Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            Christian Gottfried Körner
               Inhalt
               Vorwort
               1784
               1785
                  ...
                  3.7.1785, an Körner
                  8.7.1785, an Schiller
                  11.7.1785, an Körner
                  17.7.1785, an Schiller
                  7.8.1785, an Körner
                  14.8.1785, an Schiller
                  6.9.1785, an Körner
                  10.9.1785, an Körner
                  13.9.1785, an Huber
                  5.10.1785, an Huber
               1786
               1787
               1788
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               1804
               1805

* [Schiller an Huber.] Dresden, 5. October 1785.

Deinen Brief, Lieber, erhalte ich eben nach einem kleinen Spaziergang im Japanschen Garten, wo ich sehr lebhaft mit Dir beschäftigt war. Möchte Deine Seele mir jederzeit so nahe sein, als mir meine Phantasie dazu Hoffnung macht! Anfangs habe ich geglaubt, es würde mir in den ersten Dresdener Wochen so schwer nicht fallen, von Dir getrennt zu sein, aber ich fand es anders. Warum, kann ich Dir nicht wohl sagen. Wahrscheinlich ligt die Schuld an uns Beiden. Wahrscheinlich und hoffentlich. Ich habe Dir viel zu sagen, doch bin ich ungewiß, ob ich Dirs sagen werde. Meine Seele ist beklemmt, gib Dir keine Mühe, Sinn aus meinen Worten zu ziehen, und wenn Du nach Deiner Ankunft mich fragen solltest, und ich Dir ausweichen will, so forsche nicht weiter.

Es waren viel Freuden auf Dich, wenn Du einmal hier existieren wirst, unter andern auch diese, meinem Freunde wiedergegeben zu sein, dem Du unentbehrlich bist.

(Einige Zeilen des Originals sind hier unleserlich gemacht, vermuthlich von Therese Huber.)

Das Knabenjahr1) unseres Geistes wird jetzo aus sein, wie ich mir einbilde, so auch die Flitterwoche unsrer Freundschaft. Laß unsre Herzen sich jetzo männlich anschließen aneinander, wenig schwärmen und viel empfinden, wenig projectieren und desto fruchtbarer handeln.

Enthousiasmus und Ideale, mein Theuerster, sind unglaublich tief in meinen Augen gesunken. Gewöhnlich machen wir den Fehler, die Zukunft nach einem augenblicklich höhern Kraftgefühl zu berechnen, und den Dingen um uns her die Farbe unsrer Schäferstunde zu geben. Ich lobe die Begeisterung, und liebe die schöne ätherische Kraft, sich in eine große Entschließung entzünden zu können. Sie gehört zu dem bessern Mann, aber sie vollendet ihn nicht. Enthousiasmus ist der kühne kräftige Stoß, der die Kugel in die Luft wirft, aber derjenige hieße ja ein Thor, der von dieser Kugel erwarten wollte, daß sie ewig in dieser Richtung und ewig mit dieser Geschwindigkeit auslaufen sollte. Die Kugel macht einen Bogen, denn ihre Gewalt bricht sich in der Luft. Aber im süßen Moment der idealistischen Entbindung pflegen wir nur die treibende Macht2), nicht die Fallkraft und nicht die widerstehende Materie in Rechnung zu bringen. Überblättre diese Allegorie nicht, mein Bester, sie ist gewiss mehr als eine poetische Beleuchtung, und wenn Du aufmerksam darüber nachgedacht hast, so wirst du das Schicksal aller menschlichen Plane gleichsam in einem Symbol darin angedeutet finden. Alle steigen und zielen nach dem Zenith empor, wie die Rakete, aber alle beschreiben diesen Bogen und fallen rückwärts zu der mütterlichen Erde. Doch auch dieser Bogen ist ja so schön! Siehst du, geliebter theurer Freund, so tröste ich mich über das menschliche Schicksal meiner übermenschlichen Erwartungen. Hier fällt mir eine Periode aus dem Werther bei, den meine Phantasie (durch welche leise Ahndung? weiß ich nicht) aus meinen Kinderjahren aufbehalten hat. Es ist ein Orakel, das über mein ganzes Leben scheint ausgesprochen zu sein: Es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft. Ein großes dämmerndes Ganze ligt vor unsrer Seele, unsre Empfindung verschwimmt sich darin, und wenn das Dort nun Hier wird, ist alles nach wie vor, und unser Herz lechzt nach entschlüpftem Labsal3). – Wenn Du also in Dresden-Neustadt hereinfährst, so wirf alle Ideale über Bord, vergiß den Perpendikularflug Deiner Plane und mache Dich auf den Bogen gefaßt.

