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Fünfter Akt

Ein Zimmer im königlichen Palast, durch eine eiserne Gittertüre von einem großen Vorhof abgesondert, in welchem Wachen auf und niedergehen.

Erster Auftritt

Carlos, an einem Tisch sitzend, den Kopf vorwärts auf die Arme gelehnt als wenn er schlummerte. Im Hintergrunde des Zimmers eingie Offiziere, die mit ihm eingeschlossen sind. Marquis von Posa tirtt herein, ohne von ihm bemerkt zu werden, und spricht leise mit den Offizieren, welche sich sogleich entfernen. Er selbst tritt ganz nahe vor Carlos und betrachtet ihn einige Augenblicke schweigend und traurig. Endlich macht er eine Bewegung, welche ihn aus seiner Betäubung erweckt.

Carlos (steht auf, wird den Marquis gewahr udn fährt erschrocken zusammen. Dann sieht er ihn eine Weile mit großen, starren Augen an und streicht mit der Hand über die Stirne, als ob er sich auf etwas besinnen wollte).

Marquis.
Ich bin es, Carl.

Carlos (gibt ihm die Hand).
Du kommst sogar noch zu mir?
Das ist doch schön von dir.

Marquis.
Ich bildete
Mir ein du könntest deinen Freund hier brauchen.

Carlos.
Wahrhaftig? Meintest du das wirklich? Sieh!
Das freut mich – freut mich unbeschreiblich. Ach!
Ich wusst’ es wohl, dass du mir gut geblieben.

Marquis.
Ich hab’ es auch um dich verdient.

Carlos.
Nicht wahr?
O, wir verstehen uns noch ganz. So hab’
Ich’s gerne. Diese Schonung, diese Milde
Steht großen Seelen an, wie du und ich.
Lass sein, dass meiner Forderungen eine
Unbillig und vermessen war, musst du
Wir darum auch die billigen versagen?
Hart kann die Tugend sein, doch grausam nie,
Unmenschlich nie – Es hat dir viel gekostet!
O ja, mir däucht! Ich weiß recht gut, wie sehr
Geblutet hat dein sanftes Herz, als du
Dein Opfer schmücktest zum Altare.

Marquis.
Carlos!
Wie meinst du das?

Carlos.
Du selbst wirst jetzt vollenden
Was ich gesollt und nicht gekonnt – Du wirst
Den Spaniern die goldnen Tage schenken,
Die sie von mir umsonst gehofft. Mit mir
Ist es ja aus – auf immer aus. Das hast
Du eingesehn – O, diese fürchterliche Liebe
Hat alle frühen Blüten meines Geistes
Unwiederbringlich hingerafft. Ich bin
Für deine großen Hoffnungen gestorben.
Vorsehung oder Zufall führen dir
Den König zu – es kostet mein Geheimnis,
Und er ist dein – Du kannst sein Engel werden.
Für mich ist keine Rettung mehr – vielleicht
Für Spanien – Ach, hier ist nichts verdammlich,
Nichts, nichts, als meine rasende Verblendung,
Bis diesen Tag nicht eingesehn zu haben,
Dass du – so groß als zärtlich bist.

Marquis.
Nein! Das,
Das hab’ ich nicht vorhergesehen – nicht
Vorhergesehn, dass eines Freundes Großmut
Erfinderischer könnte sein, als meine
Weltkluge Sorgfalt. Mein Gebäude stürzt
Zusammen – ich vergaß dein Herz.

Carlos.
Zwar, wenn dir’s möglich wär’ gewesen, ihr
Dies Schicksal zu ersparen – sieh, das hätte
Ich unaussprechlich dir gedankt. Konnt’ ich
Denn nicht allein es tragen? Musste sie
Das zweite Opfer sein – Doch still davon!
Ich will mit keinem Vorwurf dich beladen.
Was geht die Königin dich an? Liebst du
Die Königin? Soll deine strenge Tugend
Die kleinen Sorgen meiner Liebe fragen?
Verzeih mir – ich war ungerecht.

Marquis.
Du bist’s.
Doch – dieses Vorwurfs wegen nicht. Verdient’
Ich einen, dann verdient’ ich alle – und
Dann würd’ ich so nicht vor dir stehen.

(Er nimmt sein Portefeuille heraus.)

Hier
Sind von den Briefen ein’ge wieder, die
Du in Verwahrung mir gegeben. Nimm
Sie zu dir.

Carlos (sieht mit Verwunderung bald die Briefe, bald den Marquis an).
Wie?

Marquis.
Ich gebe sie dir wieder,
Weil sie in deinen Händen sichrer jetzt
Sein dürfen, als in meinen.

Carlos.
Was ist das?
Der König las sie also nicht? Bekam
Sie gar nicht zu Gesichte?

Marquis.
Diese Briefe?

Carlos.
Du zeigtest ihm nicht alle?

Marquis.
Wer sagt’ dir,
Dass ich ihm einen zeigte?

Carlos (äußerst erstaunt).
Ist es möglich?
Graf Lerma.

Marquis.
Der hat dir gesagt? – Ja, nun
Wird alles, alles offenbar! Wer konnte
Das auch voraussehn? – Lerma also? – Nein,
Der Mann hat lügen nie gelernt. Ganz recht,
Die andern Briefe liegen bei dem König.

Carlos (sieht ihn lange mit sprachlosem Erstaunen an).
Messwegen bin ich aber hier?

Marquis.
Zur Vorsicht,
Wenn du vielleicht zum zweiten Mal versucht
Sein möchtest, eine Eboli zu deiner
Vertrauten zu erwählen.

Carlos (wie aus einem Traum erwacht).
Ha! Nun endlich!
Jetzt seh’ ich – jetzt wird alles Licht –

Marquis (geht nach der Türe).
Wer kommt?


Zweiter Auftritt

Herzog Alba. Die Vorigen.

Alba (nähert sich ehrerbietig dem Prinzen, dem Marquis durch diesen ganzen Auftritt den Rücken zuwendend).
Prinz, sie sind frei. Der König schickt mich ab,
Es ihnen anzukündigen.

(Carlos sieht den Marquis verwundert an. Alle schweigen still.)

Zugleich
Schätz’ ich mich glücklich, Prinz, der erste sein
Zu dürfen, der die Gnade hat –

Carlos (bemerkt beide in äußerster Verwunderung. Nach einer Pause zum Herzog).
Ich werde
Gefangen gesetzt und frei erklärt,
Und ohne mir bewusst zu sein, warum
Ich beides werde?

Alba.
Aus Versehen, Prinz,
So viel ich weiß, zu welchem irgend ein
– Betrüger den Monarchen hingerissen.

Carlos.
Doch aber ist es auf Befehl des Königs,
Dass ich mich hier befinde?

Alba.
Ja, durch ein
Versehen Seiner Majestät.

Carlos.
Das tut
Mir wirklich leid – Doch, wenn der König sich
Versieht, kommt es dem König zu, in eigner
Person den Fehler wieder zu verbessern.

(Er sucht die Augen des Marquis und beobachtet eine stolze Herabsetzung gegen den Herzog.)

Man nennt mich hier Don Philipps Sohn. Die Augen
Der Lästerung und Neugier ruhn auf mir.
Was seine Majestät aus Pflicht getan,
Will ich nicht scheinen ihrer Huld zu danken.
Sonst bin ich auch bereit, vor dem Gerichte
Der Cortes mich zu stellen – meinen Degen
Nehm’ ich aus solcher Hand nicht an.

Alba.
Der König
Wird keinen Anstand nehmen, Eurer Hoheit
Dies billige Verlangen zu gewähren,
Wenn sie vergönnen wollen, dass ich sie
Zu ihm begleiten darf –

Carlos.
Ich bleibe hier,
Bis mich der König oder sein Madrid
Aus diesem Kerker führen. Bringen sie
Ihm diese Antwort.

(Alba entfernt sich. Man sieht ihn noch eine Zeitlang im Vorhof verweilen und Befehle austeilen.)


Dritter Auftritt

Carlos und Marquis von Posa.

