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* Dresden, den 16. Sept. 98. Wenn Leipzig so nahe an Jena läge als Weimar, so hätte ich nichts auf das zu antworten, was Du in Deinem letzten Briefe schreibst. Aber zu einer Reise von 9 Meilen entschließest Du Dich eben so schwer, wie zu einer Reise von 20. Also wären wir nur auf der Landkarte näher, ohne uns deswegen öfter zu sehen. Dagegen hätte ich in Leipzig, das ich besser kenne, als Du, eine fatale Existenz, und wenn ich bei der dortigen Theuerung auskommen wollte, weniger Freiheit als hier. Außer der Fakultätsarbeit, die, wenn sie ordentlich gemacht sein soll, ihren Mann vollkommen beschäftigt, müßte ich noch Collegia lesen. In der Fakultät fände ich einen Trupp widriger Menschen, mit denen es mir schwer werden würde, zusammen zu arbeiten. Hier ist meine Abhängigkeit nur scheinbar. Ich habe ein bestimmtes Departement, wo ich ohne alle Collegen arbeite. Die Minister sind froh, wenn man ihnen Zeit und Anstrengung erspart und betragen sich sehr artig. Meine Arbeiten sind mannichfaltig und großentheils interessant, insofern sie die allgemeinen Landesanstalten zu Beförderung des Wohlstandes betreffen. Auch bleibt mir in der Folge, wenn die jetzigen Rückstände aufgearbeitet sind, mehr Muße übrig als beim Appellationsgerichte. Ich bin nicht reich genug, um als Hausvater bei den immer wachsenden Bedürfnissen meiner Familie unabhängig sein zu können. Also wähle ich unter den Arten der Abhängigkeit diejenige, die nach meiner Überzeugung das kleinste Übel ist und wobei sich durch das, was der Mensch aus seinen Verhältnissen macht, ein höherer Grad von künstlicher Freiheit hervorbringen läßt. Auch weiß ich, daß Unabhängigkeit bei mir weniger fruchtbar sein würde, als bei andern. Meine Existenz in der literarischen und ästhetischen Welt ist mehr genießend als produktiv. Und zum Anschauen, Pläne machen, Anstellen bleibt mir noch immer Muße genug. Von dem Anschließen an unbedeutende Menschen laß Dir bei mir nicht bange sein. Ich lebe nur im Kreise meiner Familie. Geßler ist der einzige, der mir außerdem hier näher angehört. Zwar fehlt es ihm an Charakter und Geist, aber sein Gefühl macht mir oft Freude. Sonst habe ich gern junge Menschen um mich, um nicht selbst unmerklich zu veraltern, und je selbstständiger, härter und übermüthiger sie sind, desto lieber mag ich sie zum Gespräch. Übrigens suche ich mich fremd gegen alles zu erhalten, was nicht zu den Meinigen gehört. Bei einem zu ausgebreiteten Interesse für Personen verliert das Interesse für Sachen und die höhern Bedürfnisse der Menschheit überhaupt. Zusammenkünfte mit Dir und Goethe sind Feste, auf die ich mich während meines Alltagslebens vertröste. Hier suche ich bloß, mich unverdorben zu erhalten, damit Ihr mich nicht als einen Philister wiederfinden möget. Schelling habe ich nur einmal und nicht allein gesehen. Er ist viel bei Schlegels, mit denen ich wenig Verkehr habe. Wilhelm Schlegel hat eine gewisse Geschmeidigkeit im Umgange, die ihn sonst genießbarer machte, verloren und gleichwohl nicht Geist genug, um für das Anmaßende und Schneidende seiner Urtheile zu entschädigen. Moltke habe ich nicht gesehen, noch einen Brief von Dir durch ihn erhalten. D(ora) wird Deiner Frau nächstens schreiben.1) Sie und M(inna) grüßen Euch beide herzlich. Lebe recht wohl und vergiß die Gedichte nicht. Dein Körner. 1) Ihr Brief, vom 24. Oct., steht gedruckt in: Charl. v. Schiller und ihre Freunde 3, 24 ff. |
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