O ich drücke Dich im Geiste an mein Herz – (mein Rodrigo! möcht’ ich Dir zurufen). Wenigstens wollen wir Arm in Arm bis vor die Fallthüre der Sterblichkeit dringen, wo die Linien zwischen Menschen und Geistern gezogen sind. Enthousiasmus bleibe stets unsre erste treibende Gewalt, unsere Kugel soll wenigstens so kräftig von der Hand emporfliegen, daß der Bogen in die Wolken verschwinden und ihr Rückfall kaum mehr geglaubt werden soll. Möchtest Du Dich so innig auf unsre Wiedervereinigung freuen als ich!

Der Vorgang mit Schlossers Fragmenten4) ist Körnern und mir ganz lieb. Deine Übersetzung gewinnt dadurch an Neuheit und innerm Werth. Da es Dein erster Ausflug über die jenseitigen Ufer des Rheins ist, den Du noch oft wirst zu wiederholen finden, so freut mich Dein Muth und Dein Wohlgefallen an dieser Beschäftigung. Ob Du mit dem versprochnen Beitrag zur Thalia Wort halten wirst, das ist die Frage. Versuch es einmal, Lieber, und überrasche mich. Ich will Dir versprechen, daß ich Dirs nicht zutrauen will.

„Die Vernunft der Weisen
spricht seiner Allmacht dieses Wunder ab,
beschäme sie und mache wahr und wirklich
was – – – nie gewesen5).

Eine schwere – vielleicht die schwerste – Scene im Karlos, die mit der Fürstin, ist bis auf das letzte Viertel zu Ende, und ich habe Hoffnung, daß ich damit zufrieden sein werde. Ich lese jetzt stark im Watson6), und mein Philipp und Alba drohen wichtige Reformen. Noch sehe ich die chaotische Masse des übrigen Karlos mit Kleinmut und Schrecken an. Liebster Freund, warum wird mir immer noch so schwindelnd, wenn ich am Enceladus Shakespear hinaufsehe!

(Zehn Zeilen des Originals, Dora Stock betreffend, sind unleserlich gemacht.)

In der Bibliothek bin ich nunmehr bekannt. Unser Logis wird innerhalb acht Tagen leer werden, denn die bisherigen Bewohner dürfen den Dresdner Einrichtungen nach vor 14 Tagen nach dem Termin (der von Michaelis) nicht aus ihren Quartieren vertrieben werden.

Ich habe diesen Brief traurig angefangen, aber der Spaziergang mit Dir hat mein Herz erleichtert. Körners grüßen Dich herzlich. Ich sitze Körnern ein bischen auf dem Nacken, daß er etwas arbeiten soll. Heute habe ich einige Manuscripte von ihm über die Cultur gelesen, worin Gedankengehalt ist.

Lebe tausendmal wol. Schreibe mir, wenn Du kannst, diese Tage wieder. Bei Kunzens und Consorten wirst Du mich natürlicher Weise freundschaftlichst empfehlen. Lebe wohl und sei vergnügt.

Fridrich Schiller.

Ü    Þ


1) Die folgenden drei Absätze erschienen, hin und wider etwas verändernt, im Morgenblatt 1807 Nr. 281 ohne Bezeichnung des Adressaten. A. v. Keller gab dieselben Absätze „nach einer Abschrift“, die nur aus dem Morgenblatt genommen sein kann, in seinen Beiträgen zur Schillerlitteratur (Tübingen 1859) S. 46 f. ohne Datum als „an Körner“ gerichtet. Die Berliner Sammlung der Briefe Schillers gab dem Bruchstücke das willkürliche Datum: Leipzig, 18. August 1785. ­
2) Die Drucke geben: „Kraft“; aber dies Wort hat Schiller gerade gestrichen und dafür Macht geschrieben.
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3) Die etwas abgekürzte Stelle ist aus Werthers Briefe vom 21. Juni S. 46 entlehnt. Goethes Werke. Ausg. letzter Hand 16, 39.
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4) Huber übersetzte dieselben ins Französische.
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5) Worte Posas, Thalia S. 175. S. Schr. 5, 1, 63 f.
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6) Geschichte der Regierung Philipps des Zweiten von Rob. Watson (Übers.) Lübeck 1778. 11. 8°. S. Schr. 4, 107.
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