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L.Jena, 21 März 1796. Mein letzter Brief hat Ihnen nun schon gemeldet, liebster Freund, daß vor der Hand weder an Stanzen, noch an etwas Episches bei mir zu denken ist. Ich kann also von Ihren Bemerkungen über den eigentlichen rechten Gebrauch gereimter Sylbenmaße sobald keinen Gebrauch für mich selbst machen, obgleich ich Ihren Ideen im Ganzen beipflichte. Nur däucht mir, erklären Sie sich zu sehr aus dem innern Wesen, was oft nur zufällig ist. So glaube ich, daß der Reim seinen Ursprung einer Sprache zu danken hat, die viele Wörter mit gleichen Endungen besitzt, und daß theils dieses, theils die Bequemlichkeit für das Gedächtniß ihn einführte. Daß sich der Reim sehr gut mit naiven Dichtungen vertrage, lehrt gerade sein Ursprung; denn die italienischen Dichter, die Minnesänger und Troubadours und dergleichen, obgleich sie den alten an Werth nicht beikommen, gehören doch mehr in die Classe der naiven, als der sentimentalen Dichtung. Dann ist auch ferner nicht zu läugnen, aß der Reim in den fröhlichen und scherzhaften Gattungen sich mit der größten Naivetät des dichterischen Gefühls verträgt; ich will hier nur Lafontaine’s Erzählungen anführen. Mir däucht, daß sich die alten Sylbenmaße, wie z. B. der Hexameter, deßwegen so gut zur naiven Poesie qualificiren, weil er ernst und gesetzt einherschreitet und mit seinem Gegenstand nicht spielt. Nun gibt dieser Ernst, z. B. im Fuchs, der Erzählung einen gewissen größeren Schein von Wahrhaftigkeit, und diese ist das erste Erforderniß des naiven Tons, wo der Erzähler nie den Spaßmacher spielen, und aller Witz ausgeschlossen bleiben soll. Auch däucht mir, ist der Hexameter schon deßwegen in dergleichen Gedichten so angenehm, und vermehrt das Naive, weil er an Homer und die Alten erinnert. Uebrigens bin ich mit Ihnen überzeugt, daß der Reim mehr an Kunst erinnert, und die entgegengesetzten Sylbenmaße der Natur viel näher liegen. Aber ich glaube, daß jenes Erinnern an Kunst, wenn es nicht eine Wirkung der Künstlichkeit oder gar der Peinlichkeit ist, eine Schönheit involvirt, und daß es sich mit dem höchsten grade poetischer Schönheit (in welche naive und sentimentale Gattung zusammenfließen) sehr gut verträgt. Was man in der neueren Poesie (der gereimten) vorzüglich schöne Stellen nennt, möchte meinen Satz beweisen; in solchen Stellen ergötzt uns die Kunst als höchste Natur und die Natur als Wirkung der höchsten Kunst; denn erst dann erreicht unser Genuß seinen höchsten Grad, wenn wir beides zusammen empfinden. Das ist eine Unart des Reims, daß er fast immer an die Poeten erinnert, so wie in der freien Natur eine mathematisch strenge Anordnung, eine Alle z. B. an die Menschenhand. Aber ich glaube, daß selbst dieses – wen nur das Uebrige reine objective Natur ist – der höchsten ästhetischen Wirkung nicht entgegen ist. Aber lassen Sie mich auch hier von den Reimen scheiden, wie ich in der That – auf eine Zeit lang nämlich – von ihnen Abschied genommen habe, es müßte denn schon seyn, daß ich in meinem Schauspiel gereimte Scenen nach Shakespears Beispiel einmischte, wozu es jetzt noch keinen Anschein hat. Ich bin jetzt wirklich und in allem Ernst bei meinem Wallenstein, und habe die letzten fünf Tage dazu angewendet, die Ideen zu revidiren, die ich in verschiedenen Perioden darüber niederschrieb. Groß war freilich dieser Fund nicht, aber auch nicht ganz unwichtig, und ich finde doch, daß schon dieses, was ich bereits darüber gedacht habe, die Keime zu einem höhern und ächtern dramatischen Interesse enthält, al sich je einem Stück habe geben können. Ich sehe mich überhaupt auf einem sehr guten Wege, den ich nur fortsetzen darf, um etwas Gutes hervorzubringen; dieß ist schon viel, und auf alle Fälle sehr viel mehr, als ich in diesem Fache sonst von mir rühmen konnte. Vordem legte ich das ganze Gewicht in die Mehrheit des Einzelnen, jetzt wird Alles auf die Totalität berechnet, und ich werde mich bemühen, denselben Reichthum im Einzelnen mit eben so vielem Aufwand von Kunst zu verstecken, als ich sonst angewandt, ihn zu zeigen, und das Einzelne recht vordringen zu lassen. Wenn ich es auch anders wollte, so erlaubte es mir die Natur der Sache nicht; denn Wallenstein ist ein Charakter, der – als ächt realistisch – nur im Ganzen, aber nie im Einzelnen interessiren kann. Ich habe bei dieser Gelegenheit einige äußerst treffende Bestätigungen meiner Ideen über den Realism und Idealism bekommen, die mich zugleich in dieser dichterischen Composition glücklich leiten werden. was ich in meinem letzten Aufsatz über den Realism gesagt, ist von Wallenstein im höchsten Grade wahr. Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen Lebensact groß, er hat wenig würde und dergleichen; ich hoffe aber nichts destoweniger auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip in sich hat. Vordem habe ich wie im Posa und Carlos, die fehlende Wahrheit durch shcöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im Wallenstein will ich es probiren, und durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität (die sentimentalische nämlich) entschädigen. Die Aufgabe wird dadurch schwerer, und folglich auch interessanter, daß der eigentliche Realism den Erfolg nöthig hat, den der idealische Charakter entbehren kann. Ungücklicherweise aber hat Wallenstein den Erfolg gegen sich, und nun erfordert es Geschicklichkeit, ihn auf der gehörigen Höhe zu erhalten. Seine Unternehmung ist moralisch schlecht, und sie verunglückt physisch. Er ist im Einzelnen nie groß, und im Ganzen kommt er um seinen Zweck. Er berechnet Alles auf die Wirkung, und diese mißlingt. Er kann sich nicht, wie der Idealist, in sich selbst einhüllen, und sich über die Materie erheben, sondern er will die Materie sich utnerwerfen, und erreicht es nicht. Sei sehen daraus, was für delicate und verfängliche aufgaben zu lösen sind, aber mir ist dafür nicht bange. Ich habe die Sache von einer Seite gefaßt, von der sie sich behandeln läßt. Daß Sie mich auf diesem neuen, und mir nach allen vorhergegangenen Erfahrungen, fremden Wege mit einiger Besorgniß werden wandeln sehen, will ich wohl glauben. Aber fürchten Sie nicht zu viel. Es ist erstaunlich, wieviel Realistisches schon die zunehmenden Jahre mit sich bringen, wieviel der anhaltende Umgang mit Goethe und das Studium der Alten, die ich erst nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat. Daß ich auf dem Wege, den ich nun einschlage, in Goethe’s Gebiet gerathe, und mich mit ihm werde messen müssen, ist freilich wahr; auch ist es ausgemacht, daß ich hierin neben ihm verlieren werde. Weil mir aber auch etwas übrig bleibt, was Mein ist und Er nie erreichen kann, so wird sein Vorzug mir und meinem Product keinen Schaden thun, und ich hoffe, daß die Rechnung sich ziemlich heben soll. Man wird uns, wie ich in meinen muthvollsten Augenblicken mir verspreche, verschieden specificiren, aber unsere Arten einander nicht unterordnen, sondern unter einem höheren idealischen Gattungsbegriff einander coordiniren. Doch genug von diesen Raisonnements. Sie werden sagen, daß die Sache selbst allein hier entscheiden könne, und diese wird jetzt auch mein ernstliches Geschäft seyn. Vor Ihrer Ankunft in Jena, welche doch wohl im August erfolgt, werde ich noch nichts eigentlich ausgeführt haben, aber dann, hoffe ich, soll der Plan ziemlich zu Stande seyn, und mit dem Plan ist auch die eigentliche poetische Arbeit vollendet. Uebermorgen, liebster Freund, reise ich auf vierzehn bis achtzehn Tage nach Weimar, wenn meine Gesundheit es erlaubt. Ich habe Goethen versprochen, während Iflands Anwesenheit, der am Charfreitag ankommt, ihm Gesellschaft zu leisten, damit er für Ifland um so eher eine Societät eröffnen könne. Er wollte nicht gern zu viel Anstalten Iflands wegen machen, und doch wissen Sie, daß man in Weimar Alles aufbieten muß, um auch nur etwas von Societät zu haben. Nun geht ein Theil der Societätsarrangements auch auf meinen Namen, und wenn wir, Goethe und ich, beide zusammen sind, so verwandelt sich die ganze Historie in eine Komödie für uns. Sey’n Sie also so gut, Lieber, mir Ihren nächsten Brief nach Weimar zu adressiren. Ihrer Frau unsere herzlichsten Grüße. Möchte sie doch endlich einmal wieder Besserung spüren. Ihr Sch. |
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