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XXXV.

Jena, den 29 November 1795.              

   Ich habe noch allerlei Materien in Ihren vorigen Briefen zu beantworten, lieber Freund, und werde dieß mit Gelegenheit nachholen. Heute z. B. Einiges, Ihre Anmerkungen über die Elegie betreffend.

   Ich will Ihnen nicht läugnen, daß ich mir auf dieses Stück auch am meisten zu gut thue, und vorzüglich in Rücksicht auf einige Erfahrungen, die ich unterdessen darüber machte. Mir däucht, das sicherste empirische Criterium von der wahren poetischen Güte eines Products dieses zu seyn, daß es die Stimmung, worin es gefällt, nicht erst abwartet, sondern hervorbringt, also in jeder Gemüthslage gefällt. Und das ist mir noch mit keinem meiner Stücke begegnet, außer mit diesem. Ich muß oft den Gedanken an das Reich der Schatten, die Götter Griechenland’s, die Würde der Frauen u. s. f. fliehen, auf die Elegie besinne ich mich immer mit Vergnügen, und mit keinem müßigen, sondern wirklich schöpferischen, denn sie bewegt meine Seele zum Hervorbringen und Bilden. Der gleichförmige und ziemlich allgemein gute Eindruck dieses Gedichts auf die ungleichsten Gemüther ist ein zweiter Beweis. Personen sogar, deren Phantasie in den Bildern, die darin vorzüglich herrschen, keine Uebung hat, wie z. B. meine Schwiegermutter, sind auf eine ganz überraschende Weise davon bewegt worden. Herder, Goethe, Meyer, die Kalb, hier in Jena Hederich, den Sie auch kennen, sind alle ganz gewöhnlich davon ergriffen worden. Rechne ich Sie und Körner und Ihre Frau dazu, so bringe ich eine beinahe vollständige Repräsentation des Publicums heraus. Ich glaube deßwegen, daß, wenn es in diesem Stücke an einem allgemeinem Beifall fehlt, bloß zufällige, selbst in den Personen, die es ungerührt läßt, zufällige Ursachen daran Schuld sind.

   Mein eigenes Dichtertalent hat sich, wie sie gewiß gefunden haben werden, in diesem Gedichte erweitert: noch in keinem ist der Gedanke selbst so poetisch gewesen und geblieben, in keinem hat das Gemüth so sehr als Eine Kraft gewirkt. Ich werde deßwegen noch alle mir mögliche Sorgfalt an die Vollendung desselben wenden, sondern auch auf Veranlassung derselben, eine noch größere Strenge dagegen ausüben, als Sie bewiesen haben.

   An dem Ganzen ist nichts mehr zu ändern, es sey denn, daß einige Theile faßlicher verbunden, Einiges besser unterscheiden würde. Ihr Einwurf gegen zu frühe Einführung der Landstraße in dem Gemälde ist nicht ungegründet; hier hat die Wirklichkeit der Idee vorgegriffen, die Landstraße war einmal in der Scene, die meiner Phantasie sich empirisch eingedrückt hatte. Es wird mir Mühe kosten, die Landstraße nachher einzuführen, und doch muß ich die sinnlichen Gegenstände, an denen der Gedanke fortläuft, so sehr als möglich zu Rathe zu halten suchen. Sie werden bemerkt haben, daß ich bis da, wo die Betrachtungen über die Corruption angehen, beinahe immer von einem äußern Object ausgehe. Bei der Corruption war es in der Natur der Sache, daß das Gemüth in sich selbst versinkt, und die Einbildungskraft die ganzen Kosten des Gemäldes trägt. ich gewann dadurch den großen Vortheil, daß nach einer so langen Zerstreuung, während der doch die Reise immer fortgeht, die Natur auf einmal als Wildniß dastehen kann. Vielleicht aber kann ich noch mehr, als ich gethan, aus der sinnlichen Anschauung nehmen, so daß alle Spur eines Plans verschwindet, indem die Wirkungen desselben noch fühlbar werden.

   Für den Versbau will ich noch so viel, als möglich, zu thun suchen. Ich bin hierin der roheste Empiriker, denn außer Moritz kleiner Schrift über Prosodie erinnere ich mich auch gar nichts, selbst nicht auf Schulen, darüber gelesen zu haben. Besonders sind mir die Hexameter und Pentameter, die mich nie genug interessirt hatten, ganz fremd in Rücksicht auf Theorie und Kritik. Wenn wir wieder beisammen sind, werden Sie mich in dieser Sache schon zurecht weisen. Indessen glaube ich doch, daß die Empirie zuweilen gegen die Regel recht hat, und daß dieses auch in diesem Gedicht manchmal der Fall war. So soll der Abschnitt, den Sie als ungewöhnlich tadeln, in mehreren der angeführten Verse eigentlich gar nicht gehört werden, weil dieses das Bild unterstützen hilft. In dem Vers, z. B.

