Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Die Verschwörung des Fiesco
             Vorrede
             Personen
             Erster Aufzug
             Zweiter Aufzug
             Dritter Aufzug
             Vierter Aufzug
             Fünfter Aufzug

Dritter Aufzug

Furchtbare Wildnis

Erster Auftritt

Verrina. Bourgognino kommen durch die Nacht.

Bourgognino (steht still). Aber wohin führst du mich, Vater? Der dumpfe Schmerz, womit du mich abriefst, keucht noch immer aus deinem arbeitenden Odem. Unterbrich dieses grauenvolle Schweigen. Rede. Ich folge nicht weiter.

Verrina. Das ist der Ort.

Bourgognino. Der schrecklichste, den du auffinden konntest. Vater, wenn das, was du hier vornehmen wirst, dem Orte gleich sieht, Vater, so werden meine Haarspitzen aufwärts springen.

Verrina. Doch blühet das, gegen die Nacht meiner Seele. Folge mir dahin, wo die Verwesung Leichname morsch frisst und der Tod seine schaudernde Tafel hält – dahin, wo das Gewinsel verlorner Seelen Teufel belustigt, und des Jammers undankbare Tränen im durchlöcherten Siebe der Ewigkeit ausrinnen – dahin, mein Sohn, wo die Welt ihre Losung ändert und die Gottheit ihr allgütiges Wappen bricht – dort will ich zu dir durch Verzerrungen sprechen, und mit Zähnklappern wirst du hören.

Bourgognino. Hören? Was? Ich beschwöre dich.

Verrina. Jüngling! Ich fürchte – Jüngling, dein Blut ist rosenrot – dein Blut ist mild geschmeidig; dergleichen Naturen fühlen menschlich weich; an dieser empfindenden Flamme schmilzt meine grausame Weisheit. Hätte der Frost des Alters oder der bleierne Gram den fröhlichen Sprung deiner Geister gelähmt – hätte schwarzes, klumpigtes Blut der leidenden Natur den weg zum Herzen gesperrt, dann wärst du geschickt, die Sprache meines Grams zu verstehen, und meinen Entschluss anzustaunen.

Bourgognino. Ich werde ihn hören und mein machen.

Verrina. Nicht darum, mein Sohn – Verrina wird damit dein Herz verschonen. O Scipio, schwere Lasten liegen auf dieser Brust – ein Gedanke, grauenvoll wie die lichtscheue Nacht – ungeheuer genug, eine Mannsbrust zu sprengen – Siehst du? Allein will ich ihn vollführen – allein tragen kann ich ihn nicht. Wenn ich stolz wäre, Scipio, ich könnte sagen, es ist eine Qual, der einzige große Mann zu sein – Größe ist dem Schöpfer zur Last gefallen, und er hat Geister zu Vertrauten gemacht – Höre, Scipio!

Bourgognino. Meine Seele verschlingt die deinige.

Verrina. Höre, aber erwidere nichts. Nichts, junger Mensch! Hörst du? Kein Wort sollst du darauf sagen – Fiesco muss sterben!

Bourgognino (mit Bestürzung). Sterben! Fiesco!

Verrina. Sterben! – Ich danke dir, Gott! Es ist heraus – Fiesco sterben, Sohn, sterben durch mich! – Nun geh’ – es gibt Taten, die sich keinem Menschen-Urteil mehr unterwerfen – nur den Himmel zum Schiedsmann erkennen. – Das ist eine davon. Geh’. Ich will weder deinen Tadel, noch deinen Beifall. Ich weiß, was sie mich kostet, und damit gut. Doch höre – du könntest dich wohl gar wahnsinnig daran denken – Höre – sahst du ihn gestern in unserer Bestürzung sich spiegeln? Der Mann, dessen Lächeln Italien irre führte, wird er seines Gleichen in Genua dulden? Geh’. Den Tyrannen wird Fiesco stürzen, das ist gewiss! Fiesco wird Genuas gefährlichster Tyrann werden, das ist gewisser! (Er geht schnell ab. Bourgognino blickt ihm staunend und sprachlos nach, dann folgt er ihm langsam.)


Zweiter Auftritt

Saal bei Fiesco. In der Mitte des Hintergrundes eine große Glastür, die den Prospekt über das Meer und Genua öffnet. Morgendämmerung.

Fiesco vor'm Fenster

Was ist das? – Der Mond ist unter – Der Morgen kommt feurig aus der See – Wilde Phantasien haben meinen Schlaf aufgeschwelgt – mein ganzes Wesen krampfig um eine Empfindung gewälzt – Ich muss mich im Offenen dehnen. (Er macht die Glastür auf. Stadt und Meer vom Morgenrot überflammt. Fiesco mit starken Schritten im Zimmer.) Dass ich der größte Mann bin ich ganzen Genua! Und die kleineren Seelen sollten sich nicht unter die große versammeln? – Aber ich verletze die Tugend! (Steht still.) Tugend? – Der erhabene Kopf hat andere Versuchungen, als der gemeine – Sollt’ er Tugend mit ihm zu teilen haben? Der Harnisch, der des Pygmäen schmächtigen Körper zwingt, sollte der einem Riesenleib anpassen müssen?

Die Sonne geht auf über Genua.

