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               22.10.1803 an Schiller
               2.4.1805 an Humboldt

XLII.

Jena, den 25 December 1795.              

   Wie freut es mich, lieber Freund, daß ich Sie mit meiner Arbeit zufrieden sehe, und daß wir auch hier nicht bloß im Ganzen, sondern vorzüglich in gewissen einzelnen Pariten so sehr zusammen stimmen. Mir ist diese Arbeit viel näher liegend, als manche andere; sie scheint mir in einem höheren Grade mein zu seyn, sowohl des Gedankens wegen, als wegen seiner Anwendung auf mich selbst. Auch hat sie dadurch etwas Wohlthuenderes für den Geist, weil sie zu den Abstractionen auch die Erfahrungen gibt, und dadurch subjectiv etwas Ganzes leistet.

   Sie wünschen, daß ich der naiven Dichtung eine größere Ausführung gegeben haben möchte. Es wäre auch gewiß geschehen, wenn ich nur vorher selbst gewußt hätte, aß ich die Ausführung der sentimentalischen so weit treiben würde. aber der erste Aufsatz war schon abgeschickt, ehe ich recht wußte, wie viel Stoff mir der zweite geben würde. Beide Aufsätze beziehen sich mehr durch einen natürlichen Instinct in mir, als durch einen absichtlich entworfenen Plan auf einander, zu welchem es mir ganz und gar an Muße fehlte. Indeß werden Sie doch gefunden haben, daß in dem zweiten Aufsatz Manches in Rücksicht auf die naive Dichtung nachgeholt ist, und im dritten wird dieses vielleicht noch mehr der Fall seyn.

   Auf Ihr Bedenken habe ich Folgendes zu antworten. Es scheint aus Ihrem Anstoße zu erhellen, daß Sie den Gattungsbegriff der Poesie, der allerdings Individualität mit Idealität vereinigt fordert, zu sehr schon in die Arten legen. Ich betrachte diese letzteren mehr als die Gränzen des erstern, Sie scheinen solche mehr wie verschiedene Ausführungen desselben anzusehen. So viel ist aber gewiß, daß die naive Poesie einen begränzteren Gehalt, die sentimentalische eine weniger vollkommene Form hat. Freilich nimmt jede in demselben Grade mehr von dem Vorzug der andern an, als sie dem absoluten Dichtungsbegriff sich mehr annähert, und den Artcharakter mehr ablegt. Da ich aber diesen gerade streng unterscheiden wollte, so mußte ich das größere Gewicht auf die negative legen; ich mußte mehr von dem abstrahiren, was in einer jeden Art der Gattung angehört, um auf dasjenige aufmerksam zu machen, wodurch sie der Gattung entgegengesetzt ist. Naive Poesie verhält sich zur sentimentalischen (wie auch gesagt worden) wie naive Menschheit zur sentimentalischen. Nun werden sie aber gewiß nicht in Abrede seyn, daß die bloß naive Menschheit den Gehalt für den Geist nicht hat, welchen die sentimentalische, in der Cultur begriffene besitzt, und daß diese in der Form, in dem Gehalt für die Darstellung, der erstern nicht gleich kommt. Deßwegen ist die letztere, wenn sie sich vollendet hat, so weit über die erstere erhaben. Hat sie sich aber vollendet, so ist sie nicht mehr sentimentalisch, sondern idealisch: welches beides Sie, vielleicht durch meine eigene Veranlassung, zu sehr für eins nehmen. Die sentimentalische wird von mir nur als nach dem Ideale strebend vorgestellt (dieß ist in der dritten Abhandlung am bestimmtesten aufgeführt), daher ich ihr auch in effectu weniger Poetisches zugestehe als der naiven. Es ist auf dem Wege zu einem höheren poetischen Begriff, aber die naive hat einen nicht so hohen wirklich erreicht, ist also, der That nach, poetischer.

   Wir müssen also hier sorgfältig die Wirklichkeit von dem absoluten Begriffe scheiden. Dem Begriff nach, ist die sentimentalische Dichtkunst freilich der Gipfel, und die naive kann mit ihr nicht verglichen werden, aber sie kann ihren Begriff nie erfüllen, und erfüllte sie ihn, so würde sie aufhören eine poetische Art zu seyn. Der Wirklichkeit nach, ist es aber eben so gewiß, daß die sentimentalische Poesie, qua Poesie, die naive nicht erreicht.

