Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
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            Christian Gottfried Körner
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               1796
               1797
                  ...
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                  27.9.1797, an Schiller
                  2.10.1797, an Körner
                  8.10.1797, an Schiller
                  20.10.1797, an Körner
                  7.11.1797, an Schiller
                  20.11.1797, an Körner
                  1.12.1797, an Schiller
                  25.12.1797, an Körner
                  25.12.1797, an Schiller
               1798
               1799
               1800
               1801
               1802
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               1804
               1805

Dresden, den 25. Dec. 97.

Du hast in langer Zeit kein Lebenszeichen von Dir gegeben. Hoffentlich bist Du indessen im Wallenstein vorwärts gekommen. Ich habe Acten gelesen, und fange nun erst einmal an, wieder frei Athem zu holen. Es that mir sehr wohl, grade jetzt wieder den Musenalmanach zur Hand zu nehmen. Er war mir ganz neu geworden.

Den neuen Pausias1) genieße ich am besten, wenn ich mir ein Gemälde dazu denke, auf dem das Blumenmädchen mit ihrem Geliebten dargestellt ist, sowie der Dichter die Gruppe in den sechs ersten Distichen schildert. Mit diesem Kunstwerk wetteifert das Gedicht. Der Dichter kennt seinen Vortheil und eilt über das sichtbare Bild hinweg in die Sphäre der Ideen, Gefühle und Erinnerungen. Aber die Vergangenheit soll uns nur ein lebendigeres und vollständigeres Bild von der Gegenwart geben. Die Erzählung selbst, nicht das Erzählte allein, ist ein Gegenstand der Darstellung. Und hier verehre ich besonders die Kunst, mit der die Erzählung unter beide Personen vertheilt ist. Jedes scheint sich nur die Züge auszuwählen, die ihm die wichtigsten sind. Contrast und Harmonie stehen im schönsten Ebenmaße, und aus ihrer Vereinigung geht ein Ganzes hervor, dessen Theile sich von selbst in einander zu fügen scheinen. Man vergißt Künstler und Kunst und weidet sich an einem Producte der edleren menschlichen Natur.

Der Traum scheint von Fräulein Imhof zu sein.2) Er ist gefällig erzählt, und in der Versification ist – kleine Nachlässigkeiten ausgenommen – viel Wohlklang. Aber der Schluß hat etwas Mattes.

Über den Ring des Polykrates3) und Deine andern Balladen hab ich Dir schon geschrieben. Im Ring des Polykrates finde ich besonders einen gewissen Rhythmus in den Verhältnissen der kleineren Abschnitte, die aus mehreren Strophen bestehen, welcher für die musikalische Wirkung nicht gleichgültig ist.

Das Gedicht: Sängers Einsamkeit4) zeigt Talent und Empfindung. Nur wird man zu sehr an einige Lieder des Harfners im Meister erinnert, und diese Vergleichung hält es nicht aus.

Im Zauberlehrling5) ist die Versart besonders glücklich gewählt, und die Zauberworte haben eine eigene drollige Feierlichkeit.

Der Feenreigen6) entschädigt durch den Wohlklang der Verse nicht für die Armuth an Ideen und Phantasie. Die Stelle: Sei manches entzückender etc. scheint mir zu dem Übrigen gar nicht zu passen.

Das Sonett7) ist als ein musikalisches Ganzes zu schätzen, aber als Gedicht ist es zu dürftig.

Eben erhalte ich Deinen Brief und breche hier ab, um Dir noch heute zu antworten.

Ist Deine Krankheit nicht vielleicht Folge einer Erkältung? Die Humboldt sagte mir, Du schliefest angezogen auf dem Sopha. Dies kann Dir schwerlich bekommen. Lege dich wenigstens ausgezogen in’s Bette, und setze ein Licht, das sich selbst auslöscht, wenn es heruntergebrannt ist, neben Dich: so kannst Du lesen bis Du einschläfst, und hinderst die nächtliche Transpiration nicht.

Könntest Du mir etwas vom Wallenstein schicken, so wird mir’s große Freude machen.

Auf Goethes Faust freue ich mich sehr. Ich habe ihn immer um Mittheilung der ungedruckten Fragmente bitten wollen, aber es nicht gewagt.

Humboldt hat an Geßler aus Paris geschrieben. Er ist wohl, schreibt aber, daß der dortigen Freiheit zu Ehren alle Briefe an Fremde aufgemacht werden. Alexander Humboldt ist in Salzburg, wo die Hoffen ihre Niederkunft erwartet.

