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Vierter Akt

Saal bei der Königin.

Erster Auftritt

Die Königin. Die Herzogin Olivarez. Die Prinzessin von Eboli. Die Gräfin Fuentes und noch andere Damen.

Königin (zur Oberhofmeisterin, indem sie aufsieht).
Der Schlüssel fand sich also nicht? – So wird
Man die Schatulle mir erbrechen müssen,
Und zwar sogleich –

(Da sie die Prinzessin Eboli gewahr wird, welche sich ihr nähert und ihr die Hand küsst.)

Willkommen, liebe Fürstin!
Mich freut, sie wieder hergestellt zu finden –
Zwar noch sehr blass –

Fuentes (etwas tückisch).
Die Schul des bösen Fiebers,
Das ganz erstaunlich an die Nerven greift.
Nicht wahr, Prinzessin?

Königin.
Sehr hab’ ich gewünscht,
Sie zu besuchen, meine Liebe. – Doch
Ich darf ja nicht.

Olivarez.
Die Fürstin Eboli
Litt wenigstens nicht Mangel an Gesellschaft. –

Königin.
Das glaub’ ich gern. Was haben sie? Sie zittern.

Eboli.
Nichts – gar nichts, meine Königin. Ich bitte
Um die Erlaubnis, wegzugehen.

Königin.
Sie
Verhehlen uns, sind kränker gar, als sie
Uns glauben machen wollen? Auch das Stehn
Wird ihnen sauer. Helfen sie ihr, Gräfin,
Auf dieses Tabouret sich niedersetzen.

Eboli
Im Freien wird mir besser.

(Sie geht ab.)

Königin.
Folgen sie
Ihr, Gräfin – Welche Anwandlung!

(Ein Page tritt herein und spricht mit der Herzogin, welche sich alsdann zur Königin wendet.)

Olivarez.
Der Marquis
Von Posa, Ihre Majestät – Er kommt
Von Seiner Majestät dem König

Königin.
Ich
Erwart’ ihn.

(Der Page geht ab und öffnet dem Marquis die Türe.)


Zweiter Auftritt

Marquis von Posa. Die Vorigen.

(Der Marquis lässt sich auf ein Knie vor der Königin nieder, welche ihm einen Wink gibt, aufzustehen.)

Königin.
Was ist meines Herrn Befehl?
Darf ich ihn öffentlich –

Marquis.
Mein Auftrag lautet
An ihre königliche Majestät allein.

(Die Damen entfernen sich auf einen Wink der Königin.)


Dritter Auftritt

Die Königin. Marquis von Posa.

Königin (voll Verwunderung).
Wie? Darf ich meinen Augen trauen, Marquis?
Sie an mich abgeschickt vom König?

Marquis.
Dünkt
Das ihre Majestät so sonderbar?
Mir ganz und gar nicht.

Königin.
Nun, so ist die Welt
Aus ihrer Bahn gewichen. Sie und er –
Ich muss gestehen –

Marquis.
Dass es seltsam klingt?
Das mag wohl sein. – Die gegenwärt’ge Zeit
Ist noch an mehrern Wunderdingen fruchtbar.

Königin.
An größern kaum.

Marquis.
Gesetzt, ich hätte mich
Bekehren lassen endlich – wär’ es müde,
An Philipps Hof den Sonderling zu spielen?
Den Sonderling! Was heißt auch das? Wer sich
Den Menschen nützlich machen will, muss doch
Zuerst sich ihnen gleich zu stellen suchen.
Wozu der Sekte prahlerische Tracht?
Gesetzt – wer ist von Eitelkeit so frei,
Um nicht für seinen Glauben gern zu werben? –
Gesetzt, ich ginge damit um, den meinen
Auf einen Thron zu setzen?

Königin.
Nein! – Nein, Marquis,
Auch nicht einmal im Scherze möchte’ ich dieser
Unreifen Einbildung sie zeihn. Sie sind
Der Träumer nicht, der etwas unternähme,
Was nicht geendigt werden kann.

Marquis.
Das eben
Wär’ noch die Frage, denk’ ich.

Königin.
Was ich höchstens
Sie zeihen könnte, Marquis – was von ihnen
Mich fast befremden könnte, wäre – wäre –

Marquis.
Zweideutelei. Kann sein.

Königin.
Unredlichkeit
Zum wenigsten. Der König wollte mir
Wahrscheinlich nicht durch sie entbieten lassen,
Was sie mir sagen werden.

Marquis.
Nein.

Königin.
Und kann
Die gute Sache schlimme Mittel adeln?
Kann sich – verzeihen sie mir diesen Zweifel –
Ihr edler Stolz zu diesem Amte borgen?
Kaum glaub’ ich es.

Marquis.
Auch ich nicht, wenn es hier
Nur gelten soll, den König zu betrügen.
Doch das ist meine Meinung nicht. Ihm selbst
Gedenk’ ich diesmal redlicher zu dienen,
Als er mir aufgetragen hat.

Königin.
Daran
Erkenn’ ich sie, und nun genug! Was macht er?

Marquis.
Der König? – Wie es scheint, bin ich sehr bald
An meiner strengen Richterin gerächt.
Was ich so sehr nicht zu erzählen eile,
Eilt ihre Majestät, wie mir geschienen,
Nochweit, weit weniger zu hören. – Doch
Gehröt muss es doch werden! Der Monarch
Lässt ihre Majestät ersuchen, dem
Ambassadeur von Frankreich kein Gehör
Für heute zu bewilligen. Das war
Mein Auftrag. Er ist abgetan.

Königin.
Und das
Ist alles, Marquis, was sie mir von ihm
Zu sagen haben?

Marquis.
Alles ungefähr,
Was ich berechtigt, hier zu sein

Königin.
Ich will
Mich gern bescheiden, Marquis, nicht zu wissen,
Was mir vielleicht Geheimnis bleiben muss –

Marquis.
Das muss es, meine Königin – Zwar, wären
Sie nicht sie selbst, ich würde eilen, sie
Von ein’gen Dingen zu belehren, vor
Gewissen Menschen sie zu warnen – doch
Das braucht es nicht bei ihnen. Die Gefahr
Mag auf- und untergehen um sie her!
Sie sollen’s nie erfahren. Alles dies
Ist ja nicht so viel wert, den goldnen Schlaf
Von eines Engels Stirne zu verjagen.
Auch war es das nicht, was mich hergeführt.
Prinz Carlos –

Königin.
Wie verließen sie ihn?

Marquis.
Wie
Den einz’gen Weisen seiner Zeit, dem es
Verbrechen ist, die Wahrheit anzubeten –
Und eben so beherzt, für seine Liebe,
Wie jener für die seinige zu sterben.
Ich bringe wenig Worte – aber hier,
Hier ist er selbst

(Er gibt der Königin einen Brief.)

Königin (nachdem sie ihn gelesen).
Er muss mich sprechen, sagt er.

Marquis.
Das sag’ ich auch.

Königin.
Wird es ihn glücklich machen,
Wenn er mit seinen Augen sieht, dass ich
Es auch nicht bin?

Marquis.
Nein – aber tätiger
Soll es ihn machen und entschlossener.

Königin.
Wie?

Marquis.
Der Herzog Alba ist ernannt nach Flandern.

Königin.
Ernannt – so hör’ ich.

Marquis.
Widerrufen kann
Der König nie. Wir kennen ja den König.
Doch wahr ist’s auch: Hier darf der Prinz nicht bleiben –
Hier nicht, jetzt vollends nicht – und Flandern darf
Nicht aufgeopfert werden.

Königin.
Wissen sie
Es zu verhindern?

Marquis.
Ja – vielleicht. Das Mittel
Ist fast so schlimm, als die Gefahr. Es ist
Verwegen, wie Verzweiflung. – Doch ich weiß
Von keinem andern.

Königin.
Nennen sie mir’s.

Marquis.
Ihnen,
Nur ihnen, meine Königin, wag’ ich
Es zu entdecken. Nur von Ihnen kann
Es Carlos hören, ohne Abscheu hören.
Der Name freilich, den es führen wird,
Klingt etwas rau –

Königin.
Rebellion –

Marquis.
Er soll
Dem König ungehorsam werden, soll
Nach Brüssel heimlich sich begeben, wo
Mit offnen Armen die Flamänder ihn
Erwarten. Alle Niederländer stehen
Auf seine Losung auf. Die gute Sache
Wird stark durch einen Königsohn. Er mache
Den span’schen Thron durch seine Waffen zittern.
Was in Madrid der Vater ihm verweigert,
Wird er in Brüssel ihm bewilligen.

Königin.
Sie sprachen
Ihn heute und behaupten das?

Marquis.
Weil ich
Ihn heute sprach.

Königin (nach einer Pause).
Der Plan, den sie mir zeigen,
Erschreckt und – reizt mich auch zugleich. Ich glaube,
Dass sie nicht Unrecht haben. – Die Idee
Ist kühn, und eben darum, glaub’ ich,
Gefällt sie mir. Ich will sie reisen lassen.
Weiß sie der Prinz?

Marquis.
Er sollte, war mein Plan,
Aus ihrem Mund zum ersten Mal sie hören.

Königin.
Unstreitig! Die Idee ist groß. – Wenn anders
Des Prinzen Jugend –

Marquis.
Schadet nichts. Er findet
Dort einen Egmont und Oranien,
Die braven Krieger Kaiser Carls, so klug
Im Kabinett, als fürchterlich im Felde.

Königin (mit Lebhaftigkeit).
Nein! Die Idee ist groß und schön – Der Prinz
Muss handeln. Lebhaft fühl’ ich das. Die Rolle,
Die man hier in Madrid ihn spielen sieht,
Drückt mich an seiner Statt zu Boden – Frankreich
Versprech’ ich ihm; Savoyen auch. Ich bin
Ganz ihrer Meinung, Marquis, er muss handeln. –
Doch dieser Anschlag fordert Geld.

Marquis.
Auch das liegt schon
Bereit –

Königin.
Und dazu weiß ich Rat.

Marquis.
So darf ich
Zu der Zusammenkunft ihm Hoffnung geben?

Königin.
Ich will mir’s überlegen.

Marquis.
Carlos dringt
Auf Antwort, Ihre Majestät. – Ich hab’
Ihm zugesagt, nicht leer zurückzukehren.

(Seine Schreibtafel der Königin reichend.)

Zwei Zeilen sind für jetzt genug –

Königin (nachdem sie geschrieben).
Werd’ ich
Sie wieder sehn?

Marquis.
So oft sie es befehlen.