„Frei, mit weithin verbreitetem Teppich empfängt mich die Wiese,“

drückt das Sylbenmaß selbst die Weite aus, auf der das Auge dahin geleitet un sich verliert. den Hexameter:

Siehe, da wimmeln von fröhlichem Leben etc.

soll man ohne Abschnitt lesen. Die wimmelnde Bewegung verstattet keinen Stillstand. Den Vers:

Theilst du mit | deiner | Flur

lesen Sie anders als ich. Sie lesen: mit d˘ein˘er, welches freilich hart klingt; freilich ist meine Scansionsart auf der andern Seite wieder schleppend. Herzlich gern hätte ich gerade herausgesagt:

Theilst du mit deinem Gespann,

wenn es nicht lächerlich gewesen wäre.

   Der Semi-Hexameter:

– – – – Doch nur der Ruhm ka˘m z˘urücke

klingt mir darum nicht hart, weil der starke Accent auf Ruhm das kam gar nicht aufkommen läßt. MIr kommt vor, als könnte man es nicht nur entschuldigen, sondern sogar gut heißen, daß um gewissen sylben, auf denen ein Verstandes-Accent liegt, eine größere prosodische Länge zu verschaffen, eine an sich nicht kurze Sylbe neben ihnen kurz gemacht wird; wenigstens muß das Ruhm in obigem Vers um so länger gelesen werden, je weniger das kam kurz seyn will, und dieß ist es gerade, was der Sinn verlangt.

   Unter den drei Hiatus, die Sie bemerken, kann ich Ihnen nur die zwei ersten einräumen.

Freude erfindet

ist in meinem Ohr keiner, weil das e in Freude ein stummes, das andere ein scharfes ist.

   Einige Bemerkungen über den Hexameter in den Literatur-Briefen, die ich kürzlich las, und sehr gedacht finde, sollen mir künftig auch zum Leitfaden bei meinen Arbeiten in dieser Gattung dienen.

   Ob die Composita Wohllaut, Weinstock, Bergmann, Widerhall, Oelbaum etc. als Trochäen und Daktylen gebraucht werden können, auch wenn ein Vocal darauf folgt, möchte zu bezweifeln seyn. Voß hat es sich niemals erlaubt, dafür ist Goethe desto freigiebiger damit gewesen.

   In den Versen:

– Rückkehr für euch
– Willkür vermischt –

kann es gar nicht entschuldigt werden.

   Ferner wird ein Rigorist schwerlich verzeihen

Des G˘esetzes Gespenst

so wie noch weniger

Der Nothwendigkeit heilige Macht;

in Natur und Schule. Goethe erlaubte sich dasselbe, sogar einmal: Es ist am Anfang eines Hexameters. Endlos (in der Elegie S.74.) das erstemal als Trochäus gebraucht, ist auch nicht wohl zu gestatten. Ich werde setzen:

Endlos unter mir seh’ ich etc.

   Daß der ganze Hexameter zwischen den beiden endlos eingeschlossen wird, macht hier, wo das Unendliche vorgestellt wird, keine üble Wirkung. Es ist selbst etwas Ewiges, da es in seinen Anfang zurückläuft.

   Auf die zu große Häufung der fatal klingenden Endsylbe

– en

haben mich die Literatur-Briefe aufmerksam gemacht. Ich werde desßwegen im eilften Distichon der Elegie, so wie im 24sten, 43sten und 48sten und andere zu helfen suchen.

   Denken Sie doch in einem müßigen Augenblicke darüber nach, was Sie im Versbau der Elegie noch etwa einem Streit unterworfen glauben. Da Sie zu blöde und schamhaft sind, selber mit der Muse Kinder zu zeugen, so adoptiren, oder erziehen Sie mir vielmehr die meinigen. Dafür sollen Sie auch die Vaterfreuden mit mir theilen.

   Den 30sten November. Ich komme nochmals auf die Elegie zurück.

   Mit der Elegie verglichen, ist das Reich der Schatten bloß ein Lehrgedicht, wäre der Inhalt des letztern so poetisch ausgeführt worden, wie der Inhalt der Elegie, so wäre es in gewissem Sinn ein Maximum gewesen.

