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Dritter Akt

Das Schlafzimmer des Königs.

Erster Auftritt

Auf dem Nachttische zwei brennende Lichter. Im Hintergrunde des Zimmers einige Pagen auf den Knien eingeschlafen. Der König, von oben herab halb ausgekleidet, sieht vor dem Tische, einen Arm über den Sessel gebeugt, in einer nachdenkenden Stellung. Vor ihm liegt ein Medaillon und Papiere.

König.
Dass sie sonst Schwärmerin gewesen – wer
Kann’s leugnen? Nie konnt’ ich ihr Liebe geben,
Und dennoch – schien sie Mangel je zu fühlen?
So ist’s erwiesen – sie ist falsch.

(Hier machte er eine Bewegung, die ihn zu sich selbst bringt. Er sieht mit Befremdung auf.)

Wo war ich?
Wacht denn hier niemand, als der König? – Was?
Die Lichter schon herab gebrannt? Doch nicht
Schon Tag? – Ich bin um meinen Schlummer. Nimm
Ihn für empfangen an, Natur. Ein König hat
Nicht Zeit, verlorene Nächte nachzuholen;
Jetzt bin ich wach, und Tag soll sein.

(Er löscht die Lichter aus und öffnet eine Fenstergardine. – Indem er auf und nieder geht, bemerkt er die schlafenden Knaben und bleibt eine Zeitlang schweigend vor ihnen stehen; darauf zieht er die Glocke.)

Schläft’s irgend
Vielleicht in meinem Vorsaal auch?


Zweiter Auftritt

Der König. Graf Lerma.

Lerma (mit Bestürzung, da er den König gewahr wird).
Befinden
Sich Ihre Majestät nicht wohl?

König.
Im linken
Pavillon war Feuer. Hörtet ihr
Den Lärm nicht?

Lerma.
Nein, Ihre Majestät.

König.
Nein? Wie? Und Also hätt’ ich nur geträumt?
Das kann von ungefähr nicht kommen. Schläft
Auf jenem Flügel nicht die Königin?

Lerma.
Ja, Ihre Majestät.

König.
Der Traum erschreckt mich.
Man soll die Wachen künftig dort verdoppeln,
Hört ihr? Sobald es Abend wird – doch ganz,
Ganz insgeheim. – Ich will nicht haben, dass –
Ihr prüft ich mit den Augen?

Lerma.
Ich entdecke
Ein brennend Auge, das um Schlummer bittet.
Darf ich es wagen, Ihre Majestät
An ein kostbares Leben zu erinnern,
An Völker zu erinnern, die die Spur
Durchwachter Nacht mit fürchtender Befremdung
In solchen Mienen lesen würden – Nur
Zwei kurze Morgenstunden Schlaf –

König (mit zerstörten Blicken).
Schlaf,
Schlaf find’ ich in Escurial. – Solange
Der König schläft, ist er um seine Krone,
Der Mann um seines Weibes Herz – Nein, nein!
Es ist Verleumdung. – War es nicht ein Weib,
Ein Weib, das mir es flüsterte? Der Name
Des Weibes heißt Verleumdung. Das Verbrechen
Ist nicht gewiss, bis mir’s ein Mann bekräftigt.

(Zu den Pagen, welche sich unterdessen ermuntert haben.)

Ruft Herzog Alba!

(Pagen gehen.)

Tretet näher, Graf!
Ist’s wahr?

(Er bleibt forschend vor dem Grafen stehen.)

O eines Pulses Dauer nur
Allwissenheit! – Schwört mir, ist’s wahr? Ich bin
Betrogen? Bin ich’s? Ist es wahr?

Lerma.
Mein großer,
Mein bester König –

König (zurückfahrend).
König! König nur
Und wieder König! – Keine bess’re Antwort,
Als leerenhohlen Widerhall? Ich schlage
An diesen Felsen und will Wasser, Wasser
Für meinen heißen Fieberdurst – er gibt
Mir glühend Gold.

Lerma.
Was wäre wahr, mein König?

König.
Nichts. Nichts. Verlasst mich! Geht!

(Der Graf will sich entfernen. Er ruft ihn noch einmal zurück.)

Ihr seid vermählt?
Seid Vater? Ja?

Lerma.
Ja, Ihre Majestät.

König.
Vermählt und könnt es wagen, eine Nacht
Bei eurem Herrn zu wachen? Euer Haar
Ist silbergrau und ihr errötet nicht,
An eures Weibes Redlichkeit zu glauben?
O geht nach Hause! Eben trefft ihr sie
In eures Sohns blutschändrischer Umarmung.
Glaubt eurem König, geht – Ihr steht bestürzt?
Ihr seht mich mit Bedeutung an? – Weil ich,
Ich selber etwa graue Haare trage?
Unglücklicher, besinnt euch. Königinnen
Beflecken ihre Jugend nicht. Ihr seid
Des Todes, wenn ihr zweifelt –

Lerma (mit Hitze).
Wer kann das?
In allen Staaten meines Königs wer
Ist frech genug, mit giftigem Verdacht
Die engelreine Tugend anzuhauchen?
Die beste Königin so tief –

König.
Die beste?
Und eure beste also auch? Sie hat
Sehr warme Freunde um mich her, find’ ich
Das muss ihr viel gekostet haben – mehr,
Als mir bekannt ist, dass sie geben kann.
Ihr seid entlassen. Lasst den Herzog kommen.

Lerma.
Schon hör’ ich ihn im Vorsaal –

(Im Begriff zu gehen.)

König (mit gemildertem Ton).
Graf! Was ihr
Vorhin bemerkt, ist doch wohl wahr gewesen.
Mein Kopf glüht von durchwachter Nacht. – Vergesst,
Was ich im wachen Traum gesprochen. Hört ihr?
Vergesst es! Ich bin euer gnäd’ger König.

(Er reicht ihm die Hand zum Kusse. Lerma geht und öffnet dem Herzog von Alba die Türe.)


Dritter Auftritt

Der König und Herzog von Alba.

Alba (nähert sich dem Könige mit ungewisser Miene).
Ein mir so überraschender Befehl –
Zu dieser außerordentlichen Stunde?

(Er stutz, wie er den König genauer betrachtet.)

Und dieser Anblick –

König (hat sich niedergesetzt und das Medaillon auf dem Tisch ergriffen. Er sieht den Herzog eine Zeitlang stillschweigend an.)
Also wirklich wahr?
Ich habe keinen treuen Diener?

Alba (steht betreten still).
Wie?

König.
Ich bin aufs tödlichste gekränkt – man weiß es,
Und niemand, der mich warnte!

Alba (mit einem Blick des Erstaunens).
Eine Kränkung,
Die meinem König gilt und meinem Aug’
Entging?

König (zeigt ihm die Briefe).
Erkennt ihr dies Hand?

Alba.
Es ist
Don Carlos Hand. –

König (Pause, worin er den Herzog scharf beobachtet).
Vermutet ihr noch nichts?
Ihr habt vor seinem Ehrgeiz mich gewarnt?
War’s nur sein Ehrgeiz, dieser nur, wovor
Ich zittern sollte?

Alba.
Ehrgeiz ist ein großes –
Ein weites Wort, worin unendlich viel
Noch liegen kann.

König.
Und wisst ihr nichts Besonder’s
Mir zu entdecken?