Königin.
So oft – so oft ich es befehle? – Marquis!
Wie muss ich diese Freiheit mir erklären?

Marquis.
So arglos, als sie immer können. Wir
Genießen sie – das ist genug – das ist
Für meine Königin genug.

Königin (abbrechend).
Wie sollt’ es
Mich freuen, Marquis, wenn der Freiheit endlich
Noch diese Zuflucht in Europa bliebe!
Wenn sie durch ihn es bliebe! – Rechnen sie
Auf meinen stillen Anteil –

Marquis (mit Feuer).
O ich wusst’ es,
Ich musste hier verstanden werden –

Herzogin Olivarez (erscheint an der Türe).

Königin (fremd zum Marquis).
Was
Von meinem Herrn, dem König, kommt, werd’ ich
Als ein Gesetz verehren. Gehen sie,
Ihm meine Unterwerfung zu versichern!

(Sie gibt ihm einen Wink. Der Marquis geht ab.)


Galerie.

Vierter Auftritt

Don Carlos und Graf Lerma.

Carlos.
Hier sind wir ungestört. Was haben sie
Mir zu entdecken?

Lerma.
Eure Hoheit hatten
An diesem Hofe einen Freund.

Carlos (stutzt).
Den ich
Nicht wüsste! – Wie? Was wollen sie damit?

Lerma.
So muss ich um Vergebung bitten, dass
Ich mehr erfuhr, als ich erfahren durfte.
Doch, Euer Hoheit zur Beruhigung,
Ich hab’ es wenigstens von treuer Hand,
Denn, kurz, ich hab’ es von mir selbst.

Carlos.
Von wem
Ist denn die Rede?

Lerma.
Marquis Posa –

Carlos.
Nun?

Lerma.
Wenn etwas mehr, als jemand wissen darf,
Von Eurer Hoheit ihm bewusst sein sollte,
Wie ich beinahe fürchte –

Carlos.
Wie sie fürchten?

Lerma.
– Er war beim König.

Carlos.
So?

Lerma.
Zwei volle Stunden
Und in sehr heimlichem Gespräch.

Carlos.
Wahrhaftig?

Lerma.
Es war von keiner Kleinigkeit die Rede.

Carlos.
Das will ich glauben.

Lerma.
Ihren Namen, Prinz,
Hört’ ich zu öftern Malen.

Carlos.
Hoffentlich
Kein schlimmes Zeichen.

Lerma.
Auch ward heute Morgen
Im Schlafgemache Seiner Majestät
Der Königin sehr rätselhaft erwähnt.

Carlos (tritt bestürzt zurück).
Graf Lerma?

Lerma.
Als der Marquis weggegangen,
Empfing ich den Befehl, ihn künftighin
Unangemeldet vorzulassen.

Carlos.
Das
Ist wirklich viel.

Lerma.
Ganz ohne Beispiel, Prinz,
So lang mir dünkt, dass ich dem König diene.

Carlos.
Viel! Wahrlich viel! – Und wie? Wie, sagten sie,
Wie ward der Königin erwähnt?

Lerma (tritt zurück).
Nein, Prinz,
Nein! Das ist wider meine Pflicht.

Carlos.
Wie seltsam
Sie sagen mir das eine und verhehlen
Das andere mir.

Lerma.
Das erste war ich ihnen,
Das zweite bin ich dem Monarchen schuldig.

Carlos.
– Sie haben Recht.

Lerma.
Den Marquis hab’ ich zwar
Als Mann von Ehre stets gekannt.

Carlos.
Dann haben
Sie ihn sehr gut gekannt.

Lerma.
Jedwede Tugend
Ist fleckenfrei – bis auf den Augenblick
Der Probe.

Carlos.
Auch wohl hier und da noch drüber.

Lerma.
Und eines großen Königs Gunst dünkt mir
Der Frage wert. An diesem goldnen Angel
Hat manche starke Tugend sich verblutet.

Carlos.
O ja!

Lerma.
Oft sogar ist es weise, zu entdecken,
Was nicht verschwiegen bleiben kann.

Carlos.
Ja, weise!
Doch, wie sie sagen, haben sie den Marquis
Als Mann von Ehre nur gekannt?

Lerma.
Ist er
Es noch, so macht mein Zweifel ihn nicht schlechter,
Und sie, mein Prinz, gewinnen doppelt.

(Er will gehen.)

Carlos (folgt ihm gerührt und drückt ihm die Hand).
Dreifach
Gewinn’ ich, edler, würd’ger Mann – ich sehe
Um einen Freund mich reicher, und es kostet
Mir den nicht, den ich schon besaß.

(Lerma geht ab.)


Fünfter Auftritt

Marquis von Posa kommt durch die Galerie. Carlos.

Marquis.
Carl! Carl!

Carlos.
Wer ruft? Ah, du bist’s! Eben recht. Ich eile
Voraus ins Kloster. Komm bald nach

(Er will gehen.)

Marquis.
Nur zwei
Minuten – bleib.

Carlos.
Wenn man uns überfiele –

Marquis.
Man wird doch nicht. Es ist sogleich geschehen.
Die Königin –

Carlos.
Du warst bei meinem Vater?

Marquis.
Er ließ mich rufen; ja.

Carlos (voll Erwartung).
Nun?

Marquis.
Es ist richtig.
Du wirst sie sprechen.

Carlos.
Und der König? Was
Will denn der König?

Marquis.
Der? Nicht viel. – Neugierde,
Zu wissen, wer ich bin. Dienstfertigkeit
Von unbestellten guten Freunden. Was
Weiß ich? Er bot mir Dienste an.

Carlos.
Die du
Doch abgelehnt?

Marquis.
Versteht sich.

Carlos.
Und wie kamt
Ihr auseinander?

Marquis.
Ziemlich gut.

Carlos.
Von mir
War also wohl die Rede nicht?

Marquis.
Von dir?
Doch. Ja. Im Allgemeinen.

(Er zieht ein Souvenir heraus und gibt es dem Prinzen.)

Hier vorläufig
Zwei Worte von der Königin, und morgen
Werd’ ich erfahren, wo und wie –

Carlos (liest sehr zerstreut, steckt die Schreibtafel ein und will gehen).
Beim Prior
Triffst du mich also.

Marquis.
Warte doch. Was eilst du?
Es kommt ja niemand.

Carlos (mit erkünsteltem Lächeln).
Haben wir denn wirklich
Die Rollen umgetauscht? Du bist ja heute
Erstaunlich sicher.

Marquis.
Heute? Warum heute?

Carlos.
Und was schreibt mir die Königin?

Marquis.
Hast du
Denn nicht im Augenblick gelesen?

Carlos.
Ich?
Ja so.

Marquis.
Was hast du denn? Was ist dir?

Carlos (liest das Geschriebene noch einmal. Entzückt und feurig).
Engel
Des Himmels! Ja, ich will es sein – ich will –
Will deiner wert sein – Große Seelen macht
Die Liebe größer. Sei’s auch, was es sei.
Wenn du es mir gebietest, ich gehorche –
Sie schreibt, dass ich auf eine wichtige
Entschließung mich bereiten soll. Was kann
Sie damit meinen? Weißt du nicht?

Marquis.
Wenn ich’s
Auch wüsste, Carl, bist du auch jetzt gestimmt,
Es anzuhören?

Carlos.
Hab’ ich dich beleidigt?
Ich war zerstreut. Vergib mir, Roderich!

Marquis.
Zerstreut? Wodurch?

Carlos.
Durch – ich weiß selber nicht.
Dies Souvenir ist also mein?

Marquis.
Nicht ganz!
Vielmehr bin ich gekommen, mir sogar
Deins auszubitten.

Carlos.
Meins? Wozu?

Marquis.
Und was
Du etwa sonst an Kleinigkeiten, die
In keines Dritten Hände fallen dürfen,
An Briefen oder abgerissenen
Konzepten bei dir führst – kurz, deine
Brieftasche –

Carlos.
Wozu aber?

Marquis.
Nur auf alle Fälle.
Wer kann für Überraschung stehn? Bei mir
Sucht sie doch niemand. Gib!

Carlos (sehr unruhig).
Das ist doch seltsam
Woher auf einmal diese –

Marquis.
Sei ganz ruhig.
Ich will nichts damit angedeutet haben.
Gewisslich nicht! Es ist Behutsamkeit
Vor der Gefahr. So hab’ ich’s nicht gemeint,
So wahrlich nicht, dass du erschrecken solltest.

Carlos (gibt ihm die Brieftasche).
Verwahr’ sie gut.

Marquis.
Das werd’ ich.

Carlos (sieht ihn bedeutend an).
Roderich!
Ich gab dir viel.

Marquis.
Noch immer nicht so viel,
Als ich von dir schon habe – Dort also
Das übrige, und jetzt leb’ wohl – leb’ wohl!

(Er will gehen.)

Carlos (kämpft zweifelhaft mit sich selbst – endlich ruft er ihn zurück).
Gib mir die Briefe doch noch einmal. Einer
Von ihr ist auch darunter, den sie damals,
Als ich so tödlich krank gelegen, nach
Alcala mir geschrieben. Stets hab’ ich
Auf meinem Herzen ihn getragen. Mich
Von diesem Brief zu trennen, fällt mir schwer.
Lass mir den Brief – nur den – das übrige
Nimm alles.

(Er nimmt ihn heraus und gibt die Brieftasche zurück.)

Marquis.
Carl, ich tu’ es ungern. Just
Um diesen Brief war mir’s zu tun.

Carlos.
Leb’ wohl!

(Er geht langsam und still weg, an der Türe bleibt er einen Augenblick stehen, kehrt wieder um und bringt ihm den Brief.)

Da hast du ihn.

(Seine Hand zittert. Tränen stürzen aus seinen Augen, er fällt dem Marquis um den Hals und drückt sein Gesicht wider dessen Brust.)

Das kann mein Vater nicht?
Nicht wahr, mein Roderich? Das kann er doch nicht?

(Er geht schnell fort.)


Sechster Auftritt

Marquis (sieht ihm erstaunt nach).
Wär’s möglich? Wär’ es? Also hätt’ ich ihn
Doch nicht gekannt? Nicht ganz? In seinem Herzen
Wär’ diese Falte wirklich mir entgangen?
Misstrauen gegen seinen Freund!
Nein, es ist Lästerung! – Was tat er mir
Dass ich der Schwächen schwächster ihn verklage?
Was ich ihn zeihe, werd’ ich selbst – Befremden –
Das mag es ihn, das glaub’ ich gern. Wann hätte
Er dieser seltsamen Verschlossenheit
In seinem Freunde sich versehn? – Auch schmerzen!
Ich kann dir’s nicht ersparen, Carl, und länger
Muss ich noch deine gute Seele quälen.
Der König glaubte dem Gefäß, dem er
Sein heiliges Geheimnis übergeben,
Und Glauben fordert Dankbarkeit. Was wäre
Geschwätzigkeit, wenn mein Verstummen dir
Nicht Leiden bringt? Vielleicht erspart? Warum
Dem Schlafenden die Wetterwolke zeigen,
Die über seinem Scheitel hängt? – Genug,
Dass ich sie still an dir vorüber führe,
Und wenn du aufwachst, heller Himmel ist.