In Ansehung Geßlers hat sich seit meinem letzten Briefe nichts verändert. Nur scheint ihn die Sehnsucht manchmal zu plagen.

Ich habe einen gescheidten jungen Mann an einem gewissen von Hardenberg kennen lernen, der auch bei Dir in Jena gewesen ist.

               Dein

Körner.

Musenalmanach für 1798.

In dem Schatzgräber8) finde ich das wieder, was ich oft an manchen kleinen Goetheschen Gedichten bemerkt habe, die von vielen übersehen werden, weil sie an Stoff weniger reichhaltig sind. Das Ganze ist aus Einem Guß. Ein Bild war der Keim, aus dem sich alle Theile des Gedichts natürlich entwickelten. Nirgends ist eine Spur von angefügtem Putz, weder im Gedanken noch im Ausdruck. Sprache, Versbau, Ton der Erzählung – alles vereinigt sich, um auf die einfachste Art dem Leser mitzutheilen, was der Phantasie des Dichters vorschwebt.

Beim Prometheus9) ist’s wirklich schade um die Pracht der Sprache und Versification. Diese Versart des Dante hat eine eigne Würde, und sie ist Schlegel größtentheils gelungen. Nur selten trifft man auf Härten oder Zwang. Aber das Ganze ist ein unglücklicher Gedanke. Darstellungen aus der Mythologie fordern ein gewisses Dunkel. Sprechen die Personen zu deutlich und ausführlich, so werden sie modernisirt, besonders wenn sie, wie hier, über die menschliche Natur philosophiren. Das Heroische in dem Charakter und der Situation des Prometheus ist ein köstlicher Stoff, aber Sch. Ist ihm nicht gewachsen. Seiner Phantasie fehlt es an Schwung. Die großen Bilder des Alterthums haben nur eine flache Wirkung auf ihn gemacht.

Die Liebe auf dem Lande10) – ein zarter Stoff, fein gefühlt, aber in einer plumpen Form dargestellt. Im Ton der Erzählung hört man zu sehr den Studenten; den Versen fehlt es oft an Leichtigkeit und Wohlklang, und selbst die ununterbrochenen männlichen Jamben geben dem Ganzen eine gewisse Härte.

Der verlorne Maitag11) ist ein Beweis von Talent in Rücksicht auf Sprache und Versification. Aber für ein solches Gelegenheitsgedicht ist der mythologische Eingang zu lang, und giebt ihm zu sehr das Ansehen einer Schulübung.

Das Sonnet von Steigentesch ist gut geordnet und macht ein hübsches Ganze. Das beiwohnen12) des Amor im zweiten Verse hätte ich weggewünscht. Auch der kleinste Flecken verunstaltet ein Gedicht dieser Art.

An der Braut von Korinth13) habe ich gemerkt, daß ich älter werde, und daß ich bei Beurtheilung eines Kunstwerks vom Einfluß des Stoffs nicht so unabhängig bin, als ich glaubte. „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“14) – Ich liebe das Schauderhafte nicht, und dies scheint mir ein Charakterzug des Alters zu sein. Dies Gedicht ehrte ich daher mehr in der Entfernung, und als es mehr aus ästhetischer Pflicht, als aus Trieb. Vielleicht aber ist dies gerade ein Beweis, wie sehr der Künstler sein Ziel erreichte. Er wollte nun gerade ein Beweis, wie sehr der Künstler sein Ziel erreichte. Er wollte nun einmal eine erschütternde Situation darstellen. Als Dichter verstand er seinen Vortheil, und wählte seinen Stoff mehr aus der moralischen, als aus der physischen Welt. Aber das Sinnliche mußte mit dem Unsinnlichen so innig verwebt werden, daß die Scene sich verkörperte und lebendig der Phantasie vorschwebte. Und nun wurde alles aufgeboten, um die Wirkung auf’s höchste zu verstärken. Von dem ruhigsten Anfange steigt das Gedicht allmählig bis zur höchsten Leidenschaft. Die Scene erscheint zuerst in einer düstern Beleuchtung. Nur durch einzelne einfallende Lichtstrahlen vermag man nach und nach die Gegenstände mehr zu unterscheiden, und mit Entsetzen sieht man die dunkle Ahnung immer deutlicher werden. Die Leidenschaft steigt bis an die Grenze der Karikatur; aber ehe sie diese erreicht, läßt der Dichter den Vorhang fallen. Auf die höchste Spannung folgt eine rührende Ermattung, und auf diese das letzte Aufflammen zu einem begeisternden Schluß. Die Wahl der Versart paßt vollkommen zu dem Inhalt. Der fünffüßige Trochäus hat einen eigenen feierlichen Rhythmus, ohne in’s Schleppende des sechsfüßigen auszuarten, und der dritte Reim nach der Unterbrechung der langen Trochäen ist für das Ohr äußerst befriedigend und vollendet den prächtigen Bau der Strophe. – Genug, Goethe hat gezeigt, daß er sich auch auf diese Arbeit versteht. Aber ich würde sie nicht bei ihm bestellen, und ich wette, daß er selbst den Pausias mit mehr Liebe gemacht hat.