Carlos (nachdem der Herzog hinaus ist, voll Erwartung und Erstaunen zum Marquis).
Was ist aber das?
Erkläre mir’s? Bist du denn nicht Minister?

Marquis.
Ich bin’s gewesen, wie du siehst.

(Auf ihn zugehend, mit großer Bewegung.)

O Carl,
Es hat gewirkt. Es hat. Es ist gelungen.
Jetzt ist’s getan. Gepriesen sei die Allmacht,
Die es gelingen ließ!

Carlos.
Gelingen? Was?
Ich fasse deine Worte nicht.

Marquis (ergreift seine Hand).
Du bist
Gerettet, Carl – bist frei – und ich –

(Er hält inne.)

Carlos.
Und du?

Marquis.
Und ich – ich drücke dich an meine Brust
Zum ersten Mal mit vollem, ganzem Rechte;
Ich hab’ es ja mit allem, allem, was
Mir teuer ist, erkauft – O Carl, wie süß,
Wie groß ist dieser Augenblick! Ich bin
Mit mir zufrieden.

Carlos.
Welche plötzliche
Veränderung in deinen Zügen? So
Hab’ ich dich nie gesehen. Stolzer hebt
Sich deine Brust, und deine Blicke leuchten.

Marquis.
Wir müssen Abschied nehmen, Carl. Erschrick nicht.
O, sei ein Mann! Was du auch hören wirst,
Versprich mir, Carl, nicht durch unbänd’gen Schmerz,
Unwürdig großer Seelen, diese Trennung
Mir zu erschweren – du verlierst mich, Carl –
Und viele Jahre – Thoren nennen es
Auf ewig.

(Carlos zieht seine Hand zurück, sieht ihn starr an und antwortet nichts.)

Sei ein Mann! Ich habe sehr
Auf dich gerechnet, hab’ es nicht vermieden,
Die bange Stunde mir dir auszuhalten,
Die man die letzte schrecklich nennt – Ja, soll
Ich dir’s gestehen, Carl? – Ich habe mich
Darauf gefreut – Komm, lass uns niedersitzen –
Ich fühle mich erschöpft und matt.

(Er rückt nahe an Carlos, der noch immer in einer toten Erstarrung ist und sich unwillkürlich von ihm nieder ziehen lässt.)

Wo bist du?
Du gibst mir keine Antwort? – Ich will kurz sein.
Den Tag nachher, als wir zum letzten Mal
Bei den Karthäusern uns gesehn, ließ mich
Der König zu sich fordern. Den Erfolg
Weißt du, weiß ganz Madrid. Das weißt du nicht,
Dass dein Geheimnis ihm verraten worden,
Dass Briefe, in der Königin Schatulle
Gefunden, wider dich gezeugt, dass ich
Aus seinem eignen Munde dies erfahren,
Und dass – ich sein Vertrauter war.

(Er hält inne, Carlos Antwort zu erfahren; dieser verharrt in seinem Stillschweigen.)

Ja, Carl!
Mit meinen Lippen brach ich meine Treue.
Ich selbst regierte das Komplott, das dir
Den Untergang bereitete. Zu laut
Sprach schon die Tat. Dich frei zu sprechen, war
Zu spät. Mich seiner Rache zu versichern,
War alles, was mir übrig blieb – und so
Ward ich dein Feind, dir kräftiger zu dienen.
– Du hörst mich nicht?

Carlos.
Ich höre. Weiter, weiter!

Marquis.
Bis hierher bin ich ohne Schuld. Doch bald
Verraten mich die ungewöhnten Strahlen
Der neuen königlichen Gunst. Der Ruf
Dringt bis zu dir, wie ich vorhergesehn.
Doch ich, von falscher Zärtlichkeit bestochen,
Von stolzem Wahn geblendet, ohne dich
Das Wagestück zu enden, unterschlage
Der Freundschaft mein gefährliches Geheimnis.
Das war die große Übereilung! Schwer
Hab’ ich gefehlt. Ich weiß es. Raserei
War meine Zuversicht. Verzeih – sie war
Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.

(Hier schweigt er. Carlos geht aus seiner Versteinerung in lebhafte Bewegung über.)

Was ich befürchtete, geschieht. Man lässt
Dich zittern vor erdichteten Gefahren.
Die Königin in ihrem Blut – Das Schrecken
Des widerhallenden Palastes – Lerma’s
Unglückliche Dienstfertigkeit – zuletzt
Mein unbegreifliches Verstummen, alles
Bestürmt dein überraschtes Herz – Du wankst –
Gibst mich verloren – Doch, zu edel selbst,
An deines Freundes Redlichkeit zu zweifeln,
Schmückst du mit Größe seinen Abfall aus:
Nun erst wagst du, ihn treulos zu behaupten,
Weil du noch treulos ihn verehren darfst.
Verlassen von dem Einzigen, wirst du
Der Fürstin Eboli dich in die Arme –
Unglücklicher! In eines Teufels Arme;
Denn diese war’s, die dich verriet.

(Carlos steht auf.)

Ich sehe
Dich dahin eilen. Eine schlimme Ahnung
Fliegt durch mein Herz. Ich folge dir. Zu spät.
Du liegst zu ihren Füßen. Das Geständnis
Floh über deine Lippen schon. Für dich
Ist keine Rettung mehr –

Carlos.
Nein, nein! Sie war
Gerührt. Du irrest dich. Gewiss war sie
Gerührt.

Marquis.
Da wird es Nacht vor meinen Sinnen.
Nichts – nichts – kein Ausweg – keine Hilfe – keine
Im ganzen Umkreis der Natur! Verzweiflung
Macht mich zur Furie, zum Tier – ich setze
Den Dolch auf eines Weibes Brust – Doch jetzt –
Jetzt fällt ein Sonnenstrahl in meine Seele.
„Wenn ich den König irrte? Wenn es mir
Gelänge, selbst der Schuldige zu scheinen?
Wahrscheinlich oder nicht! – Für ihn genug,
Scheinbar genug für König Philipp, weil
Es übel ist. Es sei! Ich will es wagen,
Vielleicht ein Donner, der so unverhofft
Ihn trifft, macht den Tyrannen stutzen – und
Was will ich mehr? Er überlegt, und Carl
Hat Zeit gewonnen, nach Brabant zu flüchten.“

Carlos.
Und das – das hättest du getan?

Marquis.
Ich schreibe
An Wilhelm von Oranien, dass ich
Die Königin geliebt, dass mir’s gelungen,
In dem Verdacht, der fälschlich dich gedrückt,
Des Königs Argwohn zu entgehn, dass ich
Durch den Monarchen selbst den Weg gefunden,
Der Königin mich frei zu nahn. Ich setze
Hinzu, dass ich entdeckt zu sein besorge,
Dass du, von meiner Leidenschaft belehrt,
Zur Fürstin Eboli geeilt, vielleicht
Durch ihre Hand die Königin zu warnen –
Dass ich dich hier gefangen nahm und nun,
Weil alles doch verloren, Willens sei,
Nach Brüssel mich zu werfen – Diesen Brief –

Carlos (fällt ihm erschrocken ins Wort).
Hast du der Post doch nicht vertraut? Du weißt,
Dass alle Briefe nach Brabant und Flandern –

Marquis.
Dem König ausgeliefert werden – Wie
Die Sachen stehn, hat Taxis seine Pflicht
Bereits getan.

Carlos.
Gott, so bin ich verloren!

Marquis.
Du? Warum du?

Carlos.
Unglücklicher, und du
Bist mit verloren. Diesen ungeheuren
Betrug kann dir mein Vater nicht vergeben.
Nein, den vergibt er nimmermehr!

Marquis.
Betrug?
Du bist zerstreut. Besinne dich. Wer sagt ihm,
Dass es Betrug gewesen?

Carlos (sieht ihm starr ins Gesicht).
Wer, fragst du?
Ich selbst.

(Er will fort.)

Marquis.
Du rasest. Bleib’ zurück!

Carlos.
Weg, weg!
Um Gotteswillen! Halte mich nicht auf!
Indem ich hier verweile, dingt er schon
Die Mörder.