Alba (nach einigem Stillschweigen, mit verschlossener Miene).
Ihre Majestät
Vertrauten meiner Wachsamkeit das Reich.
Dem Reiche bin ich mein geheimstes Wissen
Und meine Einsicht schuldig. Was ich sonst
Vermute, denke oder weiß, gehört
Mir eigen zu. Es sind geheiligte
Besitzungen, die der verkaufte Sklave,
Wie der Vasall, den Königen der Erde
Zurückzuhalten Vorrecht hat – Nicht alles,
Was klar vor meiner Seele steht, ist reif
Genug für meinen König. Will er doch
Befriedigt sein, so muss ich bitten, nicht
Als Herr zu fragen.

König (gibt ihm die Briefe).
Lest.

Alba (liest und wendet sich erschrocken gegen den König).
Wer war
Der Rasende, dies unglücksel’ge Blatt
In meines Königs Hand zu geben?

König.
Was?
So wisst ihr, wen der Inhalt meint? – Der Name
Ist, wie ich weiß, auf dem Papier vermieden.

Alba (betroffen zurücktretend).
Ich war zu schnell.

König.
Ihr wisst?

Alba (nach einigem Bedenken).
Es ist heraus.
Mein Herr befiehlt – ich darf nicht mehr zurücke –
Ich leugn’ es nicht – ich kenne die Person.

König (aufstehend in einer schrecklichen Bewegung).
O, einen neuen Tod hilf mir erdenken,
Der Rache fürchterlicher Gott! – So klar,
So weltbekannt, so laut ist das Verständnis,
Dass man, des Forschens Mühe überhoben,
Schon auf den ersten Blick es rät – Das ist
Zu viel! Das hab’ ich nicht gewusst! Das nicht!
Ich also bin der Letzte, der es findet!
Der Letzte durch mein ganzes Reich –

Alba (wirft sich dem König zu Füßen).
Ja, ich bekenne
Mich schuldig, gnädigster Monarch. Ich schäme
Mich einer feigen Klugheit, die mir da
Zu schwiegen reit, wo meines Königs Ehre,
Gerechtigkeit und Wahrheit laut genug
Zu reden mich bestürmten – Weil doch alles
Verstummen will – weil die Bezauberung
Der Schönheit aller Männer Zungen bindet,
So sei’s gewagt, ich rede, weiß ich gleich,
Dass eines Sohns einschmeichelnde Beteurung,
Dass die verführerischen Reizungen,
Die Tränen der Gemahlin –

König (rasch und heftig).
Stehet auf!
Ihr habt mein königliches Wort – Steht auf!
Sprecht unerschrocken!

Alba (aufstehend).
Ihre Majestät
Besinnen sich vielleicht noch jenes Vorfalls
Im Garten zu Aranjuez. Sie fanden
Die Königin von allen ihren Damen
Verlassen – mit zerstörtem Blick – allein
In einer abgelegnen Laube.

König.
Ha!
Was werd’ ich hören? Weiter!

Alba.
Die Marquisin
Von Mondecar ward aus dem Reich verbannt,
Weil sie Großmut genug besaß, sich schnell
Für ihre Königin zu opfern – Jetzt
Sind wir berichtet – Die Marquisin hatte
Nicht mehr getan, als ihr befohlen worden.
Der Prinz war dort gewesen.

König (schrecklich auffahrend).
Dort gewesen?
Doch also –

Alba.
Eines Mannes Spur im Sande,
Die von dem linken Eingang dieser Laube
Nach einer Grotte sich verlor, wo noch
Ein Schnupftuch lag, das der Infant vermisste,
Erweckte gleich Verdacht. Ein Gärtner hatte
Den Prinzen dort begegnet, und das war,
Beinah’ auf die Minute ausgerechnet
Dieselbe Zeit, wo Eure Majestät
Sich in der Laube zeigten.

König (aus einem finstern Nachdenken zurückkommend).
Und sie weinte,
Als ich Befremdung blicken ließ! Sie machte
Vor meinem ganzen Hofe mich erröten!
Erröten vor mir selbst – Bei Gott! Ich stand
Wie ein Gerichteter vor ihrer Tugend –

(Eine lange und tiefe Stille. Er setzt sich nieder und verhüllt das Gesicht.)

Ja, Herzog Alba – Ihr habt Recht – Das könnte
Zu etwas Schrecklichem mich führen – Lasst
Mich einen Augenblick allein.

Alba.
Mein König,
Selbst das entscheidet noch nicht ganz –

König (nach den Papieren greifend).
Auch das nicht?
Und das? Und wieder das? Und dieser latue
Zusammenklang verdammender Beweise?
O, es ist klarer als das Licht – Was ich
Schon lagen Zeit voraus gewusst – Der Frevel
Begann da schon , als ich von euren Händen
Sie in Madrid zuerst empfing – Noch seh’ ich
Mit diesem Blick des Schreckens, geisterbleich
Auf meinen grauen Haaren sie verweilen.
Da fing es an, das falsche Spiel!

Alba.
Dem Prinzen
Starb eine Braut in seiner jungen Mutter.
Schon hatten sie mit Wünschen sich gewiegt,
In feurigen Empfindungen verstanden,
Die ihr der neue Stand verbot. Die Furcht
War schon besiegt, die Furcht, die sonst das erste
Geständnis zu begleiten pflegt, und kühner
Sprach die Verführung in vertrauten Bildern
Erlaubter Rückerinnerung. Verschwistert
Durch Harmonie der Meinung und der Jahre,
Durch gleichen Zwang erzürnt, gehorchten sie
Den Wallungen der Leidenschaft so dreister.
Die Politik griff ihrer Neigung vor;
Ist es zu glauben, mein Monarch, dass sie
Dem Staatsrat diese Vollmacht zuerkannte?
Dass sie die Lüsternheit bezwang, die Wahl
Des Kabinetts aufmerksamer zu prüfen?
Sie war gefasst auf Leibe und empfing
Ein Diadem. –

König (beleidigt und mit Bitterkeit).
Ihr unterscheidet sehr –
Sehr weise, Herzog – ich bewundre eure
Beredsamkeit. Ich dank’ euch.

(Aufsiehend, kalt und stolz).

Ihr habt Recht:
Die Königin hat sehr gefehlt, mir Briefe
Von diesem Inhalt zu verbergen – mir
Die strafbare Erscheinung des Infanten
Im Garten zu verheimlichen. Sie hat
Aus falscher Großmut sehr gefehlt. Ich werde
Sei zu bestrafen wissen.

(Er zieht die Glocke.)

Wer ist sonst
Im Vorsaal? – Euer, Herzog Alba,
Bedarf ich nicht mehr. Tretet ab!

Alba.
Sollt’ ich
Durch meinen Eifer Eurer Majestät
Zum zweiten Mal missfallen haben?

König (zu einem Pagen, der herein tritt).
Lasst
Domingo kommen.

(Der Page geht ab.)

Ich vergeb’ es euch,
Dass ihr beinahe zwei Minuten lang
Mich ein Verbrechen hattet fürchten lassen,
Das gegen euch begangen werden kann.

(Alba entfernt sich.)


Der König. Domingo.

Der König (geht einige Mal auf und ab, sich zu sammeln).

Domingo (tritt einige Minuten nach dem Herzog herein, nähert sich dem Könige, den er eine Zeit lang mit feierlicher Stille betrachtet).
Wie froh erstaun’ ich, Eure Majestät
So ruhig, so gefasst zu sein.

König.
Erstaunt ihr?