Lindor und Mirtha15) hat viel Wohlklang im Versbau, und die fünfte Strophe ist von ächtem dichterischem Gehalt. Die Anordnung des Ganzen aber gefällt mir nicht. Die fünfmalige Abwechselung des düstern und heitern Tons, ohne hinlängliche Mannichfaltigkeit, giebt dem Gedicht einen zu einförmigen Gang. Auch lieb’ ich nicht, daß es mit einer Antithese schließt. In der vierten Strophe wird das liebliche Bild des Kusses durch den fremdartigen Kreisel ganz verdorben.

Ritter Toggenburg ist mir besonders lieb durch eine gewisse musikalische Einheit, und die durchgängige Gleichheit des Tons, der zu dem Stoffe vollkommen paßt.

Humboldts Dioskuren sind als Übersetzung sehr schätzbar, und müssen den Liebhaber Pindars besonders interessiren.16) Aber das ganze Product hat für den unbefangenen Kunstfreund zu sehr das Ansehen einer fremden Pflanze, die mit Mühe im Treibhause gezogen worden ist. Im Stoffe selbst liegt eine gewisse mythologische Aristokratie, die unter Gefühl beleidigt. Den Söhnen Zeus ist alles erlaubt, und wer ihre Beleidigungen rächt, wird vom Donner zerschmettert. – Die Klage des Polydeukes klingt ziemlich egoistisch. – Dies alles mag wohl griechisch sein, aber rein menschlich ist es nicht. Um den Stoff haben wir die griechischen Dichter selten zu beneiden: Behandlung, Sprache und Versbau machen sie zu unsern Mustern. Noch habe ich bei diesem Product bemerkt, daß der Gebrauch der Participien durch die fatale Endsylbe für den deutschen Dichter erschwert wird. – Wie hart wird die Stelle: röchelnd, – seufzend – Thränen vergießend. –

In den beiden ersten Strophen der Elegie an Emma17) finde ich Sprache der Empfindung und Wohlklang. Aber in der dritten ist der Gedanke alltäglich, der Ausdruck matt, und die Verse steif.

In der Abendphantasie von Conz ist die Sprache gewählt, der Vers fließend, der Ton gut gehalten; aber keine Spur von Dichtertalent. Gedanken und Gefühle werden in einer trockenen Allgemeinheit gegeben, ohne alle Eigenthümlichkeit einer besondern menschlichen Natur. Nur den Menschen suchen wir im Gedicht, und wo wir diesen nicht finden, bleiben wir kalt.

Über den Taucher habe ich Dir schon geschrieben. Ich finde immer mehr einzelne Schönheiten darin, je öfter ich ihn lese. Auch die Mannichfaltigkeit des Versbaues und die passenden Abänderungen nach dem Inhalte befördern den Eindruck des Ganzen. Ich weiß kein Gedicht, das mir beim Vorlesen so viel Genuß gäbe. So wenig es componirt werden kann, so sehr verträgt es, und fordert sogar eine gewisse Einheit der Melodie in der Declamation, die sich den Gesang nähert.

In dem Gedicht an den Äther18) finde ich eine Behandlung, wie ich sie bei einem solchen Stoffe besonders liebe. Der Dichter und sein Object bilden ein wohl organisirtes Ganzes. Jedes von beiden empfängt und giebt. Das Object wird mit liebe von dem Dichter aufgefaßt, nicht seiner Sinnlichkeit entkleidet, aber aus der unbedeutenden Masse ausgehoben. Der Dichter beseelt seinen Stoff, aber geht nicht über ihn hinaus.

Wie dürftig ist dagegen das Meer von Jägle! Die ersten Strophen haben wohlklingende Verse, aber der Inhalt ist alltäglich. Die nachherigen Schilderungen von den schrecken des Meeres tragen bloß das Gepräge von Feigheit, so wie der Schluß.

Über das Reiterlied19) habe ich mich schon geäußert. Auch die Wirkung im Allgemeinen hat es nicht verfehlt. Von Thielemann und seinem Zirkel wenigstens wird es mit Enthusiasmus gesungen.

