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      Schiller, Friedrich

         Die Verschwörung des Fiesco
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Vierter Aufzug

Es ist Nacht. Schlosshof bei Fiesco. Die Laternen werden angezündet. Waffen herein getragen. Ein Schlossflügel ist erleuchtet.

Erster Auftritt

Bourgognino führt Soldaten auf.

Bourgognino. Halt! – An das große Hoftor kommen vier Posten. Zwei an jede Türe zum Schloss. (Wachen nehmen ihren Posten.) Wer will, wird hereingelassen. Hinaus darf niemand. Wer Gewalt braucht, niedergestochen! (Mit den Übrigen ins Schloss. Schildwachen auf und nieder. Pause.)


Zweiter Auftritt

Wachen am Hoftor (rufen an). Wer da? (Zenturione kommt.)

Zenturione. Freund von Lavagna. (Geht quer über den Hof nach dem rechten Schlosstor.)

Wachen (dort). Zurück!

Zenturione (stutz und geht nach dem linken Tor).

Wachen (am linken). Zurück!

Zenturione (steht betreten still. Pause. Darauf zur linken Wache). Freund, wo hinaus geht's zur Komödie?

Wache. Weiß nicht.

Zenturione (auf und ab mit steigender Befremdung, darauf zur rechten Wache). Freund, wann geht die Komödie an?

Wache. Weiß nicht.

Zenturione (erstaunt auf und nieder. Wird die Waffen gewahr. Bestürzt). Freund, was soll das?

Wache. Weiß nicht.

Zenturione (hüllt sich erschrocken in seinen Mantel). Sonderbar.

Wachen am Hoftor (rufen an). Wer da?


Dritter Auftritt

Vorige. Zibo kommt.

Zibo (im Hereintreten). Freund von Lavagna.

Zenturione. Zibo, wo sind wir?

Zibo. Was?

Zenturione. Schau' um dich, Zibo!

Zibo. Wo? Was?

Zenturione. Alle Türen besetzt.

Zibo. Hier liegen Waffen.

Zenturione. Niemand gibt Auskunft.

Zibo. Das ist seltsam.

Zenturione. Wie viel ist die Glocke?

Zibo. Acht Uhr vorüber.

Zenturione. Puh! Es ist grimmkalt.

Zibo. Acht Uhr ist die bestellte Stunde.

Zenturione (den Kopf schüttelnd). Hier ist's nicht richtig.

Zibo. Fiesco hat einen Spaß vor.

Zenturione. Morgen ist Dogewahl - Zibo, hier ist's nicht richtig.

Zibo. Stille! Stille! Stille!

Zenturione. Der rechte Schlossflügel ist voll Lichter.

Zibo. Hörst du nichts? Hörst du nichts?

Zenturione. Hohles Gemurmel drin und mitunter -

Zibo. Dumpfiges Rasseln wie von Harnischen, die sich aneinander reiben -

Zenturione. Schauervoll! Schauervoll!

Zibo. Ein Wagen! Er hält an der Pforte.

Wachen am Hoftor (rufen an). Wer da?


Vierter Auftritt

Vorige. Vier Asserato.

Asserato (im Hereintreten). Freund von Fiesco.

Zibo. Es sind die vier Asserato.

Zenturione. Guten Abend, Landsmann.

Asserato. Wir gehen in die Komödie.

Zibo. Glück auf den Weg!

Asserato. Geht ihr nicht mit in die Komödie?

Zenturione. Spaziert nur voran. Wir wollen erst frische Luft schöpfen.

Asserato. Es wird bald angehen. Kommt. (Gehen weiter).

Wache. Zurück!

Asserato. Wo will das hinaus?

Zenturione (lacht). Zum Schloss hinaus.

Asserato. Hier ist ein Missverstand.

Zibo. Ein handgreiflicher. (Musik auf dem rechten Flügel.)

Asserato. Hört ihr die Symphonie? Das Lustspiel wird vor sich gehen.

Zenturione. Mich däucht, es fing schon an, und wir spielten die Narren drin.

Zibo. Übrige Hitze hab’ ich nicht. Ich gehe.

Asserato. Waffen hier?

Zibo. Pah! Komödienwaren.

Zenturione. Sollen wir hier stehen, wie die Narren am Acheron? Kommt zum Kaffeehaus? (Alle sechs eilen gegen die Pforte.)

Wachen (schreien heftig). Zurück!

Zenturione. Mord und Tod! Wir sind gefangen!

Zibo. Mein Schwert sagt: Nicht lange!

Asserato. Steck’ ein! Steck’ ein! Der Graf ist ein Ehrenmann.

Zibo. Verkauft! Verraten! Die Komödie war der Speck, hinter der Maus schlug die Tür zu.

Asserato. Das wolle Gott nicht! Mich schaudert, wie sich das entwickeln soll.


Fünfter Auftritt

Schildwachen. Wer da! (Verrina, Sacco kommen.)

Verrina. Freunde vom Hause. (Sieben andere Nobili kommen nach.)

Zibo. Seine Vertrauten! Nun klärt sich alles auf.

Sacco (im Gespräch mit Verrina). Wie ich ihnen sagte. Lescaro hat die Wache am Thomastor, Dorias bester Offizier und ihm blindlings ergeben.

