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      Schiller, Friedrich

         Die Verschwörung des Fiesco
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Fünfter Aufzug

Nach Mitternacht - Große Straße in Genua - Hier und da leuchten Lampen an einigen Häusern, die nach und nach auslöschen - Im Hintergrunde der Bühne sieht man das Thomastor, das noch geschlossen ist. In perspektivischer Ferne die See - Einige Menschen gehen mit Handlaternen über den Platz, darauf die runde und Patrouillen - Alles ist ruhig. Nur das Meer wallt etwas ungestüm.

Erster Auftritt

Fiesco kommt gewaffnet und bleibt vor dem Palast des Andreas Doria stehen. Darauf Andreas.

Fiesco. Der Alte hat Wort gehalten – im Palaste alle Lichter aus. Die Wachen sind fort. Ich will läuten. (Läutet.) He! Holla! Wach’ auf, Doria! Verratener, verkaufter Doria, wach’ auf! Holla! Holla! Holla! Wach’ auf!

Andreas (erscheint auf dem Altane). Wer zog die Glocke?

Fiesco (mit veränderter Stimme). Frage nicht! Folge! Dein Stern geht unter, Herzog, Genua steht auf wider dich! Nahe sind deine Henker, und du kannst schlafen, Andreas?

Andreas (mit Ehre). Ich besinne mich, wie die zürnende See mit meiner Bellona zankte, dass der Kiel krachte und der oberste Mast brach – und Andreas Doria schlief sanft. Wer schickt die Henker?

Fiesco. Ein Mann, furchtbarer als deine zürnende See, Johann Ludwig Fiesco.

Andreas (lacht). Du bist bei Laune, Freund! Bring’ deine Schwänke bei Tag. Mitternacht ist eine ungewöhnliche Stunde.

Fiesco. Du höhnst deinen Warner?

Andreas. Ich dank’ ihm, und gehe zu Bette. Fiesco hat sich schläfrig geschwelgt, und hat keine Zeit für Doria übrig.

Fiesco. Unglücklicher alter Mann! – Traue der Schlange nicht! Sieben Farben ringen auf ihrem spiegelnden Rücken – du nahst – und gählings schnürt dich der tödliche Wirbel. Den Wink eines Verräters verlachtest du. Verlache den Rat eines Freundes nicht. Ein Pferd steht gesattelt in deinem Hof. Fliehe bei Zeit! Verlache den Freund nicht!

Andreas. Fiesco denkt edel. Ich hab’ ihn niemals beleidigt, und Fiesco verrät mich nicht.

Fiesco. Denkt edel, verrät dich, und gab dir Proben von beidem.

Andreas. So steht eine Leibwache da, die kein Fiesco zu Boden wirft, wenn nicht Cherubim unter ihm dienen.

Fiesco (hämisch). Ich möchte sie sprechen, einen Brief in die Ewigkeit zu bestellen.

Andreas (groß). Armer Spötter! Hast du nie gehört, dass Andreas Doria achtzig alt ist, und Genua – glücklich? – (Er verlässt den Altan.)

Fiesco (blickt ihm starr nach). Musst’ ich diesen Mann erst stürzen, eh’ ich lerne, dass es schwerer ist, ihm zu gleichen? (Er geht einige Schritte tiefsinnig auf und nieder.) Nun, ich machte Größe mit Größe wett – wir sind fertig, Andreas! Und nun, Verderben, gehe deinen Gang! (Er eilt in die hinterste Gasse – Trommeln tönen von allen Enden. Scharfes Gefecht am Thomastor. Das Tor wird gesprengt und öffnet die Aussicht in den Hafen, worin Schiffe liegen, mit Fackeln erleuchtet.)


Zweiter Auftritt

Gianettino Doria in einen Scharlach-Mantel geworfen. Lomellin. Bediente voraus mit Fackeln. Alle hastig.

Gianettino (steht still). Wer befahl Lärmen zu schlagen?

Lomellin. Auf den Galeeren krachte eine Kanone.

Gianettino. Die Sklaven werden ihre Ketten reißen. (Schüsse am Thomastor.)

Lomellin. Feuer dort!

Gianettino. Tor offen! Wachen in Aufruhr! (Zu den Bedienten.) Hurtig, Schurken! Leuchtet den Hafen zu. (Eilen gegen das Tor.)


Dritter Auftritt

Vorige. Bourgognino mit Verschwornen, die vom Thomastor kommen.

Bourgognino. Sebastian Lascaro ist ein wackerer Soldat.

Zenturione. Wehrte sich wie ein Bär, bis er niederfiel.

Gianettino (tritt bestürzt zurück). Was hör’ ich da? – Haltet!

Bourgognino. Wer dort mit dem Flambeau?

Lomellin. Es sind Feinde, Prinz! Schleichen sie links weg.

Bourgognino (ruft hitzig an). Wer da mit dem Flambeau?

Zenturione. Steht! Eure Losung?

Gianettino (zieht das Schwert trotzig). Unterwerfung und Doria.

Bourgognino (schäumend, fürchterlich). Räuber der Republik und meiner Braut! (Zu den Verschwornen, indem er auf Gianettino stürzt.) Ein Gang Profit, Brüder! Seine Teufel liefern ihn selbst aus. (Er stößt ihn nieder.)

Gianettino (fällt mit Gebrülle). Mord! Mord! Mord! Räche mich, Lomellino!

Lomellin. Bediente (fliehend). Hilfe! Mörder! Mörder!

Zenturione (ruft mit starker Stimme). Er ist getroffen. Haltet den Grafen auf! (Lomellin wird gefangen.)

Lomellin (kniend). Schont meines Lebens, ich trete zu euch über!

Bourgognino. Lebt dieses Untier noch? Die Memme mag fliehen. (Lomellin entwischt.)

Zenturione. Thomastor unser! Gianettino kalt! Rennt was ihr rennen könnt! Sagt’s dem Fiesco an.

Gianettino (bäumt sich krämpfig in die Höhe). Pest! Fiesco – (Stirbt.)

Bourgognino (reißt den Stahl aus dem Leichnam). Genua frei und meine Bertha! – Dein Schwert, Zenturione. Dies blutige bringst du meiner Braut. Ihr Kerker ist gesprengt. Ich werde nachkommen und ihr den Brautkuss zu geben. (Eilen ab zu verschiedenen Straßen.)


