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Erster Akt

Der königliche Garten in Aranjuez.

Erster Auftritt.

Carlos. Domingo.

Domingo.
Die schönen Tage in Aranjuez
Sind nun zu Ende. Eure königliche Hoheit
Verlassen es nicht heiterer. Wir sind
Vergebens hier gewesen. Brechen sie
Dies rätselhafte Schweigen; öffnen sie
Ihr Herz dem Vaterherzen, Prinz! Zu teuer
Kann der Monarch die Ruhe seines Sohns –
Des einz’gen Sohns – zu teuer nie erkaufen.

(Carlos sieht zur Erde und schweigt.)

Wär’ noch ein Wunsch zurücke, den der Himmel
Dem liebsten seiner Söhne weigerte?
Ich stand dabei, als in Toledo’s Mauern
Der stolze Carl die Huldigung empfing,
Als Fürsten sich zu seinem Handkuss drängten,
Und jetzt in einem – einem Niederfall
Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen –
Ich stand und sah das junge stolze Blut
In seine Wangen steigen, seinen Busen
Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah
Sein trunknes Aug’ durch die Versammlung fliegen,
In Wonne brechen – Prinz, und dieses Auge
Gestand: Ich bin gesättigt.

(Carlos wendet sich weg.)

Dieser stille
Und feierliche Kummer, Prinz, den wir
Acht Monde schon in ihren Blicken lesen,
Das Rätsel dieses ganzen Hofs, die Angst
Des Königreichs, hat Seiner Majestät
Schon manche sorgenvolle Nacht gekostet,
Schon manche Träne ihrer Mutter.

Carlos (dreht sich rasch um).
Mutter!
- O Himmel, gib, dass ich es dem vergesse,
Der sie zu meiner Mutter machte!

Domingo.
Prinz!

Carlos (besinnt sich und fährt mit der Hand über die Stirn).
Hochwürd’ger Herr – ich habe sehr viel Unglück
Mit meinen Müttern. Meine erste Handlung,
Als ich das Licht der Welt erblickte, war
Ein Muttermord.

Domingo.
Ist’s möglich, gnäd’ger Prinz?
Kann dieser Vorwurf ihr Gewissen drücken?

Carlos.
Und meine neue Mutter – hat sie mir
Nicht meines Vaters Liebe schon gekostet?
Mein Vater hat mich kaum geliebt. Mein ganzes
Verdienst war noch, sein einziger zu sein.
Sie gab ihm eine Tochter – O wer weiß,
Was in der Zeiten Hintergrunde schlummert?

Domingo.
Sie spotten meiner, Prinz. Ganz Spanien
Vergöttert seine Königin. Sie sollten
Nur mit des Hasses Augen sie betrachten?
Bei ihrem Anblick nur die Klugheit hören?
Wie, Prinz? Die schönste Frau auf dieser Welt
Und Königin – und ehemals ihre Braut?
Unmöglich, Prinz! Unglaublich! Nimmermehr!
Wo alles liebt, kann Carl allein nicht hassen;
So seltsam widerspricht sich Carlos nicht.
Verwahren sie sich, Prinz, dass sie es nie,
Wie sehr sie ihrem Sohn missfällt, erfahre;
Die Nachricht würde schmerzen.

Carlos.
Glauben Sie?

Domingo.
Wenn Eure Hoheit sich des letzteren
Turniers zu Saragossa noch entsinnen,
Wo unsern Herrn ein Lanzensplitter streifte –
Die Königin mit ihren Damen saß
Auf des Palastes mittlerer Tribune
Und sah dem Kampfe zu. Auf einmal rief’s:
„Der König blutet!“ – Man rennt durcheinander,
Ein dumpfes Murmeln dringt bis zu dem Ohr
Der Königin. „Der Prinz?“, ruft sie und will –
Und will sich von dem obersten Geländer
Herunter werfen. – „Nein, der König selbst!“
Gibt man zur Antwort – „So lasst Ärzte holen!“
Erwidert sie, indem sie Atem schöpfte.

(Nach einigem Stillschweigen.)

Sie stehen in Gedanken?

Carlos.
Ich bewundre
Des Königs lust’gen Beichtiger, der so
Bewandert ist in witzigen Geschichten.

(Ernsthaft und finster.)

Doch hab’ ich immer sagen hören, dass
Gebärdenspäher und Geschichtenträger
Des Übels mehr auf dieser Welt getan,
Als Gift und Dolch in Mörders Hand nicht konnten.
Die Mühe, Herr, war zu ersparen. Wenn
Sie Dank erwarten, gehen sie zum König.

Domingo.
Sie tun sehr wohl, mein Prinz, sich vorzusehn
Mit Menschen – nur mit Unterscheidung. Stoßen
Sie mit dem Heuchler nicht den Freund zurück.
Ich mein’ es gut mit ihnen.

Carlos.
Lassen sie
Das meinen Vater ja nicht merken: Sonst
Sind sie um ihren Purpur.

Domingo (stutzt).
Wie?

Carlos.
Versprach er ihnen nicht den ersten Purpur,
Den Spanien vergeben würde?

Domingo.
Prinz,
Sie spotten meiner.

Carlos.
Das verhüte Gott,
Dass ich des fürchterlichen Mannes spotte,
Der meinen Vater selig sprechen und
Verdammen kann!

Domingo
Ich will mich nicht
Vermessen, Prinz, in das ehrwürdige
Geheimnis ihres Kummers einzudringen.
Nur bitt’ ich Eure Hoheit, eingedenk
Zu sein, dass dem beängstigten Gewissen
Die Kirche eine Zuflucht aufgetan,
Wozu Monarchen keinen Schlüssel haben,
Wo selber Missetaten unterm Siegel
Des Sakramentes aufgehoben liegen –
Sie wissen, was ich meine, Prinz. Ich habe
Genug gesagt.

Carlos.
Nein, das soll ferne von mir sein,
Dass ich den Siegelführer so versuchte!

Domingo.
Prinz, dieses Misstraun – Sie verkennen ihren
Getreusten Diener.

Carlos (fasst ihn bei der Hand).
Also geben sie
Mich lieber auf. Sie sind ein heil’ger Mann,
Das weiß die Welt – doch, frei heraus – für mich
Sind sie bereits zu überhäuft. Ihr Weg,
Hochwürd’ger Vater, ist der weiteste,
Bis sie auf Peters Stuhle niedersitzen.
Viel Wissen möchte sie beschweren. Melden
Sie das dem König, der sie hergesandt.

Domingo.
Mich hergesandt? –

Carlos.
So sagt’ ich. O, zu gut,
Zu gut weiß ich, dass ich an diesem Hof
Verraten bin – ich weiß, dass hundert Augen
Gedungen sind, mich zu bewachen, weiß,
Dass König Philipp seinen einz’gen Sohn
An seiner Knechte schlechtesten verkaufte,
Und jede von mir aufgefangne Silbe
Dem Hinterbringer fürstlicher bezahlt,
Als er noch keine gute Tat bezahlte.
Ich weiß – O, still! Nichts mehr davon! Mein Herz
Will überströmen, und ich habe schon
Zu viel gesagt.

Domingo.
Der König ist gesonnen,
Vor Abend in Madrid noch einzutreffen.
Bereits versammelt sich der Hof. Hab’ ich
Die Gnade, Prinz –

Carlos.
Schon gut. Ich werde folgen.

(Domingo geht ab. Nach einem Stillschweigen.)

Beweinenswerter Philip, wie dein Sohn
Beweinenswert! – Schon seh’ ich deine Seele
Vom gift’gen Schlangenbiss des Argwohns bluten;
Dein unglücksel’ger Vorwitz übereilt
Die fürchterlichste der Entdeckungen,
Und rasen wirst du, wenn du sie gemacht.


Zweiter Auftritt

Carlos. Marquis von Posa.

Carlos.
Wer kommt? - Was seh' ich? - O ihr guten Geister!
Mein Roderich!

Marquis.
Mein Carlos!