Diese majestätische Stadt! (Mit offenen Armen dagegen eilend.) Mein! Und drüber empor zu flammen, gleich dem königlichen Tag – drüber zu brüten mit Monarchenkraft – all die kochenden Begierden – all die nimmersatten Wünsche in diesem grundlosen Ozean unterzutauchen? - - Gewiss! Wenn auch des Betrügers Witz den Betrug nicht adelt, so adelt doch der Preis den Betrüger. Es ist schimpflich, eine volle Börse zu leeren – es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist namenlos groß, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der wachsenden Sünde. (Pause, dann mit Ausdruck.) Gehorchen! – Herrschen! Ungeheure schwindlichte Kluft – Legt alles hinein, was der Mensch kostbares hat – eure gewonnenen Schlachten, Eroberer – Künstler, eure unsterblichen Werke – eure Wolllüste, Epikure – eure Meere und Inseln, ihr Weltumschiffer! Gehorchen und Herrschen! Sein und Nichtsein! Wer über den schwindlichten Graben vom letzten Seraph zum Unendlichen setzt, wird auch diesen Sprung ausmessen. (Mit erhabenem Spiel.) Zu stehen in jener schrecklich erhabenen Höhe – nieder zu schmollen in der Menschlichkeit reißenden Strudel, wo das Rad der blinden Betrügerin Schicksale schelmisch wälzt – den ersten Mund am Becher der Freude – tief unten den geharnischten Reisen Gesetz am Gängelbande zu lenken – schlagen zu sehen unvergoltene Wunden, wenn sein kurzarmiger Grimm an das Geländer der Majestät ohnmächtig poltert – die unbändigen Leidenschaften des Volks, gleich so viel stampfenden Rossen, mit dem weichen Spiele des Zügels zu zwingen – den emporstrebenden Stolz der Vasallen mit einem – einem Atemzug in den Staub zu legen, wenn der schöpferische Fürstenstab auch die Träume des fürstlichen Fiebers ins Leben schwingt! – Ha! Welche Vorstellung, die den staunenden Geist über seine Linien wirbelt! – Ein Augenblick Fürst hat das Mark des ganzen Daseins verschlungen. Nicht der Tummelplatz des Lebens – sein Gehalt bestimmt seinen Wert. Zerstücke den Donner in seine einfachen Silben, und du wirst Kinder damit in den Schlummer singen; schmelze sie zusammen in einen plötzlichen Schall, und der monarchische Laut wird den ewigen Himmel bewegen. – Ich bin entschlossen! (Heroisch auf und nieder.)


Dritter Auftritt

Voriger. Leonore tritt herein mit merklicher Angst.

Leonore. Vergeben sie, Graf. Ich fürchte, ihre Morgenruhe zu stören.

Fiesco (tritt höchst betreten zurück). Gewiss, gnädige Frau, sie überraschen mich seltsam.

Leonore. Das begegnet nur den Liebenden nie.

Fiesco. Schöne Gräfin, sie verraten ihre Schönheit an den feindlichen Morgenhauch.

Leonore. Auch wüsst’ ich nicht, warum ich den wenigen Rest für den Gram schonen sollte.

Fiesco. Gram, meine Liebe! Stand ich bisher im Wahn, Staaten nicht umwühlen wollen, heiße Gemütsruhe?

Leonore. Möglich – Doch fühl’ ich, dass meine Weiberbrust unter dieser Gemütsruhe bricht. Ich komme, mein Herr, sie mit einer nichts bedeutenden Bitte zu belästigen, wenn sie Zeit für mich wegwerfen möchten. Seit sieben Monaten hatt’ ich den seltsamen Traum, Gräfin von Lavagna zu sein. Er ist verflogen. Der Kopf schmerzt mir davon. Ich werde den ganzen Genuss meiner unschuldigen Kindheit zurückrufen müssen, meine Geister von diesem lebhaften Phantome zu heilen. Erlauben sie darum, dass ich in die Arme meiner guten Mutter zurückkehre.

Fiesco (äußerst bestürzt). Gräfin!

Leonore. Es ist ein schwaches, verzärteltes Ding, mein Herz, mit dem sie Mitleiden haben müssen. Auch die geringsten Andenken des Traums könnten meiner kranken Einbildung Schaden tun. Ich stelle deswegen die letzten überbleibenen Pfänder ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. (Sie legt einige Galanterien auf ein Tischchen.) Auch diesen Dolch, der mein Herz durchfuhr – (seinen Liebesbrief) auch diesen – und (indem sie sich laut weinend hinaus stürzen will) behalte nichts, als die Wunde!

Fiesco (erschüttert, eilt ihr nach, hält sie auf). Leonore! Welch ein Auftritt! Um Gotteswillen!

Leonore (fällt matt in seinen Arm). Ihre Gemahlin zu sein, hab’ ich nicht verdient, aber ihre Gemahlin hätte Achtung verdient, - wie sie jetzt zischen, die Lästerzungen! Wie sie auf mich herabschielen, Genuas Damen und Mädchen! „Seht, wie sie wegblüht, die Eitle, die den Fiesco heiratete!“ – Grausame Ahndung meiner weiblichen Hoffart! Ich hatte mein ganzes Geschlecht verachtet, da mich Fiesco zum Brautaltar führte.

Fiesco. Nein, wirklich, Madonna! Dieser Auftritt ist sonderbar.

Leonore (für sich). Ah, erwünscht. Er wird blass und rot. Jetzt bin ich mutig.

Fiesco. Nur zwei Tage, Gräfin, und dann richten sie mich.