Vierter Auftritt

Andreas Doria. Deutsche.

Deutscher. Der Sturm zog sich dorthin. Werft euch zu Pferd, Herzog!

Andreas. Lasst mich noch einmal Genuas Türme schauen und den Himmel! Nein, es ist kein Traum, und Andreas ist verraten.

Deutscher. Feinde um und um! Fort! Flieht über die Grenze!

Andreas (wirft sich auf den Leichnam seines Neffen). Hier will ich enden. Rede keiner von Fliehen. Hier liegt die Kraft meines Alters. Meine Bahn ist aus. (Calcagno fern mit Verschwornen.)

Deutscher. Mörder dort! Mörder! Flieht! Alter Fürst!

Andreas (da die Trommeln wieder anfange). Höret, Ausländer! Höret! Das sind die Genueser, deren Joch ich brach. (Verhüllt sich.) Vergilt man auch so in eurem Lande?

Deutscher. Fort! Fort! Fort! Indes unsere deutschen Knochen Scharten in ihre Klingen schlagen.

(Calcagno näher.)

Andreas. Rettet euch! Lasst mich! Schreckt Nationen mit der Schauerpost: Die Genueser erschlugen ihren Vater –

Deutscher. Fort! Zum Erschlagen hat’s noch Weile – Kameraden, steht! Nehmt den Herzog in die Mitte! (Ziehen.) Peitscht diesen wälschen Hunden Respekt für einen Graukopf ein –

Calcagno (ruft an). Wer da? Was gibt’s da?

Deutsche (hauen ein). Deutsche Hiebe! (Gehen fechtend ab. Gianettinos Leichnam wird hinweggebracht.)


Fünfter Auftritt

Leonore in Mannskleidern. Arabella hinter ihr her. Beide schleichen ängstlich hervor.

Arabella. Kommen sie, gnädige Frau, o kommen sie doch –

Leonore. Da hinaus wütet der Aufruhr - - Horch! War das nicht eines Sterbenden Ächzen? – Weh! Sie umzingeln ihn – Auf Fiescos Herz deuten ihre gähnenden Rohre – Auf das meinige, Bella – Sei drücken ab – Haltet! Haltet! Es ist mein Gemahl! (Wirft ihre Arme schwärmend in die Luft.)

Arabella. Aber um Gotteswillen –

Leonore (immer wild phantasierend, nach allen Gegenden schreiend). Fiesco! – Fiesco! – Fiesco! – Sie weichen hinter ihm ab, seine Getreuen – Rebellentreue ist wankend. (Heftig erschrocken.) Rebellen führt mein Gemahl? Bella! Himmel! Ein Rebell kämpft mein Fiesco?

Arabella. Nicht doch, Signora, als Genuas furchtbarer Schiedsmann!

Leonore (aufmerksam). Das wäre etwas – und Leonore hätte gezittert? Den ersten Republikaner umarmte die feigste Republikanerin? – Geh, Arabella – wenn die Männer um Länder sich messen, dürfen auch die Weiber sich fühlen. (Man fängt wieder an zu trommeln.) Ich werfe mich unter die Kämpfer.

Arabella (schlägt die Hände zusammen). Barmherziger Himmel!

Leonore. Sachte! Woran stößt sich mein Fuß? Hier ist ein Hut und ein Mantel. Ein Schwert liegt dabei. (Sie wägt es.) Ein schweres Schwert, meine Bella! Doch schleppen kann ich’s noch wohl, und das Schwert macht seinem Führer nicht Schande. (Man läutet Sturm.)

Arabella. Hören Sie? Hören Sie? Das wimmert vom Turm der Dominikaner. Gott erbarme! Wie fürchterlich!

Leonore (schwärmend). Sprich, wie entzückend! In dieser Sturmglocke spricht mein Fiesco mit Genua. (Man trommelt stärker.) Hurrah! Hurrah! Nie klangen mir Flöten so süß – Auch diese Trommeln belebt mein Fiesco – wie mein Herz höher wallt! Ganz Genua wird munter – Mietlinge hüpfen hinter seinem Namen, und sein Weib sollte zaghaft tun? (Es stürmt auf drei andern Türmen.) Nein! Eine Heldin soll mein Held umarmen – Mein Brutus soll eine Römerin umarmen. (Sie setzt den Hut auf und wirft den Scharlach um.) Ich bin Porcia.

Arabella. Gnädige Frau, sie wissen nicht, wie entsetzlich sie schwärmen! Nein, das wissen sie nicht. (Sturmläuten und Trommeln.)

Leonore. Elende, die du das alles hörst und nicht schwärmst! Weinen möchten diese Quader, dass sie die Beine nicht haben, meinem Fiesco zuzuspringen – diese Paläste zürnen über ihren Meister, der sie so fest in die Erde zwang, dass sie meinem Fiesco nicht zuspringen können – Die Ufer, könnten sie’s, verließen ihre Pflicht, gäben Genua dem Meere preis und tanzten hinter seiner Trommel – Was den Tod aus seinen Windeln rüttelt, kann deinen Mut nicht wecken? – Geh! – Ich finde meinen Weg.

Arabella. Großer Gott! Sie werden doch diese Grille nicht wahr machen wollen?

Leonore (stolz und heroisch). Das sollt’ ich meinen, du Alberne – (Feurig.) Wo am wildesten das Getümmel wütet, wo in Person mein Fiesco kämpft – Ist das Lavagna? Hör’ ich sie fragen – den niemand bezwingen kann, de rum Genua eiserne Würfel schwingt, ist das Lavagna? – Genueser! Er ist’s, wird’ ich sagen, und dieser Mann ist mein Gemahl, und ich hab’ auch eine Wunde. (Sacco mit Verschwornen.)

Sacco (ruft an). Wer da? Doria oder Fiesco?

Leonore (begeistert). Fiesco und Freiheit! (Sie wirft sich in eine Gasse. Auflauf. Bella wird weggedrängt.)


Sechster Auftritt

Sacco mit einem Haufen. Calcagno begegnet ihm mit einem andern.

Calcagno. Andreas Doria ist entflohen.