Sollte Goethes Legende20) nicht durch die Legenden in Herders zerstreuten Blättern veranlaßt worden sein? Herder verfehlte den eigenthümlichen Ton, strebte nach schwermüthiger Empfindsamkeit und vergaß, daß eine gutmüthige Naivetät der wahre Charakter der Legende ist. Goethe konnte dadurch wohl Lust bekommen, sich in dieser Gattung zu versuchen. Aber er wird von vielen mißverstanden, die etwas Spottendes in diesem Gedicht finden. Die treuherzige Jovialität, welche bei der größten Arglosigkeit in manchen Legenden herrscht, ist freilich weniger bekannt. Auch können manche aus Achtung vor dem Stoff einen solchen Ton nicht vertragen. Mir scheint die Aufgabe, die gewiß nicht ohne Schwierigkeit war, sehr glücklich gelöst, besonders was die jugendliche Schalkheit in der Erzählung betrifft.

Die Fabel21) von Pfeffel ist hübsch erzählt, aber der Schluß unbefriedigend. Unterdrückung, die aus Feigheit ertragen wird, ist kein Gegenstand für den Dichter. Überhaupt ist in Pfeffels Fabeln die Poesie fast größtentheils nur Mittel, um einer gewissen Bitterkeit Luft zu machen.

In dem Frühlingsspaziergang22) ist von dem Object zu wenig. Ein solcher Ausruf kann einen Theil von einem größeren darstellenden Gedichte ausmachen; aber allein ist er kein Gedicht. Und als Ausdruck einer Empfindung ist er seiner Kürze ungeachtet noch zu gedehnt, da immer derselbe Gedanke wiederholt wird.

Als eine moderne Gnome ist das Regiment23) musterhaft. Ein glückliches Bild für einen reichhaltigen Gedanken, in einer einfachen, aber edlen Form isolirt aufgestellt.

Dem Schlegelschen Sonnet: Gesang und Kuß24) fehlt es an einer guten Anordnung. Es schließt vor den drei letzten Versen, die nun ein matter Nachtrag sind.

Matthissons Trost des Edlen gleicht einer versificirten Predigt. Trotz der poetischen Phrasen, mit denen der Anfang durchspickt ist, herrscht im Ganzen ein tödtender Frost.

Bei dem Phaethon von Gries scheint Schlegels Pygmalion im vorjährigen Almanach als Muster vorgeschwebt zu haben. Sprache und Versbau beweisen Kunstfertigkeit, aber das Ganze ist gedehnt und matt. Auch liebe ich diese moderne Sentimentalität nicht in einem solchen Prachtstück der Phantasie. Ovid verstand seinen Vortheil. Seine Darstellung ist ein Deckengemälde, wo die Erscheinungen nur in großen Massen auf uns wirken.

Schlegels Zueignung an Romeo und Julie25) hat allerdings mehr Gehalt, als seine meisten Producte. Die letzte Strophe aber schwächt den Eindruck und ist matt gegen die vorhergehenden. Ohne diese Strophe hätte dies Gedicht zu einer schätzbaren Gattung gehört, wovon wir wenig Beispiele haben. Ein Kunstwerk kann ebenso wohl Object des Dichters sein, als eine Naturerscheinung. Dies war der Fall bei mehreren griechischen Epigrammen, und Guidos Aurora26) in diesem Almanach ist ein moderner glücklicher Versuch von dieser Art. Aber bei Gedichten ist dies schwerer, als bei Werken der bildenden Kunst. Eine versificirte Recension mag man nicht, sondern der Geist des ganzen Gedichts soll aus der Seele eines andern Dichters wiederstrahlen. Für diese Gattung taugt Schlegel, denn er hat viel Empfänglichkeit. Von seiner productiven Kraft aber habe ich eine geringe Idee.

Das Gedicht an Mignon27) ist der Wiederhall von Mignons Tönen in einer gleichgestimmten Seele. Ein inniges Gefühl wird laut für sich selbst in der einfachsten Sprache. Hier ist Gesang und musikalische Begleitung an ihrer Stelle, und es läßt sich weit mehr leisten, als Zelter geliefert hat. Seine Melodie ist viel zu gekünstelt. Aber ich bin zu weichlich, mich daran zu versuchen: es würde mich auf viele Tage verstimmen.