Leonore. Aufgeopfert – Lass mich es nicht vor dir aussprechen, jungfräuliches Licht! Aufgeopfert einer Buhlerin! Nein, sehen sie mich an, mein Gemahl! Wahrhaftig, die Augen, die ganz Genua in knechtisches Zittern jagen, müssen sich jetzt vor den Tränen eines Weibes verkriechen.

Fiesco (äußerst verwirrt). Nicht mehr, Signora! Nicht weiter!

Leonore (mit Wehmut und etwas bitter). Ein schwaches Weiberherz zu zerfleischen! O es ist des starken Geschlechts so würdig. – Ich warf mich in die Arme dieses Mannes. An diesen Starken schmiegten sich wollüstig alle meine weiblichen Schwächen. Ich übergab ihm meinen ganzen Himmel – Der großmütige Mann erschenkt ihn an eine –

Fiesco (stürzt ihr mit Heftigkeit ins Wort). Meine Leonore! Nein! –

Leonore. Meine Leonore? – Himmel, habe Dank! Das war wieder echter Goldklang der Liebe. Hassen sollt’ ich dich, Falscher, und werfe mich hungrig auf die Brosamen deiner Zärtlichkeit. – Hassen? Sagte ich hassen, Fiesco? O glaub’ es nicht! Sterben lehrt mich dein Meineid, aber nicht hassen. Mein Herz ist betrogen. (Man hört den Mohren.)

Fiesco. Leonore, erfüllen sie mir eine kleine, kindische Bitte.

Leonore. Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgültigkeit.

Fiesco. Was sie wollen, wie sie wollen. – (Bedeutend.) Bis Genua um zwei Tage älter ist, fragen sie nicht! Verdammen sie nicht. (Er führt sie mit Anstand in ein anderes Zimmer.)


Vierter Auftritt

Mohr keuchend. Fiesco.

Fiesco. Woher so in Atem?

Mohr. Geschwind, gnädiger Herr.

Fiesco. Ist was ins Garn gelaufen?

Mohr. Lest diesen Brief. Bin ich denn wirklich da? Ich glaube, Genua ist um zwölf Gassen kürzer worden, oder meine Beine um so viel länger. Ihr verblasst? Ja, um Köpfe werden sie karten, und der eure ist Tarock. Wie gefällt’s euch?

Fiesco (wirft den Brief erschüttert auf den Tisch). Krauskopf und zehn Teufel! Wie kommst du zu diesem Brief?

Mohr. Ungefähr wie – Euer Gnaden zur Republik. Ein Erpresser sollte damit nach Levante fliegen. Ich wittre den Fraß, laure dem Burschen in einem Hohlweg auf. Baff, liegt der Marder – wir haben das Huhn.

Fiesco. Sein Blut über dich! Der Brief ist nicht mit Gold zu bezahlen.

Mohr. Doch dank’ ich für Silber. (Ernsthaft und wichtig.) Graf von Lavagna! Ich habe neulich einen Gelust nach eurem Kopf gehabt. (Indem er auf den Brief deutet.) Hier wär’ er wieder – Jetzt, denk’ ich, wären gnädiger Herr und Halunke quitt. Für’s Weitere könnt ihr euch beim guten Freunde bedanken. (Reicht ihm einen zweiten Zettel.) Numero zwei.

Fiesco (nimmt das Blatt mit Erstaunen). Wirst du toll sein?

Mohr. Numero zwei. (Er stellt sich trotzig neben ihn, stemmt den Ellenbogen an.) Der Löwe hat’s doch so dumm nicht gemacht, dass er die Maus pardonnierte? (Arglistig.) Gelt! Er hat’s schlau gemacht! Wer hätt’ ihn auch sonst aus dem Garne genagt? – Nun? Wie behagt euch das?

Fiesco. Kerl, wie viel Teufel besoldest du?

Mohr. Zu dienen – nur einen, und der steht in gräflichem Futter.

Fiesco. Dorias eigene Unterschrift! – Wo bringst du das Blatt her?

Mohr. Warm aus den Händen meiner Bononi. Ich machte mich noch die gestrige Nacht dahin, ließ eure schönen Worte und eure noch schönern Zechinen klingen. Die letzten drangen durch. Früh sechs sollt’ ich wieder anfragen. Der Graf war richtig dort, wie ihr sagtet, und bezahlte mit Schwarz und Weiß das Weggeld zu einem kontrebandenen Himmelreich.

Fiesco (aufgebracht). Über die steilen Weiberknechte! – Republiken wollen sie stürzen, können einer Metze nicht schweigen. Ich sehe aus diesen Papieren, dass Doria und sein Anhang Komplott gemacht haben, mich mit elf Senatoren zu ermorden und Gianettino zum souveränen Herzog zu machen.

Mohr. Nicht anders, und das schon am Morgen der Dogewahl, dem dritten des Monats.

Fiesco (rasch). Unsere flinke Nacht soll diesen Morgen im Mutterleibe erwürgen – Geschwind, Hassan! – Meine Sachen sind reif – Rufe die andern – wir wollen ihnen einen blutigen Vorsprung machen – Tummle dich, Hassan!

Mohr. Noch muss ich euch meinen Schubsack von Zeitungen stürzen. Zweitausend Mann sind glücklich hereinpraktiziert. Ich habe sie bei den Kapuzinern untergebracht, wo auch kein vorlauter Sonnenstrahl sie ausspionieren soll. Sie brennen vor Neugier, ihren Herrn zu sehen, und es sind treffliche Kerle.

Fiesco. Aus jedem Kopf blüht ein Scudi für dich – Was murmelte Genua zu meinen Galeeren?

