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XLIV.Jena, den 4 Januar 1796. Sie haben mir, liebster Freund, in Ihren neuesten Briefen so vielen Stoff zum Nachdenken gegeben, daß ich Ihnen in meinen Antworten kaum in gleichem Verhältniß werde nachkommen können. Besonders ist die Frage: „in wie fern die individuell bestimmte Geistesform sich mit Idealität vertrage?“ so wie auch der Satz: „daß die Ausbildung des Individuums nicht sowohl in dem vagen Anstreben zu einem absoluten und allgemeinen Ideal, als vielmehr in der möglichst reinen Darstellung und Entwickelung seiner Individualität bestehe, von äußerster Wichtigkeit.“ Ich werde darüber nachdenken, und was mir klar wird, Ihnen schreiben. So viel ist mir in Rücksicht auf das erste jetzt schon klar, „daß jede Individualität in dem Grade idealisch ist, als sie selbstständig ist, das heißt, als sie innerhalb ihres Kreises ein unendliches Vermögen einschließt, und dem Gehalt nach Alles zu leisten vermag, was der Gattung möglich ist. Doch ich kann jetzt nicht mehr darüber sagen; denn Goethe, der bei uns ist, macht mir zu viel Lärm, und von einem Aderlasse, das ich heute vorgenommen, ist mir der Kopf eingenommen.“ Sie schrieben mir neulich nicht, welcher Schlegel Ihnen einen Aufsatz zur Kenntniß der Griechen geschickt. Doch wohl der aus Dresden? Heute habe ich auch meinen Aufsatz, die sentimentalischen Dichter betreffend, für das erste Januarstück geendigt und abgeschickt. Ich hätte Ihnen eine Copie davon gesandt, aber mein Abschreiber ist diese Weihnachtsferien abwesend. Heute nichts mehr. Hier zu Ihrer Unterhaltung einige fremde Sachen. Adieu, mein theurer Freund. Ich schreibe den nächsten Posttag. Herzliche Grüße an Caroline. Ihr Sch. Spät Abends. N. S. Was Sie mir von dem Almanach schreiben, war mir sehr angenehm; denn daß mit Begierde darnach gegriffen wird, ist Alles, was ich verlange. Diese Stimmung des Publicums macht doch die Existenz solcher Werke möglich; auf den innern Charakter der Producte soll das Urtheil der Majorität, hoffe ich, bei mir nie einen Einfluß haben. Es ist mein ernstlicher Vorsatz des Almanachs mich mit allen Kräften anzunehmen, und selbst das, was ich in diesen Tagen anfange zu arbeiten, dürfte ihm wahrscheinlich zufallen. In diesem Jahre werde ich, außer einigen leichten Anmerkungen zu der Schrift der Frau v. Stael, welche ich doch nicht so ganz kahl mag abdrucken lassen, und außer der Recension des Meisters, an welche ich etwas wenden will, mich ganz der Poesie ergeben. Seitdem Goethe hier ist, haben wir angefangen, Epigramme von einem Distichon im Geschmacke der Xenien des Martial zu machen. In jedem wird nach einer deutschen Schrift geschossen. Es sind schon seit wenig Tagen über zwanzig fertig, und wenn wir etliche hundert fertig haben, so soll sortirt und etwa einhundert für den Almanach beibehalten werden. Zum Sortiren werde ich Sie und Körnern vorschlagen. Man wird schrecklich darauf schimpfen, aber man wird sehr gierig darnach greifen, und an recht guten Einfällen kann es natürlicher Weise unter einer Zahl von hundert nicht fehlen. Ich zweifle, ob man mit einem Bogen Papier, den sie etwa füllen, so viele Menschen zugleich in Bewegung setzen kann, als diese Xenien in Bewegung setzen werden. So eben ist Schütz von mir gegangen, und was er mir von der unter Händen habenden Recension der Horen sagte, befreit mich, und vermuthlich auch Sie von einem großen Theil unserer Besorgnisse. Für’s Erste hat Schlegel nicht nur alle Gedichte, sondern auch alle ästhetischen Aufsätze (den rhodischen Genius und Las Casas miteingerechnet) zur Recension bekommen, die er auch schon seit acht Tagen eingeschickt hat, und so daß Schütz sich einbildet, mich recht sehr damit zu erfreuen. Für’s Zweite hat er mir versichert, daß der Hallischen Annalen nicht erwähnt werden solle, und daß er sowohl die Würde der Horen, als der Literaturzeitung zu sehr respectirte, um sich ihrer gegen den Hallischen Recensenten anzunehmen. Allgemeiner sarkastischer Winke, wie er sagt, habe er sich wohl bedient, und dieses Vergnügen wollen wir ihm auch gönnen. Da ich ihn nicht gespannt oder verlegen, sondern ziemlich degagirt fand, so schließe ich auch, daß er in Rücksicht auf unsere philosophischen Aufsätze ein gutes Gewissen haben muß, obgleich er mir darüber nichts sagte. Er spricht auch von einer großen Länge der Recension, und mich freut, daß er hierin einigen Muth beweist, da man gerade die Länge der ersten so wenig hat verzeihen können. Er offerirte mir, ob ich die Schlegel’sche Recension erst im Manuscript sehen wolle, welches ich nicht nöthig fand; sein eigenes Machwerk hat er mir nicht zu zeigen offerirt, und ich wollte durch eine solche Motion ihm kein MIßtrauen zeigen. Vielleicht schickt er mir es aber doch noch zu; denn es erscheint erst auf dem zweiten Zeitungsbogen, wie ich vermuthe; da er die Aufsätze nicht nach den Monatstücken, sondern unter den drei Rubriken, poetische, philosophische und historische Aufsätze durchgeht. Auch Schlegel hat mir gestern selbst davon geschrieben, der ganz voll Feuer für die Horen ist. Die Recension selbst erscheint auf einigen Supplement-Blättern, deren in diesem Jahre mehrere vorkommen sollen, weil die ordentlichen Supplement-Bände nicht zu Stande kommen. In spätestens vierzehn Tagen werden wir sie lesen. Leben Sie wohl, lieber Freund. An Ihre Frau von uns herzliche Grüße. Ihr Sch. |
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