Carlos.
Ist es möglich?
Ist's wahr? Ist's wirklich? Bist du's? O, du bist's!
Ich drück' an meine Seele dich, ich fühle
Die deinige allmächtig an mir schlagen.
O, jetzt ist alles wieder gut! In dieser
Umarmung heilt mein krankes Herz. Ich liege
Am Halse meines Roderich.

Marquis.
Ihr krankes,
Ihr krankes Herz? Und was ist wieder gut?
Was ist's, das wieder gut zu werden brauchte?
Sie hören, was mich stutzen macht.

Carlos.
Und was
Bringt dich so unverhofft aus Brüssel wieder?
Wem dank' ich diese Überraschung? Wem?
Ich frage noch? Verzeih dem Freudetrunknen,
Erhabne Vorsicht, diese Lästerung!
Wem sonst als dir, Allgütigste? Du wusstest,
Dass Carlos ohne Engel war, du sandtest
Mir diesen, und ich frage noch?

Marquis.
Vergebung,
Mein teurer Prinz, wenn ich dies stürmische
Entzücken mit Bestürzung nur erwidre.
So war es nicht, wie ich Don Philips Sohn
Erwartete. Ein unnatürlich Not
Entzündet sich auf ihren blassen Wangen,
Und ihre Lippen zittern fieberhaft.
Was muss ich glauben, teurer Prinz? - Das ist
Der löwenkühne Jüngling nicht, zu dem
Ein unterdrücktes Heldenvolk mich sendet -
Denn jetzt steh’ ich als Roderich nicht hier,
Nicht als des Knaben Carlos Spielgeselle -
Ein Abgeordneter der ganzen Menschheit
Umarm’ ich sie - es sind die flandrischen
Provinzen, die an ihrem Halse weinen,
Und feierlich um Rettung sie bestürmen.
Getan ist’s um ihr teures land, wenn Alba,
Des Fanatismus rauer Henkersknecht,
Vor Brüssel rückt mit spanischen Gesetzen.
auf Kaiser Karls glorwürd’gem Enkel ruht
Die letzte Hoffnung dieser edeln Lande.
Sie stürzt dahin, wenn sein erhabnes Herz
Vergessen hat, für Menschlichkeit zu schlagen.

Carlos.
Er stürzt dahin.

Marquis.
Weh mir! Was muss ich hören?

Carlos.
Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind.
Auch mir hat einst von einem Carl geträumt,
Dem’s feurig durch die Wangen lief, wenn man
von Freiheit sprach - doch der ist lang begraben.
Den du hier siehst, das ist der Carl nicht mehr,
Der in Alcala von dir Abschied nahm,
Der sich vermaß in süßer Trunkenheit,
Der Schöpfer eines neuen goldnen Alters
In Spanien zu werden - O, der Einfall
War kindisch, aber göttlich schön! Vorbei
Sind diese Träume. -

Marquis.
Träume, Prinz? - So wären
Es Träume nur gewesen?

Carlos.
lass mich weinen,
An deinem herzen heiße Tränen weinen,
Du einz’ger Freund. Ich habe niemand - niemand -
Auf dieser großen, weiten Erde niemand.
So weit das Szepter meines Vaters reicht,
So weit die Schifffahrt unsre Flaggen sendet,
ist keine Stelle - keine - keine, wo
Ich meiner Tränen mich entlasten darf,
Als diese. O, bei allem, Roderich,
Was du und ich dereinst im Himmel hoffen,
Verjage mich von dieser Stelle nicht!

Marquis (neigt sich über ihn in sprachloser Rührung).

Carlos.
Berede dich, ich wär’ ein Waisenkind,
Das du am thron mitleidig aufgelesen.
Ich weiß ja nicht, was Vater heißt - ich bin
Ein Königssohn - O, wenn es eintrifft, was
Mein Herz mir sagt, wenn du aus Millionen
Herausgefunden bist, mich zu verstehn;
Wenn’s wahr ist, dass die schaffende natur
Den Roderich im Carlos wiederholte,
Und unsrer Seelen zartes Saitenspiel
Am Morgen unsers Lebens gleich bezog;
Wenn eine Träne, die mir Lindrung gibt,
Dir teurer ist als meines Vaters Gnade -

Marquis.
O teurer als die ganze Welt.

Carlos.
So tief
Bin ich gefallen - bin so arm geworden,
Dass ich an unsre frühen Kinderjahre
Dich mahnen muss - dass ich dich bitten muss,
Die lang vergessnen Schulden abzutragen
Die du noch im Matrosenkleide machtest -
Als du und ich, zween Knaben wilder Art,
So brüderlich zusammen aufgewachsen,
kein Schmerz mich drückte, als von deinem Geiste
So sehr verdunkelt mich zu sehn - ich endlich Mich kühn entschloss, dich grenzenlos zu lieben,
Weil mich der Mut verließ, dir gleich zu sein.
Da fing ich an, mit tausend Zärtlichkeiten
Und treuer Bruderliebe dich zu quälen;
du, stolzes Herz, gabst sie mir kalt zurück.
Oft stand ich da, und - doch das sahst du nie!
Und heiße, schwere Tränentropfen hingen
In meinem Aug’, wenn du, mich überhüpfend,
Geringre Kinder in die Arme drücktest.
Warum nur diese? Rief ich trauernd aus;
Bin ich dir nicht auch herzlich gut? - Du aber,
Du knietest kalt und ernsthaft vor mir nieder:
Das, sagtest du, gebührt dem Königssohn.

Marquis.
O stille, Prinz, von diesen kindischen
Geschichten, die mich jetzt noch schamrot machen.

Carlos.
Ich hatt’ es nicht um dich verdient. Verschmähen, Zerreißen konntest du mein herz, doch nie
Von dir entfernen. Drei Mal wiesest du
Den Fürsten von dir, drei mal kam er wieder
Als bittender, um Liebe dich zu flehn
Und dir gewaltsam Liebe aufzudringen.
Ein Zufall tat, was Carlos nie gekonnt.
einmal geschah’s bei unsern Spielen, dass
Der Königin von Böhmen, meiner Tante,
Dein Federball ins Auge flog. Sie glaubte,
Dass es mit Vorbedacht geschehn, und klagt’ es
Dem Könige mit tränendem Gesicht.
Dei ganze Jugend des Palastes muss
Erscheinen, ihm den Schuldigen zu nennen.
Der König schwört, die hinterlist’ge Tat,
Und wär’ es auch an seinem eignen Kinde,
Aufs schrecklichste zu ahnden. - Damals sah ich
Dich zitternd in der Ferne stehn, und jetzt,
Jetzt trat ich vor und warf mich zu den Füßen
Des Königs. Ich, ich tat es! Rief ich aus:
An deinem Sohn erfülle deine Rache.

Marquis.
Ach, woran mahnen sie mich, Prinz!

Carlos.
Sie ward’s!
Im Angesicht des ganzen Hofgesindes,
Das mitleidsvoll im Kreise stand, ward sie
Auf Sklavenart an deinem Carl vollzogen.
Ich sah auf dich und weinte nicht. der Schmerz
Schlug meine Zähne knirschend aneinander;
Ich weinte nicht. Mein königliches Blut
Floss schändlich unter unbarmherz’gen Streichen;
Ich sah auf dich und weine nicht - Du kamst;
Laut weinend sankst du mir zu Füßen. ja,
ja, riefst du aus, mein Stolz ist überwunden.
ich will bezahlen, wenn du König bist.

Marquis (reicht ihm die Hand).
Ich will es, Carl. Das kindische Gelübde
Erneur’ ich jetzt als Mann. Ich will bezahlen.
auch meine Stunde schlägt vielleicht.

Carlos.
Jetzt, jetzt -
O zögre nicht - jetzt hat sie ja geschlagen.
Die Zeit ist da, wo du es lösen kannst.
ich brauche Liebe. - Ein entsetzliches
Geheimnis brennt auf meiner Brust. Es soll,
Es soll heraus. In dienen blassen Mienen
Will ich das Urteil meines Todes lesen.
Hör’ an - erstarre - doch erwidre nichts - Ich liebe meine Mutter.