Mohr. Das ist ein Hauptspaß, gnädiger Herr. Über die vierhundert Abenteurer, die der Friede zwischen Frankreich und Spanien auf den Sand gesetzt hat, nisteten sich an meine Leute und bestürmten sie, ein gutes Wort für sie bei euch einzulegen, dass ihr sie gegen die Ungläubigen schicken mögt. Ich habe sie auf den Abend zu euch in den Schlosshof beschieden.

Fiesco (froh). Bald sollt’ ich dir um den Hals fallen, Schurke! Ein Meisterstreich! Vierhundert sagst du? Genua ist nicht mehr zu retten. Vierhundert Scudi sind dein.

Mohr (treuherzig). Gelt! Fiesco? Wir zwei wollen Genua zusammenschmeißen, dass man die Gesetze mit dem Besen aufkehren kann – das hab’ ich euch nie gesagt, dass ich unter der hiesigen Garnison meine Vögel habe, auf die ich zählen kann, wie auf meine Höllenfahrt. Nun hab’ ich veranstaltet, dass wir auf jedem Tor wenigstens sechs Kreaturen unter der Wache haben, die genug sind, die andern zu beschwätzen und ihre fünf Sinne unter Wein zu setzen. Wenn ihr also Lust habt, diese Nacht einen Streich zu wagen, so findet ihr die Wachen besoffen.

Fiesco. Rede nichts mehr. Bis jetzt hab’ ich den ungeheuren Quader ohne Menschenhilfe gewälzt; hart am Ziele soll mich der schlechteste Kerl in der Rundung beschämen? Deine Hand, Bursche! Was dir der Graf schuldig bleibt, wird der Herzog hereinholen.

Mohr. Überdies noch ein Billet von der Gräfin Imperiali. Sie winkte mir von der Gasse hinauf, war sehr gnädig, fragte mich spöttelnd, ob die Gräfin von Lavagna keinen Anfall von Gelbsucht gehabt hätte? Euer Gnaden, sagt’ ich, fragen nur einem Befinden nach, sagt’ ich –

Fiesco (hat das Billet gelesen und wirft es weg). Sehr gut gesagt; sie antwortete?

Mohr. Antwortete: Sie bedauere dennoch das Schicksal der armen Witwe, erbiete sich auch, ihr Genugtuung zu geben und Euer Gnaden Galanterien künftig zu verbitten.

Fiesco (hämisch). Welche sich wohl noch vor Weltuntergang aufheben dürfen – Das die ganze Erheblichkeit, Hassan?

Mohr (boshaft). Gnädiger Herr, Angelegenheiten der Damen sind es zunächst nach den politischen –

Fiesco. O ja freilich, und diese allerdings. Aber was willst du mit diesen Papierchen?

Mohr. Eine Teufelei mit einer andern auskratzen – Diese Pulver gab mir Signora, euer Frau täglich eins in die Schokolade zu rühren.

Fiesco (tritt blass zurück). Gab dir?

Mohr. Donna Julia, Gräfin Imperiali.

Fiesco (reißt ihm solche weg, heftig). Lügst du, Kanaille, lass ich dich lebendig an den Wetterhahn vom Lorenzoturme schieden, wo dich der Wind in einem Atemzuge neunmal herumtreibt – die Pulver?

Mohr (ungeduldig). Soll ich eurer Frau in der Schokolade zu saufen geben, verordneten Donna Julia Imperiali.

Fiesco (außer Fassung). Ungeheuer! Ungeheuer! – Dieses holdselige Geschöpf? – Hat so viel Hölle in einer Frauenseel Platz? – Doch, ich vergaß dir zu danken, himmlische Vorsicht, die du es nichtig machst – nichtig durch einen ärgern Teufel. Deine Wege sind sonderbar. (Zum Mohren.) Du versprichst zu gehorchen, und schweigst.

Mohr. Sehr wohl. Das letzte kann ich, sie bezahlte mir’s bar.

Fiesco. Dieses Billet ladet mich zu ihr – Ich will kommen, Madame! Ich will sie beschwätzen, bis sie hierher folgen. Gut. Du eilst nunmehr, was du eilen kannst, rufst die ganze Verschwörung zusammen.

Mohr. Diesen Befehl hab’ ich vorausgewittert, und darum jeden auf meine Faust Punkt zehn Uhr hierher bestellt.

Fiesco. Ich höre Tritte. Sie sind’s. Kerl, du verdientest deinen eigenen Galgen, wo noch kein Sohn Adams gezappelt hat. Geh’ ins Vorzimmer, bis ich läute.

Mohr (Im Abgehen). Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen. (Ab.)


Fünfter Auftritt

Alle Verschworenen.

Fiesco (ihnen entgegen). Das Wetter ist im Anzug. Die Wolken laufen zusammen. Tretet leis’ auf! Lasst beide Schlösser vorfallen.

Verrina. Acht Zimmer hinter uns hab’ ich zugeriegelt; der Argwohn kann auf hundert Mannsschritte nicht beikommen.

Bourgognino. Hier ist kein Verräter, wenn’s unsere Furcht nicht wird.

Fiesco. Furcht kann nicht über meine Schwelle. Willkommnen, wer noch der Gestrige ist. Nehmt eure Plätze. (Setzen sich.)

Bourgognino (spaziert im Zimmer). Ich sitze ungern, wenn ich ans Umreißen denke.

Fiesco. Genueser, das ist eine merkwürdige Stunde.

