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         Die Verschwörung des Fiesco
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Erster Aufzug

Saal bei Fiesco. Man hört in der Ferne eine Tanzmusik und den Tumult eines Balls.

Erster Auftritt

Leonore maskiert. Rosa, Arabella fliehen zerstört auf die Bühne.

Leonore (reist die Maske ab). Nichts mehr! Kein Wort mehr! Es ist am Tag. (Sie wirft sich in einen Sessel.) Das wirft mich nieder.

Arabella. Gnädige Frau –

Leonore (aufstehend). Vor meinen Augen! Eine stadtkundige Kokette! Im Angesicht des ganzen Adels von Genua! (Wehmütig.) Rosa! Bella! Und vor meinen weinenden Augen!

Rosa. Nehmen Sie die Sache für das, was sie wirklich war – eine Galanterie –

Leonore. Galanterie? – Und das emsige Wechselspiel ihrer Augen? Das ängstliche Lauern auf ihre Spuren? Der lange verweilende Kuss auf ihren entblößten Arm, dass noch die Spur seiner Zähne im flammenroten Fleck zurückblieb? Ha! Und die starre tiefe Betäubung, worein er, gleich dem gemalten Entzücken, versunken saß, als wäre um ihn her die Welt weggeblasen und er allein mit dieser Julia im ewigen Leeren? Galanterie? – gutes Ding, das noch nie geliebt hat, streite mir nicht über Galanterie und Liebe!

Rosa. Desto besser, Madonna! Einen Gemahl verlieren, heißt zehn Cicisbeo Profit machen.

Leonore. Verlieren? – Ein kleiner aussetzender Puls der Empfindung und Fiesco verloren? Geh’, giftige Schwätzerin – komm’ mir nie wieder vor die Augen! – Eine unschuldige Neckerei – vielleicht eine Galanterie? Ist es nicht so, meine empfindende Bella?

Arabella. O ja! Ganz zuverlässig so!

Leonore (in Tiefsinn versunken). Dass sie darum in seinem Herzen sich wüsste? – Dass hinter jedem seiner Gedanken ihr Name im Hinterhalt läge? – Ihn anspräche in jeder Fußstapfe der Natur? – Was ist das? Wo gerat’ ich hin? Dass ihm die schöne majestätische Welt nichts wäre, als der prächtige Demant, worauf nur ihr Bild – nur ihr Bild gestochen ist? – Dass er sie liebte? – Julien! O deinen Arm her – halte mich, Bella!

(Pause. Die Musik lässt sich von neuem hören.)

Leonore (aufgefahren). Horch! War das nicht die Stimme Fiesco’s, die aus dem Lärmen hervordrang? Kann er lachen, wenn seine Leonore im Einsamen weinet? Nicht doch, mein Kind! Es war Gianettino Dorias bäuerische Stimme.

Arabella. Sie war’s, Signora! Aber kommen sie in ein anderes Zimmer.

Leonore. Du entfärbst dich, Bella! Du lügst – ich lese in euren Augen – in den Gesichtern der Genueser ein etwas – ein etwas. (Sich verhüllend.) O gewiss! Diese Genueser wissen mehr, als für das Ohr einer Gattin tauglich.

Rosa. O der alles vergrößernden Eifersucht!

Leonore (schwermütig schwärmend). Da er noch Fiesco war – daher trat im Pomeranzenhain, wo wir Mädchen lustwandeln gingen, ein blühender Apoll, verschmolzen in den männlich schönen Antinous. Stolz und herrlich trat er daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf seinen jungen Schultern sich wiegte; unsere Augen schlichen diebisch ihm nach, und zuckten zurück, wie auf dem Kirchenraub ergriffen, wenn sein wetterleuchtender Blick sie traf. Ach, Bella! Wie verschlangen wir seine Blicke! Wie parteiisch zählte sie der ängstliche Neid der Nachbarin zu! Sie fielen unter uns wie der Goldapfel des Zanks, zärtliche Augen brannten wilder, sanfte Busen pochten stürmischer, Eifersucht hatte unsere Eintracht zerrissen.

Arabella. Ich besinne mich. Das ganze weibliche Genua kam in Aufruhr um diese schöne Eroberung.

Leonore (begeistert). Und nun mein ihn zu nennen! Verwegenes, entsetzliches Glück! Mein Genuas größten Mann, (mit Anmut) der vollendet sprang aus dem Meißel der unerschöpflichen Künstlerin, alle Größen seines Geschlechts im lieblichsten Schmelze verband – Höret, Mädchen! Kann ich’s nun doch nicht mehr verschweigen! Höret, Mädchen, ich vertraue euch etwas, (geheimnisvoll) einen Gedanken – als ich am Altar stand neben Fiesco, seine Hand in meine gelegt – hatte ich den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten ist: - dieser Fiesco, dessen Hand jetzt in der deinigen liegt – dein Fiesco – aber still! Dass kein Mann uns belausche, wie hoch wir uns mit dem Abfall seiner Vortrefflichkeit brüsten – dieser dein Fiesco – Weh euch, wenn das Gefühl euch nicht höher wirft! – Wird – Genua von seinen Tyrannen erlösen!

Arabella (erstaunt). Und diese Vorstellung kam einem Frauenzimmer am Brauttag?

Leonore. Erstaune, Rosa! Der Braut in der Wonne des Brauttags! (Lebhafter.) Ich bin ein Weib – aber ich fühle den Adel meines Bluts, kann es nicht dulden, dass dieses Haus Doria über unsere Ahnen hinauswachsen will. Jener sanftmütige Andreas – es ist eine Wolllust, ihm gut zu sein – mag immer Herzog von Genua heißen, - aber Gianettino ist sein Neffe – sein Erbe – und Gianettino hat ein freches, hochmütiges Herz. Genua zittert vor ihm, und Fiesco, (in Wehmut hinab gefallen) Fiesco – weinet um mich – liebt seine Schwester.

Arabella. Arme, unglückliche Frau!

Leonore. Gehet jetzt, und sehet diesen Halbgott der Genueser im schamlosen Kreis der Schwelger und Buhldirnen sitzen, ihre Ohren mit unartigem Witze kitzeln, ihnen Märchen von verwünschten Prinzessinnen erzählen - - das ist Fiesco! – Ach, Mädchen! Nicht Genua allein verlor seinen Helden – auch ich meinen Gemahl!

Rosa. Reden sie leiser. Man kommt durch die Galerie.

Leonore (zusammenschreckend). Fiesco kommt. Flieht! Flieht! Mein Anblick könnte ihm einen trüben Augenblick machen. (Sie entspringt in ein Seitenzimmer. Die Mädchen ihr nach.)


Zweiter Auftritt

Gianettino Doria maskiert im grünen Mantel. Ein Mohr. Beide im Gespräch.

Gianettino. Du hast mich verstanden.

Mohr. Wohl.

Gianettino. Die weiße Maske.

Mohr. Wohl.

Gianettino. Ich sage – die weiße Maske.