Marquis.
O mein Gott!

Carlos.
Nein, diese Schonung will ich nicht! Sprich’s aus,
Sprich, dass auf diesem gro0en Rund der Erde
Kein Elend an das meine grenze - sprich-
Was du mir sagen kannst, errat’ ich schon.
Der Sohn liebt seine Mutter. Weltgebräuche,
Die Ordnung der Natur und Roms Gesetze
Verdammen diese Leidenschaft. Mein Anspruch
Stößt fürchterlich auf meines Vaters Rechte.
Ich fühl’s und dennoch lieb’ ich. Dieser Weg
Führt nur zum Wahnsinn oder Blutgerüste.
Ich leibe ohne Hoffnung - lasterhaft -
Mit Todesangst und mit Gefahr des Lebens -
Das seh’ ich ja, und dennoch lieb’ ich.

Marquis.
Weiß
Die Königin um diese Neigung?

Carlos.
Konnt’ ich
Mich ihr entdecken? sie ist Philipps Frau
Und Königin, und das ist span’scher Boden.
Von meines Vaters Eifersucht bewacht,
Von Etikette ringsum eingeschlossen,
Wie konnt’ ich ohne Zeugen mich ihr nahn?
Acht höllenbange Monde sind es schon,
Dass von der hohen Schule mich der König
Zurückberief, dass ich sie täglich anzuschaun
Verurteilt bin und, wie das Grab, zu schweigen -
Acht höllenbange Monde, Roderich,
Dass dieses Feu’r in meinem Busen wütet,
Dass tausendmal sich das entsetzliche
Geständnis schon auf meinen Lippen meldet,
Doch scheu und feig zu meinem herzen kriecht.
O Roderich - nur wen’ge Augenblicke
Allein mit ihr -

Marquis.
Ach! Und ihr Vater, Prinz -

Carlos.
Unglücklicher! Warum an den mich mahnen?
Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens,
Von meinem Vater sprich mir nicht.

Marquis.
Sie hassen ihren Vater?

Carlos.
Nein! Ach, nein!
Ich hasse meinen Vater nicht – Doch Schauer
Und Missetäters-Bangigkeit ergreifen
Bei diesem fürchterlichen Namen mich.
Kann ich dafür, wenn eine knechtische
Erziehung schon in meinem jungen Herzen
Der Liebe zarten Keim zertrat? Sechs Jahre
Hatt’ ich gelebt, als mir zum ersten Mal
Der Fürchterliche, der, wie sie mir sagten,
Mein Vater war, vor Augen kam. Es war
An einem Morgen, wo er stehnden Fußes
Vier Bluturteile unterschrieb. Nach diesem
Sah ich ihn nur, wenn mir für ein Vergehen
Bestrafung angekündigt ward. – O Gott!
Hier fühl’ ich, dass ich bitter werde – Weg –
Weg, weg von dieser Stelle!

Marquis.
Nein, sie sollen,
Jetzt sollen sie sich öffnen, Prinz! In Worten
Erleichtert sich der schwer beladne Busen.

Carlos.
Oft hab’ ich mit mir selbst gerungen, oft
Um Mitternacht, wenn meine Wachen schliefen,
Mit heißen Tränengüssen vor das Bild
Der Hochgebenedeiten mich geworfen,
Sie um ein kindlich Herz gefleht – doch ohne
Erhörung stand ich auf. Ach, Roderich!
Enthülle du dies wunderbare Rätsel
Der Vorsicht mir – Warum von tausend Vätern
Just eben diesen Vater mir? Und ihm
Just diesen Sohn von tausend bessern Söhnen?
Zwei unverträglichere Gegenteile
Fand die Natur in ihrem Umkreis nicht.
Wie mochte sie die beiden letzten Enden
Des menschlichen Geschlechtes – mich und ihn –
Durch ein so heilig Band zusammen zwingen?
Furchtbares Los! Warum musst’ es geschehn?
Warum zwei Menschen, die sich ewig meiden,
In einem Wunsche schrecklich sich begegnen?
Warum zwei Menschen, die sich ewig meiden,
In einem Wunsche schrecklich sich begegnen?
Hier, Roderich, siehst du zwei feindliche
Gestirne, die im ganzen Lauf der Zeiten
Ein einzig Mal in scheitelrechter Bahn
Zerschmetternd sich berühren, dann auf immer
Und ewig auseinander fliehn.

Marquis.
Mir ahnet
Ein unglücksvoller Augenblick.

Carlos.
Mir selbst.
Wie Furien des Abgrunds folgen mir
Die schauerlichsten Träume; zweifelnd ringt
Mein guter Geist mit grässlichen Entwürfen;
Durch labyrinthische Sophismen kriecht
Mein unglücksel’ger Scharfsinn, bis er endlich
Vor eines Abgrunds gähem Rande stutzt –
O Roderich, wenn ich den Vater je
In ihm verlernte – Roderich – ich sehe,
Dein totenblasser Blick hat mich verstanden –
Wenn ich den Vater je in ihm verlernte,
Was würde mir der König sein?

Marquis (nach einigem Stillschweigen).
Darf ich
An meinen Carlos eine Bitte wagen?
Was sie auch Willens sind zu tun, versprechen sie
Nichts ohne ihren Freund zu unternehmen.
Versprechen sie mir dieses?

Carlos.
Alles, alles,
Was deine Liebe mir gebeut. Ich werfe
Mich ganz in deine Arme.

Marquis.
Wie man sagt,
Will der Monarch zur Stadt zurückekehren.
Die Zeit ist kurz. Wenn sie die Königin
Geheim zu sprechen wünschen, kann es nirgends
Als in Aranjuez geschehn. Die Stille
Des Orts – des Landes ungezwungne Sitte
Begünstigen –

Carlos.
Das war auch meine Hoffnung.
Doch, ach, sie war vergebens!

Marquis.
Nicht so ganz.
Ich gehe, mich sogleich ihr vorzustellen.
Ist sie in Spanien dieselbe noch,
Die sie vordem an Heinrichs Hof gewesen,
So find’ ich Offenherzigkeit. Kann ich
In ihren Blicken Carlos Hoffnung lesen,
Find’ ich zu dieser Unterredung sie
Gestimmt – sind ihre Damen zu entfernen –

Carlos.
Die meisten sind mir zugetan. – Besonders
Die Mondecar hab’ ich durch ihren Sohn,
Der mir als Page dient, gewonnen. –

Marquis.
Desto besser.
So sind sie in der Nähe, Prinz, sogleich
Auf mein gegebnes Zeichen zu erscheinen.

Carlos.
Das will ich – will ich – also eile nur!

Marquis.
Ich will nun keinen Augenblick verlieren.
Dort also, Prinz, auf Wiedersehn!

(Beide gehen ab zu verschiedenen Seiten.)


Die Hofhaltung der Königin in Aranjuez.

Eine einfache ländliche Gegend, von einer Allee durchschnitten, vom Landhause der Königin begrenzt.

Dritter Auftritt

Die Königin. Die Herzogin von Olivarez. Die Prinzessin von Eboli und die Marquisin von Mondecar, welche die Allee heraufkommen.

Königin (zur Marquisin).
Sie will ich um mich haben, Mondecar.
Die muntern Augen der Prinzessin quälen
Mich schon den ganzen Morgen. Sehen sie,
Kaum weiß sie ihre Freude zu verbergen,
Weil sie vom Lande Abschied nimmt.

Eboli.
Ich will es
Nicht leugnen meine Königin, dass ich
Madrid mit großen Freuden wieder sehe.

Mondecar.
Und ihre Majestät nicht auch? Sie sollten
So ungern von Aranjuez sich trennen?

Königin.
Von – dieser schönen Gegend wenigstens.
Hier bin ich wie in meiner Welt. Dies Plätzchen
Hab’ ich mir längst zum Liebling auserlesen.
Hier grüßt mich meine ländliche Natur,
Die Busenfreundin meiner jungen Jahre.
Hier find’ ich meine Kinderspiele wieder,
Und meines Frankreichs Lüfte wehen hier.
Verargen sie mir’s nicht. Uns alle zeiht
Das Herz zum Vaterland.