Verrina. Du hast uns aufgefordert, einem Plan zum Tyrannenmord nachzudenken. Frage uns, wir sind da, dir Rede zu geben.

Fiesco. Zuerst also – eine Frage, die spät genug kommt, um seltsam zu klingen – Wer soll fallen? (Alle schweigen.)

Bourgognino (indem er sich über Fiescos Sessel lehnt, bedeutend). Die Tyrannen.

Fiesco. Wohl gesprochen, die Tyrannen. Ich bitte euch, gebt genau Acht auf die ganze Schwere des Worts. Wer die Freiheit zu stürzen Miene macht, oder Gewicht hat, wer ist mehr Tyrann?

Verrina. Ich hasse den Ersten, den Letzten fürchte ich. Andreas Doria falle!

Calcagno (in Bewegung). Andreas, der abgelebte Andreas, dessen Rechnung mit der Natur vielleicht übermorgen zerfallen ist?

Sacco. Andreas, der sanftmütige Alte?

Fiesco. Furchtbar ist dieses alten Mannes Sanftmut, mein Sacco! Gianettinos Tolltrotz nur lächerlich. Andreas Doria falle! Das sprach deine Weisheit, Verrina.

Bourgognino. Ketten von Stahl oder Seide – es sind Ketten, und Andreas Doria falle!

Fiesco (zum Tisch gehend). Also den Stab gebrochen über Onkel und Neffe! Unterzeichnet! (Alle unterschreiben.) Das Wer? Ist berechtigt. (Setzen sich nieder.) Nun zum gleich merkwürdigen Wie? – Reden sie zuerst, Freund Calcagno.

Calcagno. Wir führen es aus wie Soldaten oder wie Meuter. Jenes ist gefährlich, weil es uns zwingt, viele Mitwisser zu haben, gewagt, weil die Herzen der Nation noch nicht ganz gewonnen sind – diesem sind fünf gute Dolche gewachsen. In drei Tagen ist hohe Messe in der Lorenzokirche, beide Doria halten dort ihre Andacht. In der Nähe des Allerhöchsten schläft auch Tyrannenangst. Ich sagte alles.

Fiesco (abgewandt). Calcagno – abscheulich ist ihre vernünftige Meinung. – Raphael Sacco?

Sacco. Calcagnos Gründe gefallen mir, seine Wahl empört. Besser, Fiesco lässt Oheim und Neffen zu einem Gastmahle laden, wo sie dann, zwischen den ganzen Groll der Republik gepresst, die Wahl haben, den Tod entweder an unsern Dolchen zu essen, oder im guten Zyprier Bescheid zu tun. Wenigstens bequem ist diese Methode.

Fiesco (mit Entsetzen). Sacco, und wenn der Tropfe Wein, den ihre sterbende Zunge kostet, zum siedenden Pech wird, ein Vorschmack der Hölle – Wie dann, Sacco? – Weg mit diesem Rat! Sprich du, Verrina.

Verrina. Ein offenes Herz zeigt eine offene Stirn. Meuchelmord bringt uns in jedes Banditen Brüderschaft. Das Schwert in der Hand deutet den Helden. Meine Meinung ist, wir geben laut das Signal des Aufruhrs, rufen Genuas Patrioten stürmend zur Rache auf. (Er fährt vom Sessel. Die andern folgen. Bourgognino wirft sich ihm um den Hals.)

Bourgognino. Und zwingen mit gewaffneter Hand dem Glück eine Gunst ab! Das ist die Stimme der Ehre und die meinige.

Fiesco. Und die meinige. Pfui, Genueser! (Zu Calcagno und Sacco.) Das Glück hat bereits schon zu viel für uns getan, wir müssen uns selbst auch noch Arbeit geben – also Aufruhr, und dennoch diese Nacht, Genueser! (Verrina, Bourgognino erstaunen. Die andern erschrecken.)

Calcagno. Was? Noch diese Nacht? Noch sind die Tyrannen zu mächtig, noch unser Anhang zu dünne.

Sacco. Diese Nacht noch? Und es ist nichts getan, und die Sonne geht schon bergunter?

Fiesco. Eure Bedenklichkeiten sind sehr gegründet, aber leset diese Blätter. (Er reicht ihnen die Handschriften Gianettinos und geht, indes sie neugierig lesen, hämisch auf und nieder.) Jetzt fahre wohl, Doria, schöner Stern! Stolz und vorlaut standst du da, als hättest du den Horizont von Genua verpachtet, und sahest doch, dass auch die Sonne den Himmel räumt und das Zepter der Welt mit dem Monde teilt. Fahre wohl, Doria, schöner Stern!

Auch Patroklus ist gestorben,
Und war mehr als du.

Bourgognino (nachdem sie die Blätter gelesen). Das ist grässlich.

Calcagno. Zwölf auf einen Schuss!

Verrina. Morgen in der Signoria!

Bourgognino. Gebt mir die Zettel. Ich reite spornstreichs durch Genua, halte sie so, so werden die Steine hinter mir springen und die Hunde Zetermordio heulen.

Alle. Rache! Rache! Rache! Diese Nacht noch!

Fiesco. Da seid ihr, wo ich euch wollte. Sobald es Abend wird, will ich die vornehmsten Missvergnügten zu einer Lustbarkeit bitten; nämlich alle, die auf Gianettinos Mordliste stehen, und noch überdies die Sauli, die Gentili, Vivaldi und Besodimari, alle Todfeinde des Hauses Doria, die der Meuchelmörder zu fürchten vergaß. Sie werden meinen Anschlag mit offenen Armen umfassen, daran zweifle ich nicht.