Verrina. Das freut mich.

Zibo (zum Verrina). Sie kommen erwünscht, Verrina, uns allen aus dem Traume zu helfen.

Verrina. Wieso? Wieso?

Zenturione. Wir sind zu einer Komödie geladen.

Verrina. So haben wir einen Weg.

Zenturione (ungeduldig). Den Weg alles Fleisches. Den weiß ich. Sie sehen ja, dass die Türen besetzt sind. Wofür die Türen besetzt?

Zibo. Wofür die Waffen?

Zenturione. Wir stehen da, wie unter dem Galgen.

Verrina. Der Graf wird selbst kommen.

Zenturione. Er kann sich betreiben. Meine Geduld reißt den Zaum ab. (Alle Nobili gehen im Hintergrunde auf und nieder.)

Bourgognino (aus dem Schloss). Wie steht’s im Hafen, Verrina?

Verrina. Alles glücklich an Bord.

Bourgognino. Das Schloss ist auch gepfropft voll Soldaten.

Verrina. Es geht stark auf neun Uhr.

Bourgognino. Der Graf macht sehr lange.

Verrina. Immer zu rasch für seine Hoffnung. Bourgognino, ich werde zu Eis, wenn ich mir etwas denke.

Bourgognino. Vater, übereile dich nicht.

Verrina. Es lässt sich nicht übereilen, wo nicht verzögert werden kann. Wenn ich den zweiten Mord nicht begehe, kann ich den ersten niemals verantworten.

Bourgognino. Aber wann soll Fiesco sterben?

Verrina. Wann Genua frei ist, stirbt Fiesco!

Schildwachen. Wer da?


Sechster Auftritt

Vorige. Fiesco.

Fiesco (im Hereintreten). Ein Freund! (Alle verneigen sich, Schildwachen präsentieren.) Willkommen, werteste Gäste! Sie werden geschmählt haben, dass der Hausvater so lange auf sich warten ließ. Verzeihen sie. (Leise zu Verrina.) Fertig?

Verrina (ihm ins Ohr). Nach Wunsch.

Fiesco (leise zu Bourgognino). Und?

Bourgognino. Alles richtig.

Fiesco (zu Sacco). Und?

Sacco. Alles gut.

Fiesco. Und Calcagno?

Bourgognino. Fehlt noch.

Fiesco (laut zu den Torwachen). Man soll schließen! (Er nimmt den Hut ab und tritt mit freiem Anstand zur Versammlung.)

Meine Herren!

Ich bin so frei gewesen, sie zu einem Schauspiele bitten zu lassen – Nicht aber, sie zu unterhalten, sondern ihnen Rollen darin aufzutragen.

Lange genug, meine Freunde, haben wir Gianettino Dorias Trotz und die Anmaßungen des Andreas ertragen. Wenn wir Genua retten wollen, Freunde, wird keine Zeit zu verlieren sein. Zu was Ende glauben sie diese zwanzig Galeeren, die den vaterländlichen Hafen belagern? Zu was Ende die Allianzen, so diese Doria beschlossen? Zu was Ende die fremden Waffen, die sie ins Herz Genuas zogen? – Jetzt ist es nicht mehr mit Murren und Verwünschungen getan. Alles zu retten, muss alles gewagt werden. Ein verzweifeltes Übel will eine verwegene Arznei. Sollte einer in dieser Versammlung sein, der Phlegma genug hat, einen Herrn zu erkennen, der nur Seinesgleichen ist? (Gemurmel.) – Hier ist keiner, dessen Ahnen nicht um Genuas Wiege standen. Was? Bei allem, was heilig ist! Was? Was haben denn diese zwei Bürger voraus, dass sie den frechen Flug über unsere Häupter nehmen? – (Wildes Gemurre.) – Jeder von ihnen ist feierlich aufgefordert, Genuas Sache gegen seine Unterdrücker zu führen – Keiner von ihnen kann ein Haarbreit von seinen Rechten vergeben, ohne zugleich die Seele des ganzen Staats zu verraten –

(Ungestüme Bewegungen unter den Zuhörern unterbrechen ihn; dann fährt er fort.)

Sie empfinden – jetzt ist alles gewonnen. Schon hab’ ich vor ihnen her den Weg zum Ruhme gebahnt. Wollen sie folgen? Ich bin bereit sie zu führen. Diese Anstalten, die sie noch kaum mit Entsetzen beschauten, müssen ihnen jetzt frischen Heldenmut einhauchen. Diese Schauder der Bangigkeit müssen in einen rühmlichen Eifer erwärmen, mit diesen Patrioten und mir eine Sache zu machen und die Tyrannen von Grund aus zu stürzen, der Erfolg wird das Wagstück begünstigen, denn meine Anstalten sind gut. Das Unternehmen ist gerecht, denn Genua leidet. Der Gedanke macht uns unsterblich, denn er ist gefährlich und ungeheuer.

Zenturione (in stürmischer Aufwallung). Genug! Genua wird frei! Mit diesem Feldgeschrei gegen die Hölle!

Zibo. Und wen das nicht aus seinem Schlummer jagt, der keuche ewig am Ruder, bis ihn die Posaune des Weltgerichts los schließt.