  Ich muß Sie hier an Ihren eigenen Begriff von den Geschlechtern und deren Verhältniß zur geschlechtslosen Menschheit erinnern. Gegen die Frau betrachtet, ist der Mann mehr ein bloß möglicher Mensch, aber ein Mensch in einem höheren Begriff; gegen den Mann gehalten, ist die Frau zwar ein wirklicher, aber ein weniger gehaltreicher Mensch. Weil aber beide och in concreto Menschen sind, so sind sie, Jedes in seinem vollkommensten Zustande betrachtet, zugleich formaliter und materialiter sich gleicher. Gibt man aber ihre specifischen Unterschiede an, wie ich bei beiden Dichtungsarten thun wollte, so wird man den Mann immer durch einen höhern Gehalt und eine unvollkommnere Form, die Frau durch einen niedrigern Gehalt, aber eine vollkommnere Form unterscheiden. Sie selbst sagen in einem Ihrer Aufsätze. „Die Frau könne innerhalb ihres Geschlechtes, der Mann nur mit Aufopferung seines Geschlechts wahrer Mensch werden.“ Dasselbe sage ich auch in Rücksicht auf beide Dichtungsarten. Die sentimentalische Poesie ist zwar conditio sine qua non von dem poetischen Ideale, aber sie ist auch eine ewige Hinderniß desselben. Die naive Poesie hingegen stellt die Gattung reiner, obgleich auf einer niedrigern Stufe dar. Um endlich auch die Erfahrung zu befragen, so werden Sie mir eingestehen, daß kein griechisches Trauerspiel dem Gehalt nach sich mit demjenigen messen kann, was in dieser Rücksicht von Neuern geleistet werden kann. Eine gewisse Armuth und Leerheit wird man immer daran zu tadeln finden, wenigstens ist dieß mein immer wiederkehrendes Gefühl. Homers Werke haben zwar einen hohen subjectiven Gehalt (sie geben dem Geist eine reiche Beschäftigung), aber keinen so hohen objectiven (sie erweitern den Geist ganz und gar nicht, sondern bewegen nur die Kräfte, wie sie wirklich sind). Seine Dichtung haben eine unendliche Fläche, aber keine solche Tiefe. Was sie an Tiefe haben, das ist ein Effect des Ganzen, nicht des Einzelnen; die Natur im Ganzen ist immer unendlich und grundlos. Ich weiß nicht, ob wir hier von den Antiken reden dürfen, welche freilich ideal, aber sinnlich ideal sind, welches ich sehr von dem absoluten Ideal unterscheide, das in keiner Erfahrung kann gegeben werden, und nach welchem der sentimentale Dichter strebt. Die Poesie geht, dem Gehalt nach, unendlich weiter als die bildende Kunst. Auch möchte ich die Ideale der letztern in Vergleichung mit den Idealen jener mehr formale, als materiale nennen. Das Unendliche in der Form ist ihr Gehalt, und so gehören die plastischen Ideale noch ganz in das naive Gebiet, denn das sentimentalische liegt völlig außerhalb der Sinnenwelt. So wenig ich in der Erfahrung naive Poesieen finden kann, die dem Gehalte nach ein Unendliches wären, so wenig kann ich sentimentalische auffinden, die es der Form nach wären, und ist es überhaupt nur ohne Widerspruch möglich? Kann das sinnlich Erscheinende unendlich seyn, kann das Unendliche erscheinen? Nur indem sie den Gedanken von der Empfindung trennt, kann die Vernunft jenen ins Absolute hinüberführen, nur indem die Vernunft alles Empirische verläßt, kann sie als Vernunft sich äußern. Das Ideal entsteht ja auch, logischer Weise, nur durch Abstraction von aller Erfahrung, und mit dieser wird ja der naive Charakter aufgehoben. Ist aber die Erzeugung des Ideals nur durch Abstraction von aller Erfahrung möglich, wie soll es Erfahrung werden? Das Griechische plastische Ideal ist zwar auch durch eine Abstraction erzeugt, aber nur durch eine Abstraction von bestimmten Erfahrungen, nicht von aller Erfahrung, und das ist ein unendlicher Unterschied. Jenes hat auch Homer in seinen Dichtungen ausgeübt, aber nicht dieses. Er hat Verstandes-, aber keine Vernunft-Ideale.

Abends.              