Bourgognino. Daran zweifle ich nicht.

Fiesco. Vor allem müssen wir uns des Meers versichern. Galeeren und Schiffsvolk hab’ ich. Die zwanzig Schiffe der Doria sind unbetakelt, unbemannt, leicht überrumpelt. Die Mündung der Darsena wird gestopft, alle Hoffnung zur Flucht verriegelt. Haben wir den Hafen, so liegt Genua an Ketten.

Verrina. Unleugbar.

Fiesco. Dann werden die festen Plätze der Stadt erobert und besetzt. Der wichtigste ist das Thomastor, das zum Hafen führt und unsere Seemacht mit der Landmacht verknüpft. Beide Doria werden in ihren Palästen überfallen, ermordet. In allen Gassen wird Lärm geschlagen; die Sturmglocken werden gezogen, die Bürger herausgerufen, unsere Partei zu nehmen und Genuas Freiheit zu verfechten. Begünstiget uns das Glück, so hört ihr in der Signoria das Weitere.

Verrina. Der Plan ist gut. Lass sehen, wie wir die Rollen verteilen.

Fiesco (bedeutend). Genueser, ihr stelltet mich freiwillig an die Spitze des Komplotts. Werdet ihr auch meinen weitern Befehlen gehorchen?

Verrina. So gewiss sie die besten sind.

Fiesco. Verrina, weißt du das Wörtchen unter der Fahne? Genueser, sagt’s ihm, es heiße Subordination! Wenn ich nicht diese Köpfe drehen kann, wie ich eben will – versteht mich ganz – wenn ich nicht der Souverän der Verschwörung bin, so hat sie auch ein Mitglied verloren.

Verrina. Ein freies Leben ist ein paar knechtischer Stunden wert – Wir gehorchen.

Fiesco. So verlasst mich jetzt. Einer von euch wird die Stadt visitieren und mir von der Stärke und Schwäche der festen Plätze Rapport machen. Ein anderer erforscht die Parole. Ein Dritter bemannt die Galeeren. Ein Vierter wird die zweitausend Mann nach meinem Schlosshof befördern. Ich selbst werde auf den Abend alles berichtigt haben, und noch überdies, wenn das Glück will, die Bank im Pharao sprengen. Schlag neun Uhr ist alles im Schloss, meine letzten Befehle zu hören. (Klingelt.)

Verrina. Ich nehme den Hafen auf mich. (Ab.)

Bourgognino. Ich die Soldaten. (Auch ab.)

Calcagno. Die Parole will ich ablauern. (Ab.)

Sacco. Ich die Runde durch Genua machen. (Ab.)


Sechster Auftritt

Fiesco. Darauf der Mohr.

Fiesco (hat sich an einen Pult gesetzt und schreibt). Schlugen sie nicht um gegen das Wörtchen Subordination, wie die Raupe gegen die Nadel? – Aber es ist zu spät, Republikaner!

Mohr (kommt). Gnädiger Herr –

Fiesco (steht auf, gibt ihm einen Zettel). Alle, deren Namen auf diesem Blatt stehen, ladest du zu einer Komödie auf die Nacht.

Mohr. Mitzuspielen vermutlich. Die Entrée wird Gurgeln kosten.

Fiesco (fremd und verächtlich). Wenn das bestellt ist, will ich dich nicht länger in Genua aufhalten (Er geht und lässt eine Geldbörse hinter sich fallen.) Das sei deine letzte Arbeit. (Geht ab.)


Siebenter Auftritt

Mohr hebt den Beutel langsam von der Erde, indem er ihm stutzig nachblickt.

Stehn wir so miteinander? „Will ich dich nicht mehr in Genua aufhalten.“ Das heißt aus dem Christlichen in mein Heidentum verdolmetscht: „Wenn ich Herzog bin, lass’ ich den guten Freund an einen genuesischen Galgen hängen.“ Gut. Er besorgt, weil ich um seine Schliche weiß, werde ich seien Ehre über mein Maul springen lassen, wenn er Herzog ist. Sachte, Herr Graf! Das Letzte wäre noch zu überlegen.

Jetzt, alter Doria, steht mir deine Haut zu Befehl. – Hin bist du, wenn ich dich nicht warne. Wenn ich jetzt hingehe und das Komplott angebe, rett’ ich dem Herzog von Genau nichts Geringeres, als ein Leben und ein Herzogtum; nichts Geringeres, als ein dieser Hut, von Gold gestrichen voll, kann sein Dank sein. (Er will fort, bleibt aber plötzlich still stehen.) Aber sachte, Freund Hassan! Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? Wenn die ganze Totschlägerei jetzt zurückginge und daraus gar etwas Gutes würde? – Pfui! Pfui! Was will mir mein Geiz für einen Teufelsstreich spielen! – Was stiftet größeres Unheil? Wenn ich diesen Fiesco prelle? – Wenn ich jenen Doria an das Messer liefere! – Das klügelt mir aus, meine Teufel! – Bringt der Fiesco es hinaus, kann Genua aufkommen. Weg! Das kann nicht sein. Schlüpft dieser Doria durch, bleibt alles wie vor, und Genua hat Frieden – Das wäre noch garstiger! – Aber das Spektakel, wenn die Köpfe der Rebellen in die Garküche des Henkers fliegen? (Auf die andere Seite.) Aber das lustige Gemetzel dieser Nacht, wenn ihre Durchlauchten am Pfiff eines Mohren erwürgen? Nein! Aus diesem Wirrwarr helfe sich ein Christ, dem Heiden ist das Rätsel zu spitzig - - Ich will einen Gelehrten fragen. (Ab.)


