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Zweiter Aufzug

Vorzimmer in Fiescos Palast

Erster Auftritt

Leonore. Arabella

Arabella. Nein, sag' ich. Sie sahen falsch. Die Eifersucht lieh ihnen die hässlichen Augen.

Leonore. Es war Julia lebendig. Rede mir nichts ein. Meine Silhouette hing an einem himmelblauen Band, dies war feuerfarb und geflammt. Mein Los ist entschieden.


Zweiter Auftritt

Vorige. Julia.

Julia (affektiert herein tretend). Der Graf bot mir sein Palais an, den Zug nach dem Rathaus zu sehen. Die Zeit wird mir lang werden. Eh’ die Schokolade gemacht ist, Madame, unterhalten sie mich. (Bella entfernt sich, kommt sogleich wieder.)

Leonore. Befehlen sie, dass ich Gesellschaft hierher bitte?

Julia. Abgeschmackt. Als wenn ich sie hier suchen müsste? Sie werden mich zerstreuen, Madame! (Auf und ab, sich den Hof machend.) Wenn sie das können, Madame! – Denn ich habe nichts zu versäumen.

Arabella (boshaft). Desto mehr dieser kostbare Mohr, Signora! Wie grausam, bedenken sie! Die Perspektivchen der jungen Stutzer um diese schöne Prise zu bringen? Ah! Und das blitzende Spiel der Perlen, das einem die Augen bald wund brennt. Beim großmächtigen Gott! Haben sie nicht das ganze Meer ausgeplündert!

Julia (vor einem Spiegel). Das ist ihr wohl eine Seltenheit, Mamsell? Aber höre sie, Mamsell, hat sie ihrer Herrschaft auch die Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gäste durch Domestiken bekomplimentieren zu lassen.

Leonore. Es ist mein Unglück, Signora, dass meine Laune mir das Vergnügen ihrer Gegenwart schmälert.

Julia. Eine hässliche Unart ist das, die sie schwerfällig und albern macht. Rasch! Lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, ihren Mann anzufesseln.

Leonore. Ich weiß nur einen, Gräfin! Lassen sie den ihrigen immer ein sympathetisches Mittel bleiben!

Julia (ohne darauf achten zu wollen). Und, wie sie sich tragen, Madame! Pfui doch! Auch auf ihren Körper wenden sie mehr. Nehmen sie zur Kunst ihre Zuflucht, wo die Natur an ihnen Stiefmutter war. Einen Firniss auf die Wangen, worauf die missfarbige Leidenschaft kränkelt. Armes Geschöpf! So wird ihr Gesichtchen nie einen Käufer finden.

Leonore (munter zu Bella). Wünsche mir Glück, Mädchen! Unmöglich hab’ ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren. (Bella bringt Schokolade, Bella gießt ein.)

Julia. Von verlieren murmeln sie etwas? Aber mein Gott! Wie kam ihnen auch der tragische Einfall, den Fiesco zu nehmen? – Warum auf diese Höhe, mein Kind, wo sie notwendig gesehen werden müssen? Verglichen werden müssen? Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm oder ein Dummkopf, der sie dem Fiesco kuppelte. (Mitleidig ihre Hand ergreifend.) Gutes Tierchen, der Mann, der in den Assemblen des guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie sein. (Sie nimmt eine Tasse.)

Leonore (lächelnd auf Arabella). Oder er würde in diesen Häusern des guten Tons nicht gelitten sein wollen?

Julia. Der Graf hat Person – Welt – Geschmack. Der Graf war so glücklich, Connaissancen von Rang zu machen. Der Graf hat Temperament, Feuer. Nun reißt er sich warm aus dem delikatesten Zirkel. Er kommt nach Hause. Die Ehefrau bewillkommt ihn mit einer Werktagszärtlichkeit, löscht seine Glut in einem feuchten, frostigen Kuss, schneidet ihm ihre Caressen wirtschaftlich, wie einem Kostgänger, vor. Der arme Ehemann! Dort lacht ihm ein blühendes Ideal – hier ekelt ihn eine grämliche Empfindsamkeit an. Signora, um Gotteswillen! Wird er nicht den Verstand verlieren, oder was wird er wählen?

Leonore (bringt ihr eine Tasse). Sie, Madame – wenn er ihn verloren hat.

Julia. Gut! Dieser Biss sei in dein eigenes Herz gegangen. Zittre um diesen Spott, aber ehe du zitterst, erröte.

Leonore. Kennen sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es ist ja ein Toilettenpfiff.

Julia. Man sehe doch! Erzürnen muss man das Würmchen, will man ihm ein Fünkchen Mutterwitz abjagen. Gut für jetzt. Es war Scherz, Madame! Geben Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung.

Leonore (gibt ihr die Hand mit viel sagendem Blick). Imperiali! – Vor meinem Zorn haben sie Ruhe.

Julia. Großmütig, allerdings! Doch sollt’ ich’s nicht auch sein können, Gräfin? (Langsam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer Person bei mir führe, muss es nicht folgen, dass das Original mir wert ist? Oder was meinen sie?

Leonore (rot und verwirrt). Was sagen sie? Ich hoffe, dieser Schluss ist zu rasch.

Julia. Das denk’ ich selbst. Das Herz ruft nie die Sinne zu Hilfe. Wahre Empfindung wird sich nie hinter Schmuckwerk verschanzen.

Leonore. Großer Gott! Wie kommen sie zu dieser Wahrheit?

Julia. Mitleid, bloßes Mitleid – denn sehen sie, so ist es auch umgekehrt wahr – und sie haben ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre Silhouette und lacht boshaft auf.)

Leonore (mit auffahrender Erbitterung). Mein Schattenriss? Ihnen? (Wirft sich schmerzvoll in einen Sessel.) O der heillose Mann!

Julia (frohlockend). Hab’ ich vergolten? Hab’ ich? Nun, Madame, keinen Nadelstich mehr in Bereitschaft? (Laut in die Szene.) Den Wagen vor! Mein Gewerb ist bestellt. (Zu Leonore, der sie das Kinn streicht.) Trösten sie sich, mein Kind! Er gab mir die Silhouette im Wahnwitz. (Ab.)


Dritter Auftritt

Calcagno kommt.

Calcagno. So erhitzt ging die Imperiali weg, und sie in Wallung, Madonna?

Leonore (mit durchdringendem Schmerz). Nein! Das war nie erhört!

Calcagno. Himmel und Erde! Sie weinen doch wohl nicht?

Leonore. Ein Freund vom Unmenschlichen – Mir aus den Augen!

Calcagno. Welchem Unmenschlichen? Sie erschrecken mich.

Leonore. Von meinem Mann – Nicht so? Von dem Fiesco.

Calcagno. Was muss ich hören?

Leonore. O nur ein Bubenstück, das bei euch gangbar ist, Männer!

Calcagno (fasst ihre Hand mit Heftigkeit). Gnädige Frau, ich habe ein Herz für die weinende Tugend.

Leonore (ernst). Sie sind ein Mann – es ist nicht für mich.

Calcagno. Ganz für sie – voll von ihnen – dass sie wüssten, wie sehr – wie unendlich sehr –

Leonore. Mann, du lügst – du versicherst, eh’ du handelst.

Calcagno. Ich schwöre ihnen.

Leonore. Einen Meineid! Hör’ auf! Ihr ermüdet den Griffel Gottes, der sie niederschreibt. Männer! Männer! Wenn eure Eide zu so viel Teufeln würden, sie könnten Sturm gegen den Himmel laufen, und die Engel des Lichts als Gefangene wegführen.

Calcagno. Sie schwärmen, Gräfin! Ihre Erbitterung macht sie ungerecht. Soll das Geschlecht für den Frevel des Einzelnen Rede stehen?

