Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Briefe
            Christian Gottfried Körner
               Inhalt
               Vorwort
               1784
               1785
               1786
               1787
               1788
               1789
               1790
               1791
               1792
               1793
                  ...
                  25.1.1793, an Schiller
                  4.2.1793, an Körner
                  8.2.1793, an Schiller
                  15.2.1793, an Körner
                  18.2.1793, an Schiller
                  19.2.1793, an Schiller
                  23.2.1793, an Schiller
                  26.2.1793, an Körner
                  28.2.1793, an Schiller
                  4.3.1793, an Körner
                  7.3.1793, an Körner
                  15.3.1793, an Schiller
                  22.3.1793, an Schiller
                  27.3.1793, an Körner
                  28.3.1793, an Körner
                  7.4.1793, an Schiller
                  26.4.1793, an Körner
                  5.5.1793, an Schiller
                  11.5.17, an Körner
                  ...
               1794
               1795
               1796
               1797
               1798
               1799
               1800
               1801
               1802
               1803
               1804
               1805

Dresden, den 4. März 93.

Du hast, däucht mich, schon einen tüchtigen Berg erstiegen, und ich freue mich über die Aussicht, die er uns gewährt. Aber wir dürfen uns diesem Genuß nicht überlassen. Noch ist Arbeit nöthig, um den höchsten Gipfel zu erreichen; um diese mit Dir zu theilen, fehlt es mir gewiß nicht an Eifer, aber leider an Zeit. Mein Staatsdienst, der mir auch durch andre Ursachen verleidet worden ist, wird mir in so einem Falle doppelt drückend.

Nur wenig Stunden hab’ ich mir noch abstehlen können, um besonders Deinen letzten Brief zu studiren. Erwarte also noch keine ausführliche Prüfung, sondern nur zerstreute Gedanken, um meine Antwort nicht zu lange aufzuschieben.

Technik der Form halte ich mit Dir für ein gemeinsames Erforderniß der Schönheit und Vollkommenheit. Nur bei dem Unterschiede zwischen beiden – wo alles auf den Begriff der Natur ankommt, insofern Du sie der technischen Form entgegensetzest – bin ich nicht befriedigt.

Eine „innere Nothwendigkeit der Form“ ist auch bei den Naturzwecken. Von diesen Naturzwecken abstrahirst Du; aber was ist dasjenige, was Dir alsdann noch übrig bleibt?

Ich kann mir nicht versagen, hier wieder auf meine allgemeine Lebenskraft zurückzukommen, die Dir nicht behagen will. Es ist hier kein Behelf, die Dunkelheit des Begriffs unter einer Metapher zu verstecken. Nur bemerke ich an den Objecten zweierlei Zwecke:

a. den besondern – die technische Form –

b. den allgemeinen – die Äußerung der Lebenskraft in Erweiterung der Schranken.

Diese Zwecke verhalten sich wie ausdehnende und zusammenziehende Kraft (vis centrifuga et centripeta). Harmonie zwischen beiden ist Schönheit. Dann ist die technische Form nicht das Product der Beschränkung, sondern einer erhöhten, erweiterten Existenz. Daher der Werth des Genialischen in der Kunst.

Dein „inneres Princip der Existenz“ hat mir zu viel Ähnlichkeit mit dem gewöhnlichen Begriffe der Substanz. Es fehlt diesen Begriffen an einem objectiven Stoffe, der nicht bloß negativ wäre.

Dein Merkmal der Freiheit in der Erscheinung ist auch bloß negativ – das Nichtvonaußenbestimmtsein. Eine ähnliche Negation bedarfst Du zum Merkmal der Heautonomie. Diese hast Du noch nicht deutlich genug angegeben.

An einem vegetirenden oder lebendigen Wesen unterscheiden wir ein Gegebenes – die Form der Blume, des Thiers, insofern sie in dem Keime gegründet ist – und ein hervorgebrachtes – die Individualität dieser Form nach den besondern Eigenheiten der innern Entwickelung, die Äußerung der Vegetation oder der Lebenskraft.

Schönheit setzt, wie wir beide glauben, eine gegebene Regel der Form voraus. Für diese Regel denkst Du Dir ein besonderes nächstes Princip, das von dem Princip der Existenz des Objects verschieden ist. das Nichtbestimmtsein durch jenes Princip der Technik ist also Dein Merkmal der Heautonomie.

