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XLVI.

Berlin, den 12 Januar 1796.              

   Es war mir heute doppelt erfreulich zu hören, daß Ihnen, liebster Freund, meine vorigen Briefe noch Stoff zum Nachdenken hinterlassen haben, da ich heute kaum hoffen darf, Ihnen mehr als einige Zeilen zu schreiben. Schon seit einigen Tagen war ich nicht recht wohl, und gestern, wo ich den ganzen Nachmittag und Abend in der Oper zubrachte und mich vielleicht erkältete, nahm das Uebel zu, so daß ich heute mediciniren mußte. Daher ist mir der Kopf äußerst wüst, und es wird mir schwer, nur einige Gedanken zusammenzubringen.

   Von der Oper muß ich Ihnen doch noch einige Worte sagen. Sie gehört im Ganzen zwar wohl nicht zu den besten in Europa, indeß gibt es hier eine wirklich große und talentvolle Sängeirn, die Marchetti. allein was das dießjährige Carneval auszeichnet, ist eine Tänzerin aus Wien, Mad. Vigano, die wirklich jede Beschreibung übertreffen würde. Ich gäbe viel darum, wenn Sie sie sehen könnten. Eindrücke dieser Art pflegen schon durch ihre Seltenheit stark auf Sie zu wirken. Die Vigano glänzt nicht eigentlich durch die gewöhnlichen Tänzerkünste, durch große und vielfache Sprünge, sondern allein durch eine unbegreifliche Anmuth und Grazie der Stellungen. Ihre sehr große Stärke braucht sie allein dazu, ihrer Grazie Fundament und Festigkeit zu geben. Sie scheint mir mehr für den niedrigern und komischen als für den pathetischen Tanz gemacht. Aber in jenem besitzt sie auch eine wahrhaft rührende Naivetät. Schon ihr Anzug verkündet einen edlen und schönen Geschmack. Ohne auch das feinste Gefühl zu beleidigen, läßt er fast den ganzen Körper in seiner natürlichen Anmuth sehen. Ihre Tänze an sich haben wenig Charakteristisches, überhaupt wird man gar nicht An Kunst und nur sehr wenig selbst ans Theater erinnert. Man sieht eine liebenswürdige weibliche Figur mit immer gleicher Natur, Wahrheit und Grazie mit durchgängiger Harmonie und Einheit eine Menge wechselnder Stellungen und Gänge machen; und wenn aller übriger Tanz bald pittoresk durch die Mannichfaltigkeit der Bewegungen, bald charakteristisch durch das, was er darstellt, wirkt, so wirkt dieser, ohne jene Vorzüge (die nur vielmehr vor dem überwiegenden verschwinden) zu entbehren, durch den Charakter, den er selbst durchaus na sich trägt. Gerade aber durch diese einfache und natürliche Wahrheit macht er auf mich einen ganz vorzüglichen Eindruck, und noch nie habe ich das Bild der Leichtigkeit und Grazie so rein aus einem lebendigen Anblick geschöpft. Man würde diese Tänzerin nicht mit Unrecht mit einer lebenden Antike vergleichen, wenn nicht fast alle weiblichen Antiken ein gewisses Pathos an sich trügen, das ich wenigstens bis jetzt in ihr nicht kenne, ob ich sie gleich dessen nicht unfähig halten möchte.

   Da die Menschen Alles, was graziös und einfach ist, Griechisch nennen, so erhält die Vigano diesen Namen in doppeltem Grade. Indeß ist es mir auffallend gewesen, wie sehr, ungeachtet jener hervorstechend einfachen Naivetät, der Charakter des Modernen ihrem Tanz aufgeprägt ist. Wahrscheinlich liegt es doch noch in etwas für das Alterthum zu Manierirtem und Verfeinertem, ine iner gewissen luxurirenden Mannichfaltigkeit der Bewegungen und Stellungen. Ueberhaupt ist es (wenigstens aus den uns übrig gebliebenen Resten) schwer, das Eigenthümliche dieser Tänze, das Edelkomische (edler Anstand ohne alles Pathos) in irgend einer Gattung unter den Griechen wieder zu finden. Die Urbanität des Terenz, die wohl noch am besten auf den Menander und die neuere Komödie schließen läßt, ist gewissermaßen für jene Gattung zu leer, wenn sie auch immer ganz rein von demjenigen wäre, was doch schon an Unanständigkeit gränzt, was wenigstens (wie die Begegnung der Sclaven) nicht bloß unser, sondern das natürliche Gefühl überhaupt zurückstößt. Die ächt griechische Idylle aber hat auch, z. B. im Theokrit, nicht wenig ächt Bäuerisches und Sicilianisches. Außer diesen beiden Gattungen bleibt nun nichts übrig als die Mimen, die im Grunde bloße Nachahmungen einzelner Scenen aus dem gemeinen Leben, vorzüglich der niedrigern Stände waren, wo man z. B. das Gespräch einiger Weiber über irgend ein großes Fest, den Krankenbesuch eines Arztes oder dergleichen schilderte. Von diesen weiß man freilich zu wenig, und sie müssen noch am meisten mit einzelnen Scenen, z. B. des französischen Theaters übereingekommen seyn.

   Aber lachen Sie nicht, wohin ich mich von der kleinen Tänzerin aus verirrt habe? Indeß sollten Sie es fühlen, wie ich, liebster Freund, wie selten mir der Genuß an irgend einigem gesellschaftlichen Raisonnement wird, um ganz zu begreifen, wie ich in meinen Briefen an Sie immer und von jedem Gegenstand dahin zurückkomme.

   Mein hiesiger Aufenthalt wird wohl ziemlich noch an drei Wochen dauern, da ich wahrscheinlich das Ende des Carnevals hier abwarte. Meine Frau vorzüglich findet doch zu viel Nahrung für ihre Liebhaberei zur Musik hier, und hat noch so wenig in dieser Art gehört, daß ich schon ihretwegen gern hier verweile, so willig sie auch ist, wieder mit mir in die Einsamkeit zurückzukehren, und dann kommt ihre Kränklichkeit, meine Augenschwäche u. s. w. hinzu. Sind wir indeß wieder in Tegel, so bleiben wir auch bis zu Alexanders Ankunft, der uns hier besuchen will, dort. Doch ist es noch unbestimmt, wie früh oder spät diese erfolgt.

   Tausend Grüße von meiner Frau an Sie und die liebe Lolo. Warum bin ich nicht bei Ihnen? Sie glauben es kaum, wie sehr mich diese sehnsuchtsvolle Frage oft beschäftigt. Adieu!

H.             

Ü   Þ

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