Domingo.
Der Vorsicht sei’s gedankt, dass meine Furcht
Doch also nicht gegründet war! Nun darf
Ich um so eher hoffen.

König.
Eure Furcht?
Was war zu fürchten?

Domingo.
Ihre Majestät,
Ich darf nicht bergen, dass ich allbereits
Um ein Geheimnis weiß –

König (finster).
Hab’ ich denn schon
Den Wunsch geäußert, es mit euch zu teilen?
Wer kam so unberufen mir zuvor?
Sehr kühn, bei meiner Ehre!

Domingo.
Mein Monarch!
Der Ort, der Anlass, wo ich es erfahren,
Das Siegel, unter dem ich es erfahren,
Spricht wenigstens von dieser Schuld mich frei.
Am Beichtstuhl ward es mir vertraut – vertraut
Als Missetat, die das empfindliche
Gewissen der Entdeckerin belastet,
Und Gnade bei dem Himmel sucht. Zu spät
Beweint die Fürstin eine Tat, von der
Sie Ursach’ hat, die fürchterlichsten Folgen
Für ihre Königin zu ahnen.

König.
Wirklich?
Das gute Herz – Ihr habt ganz recht vermutet,
Messwegen ich euch rufen ließ. Ihr sollt
Aus diesem dunkeln Labyrinth mich führen,
Worein ein blinder Eifer mich geworfen.
Von euch erwart’ ich Wahrheit. Redet offen
Mit mir. Was soll ich glauben, was beschließen?
Von eurem Amte fordr’ ich Wahrheit.

Domingo.
Sire,
Wenn meines Standes Mildigkeit mir auch
Der Schonung süße Pflicht nicht auferlegte,
Doch würd’ ich Eure Majestät beschwören,
Um ihrer Ruhe willen sie beschwören,
Bei dem Entdeckten still zu stehn – das Forschen
In ein Geheimnis ewig aufzugeben,
Das niemals freudig sich entwickeln kann.
Was jetzt bekannt ist, kann vergeben werden.
Ein Wort des Königs – du die Königin
Hat nie gefehlt. Der Wille des Monarchen
Verleiht die Tugend wie das Glück – und nur
Die immer gleiche Ruhe meines Königs
Kann die Gerüchte mächtig niederschlagen,
Die sich die Lästerung erlaubt.

König.
Gerüchte?
Von mir? Und unter meinem Volke?

Domingo.
Lügen
Verdammenswerte Lügen! Ich beschwör’ es.
Doch freilich gibt es Fälle, wo der Glaube
Des Volks, und wär’ er noch so unerwiesen,
Bedeutend wie die Wahrheit wird.

König.
Bei Gott!
Und hier gerade wär’ es –

Domingo.
Guter Name
Ist das kostbare, einz’ge Gut, um welches
Die Königin mit einem Bürgerweibe
Wetteifern muss –

König.
Für den doch, will ich hoffen,
Hier nicht gezittert werden soll?

(Er ruht mit ungewissem Blick auf Domingo. Nach einigem Stillschweigen.)

Kaplan,
Ich soll noch etwas Schlimmes von euch hören.
Verschiebt es nicht. Schon lange les’ ich es
In diesem Unglück bringenden Gesichte.
Heraus damit! Sei’s, was es wolle! Lasst
Nicht länger mich auf dieser Folter beben.
Was glaubt das Volk?

Domingo.
Noch einmal, Sire, das Volk
Kann irren – und es irrt gewiss. Was es
Behauptet, darf den König nicht erschüttern –
Nur – dass es so weit schon sich wagen durfte,
Dergleichen zu behaupten –

König.
Was? Muss ich
So lang’ um einen Tropfen Gift euch bitten?

Domingo.
Das Volk denkt an den Monat noch zurück,
Der Eure königliche Majestät
Dem Tode nahe brachte – dreißig Wochen
Nach diesem leist es von der glücklichen
Entbindung –

(Der König steht auf und zeiht die Glocke. Herzog von Alba tritt herein. Domingo betroffen.)

Ich staune, Sire!

König (dem Herzog Alba entgegen gehend).
Toledo!
Ihr seid ein Mann. Schützt mich vor diesem Priester.

Domingo (Er und Herzog Alba geben sich verlegene Blicke. Nach einer Pause.).
Wenn wir voraus es hätten wissen können,
Dass diese Nachricht an dem Überbringer
Geahndet werden sollte -

König.
Bastard, sagt ihr?
Ich war, sagt ihr, vom Tode kaum erstanden,
Als sie sich Mutter fühlte? – Wie? Das war
Ja damals, wenn ich anders mich nicht irre,
Als ihr den heiligen Dominikus
In allen Kirchen für das hohe Wunder lobtet,
Das er an mir gewirkt? – Was damals Wunder
Gewesen, ist es jetzt nicht mehr? So habt
Ihr damals oder heute mir gelogen.
An was verlangt ihr, dass ich glauben soll?
O, ich durchschau’ euch. Wäre das Komplott
Schon damals reif gewesen – ja, dann war
Der Heilige um seinen Ruhm.

Alba.
Komplott!

König
Ihr solltet
Mit dieser beispiellosen Harmonie
Jetzt in derselben Meinung euch begegnen,
Und doch nicht einverstanden sein? Mich wollt
Ihr das bereden? Mich? Ich soll vielleicht
Nicht wahrgenommen haben, wie erpicht
Und gierig ihr auf euren Raub euch stürztet!
Mit welcher Wolllust ihr an meinem Schmerz,
An meines Zornes Wallung euch geweidet?
Nicht merken soll ich, wie voll Eifer dort
Der Herzog brennt, der Gunst zuvor zu eilen,
Die meinem Sohn beschieden war? Wie gerne
Der fromme Mann hier seinen kleinen Groll
Mit meines Zornes Riesenarm bewehrte?
Ich bind er Bogen, bildet ihr euch ein ,
Den man nur spannen dürfe nach Gefallen? –
Noch hab’ ich meinen Willen auch – und wenn
Ich zweifeln soll, so lasst mich wenigstens
Bei euch den Anfang machen.

Alba.
Diese Deutung
Hat unsre Treue nicht erwartet.

König.
Treue!
Die Treue warnt vor drohenden Verbrechen,
Die Rachgier spricht von den begangenen.
Lasst hören. Was gewann ich denn durch eure
Dienstfertigkeit? – Ist, was ihr vorgebt, wahr,
Was bleibt mir übrig als der Trennung Wunde?
Der Rache trauriger Triumph? – Doch nein,
Ihr fürchtet nur, ihr gebt mir schwankende
Vermutungen – am Absturz einer Hölle
Lasst ihr mich stehen und entflieht.

Domingo.
Sind andre
Beweise möglich, wo das Auge selbst
Nicht überwiesen werden kann?

König (nach einer großen Pause, ernst und feierlich zu Domingo sich wendend).
Ich will
Die Großen meines Königreichs versammeln
Und selber zu Gerichte sitzen. Tretet
Heraus vor allen – habt ihr Mut – und klaget
Als eine Buhlerin sie an! – Sie soll
Des Todes sterben – ohne Rettung – sie
Und der Infant soll sterben – aber – merkt euch!
Kann sie sich reinigen – ihr selbst! Wollt ihr
Die Wahrheit durch ein solches Opfer ehren?
Entschließt euch. Ihr wollt nicht? Ihr verstummt?
Ihr wollt nicht? – Das ist eines Lügners Eifer.