Fiesco. Das waren Worte eines Mannes. Nun erst verdiene sie die Gefahr zu wissen, die über ihnen und Genua hing. (Er gibt ihnen den Zettel des Mohren.) Leuchtet, Soldaten! (Nobili drängen sich um eine Fackel und lesen.) Es ging, wie ich wünschte, Freund.

Verrina. Doch rede noch nicht so laut. Ich habe dort auf dem linken Flügel Gesichter bleich werden und Knie schlottern gesehen.

Zenturione (in Wut). Zwölf Senatoren! Teuflisch! Fasst alle Schwerter auf! (Alle stürzen sich auf die bereit liegenden Waffen, zwei ausgenommen.)

Zibo. Dein Name steht auch da, Bourgognino.

Bourgognino. Und noch heute, so Gott will, auf Dorias Gurgel.

Zenturione. Zwei Schwerter liegen noch.

Zibo. Was? Was?

Zenturione. Zwei nahmen kein Schwert.

Asserato. Meine Brüder können kein Blut sehen. Verschont sie.

Zenturione (heftig). Was? Was? Kein Tyrannenblut sehen? Zerreißt die Memmen! Werft sie zur Republik hinaus, diese Bastarde! (Einige von der Gesellschaft werfen sich ergrimmt auf die Beiden.)

Fiesco (reißt sie auseinander). Haltet! Haltet! Soll Genua Sklaven seine Freiheit verdanken? Soll unser Gold durch dieses schlechte Metall seinen guten Klang verlieren? (Er befreit sie.) Sie, meine Herren, nehmen so lange mit einem Zimmer in meine Schlosse vorlieb, bis unsere Sachen entschieden sind. (Zur Wache.) Zwei Arrestanten! Ihr haftet für sie! Zwei scharfe Posten an ihre Schwelle! (Sie werden abgeführt.)

Schildwachen am Hoftor. Wer draußen? (Man pocht.)

Calcagno (ruft ängstlich). Schließt auf! Ein Freund! Schließt um Gotteswillen auf!

Bourgognino. Es ist Calcagno. Was soll das „um Gotteswillen“?

Fiesco. Macht ihm auf, Soldaten.


Siebenter Auftritt

Vorige. Calcagno außer Atem, erschrocken.

Calcagno. Aus! Aus! Fliehe, wer fliehen kann! Alles aus!

Bourgognino. Was aus? Haben sie Fleisch von Erz, sind unsre Schwerter von Binsen?

Fiesco. Überlegung, Calcagno! Ein Missverstand hier wäre nicht ehr zu vergeben.

Calcagno. Verraten sind wir. Eine höllische Wahrheit! Ihr Mohr, Lavagna, der Schelm! Ich komme vom Palast der Signoria. Er hatte Audienz beim Herzog. (Alle Nobili erblassen, Fiesco selbst verändert die Farbe.)

Verrina (entschlossen gegen die Torwache). Soldaten! Streckt mir die Hellebarden vor! Ich will nicht durch die Hände des Henkers sterben. (Alle Nobili rennen bestürzt durcheinander.)

Fiesco (gefasster). Wohin? Was macht ihr? – Geh’ in die Hölle, Calcagno – Es war ein blinder Schrecken, ihr Herren – Weib! Das vor diesen Knaben zu sagen – Auch du, Verrina? – Bourgognino, du auch? – Wohin du?

Bourgognino (heftig). Heim, meine Bertha ermorden und wieder hier sein.

Fiesco (schlägt ein Gelächter auf). Bleibt! Haltet! Ist das der Mut der Tyrannenmörder? – Meisterlich spieltest du deine Rolle, Calcagno! – Merktet ihr nicht, dass diese Zeitung meine Veranstaltung war? Calcagno, sprechen sie, war’s nicht mein Befehl, dass sie diese Römer auf die Probe stellen sollten?

Verrina. Nun, wenn du lachen kannst? – Ich will’s glauben oder dich nimmer für einen Menschen halten.

Fiesco. Schande über euch, Männer! In dieser Knabenprobe zu fallen! – Nehmt eure Waffen wieder – Ihr werdet wie Bären fechten, wollt ihr diese Scharte verwetzen. (Leise zu Calcagno.) Waren sie selbst dort?

Calcagno. Ich drängte mich durch die Trabanten, meinem Auftrag gemäß die Parole beim Herzog zu holen – wie ich zurücktrete, bringt man den Mohren.

Fiesco (laut). Also der Alte ist zu Bette? Wir wollen ihn aus den Federn trommeln. (Leise.) Sprach er lange mit dem Herzog?

Calcagno. Mein erster Schreck und eure nahe Gefahr ließen mich kaum zwei Minuten dort.

Fiesco (laut und munter). Sieh doch! Wie unsre Landsleute noch zittern.

Calcagno. Sie hätten auch nicht so bald herausplatzen sollen. (Leise.) Aber um Gotteswillen, Graf, was wird diese Notlüge fruchten?

Fiesco. Zeit, Freund, und dann ist der erste Schreck jetzt vorüber. (Laut.) He! Man soll Wein bringen! (Leise.) Und sahn sie den Herzog erblassen? (Laut.) Frisch, Brüder, wir wollen noch eins Bescheid tun auf den Tanz dieser Nacht! (Leise.) Und sahen sie den Herzog erblassen?

