna

Träum' ich? Ist mein Auge trüber?
   Nebelt's mir ums Angesicht?
Meine Minna geht vorüber?
   Meine Minna kennt mich nicht?
Die am Arme seichter Toren
   Blähend mit dem Fächer ficht,
Eitel in sich selbst verloren -
   Meine Minna ist es nicht.

Von dem Sommerhute nicken
   Stolze Federn, mein Geschenk,
Schleifen, die den Busen schmücken,
   Rufen: Minna, sei gedenk!
Blumen, die ich selbst erzogen,
   Zieren Brust und Locken noch -
Ach die Brust, die mir gelogen!
   Und die Blumen blühen doch!

Geh! Umhüpft von leeren Schmeichlern!
   Geh! Vergiss auf ewig mich.
Überliefert feilen Heuchlern.
   Eitles Weib, veracht' ich Dich.
Geh! Dir hat ein Herz geschlagen,
   Dir ein Herz, das edel schlug,
Groß genug den Schmerz zu tragen,
   Dass es einer Thörin schlug.

Schönheit hat Dein Herz verdorben,
   Dein Gesichtchen! - Schäme Dich!
Morgen ist sein Glanz erstorben,
   Seine Rose blättert sich.
Schwalben, die im Lenze minnen,
   Fliehen, wenn der Nordwind weht.
Buhler scheucht Dein Herbst von hinnen,
   Einen Freund hast Du verschmäht.

In den Trümmern Deiner Schöne
   Seh' ich Dich verlassen gehn,
Weinend in die Blumenszene
   Deines Mai's zurücke sehn.
Die mit heißem Liebesgeize
   Deinem Kuss entgegen flohn,
Zischen dem erloschnen Reize,
   Lachen Deinem Winter Hohn.

Schönheit hat Dein Herz verdorben,
   Dein Gesichtchen! - Schäme Dich!
Morgen ist sein Glanz erstorben,
   Seine Rose blättert sich -
Ha! Wie will ich dann Dich höhnen!
   Höhnen? Gott bewahre mich!
Weinen will ich bittre Tränen,
   Weinen, Minna! Über Dich.


Der Triumph der Liebe

Eine Hymne

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
   Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
Zu dem Himmelreich.

Einstens hinter Pyrrha's Rücken,
   Stimmen Dichter ein,
Sprang die Welt aus Felsenstücken,
   Mensche aus dem Stein.

Stein und Felsen ihre Herzen,
   Ihre Seelen Nacht,
Von des Himmels Flammenkerzen
   Nie in Glut gefacht.

Noch mit sanften Rosenketten
Banden junge Amoretten
   Ihre Seelen nie -
Noch mit Liedern ihren Busen
Huben nicht die weichen Musen,
   Nie mit Saitenharmonie.

Ach! Noch wanden keine Kränze
   Liebende sich um!
Traurig flüchteten die Lenze
   Nach Elysium.

Ungegründet stieg Aurora
   Aus dem Schoß des Meers.
Ungegrüßet sank die Sonne
   In den Schoß des Meers.

Wild umirrten sie die Haine
Unter Luna's Nebelscheine,
   Trugen eisern Joch.
Sehnend an der Sternenbühne
Suchte die geheime Träne
   Keine Götter noch.

*

Und sieh! Der blauen Flut entquillt
Die Himmelstochter sanft und mild,
   Getragen von Najaden
   Zu trunkenen Gestaden

Ein jugendlicher Maienschwung,
Durchwebt, wie Morgendämmerung,
   Auf das allmächt'ge Werde
   Luft, Himmel, Meer und Erde.

Des holden Tages Auge lacht
In düstrer Wälder Mitternacht;
   Balsamische Narzissen
   Blühn unter ihren Füßen.

Schon flötete die Nachtigall
Den ersten Sang der Liebe,
Schon murmelte der Quellen Fall
   In weiche Busen Liebe.

Glückseliger Pygmalion!
Es schmilzt, es glüht Dein Marmor schon!
   Gott Amor, Überwinder!
   Umarme Deine Kinder!

*

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
   Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
   Zu dem Himmelreich.

Unter goldnem Nektarschaum,
Ein wolllüst'ger Morgentraum,
   Ewig Lustgelage,
   Fliehn der Götter Tage.

   Thronend auf erhabnem Sitz,
   Schwingt Kronion seinen Blitz;
Der Olympus schwankt erschrocken.
Wallen zürnend seine Locken -

   Göttern lässt er seien Throne,
   Niedert sich zum Erdensohne;
   Seufzt arkadisch durch den Hain,
Zahme Donner untern Füßen,
Schläft, gewiegt von Leda's Küssen,
   Schläft der Riesentöter ein.