Alba (der stillschweigend in der Ferne gestanden, kalt und ruhig).
Ich will es.

König (dreht sich erstaunt um und sieht den Herzog eine Zeit lang starr an).
Das ist kühn! Doch fällt mir ein
Dass ihr in scharfen Schlachten euer Leben
An etwas weit Geringeres gewagt –
Mit eines Würfelspielers Leichtsinn für
Des Ruhmes Unding es gewagt – Und was
Ist euch das Leben? – Königliches Blut
Geb’ ich dem Rasenden nicht preis, der nichts
Zu hoffen hat, als ein geringes Dasein
Erhaben aufzugeben – Euer Opfer
Verwerf’ ich. Geht – geht, und im Audienzsaal
Erwartet meine weiteren Befehle!

(Beide gehen ab.)


Fünfter Auftritt

Der König allein.

Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht –
Du hast mir viel gegeben. Schenke mir
Jetzt einen Menschen! Du – du bist’s allein;
Denn deine Augen prüfen das Verborgne.
Ich bitte dich um einen Freund; denn ich
Bin nicht, wie du, allwissend. Die Gehilfen,
Die du mir zugeordnet hast, was sie
Mir sind, weißt du. Was sie verdienen, haben
Sie mir gegolten. Ihre zahmen Laster,
Beherrscht vom Zaume, dienen meine Zwecken,
Wie deine Wetter reinigen die Welt.
Ich brauche Wahrheit – Ihre stille Quelle
Im dunkeln Schutt des Irrtums aufzugraben,
Ist nicht das Los der Könige. Gib mir
Den seltnen Mann mit reinem, offnem Herzen,
Mit hellem Geist und unbefangnen Augen,
Der mir sie finden helfen kann – ich schütte
Die Lose auf: Lass unter Tausenden,
Die um der Hoheit Sonnenscheibe flattern,
Den Einzigen mich finden.

(Er eröffnet eine Schatulle und nimmt eine Schreibtafel heraus. Nachdem er eine Zeit lang darin geblättert.)

Bloße Namen –
Nur Namen stehen hier, und nicht einmal
Erwähnung des Verdiensts, dem sie den Platz
Auf dieser Tafel danken – und was ist
Vergesslicher als Dankbarkeit! Doch hier
Auf dieser andern Tafel les’ ich jede
Vergehung pünktlich beigeschrieben. Wie?
Das ist nicht gut. Braucht etwas das Gedächtnis
Der Rache dieser Hilfe noch?

(Liest weiter.)

Graf Egmont?
Was will der hier? – Der Sieg bei Saint Quentin
War längst verwirkt. Ich werf’ ihn zu den Toten.

(Er löscht diesen Namen aus und schreibt ihn auf die andere Tafel. Nachdem er weiter gelesen.)

Marquis von Posa? – Posa? – Posa? Kann
Ich dieses Menschen mich doch kaum besinnen!
Und zweifach angestrichen – ein Beweis,
Dass ich zu großen Zwecken ihn bestimmte!
Und, war es möglich? Dieser Mensch entzog
Sich meiner Gegenwart bis jetzt? Vermied
Die Augen seines königlichen Schuldners?
Bei Gott, im ganzen Umkreis meiner Staaten
Der einz’ge Mensch, der meiner nicht bedarf!
Besäß’ er Habsucht oder Ehrbegierde,
Er wäre längst vor meinem Thron erschienen.
Wag’ ich’s mit diesem Sonderling? Wer mich
Entbehren kann, wird Wahrheit für mich haben.

(Er geht ab.)


Der Audienzsaal.

Sechster Auftritt

Don Carlos im Gespräch mit dem Prinzen von Parma. Die Herzoge von Alba, Feria und Medina Sidonia. Graf von Lerma und noch andere Granden mit Schriften in der Hand. Alle den König erwartend.

Medina Sidonia (von allen Umstehenden sichtbar vermieden, wendet sich zum Herzog von Alba, der allein und in sich gekehrt auf und ab geht).
Sie haben ja den Herrn gesprochen, Herzog. –
Wie fanden sie ihn aufgelegt?

Alba.
Sehr übel
Für sie und ihre Zeitungen.

Medina Sidonia.
Im Feuer
Des englischen Geschützes war mir’s leichter,
Als hier auf diesem Pflaster.

(Carlos, der mit stiller Teilnahme auf ihn geblickt hat, nähert sich ihm jetzt und drückt ihm die Hand.)

Warmen Dank
Für diese großmutsvolle Träne, Prinz!
Sie sehen, wie mich alles flieht. Nun ist
Mein Untergang beschlossen.

Carlos.
Hoffen sie
Das Beste, Freund, von meines Vaters Gnade
Und ihrer Unschuld.

Medina Sidonia.
Ich verlor ihm eine Flotte,
Wie keine noch im Meer erschien – Was ist
Ein kopf wie dieser gegen siebzig
Versunkne Gallionen? – Aber Prinz –
Fünf Söhne, hoffnungsvoll, wie sie – das bricht
Mein Herz.


Siebenter Auftritt

Der König kommt angekleidet heraus. Die Vorigen.

(Alle nehmen die Hüte ab und weichen zu beiden Seiten aus, indem sie einen halben Kreis um ihn bilden. Stillschweigen.)

König (den ganzen Kreis flüchtig durchschauend).
Bedeckt euch.

(Don Carlos und der Prinz von Parma nähern sich zuerst und küssen dem König die Hand. Er wendet sich mit einiger Freuendlichkeit zu dem Letzteren, ohne seinen Sohn bemerken zu wollen.)

Eure Mutter, Neffe,
Will wissen, wie man in Madrid mit euch
Zufrieden sei.

Parma.
Das frage sie nicht eher,
Als nach dem Ausgang meiner ersten Schlacht.

König.
Gebt euch zufrieden. Auch an euch wird einst
Die Reihe sein, wenn diese Stämme brechen.

(Zum Herzog von Feria.)

Was bringt ihr mir?

Feria (ein Knie vor dem König beugend).
Der Großkomtur des Ordens
Von Calatrava starb an diesem Morgen.
Hier folgt sein Ritterkreuz zurück.

König (nimmt den Orden und sieht im ganzen Kreis herum).
Wer wird
Nach ihm am würdigsten es tragen?

(Er winkt Alba zu sich, welcher sich vor ihm auf ein Knie niederlässt, und hängt ihm den Orden um.)

Herzog,
Ihr seid mein erster Feldherr – seid nie mehr,
So wird euch meine Gnade niemals fehlen.

(Er wird den Herzog von Medina Sidonia gewahr.)

Sieh da, mein Admiral!

Medina Sidonia (nähert sich wankend und kniet vor dem Könige nieder, mit gesenktem Haupt).
Das, großer König,
Ist alles, was ich von der span’schen Jugend
Und der Armada wiederbringe.

König (nach einem langen Stillschweigen).
Gott
Ist über mir – Ich habe gegen Menschen,
Nicht gegen Sturm und Klippen sie gesendet –
Seid mir willkommen in Madrid.

(Er reicht ihm die Hand zum Kusse.)

Und Dank,
Dass ihr in euch mir einen würd’gen Diener
Erhaltne habt! Für diesen, meine Granden,
Erkenn’ ich ihn, will ich erkannt ihn wissen.

(Er gibt ihm einen Wink, aufzustehen und sich zu bedecken – dann wendet er sich gegen die anderen.)

Was gibt es noch?