Eboli.
Wie einsam aber,
Wie tot und traurig ist es hier! Man glaubt
Sich in la Trappe.

Königin.
Das Gegenteil vielmehr.
Tot find’ ich es nur in Madrid. – Doch, was
Spricht unsre Herzogin dazu?

Olivarez.
Ich bin
Der Meinung, Ihro Majestät, dass es
So Sitte war, den einen Monat hier,
Den andern in dem Pardo auszuhalten,
Den Winter in der Residenz, so lange
Es Könige in Spanien gegeben.

Königin.
Ja, Herzogin, das wissen sie; mit ihnen
Hab’ ich auf immer mich des Streits begeben.

Mondecar.
Und wie lebendig es mit nächstem in
Madrid sein wird! Zu einem Stiergefechte
Wird schon die Plaza Mayor zugerichtet,
Und ein Auto da Fe hat man uns auch
Versprochen -

Königin.
Uns versprochen! Hör’ ich das
Von meiner sanften Mondecar?

Mondecar.
Warum nicht?
Es sind ja Ketzer, die man brennen sieht.

Königin
Ich hoffe, meine Eboli denkt anders.

Eboli.
Ich? Ihre Majestät, ich bitte sehr,
Für seine schlechtre Christin mich zu halten,
Als die Marquisin Mondecar.

Königin.
Ach! Ich
Vergesse, wo ich bin. – Zu etwas anderm. –
Vom Lande, glaub’ ich, sprachen wir. Der Monat
Ist, däucht mir, auch erstaunlich schnell vorüber.
Ich habe mir der Freude viel, sehr viel
Von diesem Aufenthalt versprochen, und
Ich habe nicht gefunden, was ich hoffte.
Geht es mit jeder Hoffnung so? Ich kann
Den Wunsch nicht finden, der mir fehlgeschlagen.

Olivarez.
Prinzessin Eboli, sie haben uns
Noch nicht gesagt, ob Gomez hoffen darf?
Ob mir sie bald als seine Braut begrüßen?

Königin.
Ja! Gut, dass sie mich mahnen, Herzogin.

(Zur Prinzessin.)

Man bittet mich, bei ihnen fürzusprechen.
Wie aber kann ich das? Der Mann, den ich
Mit meiner Eboli belohne, muss
Ein würd’ger Mann sein.

Olivarez.
Ihre Majestät,
Das ist er, ein sehr würd’ger Mann, ein Mann,
Den unser gnädigster Monarch bekanntlich
Mit ihrer königlichen Gunst beehren.

Königin.
Das wird den Mann sehr glücklich machen – Doch
Wir wollen wissen, ob er lieben kann
Und Liebe kann verdienen. – Eboli,
Das frag’ ich sie.

Eboli (steht stumm und verwirrt, die Augen zur Erde geschlagen, endlich fällt sie der Königin zu Füßen).
Großmüt’ge Königin,
Erbarmen sie sich meiner! Lassen sie –
Um Gottes willen, lassen sie mich nicht
Nicht aufgeopfert werden!

Königin.
Aufgeopfert?
Ich brauche nichts mehr. Stehn sie auf! Es ist
Ein hartes Schicksal, aufgeopfert werden.
Ich glaube ihnen. Stehn sie auf! – Ist es
Schon lang, dass sie den Grafen ausgeschlagen?

Eboli (aufstehend).
O, viele Monate. Prinz Carlos war
Noch auf der hohen Schule.

Königin (stutzt und sieht sie mit forschenden Augen an).
Haben sie
Sich auch geprüft, aus welchen Gründen?

Eboli (mit einiger Heftigkeit).
Niemals
Kann es geschehen, meine Königin,
Aus tausend Gründen niemals.

Königin (sehr ernsthaft).
Mehr als einer ist
Zu viel. Sie können ihn nicht schätzen – Das
Ist mir genug. Nichts mehr davon.

(Zu den andern Damen.)

Ich habe
Ja die Infantin heut noch nicht gesehen.
Marquisin, bringen sie sie mir.

Olivarez (sieht auf die Uhr).
Es ist
Noch nicht die Stunde, ihre Majestät.

Königin.
Noch nicht die Stunde, wo ich Mutter sein darf?
Das ist doch schlimm. Vergessen sie es ja nicht,
Mich zu erinnern, wenn sie kommt.

(Ein Page tritt auf und spricht leise mit der Oberhofmeisterin, welche sich darauf zur Königin wendet.)

Olivarez.
Der Marquis
Von Posa, ihre Majestät –

Königin.
Von Posa?

Olivarez.
Er kommt aus Frankreich und den Niederlanden,
Und wünscht die Gnade zu erhalten, Briefe
Von der Regentin Mutter übergeben
Zu dürfen.

Königin.
Und das ist erlaubt?

Olivarez (bedenklich).
In meiner Vorschrift
Ist des besondern Falles nicht gedacht,
Wenn ein kastilian’scher Grande Briefe
Von einem fremden Hof der Königin
Von Spanien in ihrem Gartenwäldchen
Zu überreichen kommt.

Königin.
So will ich denn
Auf meine eigene Gefahr es wagen.

Olivarez.
Doch mir vergönne Ihro Majestät,
Mich so lang zu entfernen. –

Königin.
Halten sie
Das, wie sie wollen, Herzogin.

(Die Oberhofmeisterin geht ab, und die Königin gibt dem Pagen einen Wink, welcher sogleich hinaus geht.)


Vierter Auftritt

Königin. Prinzessin von Eboli. Marquisin von Mondecar und Marquis von Posa.

Königin.
Ich heiße sie
Willkommen, Chevalier, auf span’schem Boden.

Marquis.
Den ich noch nie mit so gerechtem Stolze
Mein Vaterland genannt, als jetzt. –

Königin (zu den beiden Damen).
Der Marquis
Von Posa, der im Ritterspiel zu Rheims
Mit meinem Vater eine Lanze brach
Und meine Farbe dreimal siegen machte –
Der Erste seiner Nation, der mich
Den Ruhm empfinden lehrte, Königin
Der Spanier zu sein.

(Zum Marquis sich wendend.)

Als wir im Louvre
Zum letzten Mal uns sahen, Chevalier,
Da träumt’ es ihnen wohl noch nicht, dass sie
Mein Gast sein würden in Kastilien?

Marquis.
Nein, große Königin – denn damals träumte
Mir nicht, dass Frankreich noch das Einzige
An uns verlieren würde, was wir ihm
Beneidet hatten.

Königin.
Stolzer Spanier!
Das Einzige? – Und das zu einer Tochter
Vom Hause Valois?

Marquis.
Jetzt darf ich es
Ja sagen, Ihro Majestät – denn jetzt
Sind sie ja unser.

Königin.
Ihre Reise, hör’ ich,
Hat auch durch Frankreich sie geführt. – Was bringen
Sie mir von meiner hoch verehrten Mutter
Und meinen vielgeliebten Brüdern?

Marquis (überreicht ihr die Briefe).
Die Königin Mutter fand ich krank, geschieden
Von jeder andern Freude dieser Welt,
Als, ihre königliche Tochter glücklich
Zu wissen auf dem span’schen Thron.

Königin.
Muss sie
Es nicht sein bei dem teuren Angedenken
So zärtlicher Verwandten? Bei der süßen
Erinnrung an – Sie haben viele Höfe
Besucht auf ihren Reisen, Chevalier,
Und viele Länder, vieler Menschen Sitte
Gesehn – und jetzt, sagt man, sind sie gesonnen,
In ihrem Vaterland sich selbst zu leben?
Ein größrer Fürst in ihren stillen Mauern,
Als König Philipp auf dem Thron – ein Freier!
Ein Philosoph! – Ich zweifle sehr, ob sie
Sich werden können in Madrid gefallen.
Man ist sehr – ruhig in Madrid.

Marquis.
Und das
Ist mehr, als sich das ganze übrige
Europa zu erfreuen hat.