Calcagno. Des Mohren erstes Wort muss: Verschwörung! Gelautet haben; der Alte trat schneebleich zurück.

Fiesco (verwirrt). Hum! Hum! Der Teufel ist schlau, Calcagno – er verriet nichts, bis das Messer an ihre Gurgel ging. Jetzt ist er freilich ihr Engel. Der Mohr ist schlau. (Man bringt ihm einen Becher Wein; er hält ihn gegen die Versammlung und trinkt.) Unser gutes Glück, Kameraden! (Man pocht.)

Schildwachen. Wer draußen.

Eine Stimme. Ordonnanz des Herzogs. (Die Nobili stürzen verzweifelnd im Hof herum.)

Fiesco (springt unter sie). Nein, Kinder! Erschreckt nicht! Erschreckt nicht! Ich bin hier. Hurtig! Schafft diese Waffen weg. Seid Männer! Ich bitte euch. Dieser Besuch lässt mich hoffen, dass Andreas noch zweifelt. Geht hinein. Fasst euch. Schließt auf, Soldaten. (Alle entfernen sich. Das Tor wird geöffnet.)


Achter Auftritt

Fiesco, als käm' er eben aus dem Schloss. Drei Deutsche, die den Mohren gebunden bringen.

Fiesco. Wer rief mich in den Hof?

Deutscher. Führt uns zum Grafen.

Fiesco. Der Graf ist hier. Wer begehrt mich?

Deutscher (macht die Honneurs vor ihm). Einen guten Abend vom Herzog. Diesen Mohren liefert er Euer Gnaden gebunden aus. Er habe schändlich herausgeplaudert. Das weitere sagt der Zettel.

Fiesco (nimmt ihn gleichgültig). Und hab’ ich dir nicht erst heute die Galeere verkündigt? (Zum Deutschen.) Es ist gut, Freund. Meinen Respekt an den Herzog.

Mohr (ruft ihnen nach). Und auch meinerseits einen, und sag’ ihm – dem Herzog – wenn er keinen Esel geschickt hätte, so würd’ er erfahren haben, dass im Schloss zweitausend Soldaten stecken. (Deutsche gehen ab. Nobili kommen zurück.)


Neunter Auftritt

Fiesco. Verschworne. Mohr trotzig in der Mitte.

Verschworne (fahren bebend zurück beim Anblick des Mohren). Ha! Was ist das?

Fiesco (hat das Billet gelesen, mit verbissenem Zorn). Genueser! Die Gefahr ist vorbei – aber auch die Verschwörung.

Verrina (ruft erstaunt aus). Was? Sind die Doria tot?

Fiesco (in heftiger Bewegung). Bei Gott! Auf die ganze Kriegsmacht der Republik – auf das war ich nicht gefasst. Der alte schwächliche Mann schlägt mit vier Zeilen dritthalbtausend Mann. (Lässt kraftlos die Hände sinken.) Doria schlägt den Fiesco.

Bourgognino. So sprechen sie doch! Wir erstarren.

Fiesco (liest). „Lavagna, sie haben, däucht mich, ein Schicksal mit mir – Wohltaten werden ihnen mit Undank belohnt. Dieser Mohr warnt mich vor einem Komplott. Ich sende ihn hier gebunden zurück und werde heute Nacht ohne Leibwache schlafen.“ (Er lässt das Papier fallen. Alle sehen sich an.)

Verrina. Nun, Fiesco?

Fiesco (mit Adel). Ein Doria soll mich an Großmut besiegt haben? Eine Tugend fehlte im Stamm der Fiesker? Nein! So wahr ich selber bin! – Geht auseinander, ihr! Ich werde hingehen – und alles bekennen. (Will hinausstürzen.)

Verrina (hält ihn auf). Bist du wahnsinnig, Mensch? War es denn irgend ein Bubenstreich, den wir vor hatten? Halt! Oder war’s nicht Sache des Vaterlandes! Halt! Oder wolltest du nur dem Andreas zu Leibe, nicht dem Tyrannen? Halt! Sag’ ich – ich verhafte dich , als einen Verräter des Staats –

Verschworne. Bindet ihn! Werft ihn zu Boden!

Fiesco (reißt einem ein Schwert weg und macht sich Bahn). Sachte doch! Wer ist der Erste, der das Halfter über den Tiger wirft? – Seht, ihr Herren – Frei bin ich – könnte durch, wo ich Lust hätte – Jetzt will ich bleiben, denn ich habe mich anders besonnen.

Bourgognino. Auf ihre Pflicht besonnen?

Fiesco (aufgebracht, mit Stolz). Ha, Knabe! Lernen sie erst die ihrige gegen mich auswendig, und mir nimmer das! – Ruhig, ihr Herren – es bleibt alles wie zuvor. – (Zum Mohren, dessen Stricke er zerhaut.) Du hast das Verdienst, eine große Tat zu veranlassen – Entfliehe!

Calcagno (zornig). Was? Was? Leben soll der Heide? Leben und uns alle verraten haben?