(Zu Don Carlos und den Prinzen von Parma.)

Ich dank’ euch, meine Prinzen.

(Diese treten ab. Die noch übrigen Granden nähern sich und überreichen dem Könige kniend ihre Papiere. Er durchsieht sie flüchtig und reicht sie dem Herzog von Alba.)

Legt as im Kabinett mir vor – Bin ich zu Ende?

(Niemand antwortet.)

Wie kommt es denn, dass unter meinen Granden
Sich nie ein Marquis Posa zeigt? Ich weiß
Recht gut, dass dieser Marquis Posa mir
Mit Ruhm gedient. Er lebt vielleicht nicht mehr?
Warum erscheint er nicht?

Lerma.
Der Chevalier
Ist kürzlich erst von Reisen angelangt,
Die er durch ganz Europa unternommen.
So eben ist er in Madrid, und wartet
Nur auf den öffentlichen Tag, sich zu
Den Füßen seines Oberherrn zu werfen.

Alba.
Marquis von Posa? – Recht! Das ist der kühne
Malteser, Ihre Majestät, von dem
Der Ruf die schwärmerische Tat erzählte.
Als auf des Ordensmeisters Aufgebot
Die Ritter sich auf ihrer Insel stellten,
Die Soliman belagern ließ, verschwand
Auf einmal von Alcala’s hoher Schule
Der achtzehnjähr’ge Jüngling. Ungerufen
Stand er vor la Valette. „Man kaufte mir
Das Kreuz,“ sagt’ er: „Ich will es jetzt verdienen.“
Von jenen vierzig Rittern war er einer,
Die gegen Piali, Ulucciali
Und Mustapha und Hassem das Kastell
Sankt Elmo in drei wiederholten Stürmen
Am hohen Mittag hielten. Als es endlich
Erstiegen wird, und um ihn alle Ritter
Gefallen, wirft er sich ins Meer und kommt
Allein erhalten an bei la Valette.
Zwei Monate darauf verlässt der Feind
Die Insel, und der Ritter kommt zurück,
Die angefangnen Studien zu enden.

Feria.
Und dieser Marquis Posa war es auch,
Der nachher die berüchtigte Verschwörung
In Katalonien entdeckt, und bloß
Durch seine Festigkeit allein der Krone
Die wichtigste Provinz erhielt.

König.
Ich bin
Erstaunt – Was ist das für ein Mensch, der das
Getan und unter Dreien, die ich frage,
Nicht einen einz’gen Nieder hat? – Gewiss!
Der Mensch besitzt den ungewöhnlichsten
Charakter oder keinen – Wunders wegen
Muss ich ihn sprechen.

(Zum Herzog von Alba.)

Nach gehörter Messe
Bringt ihn ins Kabinett zu mir.

(Der Herzog geht ab. Der König ruft Feria.)

Und ihr
Nehmt meine Stelle im geheimen Rate.

(Er geht ab.)

Feria.
Der Herr ist heut sehr gnädig.

Medina Sidonia.
Sagen sie:
Er ist ein Gott! – Er ist es mir gewesen.

Feria.
Wie sehr verdienen sie ihr Glück! Ich nehme
Den wärmsten Anteil, Admiral.

Einer von den Granden.
Auch ich.

Ein Zweiter.
Ich wahrlich auch.

Ein Dritter.
Das Herz hat mir geschlagen.
Ein so verdienter General!

Der Erste.
Der König
War gegen sie nicht gnädig – nur gerecht.

Lerma (im Abgehen zu Medina Sidonia).
Wie reich sind sie auf einmal durch zwei Worte!

(Alle gehen ab.)


Das Kabinett des Königs.

Achter Auftritt

Marquis von Posa und Herzog von Alba.

Marquis (im Hereintreten).
Mich will er haben? Mich! – Das kann nicht sein.
Sie irren sich im Namen – Und was will
Er denn von mir?

Alba.
Er will sie kennen lernen.

Marquis.
Der bloßen Neugier wegen – O, dann Schade
Um den verlornen Augenblick – Das Leben
Ist so erstaunlich schnell dahin.

Alba.
Ich übergebe
Sie ihrem guten Stern. Der König ist
In ihren Händen. Nützen sie, so gut
Sie können, diesen Augenblick, und sich,
Sich selber schreiben sie es zu, geht er
Verloren.

(Er entfernt sich.)


Neunter Auftritt

Der Marquis allein.

Wohl gesprochen, Herzog. Nützen
Muss man den Augenblick, der einmal nur
Sich bietet. Wahrlich, dieser Höfling gibt
Mir eine gute Lehre – wenn auch nicht
In seinem Sinne gut, doch in dem meinigen.

(Nach einigem Auf- und Niedergehen.)

Wie komm’ ich aber hieher? – Eigensinn
Des launenhaften Zufalls wär’ es nur,
Was mir mein Bild in diesen Spiegeln zeigt?
Aus einer Million gerade mich,
Den Unwahrscheinlichsten, ergriff und im
Gedächtnisse des Königs auferweckte?
Ein Zufall nur? Vielleicht auch mehr – Und was
Ist Zufall anders, als der rohe Stein,
Der Leben annimmt unter Bildners Hand?
Den Zufall gibt die Vorsehung – zum Zwecke
Muss ihn der Mensch gestalten – Was der König
Mit mir auch wollen mag, gleichviel! – Ich weiß,
Was ich – ich mit dem König soll – und wär’s
Auch eine Feuerflocke Wahrheit nur,
In des Despoten Seele kühn geworfen –
Wie fruchtbar in der Vorsicht Hand! So könnte,
Was erst so grillenhaft mir schien, sehr zweckvoll
Und sehr besonnen sein. Sein oder nicht –
Gleichviel! In diesem Glauben will ich handeln.

(Er macht einige Gänge durch das Zimmer und bleibt endlich in ruhiger Betrachtung vor einem Gemälde stehen. Der König erscheint in dem angrenzenden Zimmer, wo er einige Befehle gibt. Alsdann tritt er herein, steht an der Türe still und sieht dem Marquis eine Zeit lang zu, ohne von ihm bemerkt zu werden.)


Zehnter Auftritt

Der König und Marquis von Posa.

(Dieser geht dem König, sobald er ihn gewahr wird, entgegen, und lässt sich vor ihm auf ein Knie nieder, steht auf und bleibt ohne Zeichen der Verwirrung vor ihm stehen.)

König (betrachtet ihn mit einem Blick der Verwunderung).
Mich schon gesprochen also?

Marquis.
Nein.

König.
Ihr machtet
Um meine Krone euch verdient. Warum
Entziehet ihr euch meinem Dank? In meinem
Gedächtnis drängen sich der Menschen viel.
Allwissend ist nur einer. Euch kam’s zu,
Das Auge eures Königes zu suchen.
Weswegen tatet ihr das nicht?

Marquis.
Es sind
Zwei Tage, Sire, dass ich ins Königreich
Zurück gekommen.

König.
Ich bin nicht gesonnen,
In meiner Diener Schuld zu stehn – Erbittet
Euch eine Gnade!

Marquis.
Ich genieße die Gesetze.

König.
Dies Recht hat auch der Mörder.

Marquis.
Wie viel mehr
Der gute Bürger! – Sire, ich bin zufrieden.

König (für sich).
Viel Selbstgefühl und kühner Mut, bei Gott!
Doch das war zu erwarten – Stolz will ich
Den Spanier. Ich mag es gerne leiden,
Wenn auch der Becher überschäumt – Ihr tratet
Aus meinen Diensten, hör’ ich?