Das Lied auf dem Rigiberge28) ist für mich ein trockenes Product. Darstellung von Naturscenen gelingt dem Dichter am besten mittelbar, durch die Ideen und Gefühle, welche die Erscheinungen hervorbringen. Das Gefühl der Ruhe und Heiterkeit, welches hier angedeutet wird, hat gar nichts Eigenthümliches, weshalb man nöthig gehabt hätte, gerade auf den Rigiberg zu steigen. Durch die zum Theil sehr übel klingenden Namen, die noch erläuternder Noten bedurften, wird keine Individualität gewonnen. Der starrende Pilatus29) hat sogar etwas Possierliches, weil man an Pontius Pilatus erinnert wird, mit dem, was Lavater über ihn commentirt hat. Das Physische der Schweiz führt so natürlich auf das Moralische und auf die Geschichte. Warum ließ die Dichterin dies reiche Feld liegen? Warum erfahren wir wenigstens nicht mehr von den „Entlibuchern,“ nachdem wir einmal ihren harten Namen gehört haben?

Der Gott und die Bajadere ist wieder eins von den Producten, an denen man Goethes Vielseitigkeit erkennt. Die Weichheit der indischen Denkart herrscht in dem Ganzen, verbunden mit einer zarten Sittlichkeit, die von unsrer nordischen Decenz himmelweit verschieden ist. In der Behandlung zeigt sich eine gewisse epische Hoheit. Der Dichter schwebt über seinem Stoffe, und seine Darstellung verbreitet sich gleichmäßig über alle Thiele. Der kleinste charakteristische Zug wird aufgefaßt; wodurch das Gemälde mehr Leben und Bestimmtheit erhält, ohne daß der Dichter fürchtet, der Würde seines Stoffs etwas zu vergeben. Hier war die größte Gefahr, durch den kleinsten Mißton den Totaleindruck zu zerstören. Es müßte einen eigenen Genuß geben, mythologische Dichtungen verschiedener Völker, auf eine solche Art behandelt, einander gegenüber zu stellen. Jede besondere Vorstellungsart wird auch einen eigenen charakteristischen Ton in der Darstellung fordern.

Als eine Reihe von wohlklingenden Versen ist die Mode30) nicht ohne Werth, und gehört zu einer französischen Gattung, die ich nicht geringschätze, aber nur nicht zu den Gedichten rechnen kann. Für diese Gattung ist indessen dies Product zu lang und zu wenig gewürzt. Wer uns für Phantasie und Herz seine Nahrung giebt, muß uns durch Witz entschädigen.

Die entführten Götter31) schwatzen so vielerlei durcheinander, daß man eigentlich nicht recht weiß, was sie wollen. Die letzte Strophe ist gut, aber das Übrige hängt nicht genug damit zusammen. Das Ganze ist nicht aus einem Guß, sondern es sind zusammengeflickte Bruchstücke von sehr verschiedenem Werthe. Manche sind sehr alltägliche Gedanken, durch poetische Phrasen aufgeputzt. Gleich der Anfang ist unglücklich. Die ächten Römerinnen waren nichts weniger als schwach und weichlich.

Die Elegien32) sind nicht ohne Talent, aber sie tragen zu sehr das Gepräge einer Nachbildung der Goetheschen, die der Verfasser nur halb verstanden zu haben scheint. Dort war das Schwelgen gleichsam nur ein sinnliches Gewand, in dem eine genialische Natur erschien; hier ist es eigentliches Object der Darstellung. Man trifft auf Leben und Wahrheit in einzelnen individuellen Zügen, besonders in der ersten Elegie, die mir überhaupt die liebste ist – aber oft auch auf allgemeine, zum Theil matte Phrasen. Nachlässigkeiten im Versbau, wie der trochäische Fuß im zweiten Abschnitt des Pentameter, und Flecken, wie Demeter als Daktyl, sind in einem Gedicht dieser Art am wenigsten erlaubt.

Eine Reihe von Erscheinungen, die der Garten von Wörlitz33) darbietet, in einer gewählten Sprache und gefeilten Versen geschildert, macht noch kein Gedicht. Was das unentbehrlichste war, und dem ganzen Gemälde Einheit und Haltung gegeben hätte – die Totalwirkung dieser kleinen Welt auf eine menschliche Natur voll Geist und Liebe – ist nicht dargestellt. Statt dessen fällt die Dichterin am Schlusse wieder in den gewohnten schwermüthigen Ton. Nur was für diesen paßt, scheint auf sie zu wirken; alles andre macht bloß einen oberflächlichen Eindruck.