   Der Kopf ist mir durch ein strenges Hinsehen auf meine Arbeit so angespannt, daß ich es dem Zufall überlassen muß, ob das hier Gesagte Ihnen meine Gedanken klar machen wird. Zu Auflösung von Zweifeln ist der Dialog fast unentbehrlich; eine Viertelstunde würde uns wahrscheinlich im Gespräch verständigen. Vielleicht löst mein dritter Aufsatz Ihre Bedenklichkeiten ganz: wenigstens will ich erst erwarten, was dieser für eine Wirkung haben wird.

   Eine Deduction beider Dichtungsweisen aus dem Begriff der Poesie, und die Deduction dieses Begriffs selbst, würde mich doch zu lang in dem Felde meiner jetzigen Untersuchung verweilen, und es ließe sich, da Alles mit Allem zusammenhängt, nicht voraus berechnen, wie weit sie mich führen würde. Dem Inhalte nach, ist sie sowohl in meinen Briefen über ästhetische Erziehung als in den gegenwärtigen drei Aufsätzen gegeben.

   Was auf die Aufsätze öffentlich erfolgen wird, bin ich wirklich begierig. Stille gehen sie nicht durch die Welt, und ihre größere Deutlichkeit erlaubt auch, daß man sich mehr darauf einläßt. Für die Horen ist dieß schon genug.

   Schlegel ist seit vierzehn Tagen wieder hier, und mit einer weitläuftigen Recension des Voßischen Homers beschäftigt, wovon ich, was fertig ist, gelesen, und sehr befriedigend gefunden habe. Voß kann gar nicht sehr davon erbaut werden, denn es wird ihm bewiesen, daß er den Homer erstaunlich modernisirt habe.

   Ihre Bekenntnisse über Sie selbst, mein liebster Freund, möchte ich Ihnen gern in einem eigenen Briefe beantworten; wenn ich mich nur ordentlich dazu sammeln könnte. So viel nur für jetzt: Ich bin überzeugt, was Ihrem schriftstellerischen Gelingen vorzüglich im Wege steht, ist sicherlich nur ein Uebergewicht des urtheilenden Vermögens über das frei Bildende, und der zuvoreilende Einfluß der Kritik über die Erfindung, welcher für die letztere immer zerstörend ist. Ihr Subject wird Ihnen zu schnell Object, und doch muß Alles auch im Wissenschaftlichen nur durch das subjective Wirken verrichtet werden. In diesem Sinne würde ich Ihnen natürlicherweise die eigentliche Genialität absprechen, von welcher Sie doch in einer anderen Rücksicht wieder so Vieles haben. Sie sind mir eine solche Natur, die ich allen sogenannten Begriffs- Menschen, Wissern und Speculatoren – und wieder eine solche Cultur, die ich allen genialischen Naturkindern entgegensetzen muß. Ihre individuelle Vollkommenheit liegt daher sicherlich nicht auf dem Wege der Produciton, sondern des Urtheils und des Genusses; weil aber Genuß und Urtheil in dem Sinne und in dem Maße, dessen beide bei Ihnen fähig sind, schlechterdings nicht ausgebildet werden können, ohne die Energie und Rüstigkeit, zu der man nur durch den eigenen Versuch und durch die Arbeit des Producirens gelangt, so werden Sie, um sich zu einem vollkommen genießenden Wesen auszubilden, das eigene Produciren doch nie aufgeben dürfen. Ihnen ist es aber nur ein Mittel, so wie dem productiven Gemüth die Kritik etc. etc. nur ein Mittel ist. Das ist es, lieber Freund, was ich von der Anschauung, die ich von Ihnen habe, mir sogleich klar machen kann. Sehen wir einander wieder, so werden wir bestimmter und ausführlicher darüber seyn können.

   Leben Sie wohl mit der guten Caroline, die wir alle, auch meine Schwiegermutter, die jetzt hier ist, auf das herzlichste grüßen. Ihre so wenig erfreuliche Lage in den jetzigen Umständen habe ich lebhaft mit Ihnen empfunden.

   Ewig der Ihrige.

Sch.              

      N. S.

   Ich habe anstatt des Mornus und Centaurs zum Titelkupfer des Almanachs eine Terpsichore gewählt, weil eine solche Figur, in Bewegung vorgestellt, einen graziösen Effect macht, und auch die allegorische Bedeutung davon gefälliger ist. Vielleicht ist solche, so wie wir sie wünschen, schon auf einer Gemme zu finden.

Ü   Þ

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