Marquis.
Einem Bessern
Den Platz zu räumen, zog ich mich zurücke.

König.
Das tut mir leid. Wenn solche Köpfe feiern,
Wie viel Verlust für meinen Staat – Vielleicht
Befürchtet ihr, die Sphäre zu verfehlen,
Die eures Geistes würdig ist.

Marquis.
O nein!
Ich bin gewiss, dass der erfahrne Kenner,
In Menschenseelen, seinem Stoff, geübt,
Beim ersten Blicke wird gelesen haben,
Was ich ihm taugen kann, was nicht. Ich fühle
Mit demutsvoller Dankbarkeit die Gnade,
Die Eure königliche Majestät
Durch diese stolze Meinung auf mich häufen:
Doch –

(Er hält inne.)

König.
Ihr bedenket euch?

Marquis.
Ich bin – ich muss
Gestehen, Sire – sogleich nicht vorbereitet,
Was ich als Bürger dieser Welt gedacht,
In Worte ihres Untertans zu kleiden. –
Denn damals, Sire, als ich auf immer mit
Der Krone aufgehoben, glaubt’ ich mich
Auch der Notwendigkeit entbunden, ihr
Von diesem Schritte Gründe abzugeben.

König.
So schwach sind diese Gründe? Fürchtet ihr
Dabei zu wagen?

Marquis.
Wenn ich Zeit gewinne,
Sie zu erschöpfen, Sire – mein Leben höchstens.
Die Wahrheit aber setz’ ich aus, wenn sie
Mir diese Gunst verweigern. Zwischen ihrer
Ungnade und Geringschätzung ist mir
Die Wahl gelassen – Muss ich mich entscheiden,
So will ich ein Verbrecher lieber als
Ein Thor von ihren Augen gehen.

König (mit erwartender Miene).
Nun?

Marquis.
– Ich kann nicht Fürstendiener sein.

(Der König sieht ihn mit Erstaunen an.)

Ich will
Den Käufer nicht betrügen, Sire. – Wenn sie
Mich anzustellen würdigen, so wollen
Sie nur die vorgewogne Tat. Sie wollen
Nur meinen Arm und meinen Mut im Felde,
Nur meinen Kopf im Rat. Nicht meine Taten,
Der Beifall, den sie finden an dem Thron,
Soll meiner Taten Endzweck sein. Mir aber,
Mir hat die Tugend eignen Wert. Das Glück,
Das der Monarch mit meinen Händen pflanzte,
Erschüf’ ich selbst, und Freude wäre mir
Und eigne Wahl, was mir nur Pflicht sein sollte.
Und ist das ihre Meinung? Können sie
In ihrer Schöpfung fremde Schöpfer dulden?
Ich aber soll zum Meißle mich erniedern,
Wo ich der Künstler könnte sein? – Ich leibe
Die Menschheit, und in Monarchien darf
Ich niemand lieben als mich selbst.

König
Dies Feuer
Ist lobenswert. Ich möchtet Gutes stiften.
Wie ihr es stiftet, kann dem Patrioten,
Dem Weisen gleichviel heißen. Suchet euch
Den Posten aus in meinen Königreichen,
Der euch berechtigt, diesem edlen Triebe
Genug zu tun.

Marquis.
Ich finde keinen.

König.
Wie?

Marquis.
Was Eure Majestät durch meine Hand
Verbreiten – ist das Menschenglück? Ist das
Dasselbe Glück, das meine reine Liebe
Den Menschen gönnt? – Vor diesem Glücke würde
Die Majestät erzittern – Nein! Ein neues
Erschuf der Krone Politik – ein Glück,
Das sie noch reich genug ist auszuteilen,
Und in dem Menschenherzen neue Triebe,
Die sich von diesem Glücke stillen lassen.
In ihren Münzen lässt sie Wahrheit schlagen,
Die Wahrheit, die sie dulden kann. Verworfen
Sind alle Stempel, die nicht diesem gleichen.
Doch, was der Krone frommen kann – ist das
Auch mir genug? Darf meine Bruderliebe
Sich zur Verkürzung meines Bruders borgen?
Weiß ich ihn glücklich – eh’ er denken darf?
Mich wählen sie nicht, Sire, Glückseligkeit,
Die sie uns prägen, auszustreun. Ich muss
Mich weigern, diese Stempel auszugeben. –
Ich kann nicht Fürstendiener sein.

König (etwas rasch).
Ihr seid
Ein Protestant.

Marquis (nach einigem Bedenken).
Ihr Glaube, Sire, ist auch
Der meinige.

(Nach einer Pause.)

Ich werde missverstanden.
Das war es, was ich fürchtete. Sie sehen
Von den Geheimnissen der Majestät
Durch meine Hand den Schleier weggezogen.
Wer sichert sie, dass mir noch heilig heiße,
Was mich zu schrecken aufgehört? Ich bin
Gefährlich, weil ich über mich gedacht. –
Ich bin es nicht, mein König. Meine Wünsche
Verwesen hier.

(Die Hand auf die Brust gelegt.)

Die lächerliche Wut
Der Neuerung, die nur der Ketten Last,
Die sie nicht ganz zerbrechen kann, vergrößert,
Wird mein Blut nie erhitzen. Das Jahrhundert
Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe,
Ein Bürger derer, welche kommen werden.
Kann ein Gemälde ihre Ruhe trüben? –
Ihr Atem löscht es aus.

König.
Bin ich der Erste,
Der euch von dieser Seite kennt?

Marquis.
Von dieser –
Ja!

König (steht auf, macht einige Schritte und bleibt dem Marquis gegenüber stehen. Für sich).
Neu zum wenigsten ist dieser Ton!
Die Schmeichelei erschöpft sich. Nachzuahmen
Erniedrigt einen Mann von Kopf. – Auch einmal
Die Probe von dem Gegenteil. – Warum nicht?
Das Überraschende macht Glück. Wenn ihr
Es so verstehet, gut, so will ich mich
Auf eine neue Kronbedienung richten –
Den starken Geist –

Marquis.
Ich höre, Sire, wie klein
Wie niedrig sie von Menschenwürde denken,
Selbst in des freien Mannes Sprache nur
Den Kunstgriff eines Schmeichlers sehen, und
Mir däucht, ich weiß, wer sie dazu berechtigt.
Die Menschen zwangen sie dazu; die haben
Freiwillig ihres Adels sich begeben,
Freiwillig sich auf diese niedre Stufe
Herabgestellt. Erschrocken fliehen sie
Vor dem Gespenste ihrer innern Größe,
Gefallen sich in ihrer Armut, schmücken
Mit feiger Weisheit ihre Ketten aus,
Und Tugend nennt man, sie mit Anstand tragen.
So überkamen sie die Welt. So ward
Sie ihrem großen Vater überliefert.
Wie könnten sie in dieser traurigen
Verstümmlung – Menschen ehren?

König.
Etwas Wahres
Find’ ich in diesen Worten.

Marquis.
Aber Schade!
Da sie den Menschen aus des Schöpfers Hand
In ihrer Hände Werk verwandelten,
Und dieser neu gegossenen Kreatur
Zum Gott sich gaben – da versahen sie’s
In etwas nur: Sie blieben selbst noch Mensch –
Mensch aus des Schöpfers Hand. Sie furhen fort,
Als Sterblicher zu leiden, zu begehren;
Sie brauchen Mitgefühl – und einem Gott
Kann man nur opfern – zittern – zu ihm beten!
Bereuenswerter Tausch! Unselige
Verdrehung der Natur! – Da sie den Menschen
In ihrem Saitenspiel herunterstürzten,
Wer teilt mit ihnen Harmonie?