Fiesco. Leben und euch allen – bang gemacht haben. Fort, Bursche! Sorge, dass du Genua auf den Rücken kriegst, man könnte seinen Mut an dir retten wollen.

Mohr. Das heißt, der Teufel lässt keine Schelmen sitzen! – Gehorsamer Diener, ihr Herren! – Ich merke schon, in Italien wächst mein Strick nicht. Ich muss ihn anderswo suchen. (Ab mit Gelächter.)


Zehnter Auftritt

Bedienter kommt. Vorige ohne den Mohren.

Bedienter. Die Gräfin Imperiali fragen schon drei Mal nach Euer Gnaden.

Fiesco. Potz tausend! Die Komödie wird freilich wohl angehen müssen! Sag’ ihr, ich bin unverzüglich dort – Bleib’ – Meine Frau bittest du in den Konzertsaal zu treten und mich hinter den Tapeten zu erwarten. (Bedienter ab.) Ich habe hier euer aller Rollen zu Papier gebracht; wenn jeder die seinige erfüllt, so ist nichts mehr zu sagen – Verrina wird voraus in den Hafen gehen, und mit einer Kanone das Signal zum Ausbruch geben, wenn die Schiffe erobert sind. Ich gehe: Mich ruft noch eine große Verrichtung. Ihr werdet ein Glöckchen hören und alle miteinander in den Konzertsaal kommen – Indes geht hinein – und lasst euch meinen Zyprier schmecken. (Sie gehen auseinander.)


Elfter Auftritt

Konzertsaal

Leonore. Arabella. Rosa. Alle beängstigt.

Leonore. In den Konzertsaal versprach Fiesco zu kommen, und kommt nicht. Elf Uhr ist vorüber. Von Waffen und Menschen dröhnt fürchterlich der Palast, und kommt kein Fiesco?

Rosa. Sie sollen sich hinter die Tapeten verstecken – Was der gnädige Herr damit wollen mag?

Leonore. Er will’s, Rosa; ich weiß also genug, um gehorsam zu sein. Bella, genug, um ganz außer Furcht zu sein – Und doch! Doch zittr’ ich so, Bella, und mein Herz klopft so schrecklich bang. Mädchen, um Gotteswillen! Gehe keines von meiner Seite.

Bella. Fürchten sie nichts. Unsere Angst bewacht unsern Fürwitz.

Leonore. Worauf mein Auge stößt, begegnen mir fremde Gesichter, wie Gespenster hohl und verzerrt. Wen ich anrufe, zittert wie ein Ergriffener und flüchtet sich in die dichteste Nacht, diese grässliche Herberge des bösen Gewissens. Was man antwortet, ist ein halber heimlicher Laut, der auf bebender Zunge noch ängstlich zweifelt, ob er auch kecklich entwischen darf. – Fiesco? – Ich weiß nicht, was hier Grauenvolles geschmiedet wird – nur meinen Fiesco (mit Grazie ihre Hände faltend) umflattert, ihr himmlischen Mächte!

Rosa (zusammengeschreckt). Jesus! Was rauscht in der Galerie?

Bella. Es ist der Soldat, der dort Wache steht. (Die Schildwache ruft außen: „Wer da?“ Man antwortet.)

Leonore. Leute kommen! Hinter die Tapete! Geschwind! (Sie verstecken sich.)


Zwölfter Auftritt

Julia. Fiesco im Gespräch.

Julia (sehr zerstört). Hören sie auf, Graf! Ihre Galanterien fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut – Wo bin ich? Hier ist niemand als die verführerische Nacht! Wohin haben sie mein verwahrlostes Herz geplaudert?

Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen freier mit Wallungen reden.

Julia. Halt ein, Fiesco! Bei allem, was heilig ist, nicht weiter! Wäre die Nacht nicht so dicht, du würdest meine flammenroten Wangen sehen und dich erbarmen.

Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die Feuerfahne der deinigen gewahr, und liefe desto mutiger über. (Er küsst ihr heftig die Hand.)

Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fieberisch, wie dein Gespräch! Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl’s, schlägt wildes, frevelndes Feuer. Lass uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten Sinne könnten den gefährlichen wink dieser Finsternis merken. Geh’! Diese gärenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten Tags ihre gottlosen Künste treiben. Geh’ unter Menschen, ich beschwöre dich.

Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Not besorgt, meine Liebe! Wird je die Gebieterin ihren Sklaven fürchten?

Julia. Über euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unserer Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir alles gestehen, Fiesco? Dass nur mein Laster meine Tugend bewahrte? Nur mein Stolz deine Künste verlachte? Nur bis hierher meine Grundsätze Stand hielten? Du verzweifelst an deiner List, und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut. Hier verlassen sie mich.

Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem Verluste?

Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem weiblichen Heiligtum an dich vertändle, womit du mich schamrot machst, wenn du willst? Was hab’ ich weniger zu verlieren, als alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntnis willst du noch haben, dass die ganze geheime Weisheit unseres Geschlechts nur eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödliche Seite zu entsetzen, die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich gesteh’ es errötend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim ersten Seitenblick der Tugend den Feind verräterisch empfängt? – Dass alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt fechten, wie auf dem Schach alle Offiziere den wehrlosen König bedecken? Überrumpelst du diesen – matt! Und wirf getrost das ganze Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Da hast du das Gemälde unserer prahlerischen Armut – Sei großmütig!