Sacco. Deine schlechteste Empfehlung bei Fiesco.

Calcagno. Bären, die Deutschen! Pflanzten sich vor den Alten wie Felsen. Ich kriegte ihn gar nicht zu Gesicht. Neun von den Unsrigen sind fertig. Ich selbst bin am linken Ohrlappen gestreift. Wenn sie das fremden Tyrannen tun, alle Teufel! Wie müssen sie ihre Fürsten bewachen!

Sacco. Wir haben schon starken Anhang, und alle Tore sind unser.

Calcagno. Auf der Burg, hör’ ich, fechten sie scharf.

Sacco. Bourgognino ist unter ihnen. Was schafft Verrina?

Calcagno. Liegt zwischen Genua und dem Meer, wie der höllische Kettenhund, dass kaum eine Anchove durch kann.

Sacco. Ich lass’ in der Vorstadt stürmen.

Calcagno. Ich marschiere über die Piazza Sarzana. Rühre dich, Tambour! (Ziehen unter Trommelschlag weiter.)


Siebenter Auftritt

Der Mohr. Ein Trupp Diebe mit Lunten.

Mohr. Dass ihr’s wisst, Schurken! Ich war der Mann, der diese Suppe einbrockte – Mir gibt man keinen Löffel. Gut. Die Hatz ist mir eben recht. Wir wollen eins anzünden und plündern. Die drüben boxen sich um ein Herzogtum, wir heizen die Kirchen ein, dass die erfrornen Apostel sich wärmen.

(Werfen sich in die umliegenden Häuser.)


Achter Auftritt

Bourgognino. Bertha verkleidet.

Bourgognino. Hier ruhe aus, lieber Kleiner! Du bist in Sicherheit. Blutest du?

Bertha (die Sprache verändert). Nirgends.

Bourgognino (lebhaft). Pfui, so steh’ auf! Ich will dich hinführen, wo man Wunden für Genua erntet – Schön, siehst du? Wie diese. (Er streift seinen Arm auf.)

Bertha (zurückfahrend). O Himmel!

Bourgognino. Du erschrickst? Niedlicher Kleiner, zu früh eilst du in den Mann – Wie alt bist du?

Bertha. Fünfzehn Jahr.

Bourgognino. Schlimm! Für diese Nacht fünf Jahre zu zärtlich – Dein Vater?

Bertha. Der beste Bürger in Genua.

Bourgognino. Gemach, Knabe! Das ist nur einer, und seine Tochter ist meine verlobte Braut. Weißt du das Haus des Verrina?

Bertha. Ich dächte.

Bourgognino (rasch). Und kennst seine göttliche Tochter?

Bertha. Bertha heißt seine Tochter.

Bourgognino (hitzig). Gleich geh’ und überliefere ihr diesen Ring. Er gelte den Trauring, sagst du, und der blaue Busch halte sich brav. Jetzt fahre wohl! Ich muss dorthin. Die Gefahr ist noch nicht aus. (Einige Häuser brennen.)

Bertha (ruft ihm nach mit sanfter Stimme). Scipio!

Bourgognino (steht betroffen still). Bei meinem Schwert! Ich kenne die Stimme.

Bertha (fällt ihm um den Hals). Bei meinem Herzen! Ich bin hier sehr bekannt!

Bourgognino (schreit). Bertha! (Sturmläuten in der Vorstadt. Auflauf. Beide verlieren sich in einer Umarmung.)


Anstatt der vorigen Szene hat Schiller während seines Aufenthalts in Leipzig im Jahre 1785 folgende für das dortige Theater eingerückt.

Ein unterirdisches Gewölbe, durch eine einzige Lampe erleuchtet. Der Hintergrund bleibt ganz finster. Bertha allein, einen schwarzen Schleier über das Gesicht geworfen, sitzt auf einem Stein im Vordergrund. Nach einer Pause steht sie auf und geht umher.

Noch immer kein Laut? Keine menschliche Spur? Kein Fußtritt meiner Erretter? – Schreckliches Harren! Schrecklich und undankbar, wie die Sehnsucht eines lebendig Begrabenen unter dem Boden des Kirchhofs. Und worauf harrst du, Betrogene? Ein unverletzlicher Eidschwur hält dich in diesem Gewölbe gefangen. Gianettino Doria muss fallen, Genua frei werden, oder Bertha verschmachtet in diesem Turme – so lautete der Schwur meines Vaters. Abscheulicher Kerker, zu welchem es keinen Schlüssel gibt, als das Todesröcheln eines wohl beschützten Tyrannen. (Sieht sich im Gewölbe um.) Wie grauenvoll ist diese Stille! Schauerlich, wie die Stille des Grabes! Die leeren Winkel gießen schreckliche Nacht aus. Auch meine Lampe droht zu verlöschen. (Lebhafter herumgehend.) O komm, komm, mein Geliebter, es ist fürchterlich, hier zu sterben. (Pause, dann fährt sie auf und stürzt mit Händeringen durchs Gewölbe, mit allen Zeichen des Schmerzens.) Er hat mich verlassen! Er hat seinen Eid gebrochen! Er hat seine Bertha vergessen. Die Lebendigen fragen nach den Toten nicht mehr, und dies Gewölbe gehört zu den Gräbern. Hoffe nichts mehr, Unglückliche. Hoffnung blüht nur, wohin Gott schaut. In diesen Kerker schaut Gott nicht. (Neue Pause, sie wird ängstlicher.)