Königin.
So hör’ ich.
Ich habe alle Händel dieser Erde
Bis fast auf die Erinnerung verlernt.

(Zur Prinzessin von Eboli.)

Mir däucht, Prinzessin Eboli, ich sehe
Dort eine Hyazinthe blühen – Wollen
Sie mir sie bringen?

(Die Prinzessin geht nach dem Platze. Die Königin etwas leiser zum Marquis.)

Chevalier, ich müsste
Mich sehr betrügen, oder ihre Ankunft
Hat einen frohen Menschen mehr gemacht
An diesem Hofe.

Marquis.
Einen Traurigen
Hab’ ich gefunden – den auf dieser Welt
Nur etwas fröhlich –

(Die Prinzessin kommt mit der Blume zurück.)

Eboli.
Da der Chevalier
So viele Länder hat gesehen, wird
Er ohne Zweifle viel Merkwürdiges
Uns zu erzählen wissen.

Marquis.
Allerdings!
Und Abenteuer suchen, ist bekanntlich
Der Ritter Pflicht – die heiligste von allen,
Die Damen zu beschützen.

Mondecar.
Gegen Riesen!
Jetzt gibt es keine Riesen mehr.

Marquis.
Gewalt
Ist für den Schwachen jederzeit ein Riese.

Königin.
Der Chevalier hat Recht. Es gibt noch Riesen,
Doch keine Ritter gibt es mehr.

Marquis.
Noch jüngst
Auf meinem Rückweg von Neapel, war
Ich Zeuge einer rührenden Geschichte,
Die mir der Freundschaft heiliges Legat
Zum einer eigenen gemacht. – Wenn ich
Nicht fürchten müsste, ihre Majestät
Durch die Erzählung zu ermüden –

Königin.
Bleibt
Mir eine Wahl? Die Neugier der Prinzessin
Lässt sich nichts unterschlagen. Nur zur Sache!
Auch ich bin eine Freundin von Geschichten.

Marquis.
Zwei edle Häuser in Mirandola,
Der Eifersucht, der langen Feindschaft müde,
Die von den Ghibellinen und den Guelfen
Jahrhunderte schon fortgeerbt, beschlossen,
Durch der Verwandtschaft zarte Bande sich
In einem ew’gen Frieden zu vereinen.
Des mächtigen Pietro Schwestersohn,
Fernando, und die göttliche Mathilde,
Colonna’s Tochter, waren ausersehn,
Dies schöne Band der Einigkeit zu knüpfen.
Nie hat zwei schönre Herzen die Natur
Gebildet für einander – nie die Welt,
Nie, ein Wahl so glücklich noch gepriesen
Noch hatte seine liebenswürd’ge Braut
Fernando nur im Bildnis angebetet –
Wie zitterte Fernando, wahr zu finden,
Was seine feurigsten Erwartungen
Dem Bilde nicht zu glauben sich getrauten!
In Padua, wo seine Studien
Ihn fesselten, erwartete Fernando
Des frohen Augenblickes nur, der ihm
Vergönnen sollte, zu Mathildes Füßen
Der Liebe erste Huldigung zu stammeln.

(Die Königin wird aufmerksamer. Der Marquis fährt nach einem kurzen Stillschweigen fort, die Erzählung, soweit es die Gegenwart der Königin erlaubt, mehr an die Prinzessin von Eboli gerichtet.)

Indessen macht der Gattin Tod die Hand
Pietro’s frei. – Mit jugendlicher Glut
Verschlingt der Greis die Stimmen des Gerüchtes,
Das in den Ruhm Mathildes sich ergoss.
Er kommt! – Er sieht! – Er liebt! Die neue Regung
Erstickt die leisre Stimme der Natur,
Der Oheim wirbt um seines Neffen Braut,
Und heiligt seinen Raub vor dem Altare.

Königin.
Und was beschließt Fernando?

Marquis.
Auf der Liebe Flügeln,
Des fürchterlichen Wechsels unbewusst,
Eilt nach Mirandola der Trunkene.
Mit Sternenschein erreicht sein schnelles Ross
Die Thore – ein bacchantisches Getön
Von Neigen und von Pauken donnert ihm
Aus dem erleuchteten Palast entgegen.
Er bebt die Stufen scheu hinauf, und sieht
Sich unerkannt im lauten Hochzeitsaale,
Wo in der Gäste taumelndem Gelag
Pietro saß – ein Engel ihm zur Seite,
Ein Engel, den Fernando kennt, der ihm
In Träumen selbst so glänzend nie erschienen.
Ein einz’ger Blick zeigt ihm, was er besessen,
Zeigt ihm, was er auf immerdar verloren.

Eboli.
Unglücklicher Fernando!

Königin.
Die Geschichte
Ist doch zu Ende, Chevalier? – Sie muss
Zu Ende sein.

Marquis.
Noch nicht ganz.

Königin.
Sagten sie
Uns nicht, Fernando sei ihr Freund gewesen?

Marquis.
Ich habe keinen teurern.

Eboli.
Fahren sie
Doch fort in der Geschichte, Chevalier.

Marquis.
Sie wird sehr traurig – und das Angedenken
Erneuert meinen schmerz. Erlassen sie
Mir den Beschluss –

(Ein allgemeines Stillschweigen.)

Königin (wendet sich zur Prinzessin von Eboli).
Nun wird mir endlich doch
Vergönnt sein, meine Tochter zu umarmen?
Prinzessin, bringen sie sie mir.

(Diese entfernt sich. Der Marquis winkt einem Pagen der sich im Hintergrunde zeigt und sogleich verschwindet. Die Königin erbricht die Briefe, die der Marquis ihr gegeben, und scheint überrascht zu werden. In dieser Zeit spricht der Marquis geheim und sehr angelegentlich mit der Marquisin von Mondecar – Die Königin hat die Briefe gelesen und wendet sich mit einem ausforschenden Blicke zum Marquis.)

Sie haben
Uns von Mathilde nichts gesagt? Vielleicht
Weiß sie es nicht, wie viel Fernando leidet?

Marquis.
Mathildes Herz hat niemand noch ergründet –
Doch große Seelen dulden still.

Königin.
Sie sehn sich um? Wen suchen ihre Augen?

Marquis.
Ich denke nach, wie glücklich ein gewisser,
Den ich nicht nennen darf, an meine Platze
Sein müsste.

Königin.
Wessen Schuld ist es, dass er
Es nicht ist?

Marquis (lebhaft einfallend).
Wie? Darf ich mich unterstehen,
Dies zu erklären, wie ich will? – Er würde
Vergebung finden, wenn er jetzt erschiene?

Königin (erschrocken).
Jetzt, Marquis, jetzt? Was meinen sie damit?

Marquis.
Er dürfte hoffen – dürft’ er?

Königin (mit wachsender Verwirrung).
Sie erschrecken mich,
Marquis – er wird doch nicht –

Marquis.
Hier ist er schon.


Fünfter Auftritt

Die Königin. Carlos.

(Marquis von Posa und die Marquisin von Mondecar treten nach dem Hintergrunde zurück.)

Carlos (vor der Königin niedergeworfen).
So ist er endlich da, der Augenblick,
Und Carl darf diese teure Hand berühren!

Königin.
Was für ein Schritt – welch eine strafbare,
Tollkühne Überraschung! Stehn sie auf!
Wir sind entdeckt. Mein Hof ist in der Nähe.

Carlos.
Ich steh’ nicht auf – hier will ich ewig knien,
Auf diesem Platz will ich verzaubert liegen,
In dieser Stellung angewurzelt –

Königin.
Rasender!
Zu welcher Kühnheit führt sie meine Gnade?
Wie? Wissen sie, dass es die Königin,
Dass es die Mutter ist, an die sich diese
Verwegne Sprache richtet? Wissen sie
Dass ich – ich selbst von diesem Überfalle
Dem Könige –

Carlos.
Und dass ich sterben muss!
Man reiße mich von hier aufs Blutgerüste!
Ein Augenblick, gelebt im Paradiese,
Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.