Leonore (sieht ihn groß an). Mensch! Ich betete das Geschlecht in dem Einzelnen an, soll ich es nicht in ihm verabscheuen dürfen?

Calcagno. Versuchen Sie, Gräfin – Sie gaben Ihr Herz das erste Mal fehl - - Ich wüsste ihnen den Ort, wo es aufgehoben sein sollte.

Leonore. Ihr könntet den Schöpfer aus seiner Welt hinaus lügen – Ich will nichts von dir hören.

Calcagno. Diesen Verdammungsspruch sollten sie heute noch in meinen Armen zurückrufen.

Leonore (aufmerksam). Rede ganz aus. In deinen!

Calcagno. In meinen Armen, die sich öffnen, eine Verlassene aufzunehmen, und für verlorene Liebe zu entschädigen.

Leonore (sieht ihn fein an). Liebe?

Calcagno (vor ihr nieder mit Feuer). Ja! Es ist hingesagt. Liebe, Madonna! Leben und Tod liegt auf ihrer Zunge. Wenn meine Leidenschaft Sünde ist, so mögen die Enden von Tugend und Laster ineinander fließen, und Himmel und Hölle in eine Verdammnis gerinnen.

Leonore (tritt mit Unwillen und Hoheit zurück). Da hinaus zielte deine Teilnehmung, Schleicher? – In einer Kniebeugung verrätst du Freundschaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug’! Abscheuliches Geschlecht! Bis jetzt glaubte ich, du betrügst nur Weiber; das habe ich nie gewusst, dass du auch an dir selbst zum Verräter wirst.

Calcagno (steht betroffen auf). Gnädige Frau –

Leonore. Nicht genug, dass er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen Spiegel der Tugend haucht dieser Heuchler die Pest, und will meine Unschuld im Eidbrechen unterweisen.

Calcagno (rasch). Das Eidbrechen ist nur ihr Fall nicht, Madonna!

Leonore. Ich verstehe, und meine Empfindlichkeit sollte dir meine Empfindung bestechen? Das wusstest du nicht, (sehr groß) dass schon allein das erhabene Unglück, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz adelt. Geh! Fiescos Schande macht keinen Calcagno bei mir steigen, aber – die Menschheit sinken. (Schnell ab.)

Calcagno (sieht ihr betäubt nach, dann ab, mit einem Schlag auf die Stirne). Dummkopf!


Vierter Auftritt

Der Mohr. Fiesco.

Fiesco. Wer war’s , der da wegging?

Mohr. Marchese Calcagno.

Fiesco. Auf dem Sofa blieb dieses Schnupftuch liegen. Meine Frau war hier.

Mohr. Begegnete mir so eben in einer starken Erhitzung.

Fiesco. Dieses Schnupftuch ist feucht. (Steckt es zu sich.) Calcagno hier? Leonore in starker Erhitzung? (Nach einigem Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier geschehen ist.

Mohr. Mamsell Bella hört es gern, dass sie blond sei. Will es beantworten.

Fiesco. Und nun sind dreißig Stunden vorbei. Hast du meinen Auftrag vollzogen?

Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter!

Fiesco (setzt sich). Sag’ denn, wie pfeift man von Doria und der gegenwärtigen Regierung?

Mohr. O pfui, nach abscheulichen Weisen. Schon das Wort Doria schüttelt sie wie ein Fieberfrost. Gianettino ist gehasst bis in den Tod. Alles murrt. Die Franzosen, sagen sie, seien Genuas Ratten gewesen, Kater Doria habe sie aufgefressen, und lasse sich nun die Mäuse belieben.

Fiesco. Das könnte wahr sein – und wussten sie keinen Hund für den Kater?

Mohr (leichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Breites von einem gewissen – einem gewissen – Holla! Hätt’ ich denn gar den Namen vergessen?

Fiesco (sieht auf). Dummkopf! Er ist so leicht zu behalten, als schwer er zu machen war. Hat Genua mehr als den Einzigen?

Mohr. So wenig als zwei Grafen von Lavagna.

Fiesco (setzt sich). Das ist etwas! Und was flüstert man denn über mein lustiges Leben?

Mohr (misst ihn mit großen Augen). Höret, Graf von Lavagna! Genua muss groß von euch denken. Man kann’s nicht verdauen, dass ein Kavalier vom ersten Hause – voll Talent und Kopf – in vollem Feuer und Einfluss – Herr von vier Millionen Pfund – Fürstenblut in den Adern – ein Kavalier wie Fiesco, dem auf den ersten wink alle Herzen zufliegen würden - -

Fiesco (wendet sich mit Verachtung ab). Von einem Schurken das anzuhören!

Mohr. Dass Genuas großer Mann Genuas großen Fall verschlafe. Viele bedauern, sehr viele verspotten, die meisten verdammen euch. Alle beklagen den Staat, der euch verlor. Ein Jesuit wollte gerochen haben, dass ein Fuchs im Schlafrocke stecke.

Fiesco. Ein Fuchs riecht den andern. – Was spricht man zu meinem Roman mit der Gräfin Imperiali?

Mohr. Was ich zu wiederholen hübsch unterlassen werde.

Fiesco. Frei heraus! Je frecher, desto willkommener. Was murmelt man?

Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehäusern, Billardtischen, Gasthöfen, Promenaden – auf dem Markte – auf der Börse schreit man laut -

Fiesco. Was? Ich befehle es dir!

Mohr (sich zurückziehend). Dass ihr ein Narr seid!

Fiesco. Gut! Hier nimm die Zechine für diese Zeitung. Die Schellenkappe habe ich nun aufgesetzt, dass diese Genueser über mich zu raten haben; bald will ich mir eine Glatze scheren, dass sie den Hanswurst von mir spielen. Wie nahmen sich die Seidenhändler bei meinen Geschenken?

Mohr (drollig). Narr, sie stellten sich wie die armen Sünder –

Fiesco. Narr? Bist du toll, Bursche?

Mohr. Verzeiht! Ich hätte Lust zu noch mehr Zechinen.

Fiesco (lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Sünder?

Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon über sich hören. Euer sind sie mit Seel’ und Leib.

Fiesco. Das freut mich! Sie geben den Ausschlag beim Pöbel zu Genua.

Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich! Dass ich nicht Geschmack an der Großmut gefunden hätte. Sie wälzten sich mir wie unsinnig um den Hals, die Mädel schienen sich bald in meines Vaters Farbe vergafft zu haben, so hitzig fielen sie über meine Mondsfinsternis her. Allmächtig ist doch das Gold, war da mein Gedanke; auch Mohren kann’s bleichen.

Fiesco. Dein Gedanke war besser als das Mistbeet, worin er wuchs. – Die Worte, die du mir hinterbracht hast, sind gut, lassen sich Taten daraus schließen?

Mohr. Wie aus des Himmels Räuspern der ausbrechende Sturm. Man steckt die Köpfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft: Hum! Spukt ein Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfige Schwüle. – Dieser Missmut hängt wie ein schweres Wetter über der Republik – nur ein Wind, so fallen Schlossen und Blitze.

Fiesco. Still! Horch! Was ist das für ein verworrenes Gesumse?

Mohr (ans Fenster fliegend). Es ist das Geschrei vieler Menschen, die vom Rathause herabkommen.

Fiesco. Heute ist Prokuratorwahl. Lass meine Karriole vorfahren. Unmöglich kann die Sitzung schon aus sein. Ich will hinauf. Unmöglich kann sie rechtmäßig aus sein. Schwert und Mantel her. Wo ist mein Orden?

Mohr. Herr, ich hab’ ihn gestohlen und versetzt.

Fiesco. Das freut mich.

Mohr. Nun, wie? Wird mein Präsent bald herausrücken?

Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmst?

Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte.