Oder sind meine Retter gefallen? Die kühne Verschwörung misslang, und die Gefahr überwältigte den mutigen Jüngling. – O unglückliche Bertha! Vielleicht wandeln in diesem Augenblick ihre Gespenster durch das Gewölbe, und weinen über deine Hoffnung. (Schrickt zusammen.) Gott! Gott! So bin ich ja ohne Rettung verloren, wenn sie nicht mehr sind, ohne Rettung preisgegeben dem entsetzlichen Tode. (Stützt sich an die Felsenmauer. Nach einer Pause fährt sie mit Wehmut fort.) Und wenn er noch lebt, mein Geliebter – wenn er nun kommen wird, Wort zu halten und sein Mädchen im Triumph abzuholen, und alles hier einsam findet und stumm, und der entseelte Leichnam seine Wonne nicht mehr beantwortet – Wenn seine glühenden Küsse das entflohene Leben vergeblich auf meinen Lippen suchen, seine Tränen fruchtlos über mich fließen, - wenn der Vater jammernd auf seine Tochter fällt und das Geschrei ihres Leidens in den kahlen Mauern dieses Gefängnisses widerhallt - - O dann, dann verschweig’ ihnen meine Klagen, Gewölbe! Sag’ ihnen, dass ich duldete wie eine Heldin, und dass mein letzter Atem Verzeihung war. (Sinkt erschöpft auf den Stein nieder – Pause – Man hört ein verworrenes Getöse von Trommeln und Glocken hinter der Bühne, über den Soffiten und unter der Bühne. Bertha fährt in die Höhe.) Horch was ist das? Hör’ ich recht oder träum’ ich? Fürchterlich schallen die Glocken zusammen. Das ist kein Ton, als wenn man zum Gottesdienst läutete. (Das Getöse kommt näher und wird stärker; sie läuft erschrocken umher.) Lauter und immer lauter! Gott, das ist Sturm! Das ist Sturm! Ist der Feind in die Stadt gebrochen? Geht Genua in Flammen auf? – Ein wildes, schreckliches Getöse, wie das Rennen von tausend Menschen! Was ist das? (Wird stark an die Türe geschlagen.) Es kommt hierher, die Riegel werden aufgeschoben – (Mit Lebhaftigkeit gegen den Hintergrund zugehend.) Menschen, Menschen! Freiheit! Rettung! Erlösung!

Bourgognino
stürzt mit bloßem Schwert herein, einige Fackelträger folgen.

Bourgognino (ruft laut). Du bist frei, Bertha! Der Tyrann ist tot! Dies Schwert hier hat ihn erschlagen.

Bertha (ihm in die Arme eilend). Mein Erretter! Mein Engel!

Bourgognino. Hörst du die Sturmglocken? Das Getöse der Trommeln? Fiesco hat überwunden. Genua ist frei, der Fluch deines Vaters vernichtet.

Bertha. Gott! Gott! Also mir galt dieses schreckliche Getöse, dieses Glockengeläute?

Bourgognino. Dir, Bertha; es ist unser Brautgeläute. Verlass’ diesen abscheulichen Kerker, und folge mir zum Altar.

Bertha. Zum Altar, Bourgognino? Jetzt, in dieser Mitternachtsstunde? In diesem entsetzlichen wütenden Tumult, als wenn die Welt aus den Achsen ginge?

Verrina
Tritt ungesehen herein und bleibt, ohne zu reden, am Eingange stehen.

Bourgognino. In dieser schönen, herrlichen Nacht, wo ganz Genua seine Freiheit feiert, wie den Bund der Liebe. Dies Schwert, noch rot vom Tyrannenblut, soll mein Hochzeitschmuck sein. Diese Hand, noch warm von der Heldentat, soll der Priester in die deinige fügen. Früchte nichts, meine Liebe, und begleite mich in die Kirche.

(Verrina kommt näher, tritt zwischen beide und umarmt sie.)

Verrina. Gott segne euch, meine Kinder!

Bertha und Bourgognino (zu seinen Füßen fallend). O mein Vater!

Verrina (legt seine Hände auf beide – Pause – darauf wendet er sich feierlich zu Bourgognino). Vergiss nie, wie teuer du sie erwerben musstest! Vergiss nie, dass deine Ehe so alt ist, als Genuas Freiheit. (Mit Ernst und Hoheit sich zu Bertha wendend.) Du bist des Verrina Tochter, und dein Mann hat den Tyrannen erschlagen. (Nach einigem Stillschweigen winkt er ihnen aufzustehen, und sagt mit Beklemmung.) Der Priester erwartet euch.

Bertha und Bourgognino (zugleich). Wie, mein Vater? Sie wollen uns nicht dahin folgen?

Verrina (sehr ernsthaft). Dorthin ruft mich eine furchtbare Pflicht; mein Gebet wird euch folgen. (Man hört Trompeten und Pauken und Freudengeschrei von ferne.) Kennst du dies Jauchzen?

Bourgognino. Man wird den Fiesco zum Herzog ausrufen. Der Pöbel vergöttert ihn und brachte ihm lärmend den Purpur; der Adel sah mit Entsetzen zu und konnte nicht nein sagen.

Verrina (lacht mit Bitterkeit). Also siehst du, mein Sohn, ich muss eilends fort und der Erste sein, der dem neuen Monarchen den Eid der Huldigung leistet.

Bourgognino (hält ihn erschrocken). Was wollen sie tun? Ich begleite sie.

Bertha (hängt sich ängstlich an Bourgognino). Gott! Was ist das! Bourgognino? Worüber brütet mein Vater?

Verrina. Mein Sohn, ich habe alle unsere Habseligkeiten zu Gold gemacht und auf dein Schiff bringen lassen. Nimm deine Braut und stiege unverzüglich an Bord. Vielleicht werd’ ich nachkommen, vielleicht nicht mehr – Ihr segelt nach Marseille, und (mit Rührung sie umarmen) und Gott geleit’ euch!

Bourgognino (entschlossen). Verrina, ich bleibe; die Gefahr ist noch nicht aus.

Verrina (führt ihm Bertha zu). Stolzer, Unersättlicher, tändle mit deiner Braut. Deinen Tyrannen hast du weggeschafft, überlass’ mir den meinigen. (Gehen ab.)


Neunter Auftritt

Fiesco tritt hitzig auf. Zibo. Gefolge.

Fiesco. Wer warf das Feuer ein?

Zibo. Die Burg ist erobert.

Fiesco. Wer warf das Feuer ein?

Zibo (winkt dem Gefolge). Patrouillen nach dem Täter! (Einige gehen.)

Fiesco (zornig). Wollen sie mich zum Mordbrenner machen? Gleich eilt mit den Spritzen und Eimern! (Gefolge ab.) Aber Gianettino ist doch geliefert?

Zibo. So sagt man.

Fiesco (wild). Sagt man nur? Wer sagt das nur? Zibo, bei ihrer Ehre, ist er entronnen?