   Sehen Sie, lieber Freund, und das will ich versuchen, sobald ich Muße bekomme, an den Almanach des nächsten Jahres zu denken. Ich will eine Idylle schreiben, wie ich hier eine Elegie schrieb. Alle meine poetischen Kräfte spannen sich zu dieser Energie noch an. Das Ideal der Schönheit objectiv zu individualisiren, und daraus eine Idylle in meinem Sinne zu bilden. Ich theile nämlich (wie Sie in meinen zwei neuesten Abhandlungen lesen werden) das ganze Feld der Poesie in die naive und in die sentimentalische. Die naive hat gar keine Unterarten (in Rücksicht auf die Empfindungsweise nämlich), die sentimentalische hat ihrer drei, Satyre, Elegie, Idylle. Ueberdenken Sie in diesen paar Tagen diese Idee, deren Deduction und Anwendung der Inhalt meiner beiden Aufsätze ist. In der sentimentalischen Dichtkunst (und aus dieser heraus kann ich nicht) ist die Idylle das höchste, aber auch das schwierigste Problem. Es wird nämlich aufgegeben, ohne Beihülfe des Pathos einen hohen, ja den höchsten poetischen Effect hervorzubringen. Mein Reich der Schatten enthält dazu nur die Regeln; ihre Befolgung in einem einzelnen Falle würde die Idylle, von der ich rede, erzeugen. ich habe ernstlich im Sinn, da fortzufahren, wo das Reich der Schatten aufhört, aber darstellend und nicht lehrend. Hercules ist in den Olymp eingetreten, hier endigt letzteres Gedicht.

   Die Vermählung des Hercules mit der Hebe würde der Inhalt meiner Idylle seyn. Ueber diesen Stoff hinaus gibt es keinen mehr für den Poeten, denn dieser darf die menschliche Natur nicht verlassen, und eben von diesem Uebertritt des Menschen in den Gott würde diese Idylle handeln. Die Hauptfiguren wären zwar schon Götter, aber durch Hercules kann ich sie noch an die Menschheit anknüpfen, und eine Bewegung in das Gemälde bringen. Gelänge mir dieses Unternehmen, so hoffte ich dadurch mit der sentimentalischen Poesie über die naive selbst triumphirt zu haben. Eine solche Idylle würde eigentlich das Gegenstück der ohne Komödie seyn, und sie auf einer Seite (in der Form) ganz nahe berühren, indem sie auf der andern und im Stoff das directe Gegentheil davon wäre. Die Komödie schließt nämlich gleichfalls alles Pathos aus, aber ihr Stoff ist die Wirklichkeit. Der Stoff dieser Idylle ist das Ideal. Dei Komödie ist dasjenige in der Satyre, was das Product quaestionis in der Idylle (diese als ein eigenes sentimentalisches Geschlecht betrachtet) seyn würde. Zeigte es sich, daß eine solche Behandlung der Idylle unausführbar wäre – daß sich das Ideal nicht individualisiren ließe – so würde die Komödie das höchste poetische Werk seyn, für welches ich sie immer gehalten habe – bis ich anfing an die Möglichkeit einer solchen Idylle zu glauben.

   Denken Sie sich aber den Genuß, lieber Freund, in einer poetischen Darstellung alles Sterbliche ausgelöscht, lauter Licht, lauter Freiheit, lauter Vermögen – keinen Schatten, keine Schranke, nichts von dem Allem mehr zu sehen. – Mir schwindelt ordentlich, wenn ich an diese Aufgabe – wenn ich an die Möglichkeit ihrer Auflösung denke. Eine Scene im Olymp darzustellen, welcher höchste aller Genüsse! Ich verzweifle nicht ganz daran, wenn mein Gemüth nur erst ganz frei und von allem Unrath der Wirklichkeit recht rein gewaschen ist; ich nehme dann meine ganze Kraft und den ganzen ätherischen Theil meiner Natur noch auf einmal zusammen, wenn er auch bei dieser Gelegenheit rein sollte aufgebraucht werden. Fragen Sie mich aber nach nichts. Ich habe bloß noch ganz schwankende Bilder davon, und nur hier und da einzelne Züge. Ein langes Studiren und Streben muß mich erst lehren, ob etwas Festes, Plastisches daraus werden kann.