Mohr. Wohl! Wohl! Wohl!

Gianettino. Hörst du? Du kannst sie nur (auf seine Brust deutend) hierher verfehlen.

Mohr. Seid unbekümmert.

Gianettino. Und einen tüchtigen Stoß!

Mohr. Er soll zufrieden sein.

Gianettino (hämisch). Dass der arme Graf nicht lange leide.

Mohr. Um Vergebung – wie schwer möchte ungefähr sein Kopf ins Gewicht fallen?

Gianettino. Hundert Zechinen schwer.

Mohr (bläst durch die Finger). Puh! Federleicht.

Gianettino. Was brummst du da?

Mohr. Ich sag’ – es ist eine leichte Arbeit.

Gianettino. Das ist deine Sorge. Dieser Mensch ist ein Magnet. Alle unruhigen Köpfe fliegen gegen seine Pole. Höre, Kerl! Fasse ihn ja recht.

Mohr. Aber, Herr – ich muss flugs auf die Tat nach Venedig.

Gianettino. So nimm deinen Dank voraus. (Wirft ihm einen Wechsel zu.) In höchstens drei Tagen muss er kalt sein. (Ab.)

Mohr (indem er den Wechsel vom Boden nimmt). Das nenn’ ich Kredit! Der Herr traut meiner Jaunerparole ohne Handschrift. (Ab.)


Dritter Auftritt

Calcagno, hinter ihm Sacco. Beide in schwarzen Mänteln.

Calcagno. Ich werde gewahr, dass du alle meine Schritte belauerst.

Sacco. Und ich beobachte, dass du mir alle verbirgst. Höre Calcagno, seit einigen Wochen arbeitet etwas auf deinem Gesichte, das nicht geradezu bloß dem Vaterlande gilt – Ich dächte, Bruder, wir beide könnten schon Geheimnis gegen Geheimnis tauschen, und am Ende hätte keiner beim Schleichhandel verloren – Willst du aufrichtig sein?

Calcagno. So sehr, dass, wenn deine Ohren nicht Lust haben, in meine Brust hinunter zu steigen, mein Herz dir halbwegs auf meiner Zunge entgegen kommen soll – ich liebe die Gräfin Fiesco.

Sacco (tritt verwundernd zurück). Wenigstens das hätte ich nicht entziffert, hätte ich alle Möglichkeiten Revue passieren lassen – Deine Wahl spannt meinen Witz auf die Folter, aber es ist um ihn geschehen, wenn sie glückt.

Calcagno. Man sagt, sie sei ein Beispiel der strengsten Tugend.

Sacco. Man lügt. Sie ist das ganze Buch über den abgeschmackten Text. Eins von beiden, Calcagno, gib dein Gewerb oder dein Herz auf. –

Calcagno. Der Graf ist ihr ungetreu. Eifersucht ist die abgefeimteste Kupplerin. Ein Anschlag auf die Doria muss den Grafen in Atem halten und mir im Palaste zu schaffen geben. Während er nun den Wolf aus der Hürde scheucht, soll der Marder in seinen Hühnerstall fallen.

Sacco. Unverbesserlich, Bruder! Habe Dank. Auch mich hast du plötzlich des Notwerdens überhoben. Was ich mich zu denken geschämt habe, kann ich jetzt laut vor dir sagen. Ich bin ein Bettler, wenn die jetzige Verfassung nicht über’n Haufen fällt.

Calcagno. Sind deine Schulden so groß?

Sacco. So ungeheuer, dass mein Lebensfaden, achtfach genommen, am ersten Zehenteil abschnellen muss. Eine Staatsveränderung soll mir Luft machen, hoff’ ich. Wenn sie mir auch nicht zum Bezahlen hilft, soll sie doch meinen Gläubigern das Fordern verleiden.

Calcagno. Ich verstehe – und am Ende, wenn Genua bei der Gelegenheit frei wird, lässt sich Sacco Vater des Vaterlands taufen. Wärme mir einer das verdroschene Märchen von Redlichkeit auf, wenn der Bankrott eines Taugenichts und die Brunst eines Wolllüstlings das Glück eines Staats entscheiden. Bei Gott, Sacco! Ich bewundere in uns beiden die feine Spekulation des Himmels, der das Herz des Körpers durch die Eiterbeulen der Gliedmaßen rettet. – Weiß Verrina um deinen Anschlag?

Sacco. So weit der Patriot darum wissen darf. Genua, weißt du selbst, ist die Spindel, um welche sich alle seine Gedanken mit einer eisernen Treue drehen. An dem Fiesco hängt jetzt sein Falkenaug’. Auch dich hofft er halbwegs zu einem kühnen Komplott.

Calcagno. Er hat eine treffliche Nase. Komm, lass’ uns ihn aufsuchen und seinen Freiheitssinn mit dem unsrigen schüren. (Gehen ab.)


Vierter Auftritt

Julia erhitzt. Fiesco, der einen weißen Mantel trägt, eilt ihr nach.

Julia. Lakaien! Läufer!

Fiesco. Gräfin, wohin? Was beschließen sie?

Julia. Nichts, im mindesten nichts. (Bediente.) Mein Wagen soll vorfahren.

Fiesco. Sie erlauben – er soll nicht. Hier ist eine Beleidigung.

Julia. Pah! Doch wohl das nicht! – Weg! Sie zerren mir ja die Garnierung in Stücken – Beleidigung? Wer ist hier, der beleidigen kann? So gehen sie doch.

Fiesco (auf einem Knie). Nicht, bis sie mir den Verwegenen sagen.

Julia (steht still mit angestemmten Armen). Ah, schön! Schön! Sehenswürdig! Rufte doch jemand die Gräfin von Lavagna zu diesem reizenden Schauspiel! – Wie, Graf? Wo bleibt der Gemahl? Diese Stellung taugte ausnehmend in das Schlafgemach ihrer Frau, wenn sie im Kalender ihrer Liebkosungen blättert und einen Bruch in der Rechnung findet. Stehen sie doch auf. Gehen sie zu Damen, wo sie wohlfeiler markten. So stehen sie doch auf. Oder wollen sie die Impertinenzen ihrer Frau mit ihren Galanterien abbüßen?

Fiesco (springt auf). Impertinenzen? Ihnen?

Julia. Aufzubrechen – den Sessel zurückzustoßen – der Tafel den Rücken zu kehren – der Tafel, Graf! An der ich sitze.

Fiesco. Es ist nicht zu entschuldigen.

Julia. Und mehr ist es nicht? – Über die Fratze! Und ist es denn meine Schuld (sich belächelnd), dass der Graf seine Augen hat?

Fiesco. Das Verbrechen ihrer Schönheit, Madonna, dass er sie nicht überall hat!

Julia. Keine Delikatesse, Graf, wo die Ehre das Wort führt. Ich fordere Genugtuung. Finde ich sie bei Ihnen? Oder hinter den Donnern des Herzogs?

Fiesco. In den Armen der Liebe, die ihnen den Misstritt der Eifersucht abbittet.