Zibo (bedenklich). Wenn ich meine Augen gegen die Aussage eines Edelmanns setzen kann, so lebt Gianettino.

Fiesco (auffahrend). Sie reden sich um den Hals, Zibo!

Zibo. Noch einmal – Ich sah ihn vor acht Minuten lebendig in gelbem Busch und Scharlach herumgehen.

Fiesco (außer Fassung). Himmel und Hölle – Zibo! – Den Bourgognino lass’ ich um einen Kopf kürzer machen. Fliegen sie, Zibo – Man soll alle Stadttore sperren – alle Felouquen soll man zusammenschießen – so kann er nicht zu Wasser davon – diesen Demant, Zibo, den reichsten in Genua, Lucca, Venedig und Pisa – wer mir die Zeitung bringt: Gianettino ist tot – er soll diesen Demant haben. (Zibo eilt ab.) Fliegen sie, Zibo!


Zehnter Auftritt

Fiesco. Sacco. Der Mohr. Soldaten.

Sacco. Den Mohren fanden wir eine brennende Lunte in den Jesuiterdom werfen –

Fiesco. Deine Verräterei ging dir hin, weil sie mich traf. Auf Mordbrennereien steht der Strick. Führt ihn gleich ab, hängt ihn am Kirchtor auf.

Mohr. Pfui! Pfui! Pfui! Das kommt mir unschicklich – Lässt sich nichts davon wegplaudern?

Fiesco. Nichts.

Mohr (vertraulich). Schickt mich einmal zur Probe auf die Galeere.

Fiesco (winkt den andern). Zum Galgen.

Mohr (trotzig). So will ich ein Christ werden!

Fiesco. Die Kirche bedankt sich für die Blattern des Heidentums.

Mohr (schmeichelnd). Schickt mich wenigstens besoffen in die Ewigkeit.

Fiesco. Nüchtern.

Mohr. Aber hängt mich nur an keine christliche Kirche!

Fiesco. Ein Ritter hält Wort. Ich versprach dir deinen eigenen Galgen.

Sacco (brummt). Nicht viel Federlesens, Heide! Man hat noch mehr zu tun.

Mohr. Doch – wenn halt allenfalls – der Strick bräche? –

Fiesco (zum Sacco). Man wird ihn doppelt nehmen.

Mohr (resigniert). So mag’s sein – und der Teufel kann sich auf den Extrafall rüsten. (Ab mit Soldaten, die ihn in einiger Entfernung aufhängen.)


Elfter Auftritt

Fiesco. Leonore (erscheint hinten im Scharlachrock Gianettinos).

Fiesco (wird sie gewahr, fährt vor, fährt zurück und murmelt grimmig). Kenn ich nicht diesen Busch und Mantel? (Eilt näher, heftig.) Ich kenne den Busch und Mantel! (Wütend, indem er auf sie losstürzt und sie niederstößt.) Wenn du drei Leben hast, so steh’ wieder auf und wandle! (Leonore fällt mit einem gebrochenen Laut. Man hört einen Siegesmarsch. Trommeln, Hörner und Oboen.)


Zwölfter Auftritt

Fiesco. Calcagno. Sacco. Zenturione. Zibo. Soldaten
mit Musik und Fahnen treten auf.

Fiesco (ihnen entgegen im Triumph). Genueser – der Wurf ist geworfen – Hier liegt er, der Wurm meiner Seele – die grässliche Kost meines Hasses. Hebet die Schwerter hoch! Gianettino!

Calcagno. Und ich komme, ihnen zu sagen, dass zwei Drittteile von Genua ihre Partei ergreifen und zu den Fieskischen Fahnen schwören –

Zibo. Und durch mich schickt ihnen Verrina vom Admiralschiff seinen Gruß und die Herrschaft über Hafen und Meer –

Zenturione. Und durch mich der Gouverneur der Stadt seinen Kommandostab und die Schlüssel –

Sacco. Und in mir wirft sich (indem er niederfällt) der große und kleine Rat der Republik kniend vor seinen Herrn und bittet fußfällig um Gnade und Schonung –

Calcagno. Mich lasst den Ersten sein, der den großen Sieger in seinen Mauern willkommen heißt – Heil ihnen – Senket die Fahnen tief – Herzog von Genua!

Alle (nehmen die Hüte ab). Heil! Heil dem Herzog von Genua! (Fahnenmarsch.)

Fiesco (stand die ganze Zeit über, den Kopf auf die Brust gesunken, in einer denkenden Stellung.)

Calcagno. Volk und Senat stehen wartend, ihren gnädigen Oberherrn im Fürstenornat zu begrüßen – Erlauben sie uns, durchlauchtigster Herzog, sie im Triumph nach der Signoria zu führen!

Fiesco. Erlaubt mir erst, dass ich mit meinem Herzen mich abfinde – Ich musste eine gewisse teure Person in banger Ahnung zurücklassen, eine Person, die die Glorie dieser Nacht mit mir teilen wird. (Gerührt zur Gesellschaft.) Habt die Güte und begleitet mich zu eurer liebenswürdigen Herzogin! (Er will aufbrechen.)

Calcagno. Soll der meuchelmörderische Bube hier liegen, und seine Schande in diesem Winkel verhehlen?

Zenturione. Steckt seinen Kopf auf eine Hellebarde!

Zibo. Lasst seinen zerrissenen Rumpf unser Pflaster kehren. (Man leuchtet gegen den Leichnam.)

Calcagno (erschrocken und etwas leise). Schaut her, Genueser! Das ist bei Gott kein Gianettinogesicht. (Alle sehen starr auf die Leiche.)

Fiesco (hält still, wirft von der Seite einen forschenden Blick darauf, den er starr und langsam unter Verzerrungen zurückzieht). Nein, Teufel – Nein, das ist kein Gianettinogesicht, hämischer Teufel! (Die Augen herumgerollt.) Genua mein, sagt ihr? Mein? – (Hinaus wütend in einem grässlichen Schrei.) Spiegelfechterei der Hölle! Es ist mein Weib! (Sinkt durchdonnert zu Boden. Verschworne stehen in toter Pause und schauervollen Gruppen.)