Marquis.
Desto edler ist die Zeit.
Wir haben uns noch viel zu sagen.

Carlos.
Was?
Eh’ er noch alles –

(Er will wieder fort. Der Marquis nimmt ihn beim Arme und sieht ihn bedeutend an.)

Marquis.
Höre, Carlos – War
Ich auch so eilig, so gewissenhaft,
Da du für mich geblutet hast – ein Knabe?

Carlos (bleibt gerührt und voll Bewunderung vor ihm stehen).
O gute Vorsicht!

Marquis.
Rette dich für Flandern!
Das Königreich ist dein Beruf. Für dich
Zu sterben, war der meinige.

Carlos (geht auf ihn zu und nimmt ihn bei der Hand, voll der innigsten Empfindung).
Nein, nein!
Er wird – er kann nicht widerstehn! So vieler
Erhabenheit nicht widerstehn! – Ich will
Dich zu ihm führen. Arm in Arme wollen
Wir zu ihm gehen. Vater, will ich sagen,
Das hat ein Freund für seinen Freund getan.
Es wird ihn rühren. Glaube mir, er ist
Nicht ohne Menschlichkeit, mein Vater. Ja!
Gewiss, es wird ihn rühren. Seine Augen werden
Von warmen Tränen übergehn, und dir
Und mir wird er verzeihn –

(Es geschieht ein Schuss durch die Gittertüre. Carlos springt auf.)

Ha! Wem galt das?

Marquis.
Ich glaube, mir.

(Er sinkt nieder.)

Carlos (fällt mit einem Schrei des Schmerzes neben ihm zu Boden).
O himmlische
Barmherzigkeit!

Marquis (mit brechender Stimme).
Er ist geschwind – der König –
Ich hoffte – länger – Denk’ auf deine Rettung –
Hörst du – auf deine Rettung – deine Mutter
Weiß alles – ich kann nicht mehr –

(Carlos bleibt wie tot bei dem Leichnam liegen. Nach einiger Zeit tritt der König herein, von vielen Granden begleitet, und fährt bei diesem Anblick betreten zurück. Eine allgemeine und tiefe Pause. Die Granden stellen sich in einen halben Kreis um diese beiden, und sehen wechselweise auf den König und seinen Sohn. Dieser liegt noch ohne alle Zeichen des Lebens. – Der König betrachtet ihn mit nachdenkender Stille.)


Vierter Auftritt

Der König. Carlos. Die Herzoge von Alba, Feria und Medina Sidona. Der Prinz von Parma, Graf Lerma. Domingo und viele Granden.

König (mit gütigem Tone).
Deine Bitte
Hat Statt gefunden, mein Infant. Hier bin ich,
Ich selbst mit allen Großen meines Reichs,
Dir Freiheit anzukündigen.

(Carlos blickt auf und sieht um sich her, wie einer, der aus dem Traum erwacht. Seine Augen heften sich bald auf den König, bald auf den Toten. Er antwortet nicht.)

Empfange
Dein Schwert zurück. Man hat zu rasch verfahren.

(Er nähert sich ihm, reicht ihm die Hand und hilft ihm sich emporrichten.)

Mein Sohn ist nicht an seinem Platz. Steh’ auf!
Komm in die Arme deines Vaters!

Carlos (empfängt ohne Bewusstsein die Arme des Königs – besinnt sich aber plötzlich, hält inne und sieht ihn genauer an).
Dein
Geruch ist Mord. Ich kann dich nicht umarmen.

(Er stößt ihn zurück, alle Granden kommen in Bewegung.)

Nein! Steht nicht so betroffen da! Was hab’
Ich Ungeheures denn getan? Des Himmels
Gesalbten angetastet? Fürchtet nichts.
Ich lege keine Hand an ihn. Seht ihr
Das Brandmal nicht an seiner Stirn? Gott
Hat ihn gezeichnet.

König (bricht schnell auf).
Folgt mir, meine Granden!

Carlos.
Wohin? Nicht von der Stelle, Sire –

(Er hält ihn gewaltsam mit beiden Händen und bekommt mit der einen das Schwert zu fassen, das der König mitgebracht hat. Es fährt aus der Scheide.)

König.
Das Schwert
Gezückt auf deinen Vater?

Alle anwesenden Granden (ziehen die ihrigen).
Königsmord!

Carlos (den König fest an der einen Hand, das bloße Schwert in der andern).
Steckt eure Schwerter ein! Was wollt ihr? Glaubt
Ihr, ich sei rasend? Nein, ich bin nicht rasend.
Wär’ ich’s, so tatet ihr nicht gut, mich zu
Erinnern, dass auf meines Schwertes Spitze
Sein Leben schwebt. Ich bitte, haltet euch
Entfernt. Verfassungen, wie meine, wollen
Geschmeichelt sein – drum bleibt zurück! Was ich
Mit diesem König abzumachen habe,
Geht euren Leheneid nichts an. Seht nur,
Wie seine Finger bluten! Seht ihn recht an!
Seht ihr? O seht auch hieher – Das hat er
Getan, der große Künstler!

König (zu den Granden, welche sich besorgt um ihn herumdrängen wollen).
Tretet alle
Zurück. Wovor erzittert ihr? – Sind wir
Nicht Sohn und Vater? Ich will doch erwarten,
Zu welcher Schandtat die Natur –

Carlos.
Natur?
Ich weiß von keiner. Mord ist jetzt die Losung,
Der Menschheit Bande sind entzwei. Du selbst
Hast sie zerrissen, Sire, in deinen Reichen.
Soll ich verehren, was du höhnst? – O seht!
Seht hieher! Es ist noch kein Mord geschehen,
Als heute – Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen
In seiner Schöpfung Könige so hausen?
Ich frage, gibt es keinen Gott? So lange Mütter
Geboren haben, ist nur einer – Einer
So unverdient gestorben – Weißt du auch,
Was du getan hast? – Nein, er weiß es nicht,
Weiß nicht, dass er ein Leben hat gestohlen
Aus dieser Welt, das wichtiger und edler
Und teurer war, als er mit seinem ganzen
Jahrhundert.

König (mit gelindem Tone).
Wenn ich allzu rasch gewesen,
Geziemt es dir, für den ich es gewesen,
Mich zur Verantwortung zu ziehen?

Carlos.
Wie?
Ist’s möglich? Sie erraten nicht, wer mir
Der Tote war – O, sagt es ihm – helft seiner
Allwissenheit das schwere Rätsel lösen.
Der Tote war mein Freund – Und wollt ihr wissen,
Warum er starb? Für mich ist er gestorben.

König.
Ha, meine Ahnung!

Carlos.
Blutender, vergib,
Dass ich vor solchen Ohren es entweihe!
Doch dieser große Menschenkenner sinke
Vor Scham dahin, dass seine graue Weisheit
Der Scharfsinn eines Jünglings überlistet.
Ja, Sire, wir waren Brüder! Brüder durch
Ein edler Band, als die Natur es schmiedet.
Sein schöner Lebenslauf war Liebe. Liebe
Für mich sein großer, schöner Tod. Mein war er,
Als sie mit seiner Achtung groß getan,
Als seine scherzende Beredsamkeit
Mit ihrem stolzen Riesengeiste spielte.
Ihn zu beherrschen, wähnten sie – und warne
Ein folgsam Werkzeug seiner höheren Pläne.
Dass ich gefangen bin, war seiner Freundschaft
Durchdachtes Werk. Mich zu erretten, schrieb
Er an Oranien den Brief – O Gott,
Er war die erste Lüge seines Lebens!
Mich zu erretten, warf er sich dem Tod,
Den er erlitt, entgegen. Sie beschenkten ihn
Mit ihrer Gunst – er starb für mich. Ihr Herz
Und ihre Freundschaft drangen sie ihm auf,
Ihr Szepter war das Spielwerk seiner Hände;
Er warf es hin und starb für mich!

(Der König steht ohne Bewegung, den Blick starr auf den Boden geheftet. Alle Granden sehen betreten und furchtsam auf ihn.)