Majestät'sche Sonnenrosse
   Durch des Lichtes weiten Raum
   Leitet Phöbus goldner Zaum.
Völker stürzt sein rasselndes Geschosse,
   Seine weißen Sonnenrosse,
   Seine rasselnden Geschosse
Unter Lieb' und Harmonie;
Ha! Wie gern vergaß er sie!

Vor der Gattin des Kroniden
Beugen sich die Uraniden.
   Stolz vor ihrem Wagenthrone
Brüstet sich das Pfauenpaar:
   mit der goldnen Herrscherkrone
Schmückt sie ihr ambrosisch Haar.

Schöne Fürstin! Ach, die Liebe
Zittert, mit dem süßen Triebe
   Deiner Majestät zu nahn!
Und von ihren stolzen Höhen
   Muss die Götterkönigin
Um des Reizes Gürtel flehen,
   Bei der Herzensfesslerin.

*

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
   Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
  Zu dem Himmelreich.

*

Liebe sonnt das Reich der Nacht!
Amors süßer Zaubermacht
Ist der Orkus untertänig;
Freundlich blickt der schwarze König;
Wenn ihm Ceres Tochter lacht;
Liebe sonnt das Reich der Nacht.

Himmlisch in die Hölle klangen
Und den wilden Hüter zwangen
   Deine Lieder, Thracier -
Minos, Tränen im Gesichte,
Mildete die Qualgerichte,
Zärtlich um Megärens Wangen
Küssten sich die wilden Schlangen,
   Keine Geißel klatschte mehr;
Aufgejagt von Orpheus Leyer
Flog von Tityos der Geier;
Leiser hin am Ufer rauschten
Lethe und Cocytus, lauschten
   Deinen Liedern, Thracier!
   Liebe sangst Du, Thracier!

*

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
   Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlicher - die Erde
   Zu dem Himmelreich.

*

   Durch die ewige Natur
   Düftet ihre Blumenspur,
Weht ihr goldner Flügel.
   Winkte mir vom Modenlicht
   Aphroditens Auge nicht.
Nicht vom Sonnenhügel,
   Lächelte von Sternenmeer
   Nicht die Göttin zu mir her,
   Stern' und Sonn' und Mondenlicht
   Regten mir die Seele nicht.
   Liebe, Liebe lächelt nur
   Aus dem Auge der Natur,
Wie aus einem Spiegel!

   Liebe rauscht der Silberbach,
Liebe lehrt ihn sanfter wallen;
   Seele haucht sie in das Ach
Klagenreicher Nachtigallen -
   Liebe, Liebe lispelt nur
   Auf der Laute der Natur.
Weisheit mit dem Sonnenblick,
Große Göttin tritt zurück;
   Weiche vor der Liebe!
Nie Erobrern, Fürsten nie
Beugtest Du ein Sklavenknie,
   Beug' es itzt der Liebe!

Wer die steile Sternenbahn
Ging Dir heldenkühn voran
   Zu der Gottheit Sitze?
Wer zerriss das Heiligtum,
Zeigte Dir Elysium
   Durch des Grabes Ritze?
Lockte sie uns nicht hinein,
Möchten wir unsterblich sein?
Suchten auch die Geister
Ohne sie den Meister?
   Liebe, Liebe leitet nur
   Zu dem Vater der Natur,
   Liebe nur die Geister.

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
   Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
   Zu dem Himmelreich.


Das Glück und die Weisheit

Entzweit mit einem Favoriten,
   Flog einst Fortun' der Weisheit zu:
"Ich will Dir meine Schätze bieten,
   Sei meine Freundin Du!

Mit meinen reichsten, schönsten Gaben
   Beschenkt' ich ihn so mütterlich,
Und sieh, er will noch immer haben,
   Und nennt noch geizig mich.

Komm, Schwester, lass uns Freundschaft schließen!
   Du marterst Dich an Deinem Pflug,
In Deinen Schoß will ich sie gießen,
   Hier ist für Dich und mich genug."

Sophia lächelt diesen Worten,
   Und wischt den Schweiß vom Angesicht:
"Dort eilt Dein Freund, sich zu ermorden,
   Versöhnet Euch, ich brauch' Dich nicht."


An einen Moralisten

Was zürnst Du unsrer frohen Jungendweise,
   Und lehrst, dass Lieben Tändeln sei?
Du starrest in des Winters Eise,
   Und schmählest auf den goldnen Mai.