Achter Auftritt

Saal bei der Gräfin Imperiali.

Julia im Negligé. Gianettino tritt herein, zerstört.

Gianettino. Guten Abend, Schwester.

Julia (steht auf). Etwas Außerordentliches mag es auch sein, das den Kronprinzen von Genua zu seiner Schwester führt?

Gianettino. Schwester, bist du doch stets von Schmetterlingen umschwärmt und ich von Wespen. Wer kann abkommen? Setzen wir uns.

Julia. Du machst mich bald ungeduldig.

Gianettino. Schwester, wann war’s das letzte Mal, dass dich Fiesco besuchte?

Julia. Seltsam. Als wenn mein Gehirn dergleichen Nichtigkeiten beherbergte!

Gianettino. Ich muss es durchaus wissen.

Julia. Nun – er war gestern da.

Gianettino. Und zeigte sich offen?

Julia. Wie gewöhnlich.

Gianettino. Auch noch der alte Phantast?

Julia (beleidigt). Bruder!

Gianettino (mit stärkerer Stimme). Höre! Auch noch der alte Phantast?

Julia (steht aufgebracht auf). Wofür halten sie mich, Bruder?

Gianettino (bleibt sitzen, hämisch). Für ein Stück Weiberfleisch, in einen großen – großen Adelsbrief gewickelt. Unter uns, Schwester, weil doch niemand auflauert.

Julia (hitzig). Unter uns – sie sind ein tolldreister Affe, der auf dem Kredit seines Onkels Stecken reitet – weil doch niemand auflauert.

Gianettino. Schwesterchen! Schwesterchen! Nicht böse - - bin nur lustig, weil Fiesco noch der alte Phantast ist. Das hab’ ich wissen wollen. Empfehle mich. (Will gehen.)


Neunter Auftritt

Lomellin kommt.

Lomellin (küsst der Julia die Hand). Verzeihung für meine Dreistigkeit, gnädige Frau! (Zum Gianettino gekehrt.) Gewisse Dinge, die sich nicht aufschieben lassen –

Gianettino (nimmt ihn bei Seite. Julia tritt zornig zu einem Flügel und spielt ein Allegro). Alles angeordnet auf morgen?

Lomellin. Alles, Prinz. Aber der Courier, der heute früh nach Levante flog, ist nicht wieder zurück. Auch Spinola ist nicht da. Wenn er aufgefangen wäre! – Ich bin in höchster Verlegenheit.

Gianettino. Besorge nichts. Du hast doch die Liste bei der Hand?

Lomellin (betreten). Gnädiger Herr – die Liste – Ich weiß nicht, ich werde sie in meiner gestrigen Rocktasche liegen haben –

Gianettino. Auch gut. Wäre nur Spinola zurück. Fiesco wird morgen früh tot im Bette gefunden. Ich hab’ die Anstalt gemacht.

Lomellin. Aber fürchterlich Aufsehen wird’s machen.

Gianettino. Das eben ist unsre Sicherheit, Bursche. Alltagsverbrechen bringen das Blut des Beleidigten in Wallung, und alles kann der Mensch. Außerordentliche Frevel machen es vor Schrecken gefrieren, und der Mensch ist nichts. Weißt du das Märchen mit dem Medusakopf? Der Anblick macht Steine – Was ist nicht getan, Bursche, bis Steine erwarmen!

Lomellin. Haben sie der gnädigen Frau einen Wink gegeben?

Gianettino. Pfui doch! Die muss man des Fiesco wegen delikater behandeln. Doch, wenn sie erst die Früchte verschmeckt, wird sie die Unkosten verschmerzen. Komm! Ich erwarte diesen Abend noch Truppen von Mailand und muss an den Toren die Ordre geben. (Zur Julia.) Nun, Schwester! Hast du deinen Zorn bald verklimpert?

Julia. Gehen sie! Sie sind ein wilder Gast.

(Gianettino will hinaus und stößt auf Fiesco.)


Zehnter Auftritt

Fiesco kommt.

Gianettino (zurückfahrend). Ha!

Fiesco (zuvorkommend, verbindlich). Prinz, sie überheben mich eines Besuchs, den ich mir eben vorbehalten hatte –

Gianettino. Auch mir, Graf, konnte nichts Erwünschteres als ihre Gesellschaft begegnen.

Fiesco (tritt zu Julia und küsst ihr respektvoll die Hand). Man ist es bei ihnen gewohnt, Signora, immer seine Erwartungen übertroffen zu sehen.

Julia. Pfui doch, das würde bei einer anderen zweideutig lauten – Aber ich erschrecke an meinem Negligé. Verzeihen sie, Graf. (Will in ihr Kabinett fliegen.)

Fiesco. O bleiben sie, schöne gnädige Frau! Das Frauenzimmer ist nie so schön, als im Schlafgewand! (Lächelnd) Es ist die Tracht seines Gewerbes. – Diese hinauf gezwungenen Haare – Erlauben sie, dass ich sie ganz durcheinander werfe.

Julia. Dass ihr Männer so gern verwirret!