Fiesco (matt aufgerichtet mit dumpfer Stimme). Hab’ ich mein Weib ermordet, Genueser? – Ich beschwöre euch, schielt nicht so geisterbleich auf dieses Spiel der Natur – Gott sei gelobt! Es gibt Schicksale, die der Mensch nicht zu fürchten hat, weil er nur Mensch ist. Wem Götterwollust versagt ist, wird keine Teufelqual zugemutet – Diese Verirrung wäre etwas mehr. (Mit schreckhafter Beruhigung.) Genueser, Gott sei Dank! Es kann nicht sein.


Dreizehnter Auftritt

Vorige. Arabella kommt jammernd.

Arabella. Mögen sie mich umbringen, was hab’ ich auch jetzt noch zu verlieren? – Habt Erbarmen, ihr Männer – Hier verließ ich meine gnädige Frau, und nirgends sind’ ich sie wieder.

Fiesco (tritt ihr näher mit leiser, bebender Stimme). Leonore heißt deine gnädige Frau?

Arabella (froh). O dass sie da sind, mein liebster, guter, gnädiger Herr! – Zürnen sie nicht über uns, wir konnten sie nicht mehr zurückhalten.

Fiesco (zürnt sie dumpf an). Du Verhasste! Von was nicht?

Arabella. Dass sie nicht nach sprang –

Fiesco (heftiger). Schweig! Wohin sprang?

Arabella. Ins Gedränge –

Fiesco (wütend). Dass deine Zunge zum Krokodil würde – Ihre Kleider?

Arabella. Ein scharlachener Mantel –

Fiesco (rasend gegen sie taumelnd). Geh’ in den neunten Kreis der Hölle! – Der Mantel? –

Arabella. Lag hier an dem Boden –

Einige Verschworne (murmelnd). Gianettino ward hier ermordet –

Fiesco (todesmatt zurück wankend zu Arabella). Deine Frau ist gefunden. (Arabella geht angstvoll. Fiesco sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum, darauf mit leiser, schwebender Stimme, die stufenweise bis zum Toben steigt.) Wahr ist’s – wahr – und ich das Stichblatt des unendlichen Bubenstücks. (Viehisch um sich hauend.) Tretet zurück, ihr menschlichen Gesichter – Ah, (mit frechem Zähneblecken gen Himmel) hätt’ ich nur seinen Weltbau zwischen diesen Zähnen – ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht, wie mein Schmerz – (Zu den andern, die bebend herumstehen.) Mensch! – Wie es jetzt dasteht, das erbärmliche Geschlecht, sich segnet und selig preist, dass es nicht ist wie ich – Nicht wie ich! (In hohles Beben hingefallen.) Ich allein habe den Streich – (Rascher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit mir auch diese? Warum soll sich mein Schmerz am Schmerz eines Mitgeschöpfs nicht stumpf reiben dürfen?

Calcagno (furchtsam). Mein teurer Herzog –

Fiesco (dringt auf ihn ein mit grässlicher Freude). Ach, willkommen! Hier, Gott sei Dank ist einer, den auch dieser Donner quetscht! (Indem er den Calcagno wütend in seine Arme drückt.) Bruder Zerschmetterter! Wohl bekomm’ die Verdammnis! Sie ist tot! Du hast sie auch geliebt. (Er zwingt ihn an den Leichnam und drückt ihm den Kopf dagegen.) Verzweifle! Sie ist tot! (Den stieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, dass ich stünde am Tor der Verdammnis, hinunterschauen dürfte mein Aug’ auf die mancherlei Folterschrauben der sinnreichen Hölle, saugen mein Ohr zerknirschter Sünder Gewinsel – Könnt’ ich sie sehen, meine Qual, wer weiß, ich trüge sie vielleicht! (Mit Schauer zur Leiche gehend.) Mein Weib liegt hier ermordet – Nein, das will wenig sagen! (Nachdrücklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet – O pfui, so etwas kann die Hölle kaum kitzeln – Erst wirbelt sie mich künstlich auf der Freude letztes, glättestes Schwindeldach, schwätzt mich bis an die Schwelle des Himmels – und dann hinunter – dann – o könnte mein Odem die Pest unter Seelen blasen – dann – dann ermord’ ich mein Weib – Nein! Ihr Witz ist noch feiner – dann übereilen sich (verächtlich) zwei Augen, und (mit schrecklichem Nachdruck) ich ermorde – mein Weib! (Beißend lächelnd.) Das ist mein Meisterstück!

(Alle Verschwornen hängen gerührt an ihren Waffen. Einige wischen Tränen aus den Augen. Pause.)

Fiesco (erschöpft und stiller, indem er im Zirkel herum blickt.) Schluchzt hier jemand? – Ja, bei Gott, die einen Fürsten würgten, weinen! (In stillen Schmerz geschmolzen.) Redet! Weint ihr über diesen Hochverrat des Todes oder weint ihr über meines Geistes Memmenfall? (In ernster, rührender Stellung vor der Toten verweilend.) Wo in warme Tränen felsenharte Mörder schmelzen, flüchte Fiescos Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore, vergib – Neue zürnt man dem Himmel nicht ab. (Weich mit Wehmut.) Jahre voraus, Leonore, genoss ich das Fest jener Stunde, wo ich den Genuesern ihre Herzogin brächte – Wie lieblich verschämt sah ich schon deine Wangen erröten, deinen Busen wie fürstlich schön unter dem Silberflor schwellen, wie angenehm deine lispelnde Stimme der Entzückung versagen! (Lebhafter.) Ha! Wie berauschend wallte mir schon der stolze Zuruf zu Ohren, wie spiegelte sich meiner Liebe Triumph im versinkenden Neide! – Leonore – die Stunde ist gekommen – Genua’s Herzog ist dein Fiesco – und Genua’s schlechtester Bettler besinnt sich, seine Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu tauschen – (Rührender.) Eine Gattin teilt seinen Gram – mit wem kann ich meine Herrlichkeit teilen? (Er weint heftiger und verbirgt sein Gesicht an der Leiche. Rührung auf allen Gesichtern.)

Calcagno. Es war eine treffliche Dame.

Zibo. Dass man doch ja den Trauerfall dem Volk noch verschweige. Er nähme den Unsrigen den Mut und gäb’ ihn den Feinden.