(Er geht ab.)


Kabinett des Königs.

Siebenter Auftritt

Der König in einem Sessel – neben ihm die Infantin Clara Eugenia.

König (nach einem tiefen Stillschweigen).
Nein! Es ist dennoch meine Tochter – Wie
Kann die Natur mit solcher Wahrheit lügen?
Dies blaue Auge ist ja mein! Find’ ich
In jedem dieser Züge mich nicht wieder?
Kind meiner Liebe, ja, du bist’s. Ich drücke
Dich an mein Herz – du bist mein Blut.

(Er stutzt und hält inne.)

Mein Blut!
Was kann ich Schlimmres fürchten? Meine Züge,
Sind sie die seinigen nicht auch?

(Er hat das Medaillon in die Hand genommen und sieht wechselweise auf das Bild und in einen gegenüber stehnden Spiegel – endlich wirft er es zur Erde, steht schnell auf und drückt die Infantin von sich.)

Weg, weg!
In diesem Abgrund geh’ ich unter.


Achter Auftritt

Graf Lerma. Der König.

Lerma.
Eben
Sind ihre Majestät, die Königin,
Im Vorgemach erschienen.

König.
Jetzt?

Lerma.
Und bitten
Um gnädigstes Gehör –

König.
Jetzt aber? Jetzt?
In dieser ungewohnten Stunde? – Nein!
Jetzt kann ich sie nicht sprechen – jetzt nicht –

Lerma.
Hier
Sind ihre Majestät schon selbst –

(Er geht ab.)


Neunter Auftritt

Der König. Die Königin tritt herein. Die Infantin.

(Die Letztere fliegt ihr entgegen und schmiegt sich an sie an. Die Königin fällt vor dem König nieder, welcher stumm und verwirrt steht.)

Königin.
Mein Herr
Und mein Gemahl – ich muss – ich bin gezwungen,
Vor ihrem Thron Gerechtigkeit zu suchen.

König.
Gerechtigkeit? –

Königin.
Unwürdig seh’ ich mir
An diesem Hof begegnet. Meine
Schatulle ist erbrochen –

König.
Was?

Königin.
Und Sachen
Von großem Wert für mich daraus verschwunden –

König.
Von großem Wert für sie? -

Königin.
Durch die Bedeutung,
Die eines Unbelehrten Dreistigkeit
Vermögend wäre –

König.
Dreistigkeit – Bedeutung –
Doch – stehn sie auf!

Königin.
Nicht eher, mein Gemahl,
Bis sie durch ein Versprechen sich gebunden,
Kraft ihres königlichen Arms zu meiner
Genugtuung den Täter mir zu stellen,
Wo nicht, von einem Hofstaat mich zu trennen,
Der meinen Dieb verbirgt –

König.
Stehn sie doch auf! –
In dieser Stellung – Stehn sie auf!

Königin (steht auf).
Dass er
Von Range sein muss, weiß ich – denn in der
Schatulle lag an Perlen und Demanten
Weit über eine Million, und er
Begnügte sich mit Briefen –

König.
Die ich doch –

Königin.
Recht gerne, mein Gemahl. Es waren Briefe
Und ein Medaillon von dem Infanten.

König.
Von –

Königin.
Dem Infanten, ihrem Sohn.

König.
An sie?

Königin.
An mich.

König.
Von dem Infanten? Und das sagen
Sie mir?

Königin.
Warum nicht ihnen, mein Gemahl?

König.
Mit dieser Stirne?

Königin.
Was fällt ihnen auf?
Ich denke, sie erinnern sich der Briefe,
Die mit Bewilligung von beiden Kronen
Don Carlos mir nach Saint-Germain geschrieben.
Ob auch das Bild, womit er sie begleitet,
In diese Freiheit einbedungen worden,
Ob seine rasche Hoffnung eigenmächtig
Sich diesen kühnen Schritt erlaubt – das will
Ich zu entscheiden mich nicht unterfangen.
Wenn’s Übereilung war, so war es die
Verzeihlichste – da bin ich für ihn Bürge.
Denn damals fiel ihm wohl nicht bei, dass es
Für seine Mutter wäre –

(Sieht die Bewegung des Königs.)

Was ist das?
Was haben sie?

Infantin (welche unterdessen das Medaillon auf dem Boden gefunden und damit gespielt hat, bringt es der Königin).
Ach! Sieh da, meine Mutter!
Das schöne Bild –

Königin.
Was denn, mein –

(Sie erkennt das Medaillon, und bleibt in sprachloser Erstarrung stehen. Beide sehen einander mit unverwandten Augen an. Nach einem langen Stillschweigen.)

Wahrlich, Sire!
Dies Mittel, seiner Gattin Herz zu prüfen,
Dünkt mir sehr königlich und edel – Doch
Noch eine Frage möcht’ ich mir erlauben.

König.
Das Fragen ist an mir.

Königin.
Durch meinen Argwohn
Soll doch die Unschuld wenigstens nicht leiden. –
Wenn also dieser Diebstahl ihr Befehl
Gewesen –

König.
Ja.

Königin.
Dann hab’ ich niemand anzuklagen
Und niemand weiter zu bedauern – niemand,
Als sie, dem die Gemahlin nicht geworden,
Bei welcher solche Mittel sich verlohnen.

König.
Die Sprache kenn’ ich. – Doch, Madame,
Zum zweiten Male soll sie mich nicht täuschen,
Wie in Aranjuez sie mich getäuscht.
Die engelreine Königin, die damals
Mit so viel Würde sich verteidigt – jetzt
Kenn’ ich sie besser.

Königin.
Was ist das?

König.
Kurz also
Und ohne Hinterhalt, Madame! – Ist’s wahr,
Noch wahr, dass sie mit niemand dort gesprochen?
Mit niemand? Ist das wirklich wahr?

Königin.
Mit dem Infanten
Hab’ ich gesprochen. Ja.

König.
Ja? – Nun, so ist’s
Am Tage. Es ist offenbar. So frech!
So wenig Schonung meiner Ehre!

Königin.
Ehre, Sire?
Wenn Ehre zu verletzen war, so, fürcht’ ich,
Stand eine größre auf dem Spiel, als mir
Kastilien zur Morgengabe brachte.

König.
Warum verleugneten sie mir?

Königin.
Weil ich
Es nicht gewohnt bin, Sire, in Gegenwart
Der Höflinge, auf Delinquentenweise
Verhören mich zu lassen. Wahrheit werde
Ich nicht verleugnen, wenn mit Ehrerbietung
Und Güte sie gefordert wird. – Und war
Das wohl der Ton, den eure Majestät
Mir in Aranjuez zu hören gaben?
Ist etwa die versammelte Grandezza
Der Richterstuhl, vor welchem Königinnen
Zu ihrer stillen Taten Rechenschaft
Gezogen werden? Ich gestattete
Dem Prinzen die Zusammenkunft, um die
Er dringend bat. Ich tat es, mein Gemahl,
Weil ich es wollte – weil ich den Gebrauch
Nicht über Dinge will zum Richter setzen,
Die ich für tadellos erkannt – Und ihnen
Verbarg ich es, weil ich nicht lüstern war,
Mit eurer Majestät um diese Freiheit
Vor meinem Hofgesinde mich zu streiten.

König.
Sie sprechen kühn, Madame, sehr –

Königin.
Und auch darum,
Setz’ ich hinzu, weil der Infant doch schwerlich
Der Billigkeit, die er verdient, sich zu
Erfreuen hat in seines Vaters Herzen –

König.
Die er verdient?

Königin.
Denn warum soll ich es
Verbergen, Sire? – Ich schätz’ ihn sehr und lieb’ ihn
Als meinen teuersten Verwandten, der
Einst wert befundne worden, einen Namen
Zu führen, der mich mehr anging – Ich habe
Noch nicht recht einsehn lernen, dass er mir
Gerade darum fremder sollte sein,
Als jeder andre, weil er ehedem
Vor jedem andern teuer mir gewesen.
Wenn ihre Staatsmarime Bande knüpft,
Wie sie für gut es findet, soll es ihr
Doch etwas schwerer werden, sie zu lösen.
Ich will nicht hassen, wen ich soll – und, weil
Man endlich doch zu reden mich gezwungen –
Ich will es nicht – will meine Wahl nicht länger
Gebundne sein –

König.
Elisabeth! Sie haben
In schwachen Stunden mich gesehen. Diese
Erinnerung macht sie so kühn. Sie trauen
Auf eine Allmacht, die sie oft genug
An meiner Festigkeit geprüft. – Doch fürchten
Sie desto mehr. Was bis zu Schwächen mich
Gebracht, kann auch zur Raserei mich führen.

Königin.
Was hab’ ich denn begangen?

König (nimmt ihre Hand).
Wenn es ist,
Doch ist – und ist es denn nicht schon? – Wenn ihrer
Verschuldung volles, aufgehäuftes Maß
Auch nur um eines Atems Schwere steigt –
Wenn ich der Hintergangne bin –

(Er lässt ihre Hand los.)

Ich kann
Auch über diese letzte Schwäche siegen.
Ich kann’s und will’s – Dann wehe mir und ihnen,
Elisabeth!

Königin.
Was hab’ ich denn begangen?

König.
Dann meinetwegen fließe Blut –

Königin.
So weit
Ist es gekommen – Gott!

König.
Ich kenne
Mich selbst nicht mehr – ich ehre keine Sitte
Und keine Stimme der Natur und keinen
Vertrag der Nationen mehr –

Königin.
Wie sehr
Beklag’ ich eure Majestät –

König (außer Fassung).
Beklagen!
Das Mitleid einer Buhlerin –

Infantin (hängt sich erschrocken an ihre Mutter).
Der König zürnt,
Und meine schöne Mutter weint.

König (stößt das Kind unsanft von der Königin).

Königin (mit Sanftmut und Würde, aber mit zitternder Stimme).
Dies Kind
Muss ich doch sicher stellen vor Misshandlung.
Komm mit mir, meine Tochter!