Fiesco. Und doch, Julia – wo besser als in meiner unendlichen Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen?

Julia. Gewiss nirgends besser und nirgends schlimmer – Höre, Fiesco, wie lang wird diese Unendlichkeit währen? – Ach! Schon zu unglücklich hab’ ich gespielt, dass ich nicht auch mein Letztes noch setzen sollte – Dich zu fangen, Fiesco, mutete ich dreist meinen Reizen zu, aber ich misstraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten – Pfui doch, was red’ ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.)

Fiesco. Zwei Sünden in einem Atem. Das Misstrauen in meinen Geschmack, oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit – was von beiden ist schwerer zu vergeben?

Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Tone). Lügen sind nur die Waffen der Hölle – die braucht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen. (Sie fällt erschöpft in ein Sofa, nach einer Pause, feierlich.) Höre, lass dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco – Wir sind Heldinnen, wenn wir unsere Tugend sicher wissen; - wenn wir sie verteidigen, Kinder! (Ihm starr und mild unter die Augen.) Furien, wenn wir sie rächen – Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco?

Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? Kalt? Nun, bei Gott! Was erfordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibes, wenn es einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha! Er erwacht wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu guter Zeit gehen mir die Augen auf – Was war’s, das ich eben erbetteln wollte? – Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste Gunst eines Weibes weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer frostiger Verbeugung.) Fassen sie Mut, Madame! Jetzt sind sie sicher.

Julia (bestürzt). Graf! Welche Anwandlung?

Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen recht, wir beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem höflichen Handkuss.) Ich habe das Vergnügen, ihnen bei der Gesellschaft meinen Respekt zu bezeugen. (Er will schnell fort.)

Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muss ich es denn sagen – heraussagen, was das ganze Männervolk auf den Knien – in Tränen – auf der Folterbank meinem Stolz nicht abringen sollte? – Weh, auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst zu bergen, die das Geständnis auf meinen Wangen macht – Fiesco – O ich bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts – mein ganzes Geschlecht wird mich ewig hassen – ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm nieder.)

Fiesco (weicht drei Schritte zurück, lässt sie liegen und lacht triumphierend auf). Das bedaur’ ich, Signora! (Er zieht die Glocke, hebt die Tapete auf und führt Leonore hervor.) Hier ist meine Gemahlin – ein göttliches Weib! (Er fällt Leonore in den Arm.)

Julia (springt schreiend vom Boden). Ah, unerhört betrogen!


Dreizehnter Auftritt

Die Verschworenen, welche zumal herein treten. Damen von der anderen Seite. Fiesco. Leonore und Julia.

Leonore. Mein Gemahl, das war allzu streng.

Fiesco. Ein schlechtes Herz verdiente nicht weniger. Deinen Tränen war ich diese Genugtuung schuldig. (Zur Versammlung.) Nein, meine Herren und Damen, ich bin nicht gewohnt, bei jedem Anlass in kindische Flammen aufzuprasseln. Die Thorheiten der Menschen belustigen mich lange, ehe sie mich reizen. Diese verdient meinen ganzen Zorn, denn sie hat diesem Engel dieses Pulver gemischt. (Er zeigt das Gift der Versammlung, die mit Abscheu zurücktritt.)

Julia (ihre Wut in sich beißend). Gut! Gut! Sehr gut! Mein Herr! (Will fort.)

Fiesco (führt sie am Arme zurück). Sie werden Geduld haben, Madame – noch sind wir nicht fertig – Diese Gesellschaft möchte gar zu gern wissen, warum ich meinen Verstand so verleugnen konnte, den tollen Roman mit Genuas größter Närrin zu spielen –

Julia (aufspringend). Es ist nicht auszuhalten! Doch zittre du! (Drohend.) Doria donnert in Genua, und ich – bin seine Schwester.

Fiesco. Schlimm genug, wenn das ihre letzte Galle ist – Leider muss ich ihnen die Botschaft bringen, dass Fiesco von Lavagna aus dem gestohlenen Diadem ihres durchlautigsten Bruders einen Strick gedreht hat, womit er den Dieb der Republik diese Nacht aufzuhängen gesonnen ist. (Da sie sich entfärbt, lacht er hämisch auf.) Pfui! Das kam unerwartet – und sehen sie (indem er beißender fort fährt) darum fand ich für nötig, den ungebetenen Blicken ihres Hauses etwas zu schaffen zu geben; darum behängt’ ich mich (auf sie deutend) mit dieser Harlekinsleidenschaft, darum (auf Leonoren zeigend) ließ ich diesen Edelstein fallen, und mein Wild rannte glücklich in den blanken Betrug. Ich danke für ihre Gefälligkeit, Signora, und gebe meinen Theaterschmuck ab. (Er überliefert ihr ihren Schattenriss mit einer tiefen Verbeugung.)

Leonore (schmiegt sich bittend an den Fiesco.) Mein Ludovico, sie weint. Darf ihre Leonore sie zitternd bitten?