Königin.
Und ihre Königin?

Carlos (steht auf).
Gott, Gott! Ich gehe –
Ich will sie ja verlassen. – Muss ich nicht,
Wenn sie es also fordern? Mutter, Mutter,
Wie schrecklich spielen sie mit mir! Ein Wink,
Ein halber Blick, ein Laut aus ihrem Munde
Gebietet mir, zu sein und zu vergehen.
Was wollen sie, das noch geschehen soll?
Was unter dieser Sonne kann es geben,
Das ich nicht hinzuopfern eilen will,
Wenn sie es wünschen?

Königin.
Fliehen sie!

Carlos.
O Gott!

Königin.
Das Einz’ge, Carl, warum ich sie mit Tränen
Beschwöre – fliehen sie! – Eh meine Damen –
Eh meine Kerkermeister sie und mich
Beisammen finden, und die große Zeitung
Vor ihres Vaters Ohren bringen –

Carlos.
Ich erwarte
Mein Schicksal – es sei Leben oder Tod.
Wie? Hab’ ich darum meine Hoffnungen
Auf diesen einz’gen Augenblick verwiesen,
Der sie mir endlich ohne Zeugen schenkt,
Dass falsche Schrecken mich am Ziele täuschten?
Nein, Königin! Die Welt kann hundertmal,
Kann tausendmal um ihre Pole treiben,
Eh diese Gunst der Zufall wiederholt.

Königin.
Auch soll er das in Ewigkeit nicht wieder.
Unglücklicher! Was wollen sie von mir?

Carlos.
O Königin, dass ich gerungen habe,
Gerungen, wie kein Sterblicher noch rang,
Ist Gott mein Zeuge – Königin, umsonst!
Hin ist mein Heldenmut. Ich unterliege.

Königin.
Nichts mehr davon – um meiner Ruhe willen –

Carlos.
Sie waren mein – im Angesicht der Welt
Mir zugesprochen von zwei großen Thronen,
Mir zuerkannt vom Himmel und Natur,
Und Philipp, Philipp hat mir sie geraubt –

Königin.
Er ist ihr Vater.

Carlos.
Ihr Gemahl.

Königin.
Der ihnen
Das größte Reich der Welt zum Erbe gibt.

Carlos.
Und sie zur Mutter.

Königin.
Großer Gott! Sie rasen –

Carlos.
Und weiß er auch, wie reich er ist? Hat er
Ein fühlend Herz, das ihrige zu schätzen?
Ich will nicht klagen, nein, ich will vergessen,
Wie unaussprechlich glücklich ich mit ihr
Geworden wäre – wenn nun er es ist.
Er ist es nicht – Das, das ist Höllenqual!
Er ist es nicht und wird es niemals werden.
Du nahmst mir meinen Himmel nur, um ihn
In König Philipps Armen zu vertilgen.

Königin.
Abscheulicher Gedanke!

Carlos.
O, ich weiß,
Wer dieser Ehe Stifter war – ich weiß,
Wie Philipp lieben kann, und wie er freite.
Wer sind sie denn in diesem Reich? Lass hören!
Regentin etwa? Nimmermehr! Wie könnten,
Wo sie Regentin sind, die Alba würgen?
Wie könnte Flandern für den Glauben bluten?
Wie, oder sind sie Philipps Frau? Unmöglich!
Ich kann’s nicht glauben. Eine Frau besitzt
Des Mannes Herz, und wem gehört das seine?
Und bittet er nicht jede Zärtlichkeit,
Die ihm vielleicht in Fieberglut entwischte,
Dem Szepter ab und seinen grauen Haaren?

Königin.
Wer sagte ihnen, dass an Philipps Seite
Mein Los beweinenswürdig sei?

Carlos.
Mein Herz,
Das feurig fühlt, wie es an meiner Seite
Beneidenswürdig wäre.

Königin.
Eitler Mann!
Wenn mein Herz nun das Gegenteil mir sagte?
Wenn Philipps ehrerbiet’ge Zärtlichkeit
Und seiner Liebe stumme Mienensprache
Weit inniger, als seines stolzen Sohns
Verwegene Beredsamkeit mich rührten?
Wenn eines Greises überlegte Achtung –

Carlos.
Das ist was anders – Dann – ja, dann – Vergebung!
Ich wusst’ es nicht – Das wusst’ ich nicht, dass sie
Den König lieben.

Königin.
Ihn ehren ist mein Wunsch und mein Vergnügen.

Carlos.
Sie haben nie geliebt?

Königin.
Seltsame Frage!

Carlos.
Sie haben nie geliebt?

Königin.
- Ich liebe nicht mehr.

Carlos.
Weil es ihr Herz, weil es ihr Eid verbietet?

Königin.
Verlassen sie mich, Prinz, und kommen sie
Zu keiner solchen Unterredung wieder!

Carlos.
Weil es ihr Eid, weil es ihr Herz verbietet?

Königin.
Weil meine Pflicht - - Unglücklicher, wozu
Die traurige Zergliederung des Schicksals,
Dem sie und ich gehorchen müssen?

Carlos.
Müssen?
Gehorchen müssen?

Königin.
Wie? Was wollen sie
Mit diesem feierlichen Ton?

Carlos.
So viel,
Dass Carlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat; dass Carlos nicht
Gesonnen ist, der Unglückseligste
In diesem Reich zu bleiben, wenn es ihm
Nichts als den Umsturz der Gesetze kostet,
Der Glücklichste zu sein.

Königin.
Versteh’ ich sie?
Sie hoffen noch? Sie wagen es zu hoffen,
Wo alles, alles schon verloren ist?

Carlos.
Ich gebe nichts verloren als die Toten.

Königin.
Auf mich, auf ihre Mutter hoffen sie?

(Sie sieht ihn lange und durchdringend an – dann mit Würde und Ernst.)

Warum nicht? O, der neu erwählte König
Kann mehr als das – kann die Verordnungen
Des Abgeschiednen durch das Feu’r vertilgen,
Kann seine Bilder stürzen, kann sogar –
Wer hindert ihn? – Die Mumie des Toten
Aus ihrer Ruhe zu Escurial
Hervor ans Licht der Sonne reißen, seinen
Entweihten Staub in die vier Winde streun,
Und dann zuletzt, um würdig zu vollenden –

Carlos.
Um Gottes willen, reden sie nicht aus!

Königin.
Zuletzt noch mit der Mutter sich vermählen.

Carlos.
Verfluchter Sohn!

(Er steht einen Augenblick starr und sprachlos.)

Ja, es ist aus. Jetzt ist
Es aus. – Ich fühle klar und helle, was
Mir ewig, ewig dunkel bleiben sollte.
Sie sind für mich dahin – dahin – dahin-
Auf immerdar! Jetzt ist der Wurf gefallen.
Sie sind für ich verloren – O, in diesem
Gefühl liegt Hölle – Hölle liegt im andern,
Sie zu besitzen. – Weh’, ich fass’ es nicht,
Und meine Nerven fangen an zu reißen.

Königin.
Beklagenswerter, teurer Carl! Ich fühle –
Ganz fühl’ ich sie, die namenlose Pein,
Die jetzt in ihrem Busen tobt. Unendlich,
Wie ihre Liebe, ist ihr Schmerz. Unendlich,
Wie er, ist auch der Ruhm, ihn zu besiegen.
Erringen sie ihn, junger Held! Der Preis
Ist dieses hohen, starken Kämpfers wert,
Des Jünglings wert, durch dessen Herz die Tugend
So vieler königlichen Ahnen rollt.
Ermannen sie sich, edler Prinz! – Der Enkel
Des großen Carls fängt frisch zu ringen an,
Wo andrer Menschen Kinder mutlos enden.

Carlos.
Zu spät! O Gott, es ist zu spät!