(Sie nimmt sie auf den Arm.)

Wenn der König
Dich nicht mehr kennen will, so muss ich jenseits
Der Pyrenäen Bürgen kommen lassen,
Die unsre Sache führen.

(Sie will gehen.)

König (betreten).
Königin?

Königin.
Ich kann nicht mehr – Das ist zu viel –

(Sie will die Tür erreichen und fällt mit dem Kind an der Schwelle zu Boden.)

König (hinzueilend, voll Bestürzung).
Gott! Was ist das? –

Infantin (ruft voll Schrecken).
Ach, meine Mutter blutet!

(Sie eilt hinaus.)

König (ängstlich um sie beschäftigt).
Welch fürchterlicher Zufall! Blut! Verdien’ ich,
Dass sie so hart mich strafen? Stehn sie auf!
Erholen sie sich! Stehn sie auf! Man kommt!
Man überrascht uns – Stehn sie auf! Soll sich
Mein ganzer Hof an diesem Schauspiel weiden?
Muss ich sie bitten aufzustehen?

(Sie richtet sich auf, von dem König unterstützt.)


Zehnter Auftritt

Die Vorigen. Alba, Domingo treten erschrocken herein. Damen folgen.

König.
Man bringe
Die Königin zu Hause! Ihr ist übel.

(Die Königin geht ab, begleitet von den Damen. Alba und Domingo treten näher.)

Alba.
Die Königin in Tränen, und auf ihrem
Gesichte Blut –

König.
Das nimmt die Teufel Wunder,
Die mich verleitet haben?

Alba. Domingo.
Wir?

König.
Die mir
Genug gesagt, zum Rasen mich zu bringen,
Zu meiner Überzeugung nichts.

Alba.
Wir gaben,
Was wir gehabt –

König.
Die Hölle dank’ es euch.
Ich habe, was mich reut, getan. War das
Die Sprache eines schuldigen Gewissens?

Marquis von Posa (noch außerhalb der Szene).
Ist der Monarch zu sprechen?


Elfter Auftritt

Marquis von Posa. Die Vorigen.

König (bei dieser Stimme lebhaft auffahrend und dem Marquis einige Schritte entgegen gehend).
Ach, das ist er!
Seid mir willkommen, Marquis – Eurer, Herzog,
Bedarf ich jetzt nicht mehr. Verlasst uns!

(Alba und Domingo sehen einander mit stummer Verwunderung an, und gehen.)


Zwölfter Auftritt

Der König und Marquis von Posa.

Marquis.
Sire!
Dem alten Manne, der in zwanzig Schlachten
Dem Tod für sie entgegen ging, fällt es
Doch hart, sich so entfernt zu sehn!

König.
Euch ziemt
Es, so zu denken; so zu handeln mir.
Was ihr in wenig Stunden mir gewesen,
War er in einem Menschenalter nicht.
Ich will nicht heimlich tun mit meinem Wohlgefallen;
Das Siegel meiner königlichen Gunst
Soll hell und weit auf eurer Stirne leuchten.
Ich will den Mann, den ich zum Freund gewählt,
Beneidet sehn.

Marquis.
Und dann auch, wenn die Hülle
Der Dunkelheit allein ihn fähig machte,
Des Namens wert zu sein?

König.
Was bringt
Ihr mir?

Marquis.
Als ich das Vorgemach durchgehe,
Hör’ ich von einem schrecklichen Gerüchte,
Das mir unglaublich däucht – Ein heftiger
Wortwechsel – Blut – die Königin –

König
Ihr kommt von dort?

Marquis.
Entsetzen sollt’ es mich,
Wenn das Gerücht nicht Unrecht hätte, wenn
Von eurer Majestät indes vielleicht
Etwas geschehen wäre – Wichtige
Entdeckungen, die ich gemacht, verändern
Der Sache ganze Lage.

König.
Nun?

Marquis.
Ich fand
Gelegenheit, des Prinzen Portefeuille
Mit einigen Papieren wegzunehmen,
Die, wie ich hoffe, ein’ges Licht –

(Er gibt Carlos Brieftasche dem König.)

König (durchsieht sie begierig).
Ein Schreiben
Vom Kaiser, meinem Vater – – Wie? Von dem
Ich nie gehört zu haben mich entsinne?

(Er liest es, legt es bei Seite und eilt zu den andern Papieren.)

Der Plan zu einer Festung – Abgerissene
Gedanken aus dem Tacitus – Und was
Denn hier? – Die Hand sollt’ ich doch kennen!
Es ist von einer Dame.

(Er leist aufmerksam, bald laut, bald leise.)

„Dieser Schlüssel – –
Die hintern Zimmer im Pavillon
Der Königin“ – Ha! Was wird das? – „Hier darf
Die Liebe frei – Erhörung – schöner Lohn“ –
Satanische Verräterei! Jetzt kenn’ ich’s,
Sie ist es. Es ist ihre Hand!

Marquis.
Die Hand
Der Königin? Unmöglich –

König.
Der Prinzessin
Von Eboli –

Marquis.
So wär’ es wahr, was mir
Unlängst der Page Henarez gestanden,
Der Brief und Schlüssel überbrachte.

König (des Marquis Hand fassend, in heftiger Bewegung).
Marquis,
Ich sehe mich in fürchterlichen Händen!
Dies Weib – ich will es nur gestehen – Marquis,
Dies Weib erbrach der Königin Schatulle,
Die erste Warnung kam von ihr – Wer weiß,
Wie viel der Mönch drum wissen mag – Ich bin
Durch ein verruchtes Bubenstück betrogen.

Marquis.
Dann wär’ es ja noch glücklich –

König.
Marquis, Marquis!
Ich fange an zu fürchten, dass ich meiner
Gemahlin doch zu viel getan –

Marquis.
Wenn zwischen
Dem Prinzen und der Königin geheime
Verständnisse gewesen sind, so waren
Sie sicherlich von weit – weit anderm Inhalt,
Als dessen man sie angeklagt. Ich habe
Gewisse Nachricht, dass des Prinzen Wunsch,
Nach Flandern abzureisen, in dem Kopfe
Der Königin entsprang.

König.
Ich glaubt’ es immer.

Marquis.
Die Königin hat Ehrgeiz – Darf ich mehr
Noch sagen? – Mit Empfindlichkeit sieht sie
In ihrer stolzen Hoffnung sich getäuscht
Und von des Thrones Anteil ausgeschlossen.
Des Prinzen rasche Jugend bot sich ihren
Weit blickenden Entwürfen dar – ihr Herz –
Ich zweifle, ob sie lieben kann.

König.
Vor ihren
Staatsklugen Plänen zittr’ ich nicht.

Marquis.
Ob sie geliebt wird? – Ob von dem Infanten
Nichts Schlimmeres zu fürchten? Diese Frage
Scheint mir der Untersuchung wert. Hier, glaub’ ich,
Ist eine strengre Wachsamkeit vonnöten.

König.
Ihr haftet mir für ihn. –

Marquis (nach einigem Bedenken).
Wenn eure Majestät
Mich fähig halten, dieses Amt zu führen,
So muss ich bitten, es uneingeschränkt
Und ganz in meine Hand zu übergeben.

König.
Das soll geschehen.

Marquis.
Wenigstens durch keinen
Gehilfen, welchen Namen er auch habe,
In Unternehmungen, die ich etwa
Für nötig finden könnte, mich zu stören –

König.
Durch keinen. Ich versprech’ es euch. Ihr wart
Mein guter Engel. Wie viel Dank bin ich
Für diesen Wink euch schuldig!

(Zu Lerma, der bei den letzten Worten herein tritt.)

Wie verließet ihr
Die Königin?

Lerma.
Noch sehr erschöpft von ihrer Ohnmacht.

(Er sieht den Marquis mit zweideutigen Blicken an und geht.)

Marquis (nach einer Pause zum König).
Noch eine Vorsicht scheint mir nötig.
Der Prinz, fürcht’ ich, kann Warnungen erhalten.
Er hat der guten Freunde viel – vielleicht
Verbindungen in Gent mit den Rebellen.
Die Furcht kann zu verzweifelten Entschlüssen
Ihn führen – Darum riet’ ich an, glich jetzt
Vorkehrungen zu treffen, diesem Fall
Durch ein geschwindes Mittel zu begegnen.

König.
Ihr habt ganz Recht. Wie aber –

Marquis.
Ein geheimer
Verhaftsbefehl, den Eure Majestät
In meine Hände niederlegen, mich
Im Augenblicke der Gefahr sogleich
Desselben zu bedienen – und –

(Wie sich der König zu bedenken scheint.)

Es bliebe
Fürs erste Staatsgeheimnis, bis –

König (zum Schreibpult gehend und den Verhaftsbefehl niederschreibend).
Das Reich
Ist auf dem Spiele – Außerordentliche Mittel
Erlaubt die dringende Gefahr – Hier, Marquis –
Euch brauch’ ich keine Schonung zu empfehlen –

Marquis (empfängt den Verhaftsbefehl).
Es ist aufs Äußerste, mein König.

König (legt die Hand auf seine Schulter).
Geht,
Geht, lieber Marquis – Ruhe meinem Herzen
Und meinen Nächten Schlaf zurück zu bringen.

(Beide gehen ab zu verschiedenen Seiten.)


Galerie.

Dreizehnter Auftritt

Carlos kommt in der größten Beängstigung. Graf Lerma ihm entgegen.

Carlos.
Sie such’ ich eben.

Lerma.
Und ich sie.

Carlos.
Ist’s wahr?
Um Gottes willen, ist es wahr?

Lerma.
Was denn?

Carlos.
Dass er den Dolch nach ihr gezückt? Dass man
Aus seinem Zimmer blutig sie getragen?
Bei allen Heiligen, antworten sie!
Was muss ich glauben? Was ist wahr?

Lerma.
Sie fiel
Ohnmächtig hin und ritzte sich im Fallen.
Sonst war es nichts.

Carlos.
Sonst hat es nicht Gefahr?
Sonst nicht? Bei ihrer Ehre, Graf?

Lerma.
Nicht für
Die Königin – doch desto mehr für sie.

Carlos.
Für meine Mutter nicht! Nun, Gott sei Dank!
Mir kam ein schreckliches Gerücht zu Ohren,
Der König rase gegen Kind und Mutter,
Und ein Geheimnis sei entdeckt.

Lerma.
Das letzte
Kann auch wohl wahr sein –

Carlos.
Wahr sein! Wie?

Lerma.
Prinz, eine Warnung gab ich ihnen heute,
Die sie verachtet haben. Nützen sie
Die zweite besser.