Fiesco (steht gefasst und fest auf.) Höret, Genueser! – Die Vorsehung, versteh’ ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für die nahe Größe zu prüfen. – Es war die gewagteste Probe – jetzt fürcht’ ich weder Qual, noch Entzücken mehr. Kommt! Genua erwarte mich, sagtet ihr? Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein Europäer sah – Kommt! Dieser unglücklichen Fürstin will ich eine Totenfeier halten, dass das Leben seine Anbeter verlieren und die Verwesung wie eine Braut glänzen soll – Jetzt folgt eurem Herzog! (Gehen ab unter Fahnenmarsch.)


Vierzehnter Auftritt

Andreas Doria. Lomellino.

Andreas. Dort jauchzen sie hin.

Lomellin. Ihr Glück hat sie berauscht. Die Tore sind bloß gegeben. Der Signoria wälzt sich alles zu.

Andreas. Nur meinem Neffen scheute das Ross. Mein Neffe ist tot. Hören sie, Lomellino –

Lomellin. Was? Noch? Noch hoffen sie, Herzog?

Andreas (ernst). Zittre du für dein Leben, weil du mich Herzog spottest, wenn ich auch nicht einmal hoffen darf.

Lomellin. Gnädigster Herr – eine brausende Nation liegt in der Schale Fiesco’s – Was in der ihrigen?

Andreas (groß und warm). Der Himmel!

Lomellin (hämisch die Achseln zuckend). Seitdem das Pulver erfunden ist, kampieren die Engel nicht mehr.

Andreas. Erbärmlicher Affe, der einem verzweifelnden Graukopf seinen Gott noch nimmt! (Ernst und gebietend.) Geh! Mache bekannt, dass Andreas noch lebe – Andreas, sagst du, ersuche seine Kinder, ihn doch in seinem achtzigsten Jahre nicht zu den Ausländern zu jagen, die dem Andreas den Flor seines Vaterlandes niemals verzeihen würden. Sag’ ihnen das, und Andreas ersuche seine Kinder um so viel Erde in seinem Vaterland für so viel Gebeine.

Lomellin. Ich gehorsame, aber verzweifle. (Will gehen.)

Andreas. Höre! Und nimm diese eisgraue Haarlocke mit – Sie war die letzte, sagst du, auf meinem Haupt und ging los in der dritten Jännernacht, als Genua losriss von meinem Herzen, und habe achtzig Jahre gehalten, und habe den Kahlkopf verlassen im achtzigsten Jahr – die Haarlocke ist mürbe, aber doch stark genug, dem schlanken Jüngling den Purpur zu knüpfen. (Er geht ab mit verhülltem Gesicht. Lomellin eilt in eine entgegen gesetzte Gasse. Man hört ein tumultuarisches Freudengeschrei unter Drommeten und Pauken.)


Fünfzehnter Auftritt

Verrina vom Hafen. Bertha und Bourgognino.

Verrina. Man jauchzt. Wem gilt das?

Bourgognino. Sie werden den Fiesco zum Herzog ausrufen.

Bertha (schmiegt sich ängstlich an Bourgognino). Mein Vater ist fürchterlich, Scipio!

Verrina. Lasst mich allein, Kinder! – O Genua! Genua!

Bourgognino. Der Pöbel vergöttert ihn und forderte wiehernd den Purpur. Der Adel sah mit Entsetzen zu und durfte nicht nein sagen.

Verrina. Mein Sohn, ich hab’ alle meine Habseligkeiten zu Gold gemacht und auf dein Schiff bringen lassen. Nimm deine Frau und stich unverzüglich in See. Vielleicht wird’ ich nachkommen. Vielleicht – nicht mehr. Ihr segelt nach Marseille und (schwer und gepresst sie umarmend) Gott geleit’ euch! (Schnell ab.)

Bertha. Um Gotteswillen! Worüber brütet mein Vater?

Bourgognino. Verstandst du den Vater!

Bertha. Fliehen! O Gott! Fliehen in der Brautnacht!

Bourgognino. So sprach er – und wir gehorchen. (Beide gehen nach dem Hafen.)


Sechzehnter Auftritt

Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck.

(Beide treffen aufeinander.)

Fiesco. Verrina! Erwünscht. Eben war ich aus, dich zu suchen.

Verrina. Das war auch mein Gang.

Fiesco. Merkt Verrina keine Veränderung an seinem Freunde?

Verrina (zurückhaltend). Ich wünsche keine.

Fiesco. Aber siehst du auch keine?

Verrina (ohne ihn anzusehen). Ich hoffe, keine!

Fiesco. Ich frage, findest du keine?

Verrina (nach einem flüchtigen Blick). Ich finde keine.

Fiesco. Nun, siehst du, so muss es doch wahr sein, dass die Gewalt nicht Tyrannen macht. Seit wir uns beide verließen, bin ich Genuas Herzog geworden, und Verrina (indem er ihn an die Brust drückt) findet meine Umarmung noch feurig wie sonst.

Verrina. Desto schlimmer, dass ich sie frostig erwidern muss; der Anblick der Majestät fällt wie ein schneidendes Messer zwischen mich und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco besaß Länder in meinem Herzen – jetzt hat er Genua erobert, und ich nehme mein Eigentum zurück.

Fiesco (betreten). Das wolle Gott nicht! Für ein Herzogtum wäre der Preis zu jüdisch.

Verrina (murmelt düster). Hum! Ist denn etwa die Freiheit in der Mode gesunken, dass man dem ersten dem besten Republiken um ein Schandengeld nachwirft.

Fiesco (beißt die Lippen zusammen). Das sag’ du niemand, als dem Fiesco.

Verrina. O natürlich! Ein vorzüglicher Kopf muss es immer sein, von dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt – Aber Schade! Der verschlagene Spieler hat’s nur in einer Karte versehen. Er kalkulierte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinierte Witzling ließ zum Unglück die Patrioten aus. (Sehr bedeutend.) Hat der Unterdrücker der Freiheit auch einen Kniff auf die Züge der römischen Tugend zurückbehalten? Ich schwör’ es beim lebendigen Gott, eh’ die Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogtums gräbt, soll sie sie auf dem Rade zusammenlesen!