Königin.
Ein Mann
Zu sein? O Carl! Wie groß wird unsre Tugend,
Wenn unser Herz bei ihrer Übung bricht!
Hoch stellte sie die Vorsicht – höher, Prinz,
Als Millionen ihrer andern Brüder.
Parteilich gab sie ihrem Liebling, was
Sie andern nahm, und Millionen fragen:
Verdiente der im Mutterleibe schon
Mehr als wir andern Sterblichen zu gelten?
Auf, retten sie des Himmels Billigkeit!
Verdienen sie, der Welt voran zu gehen,
Und opfern sie, was keiner opferte!

Carlos.
Das kann ich auch. – Sie zu erkämpfen, hab’
Ich Riesenkraft, sie zu verlieren, keine.

Königin.
Gestehen sie es, Carlos – Trotz ist es
Und Bitterkeit und Stolz, was ihre Wünsche
So wütend nach der Mutter zieht. Die Liebe,
Das Herz, das sie verschwenderisch mir opfern,
Gehröt den Reichen an, die sie dereinst
Regieren sollen. Sehen sie, sie prassen
Von ihres Mündels anvertrautem Gut.
Die Liebe ist ihr großes Amt. Bis jetzt
Verirrte sie zur Mutter. – Bringen sie,
O, bringen sie sie ihren künft’gen Reichen,
Und fühlen sie, statt Dolchen des Gewissens,
Die Wolllust, Gott zu sein! Elisabeth
War ihre erste Liebe; ihre zweite
Sei Spanien! Wie gerne, guter Carl,
Will ich der besseren Geliebten weichen!

Carlos (wirft sich, von Empfindung überwältigt, zu ihren Füßen).
Wie groß sind sie, o Himmlische! – Ja, alles,
Was sie verlangen, will ich tun. – Es sei!

(Er steht auf.)

Hier steh’ ich in der Allmacht Hand und schwöre,
Und schwöre ihnen, schwöre ewiges –
O Himmel, nein! Nur ewiges Verstummen,
Doch ewiges Vergessen nicht.

Königin.
Wie könnt’ ich
Von Carlos fordern, was ich selbst zu leisten
Nicht Willens bin?

Marquis (eilt aus der Allee).
Der König!

Königin.
Gott!

Marquis.
Hinweg,
Hinweg aus dieser Gegend, Prinz!

Königin.
Sein Argwohn
Ist fürchterlich, erblickt er sie –

Carlos.
Ich bleibe.

Königin.
Und wer wird dann das Opfer sein?

Carlos (zieht den Marquis am Arm).
Fort, fort
Komm, Roderich!

(Er geht und kommt noch einmal zurück.)

Was darf ich mit mir nehmen?

Königin.
Die Freundschaft ihrer Mutter.

Carlos.
Freundschaft! Mutter!

Königin.
Und diese Tränen aus den Niederlanden.

(Sie gibt ihm einige Briefe. Carl und der Marquis gehen ab. Die Königin sieht sich unruhig nach ihren Damen um, welche sich nirgends erblicken lassen. Wie sie nach dem Hintergrund zurückgehen will, erscheint der König.)


Sechster Auftritt

König. Königin. Herzog von Alba. Graf Lerma. Domingo.

Einige Damen und Granden, welche in der Entfernung zurück bleiben.

König (sieht mit Befremdung umher und schweigt eine Zeit lang).
So allein, Madame?
Und auch nicht eine Dame zur Begleitung?
Das wundert mich – wo blieben ihre Frauen?

Königin.
Mein gnädigster Gemahl –

König.
Warum allein?

(Zum Gefolge.)

Von diesem unverzeihlichen Versehn
Soll man die strengste Rechenschaft mir geben.
Wer hat das Hofamt bei der Königin?
Wen traf der Rang, sie heute zu bedienen?

Königin.
O, zürnen sie nicht, mein Gemahl – ich selbst,
Ich bin die Schuldige - - auf mein Geheiß
Entfernte sich die Fürstin Eboli.

König.
Auf ihr Geheiß?

Königin.
Die Kammerfrau zu rufen,
Weil ich nach der Infantin mich gesehnt.

König.
Und darum die Begleitung weggeschickt?
Doch dies entschuldigt nur die erste Dame:
Wo war die zweite?

Mondecar (welche indessen zurückgekommen ist und sich unter die übrigen Damen gemsicht hat, tritt hervor).
Ihre Majestät,
Ich fühle, dass ich strafbar bin –

König.
Deswegen
Vergönn’ ich ihnen zehn Jahre Zeit,
Fern von Madrid darüber nachzudenken.

(Die Marquisin tritt mit weinenden Augen zurück. Allgemeines Stillschweigen. Alle Umstehenden sehen bestürzt auf die Königin.)

Königin.
Marquisin, wen beweinen sie?

(Zum König.)

Hab’ ich
Gefehlt, mein gnädigster Gemahl, so sollte
Die Königskrone dieses Reichs, wonach
Ich selber nie gegriffen habe, mich
Zum mindesten vor dem Erröten schützen.
Gibt’s ein Gesetz in diesem Königreich,
Das vor Gericht Monarchentöchter fordert?
Bloß Zwang bewacht die Frauen Spaniens?
Schützt sie ein Zeuge mehr als ihre Tugend?
Und jetzt, Vergebung, mein Gemahl! – Ich bin
Es nicht gewohnt, die mir die Freude dienten,
In Tränen zu entlassen. – Mondecar!

(Sie nimmt ihren Gürtel ab und überreicht ihn der Marquisin.)

Den König haben sie erzürnt – nicht mich –
Drum nehmen sie dies Denkmal meiner Gnade
Und dieser Stunde. – Meiden sie das Reich –
Sie haben nur in Spanien gesündigt;
In meinem Frankreich wischt man solche Tränen
Mit Freuden ab. – O, muss mich’s ewig mahnen!

(Sie lehnt sich an die Oberhofmeisterin und bedeckt das Gesicht.)

In meinem Frankreich war’s doch anders.

König (in einiger Bewegung).
Konnte
Ein Vorwurf meiner Liebe sie betrüben?
Ein Wort betrüben, das die zärtlichste
Bekümmernis auf meine Lippen legte?

(Er wendet sich gegen die Grandezza.)

Hier stehen die Vasallen meines Throns.
Sank je ein Schlaf auf meine Augenlider,
Ich hätte denn am Abend jedes Tags
Berechnet, wie die Herzen meiner Völker
In meinen fernsten Himmelsstrichen schlagen? –
Und sollt’ ich ängstlicher für meinen Thron
Als für die Gattin meines Herzens beben? –
Für meine Völker kann mein Schwert mir haften
Und – Herzog Alba: Dieses Auge nur
Für meines Weibes Liebe.

Königin.
Wenn ich sie
Beleidigt habe, mein Gemahl –

König.
Ich heiße
Der reichste Mann in der getauften Welt;
Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter –
Doch alles das besaß ein andrer schon,
Wird nach mir mancher andre noch besitzen.
Das ist mein eigen. Was der König hat,
Gehört dem Glück – Elisabeth dem Philipp.
Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin.

Königin.
Sie fürchten, Sire?

König.
Dies graue Haar doch nicht?
Wenn ich einmal zu fürchten angefangen,
Hab’ ich zu fürchten aufgehört –

(Zu den Granden.)

Ich zähle
Die Großen meines Hofs – der Erste fehlt.
Wo ist Don Carlos, mein Infant?

(Niemand antwortet.)

Der Knabe
Don Carl fängt an mir fürchterlich zu werden.
Er meidet meine Gegenwart, seitdem
Er von Alcala’s hoher Schule kam.
Sein Blut ist heiß, warum sein Blick so kalt?
So abgemessen festlich sein Betragen?
Seid wachsam! Ich empfehl’ es euch.

Alba.
Ich bin’s.
So lang ein Herz an diesen Panzer schlägt,
Mag sich Don Philipp ruhig schlafen legen.
Wie Gottes Cherub vor dem Paradies,
Steht Herzog Alba vor dem Thron.

Lerma.
Darf ich
Dem weisesten der Könige in Demut
Zu widersprechen wagen? – Allzu tief
Verehr’ ich meines Königs Majestät,
Als sein Sohn so rasch und streng zu richten.
Ich fürchte viel von Carlos heißem Blut,
Doch nichts von seinem Herzen.