Julia. Eifersucht? Eifersucht! Was will denn das Köpfchen. (Vor einem Spiegel gestikulierend). Ob sie wohl eine bessere Fürsprache für ihren Geschmack zu erwarten hat, als wenn ich ihn für den meinigen erkläre? (Stolz.) Doria und Fiesco? – Ob sich die Gräfin von Lavagna nicht geehrt fühlen muss, wenn die Nichte des Herzogs ihre Wahl beneidenswürdig findet? (Freundlich, indem sie dem Grafen ihre Hand zum Küssen reicht.) Ich setze den Fall, Graf, dass ich sie so fände.

Fiesco (lebhaft). Grausamste, und mich dennoch zu quälen! – Ich weiß es, göttliche Julia, dass ich nur Ehrfurcht gegen Sie fühlen sollte. Meine Vernunft heißt mich das Knie des Untertans vor dem Blute Doria beugen, aber mein Herz betet die schöne Julia an. Eine Verbrecherin ist meine Liebe, aber eine Heldin zugleich, die kühn genug ist, die Ringmauer des Rangs zu durchbrechen und gegen die verzehrende Sonne der Majestät anzufliegen.

Julia. Eine große gräfliche Lüge, die auf Stelzen heranhinkt – Seine Zunge vergöttert mich, sein Herz hüpft unter dem Schattenriss einer anderen.

Fiesco. Oder besser, Signora, es schlägt unwillig dagegen und will ihn hinweg drücken. (Indem er die Silhouette Leonores, die an einem himmelblauen Bande hängt, herab nimmt und sie der Julia überliefert.) Stellen sie ihr Bild an diesem Altar auf, so können sie diesen Götzen zerstören.

Julia (steckt das Bild hastig zu sich, vergnügt). Ein großes Opfer, bei meiner Ehre, das meinen Dank verdient. (Sie hängt ihm die ihrige um.) So, Sklave, trage die Farbe deines Herrn. (Sie geht ab.)

Fiesco (mit Feuer). Julia liebt mich! Julia! Ich beneide keinen Gott. (Frohlockend im Saal.) Diese Nacht sei eine Festnacht der Götter, die Freude soll ihr Meisterstück machen. Holla! Holla! (Menge Bediente.) Der Boden meiner Zimmer lecke zyprischen Nektar, Musik lärme die Mitternacht aus ihrem bleiernen Schlummer auf, tausend brennende Lampen spotten die Morgensonne hinweg – Allgemein sei die Lust, der bacchantische Tanz stampfe das Totenreich in polternde Trümmer! (Er eilt ab. Rauschendes Allegro, unter welchem der Vorhang aufgezogen wird und einen großen illuminierten Saal eröffnet, worin viele Masken tanzen. Zur Seite Schenk- und Spieltische von Gästen besetzt.)


Fünfter Auftritt

Gianettino halb betrunken. Lomellin. Bibo. Zenturione. Verrina. Sacco. Calcagno. Alle maskiert. Mehrere Damen und Nobili.

Gianettino (lärmend). Bravo! Bravo! Diese Weine glitschen herrlich, unsere Tänzerinnen springen à merveille. Geh’ einer von euch, streu’ es in Genua aus, ich sei heitern Humors, man könne sich gütlich tun – bei meiner Geburt! Sie werden den Tag rot im Kalender zeichnen und drunter schreiben: Heute war Prinz Doria lustig.

Gäste (setzen die Gläser an). Die Republik! (Trompetenstoß.)

Gianettino (wirft das Glas mit Macht auf die Erde). Hier liegen die Scherben. (Drei schwarze Masken fahren auf, versammeln sich um Gianettino.)

Lomellin (führt den Prinzen vor). Gnädiger Herr, Sie sagten mir neulich von einem Frauenzimmer, das ihnen in der Lorenzokirche begegnete?

Gianettino. Das hab’ ich auch, Bursche, und muss ihre Bekanntschaft haben.

Lomellin. Die kann ich Euer Gnaden verschaffen.

Gianettino (rasch). Kannst du? Kannst du? Lomellin, du hast dich neulich zur Prokuratorwürde gemeldet. Du sollst sie erhalten.

Lomellin. Gnädiger Prinz, es ist die zweite im Staat, mehr denn sechzig Edelleute bewerben sich darum, alle reicher und angesehener, als Euer Gnaden untertäniger Diener.

Gianettino (schnaubt ihn trotzig an). Donner und Doria! Du sollst Prokurator werden. (Die drei Masken kommen vorwärts.) Adel in Genua? Lasst sie all’ ihre Ahnen und Wappen zumal in die Waagschale schmeißen, was braucht es mehr, als ein Haar aus dem weißen Barte meines Onkels, Genua’s ganze Adelschaft in alle Lüfte zu schnellen? Ich will, du sollst Prokurator sein, das ist so viel als alle Stimmen der Signoria.

Lomellin (leiser). Das Mädchen ist die einzige Tochter eines gewissen Verrina.

Gianettino. Das Mädchen ist hübsch, und trotz allen Teufeln! Muss ich sie brauchen.

Lomellin. Gnädiger Herr! Das einzige Kind des starrköpfigsten Republikaners!

Gianettino. Geh’ in die Hölle mit deinem Republikaner! Der Zorn eines Vasallen und meine Leidenschaft! Das heißt, der Leuchtturm muss einstürzen, wenn Buben mit Muscheln darnach werfen. (Die drei schwarzen Masken treten mit großen Bewegungen näher.) Hat darum Herzog Andreas seine Narben geholt, in den Schlachten dieser Lumpenrepublikaner, dass sein Neffe die Gunst ihrer Kinder und Bräute erbetteln soll? Donner und Doria! Diesen Gelust müssen sie nieder schlucken, oder ich will über den Gebeinen meines Oheims einen Galgen aufpflanzen, an dem ihre genuesische Freiheit sich zu Tod zappeln soll. (Die drei Masken treten zurück.)

Lomellin. Das Mädchen ist eben jetzt allein. Ihr Vater ist hier und eine von den drei Masken.

Gianettino. Erwünscht, Lomellin, gleich bringe mich zu ihr.

Lomellin. Aber sie werden eine Buhlerin suchen, und eine Empfindlerin finden.

Gianettino. Gewalt ist die beste Beredsamkeit. Führe mich alsobald hin; den republikanischen Hund will ich sehen, der am Bären Doria hinaufspringt. (Fiesco begegnet ihm an der Tür.) Wo ist die Gräfin?


Sechster Auftritt

Vorige. Fiesco.

Fiesco. Ich habe sie in den Wagen gehoben. (Er fasst Gianettinos Hand und hält sie gegen seine Brust.) Prinz, ich bin jetzt doppelt in ihren Banden. Gianettino herrscht über meinen Kopf und Genua; über mein Herz ihre liebenswürdige Schwester.

Lomellin. Fiesco ist ganz Epikureer worden. Die große Welt hat viel an ihnen verloren.