König.
(Bei Gott,
Er greift in meine Seele!)

Marquis.
Aber ihnen
Bedeutet dieses Opfer nichts. Dafür
Sind sie auch einzig – ihre eigne Gattung –
Um diesen Preis sind sie ein Gott. – Und schrecklich,
Wenn das nicht wäre – wenn für diesen Preis,
Für das zertretne Glück von Millionen,
Sie nichts gewonnen hätten! Wenn die Freiheit,
Die sie vernichteten, das Einz’ge wäre,
Das ihre Wünsche reifen kann? Ich bitte,
Mich zu entlassen, Sire. Mein Gegenstand
Reißt mich dahin. Mein Herz ist voll – Der Reiz
Zu mächtig, vor dem Einzigen zu stehen,
Dem ich es öffnen möchte.

(Der Graf von Lerma tritt herein und spricht einige Worte leise mit dem Könige. Dieser gibt ihm einen Wink, sich zu entfernen, und bleibt in seiner vorigen Stellung sitzen.)

König (zum Marquis, nachdem Lerma weggegangen).
Redet aus!

Marquis (nach einigem Stillschweigen).
Ich fühle, Sire, - den ganzen Wert –

König.
Vollendet!
Ihr hattet mir noch mehr zu sagen.

Marquis.
Sire!
Jüngst kam ich an von Flandern und Brabant. –
So viele reiche, blühende Provinzen!
Ein kräftiges, ein großes Volk und auch
Ein gutes Volk – und, Vater dieses Volkes,
Das, dacht’ ich, das muss göttlich sein! – Da stieß
Ich auf verbrannte menschliche Gebeine –

(Hier schweigt er still, seine Augen ruhen auf dem Könige, der es versucht, diesen Blick zu erwidern, aber betroffen und verwirrt zur Erde sieht.)

Sie haben Recht. Sie müssen. Dass sie können,
Was sie zu müssen eingesehn, hat mich
Mit schauernder Bewunderung durchdrungen.
O Schade, dass, in seinem Blut gewälzt,
Das Opfer wenig dazu taugt, dem Geist
Des Opferers ein Loblied anzustimmen!
Dass Menschen nur – nicht Wesen höhrer Art –
Die Weltgeschichte schreiben! – Sanftere
Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten;
Die bringen mildre Weisheit; Bürgerglück
Wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln,
Der karge Staat mit seinen Kindern geizen,
Und die Notwendigkeit wird menschlich sein.

König.
Wann, denkt ihr, würden diese menschlichen
Jahrhunderte erscheinen, hätt’ ich vor
Dem Fluch des jetzigen gezittert? Sehet
In meinem Spanien euch um. Hier blüht
Des Bürgers Glück in nie bewölktem Frieden;
Und diese Ruhe gönn’ ich den Flamändern.

Marquis (schnell).
Die Ruhe eines Kirchhofs! Und sie hoffen
Zu endigen, was sie begannen? Hoffen,
Der Christenheit gezeitigte Verwandlung,
Den allgemeinen Frühling aufzuhalten,
Der die Gestalt der Welt verjüngt? Sie wollen
Allein in ganz Europa – sich dem Rade
Des Weltverhängnisses, das unaufhaltsam
In vollem Laufe rollt, entgegen werfen?
Mit Menschenarm in seine Speichen fallen?
Sie werden nicht! Schon flohen Tausende
Aus ihren Ländern froh und arm. Der Bürger,
Den sie verloren für den Glauben, war
Ihr edelster. Mit offnen Mutterarmen
Empfängt die fliehende Elisabeth,
Und furchtbar blüht durch Künste unsers Landes
Britannien. Verlassen von dem Fleiß
Der neuen Christen, liegt Grenada öde,
Und jauchzend sieht Europa seinen Feind
An selbst geschlagnen Wunden sich verbluten.

(Der König ist bewegt; der Marquis bemerkt es und tritt einige Schritte näher.)

Sie wollen pflanzen für die Ewigkeit,
Und säen Tod? Ein so erzwungnes Werk
Wird seines Schöpfers Geist nicht überdauern.
Dem Undank haben sie gebaut – umsonst
Den harten Kampf mit der Natur gerungen,
Umsonst ein großes königliches Leben
Zerstörenden Entwürfen hingeopfert.
Der Mensch ist mehr, als sie von ihm gehalten.
Des langen Schlummers Bande wird er brechen
Und wiederfordern sein geheiligt Recht.
Zu einem Nero und Busiris wirft
Er ihren Namen, und – das schmerzt mich; denn
Sie waren gut.

König.
Wer hat euch dessen so
Gewiss gemacht?

Marquis (mit Feuer).
Ja, beim Allmächtigen!
Ja – ja – ich wiederhol’ es. Geben sie,
Großmütig, wie der Starke, Menschenglück
Aus ihrem Füllhorn strömen – Geister reifen
In ihrem Weltgebäude! Geben sie,
Was sie uns nahmen, wieder! Werden sie
Von Millionen Königen ein König!

(Er nähert sich ihm kühn und indem er feste und feurige Blicke auf ihn richtet.)

O, könnte die Beredsamkeit von allen
Den Tausenden, die dieser großen Stunde
Teilhaftig sind, auf meinen Lippen schweben,
Den Strahl, den ich in diesen Augen merke,
Zur Flamme zu erheben! – Geben sie
Die unnatürliche Vergöttrung auf,
Die uns vernichtet! Werden sie uns Muster
Des Ewigen und Wahren! Niemals – niemals
Besaß ein Sterblicher so viel, so göttlich
Es zu gebrauchen. Alle Könige
Europens huldigen dem span’schen Namen.
Sehn sie Europens Königen voran!
Ein Federzug von dieser Hand, und neu
Erschaffen wird die Erde. Geben sie
Gedankenfreiheit! –

(Sich ihm zu Füßen werfend.)

König (überrascht, das Gesicht weg gewandt und dann wieder auf den Marquis geheftet).
Sonderbarer Schwärmer!
Doch – steht auf – ich –

Marquis.
Sehen sie sich um
In seiner herrlichen Natur! Auf Freiheit
Ist sie gegründet – und wie reich ist sie
Durch Freiheit! Er, der große Schöpfer, wirft
In einen Tropfen Tau den Wurm, und lässt
Noch in den toten Räumen der Verwesung
Die Willkür sich ergötzen – Ihre Schöpfung,
Wie eng und arm! Das Rauschen eines Blattes
Erschreckt den Herrn der Christenheit – Sei müssen
Vor jeder Tugend zittern. Er – der Freiheit
Entzückende Erscheinung nicht zu stören –
Er lässt des Übels grauenvolles Heer
In seinem Weltall lieber toben – ihn,
Den Künstler, wird man nicht gewahr, bescheiden
Verhüllt er sich in ewige Gesetze!
Die sieht der Freigeist, doch nicht ihn. Wozu
Ein Gott? Sagt er: Die Welt ist sich genug!
Und keines Christen Andacht hat ihn mehr,
Als dieses Freigeists Lästerung, gepriesen.