Die Worte des Glaubens und die Erinnerung machen einen interessanten Contrast. Selten steht Deine und Goethes Eigenthümlichkeit einander jetzt noch so unvermischt gegenüber. Die meisten Eurer neuern Producte tragen das Gepräge einer gegenseitigen Annäherung. Aber hier ist der Unterschied auffallend. Vielleicht hört man in Dir mehr den Redner, in Goethe mehr den Dichter. Aber alles was Sprache, Versbau, Rhythmus und Würde des Tons vermag, um einen Gedanken ohne Beimischung eines sinnlichen Stoffs im glänzendsten Lichte aufzustellen, hast Du, däucht mich, geleistet.

Im Tantalus von Lenz ist ein drolliger Humor, dem man es verzeiht, daß der Ton manchmal feiner sein könnte.

Die Nadowessische Todtenklage hat ein dramatisches Verdienst, obgleich das Costüm vielen nicht behagen wird. Daß es Dir nach Lesung einer Reisebeschreibung einfallen konnte, auch einmal ein solches Bild aufzustellen, war wohl sehr natürlich. Eine solche Sammlung von Nationalliedern würde, so wie die Nationalmusiken und Nationaltänze, ein eigenthümliches Interesse haben.

Die vier Distichen34) über Gegenstände der Baukunst erinnern mich an die im vorjährigen Almanach über den Hexameter und die Stanze. Schade, daß Ihr die Idee nicht ausgeführt habt, das ganze Gebiet der Ästhetik auf eben diese Art zu bearbeiten!

Der Abschied35) hat eine gewisse Dunkelheit, die aber bei einer solchen kleinen Epistel vielleicht unvermeidlich ist. Über das besondere zarte Verhältniß, das beide Theile sehr wohl kennen, kann natürlicherweise nicht viel gesprochen werden.

Die Jungfrau des Schlosses36) beweist mehr Kunstfertigkeit, als Geist. Sprache und Versification sind zu schätzen, aber der Darstellung fehlt es an Leben und Wärme. Von dieser Seite zeichnet sich nur eine Strophe aus: „Stets bringt den Pokal sie hieher etc.“

Die Götterhilfe37) von Schmidt hat eine gewisse Härte und Unbehilflichkeit in der Form, die bei einem kleinen Gedichte dieser Art, das sich nicht durch Originalität des Inhalts unterscheidet, weniger zu verzeihen ist.

Licht und Wärme38) gehört zu der Gattung, die mehr rednerisch als poetisch ist. Im letzten Verse sind der Kürze zu Gefallen doch fast zu viel Consonanten. Ich kenne freilich die Schwierigkeiten, die besonders ein deutscher Dichter hier zu überwinden hat.

Müllers Epistel an Julius39) scheint das Product eines jungen Mannes von Gefühl und Talent zu sein. Zuviel Schmuck kann man ihm vorwerfen; aber man schmückt auch aus Liebe, und nicht bloß aus Koketterie – und hier würde ich auf den ersten Fall rathen.

Breite und Tiefe40) läßt sich zu den Fabeln rechnen, denen die Moral vorausgeschickt ist. Nur habe ich gegen die Fabel selbst, oder das Bild in der letzten Strophe manches einzuwenden, so sehr ich auch mit der Moral einverstanden bin. Ohne Stamm und Blätter gab es doch weder Kern noch Früchte.

In der Epistel an Humboldt41) sind entweder Druckfehler, oder der Schluß des ersten Absatzes ist unverständlich. Überhaupt finde ich viel Prätension darin, und wenig Gehalt. Das Epikurische System hat an sich etwas Herzloses, und es gehört ein großes Talent dazu, um die Phantasie dafür zu bestechen.

Über die Kraniche des Ibykus bin ich mit Humboldt in einen Krieg verwickelt worden. Meinen Vorwurf der Trockenheit kann ich nicht zurücknehmen; aber er hat nie der Behandlung, sondern dem Stoff gegolten. Dagegen beschuldige ich Humboldt geradezu: daß er beim Stoffe nicht unbefangen ist, daß ihn eine solche Darstellung griechischer Feste in den dritten Himmel versetzt, und daß er Fridolins nordischer Frömmigkeit keinen Geschmack abgewinnen kann. – Eben weil die griechische Volksversammlung und der tragische Chor so lebendig vor unsern Augen steht, haben wir den armen Ibykus ganz vergessen, wenn seine Kraniche gezogen kommen. Es ist kein bekannter Name, dessen bloßer Schall ein interessantes Bild erweckte. Wir haben wenig von ihm erfahren; denn gleich wie er auftrat, wurde er getödtet. Wir wünschen seine Mörder entdeckt und gestraft; aber dies Interesse erregt keine sehr gespannte Erwartung. Und diese Spannung muß ganz durch eine Schilderung verschwinden, die so sehr unsre Aufmerksamkeit fesselt, daß wir alles andre darüber aus dem Gesicht verlieren. Ein erzählendes Gedicht – dies ist’s, was ich behaupte – fordert eine menschliche Hauptfigur, und für diese die stärkste Beleuchtung. Dies vermisse ich hier und im Ring des Polykrates. In beiden Gedichten wird dadurch die Wirkung des Ganzen geschwächt. Das Schicksal kann nie der Held eines Gedichts werden, aber wohl ein Mensch, der mit dem Schicksale kämpft, wie etwa Prometheus. Ein solcher Kampf giebt der Hauptfigur eine übermenschliche Größe, durch das Unendliche, was wir in dem Begriffe des Schicksals ahnen, was aber nie zur Erscheinung wird.