Fiesco. Aber Fiesco nichts and er großen Welt. Leben heißt träumen; weise sein, Lomellin, heißt angenehm träumen. Kann man das besser unter den Donnern des Throns, wo die Räder der Regierung ewig ins gellende Ohr krachen, als am Busen eins schmachtenden Weibes? Gianettino Doria mag über Genua herrschen. Fiesco wird lieben.

Gianettino. Brich auf, Lomellin! Es wird Mitternacht. Die Zeit rückt heran. Lavagna, wir danken für deine Bewirtung. Ich war zufrieden.

Fiesco. Das ist alles, was ich wünschen kann, Prinz.

Gianettino. Also gute Nacht. Morgen ist Spiel bei Doria, und Fiesco ist eingeladen. Komm, Prokurator.

Fiesco. Musik! Lichter!

Gianettino (trotzig durch die drei Masken). Platz dem Namen des Herzogs.

Eine von den drei Masken (murmelt unwillig). In der Hölle! Niemals in Genua!

Gäste (in Bewegung). Der Prinz bricht auf. Gute Nacht, Lavagna! (Taumeln hinaus.)


Siebenter Auftritt

Die drei schwarzen Masken. Fiesco.

Fiesco. Ich werde hier Gäste gewahr, die die Freuden meines Festes nicht teilen.

Masken (murmeln verdrießlich durcheinander). Nicht einer.

Fiesco (verbindlich). Sollte mein guter Wille einen Genueser missvergnügt weglassen? Hurtig, Lakaien! Man soll den Ball erneuern und die großen Pokale füllen. Ich wollte nicht, dass jemand hier Langeweile hätte. Darf ich ihre Augen mit Feuerwerken ergötzen? Wollen sie die Künste meines Harlekinshören? Vielleicht finden sie bei meinem Frauenzimmer Zerstreuung? Oder wollen wir uns zum Pharao setzen und die Zeit mit Spielen betrügen?

Eine Maske. Wir sind gewohnt, sie mit Taten zu bezahlen!

Fiesco. Eine männliche Antwort, und – das ist Verrina!

Verrina (nimmt die Maske ab). Fiesco findet seine Freunde geschwinder in ihren Masken, als sie ihn in der seinigen.

Fiesco. Ich verstehe das nicht. Aber was soll der Trauerflor an deinem Arm? Sollte Verrina jemand begraben haben und Fiesco nichts darum wissen?

Verrina. Trauerpost taugt nicht für Fiesco’s lustige Feste.

Fiesco. Doch wenn ein Freund ihn auffordert. (Drückt seine Hand mit Wärme.) Freund meiner Seele! Wer ist uns beiden gestorben?

Verrina. Beiden! Beiden! O allzuwahr! – Aber nicht alle Söhne trauern um ihre Mutter.

Fiesco. Deine Mutter ist lange vermodert.

Verrina (bedeutend). Ich besinne mich, dass Fiesco mich Bruder nannte, weil ich der Sohn seines Vaterlands war.

Fiesco (scherzhaft). Ach! Ist es das? Also auf einen Spaß war es abgezielt? Trauerkleider um Genua! Und es ist wahr, Genua liegt wirklich in den letzten Zügen. Der Gedanke ist einzig und neu. Unser Vetter fängt an ein witziger Kopf zu werden.

Calcagno. Er hat es ernsthaft gesagt, Fiesco!

Fiesco. Freilich! Freilich! Das war’s eben. So trocken weg und so weinerlich. Der Spaß verliert alles, wenn der Spaßmacher selber lacht. Mit einer wahren Leichenbittersmiene! Hätt’ ich’s je gedacht, dass der finstere Verrina in seinen alten Tagen noch ein so lustiger Vogel würde!

Sacco. Verrina, komm! Er ist nimmermehr unser.

Fiesco. Aber lustig weg, Landsmann. Lass uns aussehen wie listige Erben, die heulend hinter der Bahre gehen, und desto lauter ins Schnupftuch lachen. Doch dürften wir dafür eine harte Stiefmutter kriegen. Sei’s drum, wir lassen sie keifen; und – schmausen.

Verrina (heftig bewegt). Himmel und Erde! Und tun nichts? – Wo bist du hingekommen, Fiesco? Wo soll ich den großen Tyrannenhasser erfragen? Ich weiß eine Zeit, wo du beim Anblick einer Krone Gichter bekommen hättest. – Gesunkener Sohn der Republik! Du wirst’s verantworten, dass ich keinen Heller um meine Unsterblichkeit gebe, wenn die Zeit auch Geister abnützen kann.

Fiesco. Du bist der ewige Grillenfänger. Mag er Genua in die Tasche stecken und an einen Kaper von Tunis verschachern, was kümmert’s uns? Wir trinken Zyprier und küssen schöne Mädchen.

Verrina (blickt ihn ernst an). Ist das deine wahre, ernstliche Meinung?

Fiesco. Warum nicht, Freund? Ist es denn eine Wolllust, der Fuß des trägen, vielbeinigen Tiers Republik zu sein? Dank es dem, der ihm Flügel gibt und die Füße ihrer Ämter entsetzt. Gianettino Doria wird Herzog. Staatsgeschäfte werden uns keine grauen Haare mehr machen.

Verrina. Fiesco? – Ist das deine wahre, ernstliche Meinung?

Fiesco. Andreas erklärt seinen Neffen zum Sohn und Erben seiner Güter, wer will der Thor sein, ihm das Erbe seiner Macht abzustreiten?

Verrina (mit äußerstem Unmut). So kommt, Genueser! (Er verlässt den Fiesco schnell, die andern folgen.)

Fiesco. Verrina! – Verrina! – Dieser Republikaner ist hart wie Stahl! -


Achter Auftritt

Fiesco. Eine unbekannte Maske.

Maske. Haben Sie eine Minute übrig, Lavagna?

Fiesco (zuvorkommend). Für sie eine Stunde!

Maske. So haben sie die Gnade, einen Gang mit mir vor die Stadt zu tun.

Fiesco. Es ist fünfzig Minuten auf Mitternacht.

Maske. Sie haben die Gnade, Graf.

Fiesco. Ich werde anspannen lassen.

Maske. Das ist nicht nötig. Ich schicke ein Pferd voraus. Mehr braucht es nicht, denn ich hoffe, es soll nur einer zurückkommen.

Fiesco (betreten). Und?

Maske. Man wird ihnen au feine gewisse Träne eine blutige Antwort abfordern.

Fiesco. Diese Träne?

Maske. Einer gewissen Gräfin von Lavagna. Ich kenne diese Dame sehr gut, und will wissen, womit sie verdient hat, das Opfer dieser Närrin zu werden?

Fiesco. Jetzt verstehe ich sie. Darf ich den Namen dieses seltsamen Ausforderers wissen?

Maske. Es ist der nämliche, der das Fräulein von Zibo einst anbetete und vor dem Bräutigam Fiesco zurücktrat.

Fiesco. Scipio Bourgognino!