Julia (trotzig zu Leonora). Schweig! Du Verhasste –

Fiesco (zu einem Bedienten). Sei er galant, Freund, biete er dieser Dame den Arm an; sie hat Lust mein Staatsgefängnis zu sehen. Er steht mir davor, dass Madonna von niemand inkommodiert wird – draußen geht eine scharfe Luft – der Sturm, der heute Nacht den Stamm Doria spaltet, möchte ihr leicht den Haarputz verderben.

Julia (schluchzend). Die Pest über dich, schwarzer heimtückischer Heuchler! (Zu Leonora, grimmig.) Freue dich deines Triumphes nicht, auch dich wird er verderben, und sich selbst und – verzweifeln! (Stürzt hinaus.)

Fiesco (winkt den Gästen). Sie waren Zeugen – Retten sie meine Ehre in Genua! (Zu den Verschworenen.) Ihr werdet mich abholen, wenn die Kanone donnert. (Alle entfernen sich.)


Vierzehnter Auftritt

Leonore. Fiesco.

Leonore (tritt ihm ängstlich näher). Fiesco! – Fiesco! – Ich verstehe sie nur halb, aber ich fange an zu zittern.

Fiesco (wichtig). Leonore – ich sah sie einst einer Genueserin zur Linken gehen – Ich sah sie in den Assemblen des Adels mit dem zweiten Handkuss der Ritter vorlieb nehmen, - Leonore – das tat meinen Augen wehe. Ich beschloss, es soll nicht mehr sein – es wird aufhören. Hören sie das kriegerische Getöse in meinem Schloss? Was sie fürchten, ist wahr – Gehen sie zu Bette, Gräfin – morgen will ich die Herzogin wecken.

Leonore (schlägt beide Arme zusammen und wirft sich in einen Sessel). Gott! Meine Ahnung! Ich bin verloren!

Fiesco (gesetzt, mit Würde). Lassen sie mich ausreden, Liebe! Zwei meiner Ahnherren trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker fließt nur unter dem Purpur gesund. Soll ihr Gemahl nur geerbten Glanz von sich werfen? (Lebhafter.) Was? Soll er sich für all’ seine Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer erträglichen Laune aus modernden Verdiensten einen Johann Ludwig Fiesco zusammenstickte? Nein, Leonore! Ich bin zu stolz, mir etwas schenken zu lassen, was ich noch selbst zu erwerben weiß. Heute Nacht werf’ ich meinen Ahnen den geborgten Schmuck in ihr Grab zurück – Die Grafen von Lavagna starben aus – Fürsten beginnen.

Leonore (schüttelt den Kopf, still phantasierend). Ich sehe meinen Gemahl an tiefen tödlichen Wunden zu Boden fallen – (Hohler.) Ich sehe die stummen Träger den zerrissenen Leichnam meines Gemahls mir entgegen tragen. (Erschrocken aufspringend.) Die erste – einzige Kugel fliegt durch die Seele Fiescos.

Fiesco (fasst sie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind, das wird diese einzige Kugel nicht.

Leonore (blickt ihn ernsthaft an). So zuversichtlich ruft Fiesco den Himmel heraus? Und wäre der tausendmaltausendste Fall nur der mögliche, so könnte der tausendmaltausendste wahr werden, und mein Gemahl wäre verloren – Denke, du spieltest um den Himmel, Fiesco! Wenn eine Billion Gewinnste für einen einzigen Fehler fiele, würdest du dreist genug sein, die Würfel zu schütteln und die freche Wette mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! Wenn auf dem Brett alles liegt, ist jeder Wurf Gotteslästerung.

Fiesco (lächelt). Sei unbesorgt, das Glück und ich stehen besser.

Leonore. Sagst du das – und standest bei jenem Geister verzerrenden Spiele – ihr nennt es Zeitvertreib – sahest zu der Betrügerin, wie sie ihren Günstling mit kleinen Glückskarten lockte, bis er warm wurde, aufstand, die Bank forderte – und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung verließ? – O mein Gemahl! Du gehst nicht hin, dich den Genuesern zu zeigen und angebetet zu werden. Republikaner aus ihrem Schlaf aufzujagen, das Ross an seine Hufe zu mahnen, ist kein Spaziergang, Fiesco! Traue diesen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich aufhetzten, fürchten dich. Die Dummen, die dich vergöttern, nützen dir wenig, und wo ich hinsehe, ist Fiesco verloren.

Fiesco (mit starken Schritten im Zimmer). Kleinmut ist die höchste Gefahr; Größe will auch ein Opfer haben.

Leonore. Größe, Fiesco? – Dass dein Genie meinem Herzen so übel will! – Sieh! Ich vertraue deinem Glück, du siegst, will ich sagen – Weh dann mir Ärmsten meines Geschlechts! Unglückselig, wenn es misslingt! Wenn es glückt, unglückseliger! Hier ist keine Wahl, mein Geliebter! Wenn er den Herzog verfehlt, ist Fiesco verloren. Mein Gemahl ist hin, wenn ich den Herzog umarme.

Fiesco. Das verstehe ich nicht!