Fiesco. Der Tumult wälzt sich hierher. Horch! Das ist nicht das Gejauchze des Beifalls. (Rasch.) Geschwind, riegle die Hofpforten auf! Ich habe eine Ahnung. Doria ist tollkühn. Der Staat gaukelt auf einer Nadelspitze. Ich wette, auf der Signoria ist Lärm worden.

Mohr (am Fenster, schreit). Was ist das? Die Straße Balbi herunter – Tross vieler Tausende – Hellebarden blitzen – Schwerter – Holla! Senatoren – fliegen hierher –

Fiesco. Es ist ein Aufruhr! Spreng’ unter sie. Nenn meinen Namen. Sieh zu, dass sie hierher sich werfen. (Mohr eilt hinunter.) Was die Ameise Vernunft mühsam zu Haufen schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen.


Fünfter Auftritt

Fiesco. Zenturione, Zibo, Asserato stürzen stürmisch ins Zimmer.

Zibo. Graf, sie verzeihen unserm Zorn, dass wir unangemeldet herein traten.

Zenturione. Ich bin beschimpft, tödlich beschimpft vom Neffen des Herzogs, im Angesicht der ganzen Signoria!

Asserato. Doria hat das goldene Buch besudelt, davon jeder genuesische Edelmann ein Blatt ist.

Zenturione. Darum sind wir da. Der ganze Adel ist in mir aufgefordert. Der ganze Adel muss meine Rache teilen. Meine Ehre zu rächen, dazu würde ich schwerlich Gehilfen fordern.

Zibo. Der ganze Adel ist in ihm aufgereizt. Der ganze Adel muss Feuer und Flammen speien.

Asserato. Die Rechte der Nation sind zertrümmert. Die republikanische Freiheit hat einen Todesstoß.

Fiesco. Sie spannen meine ganze Erwartung.

Zibo. Er war der neunundzwanzigste unter den Wahlherren, hatte zur Prokuratorwahl eine goldene Kugel gezogen. Achtundzwanzig Stimmen waren gesammelt. Vierzehn sprachen für mich, ebenso viel für Lomellino! Dorias und die seinige standen noch aus.

Zenturione (rasch ins Wort fallend). Standen noch aus. Ich votiere für Zibo! Doria – fühlen sie die Wunde meiner Ehre – Doria –

Asserato (fällt ihm wieder ins Wort). So was erlebte man nicht, so lang der Ozean um Genau flutet. - -

Zenturione (hitziger fort). Doria zog ein Schwert, das er unter dem Scharlach verborgen gehalten, spießte mein Votum daran, rief in die Versammlung:

Zibo. „Senatoren, es gilt nicht! Es ist durchlöchert! Lomellin ist Prokurator.“

Zenturione. „Lomellin ist Prokurator“, und warf sein Schwert auf die Tafel.

Asserato. Und rief: „Es gilt nicht!“, und warf sein Schwert auf die Tafel.

Fiesco (nach einigem Stillschweigen). Wozu sind sie entschlossen?

Zenturione. Die Republik ist ins Herz gestoßen. Wozu wir entschlossen sind?

Fiesco. Zenturione, Binsen mögen vom Atem knicken. Eichen wollen den Sturm. Ich frage, was sie beschließen?

Zibo. Ich dächte, man fragte, was Genua beschließe?

Fiesco. Genua? Genau? Weg damit, es ist mürbe, bricht, wo sie es anfassen. Sie rechnen auf die Patrizier? Vielleicht weil sie saure Gesichter schneiden, die Achsel zucken, wenn von Staatssachen die Rede wird? Weg damit! Ihr Heldenfeuer klemmt sich in Ballen levantischer Waren, ihre Seelen flattern ängstlich um ihre ostindische Flotte.

Zenturione. Lernen sie unsere Patrizier besser schätzen. Kaum war Dorias trotzige Tat getan, flohen ihrer einige Hundert mit zerrissenen Kleidern auf den Markt. Die Signoria fuhr auseinander.

Fiesco (spöttisch). Wie Tauben auseinander flattern, wenn in den Schlag sich ein Geier wirft?

Zenturione (stürmisch). Nein! Wie Pulvertonnen, wenn eine Lunte hineinfällt.

Zibo. Das Volk wütet auch – was vermag nicht ein angeschossener Eber?

Fiesco (lacht). Der blinde, unbeholfene Koloss, der mit plumpen Knochen anfangs Gepolter macht, hohes und niederes, nahes und fernes mit gähnendem Rachen zu verschlingen droht, und zuletzt – über Zwirnfäden stolpert? Genueser, vergebens! Die Epoche der Meerbeherrscher ist vorbei. Genua ist unter seinen Namen gestürzt. Genua ist da, wo das unüberwindliche Rom wie ein Federball in die Rakete eines zärtlichen Knaben Octavius sprang. Genua kann nicht mehr frei sein. Genua muss von einem Monarchen erwärmt werden. Genua braucht einen Souverän, also huldigen sie dem Schwindelkopf Gianettino.

Zenturione (aufbrausend). Wenn sich die grollenden Elemente versöhnen und der Nordpol dem Südpol nach springt – Kommt, Kameraden!

Fiesco. Bleiben sie, bleiben sie! Worüber brüten sie, Zibo?

Zibo. Über nichts oder einem Possenspiel, das das Erdbeben heißen soll.

Fiesco (führt sie zu einer Statue). Schauen sie doch diese Figur an!

Zenturione. Es ist die Venus von Florenz. Was soll sie uns hier?

Fiesco. Sie gefällt ihnen aber?

Zibo. Ich sollte denken, oder wir wären schlechte Italiener. Wie sie das jetzt fragen mögen?

Fiesco. Nun, reisen sie durch alle Weltteile und suchen unter allen lebendigen Abdrücken des weiblichen Modells den glücklichsten aus, in welchem sich alle Reize dieser geträumten Venus umarmen.

Zibo. Und tragen dann für unsere Mühe davon?

Fiesco. Dann werden sie die Phantasie der Marktschreierei überwiesen haben –

Zenturione (ungeduldig). Und was gewonnen haben?

Fiesco. Gewonnen haben den verjährten Prozess der Natur mit den Künstlern.

Zenturione (hitzig). Und dann?

Fiesco. Dann? Dann? (Fängt zu lachen an.) Dann haben sie vergessen zu sehen, dass Genuas Freiheit zu Trümmern geht!


Sechster Auftritt

Fiesco

Getümmel um den Palast nimmt zu.

Glücklich! Glücklich! Das Stroh der Republik ist in Flammen. Das Feuer hat schon Häuser und Türme gefasst - Immer zu! Immer zu! Allgemein werde der Brand, der schadenfrohe Wind pfeife in die Verwüstung!


Siebenter Auftritt

Mohr in Eile. Fiesco.

Mohr. Haufen über Haufen!

Fiesco. Mache die Torflügel weit auf! Lass’ hereinstürzen, was Füße hat!

Mohr. Republikaner! Republikaner! Ziehen ihre Freiheit am Joch, keuchen wie Lastochsen unter ihrer aristokratischen Herrlichkeit.

Fiesco. Narren, die glauben, Fiesco von Lavagna werde fortführen, was Fiesco von Lavagna nicht anfing? Die Empörung kommt wie gerufen. Aber die Verschwörung muss meine sein. Sie stürmen die Treppe herauf.

Mohr (hinaus). Hollah! Hollah! Werden das Haus höflichst zur Türe herein bringen. (Das Volk stürmt herein, die Türe in Trümmern.)


Achter Auftritt

Fiesco. Zwölf Handwerker.

Alle. Rache an Doria! Rache an Gianettino!

Fiesco. Hübsch gemach, meine Landsleute! Dass ihr mir alle eure Aufwartung so machtet, das zeugt von eurem guten Herzen. Aber meine Ohren sind delikater.

Alle (ungestümer). Zu Boden mit den Doria! Zu Boden Oheim und Neffen!