Und war
Es möglich? Dieser groben Lüge konnten
Sie Glauben schenken? Wie gering musst’ er
Sie schätzen, da er’s unternahm, bei ihnen
Mit diesem plumpen Gaukelspiel zu reichen!
Um seine Freundschaft wagten sie zu buhlen
Und unterlagen dieser leichten Probe!
O, nein – nein, das war nichts für sie! Das war
Kein Mensch für sie! Das wusst’ er selbst recht gut,
Als er mit allen Kronen sie verstoßen.
Dies feine Saitenspiel zerbrach in ihrer
Metallnen Hand. Sie konnten nichts, als ihn ermorden.

Alba (hat den König bis jetzt nicht aus den Augen gelassen, und mit sichtbarer Unruhe die Bewegungen beobachtet, welche in seinem Gesicht arbeiten. Jetzt nähert er sich ihm furchtsam).
Sire – nicht diese Totenstille. Sehen
Sie um sich! Reden sie mit uns!

Carlos.
Sie waren
Ihm nicht gleichgültig. Seinen Anteil hatten
Sie längst. Vielleicht! Er hätte sie noch glücklich
Gemacht. Sein Herz war reich genug, sie selbst
Von seinem Überflusse zu vergnügen.
Sie Splitter seines Geistes hätten sie
Zum Gott gemacht. Sich selber haben sie
Bestohlen – Was werden
Sie bieten, eine Seele zu erstatten,
Wie diese war?

(Ein tiefes Schweigen. Viele von den Granden sehen weg, oder verhüllen das Gesicht in ihren Mänteln.)

O, die ihr hier versammelt steht, und vor Entsetzen
Und vor Verwunderung verstummt – verdammet
Den Jüngling nicht, der diese Sprache gegen
Den Vater und den König führt – Seht hieher!
Für mich ist er gestorben! Habt ihr Tränen?
Fließt Blut, nicht glühend Erz, in euren Adern?
Seht hieher und verdammt mich nicht!

(Er wendet sich zum König mit mehr Fassung und Gelassenheit.)

Vielleicht
Erwarten sie, wie diese unnatürliche Geschichte
Sich enden wird? – Hier ist mein Schwert. Sie sind
Mein König wieder. Denken sie, dass ich
Vor ihrer Rache zittre? Morden sie
Mich auch, wie sie den Edelsten gemordet,
Mein Leben ist verwirkt. Ich weiß. Was ist
Mir jetzt das Leben? Hier entsag’ ich allem,
Was mich auf dieser Welt erwartet. Suchen
Sie unter Fremdlingen sich einen Sohn –
Da liegen meine Reiche –

(Er sinkt an dem Leichnam nieder und nimmt an dem folgendem keinen Anteil mehr. Man hört unterdessen von ferne ein verworrenes Getöse von Stimmen und ein Gedränge vieler Menschen. Um den König herum ist eine tiefe Stille. Seine Augen durchlaufen den ganzen Kreis, aber niemand begegnet seinen Blicken.)

König.
Nun? Will niemand
Antworten? – Jeder Blick am Boden – jedes
Gesicht verhüllt! – Mein Urteil ist gesprochen.
In diesen stummen Mienen les’ ich es
Verkündigt. Meine Untertanen haben mich
Gerichtet.

(Das vorige Stillschweigen. – Der Tumult kommt näher und wird lauter. Durch die umstehenden Granden läuft ein Gemurmel, sie geben sich untereinander verlegene Blicke; Graf Lerma stößt endlich leise den Herzog von Alba an.)

Lerma.
Wahrlich, das ist Sturm!

Alba (leise).
So fürcht’ ich.

Lerma.
Man dringt herauf. Man kommt.


Fünfter Auftritt

Ein Offizier von der Leibwache. Die Vorigen.

Offizier (dringend).
Rebellion!
Wo ist der König?

(Er arbeitet sich durch die Menge und dringt bis zum König.)

Ganz Madrid in Waffen!
Zu Tausenden umringt der wütende
Soldat, der Pöbel den Palast. Prinz Carlos,
Verbreitet man, sei in Verhaft genommen,
Sein Leben in Gefahr. Das Volk will ihn
Lebendig sehen, oder ganz Madrid
In Flammen aufgehn lassen.

Alle Granden (in Bewegung).
Rettet! Rettet
Den König!

Alba (zum König, der ruhig und unbeweglich steht).
Flüchten sie sich, Sire – Es hat
Gefahr – Noch wissen wir nicht, wer
Den Pöbel waffnet –

König (erwacht aus seiner Betäubung, richtet sich auf und tritt mit Majestät unter sie).
Steht mein Thron noch?
Bin ich noch König dieses Landes? – Nein.
Ich bin es nicht mehr. Diese Memmen weinen,
Von einem Knaben weich gemacht. Man wartet
Nur auf die Losung, von mir abzufallen.
Ich bin verraten von Rebellen.

Alba.
Sire,
Welch fürchterliche Phantasie!

König.
Dorthin!
Dort werft euch nieder! Vor dem blühenden,
Dem jungen König werft euch nieder! – Ich
Bin nichts mehr – ein ohnmächt’ger Greis!

Alba.
Dahin
Ist es gekommen! – Spanier!

(Alle drängen sich um den König herum und knien mit gezogenen Schwertern vor ihm nieder. Carlos bleibt allein und von allen verlassen bei dem Leichnam.)

König (reißt seinen Mantel ab und wirft ihn von sich).
Bekleidet
Ihn mit dem königlichen Schmuck – Auf meiner
Zertretnen Leiche trag ihn –

(Er bleibt ohnmächtig in Alba’s und Lerma’s Armen.)

Lerma.
Hilfe! Gott!

Feria.
Gott! Welcher Zufall!

Lerma.
Er ist von sich.

Alba (lässt den König in Lerma’s und Feria’s Händen).
Bringen
Sie ihn zu Bette! Unterdessen geb’ ich
Madrid den Frieden.

(Er geht ab. Der König wird weggetragen und alle Granden begleiten ihn.)


Sechster Auftritt

Carlos bleibt allein bei dem Leichnam zurück. Nach einigen Augenblicken erscheint Ludwig Mercado, sieht sich schüchtern um und steht eine Zeitlang stillschweigend hinter dem Prinzen, der ihn nicht bemerkt.

Mercado.
Ich komme
Von ihrer Majestät der Königin.

(Carlos sieht wieder weg und gibt ihm keine Antwort.)

Mein Name ist Mercado – Ich bin Leibarzt
Bei ihrer Majestät – und hier ist meine
Beglaubigung.

(Er zeigt dem Prinzen einen Siegelring. – Dieser verharrt in seinem Stillschweigen.)

Die Königin wünscht sehr,
Sie heute noch zu sprechen – wichtige
Geschäfte –

Carlos.
Wichtig ist mir nichts mehr
Auf dieser Welt.

Mercado.
Ein Auftrag, sagte sie,
Den Marquis Posa hinterlassen –

Carlos (steht schnell auf).
Was?
Sogleich.

(Er will mit ihm gehen.)

Mercado.
Nein, jetzt nicht, gnäd’ger Prinz. Sie müssen
Die Nacht erwarten. Jeder Zugang ist
Besetzt, und alle Wachen dort verdoppelt.
Unmöglich ist es, diesen Flügel des
Palastes ungesehen zu betreten.
Sie würden alles wagen –

Carlos.
Aber –

Mercado.
Nur
Ein Mittel, Prinz, ist höchstens noch vorhanden –
Die Königin hat es erdacht. Sie legt
Es ihnen vor – Doch es ist kühn und seltsam,
Und abenteuerlich.

Carlos.
Das ist?