Leonore. Doch, mein Fiesco! In dieser stürmischen Zone des Throns verdorrt das zarte Pflänzchen der Liebe. Das Herz eines Menschen, und wär’ auch selbst Fiesco der Mensch, ist zu enge für zwei allmächtige Götter – Götter, die sich so gram sind. Liebe hat Tränen und kann Tränen verstehen! Herrschsucht hat eherne Augen, worin ewig nie die Empfindung perlt – Leibe hat nur ein Gut, tut Verzicht auf die ganze übrige Schöpfung; Herrschsucht hungert beim raube der ganzen Natur – Herrschsucht zertrümmert die Welt in ein rasselndes Kettenhaus, Liebe träumt sich in jeder Wüste Elysium – Wolltest du jetzt an meinem Busen dich wiegen, pochte ein störriger Vasall an dein Reich – wollt’ ich jetzt in deine Arme mich werfen, hörte deine Despotenangst einen Mörder aus den Tapeten hervorrauschen, und jagte dich flüchtig von Zimmer zu Zimmer. Ja, der großäugigte Verdacht steckte zuletzt auch die häusliche Eintracht an – Wenn deine Leonore dir jetzt einen Labetrunk brächte, würdest du den Kelch mit Verzuckungen wegstoßen, und die Zärtlichkeit eine Giftmischerin schelten.

Fiesco (bleibt mit Entsetzen stehen). Leonore, hör’ auf! Das ist eine hässliche Vorstellung.

Leonore. Und doch ist das Gemälde nicht fertig. Ich würde sagen, opfre die Liebe der Größe, opfre die Ruhe – wenn nur Fiesco noch bleibt – Gott! Das ist Radstoß. – Selten steigen Engel auf den Thron, seltener herunter. Wer keinen Menschen zu fürchten braucht, wird er sich eines Menschen erbarmen? Wer an jeden Wunsch eine Donnerseil heften kann, wird er für nötig finden, ihm ein sanftes Wörtchen zum Geleite zu geben? (Sie hält inne, dann tritt sie bescheiden zu ihm und fasst seine Hand; mit feinster Bitterkeit.) Fürsten, Fiesco! Diese Missratenen Projekte der wollenden und nicht könnenden Natur – sitzen so gern zwischen Menschheit und Gottheit nieder; - heillose Geschöpfe! Schlechtere Schöpfer!

Fiesco (stürzt sich beunruhigt durchs Zimmer). Leonore, hör’ auf! Die Brücke ist hinter mir abgehoben –

Leonore (blickt ihn schmachtend an). Und warum, mein Gemahl? Nur Taten sind nicht mehr zu tilgen. (Schmelzend zärtlich und etwas schelmisch.) Ich hörte dich wohl einst schwören, meine Schönheit habe alle deine Entwürfe gestürzt – du hast falsch geschworen, du Heuchler, oder sie hat frühzeitig abgeblüht – Frage dein Herz, wer ist schuldig? (Feurige, indem sie ihn mit beiden Armen umfasst.) Komm zurück! Ermanne dich! Entsage! Die Liebe soll dich entschädigen. Kann mein Herz deinen ungeheuren Hunger nicht stillen – o Fiesco! Das Diadem wird noch ärmer sein – (Schmeichelnd.) Komm! Ich will alle deine Wünsche auswendig lernen, will alle Zauber der Natur in einem Kuss der Liebe zusammenschmelzen, den erhabenen Flüchtling ewig in diesen himmlischen Banden zu halten – dein Herz ist unendlich – auch die Liebe ist es, Fiesco. (Schmelzend.) Ein armes Geschöpf glücklich zu machen – ein Geschöpf, das seinen Himmel an deinem Busen lebt – sollte das eine Lücke in deinem Herzen lassen?

Fiesco (durch und durch erschüttert). Leonore, was hast du gemacht? (Er fällt ihr kraftlos um den Hals.) Ich werde keinem Genueser mehr unter die Augen treten –

Leonore (freudig rasch). Lass’ uns fliehen, Fiesco – lass’ in den Staub uns werfen all’ diese prahlenden Nichts, lass’ in romantischen Fluren ganz der Liebe uns leben! (Sie drückt ihn an ihr Herz mit schöner Entzückung.) Unsere Seelen, klar wie über uns das heitere Blau des Himmels, nehmen dann den schwarzen Hauch des Grams nicht mehr an – Unser Leben rinnt dann melodisch wie die flötende Quelle zum Schöpfer – (Man hört den Kanonschuss. Fiesco springt los. Alle Verschworenen treten in den Saal.)


Fünfzehnter Auftritt

Verschworene. Die Zeit ist da!

Fiesco (zu Leonore, fest). Lebe wohl! Ewig – oder Genua liegt morgen zu deinen Füßen. (Will fortstürzen.)

Bourgognino (schreit). Die Gräfin sinkt um! (Leonore in Ohnmacht. Alle springen hin, sie zu halten. Fiesco vor ihr niedergeworfen.)

Fiesco (mit schneidendem Ton). Leonore! Rettet! Um Gotteswillen! Rettet! (Rosa, Bella kommen, sie zurecht zu bringen.) Sie schlägt die Augen auf – (Er springt entschlossen in die Höh’.) Jetzt kommt – sie dem Doria zuzudrücken. (Verschworne stürzen zum Saal hinaus. Vorhang fällt.)

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