Bourgognino (nimmt die Maske ab). Und der jetzt da ist, seine Ehre zu lösen, die einem Nebenbuhler wich, der klein genug denkt, die Sanftmut zu quälen.

Fiesco (umarmt ihn mit Feuer). Edler junger Mann! Gedankt sei’s dem Leiden meiner Gemahlin, das mir eine so werte Bekanntschaft macht. Ich fühle die Schönheit ihres Unwillens, aber ich schlage mich nicht.

Bourgognino (einen Schritt zurück). Der Graf von Lavagna wäre zu feig, sich gegen die Erstlinge meines Schwertes zu wagen?

Fiesco. Bourgognino! Gegen die ganze Macht Frankreichs, aber nicht gegen Sie! Ich ehre dieses liebe Feuer für einen lieberen Gegenstand. Einen Lorbeer verdiente der Wille, aber die Tat wäre kindisch.

Bourgognino (erregt). Kindisch! Graf? – Das Frauenzimmer kann über Misshandlung nur weinen – Wofür ist der Mann da?

Fiesco. Ungemein gut gesagt, aber ich schlage mich nicht.

Bourgognino (dreht ihm den Rücken und will gehen). Ich werde sie verachten.

Fiesco (lebhaft). Bei Gott, Jüngling! Das wirst du nie, und wenn die Tugend im Preis fallen sollte. (Fasst ihn bedächtlich bei der Hand.) Haben sie jemals etwas gegen mich gefühlt, das man – wie soll ich sagen? Ehrfurcht nennt?

Bourgognino. Wär’ ich einem Mann gewichen, den ich nicht für den ersten der Menschen erklärte?

Fiesco. Also, mein Freund! Einen Mann, der einst meine Ehrfurcht verdiente, würd’ ich – etwas langsam verachten lernen. Ich dächte doch, das Gewebe eines Meisters sollte künstlicher sein, als dem flüchtigen Anfänger so geradezu in die Augen zu springen – Gehen sie heim, Bourgognino, und nehmen sie sich Zeit, zu überlegen, warum Fiesco so und nicht anders handelt. (Bourgognino geht stillschweigend ab.) Fahr’ hin, edler Jüngling! Wenn diese Flammen ins Vaterland schlagen, mögen die Doria feste stehen.


Neunter Auftritt

Fiesco. Der Mohr tritt schüchtern herein und sieht sich überall sorgfältig um.

Fiesco (fasst ihn scharf und lang ins Auge). Was willst du und wer bist du?

Mohr (wie oben). Ein Sklave der Republik.

Fiesco. Sklaverei ist ein elendes Handwerk. (Immer ein scharfes Aug’ auf ihn.) Was suchst du?

Mohr. Herr, ich bin ein ehrlicher Mann.

Fiesco. Häng’ immer diesen Schild vor dein Gesicht hinaus, das wird nicht überflüssig sein – aber was suchst du?

Mohr (sucht ihm näher zu kommen, Fiesco weicht aus). Herr, ich bin kein Spitzbube.

Fiesco. Es ist gut, dass du das beifügst, und – doch wieder nicht gut. (Ungeduldig.) Aber was suchst du?

Mohr (rückt wieder näher). Seid ihr der Graf Lavagna?

Fiesco (stolz). Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt. – Was soll dir der Graf?

Mohr. Seid auf eurer Hut, Lavagna! (Hart an ihm.)

Fiesco (springt auf die andere Seite). Das bin ich wirklich.

Mohr (wie oben). Man hat nichts Gutes gegen euch vor, Lavagna!

Fiesco (retirivt sich wieder). Das seh’ ich.

Mohr. Hütet euch vor dem Doria.

Fiesco (tritt ihm vertraut näher). Freund! Sollt’ ich dir doch wohl Unrecht getan haben? Diesen Namen fürchte ich wirklich.

Mohr. So flieht vor dem Mann. Könnt ihr lesen?

Fiesco. Eine kurzweilige Frage! Du bist bei manchem Kavalier herumgekommen. Hast du was Schriftliches?

Mohr. Euren Namen bei armen Sündern. (Er reicht ihm einen Zettel und nistet sich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel, und schielt über das Papier. Der Mohr geht lauernd um ihn herum, endlich zeiht er den Dolch und will stoßen.)

Fiesco (dreht sich geschickt und fährt nach dem Arm des Mohren). Sachte, Kanaille! (Entreißt ihm den Dolch.)

Mohr (stampft wild auf den Boden). Teufel! – Bitt’ um Vergebung! (Will sich abführen.)

Fiesco (packt ihn, mit starker Stimme). Stephano! Drullo! Antonio! (Den Mohren an der Gurgel.) Bleib’, guter Freund! Höllische Büberei! (Bediente.) Bleib’ und antworte! Du hast schlechte Arbeit gemacht, an wen hast du deinen Taglohn zu fordern?

Mohr (nach vielen vergeblichen Versuchen sich wegzustehlen, entschlossen). Man kann mich nicht höher hängen, als der Galgen ist.

Fiesco. Nein, tröste dich! Nicht an die Hörner des Monds, aber doch hoch genug, dass du den Galgen für einen Zahnstocher ansehen sollst. Doch deine Wahl war zu staatsklug, als dass ich sie deinem Mutterwitz zutrauen sollte. Sprich also, wer hat dich gedungen?

Mohr. Herr, einen Schurken könnt’ ihr mich schimpfen, aber einen Dummkopf verbitt’ ich.

Fiesco. Ist die Bestie stolz? Bestie, sprich, wer hat dich gedungen?

Mohr (nachdenkend). Hum! So wär’ ich doch nicht allein der Narr? – Wer mich gedungen hat? – Und waren’s doch nur hundert magere Zechinen! – Wer mich gedungen hat? – Prinz Gianettino.

Fiesco (erbittert auf und nieder). Hundert Zechinen und nicht mehr für Fiesco Kopf? (Hämisch.) Schäme dich, Kronprinz von Genua. (Nach einer Schatulle eilend.) Hier, Bursche, sind tausend, und sag’ deinem Herrn – er sei ein knickiger Mörder!

(Mohr betrachtet ihn vom Fuß bis zum Wirbel.)

Fiesco. Du besinnst dich, Bursche?

Mohr (nimmt das Geld, setzt es nieder, nimmt es wieder und besieht ihn mit immer steigendem Erstaunen).

Fiesco. Was machst du, Bursche?

Mohr (wirft das Geld entschlossen auf den Tisch). Herr – das Geld hab’ ich nicht verdient.

Fiesco. Schafskopf von einem Gauner! Den Galgen hast du verdient. Der entrüstete Elefant zertritt Menschen, aber nicht Würmer. Dich würd’ ich hängen lassen, wenn es mich nur so viel mehr als zwei Worte kostete.

Mohr (mit einer frohen Verbeugung). Der Herr sind gar zu gütig.