Mercado.
Schon längst
Geht eine Sage, wie sie wissen, dass
Um Mitternacht in den gewölbten Gängen
Der königlichen Burg, in Mönchsgestalt,
Der abgeschiedne Geist des Kaisers wandle.
Der Pöbel glaubt an dies Gerücht, die Wachen
Beziehen nur mit Schauer diesen Posten.
Wenn sie entschlossen sind, sich dieser
Verkleidung zu bedienen, können sie
Durch alle Wachen frei und unversehrt
Bis zum Gemach der Königin gelangen,
Das dieser Schlüssel öffnen wird. Vor jedem Angriff
Schützt sie die heilige Gestalt. Doch auf
Der Stelle, Prinz, muss ihr Entschluss gefasst sein.
Das nöt’ge Kleid, die Maske finden sie
In ihrem Zimmer. Ich muss eilen, ihrer Majestät
Antwort zu bringen.

Carlos.
Und die Zeit?

Mercado.
Die Zeit
Ist zwölf Uhr.

Carlos.
Sagen sie ihr, dass sie mich
Erwarten könne.

(Mercado geht ab.)


Siebenter Auftritt

Carlos. Graf Lerma.

Lerma.
Retten sie sich, Prinz.
Der König wütet gegen sie. Ein Anschlag
Auf ihre Freiheit – wo nicht auf ihr Leben.
Befragen sie mich weiter nicht. Ich habe
Mich weggestohlen, sie zu warnen. Fliehen
Sie ohne Aufschub!

Carlos.
Ich bin in den Händen
Der Allmacht.

Lerma.
Wie die Königin mich eben
Hat merken lassen, sollen sie noch heute
Madrid verlassen, und nach Brüssel flüchten.
Verschieben sie es nicht, ja nicht! Der Aufruhr
Begünstigt ihre Flucht. In dieser Absicht
Hat ihn die Königin veranlasst. Jetzt
Wird man sich nicht erkühnen, gegen sie
Gewalt zu brauchen. Im Karthäuserkloster
Erwartet sie die Post, und hier sind Waffen,
Wenn sie gezwungen sollten sein –

(Er gibt ihm ein Dolch und Terzerolen.)

Carlos.
Dank, Dank,
Graf Lerma!

Lerma.
Ihre heutige Geschichte
Hat mich im Innersten gerührt. So leibt
Kein Freund mehr! Alle Patrioten weinen
Um sie. Mehr darf ich jetzt nicht sagen.

Carlos.
Graf Lerma! Dieser Abgeschiedne nannte
Sie einen edlen Mann.

Lerma.
Noch einmal, Prinz,
Reisen sie glücklich. Schönre Zeiten werden kommen;
Dann aber werd’ ich nicht mehr sein. Empfangen
Sie meine Huldigung schon hier.

(Er lässt sich auf ein Knie vor ihm nieder.)

Carlos (will ihn zurückhalten. Sehr bewegt).
Nicht also –
Nicht also, Graf – Sie rühren mich – ich möchte
Nicht gerne weich sein –

Lerma (küsst seine Hand mit Empfindung).
König meiner Kinder!
O meine Kinder werden sterben dürfen
Für sie. Ich darf es nicht. Erinnern sie sich meiner
In meinen Kindern – Kehren sie in Frieden
Nach Spanien zurücke. Seien sie
Ein Mensch auf König Philipps Thron. Sie haben
Auch Leiden kennen lernen. Unternehmen sie
Nichts Blut’ges gegen ihren Vater! Ja
Nichts Blutiges, mein Prinz! Philipp der Zweite
Zwang ihren Ältervater, von dem Thron
Zu steigen – Dieser Philipp zittert heute
Vor seinem eignen Sohn! Daran gedenken
Sie, Prinz – und so geleite sie der Himmel!

(Er geht schnell weg. Carlos ist im Begriff, auf einem andern Wege fortzueilen, kehrt aber plötzlich um und wirft sich vor dem Leichnam des Marquis nieder, den er noch einmal in seine Arme schließt. Dann verlässt er schnell das Zimmer.)


Vorzimmer des Königs.

Achter Auftritt

Herzog von Alba und Herzog von Feria kommen im Gespräch.

Alba.
Die Stadt ist ruhig. Wie verließen sie
Den König?

Feria.
In der fürchterlichsten Laune.
Er hat sich eingeschlossen. Was sich auch
Ereignen würde, keinen Menschen will
Er vor sich lassen. Die Verräterei
Des Marquis hat auf einmal seine ganze
Natur verändert. Wir erkennen ihn
Nicht mehr.

Alba.
Ich muss zu ihm. Ich kann ihn diesmal
Nicht schonen. Eine wichtige Entdeckung,
Die eben jetzt gemacht wird –

Feria.
Eine neue
Entdeckung?

Alba.
Ein Karthäusermönch, der in
Des Prinzen Zimmer heimlich sich gestohlen,
Und mit verdächt’ger Wissbegier den Tod
Des Marquis Posa sich erzählen lassen,
Fällt meinen Wachen auf. Man hält ihn an.
Man untersucht. Die Angst des Todes presst
Ihm ein Geständnis aus, dass er Papiere
Von großem Wert bei sich trage, die
Ihm der Verstorbne anbefohlen, in
Des Prinzen Hand zu bringen – wenn
Er sich vor Sonnenuntergang nicht mehr
Ihm zeigen würde.

Feria.
Nun?

Alba.
Die Briefe lauten,
Dass Carlos binnen Mitternacht und Morgen
Madrid verlassen soll.

Feria.
Was?

Alba.
Dass ein Schiff
In Cadix segelfertig liege, ihn
Nach Vlissingen zu bringen – dass die Staaten
Der Niederlande seiner nur erwarten,
Die span’schen Ketten abzuwerfen.

Feria.
Ha!
Was ist das?

Alba.
Andre Briefe melden,
Dass eine Flotte Solimans bereits
Von Rhodus ausgelaufen – den Monarchen
Von Spanien, laut des geschlossenen Bundes,
Im mitelländ’schen Meere anzugreifen.

Feria.
Ist’s möglich?

Alba.
Eben diese Briefe lehren
Die Reisen mich verstehn, die der Malteser
Durch ganz Europa jüngst getan. Es galt
Nichts Kleineres, als alle nord’schen Mächte
Für der Flamänder Freiheit zu bewaffnen.

Feria.
Das war er!

Alba.
Diesen Briefen endlich folgt
Ein ausgeführter Plan des ganzen Krieges,
Der von der span’schen Monarchie auf immer
Die Niederlande trennen soll. Nichts, nichts
Ist übersehen, Kraft und Widerstand
Berechnet, alle Quellen, alle Kräfte
Des Landes pünktlich angegeben, alle
Maximen, welche zu befolgen, alle
Bündnisse, die zu schließen. Der Entwurf
Ist teuflisch, aber wahrlich – göttlich.

Feria.
Welch undurchdringlicher Verräter!

Alba.
Noch
Beruft man sich in diesem Brief auf eine
Geheime Unterredung, die der Prinz
Am Abend seiner Flucht mit seiner Mutter
Zu Stande bringen sollte.

Feria.
Wie? Das wäre
Ja heute.

Alba.
Diese Mitternacht. Auch hab’ ich
Für diesen Fall Befehle schon gegeben.
Sie sehen, dass es dringt. Kein Augenblick
Ist zu verlieren – Öffnen sie das Zimmer
Des Königs.

Feria.
Nein! Der Eintritt ist verboten.

Alba.
So öffn’ ich selbst – die wachsende Gefahr
Rechtfertigt diese Kühnheit –

(Wie er gegen die Türe geht, wird sie geöffnet, und der König tritt heraus.)

Feria.
Ha, er selbst!


Neunter Auftritt

König zu den Vorigen.

(Alle erschrecken über seinen Anblick, weichen zurück und lassen ihn ehrerbietig mitten durch. Er kommt in einem wachen Träume, wie eines Nachtwandlers. – Sein Anzug und seine Gestalt zeigen noch die Unordnung, worein ihn die gehabte Ohnmacht versetzt hat. Mit langsamen Schritten geht er an den anwesenden Granden vorbei, sieht jeden starr an, ohne einen einzigen wahrzunehmen. Endlich bleibt er gedankenvoll stehen, die Augen zur Erde gesenkt, bis seine Gemütsbewegung nach und nach laut wird.)

König.
Gib diesen Toten mir heraus! Ich muss
Ihn wieder haben.