Einst, als Du noch das Nymphenvolk bekriegtest,
   Ein Held des Karnevals, den deutschen Wirbel flogst,
Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest,
   Und Nektarduft von Mädchenlippen sogst,

Ha, Seladon! Wenn damals aus den Achsen
   Gewichen wär' der Erde schwerer Ball -
Im Liebesknäul mit Julien verwachsen.
   Du hättest überhört den Fall!

O denk' zurück nach Deinen Rosentagen
   Und lerne: Die Philosophie
Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen;
   Zu Göttern schaffst Du Menschen nie.

Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verstandes
   Das warme Blut ein bisschen muntrer springt,
Lass den Bewohnern eines bessern Landes,
   Was nie dem Sterblichen gelingt.

Zwingt doch der irdische Gefährte
   Den gottgebornen Geist in Kerkermauern ein,
Er wehrt mir, dass ich Engel werde,
   Ich will ihm folgen, Mensch zu sein.


Graf Eberhard der Greiner

von Wirtemberg

Kriegslied

Ihr - Ihr dort außen in der Welt,
   Die Nasen eingespannt!
Auch manchen Mann, auch manchen Held,
Im Frieden gut und stark im Feld,
   Gebar das Schwabenland.

Prahlt nur mit Karl und Eduard,
   Mit Friedrich, Ludewig!
Karl, Friedrich, Ludwig, Eduard
Ist uns der Graf, der Eberhard,
   Ein Wettersturm im Krieg.

Und auch sein Bub', der Ulerich,
   War gern, wo's eisern klang;
Des Grafen Bub', der Ulerich,
Kein Fußbreit rückwärts zog er sich,
   Wenn's drauf und drunter sprang.

Die Reutlinger, auf unsern Glanz
   Erbittert, kochten Gift,
Und buhlten um den Siegeskranz
Und wagten manchen Schwertertanz,
   Und gürteten die Hüft' -

Er griff sie an - und siegte nicht,
   Und kam gepantscht nach Haus;
Der Vater schnitt ein falsch Gesicht,
Der junge Kriegsmann floh das Licht,
   Und Tränen drangen 'raus.

Das wurmt' ihm - Ha! Ihr Schurken, wart!
   Und trug's in seinem Kopf.
Auswetzen, bei des Vaters Bart!
Auswetzen wollt' er diese Schart'
   Mit manchem Städtlerschopf.

Und Fehd' entbrannte bald darauf
   Und zogen Ross und Mann
Bei Döffingen mit hellem Hauf,
Und heller ging's dem Junker auf,
   Und hurrah! Heiß ging's an.

Und unsers Heeres Losungswort
   War die verlorne Schlacht:
Das riss uns wie die Windsbraut fort,
Und schmiss uns tief in Blut und Mord
   Und in die Lanzennacht.

Der junge Graf, voll Löwengrimm,
   Schwung seinen Heldenstab,
Wild vor ihm ging das Ungestüm,
Geheul und Winseln hinter ihm
   Und um ihn her das Grab.

Doch weh! Ach weh! Ein Säbelhieb
   Sank schwer auf sein Genick.
Schnell um ihn her der Helden Trieb -
Umsonst! Umsonst! Erstarret blieb
   Und sterbend brach sein Blick.

Bestürzung hemmt des Sieges Bahn,
   Laut weinte Feind und Freund -
Hochführt der Graf die Reiter an:
Mein Sohn ist wie ein andrer Mann!
   Marsch, Kinder! In den Feind!

Und Lanzen sausen feuriger,
   Die Rache spornt sie all',
Rasch über Leichen ging's daher,
Die Städtler laufen kreuz und quer
   Durch Wald und Berg und Tal.

Und zogen wir mit Hörnerklang
   Ins Lager froh zurück,
Und Weib und Kind im Rundgesang
Beim Walzer und beim Becherklang
   Luftfeiern unser Glück.

Doch unser Graf - was tät er jetzt?
   Vor ihm der tote Sohn.
Allein in seinem Zelte sitzt
Der Graf, und eine Träne blitzt
   Im Aug' auf seinen Sohn.

Drum hagen wir so treu und warm
   Am Grafen, unserm Herrn.
Allein ist er ein Heldenschwarm,
Der Donner rast in seinem Arm,
   Er ist des Landes Stern.

Drum ihr dort außen in der Welt,
   Die Nasen eingespannt!
Auch manchen Mann, auch manchen Held
Im Frieden gut und stark im Feld,
   Gebar das Schwabenland.

Ü   Þ


1) Der Name des Jünglings war Johann Christian Weckherlin. ­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de