König.
Graf von Lerma,
Ihr redet gut, den Vater zu bestechen:
Des Königs Stütze wird er Herzog sein –
Nichts mehr davon –

(Er wendet sich gegen sein Gefolge.)

Jetzt eil’ ich nach Madrid.
Mich ruft mein königliches Amt. Die Pest
Der Ketzerei steckt meine Völker an,
Der Aufruhr wächst in meinen Niederlanden.
Es ist die höchste Zeit. Ein schauderndes
Exempel soll die Irrenden bekehren,
Den großen Eid, den alle Könige
Der Christenheit geloben, lös’ ich morgen.
Dies Blutgericht soll ohne Beispiel sein;
Mein ganzer Hof ist feierlich geladen.

(Er führt die Königin hinweg, die Übrigen folgen.)


Siebenter Auftritt

Don Carlos mit Briefen in der Hand, Marquis von Posa kommt von der entgegen gesetzten Seite.

Carlos.
Ich bin entschlossen. Flandern sei gerettet.
Sie will es – Das ist mir genug.

Marquis.
Auch ist
Kein Augenblick mehr zu verlieren. Herzog
Von Alba, sagt man, ist im Kabinett
Bereits zum Gouverneur ernannt.

Carlos.
Gleich morgen
Verlang’ ich Audienz bei meinem Vater.
Ich fordre dieses Amt für mich. Es ist
Die erste Bitte, die ich an ihn wage.
Er kann sie mir nicht weigern. Lange schon
Sieht er mich ungern in Madrid. Welch ein
Willkommener Vorwand, mich entfernt zu halten!
Und – soll ich dir’s gestehen, Roderich?
Ich hoffe mehr – Vielleicht gelingt es mir,
Von Angesicht zu Angesicht mit ihm
In seiner Gunst mich wieder herzustellen.
Er hat noch nie die Stimme der Natur
Gehört – lass mich versuchen, Roderich,
Was sie auf meinen Lippen wird vermögen.

Marquis.
Jetzt endlich hör’ ich meinen Carlos wieder.
Jetzt sind sie wieder ganz sie selbst.


Achter Auftritt

Vorige. Graf von Lerma.

Lerma.
So eben
Hat der Monarch Aranjuez verlassen.
Ich habe den Befehl –

Carlos.
Schon gut, Graf Lerma,
Ich treffe mit dem König ein.

Marquis (macht Miene, sich zu entfernen. Mit einigem Zeremoniell).
Sonst haben
Mir Eure Hoheit nichts mehr aufzutragen?

Carlos.
Nichts, Chevalier. Ich wünsche ihnen Glück
In ihrer Ankunft in Madrid. Sie werden
Noch mehreres von Flandern mir erzählen.

(Zu Lerma, welcher noch wartet.)

Ich folge gleich.

(Graf Lerma geht ab.)


Neunter Auftritt

Don Carlos. Der Marquis.

Carlos.
Ich habe dich verstanden.
Ich danke dir. Doch diesen Zwang entschuldigt
Nur eines Dritten Gegenwart. Sind wir
Nicht Brüder? – Dieses Possenspiel des Ranges
Sei künftighin aus unserm Bund verwiesen!
Berede dich, wir beide hätten uns
Auf einem Ball mit Masken eingefunden,
In Sklavenkleider du, und ich, aus Laune,
In einen Purpur eingemummt. So lange
Der Fasching währt, verehren wir die Lüge,
Der Rolle treu, mit ritterlichem Ernst,
Den süßen Rausch des Haufens nicht zu stören.
Doch durch die Larve winkt dein Carl dir zu,
Du drückst mir im Vorübergehen die Hände,
Und wir verstehen uns.

Marquis.
Der Traum ist göttlich.
Doch wird er nie verfliegen? Ist mein Carl
Auch seiner so gewiss, den Reizungen
Der unumschränkten Majestät zu trotzen?
Noch ist ein großer Tag zurück – ein Tag –
Wo dieser Heldensinn – ich will sie mahnen –
In einer schweren Probe sinken wird.
Don Philipp stirbt. Carl erbt das größte Reich
Der Christenheit. – Ein ungeheurer Spalt
Reißt vom Geschlecht der Sterblichen ihn los,
Und Gott ist heut, wer gestern Mensch noch war.
Jetzt hat er keine Schwächen mehr. Die Pflichten
Der Ewigkeit verstummen ihm. Die Menschheit
- Noch heut ein großes Wort in seinem Ohr -
Verkauft sich selbst und kriecht um ihren Götzen.
Sein Mitgefühl löscht mit dem Leiden aus.
In Wolllüsten ermattet seine Tugend,
Für seine Torheit schickt ihm Peru Gold,
Für seine Laster zieht sein Hof ihm Teufel.
Er schläft berauscht in diesem Himmel ein,
Den seine Sklaven listig um ihn schufen.
Lang, wie sein Traum, währt seine Gottheit. – Wehe
Dem Rasenden, der ihn mitleidig weckte!
Was aber würde Roderich? – Die Freundschaft
Ist wahr und kühn – die kranke Majestät
Hält ihren fürchterlichen Strahl nicht aus.
Den Trotz des Bürgers würden sie nicht dulden,
Ich nicht den Stolz des Fürsten.

Carlos.
Wahr und schrecklich
Ist dein Gemälde von Monarchen. Ja,
Ich glaube dir. – Doch nur die Wolllust schloss
Dem Laster ihre Herzen auf. Ich bin
Noch rein, ein dreiundzwanzigjähr’ger Jüngling.
Was vor mir Tausende gewissenlos
In schwelgenden Umarmungen verprassten,
Des Geistes beste Hälfte, Männerkraft,
Hab’ ich dem künft’gen Herrscher aufgehoben.
Was könnte dich aus meinem Herzen drängen,
Wenn es nicht Weiber tun?

Marquis.
Ich selbst. Könnt’ ich
So innig sie noch lieben, Carl, wenn ich
Sie fürchten müsste?

Carlos.
Das wird nie geschehen.
Bedarfst du meiner? Hast du Leidenschaften,
Die von dem Throne betteln? Reizt dich Gold?
Du bist ein reichrer Untertan, als ich
Ein König je sein werde. – Geizest du
Nach Ehre? Schon als Jüngling hattest du
Ihr Maß erschöpft – du hast sie ausgeschlagen.
Wer von uns wird der Gläubiger des andern,
Und wer der Schuldner sein? – Du schweigst? Du zitterst
Vor der Versuchung? Nicht gewisser bist
Du deiner selbst?

Marquis.
Wohlan! Ich weiche.
Hier meine Hand!

Carlos.
Der Meinige?

Marquis.
Auf ewig
Und in des Worts verwegenster Bedeutung.

Carlos.
So treu und warm, wie heute dem Infanten
Auch dermaleinst dem König zugetan?

Marquis
Das schwör’ ich ihnen.

Carlos.
Dann auch, wenn der Wurm
Der Schmeichelei mein unbewachtes Herz
Umklammerte – wenn dieses Auge Tränen
Verlernte, die es sonst geweint – dies Ohr
Dem Flehen sich verriegelte, willst du,
Ein schreckenloser Hüter meiner Tugend,
Mich kräftig fassen, meinen Genius
Bei seinem großen Namen rufen?

Marquis.
Ja.

Carlos.
Und jetzt noch eine Bitte! Nenn’ mich du!
Ich habe deines Gleichen stets beneidet
Um dieses Vorrecht der Vertraulichkeit.
Dies brüderliche du betrügt mein Ohr,
Mein Herz mit süßen Ahnungen von Gleichheit.
- Keinen Einwurf! – Was du sagen willst, errat’ ich.
Dir ist es Kleinigkeit, ich weiß – doch mir,
Dem Königssohne, ist es viel. Willst du
Mein Bruder sein?

Marquis.
Dein Bruder!

Carlos.
Jetzt zum König!
Ich fürchte nichts mehr – Arm in Arm mit dir,
So fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken

(Sie gehen ab.)

Ü   Þ

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