Domingo (leise zum Herzog von Alba).
Reden sie ihn an.

König (wie oben).
Er dachte klein von mir und starb. Ich muss
Ihn wieder haben. Er muss anders von
Mir denken.

Alba (nähert sich mit Furcht).
Sire –

König.
Wer redet hier?

(Er sieht lange im Kreise herum.)

Hat man
Vergessen, wer ich bin? Warum nicht auf
Den Knien vor mir, Kreatur? Noch bin
Ich König. Unterwerfung will ich sehen.
Setzt alles mich hintan, weil einer mich
Verachtet hat?

Alba.
Nichts mehr von ihm, mein König!
Ein neuer Feind, bedeutender als dieser,
Steht auf im Herzen ihres Reiches. –

Feria.
Prinz Carlos –

König.
Er hatte einen Freund, der in den Tod
Gegangen ist für ihn – für ihn! Mit mir
Hätt’ er ein Königreich geteilt! – Wie er
Auf mich herunter sah! So stolz sieht man
Von Thronen nicht herunter. War’s nicht sichtbar,
Wie viel er sich mit der Erobrung wusste?
Was er verlor, gestand sein Schmerz. So wird
Um nichts Vergängliches geweint – Dass er noch lebte!
Ich gäb’ ein Indien dafür. Trostlose Allmacht,
Die nicht einmal in Gräber ihren Arm
Verlängern, eine kleine Übereilung
Mit Menschenleben nicht verbessern kann!
Die Toten stehen nicht mehr auf. Wer darf
Mir sagen, dass ich glücklich bin? Im Grabe
Wohnt einer, der mir Achtung vorenthalten.
Was gehen die Lebenden mich an? Ein Geist,
Ein freier Mann stand auf in diesen ganzen
Jahrhundert – Einer – Er verachtet mich
Und stirbt.

Alba.
So lebten wir umsonst! – Lasst uns
Zu Grabe gehen, Spanier! Auch noch
Im Tode raubt uns dieser Mensch das Herz
Des Königs!

König (Er setzt sich nieder, den Kopf auf den Arm gestützt).
Wär’ er mir also gestorben!
Ich hab’ ihn lieb gehabt, sehr lieb. Er war
Mir teuer wie ein Sohn. In diesem Jüngling
Ging mir ein neuer, schönrer Morgen auf.
Wer weiß, was ich ihm aufbehalten! Er
War meine erste Liebe. Ganz Europa
Verfluche mich! Europa mag mir fluchen.
Von diesem hab’ ich Dank verdient.

Domingo.
Durch welche
Bezauberung –

König.
Und wem bracht’ er dies Opfer?
Dem Knaben, meinem Sohne? Nimmermehr.
Ich glaub’ es nicht. Für einen Knaben stirbt
Ein Posa nicht. Der Freundschaft arme Flamme
Füllt eines Posa Herz nicht aus. Das schlug
Der ganzen Menschheit. Seine Neigung war
Die Welt mit allen kommenden Geschlechtern.
Sie zu vergnügen fand er einen Thron –
Und geht vorüber? Diesen Hochverrat
An seiner Menschlichkeit sollte Posa sich
Vergeben? Nein. Ich kenn’ ihn besser. Nicht
Den Philipp opfert er dem Carlos, nur
Den alten Mann dem Jüngling, seinem Schüler.
Des Vaters untergehende Sonne lohnt
Das neue Tagwerk nicht mehr. Das verspart man
Dem nahen Aufgang seines Sohns – O, es ist klar!
Auf meinen Hintritt wird gewartet.

Alba.
Lesen sie
In diesen Briefen die Bekräftigung.

König (steht auf).
Er könnte sich verrechnet haben. Noch,
Noch bin ich. Habe Dank, Natur! Ich fühle
In meinen Sehnen Jünglingskraft. Ich will
Ihn zum Gelächter machen. Seine Tugend
Sei eines Träumers Hirngespinst gewesen.
Er sei gestorben als ein Thor. Sein Sturz
Erdrücke seinen Freund und sein Jahrhundert!
Lass sehen, wie man mich entbehrt. Die Welt
Ist noch auf einen Abend mein. Ich will
Ihn nützen, diesen Abend, dass nach mir
Kein Pflanzer mehr in zehen Menschenaltern
Auf dieser Brandstatt ernten soll. Er brachte
Der Menschheit, seinem Götzen, mich zum Opfer;
Die Menschheit büße mir für ihn! – Und jetzt –
Mit seiner Puppe fang’ ich an.

(Zum Herzog von Alba.)

Was war’s
Mit dem Infanten? Wiederholt es mir. Was lehren
Mich diese Briefe?

Alba.
Diese Briefe, Sire,
Enthaltne die Verlassenschaft des Marquis
Von Posa an Prinz Carl.

König (durchläuft die Papiere, wobei er von allen Umstehenden scharf beobachtet wird. Nachdem er eine Zeitlang gelesen, legt er sie weg und geht stillschweigend durch das Zimmer).
Man rufe mir
Den Inquisitor Kardinal. Ich lass’
Ihn bitten, eine Stunde mir zu schenken.

(Einer von den Granden geht hinaus. Der König nimmt diese Papiere wieder, liest fort und legt sie abermals weg.)

In dieser Nacht also?

Taxis.
Schlag zwei Uhr soll
Die Post vor dem Karthäuserkloster halten.

Alba.
Und Leute, die ich ausgesendet, sahen
Verschiednes Reisgeräte, an dem Wappen
Der Krone kenntlich, nach dem Kloster tragen.

Feria.
Auch sollen große Summen auf den Namen
Der Königin bei maurischen Agenten
Betrieben worden sein, in Brüssel zu
Erheben.

König.
Wo verließ man den Infanten?

Alba.
Beim Leichnam des Maltesers.

König.
Ist noch Licht im Zimmer
Der Königin?

Alba.
Dort ist alles still. Auch hat
Sie ihre Kammerfrauen zeitiger,
Als sonsten zu geschehn pflegt, entlassen.
Die Herzogin von Arcos, die zuletzt
Aus ihrem Zimmer ging, verließ sie schon
In tiefem Schlafe.

Ein Offizier von der Leibwache tritt herein, zieht den Herzog von Feria auf die Seite und spricht leise mit ihm. Dieser wendet sich betreten zum Herzog von Alba, andre drängen sich hinzu, und es entsteht ein Gemurmel.

Feria, Taxis, Domingo (zugleich).
Sonderbar!

König.
Was gibt es?

Feria.
Eine Nachricht, Sire, die kaum
Zu glauben ist –

Domingo.
Zwei Schweizer, die soeben
Von ihrem Posten kommen, melden – es
Ist lächerlich, es nachzusagen.

König.
Nun?

Alba.
Dass in dem linken Flügel des Palasts
Der Geist des Kaisers sich erblicken lassen,
Und mit beherztem, feierlichem Schritt an ihnen
Vorbei gegangen. Eben diese Nachricht
Bekräft’gen alle Wachen, die durch diesen
Pavillon hin verbreitet stehn, und setzen
Hinzu, dass die Erscheinung in den Zimmern
Der Königin verschwundne.

König.
Und in welcher
Gestalt erschien er?

Offizier.
In dem nämlichen
Gewand, das er zum letzten Mal in Justi
Als Hieronymitermönch getragen.

König.
Als Mönch? Und also haben ihn die Wachen
Im Leben noch gekannt? Denn woher wussten
Sie sonst, dass es der Kaiser war?

Offizier.
Das es
Der Kaiser müsse sein, bewies das Szepter,
Das er in Händen trug.

Domingo.
Auch will man ihn
Schon öfters, wie die Sage geht, in dieser
Gestalt gesehen haben.

König.
Angeredet hat
Ihn niemand?

Offizier.
Niemand unterstand sich.
Die Wachen sprachen ihr Gebet und ließen
Ihn ehrerbietig mitten durch.

König.
Und in den Zimmern
Der Königin verlor sich die Erscheinung?

Offizier.
Im Vorgemach der Königin.

(Allgemeines Stillschweigen.)