Caros.
Wie?

Lerma.
Wenn ich mich anders
Nicht irre, Prinz, sah ich vor wen’gen Tagen
Ein Portefeuille von himmelblauem Samt,
Mit Gold durchwirkt, in ihrer Hand –

Carlos (etwas bestürzt).
So eins
Besitz’ ich. Ja – Nun?

Lerma.
Auf der Decke, glaub’ ich,
Ein Schattenriss mit Perlen eingefasst –

Carlos.
Ganz recht.

Lerma.
Als ich vorhin ganz unvermutet
Ins Kabinett des Königs trat, glaubt’ ich
Das nämliche in seiner Hand zu sehen,
Und Marquis Posa stand bei ihm –

Carlos (nach einem kurzen erstarrenden Stillschweigen, heftig).
Das ist
Nicht wahr.

Lerma (empfindlich).
Dann freilich bin ich ein Betrüger.

Carlos (sieht ihn lange an).
Der sind sie. Ja.

Lerma.
Ach! Ich verzeih’ es ihnen.

Carlos (geht in schrecklicher Bewegung auf und nieder und bleibt endlich vor ihm stehen).
Was hat er dir zu leid getan? Was haben
Die unschuldsvollen Bande dir getan,
Die du mit höllischer Geschäftigkeit
Zu reißen dich beeiferst?

Lerma.
Prinz, ich ehre
Den Schmerz, der sie unbillig macht.

Carlos.
O Gott!
Gott! – Gott! Bewahre mich vor Argwohn!

Lerma.
Auch
Erinnr’ ich mich des Königs eigner Worte.
Wie vielen Dank, sagt’ er, als ich herein trat,
Bin ich für diese Neuigkeit euch schuldig!

Carlos.
O stille! Stille!

Lerma.
Herzog von Alba soll
Gefallen sein – dem Prinzen Ruy Gomez
Das große Siegel abgenommen und
Dem Marquis übergeben sein –

Carlos (in tiefes Grübeln verloren).
Und mir verschwieg er!
Warum verschwieg er mir?

Lerma.
Der ganze Hof
Staunt ihn schon als allmächtigen Minister,
Als unumschränkten Günstling an –

Carlos.
Er hat
Mich lieb gehabt, sehr lieb. Ich war ihm teuer,
Wie seine eigene Seele. O das weiß ich –
Das haben tausend Proben mir erwiesen.
Doch sollen Millionen ihm, soll ihm
Das Vaterland nicht teurer sein als einer?
Sein Busen war für einen Freund zu groß,
Und Carlos Glück zu klein für seine Liebe.
Er opferte mich seiner Tugend. Kann
Ich ihn drum schelten? – Ja, es ist gewiss!
Jetzt ist’s gewiss. Jetzt hab’ ich ihn verloren.

(Er geht seitwärts und verhüllt das Gesicht.)

Lerma (nach einigem Stillschweigen).
Mein bester Prinz, was kann ich für sie tun?

Carlos (ohne ihn anzusehen).
Zum König gehen und mich auch verraten.
Ich habe nichts zu schenken.

Lerma.
Wollen sie
Erwarten, was erfolgen mag?

Carlos (stütz sich auf das Geländer und sieht starr vor sich hinaus).
Ich hab’ ihn
Verloren. O, jetzt bin ich ganz verlassen!

Lerma (nähert sich ihm mit teilnehmender Rührung).
Sie wollen nicht auf ihre Rettung denken?

Carlos.
Auf meine Rettung? – Guter Mensch!

Lerma.
Und sonst,
Sonst haben sie für niemand mehr zu zittern?

Carlos (fährt auf).
Gott! Woran mahnen sie mich! – Meine Mutter!
Der Brief, den ich ihm wieder gab! Ihm erst
Nicht lassen wollte und doch ließ!

(Er geht heftig und die Hände ringend auf und nieder.)

Womit
Hat sie es denn verdient um ihn? Sie hätt’ er
Doch schonen sollen. Lerma, hätt’ er nicht?

(Rasch entschlossen.)

Ich muss zu ihr – Ich muss sie warnen, muss
Sie vorbereiten – Lerma, lieber Lerma –
Wen schick’ ich denn? Hab’ ich denn niemand mehr?
Gott sei gelobt! Noch einen Freund – und hier
Ist nichts mehr zu verschlimmern.

(Schnell ab.)

Lerma (folgt ihm und ruft ihm nach).
Prinz! Wohin?

(Geht ab.)


Vierzehnter Auftritt

Die Königin. Alba. Domingo.

Alba.
Wenn uns vergönnt ist, große Königin –

Königin.
Was steht zu ihren Diensten?

Domingo.
Redliche Besorgnis
Für ihrer königlichen Majestät
Erhabene Person erlaubt uns nicht
Bei einem Vorfall müßig still zu schweigen,
Der ihre Sicherheit bedroht.

Alba.
Wir eilen,
Durch unsre zeit’ge Warnung ein Komplott,
Das wider sie gespielt wird, zu entkräften –

Domingo.
Und unsern Eifer – unsre Dienste zu
Den Füßen ihrer Majestät zu legen.

Königin (siehst sie verwundert an).
Hochwürd’iger Herr, und sie, mein edler Herzog,
Sie überraschen mich wahrhaftig. Solcher
Ergebenheit war ich mir von Domingo
Und Herzog Alba wirklich nicht vermutend.
Ich weiß, wie ich sie schätzen muss – Sie nennen
Mir ein Komplott, das mich bedrohen soll.
Darf ich erfahren, wer – –

Alba.
Wir bitten sie,
Vor einem Marquis Posa sich zu hüten,
Der für des Königs Majestät geheime
Geschäfte führt.

Königin.
Ich höre mit Vergnügen,
Dass der Monarch so gut gewählt. Den Marquis
Hat man mir längst als einen guten Menschen,
Als einen großen Mann gerühmt. Nie ward
Die höchste Gunst gerechter ausgeteilt –

Domingo.
Gerechter ausgeteilt? Wir wissen’s besser.

Alba.
Es ist längst kein Geheimnis mehr, wozu
Sich dieser Mensch gebrauchen lassen.

Königin.
Wie?
Was wär’ denn das? Sie spannen meine ganze
Erwartung.

Domingo.
– Ist es schon von lange,
Dass ihre Majestät zum letzten Mal in ihrer
Schatulle nachgesehen?

Königin.
Wie?

Domingo.
Und haben
Sie nichts darin vermisst von Kostbarkeiten?

Königin.
Wie so? Warum? Was ich vermisse, weiß
Mein ganzer Hof – Doch Marquis Posa? Wie
Kommt Marquis Posa damit in Verbindung?

Alba.
Sehr nahe, ihre Majestät – denn auch
Dem Prinzen fehlen wichtige Papiere,
Die in des Königs Händen diesen Morgen
Gesehen worden – als der Chevalier
Geheime Audienz gehabt.

Königin (nach einigem Nachdenken).
Seltsam,
Bei Gott! Und äußerst sonderbar! – Ich finde
Hier einen Feind, von dem mir nie geträumt,
Und wiederum zwei Freunde, die ich nie besessen
Zu haben mich entsinnen kann – Denn wirklich

(Indem sie einen durchdringenden Blick auf beide heftet.)

Muss ich gestehn, ich war schon in Gefahr,
Den schlimmen Dienst, der mir bei meinem Herrn
Geleistet worden – ihnen zu vergeben.

Alba.
Uns?

Königin.
Ihnen.

Domingo.
Herzog Alba! Uns!

Königin (noch immer die Augen fest auf sie gerichtet).
Wie lieb
Ist es mir also, meiner Übereilung
So bald gewahr zu werden – Ohnehin
Hatt’ ich beschlossen, Seine Majestät
Noch heut zu bitten, meinen Kläger mir
Zu stellen. Um so besser nun! So kann ich
Auf Herzog Alba’s Zeugnis mich berufen.

Alba.
Auf mich? Das wollen sie im Ernst?

Königin.
Warum nicht?

Domingo.
Um alle Dienste zu entkräften, die
Wir ihnen im Verborgnen –

Königin.
Im Verborgnen?

(Mit Stolz und Ernst.)

Ich wünschte doch zu wissen, Herzog Alba,
Was ihres Königs Frau mit ihnen, oder
Mit ihnen, Priester, abzureden hätte,
Das ihr Gemahl nicht wissen darf – – Bin ich
Unschuldig oder schuldig?

Domingo.
Welche Frage!

Alba.
Doch, wenn der König so gerecht nicht wäre?
Es jetzt zum mindesten nicht wäre?

Königin.
Dann
Muss ich erwarten, bis er’s wird – Wohl dem
Der zu gewinnen hat, wenn er’s geworden!

(Sie macht ihnen eine Verbeugung und geht ab; jene entfernen sich nach einer andern Seite.)


Zimmer der Prinzessin von Eboli.

Fünfzehnter Auftritt

Prinzessin von Eboli. Gleich darauf Carlos.

Eboli.
So ist sie wahr, die außerordentliche Zeitung,
Die schon den ganzen Hof erfüllt?

Carlos (tritt herein).
Erschrecken sie
Nicht, Fürstin! Ich will sanft sein, wie ein Kind.

Eboli.
Prinz – diese Überraschung.

Carlos.
Sind sie noch
Beleidigt? Noch?

Eboli.
Prinz!

Carlos (dringender).
Sind sie noch beleidigt?
Ich bitte, sagen sie es mir.

Eboli.
Was soll das?
Sie scheinen zu vergessen, Prinz – Was suchen
Sie bei mir?

Carlos (ihre Hand mit Heftigkeit fassend).
Mädchen, kannst du ewig hassen?
Verzeiht gekränkte Liebe nie?

Eboli (will sich losmachen).
Woran
Erinnern sie mich, Prinz?

Carlos.
An deine Güte
Und meinen Undank – Ach! Ich weiß es wohl,
Schwer hab’ ich dich beleidigt, Mädchen, habe
Dein sanftes Herz zerrissen, habe Tränen
Gepresst aus diesen Engelblicken – ach!
Und bin auch jetzt nicht hier, es zu bereuen.

Eboli.
Prinz, lassen sie mich – ich –

Carlos.
Ich bin gekommen,
Weil du ein sanftes Mädchen bist, weil ich
Auf deine gute, schöne Seele baue.
Sieh, Mädchen, sieh, ich habe keinen Freund mehr
Auf dieser Welt, als dich allein. Einst warst
Du mir so gut – du wirst nicht ewig hassen
Und wirst nicht unversöhnlich sein.