Fiesco (unschuldig gegen Gianettino). Haare und Republiken! Nicht wahr, das gilt uns gleichviel – und auch dieses Band ist falsch angeheftet – Setzen sie sich, schöne Gräfin – Augen zu betrügen, versteht ihre Laura, aber nicht Herzen – Lassen sie mich ihre Kammerfrau sein. (Sie setzt sich, er macht ihr den Anzug zurecht.)

Gianettino (zupft den Lomellin). Der arme, sorglose Wicht!

Fiesco (an Julia Busen beschäftigt). Sehen sie – dieses verstecke ich weislich. Die Sinne müssen immer nur blinde Briefträger sein, und nicht wissen, was Phantasie und Natur mit einander abzukarten haben.

Julia. Das ist leichtfertig.

Fiesco. Ganz und gar nicht, denn, sehen sie, die beste Neuigkeit verliert, sobald sie Stadtmärchen wird – Unsere Sinne sind nur die Grundsuppe unserer innern Republik. Der Adel lebt von ihnen, aber erhebt sich über ihren platten Geschmack. (Er hat sie fertig gemacht und führt sie vor einen Spiegel.) Nun, bei meiner Ehre! Dieser Anzug muss morgen Mode in Genua sein. (Fein.) Darf ich sie so durch die Stadt führen, Gräfin?

Julia. Über den verschlagenen Kopf! Wie künstlich er’s anlegte, mich in seine Willen hinein zu lügen! Aber ich habe Kopfweh und werde zu Hause bleiben.

Fiesco. Verzeihen sie, Gräfin – das können sie, wie sie wollen, aber sie wollen es nicht. – Diesen Mittag ist eine Gesellschaft florentinischer Schauspieler hier angekommen und hat sich erboten, in meinem Palast zu spielen – Nun hab’ ich nicht verhindern können, dass die meisten Edeldamen der Stadt Zuschauerinnen sein werden, welches mich äußerst verlegen macht, wie ich die vornehmste Loge besetzen soll, ohne meinen empfindlichen Gästen eine Sottise zu machen. Noch ist nur ein Ausweg möglich. (Mit einer tiefen Verbeugung.) Wollen sie so gnädig sein, Signora?

Julia (wird rot und geht schleunig ins Kabinett). Laura!

Gianettino (tritt zu Fiesco). Graf, sie erinnern sich einer unangenehmen Geschichte, die neulich zwischen uns beiden vorfiel –

Fiesco. Ich wünschte, Prinz, wir vergäßen sie beide – Wir Menschen handeln gegen uns, wie wir uns kennen, und wessen Schuld ist’s, als die meinige, dass mich mein Freund Doria nicht ganz gekannt hat?

Gianettino. Wenigstens wird’ ich nie daran denken, ohne ihnen von Herzen Abbitte zu tun –

Fiesco. Und ich nie, ohne ihnen von Herzen zu vergeben – (Julia kommt etwas umgekleidet zurück.)

Gianettino. Eben fällt es mir bei, Graf, sie lasen ja gegen die Türken kreuzen?

Fiesco. Diesen Abend werden die Anker gelichtet – Ich bin eben darum in einiger Besorgnis, woraus mich die Gefälligkeit meines Freundes Doria reißen könnte.

Gianettino (äußerst höflich). Mit allem Vergnügen! – Befehlen sie über meinen ganzen Einfluss!

Fiesco. Der Vorgang dürfte gegen Abend einigen Auflauf gegen den Hafen und meinen Palast verursachen, welchen der Herzog, ihr Oheim, missdeuten könnten - -

Gianettino (treuherzig). Lassen sie mich dafür sorgen. Machen sie immer fort, und ich wünsche ihnen viel Glück zur Unternehmung.

Fiesco (schmollt). Ich bin ihnen sehr verbunden.


Elfter Auftritt

Vorige. Ein Deutscher der Leibwache.

Gianettino. Was soll’s?

Deutscher. Als ich das Thomastor vorbeiging, sah ich gewaffnete Soldaten in großer Anzahl der Darsena zueilen und die Galeeren des Grafen von Lavagna segelfertig machen –

Gianettino. Nichts Wichtigeres? Es wird nicht weiter gemeldet.

Deutscher. Sehr wohl. Auch aus den Klöstern der Kapuziner wimmelt verdächtiges Gesindel, und schleicht über den Markt. Gang und Ansehen lassen vermuten, dass es Soldaten sind.

Gianettino (zornig). Über den Diensteifer eines Dummkopfs! (Zu Lomellin, zuversichtlich). Das sind meine Mailänder.

Deutscher. Befehlen Euer Gnaden, dass sie arretiert werden sollen?

Gianettino (laut zu Lomellin). Sehen sie nach, Lomellino. (Wild zum Deutschen.) Nun fort, es ist gut! (Zu Lomellin.) Bedeuten sie dem deutschen Ochsen, dass er das Maul halten soll.

(Lomellin ab mit dem Deutschen.)

Fiesco (der bisher mit Julia getändelt und verstohlen herübergeschielt hatte). Unser Freund ist verdrießlich. Darf ich den Grund wissen?

Gianettino. Kein Wunder. Das ewige Anfragen und Melden! (Schießt hinaus.)

Fiesco. Auch auf uns wartet das Schauspiel. Darf ich ihnen den Arm anbieten, gnädige Frau?

Julia. Geduld! Ich muss erst die Enveloppe umwerfen. Doch kein Trauerspiel, Graf? Das kommt mir im Traum.

Fiesco (tückisch). O, es ist zum Totlachen, Gräfin!

(Er führt sie ab. Vorhang fällt.)

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de