Arion42) hat gleich meinen Satz durch die Erfahrung bestätigt. Trotz seiner unbegreiflichen Kälte und Mattigkeit hat er Menschen gefallen, die zwar wenig Geschmack, aber ein unverdorbenes natürliches Gefühl haben. Dies verdankt er der Hauptfigur.

Der neue Amor43) gehört in eine Sammlung griechischer Epigramme. Das Moderne, was in diesem Gedicht liegt, kann ihm doch schwerlich bei einem Unbefangenen zum Vorwurf gereichen.

An Daphne44) ist eine Galanterie, die wohl kein Franzose gewagt hätte. Und wirklich hat die Verwandlung der „gelbgefiederten Kleinen“ etwas Auffallendes. Aber gegen diesen Verstoß wider den guten Ton ist wieder so viel Liebliches und Herzliches in der Behandlung, daß ein Deutscher gern bei einem solchen Product verweilen wird.

Licht und Schatten45) ist eine gefällige Einkleidung eines ziemlich verbrauchten Gedankens. Daß zwei Distichen sich reimen – allmächtige Licht – gebrochene Licht – macht einen Übelklang, den ich von dieser Dichterin nicht erwartet hatte.

Terracina46) kann ich nur für eine poetische Landkarte, nicht für ein Landschaftsgemälde gelten lassen. Was helfen die Namen, wenn nichts Eigenthümliches von den Gegenständen gesagt wird? Und über die Wirkung der Scene erhält man auch nichts, als allgemeine Phrasen von Wonne, Wehmuth, Thränen und Andenken an Freunde.

Das kleine Gedicht: Macht der Sinne47) hat in der Anlage eine gewisse Steifheit und Monotonie, aber in der Ausführung viel Gutes.

Das Geheimniß48) ist eins meiner Lieblinge unter Deinen neuern Gedichten. Diese Zartheit des Tons verbunden mit gehaltener Kraft, dies ruhige Fortschreiten ohne Kälte, diese Reinheit von allem Fremdartigen sind Vorzüge, die nur in sehr glücklichen Stunden erreicht werden.

An den Freuden der Gegenwart49) bemerke ich den Fehler vieler deutschen Lieder: daß sie fast bloß aus allgemeinen Aufforderungen, Lehren und Warnungen bestehen. Dies giebt ihnen das Ansehen einer Fröhlichkeitspredigt. Nur Bilder, die Leben und Heiterkeit athmen, können eine ähnliche Stimmung verbreiten. Und solche Erscheinungen giebt uns entweder ein erzählendes Gedicht durch Stoff und Ton, oder ein lyrisches, in dem ein fröhlicher Mensch unmittelbar sich uns darstellt, der aber alsdann nicht als Mensch überhaupt, sondern höchst individuell, obwohl im idealisirten Zustande, sich zeigen muß, wie z. B. im Reiterliede. Für den Chor taugen nur einzelne Zeilen, die gleichsam der Nachhall von dem Gesange des Einzelnen sind. – Daß hier der Reim auf die erste Zeile bis zur fünften verschoben wird, hat für mein Ohr etwas Störendes. Auch sind die langen Zeilen für die Musik unbequem.

Das Lebewohl50) von Cordes gehört zu der Gattung, die eigentlich der Musik zu dienen bestimmt ist: – Wohlklang, geschmeidiger Rhythmus, mehr Empfindung als Geist, nur ein kleiner Fingerzeig in den Worten für die Bedeutung der Töne; aber noch immer eine unbeschriebene Tafel für den Musiker, und freier Spielraum für seine Phantasie.

Die Täuschung51) beweist, däucht mich, für das Talent des Verfassers in dieser Gattung. Aber freilich sind diese lyrischen Dichtungen gerade die leichtesten von allen. Wer lebhaft und innig fühlt, und einige Fertigkeit in dem Mechanischen der Poesie besitzt, wird in den Momenten leidenschaftlicher Stimmung seine Empfindungen auf eine solche Art laut werden lassen; wenn es ihm gleich an schöpferischem Geist fehlt, aus sich selbst herauszugehen, und ein für sich bestehendes Kunstwerk aufzustellen.