Fiesco. Behüte Gott! Nicht gegen dich. Es gefällt mir nun eben, dass meine Laune einen Schurken, wie du bist, zu etwas und nichts machen kann, und darum gehst du frei aus. Begreife mich recht. Dein Ungeschick ist mir ein Unterpfand des Himmels, dass ich zu etwas Großem aufgehoben bin, und darum bin ich gnädig, und du gehst frei aus.

Mohr (treuherzig). Schlagt ein, Lavagna! Eine Ehre ist der andern wert. Wenn jemand auf dieser Halbinsel eine Gurgel für euch überzählig hat, befehlt! Und ich schneide sie ab, unentgeltlich.

Fiesco. Eine höfliche Bestie! Sie will sich mit fremder Leute Gurgeln bedanken.

Mohr. Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unser eins hat auch Ehre im Leibe.

Fiesco. Die Ehre der Gurgelschneider?

Mohr. Ist wohl feuerfester als eurer ehrlichen Leute; sie brechen ihre Schwüre dem lieben Herrgott; wir halten sie pünktlich dem Teufel.

Fiesco. Du bist ein drolliger Gauner.

Mohr. Freut mich, dass ihr Geschmack an mir findet. Setzt mich erst auf die Probe, ihr werdet einen Mann kennen lernen, der sein Exexcitium aus dem Stegreif macht. Fordert mich auf. Ich kann euch von jeder Spitzbubenzunft mein Testimonium aufweisen, von der untersten bis zur höchsten.

Fiesco. Was ich nicht höre! (Indem er sich niedersetzt.) Also auch Schelme erkennen Gesetze und Rangordnung? Lass’ mich doch von der untersten hören.

Mohr. Pfui, gnädiger Herr! Das ist das verächtliche Heer der langen Finger. Ein elend Gewerb, das keinen großen Mann ausbrütet, arbeitet nur auf Karbatsche und Raspelhaus, und führt – höchstens zum Galgen.

Fiesco. Ein reizendes Ziel! Ich bin auf die bess’re begierig.

Mohr. Das sind die Spione und Maschinen. Bedeutende Herren, denen die Großen ein Ohr leihen, wo sie ihre Allwissenheit holen; die sich wie Blutegel in Seelen einbeißen, das Gift aus dem Herzen schlürfen und an die Behörde speien.

Fiesco. Ich kenne das – fort!

Mohr. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmischer und alle, die ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hinterhalt fassen. Feige Memmen sind’s oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit ihrer armen Seele bezahlen. Hier tut die Gerechtigkeit schon etwas Übriges, strickt ihre Knöchel aufs Rad und pflanzt ihre Schlauköpfe und Spieße. Das ist die dritte Zunft.

Fiesco. Aber, sprich doch, wann wird die deinige kommen.

Mohr. Blitz, gnädiger Herr! Das ist eben der Pfiff. Ich bin durch diese alle gewandert. Mein Genie geilte frühzeitig über jedes Gehege. Gestern Abend macht’ ich mein Meisterstück in der dritten, vor einer Stunde war ich – ein Stümper in der vierten.

Fiesco. Diese wäre also?

Mohr (lebhaft). Das sind Männer, (in Hitze) die ihren Mann zwischen vier Mauern aufsuchen, durch die Gefahr eine Bahn sich hauen, ihm gerade zu Leibe gehen, mit dem ersten Gruß ihm den Großdank für den zweiten ersparen. Unter uns! Man nennt sie nur die Extrapost der Hölle. Wenn Mephistopheles einen Gelust bekommt, braucht’s nur einen Wink, und er hat den Braten noch warm.

Fiesco. Du bist ein hartgesottener Sünder. Einen solchen vermisste ich längst. Gib mir deine Hand. Ich will dich bei mir behalten.

Mohr. Ernst oder Spaß?

Fiesco. Mein völliger Ernst, und gebe dir tausend Zechinen des Jahrs.

Mohr. Topp. Lavagna! Ich bin euer, und zum Henker fahre das Privatleben. Braucht mich, wozu ihr wollt. Zu eurem Spürhund, zu eurem Parforcehund, zu eurem Fuchs, zu eurer Schlange, zu eurem Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Kommissionen, nur bei Leibe! Zu keiner ehrlichen – dabei benehm’ ich mich plump wie Holz.

Fiesco. Sei unbesorgt! Wem ich ein Lamm schenken will, lass ich’s durch keine Wolf überliefern. Geh’ also gleich morgen durch Genua und untersuche die Witterung des Staats. Lege dich wohlauf Kundschaft, wie man von der Regierung denkt, und vom Haus Doria flüstert, sondiere daneben, was meine Mitbürger von meinem Schlaraffenleben und meinem Liebesroman halten. Überschwemme ihr Gehirn mit Wein, bis ihre Herzensmeinungen überlaufen. Hier hast du Geld. Spende davon unter den Seidenhändlern aus.

Mohr (sieht ihn bedenklich an). Herr –

Fiesco. Angst darf dir nicht werden. Es ist nichts Ehrliches – Geh’! Rufe deine ganze Bande zu Hilfe. Morgen will ich deine Zeitungen hören. (Er geht ab.)

Mohr (ihm nach). Verlasst euch auf mich. Jetzt ist’s früh vier Uhr! Morgen um Acht habt ihr so viel Neues erfahren als in zweimal siebenzig Ohren geht.


Zehnter Auftritt

Zimmer bei Verrina

Bertha rücklings in einem Sofa, den Kopf in die Hand geworfen. Verrina düster herein tretend.

Bertha (erschrickt, springt auf). Himmel! Da ist er!

Verrina (steht still, besieht sie befremdet). An ihrem Vater erschrickt meine Tochter!

Bertha. Fliehen sie! Lassen sie mich fliehen! Sie sind schrecklich, mein Vater!

Verrina. Meinem einzigen Kinde?

Bertha (mit einem schweren Blick auf ihn). Nein! Sie müssen noch eine Tochter haben!

Verrina. Drückt dich meine Zärtlichkeit zu schwer?

Bertha. Zu Boden, Vater!

Verrina. Wie? Welcher Empfang, meine Tochter? Sonst, wenn ich nach Hause kam, Berge auf meinem Herzen, hüpfte mir meine Bertha entgegen, und meine Bertha lachte sie weg. Komm, umarme mich, Tochter! An dieser glühenden Brust soll mein Herz wieder erwarmen, das am Totenbett des Vaterlandes einfriert. O mein Kind! Ich habe heute Abrechnung gehalten mit allen Freunde der Natur, und (äußerst schwer) nur du bist mir geblieben.

Bertha (misst ihn mit einem langen Blick). Unglücklicher Vater!

Verrina (umarmt sie beklemmt). Bertha! Mein einziges Kind! Bertha! Meine letzte übrige Hoffnung – Genua’s Freiheit ist dahin – Fiesco hin – (indem er sie heftiger drückt, durch die Zähne) Werde du eine Hure! –

Bertha (reißt sich aus seinen Armen). Heiliger Gott! Sie wissen?

Verrina (steht bebend still). Was?

Bertha. Meine jungfräuliche Ehre –

Verrina (wütend). Was?

