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            Christian Gottfried Körner
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Jena, 21. December 1792.

Unsere Correspondenz ist seit einiger Zeit in Stocken gerathen, weil Du Zerstreuungen hattest, und ich Geschäfte. Da mir die vielen schlaflosen Nächte gewöhnlich die Vormittage wegnehmen, so verliere ich viel Zeit, daß ich kaum zur Ästhetik genug übrig behalte. Diese geht indessen ihren ordentlichen Gang, und ich werde Dir in einigen Monaten die Resultate meiner Untersuchungen vorlegen können.

Über die Natur des Schönen ist mir viel Licht aufgegangen, so daß ich Dich für meine Theorie zu erobern glaube. Den objectiven Begriff des Schönen, der sich eo ipso auch zu einem objectiven Grundsatz des Geschmacks qualificirt, und an welchem Kant verzweifelt, glaube ich gefunden zu haben. Ich werde meine Gedanken darüber ordnen, und in einem Gespräch: Kallias, oder über die Schönheit, auf die kommenden Ostern herausgeben.1) Für diesen Stoff ist eine solche Form überaus passend, und das Kunstmäßige derselben erhöht mein Interesse an der Behandlung. Da die meisten Meinungen der Ästhetiker vom Schönen darin zur Sprache kommen werden, und ich meine Sätze soviel wie möglich an einzelnen Fällen anschaulich machen will, so wird ein ordentliches Buch von der Größe des Geistersehers daraus werden.

Zu etwas Poetischem fehlt es mir diesen Winter mehr an Zeit, als es mir vielleicht an Begeisterung fehlen würde – wiewohl ich gestehen muß, daß der noch so zweifelhafte Zustand meiner Gesundheit mein Gemüth zwar nicht niederdrückt, aber doch auch nicht unbefangen genug sein läßt. Nur diesen Winter laß mich überstehen, so wird auch für meinen Geist viel gewonnen sein.

Döderlein ist vor vierzehn Tagen gestorben, wie Dir vielleicht aus Zeitungen wird bekannt sein. Es ist schade, daß die Stelle nicht einträglich genug ist, um Euren Reinhardt hierher zu vociren. – Ich glaube, daß man eine vortreffliche Acquisition an ihm machen würde.

Mein Zirkel ist durch einen neuen Landsmann von mir vermehrt worden, der alle andere weit übertrifft. Er war mehrere Jahre Hofmeister des Prinzen von Würtemberg, ist aber kürzlich mit dem Vater zerfallen, und ungeachtet aller Aussichten, die er dadurch einbüßt, hat er sich durch keine Anträge bewegen lassen zu bleiben. Er ist hier, um Jurisprudenz zu studiren, nachdem er in der Theologie völlig absolvirt hat.

Forsters Betragen wird gewiß von jedem gemißbilligt werden; und ich sehe voraus, daß er sich mit Schande und Reue aus dieser Sache ziehen wird. Für die Mainzer kann ich mich gar nicht interessiren; denn alle ihre Schritte zeugen mehr von einer lächerlichen Sucht sich zu signalisiren, als von gesunden Grundsätzen, mit denen sich ihr Betragen gegen die Andersdenkenden gar nicht reimt. Ich möchte doch wissen, wo Huber sich jetzt aufhält, und ob er noch in jenen Gegenden bleiben wird. Hier habe ich nichts mehr von ihm erfahren.

Weißt Du mir niemand, der gut in’s Französische übersetzte, wenn ich etwa in den Fall käme, ihn zu brauchen? Kaum kann ich der Versuchung widerstehen, mich in die Streitsache wegen des Königs einzumischen, und ein Memoire darüber zu schreiben. Mir scheint diese Unternehmung wichtig genug, um die Feder eines vernünftigen zu beschäftigen; und ein deutscher Schriftsteller, der sich mit Freiheit und Beredsamkeit über diese Streitfrage erklärt, dürfte wahrscheinlich auf diese richtungslosen Köpfe einigen Eindruck machen. Wenn ein Einziger aus einer ganzen Nation ein öffentliches Urtheil sagt, so ist man wenigstens auf den ersten Eindruck geneigt, ihn als den Wortführer seiner Classe, wo nicht seiner Nation anzusehen; und ich glaube, daß die Franzosen gerade in dieser Sache gegen fremdes Urtheil nicht ganz unempfindlich sind. Außerdem ist gerade dieser Stoff sehr geschickt dazu, eine solche Vertheidigung der guten Sache zuzulassen, die keinem Mißbrauch ausgesetzt ist. Der Schriftsteller, der für die Sache des Königs öffentlich streitet, darf bei dieser Gelegenheit schon einige wichtige Wahrheiten mehr sagen, als ein anderer, und hat auch schon etwas mehr Credit. Vielleicht räthst Du mir an zu schweigen, aber ich glaube, daß man bei solchen Anlässen nicht indolent und unthätig bleiben darf. Hätte jeder freigesinnte Kopf geschwiegen, so wäre nie ein Schritt zu unserer Verbesserung geschehen. Es giebt Zeiten, wo man öffentlich sprechen muß, weil Empfänglichkeit dafür da ist, und eine solche Zeit scheint mir die jetzige zu sein.

S.

Ü    Þ


1) Was bekanntlich nicht geschehen ist. ­

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