Der Gang nach dem Eisenhammer52) hat für mich einen besonderen Reiz durch den Ton der christlichen – katholischen – altdeutschen Frömmigkeit, der mit allen seinen Eigenthümlichkeiten durch das Ganze der Erzählung gehalten ist. Von dieser Seite ist es ein treffliches Gegenstück zu Goethes indischer Legende. Die Idee einer besondern göttlichen Vorsehung, die nur leise angedeutet ist, giebt diesem Gedichte etwas Herzliches, dem auch die hartnäckigste Starkgeisterei nur mit Mühe widersteht. Eine der schwersten Aufgaben war die Beschreibung der kirchlichen Gebräuche, wo das Ausmalen charakteristischer Züge so leicht dem Spott Blößen geben konnte. Und gleichwohl hast Du nach meinem Gefühl alles geleistet, was man nur fordern kann. Ich habe das Gedicht mehrmals vorgelesen – wobei ich immer auch den kleinsten Mißton am leichtesten wahrnehme – und nie bin ich auf eine Zeile gestoßen, die mich aus der Stimmung gebracht hätte. Es bleibt mir immer eins der liebsten Producte.

Ü    Þ


1) Von Goethe S. 1. ­
2) S. 19, mit A. unterzeichnet.
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3) S. 24, von Schiller.
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4) S. 30, von Siegfried Schmidt.
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5) S. 32, von Goethe.
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6) S. 38, von Matthisson.
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7) S. 45, mit F. unterzeichnet.
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8) S. 46, von Goethe. –
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9) S. 49-73, in Terzinen, von A. W. Schlegel.
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10) S. 74, von Lenz (aus dessen Nachlaß von Goethe mitgetheilt).
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11) S. 80, mit F. unterzeichnet.
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12) „Unsern Freuden wohnte Amor bei“.
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13) S. 88, von Goethe.
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14) Aus Lessings Nathan 4, 4.
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15) S. 100, von Sophie Mereau.
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16) S. 110, nach Pindars 10. nemeischer Ode.
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17) S. 115, von Schiller, nur mit S. unterzeichnet.
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18) S. 131, D. unterz., von Hölderlin.
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19) von Schiller, S. 137.
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20) Als noch verkannt und sehr gering, S. 144.
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21) S. 148, Die Hunde.
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22) S. 155, von Siegfr. Schmidt.
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23) S. 156, von Schiller, nur E. unterzeichnet.
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24) S. 157, Sonnet, von A. W. Schlegel.
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25) S. 175, Stanzen von A. W. Schlegel, an seine Frau.
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26) S. 186, von Louise (Brachmann).
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27) S. 179, von Goethe.
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28) S. 181, von Friederike Brun.
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29) S. 184: wo stolz in eigner Felsen Schatten Pilatus starrt.
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30) S. 194, mit F. unterzeichnet.
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31) S. 199, von A. W. Schlegel.
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32) S. 204, mit K. unterzeichnet; nicht von Knebel.
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33) S. 216, von Sophie Mereau.
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34) S. 240, von Schiller.
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35) Von Goethe, S. 241.
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36) Romanze S. 242-255, F. unterzeichnet.
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37) Von Siegfr. Schmidt, S. 256.
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38) S. 258, von Schiller.
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39) S. 259, von K. L. M. Müller (in Leipzig).
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40) S. 263, von Schiller.
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41) S. 264, bei Übersendung des Lukrez, R. unterzeichnet, an Alex. V. H.
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42) S. 278, Romanze von A. W. Schlegel.
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43) S. 287, von Goethe.
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44) S. 288, F. unterzeichnet.
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45) S. 292, von Sophie Mereau.
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46) S. 294, von Friederike Brun.
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47) S. 297, von Cordes.
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48) S. 299, von Schiller.
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49) S. 301, von F.
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50) S. 305, Das seitdem viel verbreitete Lied: Lebewohl, vergiß mein nicht, Schenke mir dein Angedenken. Die Sendung hatte Schiller am 10. Juli 97 im Kalender verzeichnet: Cordes aus Glandorf im Osnabrück’schen, Gedichte. Vgl. Grundriß 2. 1108. und Hoffmann v. F., Volksthümliche Lieder.
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51) S. 304, von Siegfried Schmidt.
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52) S. 306, von Schiller, das letzte Stück des Almanachs.
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