König (wendet sich schnell um).
Wie sagt ihr?

Alba.
Sire, wir sind stumm.

König (nach einigem Besinnen zu dem Offizier).
Lasst meine Garden unter
Die Waffen treten und jedweden Zugang
Zu diesem Flügel sperren. Ich bin lüstern,
Ein Wort mit diesem Geist zu reden.

(Der Offizier geht ab. Gleich darauf ein Page.)

Page.
Sire!
Der Inquisitor Kardinal.

König (zu den Anwesenden).
Verlasst uns.

(Der Kardinal Großinquisitor, ein Greis von neunzig Jahren und blind, auf einen Stab gestützt und von zwei Dominikanern geführt. Wie er durch ihre Reihen geht, werfen sich alle Granden vor ihm nieder und berühren den Saum seines Kleides. Er erteilt ihnen den Segen. Alle entfernen sich.)


Zehnter Auftritt

Der König und der Großinquisitor.

(Ein langes Stillschweigen.)

Großinquisitor.
Steh’
Ich vor dem König?

König.
Ja.

Großinquisitor.
Ich war mir’s nicht mehr
Vermutend.

König.
Ich erneure einen Auftritt
Vergangner Jahre. Philipp, der Infant,
Holt Rat bei seinem Lehrer.

Großinquisitor.
Rat bedurfte
Mein Zögling Carl, ihr großer Vater, niemals.

König.
Um so viel glücklicher war er. Ich habe
Gemordet, Kardinal, und finde keine Ruhe –

Großinquisitor.
Weswegen haben sie gemordet?

König.
Ein
Betrug, der ohne Beispiel ist –

Großinquisitor.
Ich weiß ihn.

König.
Was wisset ihr? Durch wen? Seit wann?

Großinquisitor.
Seit Jahren
Was sie seit Sonnenuntergang.

König (mit Befremdung).
Ihr habt
Von diesem Menschen schon gewusst?

Großinquisitor.
Sein Leben
Liegt angefangen und beschlossen in
Der Santa Casa heiligen Registern.

König.
Und er ging frei herum?

Großinquisitor.
Das Seil, an dem
Er flatterte, war lang, doch unzerreißbar.

König.
Er war schon außer meines Reiches Grenzen.

Großinquisitor.
Wo er sein mochte, war ich auch.

König (geht unwillig auf und nieder).
Man wusste,
In wessen Hand ich war – Warum versäumte man
Mich zu erinnern?

Großinquisitor.
Diese Frage geb’ ich
Zurücke – Warum fragten sei nicht an,
Da sie in dieses Menschen Arm sich warfen?
Sie kannten ihn! Ein Blick entlarvte ihnen
Den Ketzer. – Was vermochte sie, dies Opfer
Dem heil’gen Amt zu unterschlagen? Spielt
Man so mit uns? Wenn sich die Majestät
Zur Hehlerin erniedrigt – hinter unserm Rücken
Mit unsern schlimmsten Feinden sich versteht,
Was wird mit uns? Darf einer Gnade finden,
Mit welchem Rechte wurden hunderttausend
Geopfert?

König.
Er ist auch geopfert.

Großinquisitor.
Nein,
Er ist ermordet – ruhmlos! Freventlich! Das Blut,
Das unsrer Ehre glorreich fließen sollte,
Hat eines Meuchelmörders Hand verspritzt.
Der Mensch war unser – Was befugt sei,
Des Ordens heil’ge Güter anzutasten?
Durch uns zu sterben, war er da. Ihn schenkte
Der Notdurft dieses Zeitenlaufes Gott,
In seines Geistes feierlicher Schändung
Die prahlende Vernunft zur Schau zu führen.
Das war mein überlegter Plan. Nun liegt
Sie hingestreckt, die Arbeit vieler Jahre!
Wir sind bestohlen, und sie haben nichts
Als blut’ge Hände.

König.
Leidenschaft riss mich
Dahin. Vergib mir!

Großinquisitor.
Leidenschaft? – Antwortet
Mir Philipp, der Infant? Bin ich allein
Zum alten Mann geworden? – Leidenschaft!

(Mit unwilligem Kopfschütteln.)

Gib die Gewissen frei in deinen Reichen,
Wenn du in deinen Ketten gehst.

König.
Ich bin
In diesen Dingen noch ein Neuling. Habe
Geduld mit mir.

Großinquisitor.
Nein! Ich bin nicht mit ihnen
Zufrieden. – Ihren ganzen vorigen
Regentenlauf zu lästern! Wo war damals
Der Philipp, dessen feste Seele, wie
Der Angelstern am Himmel, unverändert
Und ewig um sich selber treibt? War eine ganze
Vergangenheit versunken hinter ihnen?
War in diesem Augenblick die Welt nicht mehr
Die nämliche, da sie die Hand ihm boten?
Gift nicht mehr Gift? War zwischen Gut und Übel
Und Wahr und Falsch die Scheidewand gefallen?
Was ist ein Vorsatz, was Beständigkeit,
Was Männertreue, wenn in einer lauen
Minute eine sechzigjähr’ge Regel
Wie eines Weibes Laune schmilzt?

König.
Ich sah in seine Augen – Halte mir
Den Rückfall in die Sterblichkeit zu gut.
Die Welt hat einen Zugang weniger
Zu deinem Herzen. Deine Augen sind erloschen.

Großinquisitor.
Was sollte ihnen dieser Wunsch? Was konnte
Er neues ihnen vorzuzeigen haben,
Worauf sie nicht bereitet waren? Kennen
Sie Schwärmersinn und Neuerung so wenig?
Der Weltverbess’rer prahlerische Sprache
Klang ihrem Ohr so ungewohnt? Wenn das
Gebäude ihrer Überzeugung schon
Von Worten fällt – mit welcher Stirne, muss
Ich fragen, schrieben sie das Bluturteil
Der hunderttausend schwachen Seelen, die
Den Holzstoß für nichts Schlimmeres bestiegen?

König.
Mich lüstete nach einem Menschen. Diese
Domingo –

Großinquisitor.
Wozu Menschen? Menschen sind
Für sie nur Zahlen, weiter nichts. Muss ich
Die Elemente der Monarchenkunst
Mit meinem grauen Schüler überhören?
Der Erde Gott verlerne zu bedürfen,
Was ihm verweigert werden kann. Wenn sie
Um mit Gefühle wimmern, haben sie
Der Welt nicht ihresgleichen zugestanden?
Und welche Rechte, möchte’ ich wissen, haben
Sie aufzuweisen über ihresgleichen?

König (wirft sich in den Sessel).
Ich bin ein kleiner Mensch, ich fühl’s – Du forderst
Von dem Geschöpf, was nur der Schöpfer leistet.

Großinquisitor.
Nein, Sire, mich hintergeht man nicht. Sie sind
Durchschaut – uns wollten sie entfliehen.
Des Ordens schwere Ketten drücken sie;
Sie wollten frei und einzig sein.

(Er hält inne. Der König schweigt.)

Wir sind gerochen – Danken sie der Kirche,
Die sich begnügt, als Mutter sie zu strafen.
Die Wahl, die man sie blindlings treffen lassen,
War ihre Züchtigung. Sie sind belehrt.
Jetzt kehren sie uns zurück – Stünd’ ich
Nicht jetzt vor ihnen – beim lebend’gen Gott!
Sie wären morgen so vor mir gestanden.

König.
Nicht diese Sprache! Mäßige dich, Priester!
Ich duld’ es nicht. Ich kann in diesem Ton
Nicht mit mir sprechen hören.

Großinquisitor.
Warum rufen sie
Den Schatten Samuels herauf? – Ich gab
Zwei Könige dem span’schen Thron und hoffte,
Ein fest gegründet Werk zu hinterlassen.
Verloren seh’ ich meines Lebens Frucht,
Don Philipp selbst erschüttert mein Gebäude.
Und jetzo, Sire – Wozu bin ich gerufen?
Was soll ich hier? – Ich bin nicht Willens, diesen
Besuch zu wiederholen.