   Noch was, das Reich der Schatten betreffend. Daß Sie mir neulich schrieben, auch in Berlin halte man dieses Gedicht allgemein für eine Darstellung des Todtenreichs, so bin ich auf den Gedanken gerathen, ob man nicht von diesen schiefen Auslegungen Veranlassung nehmen könnte, ein paar Worte, dieses Gedicht betreffend, Ins Publicum hinein zu sprechen. Nicht nur der Horen wegen, auch zu besserer Vorbereitung dessen, was noch theoretisch und praktisch sich künftig daran anreihen wird, wünschte ich daß der Inhalt dieses Gedichts dem Publikum könnte faßlich und wichtig gemacht werden. Vielleicht wäre es für Sie keine unangenehme Beschäftigung, in einem Aufsatz für Gentz etwas darüber zu sagen? Sie fingen damit an, sich über die currenten Auslegungen zu verwundern, und zögen dann die rechte Auslegung auf eine natürliche Art aus dem Gedichte selbst heraus. Es verstände sich, daß man bloß die Sache ruhig vortrüge, und alle Anpreisung, alles Panegyrische unterbliebe; nach meiner Idee müßte es ungefähr so geschrieben seyn, daß ein verständiger Leser sich nicht zu verwundern hätte, wenn er erführe, daß ich selbst der Verfasser sey. Es würde z. B. nichts schaden, wenn der Inhalt einer jeden Strophe ordentlich in vernehmlicher Prosa ausgesprochen würde. Ich selbst könnte dann von einer solchen „honneten“ Motion Veranlassung nehmen, in den Horen ein Wort über das Gedicht zu sagen. Ueberlegen Sie diesen Gedanken, lieber Freund, überlegen Sie aber auch zugleich, daß es ein bloßer Einfall ist, wenn Sie auch nur die geringste Abneigung dagegen verspüren sollten.

Abends den 30sten.              

   Eben erhalte ich die einzelnen abgedruckten Bogen vom Naiven, aber unglücklicher Weise hat Cotta den Bogen, wo der Anfang steht, mitzuschicken vergessen. Für Sie indeß ist das Uebrige vor der Hand genug, und ohnehin fehlt nichts von demjenigen, was sich auf den zweiten Aufsatz über die sentimentalischen Dichter bezieht. Ich sende Ihnen also sowohl diesen Aufsatz als jene Bogen, und wünsche beiden eine gute Aufnahme. Heut über acht Tage ist das eilfte Stück sicher in Ihren Händen. Jene Bogen können Sie behalten, aber das Manuscript senden Sie gelegentlich zurück.

   Haben Sie noch die Güte, mir Goethens neue Schriften, mit Ausschließung Meisters, bei Ungern auszunehmen, bloß auf ordinärem Papier, und broschirt an mich zu senden. Den Sie bestimmten 3ten Band Meister’s hat Goethe, weil Sie schon ein Exemplar hätten, wieder bei mir abholen lassen.

   Sie fragten mich neulich, ob Fichte an einem hier herauskommenden Magazin arbeite? Ich habe weder von dem Buche, noch von einem Antheil, den er daran hätte, gehört.

   Adieu, liebster Freund. Lolo grüßt Sie und die gute Caroline, so wie auch ich herzlich. Mein Brief ist dießmal lang geworden, weil ich mir dieser Tage eine Pause in der Arbeit gönnte, und dem Andenken an Sie mehr widmen konnte. Adieu!

Sch.              

      P. S.

   Noch eine Anfrage, lieber Freund. Ich bin dieser Tage über die lateinischen Poeten errathen, die ich, wo möglich diesen Winter meiner nächtlichen Romanenlecture substituiren werde. Mit Juvenal, der mich gerade jetzt am meisten interessirte, machte ich den Anfang, und ich muß sagen, mit unerwartet großem Genuß, so daß ich recht brenne, fortzufahren. Aber Manches, besonders von dem, was sicha uf das gemeien Leben und auf historische Züge bezieht, hält mich doch auf. Ich habe mein Latein mehr aus einer edleren Welt und zu wenig aus Schriften, die von dem gewöhnlichen Leben handeln, geschöpft, daher es zu einer solchen Lecture nicht recht zureichen will. Wissen Sie mir keine erträglichen französischen oder besser deutschen Uebersetzugnen von Juvenal, Persius und Plautus zu empfehlen? Denn gerade diese drei Herren machen mir fremden Beistand nöthig. Mit Martial wird mich Ramler schon bekannt machen, so wie Wieland mit den Horazischen Epsiteln.

   Was meinen Sie, Lieber? Kann ich jetzt wohl etwas Besseres thun, als mich (da mir fast aller Zufluß von Ideen durch Lecture neuerer Schriften, wozu ich schlechterdings keine Neigung habe, und durch einen geistreichen Umgang vor der Hand abgeschnitten ist, und ich zugleich meinem Geiste die rechte Disposition zum poetischen Empfangen und Bilden geben muß) mit der ruhigen Vernunft und der schönen Natur der Alten zu umgeben, und im eigentlichen Sinn unter diesen Leuten zu leben? Das ist mein ernstlicher Vorsatz, und um ihn auszuführen, habe ich nunmehr auch allen speculativen Arbeiten und Lesereien (obgleich mir darin noch so viel zu thun übrig wäre) auf unbestimmte Zeit entsagt. Was ich lese, soll aus der alten Welt, was ich arbeite, soll Darstellung seyn.

Ü   Þ

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