Fiesco (der sie lächelnd überzählt). Zwölf sind ein vornehmes Heer –

Einige. Diese Doria müssen weg! Der Staat muss eine andere Form haben!

Erster Handwerker. Unsere Friedensrichter die Treppen hinab zu schmeißen – die Treppen die Friedensrichter!

Zweiter. Denkt doch, Lavagna, die Treppen hinab, als sie ihm bei der Wahl widersprachen.

Alle. Soll nicht geduldet werden! Darf nicht geduldet werden!

Ein Dritter. Ein Schwert in den Rat zu nehmen –

Erster. Ein Schwert! Das Zeichen des Kriegs! Im Zimmer des Friedens!

Zweiter. Im Scharlach in den Senat zu kommen! Nicht schwarz, wie die übrigen Ratsherren!

Erster. Mit acht Hengsten durch unsere Hauptstadt zu fahren!

Alle. Ein Tyrann! Ein Verräter des Landes und der Regierung!

Zweiter. Zweihundert Deutsche zur Leibwache vom Kaiser zu kaufen-

Erster. Ausländer wider die Kinder des Vaterlands! Deutsche gegen Italiener! Soldaten neben die Gesetze!

Alle. Hochverrat! Meuterei! Genuas Untergang!

Erster. Das Wappen der Republik an der Kutsche zu führen –

Zweiter. Die Statue des Andreas mitten im Hof der Signoria!

Alle. In Stücke mit dem Andreas! In tausend Stücke den steinernen und den lebendigen!

Fiesco. Genueser, warum mir das Alles?

Erster. Ihr sollt es nicht dulden! Ihr sollt ihm den Daumen aufs Aug’ halten!

Zweiter. Ihr seid ein kluger Mann und sollt es nicht dulden, und sollt den Verstand für uns haben!

Erster. Und seid ein besserer Edelmann, und sollt ihm das eintränken, und sollt es nicht dulden!

Fiesco. Euer Vertrauen schmeichelt mir sehr! Kann ich es durch Taten verdienen?

Alle (lärmend). Schlage! Stürze! Erlöse!

Fiesco. Doch ein gut Wort werdet ihr noch annehmen?

Einige. Redet, Lavagna!

Fiesco (der sich niedersetzt). Genueser – das Reich der Tiere kam einst in bürgerliche Gährung, Parteien schlugen mit Parteien, und ein Fleischerhund bemächtigte sich des Throns. Diese, gewohnt das Schlachtvieh an das Messer zu hetzen, hauete hündisch im Reich, klaffte, biss und nagte die Knochen seines Volks. Die Nation murrte, die Kühnsten traten zusammen und erwürgten den fürstlichen Bullen. Jetzt ward ein Reichstag gehalten, die große Frage zu entscheiden, welche Regierung die glücklichste sei? Die Stimmen teilten sich dreifach. Genueser, für welche hättet ihr entschieden?

Erster Bürger. Fürs Volk! Alles fürs Volk!

Fiesco. Das Volk gewann’s. Die Regierung war demokratisch. Jeder Bürger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenig Wochen vergingen, so kündigte der Mensch dem neu gebackenen Freistaat den Krieg an. Das Reich kam zusammen. Ross, Löwe, Tiger, Bär, Elefant und Rhinozeros traten auf und brüllten laut: Zu den Waffen! Jetzt kam die Reihe an die Übrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich der Insekten, der Vögel, der Fische ganzes menschenscheues Heer – alle traten dazwischen und wimmerten: Friede! Seht, Genueser! Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr denn der Klugen. – Mehrheit setzte durch. Das Tierreich streckte die Waffen, und der Mensch brandschatze sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward also verworfen! Genueser, wozu wäret ihr jetzt geneigt gewesen?

Erster und Zweiter. Zum Ausschuss! Freilich, zum Ausschuss!

Fiesco. Diese Meinung gefiel! Die Staatsgeschäfte teilten sich in mehrere Kammern. Wölfe besorgten die Finanzen, Füchse waren ihre Sekretäre. Tauben führten das Kriminalgericht. Tiger die gütlichen Vergleiche, Böcke schlichteten Heiratsprozesses. Soldaten waren die Hasen; Löwen und Elefant blieben bei der Bagage, der Esel war Gesandter des Reichs, und der Maulwurf Oberaufseher über die Verwaltung der Ämter. Genueser, was hofft ihr von dieser weisen Verteilung? Wen der Wolf nicht zerriss, den prellte der Fuchs. Wer diesem entrann, den tölpelte der Esel nieder. Tier erwürgten die Unschuld; Diebe und Mörder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn die Ämter niedergelegt wurden, fand sie der Maulwurf alle unsträflich verwaltet. – Die Tiere empörten sich. Lasst uns einen Monarchen wählen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur einen Wagen hat – und einem Oberhaupt huldigten alle – einem, Genueser! – aber (indem er mit Hoheit unter sie tritt) es war der Löwe.

Alle (klatschen, werfen die Mützen in die Höhe). Bravo! Bravo! Das haben sie schlau gemacht!

Erster. Und Genua soll’s nachmachen, und Genua hat seinen Mann schon!

Fiesco. Ich will ihn nicht wissen! Gehet heim! Denkt auf den Löwen! (Die Bürger tumultuarisch hinaus.) Es geht erwünscht. Volk und Senat wider Doria. Volk und Senat für Fiesco - - Hassan! Hassan! – Ich muss diesen Hass verstärken! Dieses Interesse anfrischen! – Heraus, Hassan! Hurensohn der Hölle! Hassan! Hassan!


Neunter Auftritt

Mohr kommt. Fiesco.

Mohr (wild). Meine Sohlen brennen noch! Ws gibt’s schon wieder?

Fiesco. Was ich befehle.

Mohr (geschmeidig). Wohin lauf’ ich zuerst? Wohin zuletzt?

Fiesco. Das Laufen sei dir diesmal geschenkt. Du wirst geschleift werden. Mache dich gleich gefasst; ich posaune jetzt deinen Meuchelmord aus und übergebe dich gebunden der peinlichen Rota.

Mohr (sechs Schritte zurück). Herr! – das ist wider die Abrede.

Fiesco. Sei ganz ruhig. Es ist nichts mehr, denn ein Possenspiel. In diesem Augenblick liegt alles daran, dass Gianettinos Anschlag auf mein Leben ruchbar wird. Man wird dich peinlich verhören.

Mohr. Ich bekenne dann oder leugne?

Fiesco. Leugnest. Man wird dich auf die Tortur schrauben. Den ersten Grad stehest du aus. Diese Witzigung kannst du auf Konto deines Meuchelmords hinnehmen. Beim zweiten bekennst du.

Mohr (schüttelt den Kopf bedenklich). Ein Schelm ist der Teufel. Die Herren könnten mich beim Essen behalten, und ich würde aus lauter Komödie gerädert.

Fiesco. Du kommst ganz weg. Ich gebe dir meine gräfliche Ehre. Ich werde mir deine Bestrafung zur Genugtuung ausbitten, und dich dann vor den Augen der ganzen Republik pardonieren.

Mohr. Ich lasse mir’s gefallen. Sie werden mir das Gelenk auseinander treiben. Das macht geläufiger.

Fiesco. So ritze mir hurtig mit deinem Dolch den Arm auf, bis Blut darnach läuft – Ich werde tun, als hätt’ ich dich erst frisch auf der Tat ergriffen. Gut! (Mit grässlichem Geschrei.) Mörder! Mörder! Mörder! Besetzt die Wege! Riegelt die Pforten zu! (Er schleppt den Mohren an der Gurgel hinaus, Bediente fliehen über den Schauplatz.)


Zehnter Auftritt

Leonore. Rosa stürzen erschrocken herein.