Eboli (wendet das Gesicht ab).
O stille!
Nichts mehr, um Gotteswillen, Prinz! –

Carlos.
Lass mich
An jene goldnen Zeiten dich erinnern –
An deine Liebe lass mich dich erinnern,
An deine Liebe, Mädchen, gegen die
Ich so unwürdig mich verging. Lass mich
Jetzt gelten machen, was ich dir gewesen,
Was deines Herzens Träume mir gegeben –
Noch einmal – nur noch einmal stelle mich
So, wie ich damals war, vor deine Seele,
Und diesem Schatten opfre, was du mir,
Mir ewig nie mehr opfern kannst.

Eboli.
O Carl!
Wie grausam spielen sie mit mir!

Carlos.
Sei größer
Als dein Geschlecht. Vergiss Beleidigungen!
Tu’, was vor dir kein Weib getan – nach dir
Kein Weib mehr tun wird. Etwas unerhörtes
Fordr’ ich von dir – Lass mich – auf meinen Knien
Beschwör’ ich dich – Lass mich, zwei Worte lass mich
Mit meiner Mutter sprechen!

(Er wirft sich vor ihr nieder.)


Sechzehnter Auftritt

Die Vorigen. Marquis von Posa stürzt herein, hinter ihm zwei Offiziere der königlichen Leibwache.

Marquis (atemlos, außer sich dazwischentretend).
Was hat er
Gestanden? Glauben sie ihm nicht!

Carlos (noch auf den Knien, mit erhobener Stimme).
Bei allem
Was heilig –

Marquis (unterbricht ihn mit Heftigkeit).
Er ist rasend. Hören sie
Den Rasenden nicht an!

Carlos (lauter, dringender).
Es gilt um Tod
Und Leben. Führen sie mich zu ihr!

Marquis (zieht die Prinzessin mit Gewalt von ihm).
Ich
Ermorde sie, wenn sie ihn hören.

(Zu einem von den Offizieren.)

Graf
Von Cordua! Im Namen des Monarchen.

(Er zeigt den Verhaftsbefehl.)

Der Prinz ist ihr Gefangener.

(Carlos steht erstarrt, wie vom Donner gerührt. Die Prinzessin stößt einen Laut des Schreckens aus und will fliehen, die Offiziere erstaunen. Eine lange und tiefe Pause. Man sieht den Marquis sehr heftig zittern und mit Mühe seine Fassung behalten.)

(Zum Prinzen.)

Ich bitte
Um ihren Degen – Fürstin Eboli,
Sie bleiben! Und

(Zu dem Offizier.)

Sie haften mir dafür,
Dass seine Hoheit niemand spreche – niemand –
Sie selbst nicht, bei Gefahr des Kopfs!

(Er spricht noch einiges leise mit dem Offizier, darauf wendet er sich zum andern.)

Ich werfe
Sogleich mich selbst zu des Monarchen Füßen,
Ihm Rechenschaft zu geben –

(Zu Carlos.)

Und auch ihnen –
Erwarten sie mich, Prinz – in einer Stunde.

(Carlos lässt sich ohne Zeichen des Bewusstseins hinwegführen. – Nur im Vorübergehen lässt er einen matten, sterbenden Blick auf den Marquis fallen, der sein Gesicht verhüllt. Die Prinzessin versucht es noch einmal, zu entfliehen; der Marquis führt sie beim Arme zurück.)


Siebenzehnter Auftritt

Prinzessin von Eboli. Marquis von Posa.

Eboli.
Um aller Himmel willen, lassen sie
Mich diesen Ort –

Marquis (führt sie ganz vor, mit fürchterlichem Ernst).
Was hat er dir gesagt,
Unglückliche?

Eboli.
Nichts – Lassen sie mich – Nichts –

Marquis (hält sie mit Gewalt zurück. Ernster).
Wie viel hast du erfahren? Hier ist kein
Entrinnen mehr. Du wirst auf dieser Welt
Es niemand mehr erzählen.

Eboli (sieht ihm erschrocken ins Gesicht).
Großer Gott!
Was meinen sie damit? Sie wollen mich
Doch nicht ermorden?

Marquis (zieht einen Dolch).
In der Tat! Das bin
Ich sehr gesonnen. Mach’ es kurz!

Eboli.
Mich? Mich?
O ewige Barmherzigkeit! Was hab’
Ich denn begangen?

Marquis (zum Himmel sehend, den Dolch auf ihre Brust gesetzt).
Noch ist’s Zeit. Noch trat
Das Gift nicht über diese Lippen. Ich
Zerschmettre das Gefäß, und alles bleibt,
Wie es gewesen – Spaniens Verhängnis
Und eines Weibes Leben! –

(Er bleibt in dieser Stellung zweifelhaft ruhen.)

Eboli (ist an ihm niedergesunken und sieht ihm fest ins Gesicht).
Nun? Was zaudern sie?
Ich bitte nicht um Schonung – Nein ich habe
Verdient zu sterben, und ich will’s.

Marquis (lässt die Hand langsam sinken. Nach einem kurzen Besinnen).
Das wäre
So feig als es barbarisch ist – Nein, nein!
Gott sei gelobt! Noch gibt’s ein andres Mittel!

(Er lässt den Dolch fallen und eilt hinaus. Die Prinzessin stürzt fort durch eine andre Tür.)


Ein Zimmer der Königin.

Achtzehnter Auftritt

Die Königin zur Gräfin Fuentes.

Was für ein Auflauf im Palast? Jedes
Getöse, Gräfin, macht mir heute Schrecken.
O sehen sie doch nach und sagen mir,
Was es bedeutet.

(Die Gräfin Fuentes tritt ab, und herein stürzt die Prinzessin von Eboli.)


Neunzehnter Auftritt

Königin. Prinzessin von Eboli.

Eboli (atemlos, bleich und entstellt vor der Königin niedergesunken).
Königin! Zu Hilfe!
Er ist gefangen.

Königin.
Wer?

Eboli.
Der Marquis Posa
Nahm auf Befehl des Königs ihn gefangen.

Königin.
Wen aber? Wen?

Eboli.
Den Prinzen.

Königin.
Rasest du?

Eboli.
Soeben führen sie ihn fort.

Königin.
Und wer
Nahm ihn gefangen?

Eboli.
Marquis Posa.

Königin.
Nun,
Gott sei gelobt, dass es der Marquis war,
Der ihn gefangen nahm!

Eboli.
Das sagen sie
So ruhig, Königin? So kalt? – O Gott!
Sie ahnen nicht – Sie wissen nicht –

Königin.
Warum er
Gefangen worden? – Eines Fehltritts wegen,
Vermut’ ich, der dem heftigen Charakter
Des Jünglings sehr natürlich war.

Eboli.
Nein, nein!
Ich weiß es besser – Nein – O Königin!
Verruchte, teufelische Tat! – Für ihn
Ist keine Rettung mehr! Er stirbt!

Königin.
Er stirbt?

Eboli.
Und seine Mörderin bin ich!

Königin.
Er stirbt?
Wahnsinnige, bedenkst du?

Eboli.
Und warum –
Warum er stirbt! – O, hätt’ ich wissen können,
Dass es bis dahin kommen würde!

Königin (nimmt sie gütig bei der Hand).
Fürstin!
Noch sind sie außer Fassung. Sammeln sie
Erst ihre Geister, dass sie ruhiger,
Nicht in so grauenvollen Bildern, die
Mein Innerstes durchschauern, mir erzählen.
Was wissen sie? Was ist geschehen?

Eboli.
O,
Nicht diese himmlische Herablassung,
Nicht diese Güte, Königin! Wie Flammen
Der Hölle schlägt sie brennend mein Gewissen.
Ich bin nicht würdig, den entweihten Blick
Zu ihrer Glorie empor zu richten.
Zertreten sie die Elende, die sich,
Zerknirscht von Reue, Scham und Selbstverachtung,
Zu ihren Füßen krümmt.

Königin.
Unglückliche!
Was haben sie mir zu gestehen?

Eboli.
Engel
Des Lichtes! Große Heilige! Noch kennen,
Noch ahnen sie den Teufel nicht, dem sie
So liebevoll gelächelt – Lernen sie
Ihn heute kennen. Ich – ich war der Dieb,
Der sie bestohlen –

Königin.
Sie?

Eboli.
Und jene Briefe
Dem König ausgeliefert. –

Königin.
Sie?

Eboli.
Der sich
Erdreistet hat, sie anzuklagen –

Königin.
Sie,
Sie konnten –

Eboli.
Rache – Liebe – Raserei –
Ich hasste sie und liebte den Infanten –

Königin.
Weil sie ihn liebten –?

Eboli.
Weil ich’s ihm gestanden
Und keine Gegenliebe fand.

Königin (nach einem Stillschweigen).
O, jetzt
Enträtselt sich mir alles! – Stehn sie auf.
Sie liebten ihn – ich habe schon vergeben.
Es ist nun schon vergessen – Stehn sie auf.

(Sie reicht ihr den Arm.)

Eboli.
Nein! Nein!
Ein schreckliches Geständnis ist noch übrig.
Nicht eher, große Königin –

Königin (aufmerksam).
Was werd’ ich
Noch hören müssen? Reden sie –

Eboli.
Der König –
Verführung – O, sie blicken weg – Ich lese
In ihrem Angesicht Verwerfung – das
Verbrechen, dessen ich sie zeihte – ich
Beging es selbst.

(Sie drückt ihr glühendes Gesicht auf den Boden. Die Königin geht ab. Große Pause. Die Herzogin von Olivarez kommt nach einigen Minuten aus dem Kabinett, in welches die Königin gegangen war, und findet die Fürstin noch in der vorigen Stellung liegen. Sie nähert sich ihr stillschweigend; auf das Geräusch richtet sich die Letztere auf und fährt wie eine Rasende in die Höhe, da sie die Königin nicht mehr gewahr wird.)


Zwanzigster Auftritt

Prinzessin von Eboli. Herzogin von Olivarez.

Eboli.
Gott, sie hat mich verlassen!
Jetzt ist es aus.

Olivarez (tritt ihr näher).
Prinzessin Eboli –

Eboli.
Ich weiß, warum sie kommen, Herzogin.
Die Königin schickt sie heraus, mein Urteil
Mir anzukündigen – Geschwind!

Olivarez.
Ich habe
Befehl von ihrer Majestät, ihr Kreuz
Und ihre Schlüssel in Empfang zu nehmen –

Eboli (nimmt ein goldnes Ordenskreuz vom Busen und gibt es in die Hände der Herzogin).
Doch einmal noch ist mir vergönnt, die Hand
Der besten Königin zu küssen?