Aber nun frag’ ich weiter: woran erkennst Du dies Nichtbestimmtsein von außen und von dem Princip der Technik? Dien Merkmal des Schönen besteht in dem, was Du über die Ursachen der Bestimmtheit in der Form wahrnimmst. Aber was erkennen wir von diesen Ursachen?

Hier ist keine Succession von Erscheinungen, aus der Du eine Cuasalverbindung folgerst. Du ahnst die wirkende Ursache aus dem, was Du von der Endursache wahrnimmst. Eine Endursache selbst wird nicht wahrgenommen, sondern bloß die Übereinstimmung einer Erscheinung mit einer Idee.

In Deinem vorletzten Briefe sagst Du: „eine Form erscheint frei, wenn wir den Grund derselben weder außer ihr finden, noch außer ihr zu suchen veranlaßt werden.“ Ist dies Merkmal nicht bloß subjecitv, und zwar äußerst relativ?

Was ist der gegebene Stoff, das Objective einer Anschauung, bei der wir den Grund der Form nicht außerhalb des Objects suchen? Meines Bedünkens die Übereinstimmung der Merkmale des Objects mit einem vorhandenen Begriffe. Für diesen Begriff denken wir uns ein nächstes Princip, wodurch er realisirt wird, Das ist das Innere des Objects.

Was ist dem Objecte mit jenem Begriffe übereinstimmt, ist aus diesem Innern erklärbar, und nur wo wir etwas jenem Begriffe Entgegengesetztes finden, suchen wir einen Grund dazu außerhalb des Objects.

Auf diese Art gelangen wir zur Vorstellung der Technik; um aber auch zur Vorstellung der Freiheit zu gelangen, bedürfen wir noch eines zweiten Princips. Es werden Merkmale an dem Objecte wahrgenommen, die dem technischen Begriffe nicht widersprechen, aber auch nicht durch ihn gegeben sind, die von einer fremdartigen, aber nicht feindseligen Natur zu sein scheinen. Der Begriff bestimmt gleichsam nur die äußersten Grenzlinien der Form. Für das, was innerhalb dieser Grenzlinien an dem Objecte bemerkt wird, schient ein anderes Princip erforderlich zu sein.

Wir entdecken nämlich auch in demjenigen, was innerhalb jener Grenzlinien an dem Objecte erscheint, etwas gemeinsames, ein Übereinstimmung. Aber dasjenige, womit dieses Gemeinsame übereinstimmt, ist keine Idee, sondern eine Empfindung.

Das Schauspiel von Kraft und Widerstand in den Elementen der Objecte weckt die Erinnerung an das Selbstgefühl der Freiheit in dem betrachtenden Subjecte.

Wir unterscheiden in uns ein Princip, das die Äußerungen unseres geistigen und thierischen Lebens zunächst begründet, von dem Princip, wodurch unsere Form begründet wird, an deren Entstehung wir uns keines thätigen Antheils bewußt sind. Wir unterschieden das Selbsthervorgebrachte von dem Gegebenen in uns.

Einen ähnlichen Unterschied glauben wir auch in den Objecten zu bemerken.

Wir sondern dasjenige ab, was durch das Princip der Technik bestimmt ist, als etwas Gegebenes, und denken uns für das Nichtgegebene ein besonderes Princip, das unserm eignen Princip von Selbstthätigkeit analog ist.

Was dieses Princip sei, bedarf nicht erkannt zu werden. Uns interessirt nur sein Verhältniß gegen die Masse von Kräften, die ihm entgegenwirken – der Grad seiner Freiheit.

Hier laß mich heute ausruhen, und lebe wohl.

K.