Leonore. Mord! Schrieen sie, Mord! Von hier kam der Lärm.

Rosa. Ganz gewiss nur ein blinder Tumult, wie alltäglich in Genua.

Leonore. Sie schrieen Mord, und das Volk murmelte deutlich: Fiesco. Armselige Betrüger! Meine Augen wollen sie schonen, aber mein Herz überlistet sie. Geschwind, eile nach, sieh, sage mir, wo sie ihn hinschleppen.

Rosa. Sammeln sie sich. Bella ist nach.

Leonore. Bella wird seinen brechenden Blick noch auffassen! Die glückliche Bella! Weh über mich, seine Mörderin! Hätte Fiesco mich lieben können, nie hätte Fiesco sich in die Welt gestürzt, nie in die Dolche des Neids! – Bella kommt! Fort! Rede nicht, Bella!


Elfter Auftritt

Vorige. Bella.

Bella. Der Graf lebt und ist ganz. Ich sah ihn durch die Stadt galoppieren. Nie sah ich unsern gnädigen Herrn so schön. Der Rappe prahlte unter ihm, und jagte mit hochmütigem Huf das andrängende Volk von seinem fürstlichen Reiter. Er erblickte mich, als er vorüber flog, lächelte gnädig, winkte hierher und warf drei Küsse zurück. (Boshaft). Was mach’ ich damit, Signora?

Leonore (in Entzückung). Leichtfertige Schwätzerin! Bring’ sie ihm wieder.

Rosa. Nun sehen sie! Jetzt sind sie wieder Scharlach über und über.

Leonore. Sein Herz wirft er der Dirne nach, und ich jage nach einem Blick? – O Weiber! Weiber! (Gehen ab.)


Zwölfter Auftritt

Im Palast des Andreas.

Gianettino. Lomellin kommen hastig.

Gianettino. Lasst sie um ihre Freiheit brüllen, wie die Löwin um ein Junges. Ich bleibe dabei.

Lomellin. Doch, gnädiger Herr –

Gianettino. Zum Teufel mit eurem Doch, dreistundenlanger Prokurator! Ich weiche um keines Haares Breite. Lass’ Genuas Türme die Köpfe schütteln und die tobende See nein darein brummen. Ich fürchte den Tross nicht!

Lomellin. Der Pöbel ist freilich das brennende Holz, aber der Adel gibt seinen wind dazu. Die ganze Republik ist in Wallung. Volk und Patrizier!

Gianettino. So steh’ ich wie Nero auf dem Berg und sehe dem possierlichen Brande zu –

Lomellin. Bis sich die ganze Masse des Aufruhrs einem Parteigänger zuwirft, der ehrgeizig genug ist, in der Verwüstung zu ernten.

Gianettino. Possen! Possen! Ich kenne nur Einen, der fürchterlich werden könnte, und für den ist gesorgt.

Lomellin. Seine Durchlaucht. (Andreas kommt. Beide verneigen sich tief.)

Andreas. Signor Lomellin! Meine Nichte wünscht auszufahren.

Lomellin. Ich werde die Gnade haben, sie zu begleiten. (Ab.)


Dreizehnter Auftritt

Andreas. Gianettino.

Andreas. Höre, Neffe! Ich bin schlimm mit dir zufrieden.

Gianettino. Gönnen sie mir Gehör, durchlauchtigster Oheim!

Andreas. Dem zerlumptesten Bettler in Genua, wenn er es wert ist. Einem Bubem niemals, und wär’ er mein Neffe. Gnädig genug, dass ich dir den Oheim zeige; du verdienst den Herzog und seine Signoria zu hören.

Gianettino. Nur ein Wort, gnädigster Herr –

Andreas. Höre, was du getan hast, und verantworte dich dann - - Du hast ein Gebäude umgerissen, das ich in einem halben Jahrhundert sorgsam zusammenfügt – das Mausoleum deines Oheims – seine einzige Pyramide - - die Liebe der Genueser. Den Leichtsinn verzeiht dir Andreas.

Gianettino. Mein Oheim und Herzog –

Andreas. Unterbrich mich nicht. Du hast das schönste Kunstwerk der Regierung verletzt, das ich selbst den Genuesern vom Himmel holte, das mich so viele Nächte gekostet, so viele Gefahren und Blut. Vor ganz Genua hast du meine fürstliche Ehre besudelt, weil du für meine Anstalt keine Achtung zeigtest. Wem wird sie heilig sein, wenn mein Blut sie verachtet? – Diese Dummheit verzeiht dir der Oheim.

Gianettino (beleidigt). Gnädigster Herr, sie haben mich zu Genuas Herzog erzogen.

Andreas. Schweig – du bist ein Hochverräter des Staats und hast das Herz seines Lebens verwundet. Merke dir’s, Knabe! Es heißt – Unterwerfung! – Weil der Hirt am Abend seines Tagwerks zurücktrat, wähntest du die Herde verlassen? Weil Andreas eisgraue Haare trägt, trampeltest du wie ein Gassenjunge auf den Gesetzen?

Gianettino (trotzig). Gemach, Herzog. Auch in meinen Adern siedet das Blut des Andreas, vor dem Frankreich erzitterte.

Andreas. Schweig! Befehl’ ich – Ich bin gewohnt, dass das Meer aufhorcht, wenn ich rede – Mitten in ihrem Tempel spielst du die majestätische Gerechtigkeit an. Weißt du, wie man das ahndet, Rebelle? – Jetzt antworte!

(Gianettino heftet den Blick sprachlos zu Boden.)

Andreas. Unglückseliger Andreas! In deinem eigenen Herzen hast du den Wurm deines Verdienstes ausgebrütet. – Ich baute den Genuesern ein Haus, das der Vergänglichkeit spotten sollte, und werfe den ersten Feuerbrand hinein; - diesen! Dank’ es, Unbesonnener, diesem eisgrauen Kopf, der von Familienhänden zur Grube gebracht sein will – Dank’ es meiner gottlosen Liebe, dass ich den Kopf des Empörers dem beleidigten Staate nicht – vom Blutgerüste zuwerfe. (Schnell ab.)


Vierzehnter Auftritt

Lomellin außer Atem, erschrocken. Gianettino sieht dem Herzog glühend und sprachlos nach.

Lomellin. Was hab’ ich gesehen? Was angehört? Jetzt! Jetzt! Fliehen sie, Prinz! Jetzt ist alles verloren.

Gianettino (mit Ingrimm). Was war zu verlieren?

Lomellin. Genua, Prinz. Ich komme vom Markt. Das Volk drängt sich um einen Mohren, der an Stricken dahingeschleift wurde; der Graf von Lavagna, über die dreihundert Nobili ihm nach bis ins Richthaus, wo die Verbrecher gefoltert werden. Der Mohr war über einem Meuchelmord ertappt worden, den er an dem Fiesco vollstrecken sollte.

Gianettino (stampft mit dem Fuß). Was? Sind heut’ alle Teufel los?

Lomellin. Man inquirierte scharf, wer ihn bestochen. Der Mohr gestand nichts. Man brachte ihn auf die erste Folter. Er gestand nichts. Man brachte ihn auf die zweite. Er sagte aus, sagte aus – gnädiger Herr, wo dachten sie hin, da sie ihre Ehre einem Taugenichts preisgaben?

Gianettino (schnaubt ihn wild an). Frage mich nichts!

Lomellin. Hören sie weiter. Kaum war das Wort Doria ausgesprochen – lieber hätt’ ich meinen Namen au der Schreibtafel des Teufels gelesen, als hier den ihrigen gehört – so zeigte sich Fiesco dem Volk. Sie kennen ihn, den Mann, der befehlend flehet, den Wucherer mit den Herzen der Menge. Die ganze Versammlung hing ihm atemlos in starren, schrecklichen Gruppen entgegen; er sprach wenig, aber streifte den blutenden Arm auf, das Volk schlug sich um die fallenden Tropfen, wie um Reliquien. Der Mohr wurde seiner Willkür übergeben, und Fiesco – ein Herzstoß für uns – Fiesco begnadigte ihn. Jetzt raste die Stille des Volks in einen brüllenden Laut aus, jeder Atem zernichtete einen Doria, Fiesco wurde auf tausendstimmigen Vivat nach Hause getragen.