Olivarez.
Im Marienkloster wird man ihnen sagen,
Was über sie beschlossen ist.

Eboli (unter hervorstürzenden Tränen).
Ich sehe
Die Königin nicht wieder?

Olivarez (umarmt sie mit abgewandtem Gesicht).
Leben sie glücklich!

(Sie geht schnell fort. Dir Prinzessin folgt ihr bis an die Türe des Kabinetts, welches sogleich hinter der Herzogin verschlossen wird. Einige Minuten bleibt sie stumm und unbeweglich auf den Knien davor liegen, dann rafft sie sich auf und eilt hinweg mit verhülltem Gesicht.)


Einundzwanzigster Auftritt

Königin. Marquis von Posa.

Königin.
Ach, endlich, Marquis! Glücklich, dass sie kommen!

Marquis (bleich, mit zerstörtem Gesicht, bebender Stimme und durch diesen ganzen Auftritt in feierlicher, tiefer Bewegung).
Sind ihre Majestät allein? Kann niemand
In diesen nächsten Zimmern uns behorchen?

Königin.
Kein Mensch – Warum? Was bringen sie?

(Indem sie ihn genauer ansieht und erschrocken zurücktritt).

Und wie
So ganz verändert! Was ist das? Sie machen
Mich zittern, Marquis – alle ihre Züge
Wie eines Sterbenden entstellt –

Marquis.
Sie wissen
Vermutlich schon –

Königin.
Das Carl gefangen worden,
Und zwar durch sie, setzt man hinzu – So ist
Es dennoch wahr? Ich wollt’ es keinem Menschen
Als ihnen glauben.

Marquis.
Es ist wahr.

Königin.
Durch Sie?

Marquis.
Durch mich.

Königin (sieht ihn einige Augenblicke zweifelhaft an).
Ich ehre ihre Handlungen,
Auch wenn ich sie nicht fasse – diesmal aber,
Verzeihen sie dem bangen Weib – Ich fürchte,
Sie spielen ein gewagtes Spiel.

Marquis.
Ich hab’ es
Verloren.

Königin.
Gott im Himmel!

Marquis.
Sei’n sie
Ganz ruhig, meine Königin. Für ihn
Ist schon gesorgt. Ich hab’ es mir verloren.

Königin.
Was werd’ ich hören! Gott!

Marquis.
Denn wer,
Wer hieß auf einen zweifelhaften Wurf
Mich alles setzen? Alles? So verwegen,
So zuversichtlich mit dem Himmel spielen?
Wer ist der Mensch, der sich vermessen will,
Des Zufalls schweres Steuer zu regieren
Und doch nicht der Allwissende zu sein?
O, es ist billig! – Doch warum denn jetzt
Von mir? Der Augenblick ist kostbar, wie
Das Leben eines Menschen! Und wer weiß,
Ob aus des Richters karger Hand nicht schon
Die letzten Tropfen für mich fallen?

Königin.
Aus
Des Richters Hand? – Welch feierlicher Ton!
Ich fasse nicht, was diese Reden meinen,
Doch sie entsetzen mich –

Marquis.
Er ist gerettet!
Um welchen Preis er’s ist, gleichviel! Doch nur
Für heute. Wenig Augenblicke sind
Noch sein. Er spare sie. Noch diese Nacht
Muss er Madrid verlassen.

Königin.
Diese Nacht noch?

Marquis.
Anstalten sind getroffen. In demselben
Karthäuserkloster, das schon lange Zeit
Die Zuflucht unsrer Freundschaft war gewesen,
Erwartet ihn die Post. Hier ist in Wechseln,
Was mir das Glück auf dieser Welt gegeben.
Was mangelt, legen sie noch bei. Zwar hätt’ ich
An meinen Carl noch manches auf dem Herzen,
Noch manches, das er wissen muss; doch leicht
Könnt’ es an Muße mir gebrechen, alles
Persönlich mit ihm abzutun – Sie sprechen
Ihn diesen Abend, darum wend’ ich mich
An sie –

Königin.
Um meiner Ruhe willen, Marquis,
Erklären sie sich deutlicher – Nicht in
So fürchterlichen Rätseln reden sie
Mit mir – Was ist geschehn?

Marquis.
Ich habe noch
Ein wichtiges Bekenntnis abzulegen;
In ihre Hände leg’ ich’s ab. Mir ward
Ein Glück, wie es nur wenigen geworden:
Ich liebte einen Fürstensohn – Mein Herz,
Nur einem einzigen geweiht, umschloss
Die ganze Welt! – In meines Carlos Seele
Schuf ich ein Paradies für Millionen.
O, meine Träume waren schön – Doch es
Gefiel der Vorsehung, mich vor der Zeit
Von meiner schönen Pflanzung abzurufen.
Bald hat er seinen Roderich nicht mehr,
Der Freund hört auf in der Geliebten. Hier,
Hier – hier – auf diesem heiligen Altare,
Im Herzen seiner Königin leg’ ich
Mein letztes kostbares Vermächtnis nieder,
Hier find’ er’s, wenn ich nicht mehr bin –

(Er wendet sich ab, Tränen ersticken seine Stimme.)

Königin.
Das ist
Die Sprache eines Sterbenden. Noch hoff’ ich,
Es ist nur Wirkung ihres Blutes – oder
Liegt Sinn in diesen Reden?

Marquis (hat sich zu sammeln gesucht und fährt mit festerm Tone fort).
Sagen sie
Dem Prinzen, dass er denken soll des Eides,
Den wir in jenen schwärmerischen Tagen
Auf die geteilte Hostie geschworen.
Den meineigne hab’ ich gehalten, bin
Ihm treu geblieben bis zum Tod – Jetzt ist’s
An ihm, den seinigen –

Königin.
Zum Tod?

Marquis.
Er mache –
O sagen sie es ihm, das Traumbild wahr,
das kühne Traumild eines neuen Staates,
Der Freundschaft göttliche Geburt. Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein,
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei! Er lege Hand an. Wenn
Jahrhunderte dahin geflohen, wird
Die Vorsicht einen Fürstensohn, wie er,
Auf einem Thron, wie seiner, wiederholen.
Und ihren neuen Liebling mit derselben
Begeisterung entzünden. Sagen sie
Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,
Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte
Gerühmter besserer Vernunft das Herz
Der zarten Götterblume – dass er nicht
Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit
Begeisterung, die Himmelstochter, lästert.
Ich hab’ es ihm zuvor gesagt –

Königin.
Wie, Marquis?
Und wozu führt –

Marquis.
Und sagen sie ihm, dass
Ich Menschenglück auf seine Seele lege,
Dass ich es sterbend von ihm fordre – fordre!
Und sehr dazu berechtigt war. Es hätte
Bei mir gestanden, einen neuen Morgen
Heraufzuführen über diese Reiche.
Der König schenkte mir sein Herz. Er nannte
Mich seinen Sohn. – Ich führe seine Siegel
Und seine Alba sind nicht mehr.

(Er hält inne und sieht einige Augenblicke stillschweigend auf die Königin.)

Sie weinen –
O, diese Tränen kenn’ ich, schöne Seele!
Die Freude macht sie fließen. – Doch – vorbei,
Es ist vorbei. Carl oder ich. Die Wahl
War schnell und schrecklich. Einer war verloren,
Und ich will dieser eine sein – ich lieber –
Verlangen sie nicht mehr zu wissen.

Königin.
Jetzt,
Jetzt endlich fang’ ich an, sie zu begreifen –
Unglücklicher, was haben sie getan?

Marquis.
Zwei kurze Abendstunden hingegeben,
Um einen hellen Sommertag zu retten.
Den König geb’ ich auf. Was kann ich auch
Dem König sein? – In diesem starren Boden
Blüht keine meiner Rosen mehr – Europa’s
Verhängnis reift in meinem großen Freunde!
Auf ihn verweis’ ich Spanien – Es blute
Bis dahin unter Philipps Hand! – Doch, weh!
Weh mir und ihm, wenn ich bereuen sollte,
Vielleicht das Schlimmere gewählt! – Nein, nein!
Ich kenne meine Carlos – das wird nie
Geschehn – und meine Bürgin, Königin,
Sind sie!

(Nach einigem Stillschweigen.)

Ich sah sie keimen diese Liebe, sah
Der Leidenschaften unglückseligste
In seinem Herzen Wurzel fassen – Damals
Stand es in meiner Macht, sie zu bekämpfen.
Ich tat es nicht. Ich nährte diese Liebe,
Die mir nicht unglückselig war. Die Welt
Kann anders richten. Ich bereue nicht.
Mein Herz klagt mich nicht an. Ich sähe Leben,
Wo sie nur Tod – in dieser hoffnungslosen Flamme
Erkannt’ ich früh der Hoffnung goldnen Strahl.
Ich wollt’ ihn führen zum Vortrefflichen,
Zur höchsten Schönheit wollt’ ich ihn erheben;
Die Sterblichkeit versagte mir ein Bild,
Die Sprache Worte – Da verwies ich ihn
Auf dieses – meine ganze Leitung war,
Ihm seine Liebe zu erklären.

Königin.
Marquis,
Ihr Freund erfüllte sie so ganz, dass sie
Mich über ihm vergaßen. Glaubten sie
Im Ernst mich aller Weiblichkeit entbunden,
Da sie zu seinem Engel mich gemacht,
Zu seinen Waffen Tugend ihm gegeben?
Das überlegten sie wohl nicht, wie viel
Für unser Herz zu wagen ist, wenn wir
Mit solchen Namen Leidenschaft veredeln.

Marquis.
Für alle Weiber, nur für eines nicht.
Auf eines schwör’ ich – oder sollten sie,
Sie der Begierden edelster sich schämen,
Der Heldentugend Schöpferin zu sein?
Was geht es König Philipp an, wenn seine
Verklärung in Escurial den Maler,
Der vor ihr steht, mit Ewigkeit entzündet?
Gehört die süße Harmonie, die in
Dem Saitenspiele schlummert, seinem Käufer,
Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat
Das Recht erkauft, in Trümmern es zu schlagen,
Doch nicht die Kunst, dem Silberton zu rufen
Und in des Liedes Wonne zu zerschmelzen.
Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen,
Die Schönheit für ein fühlend Herz. Sie beide
Gehören für einander. Diesen Glauben
Soll mir kein feiges Vorurteil zerstören.
Versprechen sie mir, ewig ihn zu lieben,
Von Menschenfurcht, von falschem Heldenmut
Zu nichtiger Verleugnung nie versucht,
Unwandelbar und ewig ihn zu lieben,
Versprechen sie mir dieses? – Königin –
Versprechen Sie’ s in meine Hand?