N. S. Die Nachricht von dem neuen Kantschen Werke war mir sehr interessant; schicke es mir ja gleich, sobald es fertig ist. Vielleicht hat die Kritik der Offenbarung, welche man ihm zuschrieb, ihn veranlaßt, seine eignen Ideen zu äußern. Mit seinem radicalen Bösen werde ich mich übrigens schwerlich aussöhnen. Ich kenne keinen Satz der Dogmatik – selbst die Ewigkeit der Höllenstrafen nicht ausgenommen – der mir so verhaßt wäre. Auch kann ich mir keinen Beweis davon denken, der nicht auf einseitigen Erfahrungen beruhte. Bei Erklärung der christlichen Mythologie hat Kant viel Witz zeigen können. Doch ist auch in dem Stoffe eine gewisse Biegsamkeit, die dergleichen Bemühungen erleichtert. Wenn uns Kant nur nicht länger auf seine Metaphysik der Sitten warten ließe! Oder ist er vielleicht selber darüber noch nicht mit sich einig? Wenigstens wird es ihm schwer werden, auf seine Prämissen ein Gebäude von fruchtbaren Lehrsätzen zu gründen.

Von Deiner Theodicee habe ich große Erwartungen, und es freut mich sehr, daß Du der dichterischen Muse wieder einmal die Hand reichst. Es ist schön, daß nun einmal Deine Sammlung von Gedichten herauskommt. Von Deiner Anthologie habe ich seit langer Zeit kein Exemplar mehr. Hubern habe ich das meinige leihen müssen – und da werde ich es schwerlich wiedersehen. Solltest Du denn nicht mir von Schwaben aus ein Exemplar verschaffen können? Crusius druckt doch mit Didotschen Lettern?

Du hast sehr wohlgethan, Deine Schwester noch zu Dir zu nehmen. Noch hoffe ich diesen Sommer Dich in Jena zu sehen. Die Zerbster Tante besucht uns zu Pfingsten. Auch die Herzogin von Curland wird vermuthlich hierherkommen, doch auch im ersten Theile des Sommers. Vom Julius an denke ich frei zu sein, und dann müssen wir Abrede nehmen, daß Deine Reise in’s Reich nicht mit der meinigen collidirt.

Hubers Geschichte wird immer ekelhafter. Ich habe eine Deduction gelesen, die er darüber an seine Eltern geschrieben hat.1) Seine Entschuldigung besteht in dem gewöhnlichen Kunstgriffe aller Schwächlinge, die von einer blinden Leidenschaft beherrscht werden. „Man soll ihn nicht nach dem allgemeinen Maßstabe beurtheilen. Seine Lage ist ganz einzig in ihrer Art.“ Aber für die Thatsache hätte ich doch wenigstens einen Beweis durch Sophistereien erwartet. Und so lange dieser Beweis nicht geliefert ist, hat doch allemal derjenige, der sich an der allgemeinen Regel versündigt, die Präsumtion wider sich. Phrasen und Declamationen ändern hier nichts. Er gesteht, daß seine Liebe zur F(orster) seit drei Jahren dauert. Daß ein Mensch zwei Freunde auf einmal betrügt, mit der Frau des Einen liebelt, und der Schwester des andern das Leben vergiftet, ist selten vielleicht, aber für einzig kann ich es nicht halten. Für Bubenstreiche dieser Art giebt es noch Züchtigungen, aber dazu gehört ein Mensch, der durch Verhältnisse nicht gebunden ist. Mir bleibt nichts übrig als für meinen eignen Knabenstreich mir die Hand vor die Stirne zu schlagen, daß ich ein kindisches Spielwerk mir zu einer achtungswürdigen Leidenschaft idealisiren konnte.

Noch einen Auftrag an Dich von dem jungen Geheimen Finanz Rath Wagner. Es giebt einen Chemiker in Jena, Namens Göttling.2) Wagner will wissen, ob dieser eine Stelle von 4 bis 500 Thlrn. Besoldung in Freiberg annehmen würde, die durch Wenzels Tod vacant worden. Mit Vorlesungen ist auch noch etwas dabei zu verdienen. Wagner will sich mit Fleiß nicht an die Unternehmer der Literaturzeitung wenden, um die Sache geheimer zu betreiben. Kannst Du gelegentlich diesen Mann sondiren, so gieb mir Nachricht. Lebe wohl und bleibe hübsch gesund.

               Dein

K.

Ü    Þ


1) Vgl. den Brief Doras vom 18. März 1793 in: Charlotte v. Schiller und ihre Freunde 3, 13 ff. ­
2) Joh. Fr. Aug. Göttling, geb. 5. Januar 1755 zu Derenburg bei Halberstadt, 1789 a. o., 1790 ordentlicher Prof. der Chemie in Jena, starb 1. Septbr. 1809 in Jena.
­

© 1999 - 2005 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de