Bertha. Diese Nacht –

Verrina (wie ein Rasender). Was?

Bertha. Gewalt! (sinkt am Sofa nieder.)

Verrina (nach einer langen schreckhaften Pause, mit dumpfer Stimme). Noch einen Atemzug, Tochter! – Den letzten! (mit hohlem gebrochenem Ton.) Wer?

Bertha. Weh mir, nicht diesen totenfarbnen Zorn! Helfe mit Gott! Er stammelt und zittert!

Verrina. Ich wüsste doch nicht – meine Tochter! Wer?

Bertha. Ruhig! Ruhig! Mein bester, mein teurer Vater!

Verrina. Um Gotteswillen! Wer? (Will vor ihr niederfallen.)

Bertha. Eine Maske.

Verrina (tritt zurück, nach einem stürmischen Nachdenken). Nein! Das kann nicht sein! Den Gedanken sendet mir Gott nicht. (Lacht groß auf.) Alter Geck! Als wenn alles Gift nur aus einer und eben der Kröte spritzte! (Zu Bertha, gefasster.) Die Person, wie die meinige, oder kleiner?

Bertha. Größer.

Verrina (rasch). Die Haare, schwarz? Kraus?

Bertha. Kohlschwarz und kraus.

Verrina (taumelnd von ihr hinweg). Gott! Mein Kopf! Mein Kopf – die Stimme?

Bertha. Rau, eine Bassstimme.

Verrina (heftig). Von welcher Farbe? – Nein! Ich will nicht mehr hören! – Der Mantel – von welcher Farbe?

Bertha. Der Mantel grün, wie mich däuchte.

Verrina (hält beide Hände vors Gesicht und wankt in den Sofa). Sei ruhig Es nur ein Schwindel, meine Tochter! (Lässt die Hände sinken; ein Totengesicht.)

Bertha (die Hände ringend). Barmherziger Himmel! Das ist mein Vater nicht mehr.

Verrina (nach einer Pause mit bitterem Gelächter). Recht so! Recht so! Memme Verrina! – Dass der Bube in das Heiligtum der Gesetze griff – diese Aufforderung war dir zu matt – der Bube musste noch ins Heiligtum deines Bluts greifen. – (Springt auf.) Geschwind! Rufe den Nicola – Blei und Pulver – oder halt! Halt! Ich besinne mich eben anders – besser – Hole mein Schwert herbei, bet’ ein Vaterunser. (Die Hand vor die Stirne.) Was will ich aber?

Bertha. Mir ist sehr bange, mein Vater!

Verrina. Komm, setze dich zu mir. (Bedeutend.) Bertha, erzähle mir – Bertha, was tat jener eisgraue Römer, als man seien Tochter auch so – wie nenn’ ich’s nun – auch so artig fand, seine Tochter? Höre, Bertha, was sagte Virginius zu seiner verstümmelten Tochter?

Bertha (mit Schaudern). Ich weiß nicht, was er sagte.

Verrina. Närrisches Ding! – Nichts sagte er. (Plötzlich auf, fasst ein Schwert.) Nach einem Schlachtmesser griff er.

Bertha (stürzt ihm erschrocken in die Arme). Großer Gott! Was wollen sie tun?

Verrina (wirft das Schwert ins Zimmer). Nein! Noch ist Gerechtigkeit in Genua!


Elfter Auftritt

Sacco. Calcagno. Vorige.

Calcagno. Verrina, geschwind! Mache dich fertig. Heute hebt die Wahlwoche der Republik an. Wir wollen früh in die Signoria, die neuen Senatoren erwählen. Die Gassen wimmeln von Volk. Der ganze Adel strömt nach dem Rathaus. Du begleitest uns doch, (spöttisch) den Triumph unserer Freiheit zu sehen.

Sacco. Ein Schwert liegt im Saal. Verrina schaut wild. Bertha hat rote Augen.

Calcagno. Bei Gott! Das wird’ ich nun auch gewahr – Sacco, hier ist ein Unglück geschehen.

Verrina (stellt zwei Sessel hin). Setzt euch.

Sacco. Freund, du erschreckst uns.

Calcagno. So sah ich dich nie, Freund. Hätte nicht Bertha geweint, ich würde fragen: Geht Genua unter?

Verrina (fürchterlich). Unter! Sitzt nieder.

Calcagno (erschrocken, indem sich beide setzen). Mann! Ich beschwöre dich!

Verrina. Höret!

Calcagno. Was ahnet mir, Sacco?

Verrina. Genueser – ihr beide kennt das Altertum meines Namens. Eure Ahnen habenden meinigen die Schleppe getragen. Meine Väter fochten die Schlachten des Staats. Meine Mütter waren Muster der Genueserinnen. Ehre war unser einziges Kapital und erbte vom Vater zum Sohn – oder wer weiß es anders?

Sacco. Niemand.

Calcagno. So wahr Gott lebt, niemand.

Verrina. Ich bin der letzte meines Geschlechts. Mein Weib liegt begraben. Diese Tochter ist ihr einziges Vermächtnis. Genueser, ihr seid Zeugen, wie ich sie erzog. Wird jemand auftreten und Klage führen, dass ich meine Bertha verwahrloste?

Calcagno. Deine Tochter ist ein Muster im Lande.

Verrina. Freunde! Ich bin ein alter Mann. Verliere ich diese, darf ich keine mehr hoffen. Mein Gedächtnis löscht aus. (Mit einer schrecklichen Wendung.) Ich habe sie verloren. Infam ist mein Stamm.

Beide (in Bewegung). Das wolle Gott verhüten. (Bertha wälzt sich jammernd im Sofa.)

Verrina. Nein! Zweifle nicht, Tochter! Diese Männer sind tapfer und gut. Beweinen dich diese, wird’s irgendwo bluten. Seht nicht so betroffen aus, Männer! (Langsam, mit Gewicht.) Wer Genua unterjocht, kann doch wohl ein Mädchen bezwingen?

Beide (fahren auf, werfen die Sessel zurück). Gianettino Doria!

Bertha (mit einem Schrei). Stürzt über mich, Mauern! Mein Scipio!


Zwölfter Auftritt

Bourgognino. Vorige

Bourgognino (erhitzt). Springe hoch, Mädchen! Eine Freudenpost! – Edler Verrina, ich komme, meinen Himmel auf Ihre Zunge zu setzen. Schon längst liebte ich ihre Tochter, und nie durft’ ich es wagen, um ihre Hand zu bitten, weil mein ganzes Vermögen auf falschen Brettern von Koromandel schwamm. Eben jetzt fliegt meine Fortuna wohlbehalten in die Rede, und führt, wie sie sagen, unermessliche Schätze mit. Ich bin ein reicher Mann. Schenken sie mir Bertha, ich mache sie glücklich. (Bertha verhüllt sich, große Pause.)

Verrina (bedächtig zu Bourgognino). Haben sie Lust, junger Mensch, ihr Herz in eine Pfütze zu werfen?