Gianettino (mit einem dumpfen Gelächter). Der Aufruhr schwelle mir an die Gurgel – Kaiser Karl! Mit dieser einzigen Silber will ich sie niederwerfen, dass in ganz Genua auch keine Glocke mehr summen soll.

Lomellin. Böhmen liegt weit von Italien – Wenn Karl sich beeilt, kann er noch zeitig genug zu ihrem Leichenschmause kommen.

Gianettino (zieht einen Brief mit großem Siegel hervor). Glück genug also, dass er schon hier ist! – Verwundert sich Lomellin? Glaubt er mich tolldreist genug, wütige Republikaner zu reizen, wenn sie nicht schon verkauft und verraten wären?

Lomellin (betreten). Ich weiß nicht, was ich denke.

Gianettino. Ich denke etwas, das du nicht weißt. Der Schluss ist gefasst. Übermorgen fallen zwölf Senatoren. Doria wird Monarch, und Kaiser Karl wird ihn schützen – Du trittst zurück?

Lomellin. Zwölf Senatoren! Mein Herz ist nicht weit genug, eine Blutschuld zwölf Mal zu fassen.

Gianettino. Närrchen, am Thron wirft man sie nieder. Siehst du, ich überlegte mit Karls Ministern, dass Frankreich in Genua noch starke Parteien hätte, die es ihm zum zweiten Mal in die Hände spielen könnten, wenn man sie nicht mit der Wurzel vertilgte. Das wurmte beim alten Karl. Er unterschrieb meinen Anschlag – und du schreibst, was ich diktiere.

Lomellin. Noch weiß ich nicht –

Gianettino. Setze dich! Schreib!

Lomellin. Was schreib’ ich aber? (Setzt sich.)

Gianettino. Die Namen der zwölf Kandidaten – Franz Zenturione.

Lomellin (schreibt). Zum Dank für sein Votum führt er den Leichenzug.

Gianettino. Cornelio Calva.

Lomellin. Calva.

Gianettino. Michael Zibo.

Lomellin. Eine Abkühlung auf die Prokuratur.

Gianettino. Thomas Asserato mit drei Brüdern. (Lomellin hält inne.)

Gianettino (nachdrücklich). Mit drei Brüdern.

Lomellin (schreibt). Weiter.

Gianettino. Fiesco von Lavagna.

Lomellin. Geben sie Acht! Geben sie Acht! Sie werden über diesem schwarzen Stein noch den Hals brechen.

Gianettino. Scipto Bourgognino.

Lomellin. Der mag anderswo Hochzeit halten.

Gianettino. Wo ich Brautführer bin – Raphael Sacco.

Lomellin. Dem soll’ ich Pardon auswirken, bis er mir meine fünftausend Scudi bezahlt hat. (Schreibt.) Der Tod macht quitt.

Gianettino. Vincent Calcagno.

Lomellin. Calcagno – den Zwölften schreib’ ich auf meine Gefahr, oder unser Todfeind ist vergessen.

Gianettino. Ende gut, alles gut. Joseph Verrina.

Lomellin. Das war der Kopf des Wurms. (Steht auf, streut Sand, fliegt die Schrift durch, reicht sie dem Prinzen.) Der Tod gibt übermorgen prächtige Gala, und hat zwölf genuesische Fürsten geladen.

Gianettino (tritt zum Tisch, unterzeichnet). Es ist geschehen. – In zwei Tagen ist Dogewahl. Wenn die Signoria versammelt ist, werden die Zwölf auf das Signal eines Schnupftuchs mit einem plötzlichen Schuss gestreckt, wenn zugleich meine zweihundert Deutschen das Rathaus mit Sturm besetzen. Ist das vorbei, tritt Gianettino Doria in den Saal und lässt sich huldigen. (Klingelt.)

Lomellin. Und Andreas?

Gianettino (verächtlich). Ist ein alter Mann. (Ein Bedienter.) Wenn der Herzog fragt, ich bin in der Messe. (Bedienter ab.) Der Teufel, der in mir steckt, kann nur in Heiligenmaske inkognito bleiben.

Lomellin. Aber das Blatt, Prinz?

Gianettino. Nimmst du, lassest es durch unsere Partei zirkulieren. Dieser Brief muss mit Extrapost nach Levante. Er unterrichtet den Spinola von allem, und heißt ihn früh acht Uhr in der Hauptstadt hier eintreffen. (Will fort.)

Lomellin. Ein Loch im Fass, Prinz! Fiesco besucht keinen Senat mehr.

Gianettino (zurückrufend). Doch noch einen Meuter wird Genua haben? Ich sorge dafür. (Ab in ein Seitenzimmer. Lomellin fort durch ein anderes.)


Fünfzehnter Auftritt

Vorzimmer bei Fiesco.

Fiesco mit Briefen und Wechseln. Mohr.

Fiesco. Also vier Galeeren sind eingelaufen?

Mohr. Liegen glücklich in der Darsena vor Anker.

Fiesco. Das kommt erwünscht. Woher die Expressen?

Mohr. Von Rom, Piacenza und Frankreich.

Fiesco (bricht die Briefe auf, fliegt sie durch). Willkommen, willkommen in Genua! (Sehr aufgeräumt.) Die Kuriere werden fürstlich bewirtet.

Mohr. Hum! (Will gehen.)

Fiesco. Halt! Halt! Hier kommt Arbeit für dich die Fülle.

Mohr. Was steht zu Befehl? Die Nase des Spürers oder der Stachel des Skorpions?

Fiesco. Für jetzt des Lockvogels Schlag. Morgen früh werden zweitausend Mann verkappt zur Stadt hereinschleichen, Dienste bei mir zu nehmen. Verteile du deine Handlanger an den Toren herum, mit der Ordre, auf die eintretenden Passagier sein wachsames Auge zu haben. Einige werden als ein Trupp Pilgrime kommen, die nach Loretto wallfahrten gehen, andre als Ordensbrüder, oder Savoyarden, oder Komödianten, wieder andere als Krämer, oder als ein Trupp Musikanten, die meisten als abgedankte Soldaten, die genuesisches Brot essen wollen. Jeder Fremde wird ausgefragt, wo er einstelle? Antwortet er: Zur goldenen Schlange, so muss man ihn freundlich grüßen und meine Wohnung bedeuten. Höre, Kerl! Aber ich baue auf deine Klugheit.

Mohr. Herr! Wie auf meine Bosheit. Entwischt mir eine Locke Haar, so sollt ihr meine zwei Augen in eine Windbüchse laden und Sperlinge damit schießen. (Will fort.)

Fiesco. Halt! Noch eine Arbeit. Die Galeeren werden der Nation scharf in die Augen stechen. Merke auf, was davon Rede wird. Fragt dich jemand, so hast du von weitem murmeln gehört, dass dein Herr damit Jagd auf die Türken mache. Verstehest du?

Mohr. Verstehe. Die Bärte der Beschnittenen liegen oben drauf. Was im Korb ist, weiß der Teufel. (Will fort.)

Fiesco. Gemach. Noch eine Vorsicht. Gianettino hat neuen Grund, mich zu hassen und mir Fallen zu stellen. Geh, beobachte deine Kameraden, ob du nicht irgendwo einen Meuchelmord witterst. Doria besucht die verdächtigen Häuser. Hänge dich an die Töchter der Freude. Die Geheimnisse des Kabinetts stecken sich gern in die Falten eines Weiberrocks. Versprich ihnen Gold speiende Kunden – versprich deinen Herrn. Nichts kann zu ehrwürdig sein, das du nicht in diesen Morast untertauchen sollst, bis du den festen Boden fühlst.