Königin.
Mein Herz,
Versprech’ ich ihnen, soll allein und ewig
Der Richter meiner Liebe sein.

Marquis (zieht seine Hand zurück).
Jetzt sterb’ ich
Beruhigt – meine Arbeit ist getan.

(Er neigt sich gegen die Königin und will gehen.)

Königin (begleitet ihn schweigend mit den Augen).
Sie gehen, Marquis – ohne mir zu sagen,
Wann wir – wie bald – uns wieder sehn?

Marquis (kommt noch einmal zurück, das Gesicht abgewendet).
Gewiss!
Wir sehn uns wieder.

Königin.
Ich verstand sie, Posa –
Verstand sie recht gut – Warum haben sie
Mir das getan?

Marquis.
Er oder ich.

Königin.
Nein, nein!
Sie stürzten sich in diese Tag, die sie
Erhaben nennen. Leugnen sie nur nicht.
Ich kenne sie, sie haben längst darnach
Gedürstet – Mögen tausend Herzen brechen,
Was kümmern sie’s, wenn sich ihr Stolz nur weidet.
O, jetzt – jetzt lern’ ich sie verstehn! Sie haben
Nur um Bewunderung gebuhlt.

Marquis (betroffen für sich).
Nein! Darauf
War ich nicht vorbereitet –

Königin (nach einem Stillschweigen).
Marquis!
Ist keine Rettung möglich?

Marquis.
Keine.

Königin.
Keine?
Besinnen sie sich wohl. Ist keine möglich?
Auch nicht durch mich?

Marquis.
Auch nicht durch sie.

Königin.
Sie kennen mich
Zur Hälfte nur – ich habe Mut.

Marquis.
Ich weiß es.

Königin.
Und keine Rettung?

Marquis.
Keine.

Königin (verlässt ihn und verhüllt das Gesicht).
Gehen sie!
Ich schätze keinen Mann mehr.

Marquis (in der heftigsten Bewegung vor ihr niedergeworfen).
Königin!
– O Gott, das Leben ist doch schön!

(Er springt auf und geht schnell fort. Die Königin in ihr Kabinett.)


Vorzimmer des Königs.

Zweiundzwanzigster Auftritt

Herzog von Alba und Domingo gehen stillschweigend und abgesondert auf und nieder. Graf Lerma kommt aus dem Kabinett des Königs, alsdann Don Raimond von Taxis, der Oberpostmeister.

Lerma.
Ob sich der Marquis noch nicht blicken lassen?

Alba.
Noch nicht.

(Lerma will wieder hineingehen.)

Taxis (tritt auf).
Graf Lerma, melden sie mich an.

Lerma.
Der König ist für niemand.

Taxis.
Sagen sie,
Ich muss ihn sprechen – seiner Majestät
Ist äußerst dran gelegen. Eilen sie.
Es leidet keinen Aufschub.

(Lerma geht ins Kabinett.)

Alba (tritt zum Oberpostmeister).
Lieber Taxis,
Gewöhnen sie sich zur Geduld. Sie sprechen
Den König nicht –

Taxis.
Nicht? Und warum?

Alba.
Sie hätten
Die Vorsicht denn gebraucht, sich die Erlaubnis
Beim Chevalier von Posa auszuwirken,
Der Sohn und Vater zu Gefangnen macht.

Taxis.
Von Posa? Wie – Ganz recht! Das ist derselbe,
Aus dessen Hand ich diesen Brief empfangen –

Alba.
Brief? Welchen Brief?

Taxis.
Den ich nach Brüssel habe
Befördern sollen –

Alba (aufmerksam).
Brüssel?

Taxis.
Den ich eben
Dem König bringe –

Alba.
Brüssel! Haben sie
Gehört, Kaplan? Nach Brüssel!

Domingo (tritt dazu).
Das ist sehr
Verdächtig.

Taxis.
Und wie ängstlich, wie verlegen
Er mir empfohlen worden!

Domingo.
Ängstlich? So!

Alba.
An wen ich denn die Aufschrift?

Taxis.
An den Prinzen
Von Nassau und Oranien.

Alba.
An Wilhelm? –
Kaplan, das ist Verräterei!

Domingo.
Was könnt’
Es anders sein? – Ja, freilich, diesen Brief
Muss man sogleich dem König überliefern.
Welch ein Verdienst von ihnen, würd’ger Mann,
So streng z sein in ihres Königs Dienst!

Taxis.
Hochwürd’ger Herr, ich tat nur meine Pflicht.

Alba.
Sie taten wohl.

Lerma (kommt auf dem Kabinett. Zum Oberpostmeister).
Der König will sie sprechen.

(Taxis geht hinein.)

Der Marquis immer noch nicht da?

Domingo.
Man sucht
Ihn aller Orten.

Alba.
Sonderbar und seltsam.
Der Prinz ein Staatsgefangner, und der König
Noch selber ungewiss, warum?

Domingo.
Er war
Nicht einmal hier, ihm Rechenschaft zu geben?

Alba.
Wie nahm es denn der König auf?

Lerma.
Der König
Sprach noch kein Wort.

(Geräusch im Kabinett.)

Alba.
Was war das? Still!

Taxis (aus dem Kabinett).
Graf Lerma!

(Beide hinein.)

Alba (zu Domingo).
Mit diesem Ton des Schreckens?
Wenn dieser aufgefangen Brief? – Mir ahnet
Nichts Gutes, Herzog.

Alba.
Lerma lässt er rufen!
Und wissen muss er doch, dass sie und ich
Im Vorsaal –

Domingo.
Unsere Zeiten sind vorbei.

Alba.
Bin ich derselbe denn nicht mehr, dem hier
Sonst alle Türen sprangen? Wie ist alles
Verwandelt um mich her – wie fremd –

Domingo (hat sich leise der Kabinettstüre genähert und bleibt lauschend davor stehen).
Horch!

Alba (nach einer Pause).
Alles Liebe Ist totenstill. Man hört sie Atem holen.

Domingo.
Die doppelte Tapete dämpft den Schall.

Alba.
Hinweg! Man kommt.

Domingo (verlässt die Türe).
Mir ist so feierlich,
So bang, als sollte dieser Augenblick
Ein großes Los entscheiden.


Dreiundzwanzigster Auftritt

Der Prinz von Parma, die Herzoge von Feria und Medina Sidonia mit noch einigen andern Granden treten auf. Die Vorigen.

Parma.
Ist der König
Zu sprechen?

Alba.
Nein.

Parma.
Nein? Wer ist bei ihm?

Feria.
Marquis
Von Posa ohne Zweifel?

Alba.
Den erwartet man
So eben.

Parma.
Diesen Augenblick
Sind wir von Saragossa eingetroffen.
Der Schrecken geht durch ganz Madrid – Ist es
Denn wahr?

Domingo.
Ja, leider!

Feria.
Es ist wahr? Er ist
Durch den Malteser in Verhaft genommen?

Alba.
So ist’s.

Parma.
Warum? Was ist geschehn?

Alba.
Warum?
Das weiß kein Mensch, als seine Majestät
Und Marquis Posa.

Parma.
Ohne Zuziehung
Der Cortes seines Königreichs?

Feria.
Weh dem,
Der Teil gehabt an dieser Staatsverletzung!

Alba.
Weh ihm! So ruf’ ich auch.

Medina Sidonia.
Ich auch.

Die übrigen Granden.
Wir alle.

Alba.
Wer folgt mir in das Kabinett? – Ich werfe
Mich zu des Königs Füßen.

Lerma (stürzt aus dem Kabinett).
Herzog Alba!

Domingo.
Endlich!
Gelobt sei Gott!

(Alba eilt hinein.)

Lerma (atemlos, in großer Bewegung).
Wenn der Malteser kommt,
Der Herr ist jetzo nicht allein, er wird
Ihn rufen lassen –

Domingo (zu Lerma, indem sich alle Übrigen voll neugieriger Erwartung um ihn versammeln).
Graf, was ist geschehen?
Sie sind ja blass wie eine Leiche.

Lerma (will forteilen).
Das
Ist teufelisch!

Parma und Feria.
Was denn? Was denn?

Medina Sidonia.
Was macht
Der König?

Domingo (zugleich).
Teufelisch! Was denn?

Ferma.
Der König hat
Geweint.

Domingo.
Geweint?

Alle (zugleich, mit betretnem Erstaunen).
Der König hat geweint?

(Man hört eine Glocke im Kabinett. Graf Lerma eilt hinein.)

Domingo (ihm nach, will ihn zurück halten).
Graf, noch ein Wort – Verzeihen sie – Weg ist er!
Da stehn wir angefesselt von Entsetzen.


Vierundzwanzigster Auftritt

Prinzessin von Eboli. Feria. Medina Sidonia. Parma.
Domingo und übrige Granden.

Eboli (eilig, außer sich).
Wo ist der König? Wo? Ich muss ihn sprechen.

(Zu Feria.)

Sie, Herzog, führen mich zu ihm.

Feria.
Der König
Hat wichtige Verhinderung. Kein Mensch
Wird vorgelassen.

Eboli.
Unterzeichnet er
Das fürchterliche Urteil schon? Er ist
Belogen. Ich beweis’ es ihm, dass er
Belogen ist.

Domingo (gibt ihr von ferne einen bedeutenden Wink).
Prinzessin Eboli!

Eboli (geht auf ihn zu).
Sie auch da, Priester? Recht! Sie brauch’ ich eben.
Sie sollen mir’s bekräftigen.

(Sie ergreift meine Hand und will ihn ins Kabinett mit fortreißen.)

Domingo.
Ich? – Sind
Sie bei sich, Fürstin?

Feria.
Bleiben sie zurück.
Der König hört sie jetzt nicht an.

Eboli.
Er muss
Mich hören. Wahrheit muss er hören – Wahrheit!
Und wär’ er zehenmal ein Gott!

Domingo.
Weg, weg!
Sie wagen alles. Bleiben sie zurück.

Eboli.
Mensch, zittre du vor deines Götzen Zorn.
Ich habe nichts zu wagen.

(Wie sie ins Kabinett will, stürzt heraus.)

Herzog Alba (seien Augen funkeln, Triumph ist in seinem Gang. Er eilt auf Domingo zu und umarmt ihn).
Lassen sie
In allen Kirchen ein Te Deum tönen.
Der Sieg ist unser.

Domingo.
Unser?

Alba (zu Domingo und den übrigen Granden).
Jetzt hinein
Zum Herrn! Sie sollen weiter von mir hören.

Ü   Þ

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