Fiesco (nimmt ihn mit Sanftmut bei der Hand). Auch nicht, wenn der Herzog dein Bruder ist? Wenn er sein Fürstentum nur zur Schatzkammer seiner Wohltätigkeit macht, die bis jetzt bei seiner haushälterischen Dürftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht?

Verrina. Auch dann nicht – und der verschenkte Raub hat noch keinem Dieb von dem Galgen geholfen. Überdies ging diese Großmut bei Verrina fehl. Meinem Mitbürger konnt’ ich schon erlauben, mir Gutes zu tun – meinem Mitbürger hofft’ ich’s wett machen zu können. Die Geschenke eines Fürsten sind Gnade – und Gott ist mir gnädig.

Fiesco (ärgerlich). Wollt’ ich doch lieber Italien vom Atlantenmeer abreißen, als diesen Starrkopf von seinem Wahn!

Verrina. Und abreißen ist doch sonst deine schlechteste Kunst nicht, davon weiß das Lamm Republik zu erzählen, das du dem Wolf Doria aus dem Rachen nahmst – es selbst aufzufressen. – Aber genug! Nur im Vorbeigehen, Herzog, sage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den ihr am Jesuiterdom aufknüpftet?

Fiesco. Die Kanaille zündete Genua an.

Verrina. Aber doch die Gesetze ließ die Kanaille noch ganz?

Fiesco. Verrina brandschatzt meine Freundschaft.

Verrina. Hinweg mit der Freundschaft! Ich sage dir ja, ich liebe dich nicht mehr; ich schwöre dir, dass ich dich hasse – hasse wie den wurm des Paradieses, der den ersten falschen Wurf in die Schöpfung tat, worunter schon das fünfte Jahrtausend blutet – Höre, Fiesco – nicht Untertan gegen Herrn – nicht Freund gegen Freund, Mensch gegen Mensch red’ ich zu dir. (Scharf und heftig.) Du hast eine Schande begangen an der Majestät des wahrhaftigen Gottes, dass du dir die Tugend die Hände zu deinem Bubenstück führen, und Genuas Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließest – Fiesco, wär’ auch ich der redlich Dumme gewesen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! Bei allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt’ ich drehen aus meinen eigenen Gedärmen, und mich erdrosseln, dass meine fliehende Seele in gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwaage menschlicher Sünden entzwei, aber du hast den Himmel geneckt und den Prozess wird das Weltgericht führen.

(Fiesco erstaunt und misst ihn sprachlos mit großen Augen.)

Verrina. Besinne dich auf keine Antwort. Jetzt sind wir fertig. (Nach einigem Auf- und Niedergehen.) Herzog von Genua, auf den Schiffen des gestrigen Tyrannen lernt’ ich eine Gattung armer Geschöpfe kennen, die eine verjährte Schuld mit jedem Ruderschlage wiederkäuen und in den Ozean ihre Tränen weinen, der wie ein reicher Mann zu vornehm ist, sie zu zählen – Ein guter Fürst eröffnet sein Regiment mit Erbarmen. Wolltest du dich entschließen, die Galeerensklaven zu erlösen?

Fiesco (scharf). Sie seien die Erstlinge meiner Tyrannei – Geh’ und verkündige ihnen allen Erlösung!

Verrina. So machst du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude verlierst. Versuch’ es und gehe selbst. Die großen Herren sind so selten dabei, wenn sie Böses tun, sollten sie auch das Gute im Hinterhalt stiften? – Ich dächte, der Herzog wäre für keines Bettlers Empfindung zu groß.

Fiesco. Mann, du bist schrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich folgen muss. (Beide gehen dem Meere zu.)

Verrina (hält stille, mit Wehmut). Aber noch einmal umarme mich, Fiesco! Hier ist ja niemand, der den Verrina weinen sieht, und einen Fürsten empfinden. (Er drückt ihn innig.) Gewiss, nie schlugen zwei größere Herzen zusammen; wir liebten uns doch so brüderlich warm – (Heftig an Fiesco’s Halse weinend.) Fiesco! Fiesco! Du räumst einen Platz in meiner Brust, den das Menschengeschlecht, dreifach genommen, nicht mehr besetzen wird.

Fiesco (sehr gerührt). Sei – mein – Freund!

Verrina. Wirf diesen hässlichen Purpur weg, und ich bin’s! – Der erste Fürst war ein Mörder, und führte den Purpur ein, die Flecken seiner Tat in dieser Blutfarbe zu verstecken – Höre, Fiesco – ich bin ein Kriegsmann, verstehe mich wenig auf nasse Wangen – Fiesco – das sind meine ersten Tränen – Wirf diesen Purpur weg!

Fiesco. Schweig!

Verrina (heftiger). Fiesco – lass’ hier alle Kronen dieses Planeten zum Preis, dort zum Popanz all’ seine Foltern legen, ich soll knien vor einem Sterblichen – ich werde nicht knien – Fiesco! (Indem er niederfällt) Es ist mein erster Kniefall – Wirf diesen Purpur weg!

Fiesco. Steh’ auf und reize mich nicht mehr!

Verrina (entschlossen). Ich steh’ auf, reize dich nicht mehr. (Sie stehen an einem Brett, das zu einer Galeere führt.) Der Fürst hat den Vortritt. (Gehen über das Brett.)

Fiesco. Was zerrst du mich so am Mantel? – Er fällt!

Verrina (mit fürchterlichem Hohne). Nun, wenn der Purpur fällt, muss auch der Herzog nach! (Er stürzt ihn ins Meer.)

Fiesco (ruft aus den Wellen). Hilf! Genua! Hilf! Hilf deinem Herzog! (Sinkt unter.)


Siebenzehnter Auftritt

Calcagno. Sacco. Zibo. Zenturione. Verschworne. Volk.

Alle eilig, ängstlich.

Calcagno (schreit). Fiesco! Fiesco! Andreas ist zurück, halb Genua springt dem Andreas zu. Wo ist Fiesco?

Verrina (mit festem Ton). Ertrunken!

Zenturione. Antwortet die Hölle oder das Tollhaus?

Verrina. Ertränkt, wenn das hübscher lautet - Ich gehe zum Andreas.

(Alle bleiben in starren Gruppen stehen. Der Vorhang fällt.)

Ü

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