Mohr. Halt! Holla! Ich habe den Eingang bei einer gewissen Diana Bononi, und bin gegen fünf Vierteljahre ihr Zuführer gewesen. Vorgestern sah ich den Prokurator Lomellino aus ihrem Hause kommen.

Fiesco. Wie gerufen. Eben der Lomellino ist der Hauptschlüssel zu allen Tollheiten Dorias. Gleich morgen früh musst du hingehen. Vielleicht ist er heute Nacht dieser keuschen Luna Endymion.

Mohr. Noch ein Umstand, gnädiger Herr! Wenn mich die Genueser fragen –und ich bin des Teufels! Das werden sie – wenn sie mich jetzt fragen: Was denkt Fiesco zu Genua? – Werdet ihr eure Maske noch länger tragen, oder was soll ich antworten?

Fiesco. Antworten? Wart! Die Frucht ist ja zeitig. Wehen verkündigen die Geburt – Genua liege auf dem Block, sollst du antworten, und dein Herr heiße Johann Ludwig Fiesco.

Mohr (sich froh streckend). Was ich anbringen will, dass sich’s gewaschen haben soll, beim einer hundsföttischen Ehre! – Aber nun hell auf, Freund Hassan! In ein Weinhaus zuerst! Meine Füße haben alle Hände voll zu tun – ich muss meinen Magen karessieren, dass er bei meinen Beinen das Wort redet. (Eilt ab, kommt aber schnell zurück). A propos! Bald hätt’ ich das verplaudert. Was zwischen eurer Frau und Calcagno vorging, habt ihr gern wissen mögen? – Ein Korb ging vor, Herr, und das war alles. (Läuft davon.)


Sechzehnter Auftritt

Fiesco bei sich.

Ich bedaure, Calcagno – Meinen sie etwa, ich würde den empfindlichen Artikel meines Ehebetts preisgeben, wenn mir meines Weibes Tugend und mein eigener Wert nicht Handschrift genug ausgestellt hätten? Doch willkommen mit dieser Schwägerschaft. Du bist ein guter Soldat. Das soll mir deinen Arm zu Dorias Untergang kuppeln! - - (Mit starkem Schritt auf und nieder.) Jetzt, Doria, mit mir auf den Kampfplatz! Alle Maschinen des großen Wagestücks sind im Gang. Zum schaudernden Konzert alle Instrumente gestimmt. Nichts fehlt als die Larve herab zu reißen und Genuas Patrioten den Fiesco zu zeigen. (Man hört kommen.) Ein Besuch! Wer mag mich jetzt stören?


Siebenzehnter Auftritt

Voriger. Verrina. Romano mit einem Tableau. Sacco. Bourgognino. Calcagno. Alle verneigen sich.

Fiesco (ihnen entgegen voll Heiterkeit). Willkommen, meine würdigen Freunde! Welche wichtige Angelegenheit führt sie so vollzählig zu mir? – Du auch da, teurer Bruder Verrina? Ich würde bald verlernt haben, dich zu kennen, wären meine Gedanken nicht fleißiger um dich, als meine Augen. War’s nicht seit dem letzten Ball, dass ich meinen Verrina entbehrte?

Verrina. Zähl’ ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Lasten haben indes sein graues Haupt gebeugt. Doch genug hiervon.

Fiesco. Nicht genug für die wissbegierige Liebe. Du wirst mir mehr sagen müssen, wenn wir allein sind. (Zu Bourgognino.) Willkommen, junger Held! Unsere Bekanntschaft ist noch grün, aber meine Freundschaft ist zeitig. Haben sie ihre Meinung von mir verbessert?

Bourgognino. Ich bin auf dem Wege.

Fiesco. Verrina, man sagt mir, das dieser junge Kavalier dein Tochtermann werden soll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieser Wahl. Ich hab’ ihn nur einmal gesprochen, und doch würd’ ich stolz sein, wenn er der meinige wäre.

Verrina. Dieses Urteil macht mich eitel auf meine Tochter.

Fiesco (zu den anderen). Sacco? Calcagno? – Lauter seltne Erscheinungen in meinem Zimmer! Beinahe möcht’ ich mich meiner Dienstfertigkeit schämen, wenn Genuas edelste Zierden sie vorübergehen. – Und hier begrüße ich einen fünften Gast, mir zwar fremd, doch empfohlen genug durch diesen würdigen Zirkel.

Romano. Es ist ein Maler schlechtweg, gnädiger Herr, Romano mit Namen, der sich vom Diebstahl an der Natur ernährt, kein Wappen hat als seinen Pinsel, und nun gegenwärtig ist (mit einer tiefen Verbeugung) die große Linie zu einem Brutuskopf zu finden.

Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meisterin ist eine Verwandte meines Hauses. Ich liebe sie brüderlich. Kunst ist die rechte Hand der Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht. Was malen sie aber, Romano?

Romano. Szenen aus dem nervigen Altertum. Zu Florenz steht mein sterbender Herkules, meine Kleopatra zu Venedig, der wütende Ajax zu Rom, wo die Helden der Vorwelt – im Vatikan wieder auferstehen.

Fiesco. Und was ist wirklich ihres Pinsels Beschäftigung?

Romano. Er ist weggeworfen, gnädiger Herr. Das Licht des Genies bekam weniger Fett, als das Licht des Lebens. Über einen gewissen Punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier ist meine letzte Arbeit.

Fiesco (aufgeräumt). Sie könnte nicht erwünschter gekommen sein. Ich bin heute ganz ungewöhnlich heiter, mein ganzes Wesen feiert eine gewisse heroische Ruhe, ganz offen für die schöne Natur. Stellen sie ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Fest daraus bereiten. Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Künstler schenken. Stellen sie ihr Tableau auf.

Verrina (winkt den anderen). Nun merket auf, Genueser!

Romano (stellt das Gemälde zurecht). Das Licht muss von der Seite spielen. Ziehen sie jenen Vorhang auf. Diesen lassen sie fallen. Gut. (Er tritt auf die Seite.) Es ist die Geschichte der Virginia und des Appius Claudius.

(Lange ausdrucksvolle Pause, worin alle die Malerei betrachten.)

Verrina (in Begeisterung). Spritz’ zu, eisgrauer Vater! – Zuckst du, Tyrann? – Wie so bleich steht ihr Klötze, Römer – ihm nach, Römer – das Schlachtmesser blinkt – Mir nach, Klötze, Genueser – Nieder mit Doria! Nieder! Nieder! (Er haut gegen das Gemälde.)

Fiesco (lächelnd zum Maler). Fordern sie mehr Beifall? Ihre Kunst macht diesen alten Mann zum bartlosen Träumer.

Verrina (erschöpft). Wo bin ich? Wo sind sie hingekommen? Weg, wie Blasen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco?

Fiesco. Siehst du? Über vielem Sehen hast du die Augen vergessen. Diesen Römerkopf findest du bewundernswert? Weg mit ihm! Hier das Mädchen blick’ an! Dieser Ausdruck, wie weich! Wie weiblich! Welche Anmut auch aus den welkenden Lippen! Welche Wolllust im verlöschenden Blick! Unnachahmlich! Göttlich! Romano! – Und noch die weiße, blendenden Brust, wie angenehm noch von des Atems letzten Wellen gehoben! Mehr solche Nymphen, Romano, so will ich vor ihren Phantasien knien und der Natur einen Scheidebrief schreiben.

Bourgognino. Verrina, ist das deine gehoffte herrliche Wirkung?