König.
Und wollet ihr es unternehmen, dies
Erhabne Muster in der Sterblichkeit
In meinen Staaten nachzubilden?

Marquis.
Sie,
Sie können es. Wer anders? Weihen sie
Dem Glück der Völker die Regentenkraft,
Die – ach so lang – des Thrones Größe nur
Gewuchert hatte – stellen sie der Menschheit
Verlornen Adel wieder her! Der Bürger
Sei wiederum, was er zuvor gewesen,
Der Krone Zweck – ihn binde keine Pflicht,
Als seine Brüder gleich ehrwürd’ge Rechte.
Wenn nun der Mensch, sich selbst zurückgegeben,
Zu seines Werts Gefühl erwacht – der Freihheit
Erhabne, stolze Tugenden gedeihen –
Dann, Sire, wenn sie zum glücklichsten der Welt
Ihr eignes Königreich gemacht – dann ist
Es ihre Pflicht, die Welt zu unterwerfen.

König (nach einem großen Stillschweigen).
Ich ließ euch bis zu Ende reden – Anders,
Begreif’ ich wohl, als sonst in Menschenköpfen,
Malt sich in diesem Kopf die Welt – auch will
Ich fremdem Maßstab euch nicht unterwerfen.
Ich bin der Erste, dem ihr euer Innerstes
Enthüllt. Ich glaub’ es, weil ich’s weiß. Um dieser
Enthaltung willen solche Meinungen,
Mit solchem Feuer doch umfasst, verschwiegen
Zu haben bis auf diesen Tag – um dieser
Bescheidnen Klugheit willen, junger Mann,
Will ich vergessen, dass ich sie erfahren,
Und wie ich sie erfahren. Stehet auf!
Ich will den Jüngling, der sich übereilte,
Als Greis und nicht als König widerlegen.
Ich will es, weil ich’s will – Gift also selbst,
Find’ ich, kann in gutartigen Naturen
Zu etwas Besserm sich veredeln – Aber
Flieht meine Inquisition! – Es sollte
Mir leid tun -

Marquis.
Wirklich? Sollt’ es das?

König (in seinen Anblick verloren).
Ich habe
Solch einen Menschen nie gesehen. – Nein,
Nein, Marquis! Ihr tut mir zu viel. Ich will
Nicht Nero sein. Ich will es nicht sein – will
Es gegen euch nicht sein. Nicht alle
Glückseligkeit soll unter mir verdorren.
Ihr selbst, ihr sollet unter meinen Augen
Fortfahren dürfen, Mensch zu sein.

Marquis (rasch).
Und meine
Mitbürger, Sire? – O! Nicht um mich war mir’s
Zu tun, nicht meine Sache wollt’ ich führen.
Und ihre Untertanen, Sire? –

König.
Und wenn
Ihr so gut wisset, wie die Folgezeit
Mich richten wird, so lerne sie an euch,
Wie ich mit Menschen es gehalten, als
Ich einen fand.

Marquis.
O! Der gerechteste
Der König sei nicht mit einem Male
Der ungerechteste – in ihrem Flandern
Sind tausend Bessere als ich. Nur sie –
Darf ich es frei gestehen, großer König? –
Sie sehn jetzt unter diesem sanftern Bilde
Vielleicht zum ersten Mal die Freiheit.

König (mit gemildertem Ernst).
Nichts mehr
Von diesem Inhalt, junger Mann – Ich weiß,
Ihr werdet anders denken, kennet ihr
Den Menschen erst, wie ich – Doch hätt’ ich euch
Nicht gern zum letzten Mal gesehn. Wie fang’ ich
Es an, euch zu verbinden?

Marquis.
Lassen sie
Mich, wie ich bin. Was wär’ ich ihnen, Sire,
Wenn sie auch mich bestächen?

König.
Diesen Stolz
Ertrag’ ich nicht. Ihr seid von heute an
In meinen Diensten – Keine Einwendung!
Ich will es haben.

(Nach einer Pause.)

Aber wie? Was wollte
Ich denn? War es nicht Wahrheit, was ich wollte?
Und hier find’ ich noch etwas mehr – Ihr habt
Auf meinem Thron mich ausgefunden, Marquis.
Nicht auch in meinem Hause?

(Da sich der Marquis zu bedenken scheint.)

Ich versteh’ euch.
Doch – wär’ ich auch von allen Vätern der
Unglücklichste, kann ich nicht glücklich sein
Als Gatte?

Marquis.
Wenn ein hoffnungsvoller Sohn,
Wenn der Besitz der liebenswürdigsten
Gemahlin einem Sterblichen ein Recht
Zu diesem Namen geben, Sire, so sind sie
Der Glücklichste durch beides.

König (mit finsterer Miene).
Nein, ich bin’s nicht!
Und dass ich’s nicht bin, hab’ ich tiefer nie
Gefühlt, als eben jetzt –

(Mit einem Blicke der Wehmut auf dem Marquis verweilend.)

Marquis.
Der Prinz denkt edel
Und gut. Ich hab’ ihn anders nie gefunden.

König.
Ich aber hab’ es – Was er mir genommen,
Kann keine Krone mir ersetzen – eine
So tugendhafte Königin.

Marquis.
Wer kann
Es wagen, Sire?

König.
Die Welt! Die Lästerung!
Ich selbst! Hier liegen Zeugnisse, die ganz
Unwidersprechlich sie verdammen; andre
Sind noch vorhanden, die das Schrecklichste
Mich fürchten lassen – Aber, Marquis – schwer,
Schwer fällt es mir, an eines nur zu glauben.
Wer klagt sie an, wenn sie – sie fähig sollte
Gewesen sein, so tief sich zu entehren,
O, wie viel mehr ist mir zu glauben dann
Erlaubt, dass eine Eboli verleumdet?
Hasst nicht der Priester meinen Sohn und sie?
Und weiß ich nicht, dass Alba Rache brütet?
Mein Weib ist mehr wert, als sie alle.

Marquis.
Sire,
Und etwas lebt noch in des Weibes Seele,
Das über allen Schein erhaben ist
Und über alle Lästerung – es heißt
Weibliche Tugend.

König.
Ja! Das sag’ ich auch.
So tief, als man die Königin bezichtigt,
Herab zu sinken, kostet viel. So leicht,
Als man mich überreden möchte, reißen
Der Ehre heil’ge Bande nicht. Ihr kennt
Den Menschen, Marquis. Solch ein Mann hat mir
Schon längst gemangelt, ihr seid gut und fröhlich
Und kennet doch den Menschen auch – drum hab’
Ich euch gewählt –

Marquis (überrascht und erschrocken).
Mich, Sire?

König.
Ihr standet
Vor eurem Herrn und habt nichts für euch selbst
Erbeten – nichts. Das ist mir neu – Ihr werdet
Gerecht sein. Leidenschaft wird euren Blick
Nicht irren – Dränget euch zu meinem Sohn,
Erforscht das Herz der Königin. Ich will
Euch Vollmacht senden, sie geheim zu sprechen.
Und jetzt verlasst mich!

(Er zieht eine Glocke.)

Marquis.
Kann ich es mit einer
Erfüllten Hoffnung – dann ist dieser Tag
Der schönste meines Lebens.

König (reicht ihm die Hand zum Kusse).
Er ist kein
Verlorner in dem meinigen.

(Der Marquis steht auf und geht. Graf Lerma tritt herein.)

Der Ritter
Wird künftig ungemeldet vorgelassen.

Ü   Þ

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