König.
Eine Arbeit noch,
Die letzte – dann magst du in Frieden scheiden.
Vorbei sei das Vergangne, Friede sei
Geschlossen zwischen uns – Wir sind versöhnt?

Großinquisitor.
Wenn Philipp sich in Demut beugt.

König (nach einer Pause).
Mein Sohn
Sinnt auf Empörung.

Großinquisitor.
Was beschließen sie?

König.
Nichts – oder alles.

Großinquisitor.
Und was heißt hier alles?

König.
Ich lass’ ihn fliehen, wenn ich ihn
Nicht sterben lassen kann.

Großinquisitor.
Nun, Sire?

König.
Kannst du mir einen neuen Glauben gründen,
Der eines Kindes blut’gen Mord verteidigt?

Großinquisitor.
Die ewige Gerechtigkeit zu sühnen,
Starb an dem Holze Gottes Sohn.

König.
Du willst
Durch ganz Europa diese Meinung pflanzen?

Großinquisitor.
So weit, als man das Kreuz verehrt.

König.
Ich frevle
An der Natur – auch diese mächt’ge Stimme
Willst du zum Schweigen bringen?

Großinquisitor.
Vor dem Glauben
Gilt keine Stimme der Natur.

König.
Ich lege
Mein Richteramt in deine Hände – Kann
Ich ganz zurücke treten?

Großinquisitor.
Geben sie
Ihn mir.

König.
Es ist mein einz’ger Sohn – Wem hab’ ich
Gesammelt?

Großinquisitor.
Der Verwesung lieber, als
Der Freiheit.

König (steht auf).
Wir sein einig. Kommt.

Großinquisitor.
Wohin?

König.
Aus meiner Hand as Opfer zu empfangen.

(Er führt ihn hinweg.)


Zimmer des Königin.

Letzter Auftritt

Carlos. Die Königin. Zuletzt der König mit Gefolge.

Carlos (in einem Mönchsgewand, eine Maske vor dem Gesichte, die er eben jetzt abnimmt, unter dem Arm ein bloßes Schwert. Es ist ganz finster. Er nähert sich einer Türe, welche geöffnet wird. Die Königin tritt heraus, im Nachtkleide, mit einem brennenden Lichte. Carlos lässt sich vor ihr auf ein Knie nieder).
Elisabeth!

Königin (mit stiller Wehmut auf seinem Anblick verweilend).
So sehen wir uns wieder!

(Stillschweigen.)

Königin (sucht sich zu fassen).
Stehen sie auf! Wir wollen
Einander nicht erweichen, Carl. Nicht durch
Ohnmächt’ge Tränen will der große Tote
Gefeiert werden. Tränen mögen fließen
Für kleinre Leiden! – Er hat sich geopfert
Für sie! Mit seinem teuern Leben
Hat er das ihrige erkauft – Und dieses Blut
Wär’ einem Hirngespinnst geflossen? – Carlos!
Ich selber habe gut gesagt für sie.
Auf meine Bürgschaft schied er freudiger
Von hinnen. Werden sie zur Lügnerin
Mich machen?

Carlos (mit Begeisterung).
Einen Leichenstein will ich
Ihm setzen, wie noch keinem Könige
Geworden – Über seiner Asche blühe
Ein Paradies!

Königin.
So hab’ ich sie gewollt!
Das war die große Meinung seines Todes!
Mich wählte er zu seines letzten Willens
Vollstreckerin. Ich mahne Sie. Ich werde
Auf die Erfüllung dieses Eides halten.
– Und noch ein anderes Vermächtnis legte
Der Sterbende in meine Hand. – Ich gab ihm
Mein Wort – und – warum soll ich es verschweigen?
Er übergab mir seinen Carl – Ich trotze
Dem Schein – ich will vor Menschen nicht mehr zittern.
Will einmal kühn sein, wie mein Freund. Mein Herz
Soll reden. Tugend nannt’ er unsre Liebe?
Ich glaub’ es ihm und will mein Herz nicht mehr –

Carlos.
Vollenden sie nicht, Königin – Ich habe
In einem langen, schweren Traum gelegen.
Ich liebte – Jetzt bin ich erwacht. Vergessen
Sei das Vergangne! Hier sind ihre Briefe
Zurück. Vernichten sie die meinen. Fürchten
Sie keine Wallung mehr von mir. Es ist
Vorbei. Ein reiner Feuer hat mein Wesen
Geläutert. Meine Leidenschaft wohnt in den Gräbern
Der Toten. Keine sterbliche Begierde
Teilt diesen Busen mehr.

(Nach einem Stillschweigen ihre Hand fassend.)

Ich kam, um Abschied
Zu nehmen – Mutter, endlich seh’ ich ein,
Es gibt ein höher, wünschenswerter Gut,
Als dich besitzen – Eine kurze Nacht
Hat meiner Jahre trägen Lauf beflügelt,
Frühzeitig mich zum Mann gereift. Ich habe
Für dieses Leben keine Arbeit mehr,
Als die Erinnerung an ihn! Vorbei
Sind alle meine Ernten –

(Er nähert sich der Königin, welche das Gesicht verhüllt.)

Sagen sie
Mir gar nichts, Mutter?

Königin.
Kehren sie sich nicht
An meine Tränen, Carl – Ich kann nicht anders –
Doch, glauben sie mir, ich bewundre sie.

Carlos.
Sie waren unsres Bundes einzige
Vertraute – unter diesem Namen werden
Sie auf der ganzen Welt das Teuerste
Mir bleiben. Meine Freundschaft kann ich ihnen
So wenig, als noch gestern meine Liebe
Verschenken an ein andres Weib – doch heilig
Sei mir die königliche Witwe, führt
Die Vorsicht mich auf diesen Thron.

(Der König, begleitet vom Großinquisitor und seinen Granden, erscheint im Hintergrunde, ohne bemerkt zu werden.)

Jetzt geh’ ich
Aus Spanien und sehe meinen Vater
Nicht wieder – nie in diesem Leben wieder.
Ich schätz’ ihn nicht mehr. Ausgestorben ist
In meinem Busen die Natur – Sein sie
Ihm wieder Gattin. Er hat einen Sohn
Verloren. Treten sie in ihre Pflichten
Zurück – Ich eile, mein bedrängtes Volk
Zu retten von Tyrannenhand. Madrid
Sieht nur als König oder nie mich wieder
Und jetzt zum letzten Lebewohl!

(Er küsst sie.)

Königin.
O Carl!
Was machen sie aus mir? – Ich darf mich nicht
Empor zu dieser Männergröße wagen;
Doch fassen und bewundern kann ich sie.

Carlos.
Bin ich nicht stark, Elisabeth? Ich halte
In meinen Armen sie und wanke nicht.
Von dieser Stelle hätten mich noch gestern
Des nahen Todes Schrecken nicht gerissen.

(Er verlässt sie.)

Das ist vorbei. Jetzt trotz’ ich jedem Schicksal
Der Sterblichkeit. Ich heilt sie in den Armen
Und wankte nicht. – Still! Hörten sie nicht etwas?

(Eine Uhr schlägt.)

Königin.
Nichts hör’ ich, als die fürchterliche Glocke,
Die uns zur Trennung läutet.

Carlos.
Gute Nacht denn, Mutter.
Aus Gent empfangen sie den ersten Brief
Von mir, der das Geheimnis unsers Umgangs
Laut machen soll. Ich gehe, mit Don Philipp
Jetzt einen öffentlichen Gang zu tun.
Von nun an, will ich, sei nichts Heimliches
Mehr unter uns. Sie brauchen nicht das Auge
Der Welt zu scheuen – Dies hier sei mein letzter
Betrug.

(Er will nach der Maske greifen. Der König steht zwischen ihnen.)

König.
Es ist dein letzter!

(Die Königin fällt ohnmächtig nieder.)

Carlos (eilt auf sie zu und empfängt sie mit den Armen).
Ist sie tot?
O Himmel und Erde!

König (kalt und still zum Großinquisitor).
Kardinal, ich habe
Das Meinige getan. Tun sie das ihre.

(Er geht ab.)

Ü

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