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Dresden, 27. December 1792. Auf Deinen Kallias freue ich mich sehr. Du bist gerade der Mann, der in dem philosophischen Dialog es weiter bringen muß, als es bis jetzt noch gebracht worden ist. Deine dramatischen Talente kommen Dir hier zu statten. Die Form ist Dir geläufig, die sprechenden Personen werden in Deiner Phantasie sich leicht zu bestimmten Gestalten mit charakteristischen Zügen bilden; das trockene Skelett der philosophischen Meinung wird unter Deinen Händen mit einem schönen Körper überkleidet, es erhält Leben und Bewegung, und die Belehrung erhebt sich zur Darstellung. Selbst für den Stoff hast Du von dieser Form manchen unerwarteten Zuwachs zu hoffen. Wie oft werden nicht durch das wirkliche Gespräch unsere Ideen erweitert und berichtigt, oder neue Gesichtspunkte veranlaßt! Und eben dies leistet gewiß auch das erdichtete Gespräch. Kurz, Du wirst gewiß an dieser Arbeit Geschmack finden, und dann verspreche ich mir noch manche ähnliche Producte von Dir. Hier habe ich einen jungen Mann kennen lernen, der seit Kurzem von der Universität zurück ist. Er heißt v. Senf, und ich finde besonders Anlagen zur Philosophie bei ihm, und dabei mancherlei Kenntnisse mit einem männlichen Charakter verbunden. Deine Idee für den König von Frankreich zu schreiben, würde mich noch mehr interessiren, wenn sie schon jetzt, und ehe sein Schicksal entschieden ist, ausgeführt wäre. Einen Übersetzer getraue ich mir hier zu finden an dem preußischen Legationssecretair Lautier, der die Sprache in der Gewalt hat und gern etwas nebenher verdient. Bleibst Du bei diesem Gedanken, so schicke mir nur Dein Manuscript. Ob man jetzt schweigen oder reden soll, ist eine schwere Frage. Die Stimme der Vernunft wird in dem Moment der Krise nicht gehört; alles schwankt zwischen zwei Extremen der Leidenschaft – Furcht oder Übermuth. Nur Leidenschaft kann mit Erfolg zur Leidenschaft sprechen; aber die veredelte zur ausgearteten, die Begeisterung zur Schwärmerei, der ächte Patriotismus zur Empörungssucht. Aber wo die Krise noch nicht ihren Anfang genommen hat, darf sie nach meiner Überzeugung ein wohlwollender Schriftsteller nicht beschleunigen. Sein Zweck mag noch so edel sein, er ist nie Herr über das Mittel, das er gebrauchen will. Das Werk seines Geistes darf er nie dem Zufalle preisgeben, aber das Werk des Zufalls kann er zu einem Kunstwerk erhöhen. – Ist die Krise geendigt, so ist es Zeit zu einer freimüthigen oder ruhigen Untersuchung. Diese kann sodann einen neuen Vorrath von bestimmten und fruchtbaren Ideen in Umlauf bringen, der bei einer künftigen Krise seine wohlthätigen Wirkungen äußern würde. Für diesen Zeitpunkt spare ich mancherlei auf, das ich jetzt mir über gewisse Gegenstände ausgedacht habe. Daß aber schon jetzt ein Ausländer von anerkanntem Rufe durch ein Werk der Beredsamkeit sich einen Einfluß auf die Franzosen verschaffen könne, möcht ich zwar nicht bestreiten, aber ich zweifle an der Dauer dieser Wirkung. Die politische Sophisterei ist vielleicht nie in größerer Vollkommenheit getrieben worden, als jetzt bei diesem Volke, und die Beweglichkeit, mit der seine Empfindung so leicht von einem Extreme zum anderen übergeht, macht es dem neuen Redner nie schwer, den Eindruck des vorhergehenden wieder auszulöschen. K. |
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