Bourgognino (greift nach dem Schwerte, zieht aber plötzlich die Hand zurück). Das sprach der Vater –

Verrina. Das spricht jeder Schurk in Italien. Nehmen Sie mit dem Abtrag von anderer Leute Gastung vorlieb?

Bourgognino. Mach’ mich nicht wahnwitzig, Graukopf.

Calcagno. Bourgognino, wahr spricht der Graukopf!

Bourgognino (auffahrend, gegen Bertha stürzend). Wahr spricht er? Mich hätte eine Dirne genarrt?

Calcagno. Bourgognino, nicht da hinaus. Das Mädchen ist engelrein.

Bourgognino (steht erstaunt still). Nun! So wahr ich selig werden will. Rein und entehrt! Ich habe keinen Sinn für das. – Sie sehen sich an und sind stumm. Irgend ein Unhold von Missetat zuckt auf ihren bebenden Zungen. Ich beschwöre euch! Schiebt meine Vernunft nicht im Kurzweil herum. Rein wäre sie? Wer sagte rein?

Verrina. Mein Kind ist nicht schuldig.

Bourgognino. Also Gewalt! (Fasst das Schwert von dem Boden.) Genueser! Bei allen Sünden unter dem Mond! Wo – wo find’ ich den Räuber?

Verrina. Eben dort, wo du den Dieb Genua’s findest. – (Bourgognino erstarrt. Verrina geht gedankenvoll auf und nieder, dann steht er still.)

Verrina. Wenn ich deinen Wink verstehe, ewige Vorsicht, so willst du Genua durch meine Bertha erlösen! (Er tritt zu ihr, indem er den Trauerflor langsam von seinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh’ das Herzblut eines Doria diesen hässlichen Flecken aus deiner Ehre wäscht, soll kein Strahl des Tags auf diese Wangen fallen. Bis dahin – (Er wirft den Flor über sie.) verblinde. (Pause. Die Übrigen sehen ihn schweigend, betreten an.)

Verrina (feierlich, seine Hand auf Bertha’s Haupt gelegt). Verflucht sei die Luft, die dich fächelt! Verflucht der Schlaf, der dich erquickt! Verflucht jede menschliche Spur, die deinem Elend willkommen ist! Gehe hinab in das unterste Gewölbe meines Hauses. Wins’le, heule, lähme die Zeit mit deinem Gram. (Unterbrochen von Schauern fährt er fort). Dein Leben sei das gichterische Wälzen des sterbenden Wurms – der hartnäckige, zermalmende Kampf zwischen Sein und Vergehen! – Dieser Fluch hafte auf dir, bis Gianettino den letzten Odem verröchelt hat. – Wo nicht, so magst du ihn nachschleppen längs der Ewigkeit, bis man ausfindig macht, wo die zwei Enden ihres Rings ineinander greifen.

(Großes Schweigen. Auf allen Gesichtern Entsetzen. Verrina blickt jeden fest und durchdringend an.)

Bourgognino. Rabenvater! Was hast du gemacht? Diesen ungeheuren, grässlichen Fluch deiner armen, schuldlosen Tochter?

Verrina. Nicht wahr – das ist schrecklich, mein zärtlicher Bräutigam? – (Höchst bedeutend.) Wer von euch wird nun auftreten und jetzt och von kaltem Blut und Aufschub schwatzen? Genua’s Los ist auf meine Bertha geworfen. Mein Vaterherz meiner Bürgerpflicht überantwortet. Wer von uns ist nun Memme genug, Genua’s Erlösung zu verzögern, wenn er weiß, dass dieses schuldlose Lamm seine Feigheit mit unendlichem Gram bezahlt? – Bei Gott! Das war nicht das Gewäsch eines Narren! – Ich hab’ einen Eid getan, und werde mich meines Kindes nicht erbarmen, bis ein Doria am Boden zuckt, und sollt’ ich auf Martern raffinieren, wie ein Henkersknecht, und sollt’ ich dieses unschuldige Lamm auf kannibalischer Folterbank zerknirschen – Sie zittern – blass wie Geister schwindeln sie mich an. – Noch einmal, Scipio! Ich verwahre sie zum Geisel deines Tyrannen-Mords. An diesem teuren Faden halt’ ich deine, meine, eure Pflichten fest. Genua’s Despot muss fallen, oder das Mädchen verzweifelt. Ich widerrufe nicht.

Bourgognino (wirft sich der Bertha zu Füßen). Und fallen soll er – fallen für Genua – wie ein Opferstier. So gewiss ich dies Schwert im Herzen Doria’s umkehre, so gewiss will ich den Bräutigamskuss auf deine Lippen drücken. (Steht auf.)

Verrina. Das erste Paar, das die Furien einsegnen! Gebt euch die Hände! In Doria’s Herzen wirst du dein Schwert umkehren? Nimm sie, sie ist dein!

Calcagno (kniet nieder). Hier kniet noch ein Genueser, und legt seinen furchtbaren Stahl zu den Füßen der Unschuld. So gewiss möge Calcagno den Weg zum Himmel ausfindig machen, als dieses sein Schwert die Straße zu Doria’s leben. (Steht auf.)

Sacco. Zuletzt, doch nicht minder entschlossen, kniet Raphael Sacco. Wenn dies mein blankes Eisen Bertha’s Gefängnis nicht aufschließt, so schließe sich das Ohr des Erhörers meinem letzten Gebet zu. (Steht auf.)

Verrina (erheitert). Genua dankt euch in mir, meine Freunde! Gehe nun, Tochter. Freue dich, des Vaterlands großes Opfer zu sein.

Bourgognino (umarmt sie im Abgehen). Geh! Traue auf Gott und Bourgognino. An einem und eben dem Tage werden Bertha und Genua frei sein. (Bertha entfernt sich).


Dreizehnter Auftritt

Vorige ohne Berta.

Calcagno. Eh’ wir weiter gehen, noch ein Wort, Genueser!

Verrina. Ich errate es.

Calcagno. Werden vier Patrioten genug sein, Tyrannei, die mächtige Hyder, zu stürzen? Werden wir nicht den Pöbel aufrühren, nicht den Adel zu unserer Partei ziehen müssen?

Verrina. Ich verstehe! Hört also, ich habe längst einen Maler im Solde, der seien ganze Kunst verschwendet, den Sturz des Appius Claudius zu malen. Fiesco ist ein Anbeter der Kunst, erhitzt sich gern an erhabenen Szenen. Wir werden die Malerei nach seinem Palaste bringen, und zugegen sein, wenn er sie betrachtet. Vielleicht, dass der Anblick seinen Genius wieder aufweckt – Vielleicht –

Bourgognino. Weg mit ihm! Verdopple die Gefahr, spricht der Held, nicht die Helfer. Ich habe schon längst ein etwas in mein Brust gefühlt, das sich von nichts wollte ersättigen lassen. – Was es war, weiß ich jetzt plötzlich – (indem er heroisch aufspringt) Ich hab’ einen Tyrannen!

(Der Vorhang fällt.)

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