Verrina. Fasse Mut, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiesco, er muss auf den unsrigen rechnen.

Fiesco (zum Maler). Ja, es ist ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr Mark ist erschöpft. Sie rühren keinen Pinsel mehr an. Doch über des Künstlers Bewunderung vergess’ ich das Werk zu verschlingen. Ich könnte hier stehen und hingaffen, und ein Erdbeben überhören. Nehmen sie ihr Gemälde weg. Sollt’ ich ihnen diesen Virginalkopf bezahlen, müsst’ ich Genua in Versatz geben. Nehmen sie weg.

Romano. Mit Ehre bezahlt sich der Künstler. Ich schenke es ihnen. (Er will hinaus.)

Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano. (Er geht mit majestätischem Schritt im Zimmer und scheint über etwas Großes zu denken. Zuweilen betrachtet er die andern fliegend und scharf, endlich nimmt er den Maler bei der Hand, führt ihn vor das Gemälde.) Tritt her, Maler! (Äußerst stolz und mit Würde.) So trotzig stehst du da, weil du Leben auf toten Tüchern heuchelst und große Taten mit kleinem Aufwand verewigst. Du prahlst mit Poetenhitze, der Phantasie marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne Taten wärmende Kraft; stürzest Tyrannen auf Leinwand; - bist selbst ein elender Sklave! Machst Republiken mit einem Pinsel frei; - kannst deine eignen Ketten nicht brechen! (Voll und befehlend.) Geh! Deine Arbeit ist Gaukelwerk – der Schein weiche der Tat – (mit Größe, indem er das Tableau umwirft) Ich habe getan, was du – nur maltest. (Alle erschüttert. Romano trägt sein Tableau mit Bestürzung fort.)


Achtzehnter Auftritt

Fiesco. Verrina. Bourgognino. Sacco. Calcagno.

Fiesco (unterbricht eine Pause des Erstaunens). Dachtet ihr, der Löwe schliefe, weil er nicht brüllte? Waret ihr eilig genug, euch zu überreden, dass ihr die einzigen wäret, die Genuas Ketten fühlten? Die einzigen, die sie zu zerreißen wünschten? Eh’ ihr sie nur fern rasseln hörtet, hatte sie schon Fiesco zerbrochen. (Er öffnet die Schatulle, nimmt ein Paket Briefe heraus, die er alle über die Tafel spreitet.) Hier Soldaten von Parma – hier französisches Geld - - hier vier Galeeren vom Papst. Was fehlte noch, einen Tyrannen in seinem Nest aufzujagen? Was wisst ihr noch zu erinnern? (Da sie alle erstarrt schweigen, tritt er von der Tafel, mit Selbstgefühl.) Republikaner! Ihr seid geschickter, Tyrannen zu verfluchen, als sie in die Luft zu sprengen. (Alle, außer Verrina, werfen sich sprachlos dem Fiesco zu Füßen.)

Verrina. Fiesco! – Mein Geist neigt sich vor dem deinigen – mein Knie kann es nicht – Du bist ein großer Mensch; aber – Steht auf, Genueser.

Fiesco. Ganz Genua ärgert sich an dem Weichling Fiesco. Ganz Genua fluchte über den verbuhlten Schurken Fiesco. Genueser! Genueser! Meine Buhlerei hat den arglistigsten Despoten betrogen, meine Tollheit hat eurem Fürwitz meine gefährliche Weisheit verhüllt. In den Windeln der Üppigkeit lag das erstaunliche Werk der Verschwörung gewickelt. Genug. Genua kennt mich in euch. Mein ungeheuerster Wunsch ist befriedigt.

Bourgognino (wirft sich unmutig in einen Sessel). Bin ich denn gar nichts mehr?

Fiesco. Aber lasst uns schleunig von Gedanken zu Taten gehen. Alle Maschinen sind gerichtet. Ich kann die Stadt von Land und Wasser bestürmen. Rom, Frankreich und Parma bedecken mich. Der Adel ist schwierig. Des Pöbels Herzen sind mein. Die Tyrannen hab’ ich in Schlummer gesungen. Die Republik ist zu einem Umgusse zeitig. Mit dem Glück sind wir fertig. Nichts fehlt – Aber Verrina ist nachdenkend?

Bourgognino. Geduld. Ich hab’ ein Wörtchen, das ihn rascher aufschrecken soll, als des jüngsten Tages Posaunenruf. (Er tritt zu Verrina, ruft ihm bedeutend zu.) Vater, wach’ auf! Deine Bertha verzweifelt.

Verrina. Wer sprach das? – Zum Werk, Genueser!

Fiesco. Überlegt den Entwurf zur Vollstreckung. Über dem ernsten Gespräch hat uns die Nacht überrascht. Genua liegt schlafen. Der Tyrann fällt erschöpft von den Sünden des Tages nieder. Wachet für beide!

Bourgognino. Ehe wir scheiden, lasst uns den heldenmütigen Bund durch eine Umarmung beschwören. (Sie schließen mit verschränkten Armen einen Kreis.) Hier wachsen Genuas fünf größte Herzen zusammen, Genuas größtes Los zu entscheiden. (Drücken sich inniger.) Wenn der Weltbau auseinander fällt und der Spruch des Gerichts auch die Bande des Bluts, auch der Liebe zerschneidet, bleibt dieses fünffache Heldenblatt ganz! (Treten auseinander.)

Verrina. Wann versammeln wir uns wider?

Fiesco. Morgen Mittag will ich eure Meinungen sammeln.

Verrina. Morgen Mittag denn. Gute Nacht, Fiesco! Bourgognino komm! Du wirst etwas Seltsames hören. (Beide ab.)

Fiesco (zu den andern). Geht ihr zu den Hintertoren hinaus, dass Dorias Spione nichts merken. (Alle entfernen sich.)


Neunzehnter Auftritt

Fiesco, der nachdenkend auf und nieder gehet.

Welch ein Aufruhr in meiner Brust! Welche heimliche Flucht der Gedanken – Gleich verdächtigen Brüdern, die auf eine schwarze Tat ausgehen, auf den Zehen schleichen, und ihr flammrot Gesicht furchtsam zu Boden schlagen, stehlen sich die üppigen Phantome an meiner Seele vorbei – Haltet! Haltet! Lasst mich euch ins Angesicht leuchten - - ein guter Gedanke stählet des Mannes Herz und zeigt sich heldenmäßig dem Tage. – Ha! Ich kenne euch! – Das ist die Liverei des ewigen Lügners – verschwindet! (Wieder Pause, darauf lebhafter.) Republikaner Fiesco? Herzog Fiesco? – Gemach – Hier ist der gähe Hinuntersturz, wo die Mark der Tugend sich schließt, sich scheiden Himmel und Hölle – Eben hier haben Helden gestrauchelt, und Helden sind gesunken, und die Welt belegt ihren Namen mit Flüchen – Eben hier haben Helden gezweifelt, und Helden sind still gestanden und Halbgötter geworden – (Rascher.) Dass sie mein sind, die Herzen von Genua? Dass von meinen Händen dahin, dorthin sich gängeln lässt das furchtbare Genua? – O über die schlaue Sünde, die einen Engel vor jeden Teufel stellt – Unglückselige Schwungsucht! Uralte Buhlerei! Engel küssten an deinem Halse den Himmel hinweg, und der Tod sprang aus deinem kreißenden Bauche – (Sich schaudernd schüttelnd.) Engel singst du mit Sirenentrillern von Unendlichkeit ein – Menschen angelst du mit Gold, Weibern und Kronen! (Nach einer nachdenkenden Pause, fest.) Ein Diadem erkämpfen, ist groß. Es wegwerfen, ist göttlich. (Entschlossen.) Geh’ unter, Tyrann! Sei frei, Genua, und ich (sanft geschmolzen) dein glücklicher Bürger.

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